ZlnttthaltungMatt des Vorwärts Nr. 119. Donnerstag, den 22. Juni. 1905 Machdrtul verboten.) 39] flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. Als er nach einer Weile aufschaute, hatte das grelle Licht einen milden, rosigen Ton angenommen, der den Augen wohl- tat. Die schwarzgrünen Tannenwände, die zerklüfteten Felsen, die gequollenen Wolkenkissen am Himmelsrand waren davon überhaucht. Und vor Grabaus staunenden Augen begann nun das Schauspiel des Sonnenuntergangs, ein immer feurigeres Leuchten und Flammen, worin Waldwände, Felsen und der halbe Himmel zerschmolzen. Es war wie ein ungeheures Fieber, das über dem Antlitz der Erde glühte und seine Ireudcnfackel auch in dem Wanderer entzündete. Dann während von irgendwoher eisige Schauer seinen Rücken streiften, begann das Feuer zu verglimmen. In die Ströme von Scharlach und Purpur mischten sich bläuliche und violette Todesfarben. Heimliche Angst und leises Frösteln begleiteten dies allmähliche Entfärben, dies sachte Sterben. Und danach wurde es grau und dunket-... grau, dunkel und leer wie nach jedem heißen Gefühl. Doch über ein Weilchen kam etwas noch Schöneres: die Nacht mit ihrem Silbcrschimmern und Flimmern bis in letzte Himmelssernen, mit ihrem Würzgeruch, ihrer milden Kühle, mit der tiefen, tiefen Stille, die das Knirschen der Räder und dann und wann ein ein halblautes Wort der beiden hinter dem Wagen nur noch fühlbarer machten. Und Grabaus schritt dahin, weder ungeduldig noch furchtsam, sondern von diesem nächtlichen Frieden gleichsam zu den Sternen entrückt. Da, eine letzte Steigung: dicht vor ihm stand das kleine Badhaus mit seiner hell erleuchteten Veranda. Während sein Geist aus weiten Himmelsräumen zurückhaftete, vernahm er die wohlbekannte Stimme des Majors— und mit einemmal war er ganz bei sich selbst. Im Eingang unter der Hotellampe wartete Marie Luise, die dem Ankommenden ihre Hand ent- gegenstrcckte. Er trat auf sie zu, aus dem Dunkel ins Helle, geblendet, unfähig, ein Wort zu sagen, und als er ihre Hand hielt, schlugen heiße und stürmische Wellen über ihm zu- sammen. Nun eilte auch Wolf herbei, der seiner Schwester einen Kuß gab, und der Major sagte: „Siehst Du, Kind, der Wagen ist nicht abgestürzt, die Stränge sind nicht zerrissen. Pünktlich auf die Minute sind sie angekommen." „Hast Du denn das gefürchtet?" fragte Wolf. „Nur weil ich mich zu sehr freute," sagte Marie Luise. „Nur weil ich mich zu sehr freute," erwiderte Marie Luise. Als die beiden nun nach einigen Augenblicken an den Wagen traten, um ihr kleines Gepäck herauszunehmen, ge- wahrten sie auch den Botaniker, der bescheiden auf der Straße stehen geblieben war. Sie luden ihn ein, doch hereinzukommen, es würde schon noch ein Bett aufzutreiben sein, aber er ließ sich nicht halten. Nachdem er sich für die Fahrt bedankt und Wolf seine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, zog er mit seiner lächerlichen Reisetasche über der linken und der un- geheuren Pslanzenpresse über der rechten Schulter vergnügt wie ein junger Bräutigam die Straße weiter, die zu den dunkel dämmernden Bergen hinanführte. Er war schon verschwum den, während die beiden ihm noch mehrmals„Auf Wiedev sehen! Auf Wiedersehen!" nachriefen. Nachdem sie sich dann auf ihren Zimmern, die schmal, weiß gekalkt, kahl und ein wenig feucht, Klosterzellen sehr ähnlich waren, schnell gewaschen hatten, trafen sich alle wieder auf der Veranda. Sie saßen um ein rundes Tischchen, auf dem das Porzellan kaum Platz hatte. Die übrige Hotelgesell- schaft war im Speisesaal nebenan versammelt. Der Major machte einen aufrichtig glücklichen Eindruck. Er freute sich still am Glück der anderen. Wolf war begeistert und hungrig. Zuerst erklärte er, nichts essen zu können. Keinen Bissen! Er wäre satt vom Sehen. Er sprach von den Bergen, vom Sonnenuntergang. Und da er die rechten Worte nicht fand, schüttelte er den Kopf, als sollten sie dadurch herausfallen. „Unerhört!— Nein, wirklich, Life, unerhört! Man möchte — irgend was ganz Kolossales niöchte man tun. Ich glaube, es könnte einer todkrank sein, wenn er das sähe, würde er das Sterben vergessen." „Aber Du mußt doch was essen. Junge," sagte seine Schwester und legte ihm ein Stück Fleisch auf den Teller. „Ich kann nicht, Life,— wahrhaftig nicht.— Höchstens trinken-- Gott, und dieser Wein kostet vierzig Kreuzer das Liter." Aber mit dem ersten Bissen, den er gegessen, schienen seine Kräfte zu wachsen, und bald verstummte er gänzlich. Nun sprach Marie Luise fast allein. Sie fragte Grabaus nach Frau und Kindern, erzählte von dem Leben hier im Hotel, beschrieb mehrere besonders komische Gäste. Sie sprach voll erregter Freude, heiter, witzig, daß alle vor Vergnügen lachten. Als ihr Mann sie mahnte, sich zu schonen, damit sie nicht heiser würde, sagte sie:„Ach quitschiquatschi, heute werd ich nicht heiser."- Ihre leicht gebräunten Wangen glühten, das Blau ihrer Augensterne schwamm auf glänzendem Grund. Immer und immer mußte Grabaus sie anstaunen. Pfeilscharf schössen die Eindrücke in sein gespanntes Herz. Wie gut der steirische Hut ihr stand mit der zitternden Flaumfeder, das straffe Jäckchen über der getüpfelten Seidenbluse. Wie sie blühte! Als hätte sie nie gelitten, als käme sie eben von sonnigen Almen herunter. Wie schön, wie schön so ganz anders, als er sie verlassen. Eine unsinnige, unfaßbare Freude ergriff ihn, vier lange Wochen mit ihr verleben zu dürfen. Ebenso fröhlich zu sein wie sie.... Aber als sie dann plötzlich leicht hüstelte und heimlich, doch von ihm bemerkt. etmoS in den Mund nahm, irgend ein Hustenmittel, fluteten dunkle Furcht» Vorstellungen über ihn herein. Die Table dchote war beendigt. Einige Gäste waren auf die Veranda gekommen. Es fanden Begrüßungen statt. Als die vier wieder unter sich waren, war die Stimmung ruhiger geworden. Marie Luise hatte einen Schal umgetan. Ein leises Feuer inneren Glückes schien in ihr zu glühen, während sie mit stillem Lächeln Grabaus ansah. Und was vorhin wie glänzendes Gefunkel auf dahinsprühenden Kaskaden ge- schimmert hatte, leuchtete nun tiefer und eindringliche? aus ihrem ruhigen, verklärten Antlitz. Schlag zehn ging sie zu Bett. Nachdem der Major, der sie hinaufgebracht hatte, zurückgekehrt war, nahmen die drei wieder Platz. Schweigend saßen sie, und ihr Sinnen be- schäftigte sich mit der Fortgegangenen. Alles kann noch gut werden, dachte der Major. Jetzt, wo er gesunder war. fühlte er sich auch mutiger und schenkte freudiger den Worten Marie Luisens Glauben: daß ihr Glück, ihrer Seele dauernder Frieden bei ihm sei.... Grabaus hatte den Kopf aufgestützt. und wie er so den Major ansah, stieg mit aller Macht eines. plötzlich lebendig werdenden Gefühls ihm das Bewußtsein auf, daß er diesen Mann liebte und verehrte wie kaum einen Men- schen auf der Welt, der doch das Hindernis seines Glücks war. Warum? Er sah die schwerfällige und schon welke Hand, das schneeweiße Haar, auch der Schnurrbart war jetzt ergraut— und wieder ergriff ihn der Gedanke: ihr Vater, nicht ihr Mann. Wäre es unrecht, ihn zu bitten:„gib sie mir?"... Wenn wir Menschen natürlichen Empfindungen folgten, statt törichten Satzungen, dann würde ich ihm nichts rauben, dachte er, hörte aber zugleich eine raunende Gegenstimme: glaub ihm nicht!... Ich werde tun, was sie will— was für sie gut ist, beschloß er. Und dabei fühlte er Ruhe. Wolf aber hatte sich zurückgelehnt. Und während noch seiner Schwester fröhliches Lachen in ihm nachklang, erinnerte er sich der schrecklichen Stunde von damals und dachte zugleich: welch ein Wahnsinn meine Furcht! Was sie tut, muß ja gut sein. Mit der Leucht- kraft seiner jungen Seele, die alles Dunkel in Helles der- wandelte, gab er sich ganz der Freude hin, diese beiden ihm so lieben Menschen wieder vereint zu sehen, und sagte: „Wer hätte das wohl vor einem Vierteljahr gedacht, daß wir hier so vergnügt und gesund zusammensitzen würden!" „Ja— das hätte man freilich nicht denken können," er- widerte der Major und wandte sich dann an Grabaus:„Wie finden Sie meine Frau?" „Ich finde, sie hat sich sehr erholt." „Ach, sie sieht überhaupt viel wohler aus als vor rhrer ' Krankheit," sagte Wolf enthusiastisch.„Was für runde Backen — 474— sie bekommen hat und so gute Farben! Von ihrem Lungen- katarrh ist doch nichts mehr übrig?" „So schnell verheilt der doch nicht! Aber gebessert hat sie sich wirklich. Zuerst wollte es gar nicht recht gehen; da war sie von einer beängstigenden Ruhelosigkeit, daß ich schon glaubte, die Lage hier wäre ihr zu hoch. Aber seit vierzehn Tagen ist eine entschiedene Wendung eingetreten. Freilich schonen muß sie sich noch immer und— vor allem Aufregungen vermeiden." Grabaus sah auf. Wie mit leisem Finger pochte dies Wort ihm ans Herz, das sich vornahm, es nie zu vergessen. Aufmerksam blickte er den Major an, der fortfuhr: „Aber es freut mich, daß Ihr da seid, denn Ihr habt ihr doch sehr gefehlt. Unter all den Fremden fühlte sie sich manch- mal recht einsam." „Aber zu Melancholie neigt sie doch jetzt nicht mehr?" fragte Wolf. „Gottlob, längst nicht mehr so wie damals. Nur ist ihre Fröhlichkeit nicht gerade robuster Natur. Ja, das ist merk- würdig, wie viel Gäste mir schon von ihr gesagt haben:�,Jhre sonnige Frau!" Aber sie ist eine Natur, die auch viel Sonne nötig hat. Ueberhaupt, wie die Menschen sich eigentlich in ihr täuschen. Alle schließen sich so fabelhaft leicht an sie an. Was hat man ihr hier nicht schon alles für Herzens- und Familien- geheimnisse anvertraut! Aber sie öffnet sich eigentlich nur ganz wenigen Menschen, mit denen sie lange vertraut ist. Deshalb freut es mich, daß Ihr gekommen seid, denn dadurch hat sie doch ein Stückchen Heimat mehr um sich." Wolf erhob sein Glas: „Weißt Du, Bernhard, wir wollen mal auf ihr Wohl trinken! Nicht wahr, Heinrich? Daß sie hier ganz gesund wird und eine recht, recht glückliche Zeit hier verlebt." „Das wollen wir, mein Junge." „Denn ihr Glück ist ja unser aller Glück," sagte Grab- aus leise. Der Major schenkte ein und sie stießen an. Aber ehe sie tranken, zögerte jeder noch ein wenig und formte aus treusorgender Liebe einen inbrünstigen Wunsch. Gesundheit wünschte ihr Wolf, Gesundheit und Frieden der Seele ihr Mann, Grabaus aber dachte mit aller Kraft seines Herzens: Nicht mein Glück, sondern Deines! Dann tranken sie und fühlten sich alle ernst und feierlich gestimmt, aber auch hoff- nungsvoll und froh, von einem Gefühl gehoben, als hätten sie nun Marie Luifens Schicksal aus aller Not errettet und ihr Glück gewissermaßen besiegelt. Marie Luife aber lag in diesem Augenblick noch wach in ihrem Bett. Halb aufgerichtet starrte sie mit übergroßen Augen in das kleine Licht der Stearinkerze. Endlos ver- schlungen und verworren war der immer schnellere Flug ihrer Gedanken gewesen, die wie Nachtvögel um eine Flamme um das eine gekreist und von dem einen wieder ins Dunkel fort- gejagt waren. Endlich aber wie ein letztes Nein auf flehcnt- liche Bitten schüttelte sie stumm das Haupt, richtete sich höher und dann, während ein jähes Erschrecken über ihre erschöpften Züge fchauerte und ihre Augen wie unter einem körperlichen Schmerz sich hastig hintereinander schlössen und öffneten, löschte sie das Licht aus. *** Die Tage, die nun kamen, waren für Grabaus wohl die schönsten feines Lebens. Fröhlich und leicht wie die klaren Bergwässer eilte sein Blut den vorgeschriebenen Lauf, ein makellofer Himmel blaute über seiner Seele, darin kühne, hoffnungsreiche Gebilde wuchsen, die ein Abdruck zu fein schienen der Gebirgswclt vor seinen Augen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend waren die vier im Freien. Sie speisten nicht mit der übrigen Gesell- schaft in dem niedrigen, dumpfen Saal, sondern auf der Veranda, wo sie auch abends noch saßen, Marie Luise ein- gehüllt in einen wärmenden Lodenmantel, und ihnen die Stunden verflogen, schweigend oder in traulichem Gespräch, während das dumpfe Rauschen des Frötschbaches unter ihnen und die silberfunkelnden Sterne über ihnen ihre Seelen zu einer dunkelhellen, ahnungsvoll fröhlichen Harmonie stimmten. An jedem Morgen aber unternahmen sie herrliche Spaziergänge. Schier unerschöpflich war der Reichtum der Wege und der wechselnden Bilder. Der Major hatte feine aus frühester Jugend herrührenden geologischen Studien mit neu erwachtem Eifer wieder aufgenommen und war ein großer Mineralsammler geworden. Wolf aber betrieb mit dem ganzen Feuer des frisch entfachten Jnteresies botanische Studien. Der bucklige Schwede hatte es ihm angetan. Zuerst hatte er ihn Kje er den anderen erzählte— für einen höchst verdächtigen, unsympathischen Gesellen gehalten, dann ihn wegen seiner ab» schreckenden Häßlichkeit bemitleiden müssen, sein endgülftger Eindruck aber war gewesen, daß er einer der glücklichsten und zufriedensten Menschen sei.„Denn,"— meinte Wolf—„die Natur betrügt einen nie. Enttäuscht kann nur werden, wer sein Wohl und Wehe von den Menschen abhängig macht." Als er nun in der Büchersammlung des Hotels eine Be- schreibung der alpinen Pflanzenwelt entdeckte, führte er diese immer mit sich und stellte den Blumen nicht weniger nach als der Major den Mineralien. Und es dauerte nicht lange, da entspann sich zwischen dem Verehrer der anorganischen und dem der organischen Welt ein förmlicher Wettstreit. Wenn der Major von den erstaunenden Veränderungen schwärmte, die unser Planet im Laufe ungezählter Jahrmillionen durch- gemacht hatte, wenn der Fund eines versteinerten Haifisch- zahnes, der bewies, daß über diesen zum Himmel ragenden Zacken und Zinnen einst das Meer gerauscht hatte, ihm Aus- drücke andächtiger Bewunderung entlockte, so ereiferte sich Wolf leidenschaftlich für den künstlerischen Schönheitssinn der Natur, die auch an ihren winzigsten Schöpfungen so viel Farbenpracht verschwendete und in der unscheinbaren Blüte ein reizvolles ornamentales Gebilde erkennen ließ. Marie Luise und Grabaus aber teilten ihre Sympathie unparteiisch zwischen beide, folgten bald den Spuren des Majors in die Felsgrllnde und freuten sich über jedes Stückchen Kristall, das sie loshackten, um sich dann willig von Wolf herbeilocken zu lassen, der wie eine Gemse die steilsten Hänge hinaufgeklettert war und ein kaum sichtbares Pflänzchen hochhaltend mit Triumphgeschrei dessen hochtrabenden lateinischen Namen verkündete. (Fortsetzung folgt.) �aknpflege. (Nachdruck verboten.) Durch die gesamte Medizin der neuen Zeit geht ein starkes Be- streben, nicht nur die schon vorhandenen Krankheiten zu heilen, sondern hauptsächlich dem Ausbruch der Krankheit vorzubeugen. Wir sehen diese Absicht fast in all den Einrichtungen, die wir„Hygiene" nennen. Seien das nun Wasseranlagen, Anpflanzungen auf freien Plätzen, oder sei es die Schutzpockenimpfung, die uns seit Jahr- zehnten vor der schrecklichen Seuche bewahrt hat, überall zeigt sich die Absicht, die Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn es nun bei diesen Vorsichtsmaßregeln vieler Menschen bedarf, die gemeinsam eine Wohlfahrtseinrichtung ins Werk setzen. so gibt es doch recht viele Dinge, bei denen sich der einzelne durch Vorbeugen viele Schmerzen ersparen kann. Ein Gebiet, bei dem das rechtzeitige Aufpassen einen ganz sicheren Erfolg verspricht, ist die Zahnpflege. Man darf wohl be- haupten, daß in öS von 100 Fällen die Schmerzen und das Ziehen der Zähne zu vermeiden sind, toenn frühzeitig Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden. Nun ist ja heute schon in weiteste Kreise der Be- griff von der Notwendigkeit der Zahnpflege eingedrungen. Jeder Mensch, der einigermaßen auf sich hält, benutzt wohl irgend ein Mittel, um sich täglich die Zähne zu reinigen. Ja aber, wenn wir die größte Sauberkeit beobachten, und die Zähne werden doch schlecht, woran liegt das? Es genügt eben nicht, sich die Zähne nur zu bürsten; wer von der Natur so feste, widerstandsfähige Kauwerkzeuge erhalten hat, daß sie ohne jede Pflege niemals eine schwarze Stelle bekommen, der kommt so aus und mag froh darüber sein. Die meisten Menschen haben aber diese schwarzen Stellen, die immer anzeigen, daß etwas nicht in Ordnung ist, lange bevor Schmerzen auftreten. Es ist dann Zeit, durch Plombieren den Schmerzen und dem Verlust des Zahnes vorzubeugen. Wenn man diese Notwendigkeit auch einsieht, sich oft genug vornimmt, nun endlich alles in Ordnung bringen zu lassen, so kommen doch die verschiedenen Tagespflichten, man verschiebt den Gang zum Zahnarzt wieder. Ich möchte heute auf drei Abschnitte im Leben aufmerksam machen, bei denen ein Vorbeugen von dem allergünstigsten Einfluß ist, ja meistens geradezu entscheidet, ob ein Mensch„gute" oder„schlechte" Zähne hat. Der erste bleibende Backenzahn. Das Kind hat ein Gebiß von 20 Zähnen, je 5 in jeder Hälfte des Ober- und Unterkiefers. Diese 6 sind 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Backenzähne. Mit dem 6. bis 7. Lebensjahre beginnt das Kind zu„schichten", es verliert die Milchzähne, an deren Stelle die bleibenden treten». Meistens noch bevor die ersten Vorderzähne gewechselt werden, bricht hinter den zwei Backenzähnen ein dritter hervor. Dieser dritte Backenzahn, der im 6. Jahre erscheint, ist ein bleibender. Es ist nun äußerst wichtig, daß dieser Zahn er- halten bleibt, wenigstens so lange bis alle die Milchzähne gewechselt find. Wird er früher herausgezogen, dann kann sich der Kieferbogen nicht in gehöriger Weise entwickeln, die Zähne des Ober- und Unter- kiefers beißen nicht in richtiger Weise aufeinander; es entsteht dann eine häßliche Stellung der Zähne, die besonders bei jungen Mädchen entstellend wirken kann. Es ist also notwendig, daß dieser Zahn wenigstens bis zum 12. bis 14. Jahr erhalten bleibt. Me meisten Mütter halten diesen Zahn noch für einen Milch- zahn und trösten sich, wenn er schlecht wird, bannt, daß ja noch ein bleibender komme. Dies ist also nicht der Fall. Es ist daher ein« dem ganzen späteren Gebiß zugute kommende Vorsichtsmaßregel, wenn die Mutter die Zähne ihres Kindes, das zur Schule kommt, einmal darauf hin ansieht, ob der erste bleibende Backzahn schon durchgebrochen ist oder gar schon ein Loch zeigt. Am besten wird die Untersuchung von einem Zahnarzt vorgenommen. Der Zahn muß dann sofort plombiert werden. Das früh- zeitige Plombieren, das ganz schmerzlos ist, hat auch noch den Vor- teil, daß die Kinder gar keine Angst vor dem Plombieren bekommen, sondern willig zum Zahnarzt gehen. Treten erst von selbst Schmerzen au, so geht das Füllen auch nicht ohne„Wehtun" ab. Vor der Verheiratung. Es ist üblich, daß ein Brautpaar vor der Hochzeit alles mög- lichst gut und vollständig in Stand setzt. Garderobe, Möbel, Wäsche, alles wird entweder neu oder doch so gut hergerichtet, wie man es kann. An diesem Zeitpunkt ist es nun auch eine Pflicht des Braut- Paares gegen sich selbst, den Mund in Ordnung bringen zu lasten, so gut«s irgend geht. Wenn der gefürchtete Gang immer wieder aufgeschoben worden, so muß man sich jetzt ein Herz fasten und mög- lichst alle schlechten Wurzeln entfernen, alle schadhaften Stellen aus- füllen lasten. Besonders die Braut sollte daran denken, daß sie als zukünftige Mutter sich viele Schmerzen erspart, wenn sie mit gesunden Zähnen in die Ehe geht. Während der Schwangerschaft werden alle Organe der Mutter für das Kind in Anspruch genommen. Der sonst dem Körper innewohnende Selbstschutz wird herabgesetzt. Daher kommt es, daß verhältnismäßig kleine Schäden an den Zähnen in dieser Zeit rapide wachsen. Wie oft hört man die Klage: die Kinder haben mich die Zähne gekostet. Hier tut die Vorbeugung wahre Wunder. Bei einem vor der Ehe vollständig in Stand gesetzten Mund zeigt sich meist nach der Geburt eines Kindes nicht der geringste Schaden. Wer also vor der Hochzeit steht, setze gleich zu den Ausgaben für die neue Ein- richtung eine Summe für seine Zähne aus; das Kapital trägt gute Zinsen, da es Schmcrzlosigkeit und zum Kauen tüchtige Zähne meistens auf Jahre hinaus sichert. Zahnstein. Kurz hinter der Innenwand der vorderen, unteren Schneide- zähne, also am Mundboden, münden die Ausführungsgänge der unteren Speicheldrüsen. Die oberen Speicheldrüsen haben einen Ausführungsgang an der Lippenseite der Zähne, und zwar etwa an der Stelle des zweiten großen Backenzahnes. Der Speichel, der sich nun fortwährend aus den Oeffnungen ergießt, enthält bei vielen Menschen einen Ueberschuß an Kalksalzen, die sich leicht in Form eines Niederschlages absetzen. Dieser Niederschlag bildet nun, indem er sich mit Schüppchen aus der Mundschleimhaut, auch wohl kleinsten Speiseresten verbindet, den bekannten Zahnstein oder Weinstein, wie er oft genannt wird. An den genannten Stellen, also der Innenfläche der unteren, mittleren Schneidezähne und der Außen- feite des zweiten Backenzahnes wird fast Jeder Zahnstein finden. Irgend ein Mittel, diesen Ansatz zu verhindern, außer eiftigem Bürsten nach jeder Mahlzeit, gibt es nicht. Besonders möchte ich hier vor der oft verwendeten Salzsäure warnen. Der Zahnstein wird freilich entfernt, aber gleichzeitig werden die Zähne ruiniert; der Zahnschmelz wird zerstört, und mit Salzsäure behandelte Zähne gehen bald zugrunde. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, daß sich Zahnstein-Nieder- schlage meist bei Menschen, die das 30. bis 40. Lebensjahr über- schritten haben, stärker zeigen, als bei Kindern und jüngeren Leuten. Wir finden manchmal die Zahne gleichsam in Zahnstein eingebettet. Meistens schlägt sich dann auch der Niederschlag auf anderen Stellen nieder als den vorher besprochenen. Nun ist die Zahnsteinansamm- lung auch nicht mehr so harmlos. Der Zahnfleischrand ist meist ge- rötet und blutet leicht, die Zähne sehen aus, als ob sie länger ge- worden wären. Wird jetzt noch nichts getan, so kann es kommen, daß das Zahnfleisch ganz locker wird, und, wenn man darauf drückt, ein kleines Tröpfchen Eiter am Zahnfleischrand hervorquillt. Bald werden die Zähne locker und fallen nun, ohne daß sie sonst krattf wären, aus. Prof. Miller von der Berliner Universität schreibt von dieser Krankheit, daß ihr, nächst der Zahnfäule, die meisten Zähne zum Opfer fallen. Der Zahnstein muß, sobald sich die Röte des Zahnfleischrandes bemerkbar macht, sofort entfernt werden. Sind die Zähne erst gelockert, dann gelingt es sehr selten, sie wieder fest zu machen. Die aufgelagerten Massen müssen von einem Fach- mann abgeschabt oder abgestoßen, die Zähne gründlich gereinigt werden. Diese kleine Prozedur verhindert, wenn sie rechtzeitig gemacht wird, meist das Ausfallen von ganzen Reihen von Zähnen. Wird sie unterlassen, kann man manchmal 5, 6 Zähne und noch mehr mit der Hand entfernen, so locker sind sie geworden. Wenn hier besonders auf drei Momente in der Zahnpflege hin- gewiesen ist, die all den Säumigen, die aus Furcht oder sonst einem Grunde*) nichts für ihre Zähne getan haben, ein energisches: Pafi aufl zurufen, so soll damit nicht etwa gesagt werden, daß man fiw zu anderer Zeit nitfjt so sehr um seinen Mund zu kümmern brauch'. Ein energisches Saubern morgens und abends und ein wenigstens jährlich vorzunehmendes Plombieren aller schadhaften Stellen, das ist der Weg, seine Zähne bis ins Alter zum Kauen tüchtig zu erhalten.— GertrudRswald. Kleines Feuilleton. go. Welcher ist der Narr? Aus Angers wird dem„Figaro" berichtet: In einer Gemeinde bei Cholet beauftragte der Maire den Feldhüter und einen Bäcker, das wahnsinnige Gemeindemitglied Legrand in das Irrenhaus St. Gemös bei Angers zu führen. Unterwegs bemerkte der Feldhüter, daß Legrand just an diesem Tage sehr vernünftig war und es schwer fallen würde, ihn gutwillig zum Eintritt in das Irrenhaus zu bewegen. Man beschloß daher, den Irren betrunken zu machen, und unsere drei Helden führten in einer Schenke in Angers eine kleine Orgie auf. Legrand war bald stark berauscht, aber seine beiden Wächter noch mehr, and als das Trio in der Irrenanstalt erschien, konnte der Direktor aus den Reben der drei Betrunkenen nicht klar werden. Er telegraphierte daher an den Maire der Gemeinde kurz:„Welcher ist der Narr von den Dreien?" Der Maire antwortete: „L e g r a n d." Der Telegraphist aber übertrug:„L e g r a n d" (her Große). Der Direktor ließ nun die drei Männer messen und ließ den Feldhüter kurzerhand als den größten von ihnen in die Zwangsjacke stecken. Vergebens schrie dieser:„Ich bin ja gar nicht der Narr, ich bin der Feldhüter I" Je mehr er sich aber wehrte, um so überzeugter war man von seinem Wahnsinn. Der Irrtum wurde erst drei Tage später enthüllt, als der wahnsinnige Legrand bei der Frau des Feldhüters eintrat und ihr sagte:„Ich wußte nicht, daß Dein Mann wahnsinnig ist, aber ich habe ihn selbst in die Irren» anstalt geführt."— ss. Die Erforschung der Wüste. Das Carnegie-Jnstitut in Washington hat neben anderen wissenschaftlichen Unternehmungen auch eine ganz eigenartige Gründung vorgenommen, nämlich die Schaffung eines ständigen Wüstenlaboratoriums, das die Erforschung der Wüste nach all ihren Eigenschaften in einer bisher nicht erreichten Weise in die Hand nehmen und fördern soll. Wesentlich wird eS allerdings auf die Untersuchung der Pflanzenwelt ankommen, die unter dem Einfluß des Klimas und des Bodens der Wüste besondere ormen annimmt. Als Platz für das Wüstenlaboratorium ist eine ertlichkeit in der mexikanischen Provinz Sonora in mäßiger Ent» fernung von einer Eisenbahnstation ausgewählt worden. Die ersten Arbeiten, die von zwei hervorragenden Botanikern dort unternommen wurden, sind jetzt veröffentlicht worden und bringen mancherlei neue Aufklärung über das sonderbare Pflanzenleben in der Wüste. Bekannt war bereits die Tatsache, daß die Pflanzen in der Wüste sich durch Wasser- ansammlung in ihren Geweben gegen die Austrocknung schützen. ES gibt Landstriche auf der Erde, in denen es Wochen und Monate lang nicht regnet, die Gewächse müssen deshalb darauf bedacht sein, den ihnen durch einen Regenfall gelieferten Wasservorrat festzuhalten und sparsam zu verbrauchen. Sie würden damit allein aber nicht zum Ziel kommen, wenn nicht bei ihnen die Mittel zur Aufnahme des Wassers noch in besonderem Grade verstärkt und vervollkommnet wären. Zu den dadurch besonders beeinflußten Organen gehören selbstverständlich die Wurzeln. In der kalifornischen Wüste kommt ein Kaktus der gewöhnlichen Gattung Opuntia vor, der über der Erde knapp Ve Meter Höhe erreicht, dagegen unter der Erde Wurzeln besitzt, die sich über einen Bereich von etwa ö'/z Meter Durchmesser ausdehnen und ziemlich dicht unter der Erb- oberfläche hinlaufen. Daraus ergibt sich für die Pflanzen die Möglichkeit, eine sehr große Menge von Regen- Wasser mit ihren Wurzeln aufzunehmen, ehe es im Wüsten- boden wieder verdunstet. Mitunter muß der so aufgespeicherte Wasservorrat für ein ganzes Jahr ausreichen, um die Pflanzen bei fortgesetzter Dürre am Leben zu erhalten. Außerdem sind die Wüstenpflanzen mit Schutzmitteln gegen die Verdunstung ihrer Säfte ausgestattet. Die Pflanzen atmen gewissermaßen mit den Blättern, d. h. sie scheiden im Anschluß an einen weitergehenden Gasaustausch Wasserdampf aus. Aus diesem Grunde haben die Wüstenpflanzen überhaupt keine echten Blätter, wie es jeder von den Kakteen weiß, und infolgedessen ist die der Verdunstung ausgesetzte Oberfläche der Pflanzen' wesentlich verkleinert, abgesehen davon, daß sie auch noch durch die bekannte lederartige Haut geschützt ist. Die Tiere in der Wüste müssen gleichfalls Durst ertragen können. Die Reisen von Sven Hedin in der großen innerasiatischen Wüste Takla- makan und verschiedener anderer Forscher im Innern von Australien haben bewiesen, daß die Kamele z. B. bis zu 12 Tagen ohne einen Tropfen Wasser durchhalten können. Die Merinoschafe in der Wüste von Arizona bringen es gar auf 40 oder«0 Tage ununterbrochenen Durstens. Die Springmäuse scheinen sonderbarerweise des Wassers überhaupt nicht zu bedürfen, denn man hat sie Monate und sogar *) Ich möchte hier darauf aufmerksam machen, daß heute fast alle Krankenkassen, eingedenk der großen Bedeutung, die das Gebig für den ganzen Organismus hat, das Plombieren der Zähne b&. zahlen. mehrere Jahre lang gefangen gehalten, ohne ihnen etwas anderes als Getreidekörner zu geben, die allerdings zu etwas mehr als einem Zehntel ihres Gewichts aus Wasier bestehen, Uebrigens benutzen manche Tiere und erst recht der Mensch in der Wüste die Pflanzen vorzugsweise als Durststiller, Die wilden Esel in den südamerikanischen Wüsten schlagen mit ihren Hufen die starken Dornen der Kakteen ab und saugen dann den erfrischenden Saft aus ihnen heraus. Die Indianer schneiden ein hutförmiges Stück von der Spitze eines Kaktus ab und röhren das stark mit Wasser durchsetzte Fleisch in der Pflanze wie in einem Topf um, um es dann mit der Hand herauszuschöpfen. Eine einzige Pflanze liefert dabei oft nicht weniger als drei Liter Saft.— u. Ozoneiuatmung. Wohl jeder Mensch hat schon empfunden, daß die Lust nach einem Gewitter besonders erfrischend und an- genehm ist. Nun wissen viele, daß beim Gewitter, wie bei jedem in der athmosphärischen Luft sich abspielenden elektrischen Vor- gang Ozon entsteht, d. h. reiner Sauerstoff, dessen kleinste Teile, die Moleküle, anders aufgebaut find als beim gewöhnlichen Sauerstoff; darum meint vielleicht mancher, daß, wenn er direkt den bei einem elek- trischen Apparat entstehendenOzonvorrateinatmet, dies noch erftischender und angenehmer sein müßte als die Lust nach einem Gewitter, Das ist ganz unrichtig, Ozon riecht zunächst direkt unangenehm, ist also von der schönen Luft nach dem Gewitter ganz verschieden. Außer- dem hat fich gezeigt, daß Ozon ein wirkliches Gift ist, eS ätzt die Lungen geradezu an. Allerdings wirkt eS so nicht nur auf die Lungen, sondern auf alle organischen Stoffe, die es trifft, also auch auf die in der Lust, und indem es diese anätzt, zerstört es sie, reinigt die Lust von ihnen und ruft so nur indirekt die köstliche Reinheit hervor, die wir nach einem Gewitter an der Luft bewundern.— hr. Dir Gefahren des Ohrlochstichcs. Die Sitte des Ohrringe- tragens stellt einen Ueberrest alter Barbarei und alten Aberglaubens dar. Abergläubische Vorstellungen haben sich bis auf den heutigen Tag mit dieser Sitte verbunden, insofern das Tragen von Ohr- ringen bei Männern darin seinen Grund hat, daß man in denselben ein Mittel zur Abwehr und zur Heilung von Krankheiten, namentlich von Augenkrankheiten, zu besitzen glaubt. Eine derartige Vorstellung entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage, Dannt die Ohrringe ge- tragen werden können, müssen natürlich erst Löcher in die Ohr- «nuscheln gestochen werden, und daß diese Prozedur unter Um- ständen gesundheitsschädliche Nachteile mit sich bringen kann, darauf ist neuerdings von ärztlicher Seite hingewiesen Ivorden. Die Operation ist zwar an und für sich klein und geringfügig, immerhin setzt sie eine blutende Wunde. Da der Eingriff nun meist von Laien vorgenommen wird, welche keine Kenntnis davon haben, daß auch die kleinste Operatton unter anttseptischen Vorsichts- maßregeln vorgenommen werden muß, so können leicht unangenehme Folgen, wie Wundfieber und Entzündungen der"Wunde auftreten, Ja man hat sogar langdauernde Eiterungen und Rolauf an den Ohrlochstich sich anschließen sehen. Auch die Ucbertragung von Syphilis und Tuberkulose ist im Anschluß an diesen Einstich schon beobachtet worden. Endlich haben auch sogenannte Blutgeschwülste am Ohre nach dem Stechen der Ohrringe sich entwickelt, die oft das Gewicht der Ohrläppchen bedeutend vergrößern und die erst wieder auf operattvem Wege entfernt werden mußten. Man sollte dem- gemäß die Operation des Ohrlochstiches niemals einein Laien, sondern einem Arzte anvertrauen, der am ersten die Gewähr gibt, daß der Eingriff mit der notwendigen Vorsicht vorgenommen wird.— Physiologisches. KZ, Wirkung von Alkohol, Zucker und Tee auf die Leistungsfähigkeit der Muskeln. Es besteht ein merkwürdiger Gegensatz in den Auffaffungen darüber, ob der Genutz von Alkohol die Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht oder herab- fetzt. Ganz abgesehen von den Enthaltsamkeitsaposteln behaupten auch viele besonnene Physiologen, daß der Alkoholgenuß die Leiswngs- fähigkeit der Muskeln herabsetze. Demgegenüber erklären viele ruhig urteilende Menschen, daß sie bei Ueberwindung großer körperlicher Anstrengungen wie Marschleistungen u. dergl. vom Alkohol eine deutlich wahrnehnibare Steigerung ihrer Kräfte erfahren, lim dieser ebenso wichtigen wie andauernd unentschiedenen Frage auf den Grund zu gehen, stellte der skandinavische Physiologe A, F. Hellsten eingehende Untersuchungen darüber an und fand, daß hier, wie in vielen Streitfragen, die Wahrheit in der Mitte liegt. Unmittelbar nach dem Genutz steigert der Alkohol die Leistungsfähigkeit der MuSkeln, aber diese Kraststeigerung dauert nur 12 bis höchstens 40 Minuten, ihr folgt aber eine Verminderung der Kräfte, die wenigstens zwei Stunden dauert; der Nachteil ist also viel größer als der Vorteil. Im Anschluß daran prüfte Hellsten auch die Wir- kung des Zuckers; diese tritt zwar nicht so schnell ein wie die des Alkohols— sie ist erst nach etwa 30 Minuten zu spüren—, dafür aber ist sie auch andauernd gleichmäßig gut und von keiner Übeln Folgeerscheinung begleitet. Tee schließlich wirkt nur sehr wenig kräftigend und auch daS nur für kurze Zeit.— Medizinisches. t Ein neues Hülfsmittel der Chirurgie. Es ist von großer Wichtigkeit für die Chirurgen, ein möglichst brauchbares Mittel zum Vernähen von Operationswunden oder von natürlichen Verletzungen zu haben. Mit der Zeit find viele verschiedene Stoffe zu diesem Zweck empfohlen worden, von denen noch heute eine ganze Anzahl im Gebrauch ist. Dazu gehören vorzugsweise Darmsaiten. Känguruhsehnen, Seide, Pferdehaare und Silberdraht. Jetzt hat Dr. Kieffer ein ganz neues Material zu diesem Zweck eingeführt. Dieser in Amerika lebende Arzt hat nämlich nach vielen Versuchen gefunden, daß die Sehnen von Reihern und Kranichen ein aus- gezeichnetes Nähmaterial für den Chirurgen sind und noch gewisse Vorzüge vor den vorher dazu benutzten Mitteln aufweisen. Zunächst wurden zu diesem Zweck die Beuge- und Strecksehnen des großen blauen Reihers flAraoa herodias) und später die des kanadischen Kranichs und des nordamerikanischen Kranichs benutzt, selbst verständlich nach einer vorausgegangenen asepttschen Be- Handlung. Leider find die betteffenden Vögel, selbst wenn, wie allerdings zu erwarten wäre, auch die außeramerikanischen Arten der Reiher und Kraniche zu gleichem Zweck benutzt werden könnten, durchaus nicht sehr häufig. Sie würden vermutlich bald aussterben. wenn jährlich einige Tausend von ihnen getötet würden, um ihre Sehnen für den Chirurgen herzugeben, obgleich auch dann nur ein kleiner Teil des Bedarfs gedeckt werden könnte. Es hat sich daher auch bereits ei« Widerstand aus den Kreisen der Naturwiffenschast gegen die etwaige Abficht einer solchen Ausnutzung der Reiher unk» Kraniche geltend gemacht, aber von anderer Seite wird hervor- gehoben, daß der Mensch an der Erhaltung dieser Vögel nur wenig Interesse haben kann. Man wird den Oryithologen, die ihre Stimme gegen die Ausrottung der Vögel erheben, recht geben müssen, wenn nicht die Veranlassung von feiten der Chirurgie eine ganz besonders dringende sein würde, was doch nicht der Fall zu sein scheint. Unter Umständen kann es allerdings für Kriegszwecke wichtig sein, zu wisien, daß man die Sehnen von Reihern und Kranichen zu solchem Zweck benutzen, daß sich also der Arzt durch einen Flintenschuß ein auf dem Schlachtfeld unentbehrliches Material verschaffen kann.— HnmoriftischeS. — Kellner-Logik, Gast:„Kellner, was haben Sie mir hier gebracht? Sind das Hammel- oder Schwemekoteletten?" Kellner:.Können Sie das nicht schmecken, mein Herr?' Gast:„Nein," Kellner:„Dann muß es Ihnen ja egal sein!"— — I m Museum,„Ach, könnten Sie mir nicht sagen, in welchem Saale der„Läufer von Marathon" ist?" „Den finden Sie hier überhaupt nicht. Wir haben hier mir Läufer von Smyrnal" — Das„Goldmanni".„...Ach, Frau Müller, da sollten Sie erst sehen, wie lieb und bescheiden mein Goldmanni ist. Was immer ich ihm auch vorsetze, ihm ist alles Wurst; na, und da koch� ich ihm dann Sauerkraut dazu!"— („Lustige Blätter".) Notizen. — Die Nachricht, daß in D e s s a u die Aufführung sämtlicher Dramen Gerhart Hauptmanns verboten worden sei, bestättgt sich nicht.— — Adele Sandrock und Rudolf Schildkraut sind für das Deutsche Theater engagiert worden.— — Einen alpinen Pflanzengarten hat in Bernina- Hospiz auf der Höhe des B e r n i n a- P a s s e s Professor Karl Schröter mit seinem Schüler Dr. Rübel aus Zürich eingerichtet. Die Lebensverhältnisse der gesamten Alpenpflanzen in dieser Höhe sollen eingehend untersucht werden. Neben dem botanischen Rüstzeug ist auch eine Wetterwarte vorhanden, Luftdruck-, Wärme-, Feuchtig« keits- und Sonnenstrahlungsmesser; auch Bodentherniometer zur Messung der Erdwärme, ferner Geräte für die Beobachtung der Verdunstung. Die Warte wird vorläufig ein volles Jahr hindurch fortgeführt.— — Von 73 Gletschern aus den verschiedensten Gegenden des schweizerischen Hochgebirges liegen die Resultate der Messungen für das Jahr 1904 vor. Von diesen 73 Gletschern sind im letzten Jahre 44 zurückgegangen, bei 20 weiteren ist der Rückgang nicht sicher konstatiert, aber er ist wahrscheinlich, 4 Gletscher sind unverändert geblieben, bei 5 anderen ist es zweifelhaft, ob sie gewachsen sind. Bei keinem einzigen Gletscher ist ein Anwachsen mit Sicherhett festgestellt worden. Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß das Vorrücken der Gletscher, daS in den Jahren 1902 und 1903 konstattert worden ist— im Jahre 1903 sijid 15, im Jahre 1902 13 Gletscher gewachsen,— im letzten Jahre aufgehört hat,— o. Eine Frau auf dem Wege zumNordpol. Den Ehrgeiz, als erste Frau den Nordpol zu erreichen, hat die ameri- kanische Lehrerin Miß Mannte Babb, die, wie aus New Aork berichtet wird, Commander Peary bei seiner Nordpolfahrt auf dem Dampfer„Roosevelt" begleiten wird. Während die Frau PearqS und feine zwölfjährige Tochter, die den Forscher gleichfalls, begleiten, die ganze Zeit über auf dem Dampfer bleiben werden, will die unternehmende und auffallend kräftige Miß Babb den Vorstoß, den Peary mit Schlitten zum Nordpol wagen will, mitmachen. Miß Babb hat � auch schon bei der Vorbereitung der Expedition dem Forscher wertvolle Dienste geleistet und wird auf der Fahrt den Apparat für drahtlose Telegraphie, durch den der Dampfer „Roosevelt" in ständiger Verbindung mit der Heimat bleiben soll, bedienen.— Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbrin, Berlin.— Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagtanstalt Paul Singer LcCo„Berlin L1V.