Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 120. Freitag, den 23. Juni. 1905 (Nachdruck verboten.) 401 flammen. Roman von Wilhelm Hegeler« Am liebsten aber saßen Marie Luise und Grabaus auf den halbrauhen Steinplatten oder auf weichem Moos unter den harzduftenden Tannen, durch die der Himniel so tiesblau leuchtete. Marie Luise hatte Grabaus gebeten, ihr aus seinem neuen Buch vorzulesen, und als er einmal unzufrieden meinte: wie es zwischen vier engen Wänden eines Studierzimmers ge- schrieben sei. müsse es auch gelesen werden, erwiderte sie lebhaft: „Nein, gerade hier, wo alles scheinbar wild und doch in notwendiger Ordnung einen unigibt, empfinde ich, wie viel Leben und notwendiges Sein davon ausströmt." Er war ihr dankbar für dieses Lob, das ihn mehr freute als alle schmeichelhasten Briefe der Professoren. Auch andere Bücher lasen sie, und. aus dem schöneren, reicheren Leben, das ihnen daraus cntgegensprach, empfanden sie ihr eigenes Dasein erhöht und bereichert. Heller trat ihnen die Zu kunft entgegen. In Grabaus regte sich wieder das Hochgefühl von einst, der mutvolle Glaube und die Lust, durch die Kraft seines Wortes Menschen zu gewinnen und aufzu- richten. Doch wenn sie dann genug gelesen und geplaudert hatten, saßen sie ganz still und gaben sich dem Strom hin, der von einem zum anderen ging, dem Strom einer süßen und lauteren Freude. Und oft, während Grabaus über Marie Luise hinweg ins Weite schaute, wurde er von tiefem Staunen ergriffen, wenn er sich der allnächtlichen Gedanken erinnerte, der dumpfen Beklommenheit, des ruhelosen Haderns, wie im- begreiflich neu, wunschlos und rein sein Gefühl zu der Ge- liebten war: so viel Süßigkeit und Entzücken, so viel schwärmerische Inbrunst, die sich doch ganz verwebte mit der friedvollen Freude am Himmelsblau, am lieblichen Tal, an den fern funkelnden Schneebergen. In schroffen Zacken erhob sich das rötliche Gestein des Schiern mit den tiefen Gründen dazwischen. Zu ihren Füßen blühten farbensatte Blumen. Ein reiner Lnftstrom wehte von den grünen Matten der Seiser Alm. So ruhten die beiden aus, von der Sonne bis ins Innerste durchströmt, wäh- rend kleine Käfer sie umschwirrten. Unaussprechliches Wohl- fein erfüllte sie. Was gewesen war, was sein würde, lag so fern, so fern hinter den blau verdämmernden Höhen. Fraglos und klaglos genossen sie das Glück der vergänglichen Stunde inmitten der ewigen Felsen, inmitten der Blumen, die heute so heiter blühten und morgen welkten. Eines Abends bekam Grabaus einen langen Brief von feiner Frau. Wenn er deren Handschrift auf einem Kuvert sah, wurde er immer von Unruhe und Unbehagen ergriffen. Er überflog nur kurz die erste Seite, bis er sah, daß es allen gut ging. Erst vor dem Schlafengehen las er den Brief ausführlich. Für ihr Temperament schrieb Frau Konstanze recht vergnügt. Ihre Schwester befand sich bei ihr zu Besuch, mit der sie zu- sammen auf einem sehr netten Tamenkaffee gewesen war. Ueber die getrockneten Blumen hatten sich die Kinder sehr gefreut, aber daß er dem Buben eine Steinsammlung ver- sprachen hatte, war sehr verkehrt gewesen. Nun steckte er jeden schmutzigen Stein von der Straße in seine Tasche, wie er, leider Gottes, überhaupt eine Vorliebe für den Schmutz besaß. Die Ausdrücke, die er manchmal brauchte, waren einfach nicht zu wiederholen. Auch wurde er alle Tage ungezogener. Es war höchste Zeit, daß ihm der Eigensinn gründlich aus- getrieben wurde.— Der Rest des Briefes bestand aus ziemlich bösen Klatschgeschichten, welche die beiden Damen auf dem Kaffee gesammelt hatten. Obwohl diese Mitteilungen durchaus nicht beunruhigen- der Natur waren, erregten sie Grabaus doch sehr. Es war, als wenn aus der Ferne sich wieder eine lange Hand nach ihm ausgestreckt hätte, um ihn an seine Lage zu erinnern: wie er entfremdet und doch mit tausend Wurzeln gebunden war. Hinter den lockenden und liebenden Gesichtern seiner Kinder erblickte er seine Frau. Nicht bloß war ihr gegenüber all sein Gefühl erloschen, sondern der Gedanke an sie flößte ihm Grauen ein, erweckte die Erinnerung an furchtbare und erniedrigende Stunden. Und doch war sie die Mutter seiner Kinder, die ihr gehörten so gut wie ihm. Es zog ihn dorthin zurück und trieö ihn von dort fort. Sorgende Liebe und dunkles Schuld» gefühl, Verantwortlichkeit und Sehnsucht mischten sich mit Kälte und unüberwindlichem Grauen. Unruherfüllt stand er auf und setzte sich ans Fenster. Am feuchten Himmel schimmerte kein Stern, unbeweglich und seit» sam lau war die Luft. Aus der Tiefe donnerte das Rauschen des Baches an sein Ohr. Und dumpf tosend klang dazu das Schäumen der in seinem Innern widereinander arbeitenden Kräfte, die wie der Bach tagsüber scheinbar schwiegen, in Wahrheit aber unaufhörlich rauschten. und tosten und ihr dunkel wühlendes Werk verrichteten. Am nächsten Morgen, der von schwerer, windstiller Schwüle war, machten die vier einen Spaziergang zur Ruine Hauenstein, dem Stammsitz des Minnesängers Oswald Wolkenstein, der hier von seinen Fahrten ins Morgenland, seinen Turnieren und Liebcshändeln ausgeruht hatte. Sie lagerten sich in der Nähe des verwitterten Gemäuers, am Rand eines Won verblühten Alpenrosen überwachsenen Hanges. Ihnen gegenüber wölbte sich der Ritten mit seinen zerstreuten weißen Villen, und den Talabschluß bildeten über dem Mendelrücken die in düsterem Violett ruhenden Leiber des Ortlers und der Presanella. Mit schläfriger Stimme las Wolf, ohne daß jemand recht zuhörte, aus einer alten Be- schreibung der Gegend vor, was über die Schicksale des ritter» lichen Sängers darin stand, der noch vor dem Ende seiner Tage viel Leid durch Minne hatte erfahren müssen, indem die erkorene Herrin, seine Verwandte noch dazu, ihn wegen eines Erbschaftsstreits aus seiner Burg gelockt und lange Zeit in einem Verließ hatte schmachten lassen, und fügte dann noch einige Gedichte, die als Proben seiner Kunst ebenfalls an- geführt Ivaren, hinzu. „Wie hieß das letzte?" fragte Marie Luise plötzlich und beugte sich über das Buch, indem sie ihre Hand auf die Schulter ihres Bruders legte. Dann sagte sie mit einer leisen und fernherklingenden Stimme: „Vögelein mit leichtem Sinn Singe meiner. Königin, Wie ich ihr ergeben bin. Wie mir schon ins Herze lacht Unsere nächste Liebesuacht." „Ist das nicht wunderhübsch?" wandte sie sich an Grabaus. „Ja, wunderhübsch!" entgegnete dieser lächelnd und hatte das Gefühl, als wäre wirklich ein kleines Vöglein vorüber- geflattert, das im fröhlichen Flug all seine traurig gefesselten Gedanken mit fortnahm. „Aber bitter hat's der arme Kerl büßen müssen/' meinte der Major.„So ein feuchtes Verließ war sicher eine scheußliche Brutstätte für Gicht und Podagra." „Nun, dafür ist er auch glücklich gewesen," erwiderte Marie Luise. „Famos ist das! Das muß ich auswendig lernen," sagte Wolf begeistert, und als sie dann bald den Heimweg antraten, sang er, felsauf, felsab springend: „Wie mir' schon ins Herze lacht Unsere nächste Liebesnacht." Während des Essens brach ein mächtiges Gewitter los, das alle ans Haus fesselte. Aber Grabaus machte trotz Regen und Sturm einen langen Spaziergang. Ihn freute das Sausen des Windes, das Rauschen und ftmrschen der gepeitschten Tannen, das Gießen der Wasserfluten, die ihn bis auf die Haut durchnäßten. Während braune Bäche von den Halden stürzten und Schutt und Schlamm mit sich rissen, dachte er, es möchte auch so der drückende Unmut und die schwarze Sorge von seiner Seele gewaschen werden. Und wirklich wurde ihm ein wenig wohkr und leichter zumut. Doch in allem Sturm, im Knattern und Grollen des Donners klang das kleine Lied in ihm fort—- dieses Lied aus einer, anderen� freien, fröhlichen Welt. Wie eine Sturmschwalbe wiegte es sich über den aufgewühlten Tiefen seiner Seele, mit zwitschern- dem Lachen, sehnsüchtig lockend. Als er nach Hause kam, war er der alten Kümmernisse ledig und wurde von neuen ibedrängt* . Dem grauen Abend folgte eine stürmische Nacht und ein noch grauerer Morgen. Nach dem Tee, den man nachmittags auf Marie Luisens Zimmer genommen hatte, begaben der Major und Wolf sich wieder an ihre Arbeit. Sie waren dem schlechten Wetter noch nicht mal so gram, da sie dadurch Zeit fanden, ihre Schätze zu ordnen, Den schwachen Duft von verbranntem Spiritus und Tee durchdrang das kräftigere Arom frischer Waldblätter, das einem großen Strauß dunkelblauer Enziane entströmte. Stumm saßen die beiden Zurückgebliebenen, als wenn einer von, anderen erwartete, daß er das traurige Schweigen unter- bräche. Mit flüchtigem und wie im Raub getanem Blick be- trachtete Grabaus von Zeit zu Zeit Marie Luise, deren schwer- mutsvolle Erscheinung ihm unsäglich schön, aber auch unnah- bar und beinah fremd vorkam. Die er sonst in fußsreiem Rock, auf den zurückgestricheiien Locken das sorglose Jägerhütchen, vder in hellen, zun: Sommerglanz gestimmten Toiletten zu sehen gewohnt war, trug heute ein dunkles Kleid, das, in welligen Stoffhügeln vom Boden emporsteigend, ihrer Gestalt eine hoheitsvolle Schlankheit verlieh und ihre aus leichten Schatten hervortretenden Züge zarter und blasier erscheinen ließ. Wenn ihre Augen ihn dann fragend trafen, wandte er sich ab und blickte auf die Landschaft draußen. Es regnete stetig fort. In kurzen Zwischenräumen stiebte ein feiner Schauer gegen die Scheiben, ohne daß er die Tropfen ge- wahrte. Aber die Nebelschleier sah er, die langsamer als Schnecken in seltsamen Gespinsten die schwarz starrenden Tannen umkrochen und den grauen Hauch, der über der Wiese braute wie frierender Atem zur Winterzeit, Dann fuhr er sich über die Stirn, als wenn er einen Gedanken suchte, den er aussprechen könnte, aber unaussprech- lich war das Gefühl einer zehrenden Traurigkeit, das aus bangem Frösteln vor zukünftigen Dingen und heiß quellender Sehnsucht verein� war, das von draußen zu kommen schien und von dem Anblick der dunklen, schwermütig schönen Ge- statt. Als dann endlich Marie Luise ein Wort fallen ließ, schrak er leise zusammen. „Woran ich denke?— Man kann nicht immer für seine Gedanken, nur soll man sie dann nicht aussprechen," erwiderte er mit gepreßter und leicht vibrierender Stimme.„Und Du?" „Ich bin verstimmt. Das Wetter inacht mich traurig. Sag mir was Gutes, Heinrich, damit ich wieder Mut bekomme." Er schritt auf dem schmalen Teppich, der von ihrem Lehn- sesscl bis zu seinem reichte, aus und ab und sagte dann, bei ihr stehen bleibend: „Man sollte es wie die Tiere draußen machen, die Eidechsen, die Käfer, die haben'ich alle in ihre Felslöcher verkrochen und warten geduldig ab. bis der Regen aufhört." „Meinst Du, die wären nicht traurig?" „Nicht so wie wir. Die denken nicht v.x die Zukunft und leiden nicht unter Schmerzen, die erst noch kommen." „Woher weißt Du, daß ich an die Zukunft dachte?" „Ich dachte daran." '„Deine Zukunft ist doch nicht traurig." Er antwortete nicht, ging wieder stumm auf und ab, blieb aber nach einer Weile stehen und betrachtete grübelnd ihr Haar, die schweren blonden Flechten und die lockere Wirrnis. Ihm war, als söge er einen ganz feinen, süßen Duft in sich ein. Schmerzvoll schloß er die Augen und trat dann, sich auf- raffend, an den Tisch, wo er ein Buch ergriff: den Tasso. „Man muß den Mühlsteinen Korn geben, sonst zerniahlen sie sich selbst.— Hast Du Lust?" „Lies nur!" Er begann, wo sie den Tag vorher geschlossen hatten, mit der Szene, in der Leonore Sanvitale die Prinzessin bc- redet, den Dichter fortreisen zu lassen. „Was für falsche Vorstellungen einem doch auf der Schule beigebracht werden!" sagte Marie Luise.„Nach der Schilde- rung unserer Lehrerin war die Sanvitale eine edle, hochherzige grau. Eine Ahnung ihres eigentlichen Wesens ist mir erst aufgegangen, als ich den Tasso zum erstennial auf dem Theater |flh. Aber da hatte ich mich so in die Vorstellung eingelebt, paß ich mich kaum von ihr trennen konnte.— Ach, aber was vibt man nicht alles auf!" GrabauS legte bas Buch aus der Hanl) und sah sie fragend an. „Mir fällt so vieles ein von früher. Was für Wand- lungen ich durchgemacht habe. Wie ich glaubte, mich von ge- wissen Vorstellungen gar nicht trennen zu können, von denen ich mich doch schon getrennt hatte. Wie ich vor dem Neuen zurückschrak, während es mich doch längst ergriffen hatte. Es ist, als wenn man sich fürchtet, in einen Abgrund zu stürzen, aber während man sich noch fürchtet, liegt man bereits unten auf dem Grund. So war es mit meinen reliqiösen Zweifeln — mit dem ersten Buch von Ibsen, das ich las— und—" „Und?— Erzähl doch! Es ist fo gut, wenn Du sprichst." ' Sie schüttelte den Kopf, mit leisem, versonnenen Lächeln. „Was sind all die Wandlungen gegen die eine?! Wenn mir die einer prophezeit hätte—" Welche Wandlung?" Sie hörte ihn nicht. Verklungene Worte tönten in ihr, vergangene Gefühle durchrannen sie bangschauernd, während sie aufgerichtet dasaß in der grauen Dämmerung des Zimmers, mit weit offenen Augen, die den leichten Tränenschleier glän- zend durchstrahlten, umspielt von einem Lächeln voll Glück und Schmerz, in solcher Schönheit, daß er lange Zeit nicht wagte, sie anzureden, und es doch nicht lassen konnte, sich ihr zu nahen. „Was war die Wandlung?— Sag niir'sl" • Da streckte sie ihn» gütig die Hand hin, (Fortsetzung folgt.) DeutlcKe Landfchafter des 19. �abrhundcrtö. (Ausstellung im Landesaus st ellungsgebäude.) Die Entstehungsgeschichte dieser Ausstellung ist durchsichtig. Vor einiger Zeit hieß es, Tschudi und Meicr-Graefe wollten in der Nationalgalerie eine Ausstellung von Arbeiten deutscher Landschafter arrangieren. ES wurde von einer Teite, die mit höfischen Tendenzen übereinstimmt, dagegen agitiert und zu verstehen gegeben, es würde diese Ausstellung auf eine Glorifizicrung der Franzosen hinaus- laufen, deren Können der Direktor der Nationalgalerie zuni Leid- Wesen und zur Erbitterung der osfiziellen Kreise zu schätzen wagt. Flugs wurde nun die jetzige Ausstellung inszeniert, von der im Vorwort selbst zugegeben wird, daß der Titel zu prätentiös ist, daß nur kurze Zell zur Verfügung stand.(Warum mußte sie denn gerade jetzt stattfinden?) Dem Publikum aber wird zugunsten gewisser reaktionärer Strömungen, als deren Hort die Große Berliner Ausstellung immer noch gelten möchte, weisgemacht, es sähe hier die Entwirkelung in markanten Beispielen. Dabei sind zum größten Teil Werke zu sehen, über deren Effekt- hascherei wir gerade hinausgekoinmen sind, und es wird uns ein Kitsch aufgetischt, den man selbst in den Galerien, den letzten Zufluchtsstätten akademischen StrebcuS, nicht mehr sehen möchte. Jedenfalls ist das Tatsache, daß, selbst wenn man das geflissentliche Ignorieren der modernen Arbeiten auf diesem Gebiete als unter den bestehenden Verhältnissen nicht anders zu erwarten zugibt, die Ausstellung immerhin charakteristischer und wesentlicher hätte ausgestaltet werden können. Was soll das Publikum von einem Vöcklin denken, von dem es soviel liest und reden hört, daS nun hingeht und ein so wenig erfreuliches Werk sieht, das den Künstler eher kompromitnert, das aus einer früheren Periode stammt und in der Komposition wie in der Farbcngcbung so offenbare Mängel aufweist? Gerade dieser B ö ckl i n ist nicht nachahmenswert. Er paßt vielleicht eher zu dem ganzen Niveau seiner llmgebung. Aber daS Bild ist so unerfreulich, daß man sich ehrlich davon abwendet und einigen anderen un- bekannteren Künstlern sich zuwendet. Die ltomposition arbeitet offensichtlich auf einen ganz oberflächlichen Effekt hin. die Farben sind trüb und unbelebt, und die Flächen find leer geblieben. EtwaS Schülerhaftes, Unreifes hastet dem Werk an. In der Schock- Galerie zu München hängt eine ganze Reihe der schönsten Landschaften dieses vielleicht hervorragendsten deutschen Landschafter», der loarm und intim im Detail und großzügig ni der Gesamt- kompositton war. Aber hier ist nur dieses eme Werk zu sehen und dies eine Werk ist unreife Schülerarbeit. DaS Arrangement ist süßlich, nur die Bäume am Hang zeigen intimere Gestaltung. DaS Wasser, in dessen lebendiger Beseelung Böcklin Meister ist, sieht geradezu kläglich aus. Dadurch wird daS Publikum, das nun solche Sachen unter berühmten, Namen ausgestellt sieht, nur falsch geleitet und denkt, diese Arbeu sei vortrefflich und nachahmenswert. Dabei ist der Llatalog so dozierend angelegt, daß er wie ein Lehrbuch wirkt und mit fertigen, apodiktischen Behauptungen, die den Uneingeweihlen blenden sollen, nur so um sich wirst. So wird einfach in ganz naiver Weise in den einleitenden Worten festgestellt, daß»die Ausstellung einen achtuitggebietcnden Eindruck hervorruft". Es wäre feiner gewesen, die Kriti! nicht vorweg zu nehmen, und gerade diese schnelle Behauptung macht eher einen ängstlichen, be- Ürchtenden Eindruck, als einen sicheren. Bei zum großen Teil so implen Bildern den kgl. Hoheiten usw. schleunigst zu attestieren, >aß sie in wahrhaft großmütiger Weise die Schätze rhrer Schlösser hergegeben haben, erscheint lächerlich und fleht so auS, als wäre das Vorwort nach einem üblichen Schema gearbeitet. Denn derlei der- zückten Dank stammelnde Worte liest man leider häufig in unseren offiziellen Katalogen. Es erscheint auch als eine Kompromitticrung der zünftigen Kunstwissenschaftler, wenn zugegeben wird, daß mancheKünstler alteren Schlages durch diese schnell zusammengetragene Ausstellung in ein günstigeres Licht gerückt würden, die bis dahin von der Kunst- geschichte nur so obenhin behandelt wären. Man fragt sich, wozu die Kunsthistoriker eigentlich da sind, wenn sie nicht einmal ihr Material gründlich kennen. ES ließe sich noch manches über den Ton des Vorworts sagen, z. B. über die verwischende Art, mit der den„Ausländern" die„heimischen Meister" entgegengestellt werden. Wir haben ganz andere„heimische Meister" l Kein Mensch hat auch die wirklich bedeutenden„Meister" der Vergangenheit„über die Achsel" angesehen, höchstens die, die immer gern ihr Mäntelchen nach dem Modewind drehen; ernsthafte Leute erkennen deren Kunst und ihre Bedeutung wohl an. ES schleichen sich aber unter dieser lokal- patriotischen Marke manche unfähigen Gesellen mit ein. Prellcr und Achenbach stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Kriedrich Prell er der Acltere hat mit seinen homerischen Land» schasten genug Ruhm gcerntet. Er starb im Jahre 1878. In jeder Kunstgeschichte wird sein Lob gesungen, obgleich wir, ohne etwas von dem historischen Ruhm aberkennen zu wollen, ruhig ein- gestehen können, daß uns diese Malerei nichts mehr sagt, weil sie eben zu wenig Malerei und zu sehr Erzählung ist. Der Katalog sucht auch hier eine Suggestion auszuüben und stempelt diese uns fremd gewordenen Bilder zu dem„beharrenden Erbgut der deutschen Nation", hält es für nötig, in überflüssiger Sentimentalität mitzu- teilen, daß ihr Besitzer sich nur schweren Herzens auf einige Monate davon trennte. Mittlerweile starb der Besitzer, und der Katalog ruft ihm nun noch einen ivarmen„Dank ins Grab" nach! Dieser familiär-sentimentale Betrieb der Kunstgeschichte, mit dem das Publikum durch Aeußerlichkeiten für Fernstehendes gewonnen werden soll, erscheint unwürdig. Eine Büste PrellerS schmückt den Saal? darüber befindet sich eine Inschrift Goethes, worin dieser ihm den Lorbeer zudiktiert, ein Beweis, daß Preller nicht unter Mangel an Anerkennung zu leiden hatte. Wir sehen außer den homerischen Bildern Landfchasten, bei denen wir konstatieren, daß Fenerbach und Böcklin durch sie be- einflußt wurden. Die tanzenden Faune erinnern an Böcklin. Der oft graue, gleichmäßige Farbton des Ganzen läßt an Feuerbach denken. Preller ließ sich zuweilen von den Holländern, von Ruisdael namentlich, beeinflussen. Er arbeitet viel mit Staffage. Seine Bäume(recht unnatürliche Bäume, mit dramatischem Akzent, mit Zacken und Knorren und wüsten Aefteni neben einem Sumpf, in dem regelmäßig ein Vogel auf hohen Beinen ruhig steht, ergeben keine Landschaft, sondern stellen eine aus gegebenen Requisiten ge- ordnete Komposition dar. Wie natürlich, groß und farbig erscheinen dagegen die alten Holländer i» ihren Landschaften I Man vergleiche die Bilder im Museum damit. Bei Preller erhält alles einen dramatischen Akzent. Selbst die Wolken sind dramatisch wild geballt. Die Zeit war eben noch nicht reif zur großen Betrachtung der Natur. Sie erschien als dramatisch zu verwertendes Mittel. Noch mußte eine äußerliche„Koniposition mit dem inhaltslosen Reiz der einfachen" Natürlichkeit versöhnen. Durch den braunen Atelierton wird diese Künstlichkeit noch gesteigert. Jeder Mensch, der mit eigenen Augen sieht, sagt dem Maler, daß nie ein Baum so aussah, solche Aarbe hatte. Nur in Einzelheiten merkt man intimeres Sehen. So auf dem wie ein altes, deutsches Bild anmutenden„Landgraf Friedrich", das als Landschaft natürlich ist und sogar in seiner leichten Gestaltung der Baumaruppen mit den grauen Tönen im Grünen wie ein guter Thoma erscheint. Hier wird Preller wirklich Maler, bleibt nicht er- zählender Illustrator. Immerhin wirkt er noch groß gegenüber seinem Sohn Friedrich P r e l l e r d. I. Dieser wirkt direkt farblos(der Katalog behauptet, er ginge niehr aufs Koloristische aus!) und hohl in der Komposition. Wohl weil er diesen Mangel spürte, spekulierte er aus Nebenwirkungen, malte z. B. ans hohem Felsen ein großes Kreuz mit einem betenden Hirten daneben, ein Bild, das so un- künstlerisch ist, daß man nicht wagen sollte, es an die Oeffentlichkeit zu bringen. Achenbach ist der zweite Kämpe. Andreas Achenbach, der einst mit seiner Kunst die Zeit beherrschte, so daß es sprüchwörtlich geworden ist, von einer Achcnbachperiode zu sprechen. Achenbach ist also kein Verkannter, und es ist eine Leichtigkeit, einer Ausstellung diesen Mittelpunkt zu geben. Kritisches Urteil ist dazu gar nicht nötig. Eine Zeitlang galt Achenbach als Realist. Der Katalog kolportiert diese Meinung weiter. Wenn man das hört, so sagt man sich nur. wie gräßlich müsien die Werke der Vorgänger gewesen sein, daß ein Achenbach als„reinigendes Gewitter" erscheinen konnte.. Der Katalog unterschlägt die gegenwärtig« Bewertung, die zugeben muß. daß diese Art Kunst so tst, daß uns wiederum ein reinigendes Gelvitter notzutun scheint.(Dieses kam durch die Modernen deutschen Landschafter.) Achenbach malte gern Wasser im Auftuhr, mit dramatischem Akzent. Aber sein Wasser ist gar kein Wasser. Es fehlt vollkommen die wässerige Atmosphäre. Er sah nur das Aeußcrlich-Verwendbare. Ganz unfarbig wirken diese Massen der durcheinanderstürzcndcn Wellen. Nicht die farbige Stimmung des Meeres, nicht die Dunstigkeit der Lusterscheinungen über dem Wasser reizte ihn. Er setzte gern ein Schiff in dieses tosende Element auf dem die Menschen wie Puppen durcheinanderpurzeln und mit Todesangst starren; mit diesen äußerlichen Effekten operiert er Es ist keine Natur, die wir sehen, es ist eine Kompositton, in w alles gut und wirksam zu einander paßt. Wir sehen an diesen beiden Malern, wie lange es dauerte, bis die Malerei endlich fähig wurde, unvoreingenommen zu sehen und. absehend vom Effekt, den Kern ins Auge zu fassen. Auf daS Malerische, auf Licht und Luft, auf die Farbe kommt es an. Die schlechte, alte Traditton hielt die Geister noch lange in Bann, und wir brauchen nur unsere Kunstausstellungen zu besuchen, um zu sehen, wie sehr sie sie noch im Bann hält. Es ist darum ein schlechter Dienst, der der Kunst hier erwiesen wird. Zugunsten der rückständigen Elemente wird hier ein Kampf geführt, der einer Agitation ähnlich sieht. Die Vergangenheit wird nicht historisch begriffen, sondern den Lebenden noch als maßgebend hingestellt. So sollen die fortschrittlichen Elemente geknebelt werden. Das patriottsche Ge- fühl wird angestachelt. Dennoch bleibt cS ein Kampf mit un- zureichenden Waffen, und darum erscheint der ganze Ausivand nicht am Platze. Will man malerische Landschaften sehen, so gehe man unter den Aelteren zu Karl Friedrich L e s s i n g. Dann D r e b e r, der Böcklin beeinflußte, der in seinen großen Kompositionen dennoch frei und bis ins Kleinste inttm ist. Bei ihm beruht alles auf eigenstem Sehen, darum wirken seine Komposittonen nicht arrangiert, nicht effckthaschend, sondern nattirlich. Von A m b e r g ist ein feines Bildchen mit Rokokostimmung da, eine Gesellschaft im Grünen. Die Farbe ist abgekratzt, dadurch erscheint das Laubwerk leicht und ver- schwömmen. Ueberhaupt zeichnet sich das Bildchen durch eine bei uns damals nicht alltägliche graziöse Weichheit der Töne aus. Im guten Sinn deutsch erscheint Thoma mit einem„Abend im Tal". in dem besonders die blühende Wiese im Grunde inttm belebt ist. Dann besonders S P e r l, der Freund Leibis, besten blühende Bäume so frisch und natürlich wirken, so leicht und fein erscheinen. Von S t e i n h a u s e n, dem alten Frankfurter Maler, fällt eine warme. inttme Studie„Rosenbusch" auf, die in leicht verschwimmendeir Tönen sehr zart gemalt ist. S ch ö n I e b e r legt eine volle Probe seines Könnens ab mit dem großen Bilde„Enzwehr" von 1899, das mit seinen großen, farbigen' Gegensätzen, seinem tiefwannem Ge- samtton von dauernder Wirkung ist. Die Aufzählung dieser Namen gibt an, wie eine solche Aus- stellung hätte arrangiert werden müssen. Die Linien der Entwicke- lung sind damit angedeutet, und diese geht gerade dahin, die Großen dieser Ausstellung zu negieren. Gerade den ehrlichen Historiker kann dieses tendenziöse Arrangement nicht befriedigen. Es hätten sich selbst aus der vergangenen Zeit bestcre Bilder beibringen lassen. die durch ihre Halttnig gegen die Pose und Effekthascherei der noch iimner offiziell über Gebühr verehrten Alten zu ihrer Zeit schon Front machten. Ernst Schur. Kicince feuitteton. er. Auf dem Perron. Grell und blendend lag das Sonnenlicht auf den Straßen, weiß vor Hitze brannte der Himmel über den hohen Dächern. Eine dumpfe Schwüle lagerte über der Stadt, eine heiße, stickige Luft, die den Atem»ahm und fast nur einen Wunsch auslöse» konnte:„Hinaus aus den engen Mauern, hinaus i" Wer es irgend vermochte, eilte ins Freie. Die große weitbogige Bahnhofshalle winimelte von Menschen. Kopf an Kopf standen sie, trotzdem es ein Wochentag war, alles mit einander Leute,„die es haben konnten". Junge Mädchen in hellen, luftigen Kleidern, behäbige Herren in weißen Westen mit baumelnden goldenen Uhrketten, jubelnde Kinder und stattliche Danien, die würdevoll auf und nieder schritten, die Schleppen lässig in der Hand. Es war ein Gesumme in der weiten Bahnhofshalle, ein Geschwirr von Stimmen, einige hundert Augen- paare sahen ungeduldig nach der Stadt hin:„Kommt er denn noch iimner ittcht, der Zug?" �Aber er kam noch nicht. „Noch fünfzehn Minuten," sagte irgend jemand. „Ja, noch fünfzehn Minuten," wiederholte ein anderer resigniert, „Dauert das lange I" „Und hier ist es so heiß k" „Ganz entsetzlich ist es hier I" „Die Sonne prallt ja auch ans daS Glasdach— daS ist ja un» erträglich." „Aber hier unten ist wenigstens Schatten." „Na, sonst wäre es auch kaum zum aushalten. Sollte man hier etwa fünfzehn Minuten in der Sonne stehen?" „Ach— undenkbar l" „Die Sonne ist überhaupt entsetzlich!" „Wir haben sie ja auch bald hinter unS, noch eine halbe Stunde, dann find wir im Wald und am Wasser." „Dem Himmel sei Dank! Ich lege mich gleich in den aller» tiefsten Schatten. Unter den Eichen am See ist eS wundervoll kühl!" „Und im Waldschlößchen sitzt es sich herrlich; da kommt solch ein frischer würziger Dust aus dem Buchenschlag." „Ja, wenn ivir bloß erst draußen wären, der Zug bleibt ja zu laijge i" »Nun dauert's ja nur noch acht Minuten.' So schwirrt es hin und her und auf und ab. »Geh' doch nicht so weit nach vorn, Edgar", sagt eine Dame in sehr elegantem schwarzen Spitzenkleid,„da vorn ist es ja zu sonnig." „Ja das ist auch wahr." Er dreht sich etwas blasiert und müde um und tritt ein paar Schritte zurück zu seinen Schwestern, die zart und dustig und kichernd und schwatzend zusammenstehen. Das Spazierstöckchen in den wohlbehandschuhten Fingern drehend, blickt er gelangweilt den Perron entlang, auf dessen hoher Frontwand die Sonne jetzt mit vollem Glühen liegt. Nachlässig hebt er das Stöckchen gegen die Wand:»Seht doch mal, da, bewegt sich da nicht was?" „Ja," sagt der Backfisch,»natürlich'— da schiebt sich was an den Scheiben entlang. Wie das aussieht I" „Was ist denn das?" „Na, was soll es denn sein?' Ein alter Herr zuckt geringschätzig die Achseln:»Menschen sind es, Arbeiter, an der Glaswand wird gebaut." „Ja, wirklich, jetzt sehe ich auch das Gerüst." Der Backfisch hält die Hand vor die Augen und blinzelt in die Sonne. Die Glaswand glüht mid flimmert; wie ein schwarzes Netzwerk hebt sich das Leitergerüst von ihren blendenden Scheiben ab, dieses steile, enge Leitergerüst, auf dem die dunsten Gestalten der Arbeiter hin und her huschen. Alle Augen haben sich nach dem Gerüst und den Arbeitern hin- gewandt. „Auch'ne angenehme Beschäftigung, in dem Sonnenbrand da rumwirtschaften," bemerkt eine Stimme. »Ja, ich möcht's ja nicht tun." „Na, Du hast doch auch so was nicht nötig I" „Zum Glück nein, ich würde auch verrückt bei werden." Der Herr, der es sagt, nimmt den leichten Panamahut ab und wedelt sich mit dem Taschentuch Kühlung zu. „Wie die Menschen das überhaupt aushalten!" „Ja, es sind ja Arbeiter, die sind ja dazu da." Edgars Mama hat sich erschöpft auf einer Bank niedergelassen Und sagt es ziemlich wegwerfend. „Ja, die halten's schon aus," meint eine von den Schwestern. „Natürlich", lacht eine andre Stimme, solch' Volk hat doch nicht so feine Nerven und Empfindungen wie wir." „Aber putzig sehen sie aus," ruft der Backfisch.„Seht doch mal. seht doch mal, wie sie jetzt die steile Leiter raufklettern, wie die Affen im Zoo." „Nein, wie Chenille-Affen," wirft Edgar hin. Die Schwestern brechen in ein Helles Lachen aus, der Backfisch klatscht in die Hände:»Ja, ja, Edgar hat's getroffen i aber richtig wie Chenille-Affen, wenn man sie Weihnachten an der Stange kaust." Das Wort scheint einen Widerhall zu finden bei den Um- stehenden, es pflanzt sich fort und halt den ganze» Perron entlang. Man ruft es sich zu und ainiisiert sich und lacht. �Jetzt steigt der eine noch höher," sagt eine Dame, die durch den Operngucker sieht,»ach, ist das wundervoll gruselig.— Er steigt bis ganz oben. Wenn der nun runterfällt! Huh, da wird man ja schwindelig vom Zusehen!" Sie hält sich die Augen zu. Ihr Mann nimmt sie beim Arm: „Na ja, nun rege Dich hier noch auf! Was scheeren uns überhaupt diese... Der Zug kommt, der Zug I" Donnernd fährt er in die Halle ein... Ein paar Minuten später liegt der Perron öde und leer, nur auf dem Gerüst vor der gliihheijjen. Glaswand steigen noch die dunklen Gestalten der Arbeiter auf und ab. Aus dem Pflanzenleben. tz. Die Wassernuß im Kühnauer See bei Dessau. Infolge der absonderlichen Form ihrer Früchte' erregt die Wasser- nutz mehr Interesse als manche andere Pflanze, die gleich ihr in Deutschland immer seltener wird. Die Wassernutz hat namentlich in Norddeutschland nur noch wenig Standorte. Eine dieser wenigen f undstellen ist der Kiihnauer See bei Dessau. Um einen Anhalt ber die Zeit der Besiedelung dieses Sees mit der Pflanze zu be- kommen, hat G. Lindau die Geschichte des Kühnauer Sees nach vorhandenen historischen und sonstigen Urkunden zu Erforschen gesucht. Die Ergebnisse sind jüngst in den Ab- Handlungen� des botanischen Vereins der Provinz Branden- bürg veröffentlicht worden. Der Kühnauer See erstreckt sich in ziemlich groher Ausdehnung von Osten nach Westen, und zwar liegt seine östliche Spitze an der südlichsten Stelle des grohen Huf- eisenartigen Bogens, den die Elbe unterhalb von Rotzlau nach Süden zu bildet. Heute befindet sich die Wassernutz hier in recht zahlreichm Epemplaren, sie fühlt sich offenbar hier ganz wohl. Allein die Pflanze kann doch nicht seit alter Zeit hier ansässig gewesen sein. Wie sich nämlich nach den Urkunden herausstellt, ist der Kühnauer See ein Altwasser der Elbe. Früher ist die Elbe in seinem heutigen Bett geflossen und zwar noch zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Noch vor 1316 berührte die Elbe in ihrem Laufe nicht das heutige Rotzlau, sondern sie flotz südlich von diesem Ort im jetzigen Pelzebett und Muldebett nahe an Wallwitzhafen vorüber und durch den Kühnauer See nach Acken hin.� Damals hatte die Mulde auch noch nicht so weit zu laufen, um die Elbe zu erreichen, sie flotz weit südlicher, am Südrande des Hufeisenbogens in den Sttom. Damals Kerantwortl. Redakteur� Franz Rehbein, Berlin. Druck u. Verlag: war also Deffau der Mündungsstelle der Mulde diel näher als heut- zutage. Die Ursache, warum die Elbe ihr damaliges Bett verliest, liegt in dem Vordringen der von der Mulde mitgeführten Schotter- massen. Bei Hochfluten trug der Flutz grotze Geröllmassen in die Elbe hinein und versperrte sich so die Mündung, während er die Elbe nordwärts drängte. Die Mulde mutzte sich ein neues Bett graben, sie mutzte um die Schottermaffen herum weit nach Norden hin fliesten, um ihre Fluten mit denen der Elbe zu vereinigen. Der Nachweis, datz der Kühnauer See ein ehemaliges Altwaffer war, ist für die Biologie der Wassernutz von grotzer Bedeutung. Diese Pflanze pflegt näm- lich gerade in Altwassern sich anzusiedeln. Ihr Vorkommen im Kühnauer See hat daher nichts Auffälliges mehr. Sie hat sich dem- nach sicher erst nach 1316 in dem See angesiedelt. Doch lätzt sich die Zeit ihrer Einwanderung an dieser Stelle nicht näher besümmen, da für den Zeittaum von 1356— 1700 kein Dokument über die Ge- schichte des Sees vorhanden ist. Aus dem Verschwinden der Wasser» nutz aus Deutschland hat man gefolgert, datz diese Pflanze, die sehr wärmeliebend ist, nicht mehr das milde Klima in Deutschland finde, wie ehemals, datz der Grund ihres allmählichen Aussterbens also darin liege, datz Deuffchland seit der historischen Zeit etwas kälter geworden sei. ES entsteht aber doch die Frage, ob nicht auch das Seltenwerden der Wassernuß wie so mancher anderen Pflanze Deutschlands daran liege, datz sich die Existenzbedingungen für viele Gewächse bei uns seit historischer Zeit geändert haben. Ehemals, bevor die Flüsse so reguliert waren wie heute und als noch weite uferlose Wasser- ströme durch die Wälder flössen, mag es sehr viele Altwasser gegeben haben, die später versiegten oder zugedämmt wurden. Solche stillen, seichten Gewässer, die keinen kalten Zuflutz erhalten, sind natürlich wärmer als Flllffe und tiefe Seen. In ihnen fand also die Wasser- nutz den geeigneten Standplatz und. in dem Matze, als die Altwasser seltener wurden, nahm wohl auch die Pflanze in Deutschland ab.— Humoristisches. go. Schlagfertig. Ein Zwischenfall, ber auf die Be- teiligten einen ungemein belustigenden Eindruck ausübte, ereignete sich kürzlich auf einer Kleinbahnstation der Lüneburger Heide. Als der Zug gerade abfahren wollte, kommt in hellem Schweiße ein Bäuerlein angelaufen, springt schnell in ein Abteil und lätzt sich erschöpft auf eine Bank nieder mit den Worten:„So, nu lat den Zug to'n Düvel fahren!" Fortwährend wischt er sich die zahlreichen Schweiß- tropfen von der Stirn. Aber ein ihm gegenüber sitzender Herr hat die Worte anscheinend mit Mißfallen angehört.„Mein Lieber," redet er das Bäuerlein salbungsvoll an,„wenn wir zum Teufel fahren, dann führt uns der Weg aber zur Hölle."„Dat is meck (mir) ganz egal," erwiderte der Angeredete,„eck(ich) for inine Person hewwe jo'n Retourbillet." Notizen. — DaS neue Schön thansche Lustspiel„Klein Dorritt" wird am S ch a u s p i e l h a u s e zur Aufführung gelangen.— — Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gab in der letzten Spielzeit 369 Vorstellungen, in denen 53 ver- schiedene Werke, darunter 26 zum erstenmal, aufgeführt wurden.— c. Ein Theater für die Irren wird in P a r i s im Irrenhaus Saint-Anne errichtet. Es sollen darin Vorstellungen für die Kranken und Angestellten des Hauses gegeben werden. An diesen Aufführungen werden berufsmäßige Sänger und Schauspieler, das Pflegepersonal und Wahnsinnige, die lichte Augenblicke haben, teilnehmen.— — Ein Lanner-Strautz-Denkmal wurde am Mittwoch in Wien enthüllt.— — Ein neuer Probezug verkehrt seit einiger Zeit zwischen Stendal bezw. Gardelegen und Lehrte. Die Geschwindigkeit dieses Zuges soll bei allmählicher Erhöhung auf 160 Achsen bis zu 120 Kilo- meter in der Stunde gebracht werden. Die kolossale Maschine führt nur O-Zug-Wagen mit.— t. Die größten Papiermaschinen der Welt werden gegenwärtig nach einer Mitteilung des„Engineer" für eine grotze Fabrik für Zeittingspapier gebaut, die am Ufer deS St. Croix« Flusses im amerikanischen Staat Maine in der Entstehung begriffen ist.' Die Gautschwalzen(Feuchtpressen) der beiden Maschinen er- halten eine Länge von ungefähr 4 Meter bei einem Durchmesser von über 2 Fuß. Jede Maschine hat außerdem 32 Trockenwalzen von 4 Fuß Durchmesser und 10 Rollen für die Kalander. Das Papier wird in Rollen gewunden, wie sie für die Druckpresse er- forderlich sind; dazu dienen 2 Trommelwinder neuer Erfindung, die eine Rolle fertigen Papiers im Gewicht von 60 Zentner liefern. Das Gesamtgewicht der beiden Maschinen wird etwa 2 Millionen Pfund betragen.— — In R o s e n h e i m in Bayern war dieser Tage General- Musterung der stellungspflichtigen Rekruten. Nur einer der zu persönlichem Erscheinen Verpflichteten fehlte. Der junge- Man« sandte, wie die„Neue Freie Volkszeitung" berichtet, einen Eni» fchuldigungsbrief folgenden Inhalts:„Lieber Herr Generali Ich kann leider zur Generalmusterung nicht kommen. Mir ist's z» heitz. Achtungsvoll! Xaver Schmied."—_ Zorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcEo., Berlin L>V.