Hlnterhalttmgsblatt des Vorwärts Nr. 121. Sonntag, den 25. Juni. 1905 lNachdruck verdaten.) 41] flammen. Noman Bon Wilhelm H e g e l e r. „Die Liebe zu Dir, Du Lieber! Du warst der tiefe, tiefste Abgrund." Sie drückte ihm liebkosend die Hand und drängte ihn dann leise von sich. „Lies weiter, Heinrich! Lies!" Er schlug das Buch auf, das er dann aber mit unwill- kürlicher Bewegung von sich stieß. „Ich kann nicht." Er schritt zum Fenster und blieb dort versunken stehen, bis sie neben ihn trat. „Was hast Du?" „Was ich habe?— An das Lied muß ich denken." „An welches Lied?" Er sah sie an, sah ihr in die Augen, und ihre Brauen zitterten leise, als sie ihn verstand. „An den, der's gemacht hat. An den, der's gelebt hat. An all die Glücklichen muß ich denken." „Heinrich, wir wollen wciterlesen. Komm!'' „Ich mag nicht lesen. Ich Hab einen Ekel vor allen Büchern." „Ist das wirklich?" „Ja, was soll ich mit Büchern?!" „Weißt Du, was ich oft gedacht habe— aber ich habe es nie geglaubt, denn es wäre ja schrecklich— daß Du Dich verändert hast— daß Du arm geworden bist gegen früher." „Arm geworden?" „Ja. Früher da tratst Du mir entgegen wie ein ganz starker, einheitlicher Mensch, wie ein Mensch aus einer anderen Welt, den eine unverlierbare Frcundesschar umgibt, den alles, was die anderen trifft, alles Glück und Unglück nicht treffen kann, nicht im Innersten wenigstens. Aber nun kommst Du mir vor, als hättest Du die Freunde von Dir gestoßen und damit auch alles Starke und Große, als wärst Du arm ge- worden und haltlos und— „Ich will Dir sagen, Marie Luise, wie es um meine Armut bestellt ist. Früher— eh ich Dich kannte— da war mein Leben so eine blasse, stille Nacht, erleuchtet von tausend Sternen. Nun aber ist mir die Sonne aufgegangen, und die Sterne, die sind— ich weiß nicht, wo?". „O, dann wollt ich, es wäre wieder Nacht!" „Ich habe das Gefühl, als Hütt ich ein Schattendasein geführt und mit Schattenwesen gelebt. Erst durch Dich habe ich sehen gelernt, habe ich gelernt, wie schön die Welt ist.— Jetzt im Augenblick, da bin ich vielleicht arm. Weil mir das einzige fehlt, was allem Wert gibt. Aber mit Dir wäre ich reich. Warum kann das nicht sein? Warum—" Da fiel ihm sein Versprechen ein, und er brach ab, so wie er oft nachts die rasenden Gedanken jäh unterbrochen und zum Stillstand gebracht hatte. Er setzte sich wieder auf den Stuhl und schaute, während die aufstützende Hand seine Augen beschattete, grüblerisch in sich hinein. Was hatte sie gesagt? Er sei arm geworden.— Er hatte es selbst so oft gefühlt. Aber sein Verstand, der graue, nüchterne, alte Verstand, der unbeirrbar aus alles chaotische Treiben seines Herzens hinab- blickte, hatte ihm dann immer geantwortet, daß alles wieder- kommen wiirde, was er verloren hatte. Er würde weiterleben und weiterstreben. Nur freilich— daß der hochgestimmte Mut von einst, die fröhliche Menschenliebe, das klingende Sehnen und Hosfen auf etwas in der Ferne Verheißungsvolles, nur freilich, daß alles dies sich wandeln würde zu wermutbitterem Gram, zum bohrenden Geschwür, das nie tötet, aber auch nie verheilt. Und wenn nach mühselig und bis zur Erschöpfung verbrachtem Tag der Abend kam-- Während er die Augen fchloß, war er der augenblicklichen Umgebung entrückt, hatte das Gefühl, an seinem Schreibtisch zu sitzen: hinter ihm lasteten die gewaltigen Bücherregale, und draußen graute ein düsterer nordischer Negenabend. Die Einsamkeit tat ihm weh, ihn verlangte nach einem menschlichen Laut. Er stand., aus, näherte sich der Tür, legte die Hand auf die Klinke und wagte doch nicht, sie zu öffnen, wagte nicht einzutreten in das Zimmer nebenan, in dem sich seine Frau befand'. Die Hand sank, sein verlorener Blick irrte umher, bis er auf einem Bild an der Wand haftete— dem Bild Marie Luisens. Es hing zwischen denen von Lessing, Shakespeare, Kant, zwischen denen der„Freunde", der tote Schatten, eine Tote, ein Schatten auch sie.... Ihn fror, während er dies auskostete, und ihm war, als wenn flammende Holzscheite in Asche versänken. Dann besann er sich und schaute auf. Marie Luise hatte sich am Fenster umgewandt. Ihre schwarze Gestalt zerstoß jetzt fast mit dem umgebenden Dunkel, aber desto blasser trat, vom fahlen Licht draußen seitlich erhellt, ihr Gesicht hervor, auf das ein gram- versunkenes Sinnen seine herben Falten legte. Er erhob sich, näherte sich ihr langsam und ergriff ihre Hand. „Sei nicht böse, wenn ich Dir weh getan habe. Ich wollte diesen traurigen Tag noch nicht trauriger machen.— Ich weiß ja, es kann nicht sein. Denn— der Grund tiegt ja nicht in den Umständen, nicht in Deinem Mann, nicht in meiner Ehe, In Dir selbst liegt er, daß Du so bist, wie Du bist. Seitdem ich Dich erkannt habe, da bin ich im tiefsten Herzen ganz ruhig ge- worden, wenn auch oben noch die Wünsche toben und aufbc- gehren.— Sieh, was mir Dein Bruder von Dir erzählte, ist mir nun klar geworden: daß Du wunschlos bist. Ja, Du ge< hörst wirklich in die andere Welt, in der ich war, und in die ich auch zurückkommen werde. Daß wir uns eins fühlen, ist Dir genug. Und was ich einmal sagte,— und damals glaubte ich es auch— die Wirklichkeit sei nichts, wenn man nur glauben dürfte, ein Glück zu besitzen: auf Dich trifft das zu. Und ich war ungerecht und undankbar, daß ich, als Du mir sagtest, Deine Seele gehörte mir, daß ich da.-- Aber Du weißt nicht, was in mir vorgeht, was nachts in einem wühlt, was einen behext wie das verfluchte Lied und— Ach, Marie Luise, sich herausreißen aus alledem und wie Du werden— wunschlos wie D und rein wie Du—" Da ging ein Schauer durch ihren Körper, eine Erschütte- rung, die sich aus tiefsten Tiefen nach außen fortpflanzte, als wären dort unten Schmerzen gewaltsam losgebrochen, als fluteten zurückgedämmte Tränenströme haltlos dahin, und er- höben mundtot gemachte Klagen sich zu wildem Sturm. Und während er noch sprach, und aus seinen Worten herausklang, daß sie ihm wie eine Ueberirdische erschien, der die dunkelsten Qualen erspart sind, wenn die dürstende Seele sich windet über den Flammen des Bluts, nmßte sie an das Erwachen heut morgen denken, wie ihr Kopfkissen vom Weinen durchnäßt gewesen, an andere Morgen, an fiebcrvcrglühte, schwarze Stunden, an das Auffahren nachts, wenn sie, von ihren wirren Gedanken in Schlaf gehetzt, im Traum ihren Arm um ihn geschlungen hatte und beim Erwachen begriff, daß es nur ein Traum war. Die entsetzcnsvolle Leere, die verzweifelnde Angst, der ganze schmachvolle Jammer umklammerten sie. Sic hörte nicht mehr auf ihn, sondern flehte nur: � „Sei still! Du kennst mich ja nicht. Wenn du wüßtest—" Und wie besinnungslos preßte sie ihren Kopf an feine Brust in dem einzigen Bedürfnis, sich von dem Gefühl, das sie dabei empfand, vom Glück des Geborgenseins, von der tiefen, tiefen Ruhe ganz durchdringen zu lassen, es auszukosten für alle Ewigkeit, sich daran zu stärken für die furchtbaren Nächte, die kommen würden. Er hatte sie umschlungen, ihre Hand hielt feine, die auf ihrer weichen Brust lag, und aus der Tiefe fühlte er die dumpfzitternden Töne ihres erregten Herzens. So standen sie lange Zeit, bis auf dem Flur eine nahe Tür schlug, Gepolter eines Besens oder von Schuhen und die scheltende Stimme des Stubenmädchens laut wurde. Da machte Marie Luise sich er- schrocken los, aber zurückgerissen von einem stärkeren Er- schrecken, preßten ihre rauhen und trocknen Lippen sich auf seinen Mund, in schmerzvoll stummem Kuß aus Seelennot und Sinnengual, der sich erst löste in tiefem Ermatten. Dann saßen sie beide wieder, wie sie vor einer Stunde gesessen hatten, in der Ecke des kleinen Sofas sie, das schwere Haupt voll dumpfer Glut gegen das kühle Lederkissen pressend, und er die Stirn auf die Hand stützend über dem aufgeschlagenen Tasso. Dunkelheit umhüllte sie beide pnd wogende Empfindungen, die noch dunkler waren. ....._.____ 17, Nun stieg mit blitzendem Glanz die Sonne wieder über die feuchten Schroffen des Schiern, und von dem Nebel, der gestern alle Tiefen und Höhen beherrscht hatte, war nichts ge- blieben als dünne Rauchfäden, die um die Tannen und am zerklüfteten Gestein entlang flatterten, wo sie sich eilig zu der- kriechen oder in nichts aufzulösen suchten. Grabaus aber konnte kaum begreifen, daß alles wieder da war, was doch gestern nicht dagewesen war: die rötlichen Zacken und Zinnen und der tiefblaue Himmel darüber, die Felder von gelbem Korn, von hellrosigcm Buchweizen, die sich wie ein Teppich vor dem Kirch- iturm von St. Valentin ausbreiteten. Alles lachte ihn wieder an, und der gestrige Tag schien spurlos ausgelöscht. Wirklich? War nichts geblieben? Auch das, was er gestern erlebt hatte, war auch das zerronnen? Er schloß die Augen und durchlebte alles noch einnial: wie Marie Luise, von unerträglicher Seelennot überwältigt, ihm ihr Inneres verraten, wie er hineingeschaut hatte in ihr zuckendes, sich abringendes Herz, das seinen Blicken offen da- lag und zu ihm sprach:„Vernimm doch mein stuninics Schreien, fühl doch das mit, wogegen mein Wille ankämpft, und was stärker ist als aller Wille, versteh doch, wie mein einziger 'Wunsch ist, daß du mich rettest, mich befreiest, inich ninunst, mich fortträgst, du, der Stärkere, mich, das schwache Weib, auch gegen meinen Willen, wie im Raub l" Es hatte ihn gepackt die ganze Nacht, ihn daniederge- warfen und ihn erhoben wie eine Offenbarung, und wenn früher dunkles Begehren und hellere Einsicht wie Welle gegen Welle geprallt und aneinander zerborsten waren: so schlugen nun Leidenschaft und jedes gute Gefühl in einer einzigen Woge dahin und trugen ihn dem Ziele zu. Er hatte in den schlaf- losen Stunden sich nicht bloß vorgenommen, mit dem Major zu reden, sondern in Wahrheit ihm schon alles gesagt, das zehrende, wühlende, aufreibende Leiden, an dem seine Frau zugrunde gehn würde, hatte gesprochen, nicht wie einer, der sich in frevelhaftem Verlangen vergißt, sondern wie ein Mann, der von der Heiligkeit und dringlichen Unaufhaltsamkeit seiner Pflicht überzeugt ist. Nun waren an diesem lichtvollen Morgen ihm Zweifel gekommen, doch aller Zweifel letzter Schluß war, daß er han- dein müßte. Denn jetzt ging es ja nicht um sein Glück, son- dcrn um ihres: um ihr Glück, ihren Frieden, ihre Gesundheit, ihr Leben selbst.,,, Da war er denn aufs tiefste erschrocken und gänzlich rat- los, als er, später als sonst beiin Frühstück erscheinend, die andern in einer geradezu aufgeregten Verhandlung mit dem treuherzig unbehülflichen Wirt, der stets erwiderte:„Meine Frau wird's schon wissen," und mit zwei wetterfesten Kerlen traf, die ihm sofort die eisenharten Fäuste entgegenstreckten, und von denen nach kurzer Musterung einer zu ihm sagte: »Das ist'n guter! Um den is uns nicht bange".-. Und wie er mit versteinertem Gesicht dastand, lachten alle, der Major aber rief: „Sie sind ja ganz konsterniert! Ja, ja,'s geht los." „Das hat er sich nicht träumen lassen!" jubelte Wolf. „Aber wie sagt Wilhelm Busch:„erstens es koinmt anders, zweitens als man denkt." Da schössen eisige Schauer Grabaus vom Rücken bis in die Zehenspitzen hinunter, und er dachte:„Alles kommt, wie es kommen muß." Aber lange dauerte es, ehe er ganz begriff, was geschehen war, und worum es sich handelte. Die von Grab- aus und Wolf längst geplante Hochtour: über den Schlern ins Tierser Tal und von dort auf die Rosengartenspitze sollte nun ausgeführt werden. In Bozen aber wollten sich dann alle vier treffen. Dort hatten nämlich in einer benachbarten Sommerfrische Graf Borcke mit seiner Familie Aufenthalt ge- nommen und Platens um ein Rendezvous in Bozen gebeten. Was Wolf betraf, so war dieser vor Freude und Aufregung gänzlich außer sich. Dies hatte aber noch seinen besonderen Grund. Ihm war nämlich ein Briefchen zugegangen von einer gewissen Frau James Laaß, geborenen Maggie Thön, worin diese schrieb, daß sie mit ihrem Gatten im Karersee-Hotel sei und bestimmt hoffe, er würde sie dort besuchen. Marie Luise selbst, wohl besser als an andern Tagen. aber auch sie scheinbar verändert wie Himmel und Erde voll gestern auf heute, tat nicht weniger enthusiasmiert als die andern, sprach mit den Führern von Anseilen, Kletterschuhen, Kaminen, Fclsbändern und schien nichts als die Tour im Vinn zu haben, Und der Morgen verging unter Vorbereitungen, ohne daß es Grabaus möglich gewesen Ware, mit ihr zu sprechen« Dann reichte sie ihm zun: Abschied die Hand, wünschte gutes Wettep und fröhliche Bergfahrt. Aber als er nichts erwiderte, sondern sie und darauf den Major, der gerade seinem Schwager die Schnalle seines Rucksackes festmachen half, anstarrte und dabei! ihre Hand umklainmcrt hielt, als könnte er sie nie wieder lös- lassen, da traf ihn ein gütiger Blick ihrer Augen, und nur ihm verständlich, wie heimlichen Trost, fügte sie ihren Worten hinzu:. „Wir sehn uns ja bald wieder, Heinrich." Nun war er wohl schon eine Stunde im tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gelangt war, folgte den andern und wußte nicht warum? Es war spät am Nachmittag, als! die kleine Karawane das Bereich der dunkeln Tannen verließ, Voran schritten die beiden Führer, ein wandelnder Felsblock der eine, klein, unter dem schweren Nucksack gekrümmt, abep behend und munter, mit einem vergnügten, brandroten Gno- mengesicht der andere. Beide schwatzten Ladinisch und rauchten infernalischen Tabak. Auf steilen Grashalden ging es setzt bergan. Einem Meer gleichend, das in schäumender Empörung erstarrt ist, tauchten die wilden Gcislerspitzen auf. Dumpf und hell klangen die Glocken zerstreuter Kühe. Ein frischer Wind pfiff dahin, und im tiefen Tal nächtete es bereits. Allgemach, während der Blick sich weitete und hinter den eben noch höchsten Gipfeln vielhundcrt noch höhere empor- ragten, die, wie sie sanft verglühten, an grausiger Schroffheit verloren, sank die drückende Last von seiner Seele. Zwingen- der als aller Gram, aller Zweifel erwies sich die milde und' großartige Kraft der Umwelt. Und als er dann wieder an Marie Lllise dachte, wurde von neuem alles lebendig, was ihn in der vergangenen Nacht erhoben und darniedergeworfen hatte. (Fortsetzung folgt.) Gekeimrat OxienMernas HagebucK Gestern las der Chef den ganzen Tag BiSmarckiana. Schon im Bett begann er zu blättern. Beim Frisieren hatte er die Gedanken und Erinnerungen in der Hand. Schmeichler sagen dein Chef: Seine Erinnerungen find seine Gedanken. Aber das ist übertrieben. Er erinnert sich ja nicht, sondern er blättert, bis er irgend was Brauchbares findet. Am Abend war er fertig, und er entwarf eine Note, jedes Wort mit Kiirassier-Sticfel-Sporen klirrend. Vorläufig behielt er das stilistische Meisterwerk einer kraftstrotzenden Diplomatie für sich. Am nächsten Morgen aber suchte er in der Bismarck- Bibliothek weiter. Er mutzte etwas dunkel in der Erinnerung haben, ohne die Stelle doch finden zu können. Endlich aber errötete er strahlend. Das war's. Halblaut rezitierte er die Schilderung der Szene, wie Bismarck sich bei den beiden Blutfresscrn Anno 70 erkundigte, ob die Armee kriegsfertig sei. Alsdann erschreckte er Schlieffen und Einem niit der im Welt- historischen Anekdoten-Pathos vorgetragenen Frage: Sind Sie bereit, loszuschlagen? Der Eindruck war überwältigend. Beiläufig hatte der Chef sich vorsichtshalber zuvor bei Hülsen-Häseler erkundigt, ob die Anfrage genehm sei. Alsdann ging die— beinahe hatte ich gesagt— Emser Depesche über den Rhein. Seine Erinnerung«» sind seine Gedanken— und unser Unglück. * ♦ ♦ Literaten, die in dem Rufe des Geistreichtums stehen, weil! die Schatzkammer ihrer Gewissenlosigkeit in der Produktion von schwülstigem Unsinn unerschöpflich ist, versuchen jetzt die Eitelkeit des Chefs zu kitzeln. Es ist erstaunlich, von welcher erhabenen Höhe eines überirdischen Gleichmuts diese Federärzte ganze Völker zur Kur ins Blutbad schicken. Uebermenschen auf anderer Kosten, die Millionen Leben auf dreitzig Druckzeilen im Interesse der mensch- lichen Entwicklung hinmorden. So sich aber einer erdreistet, ihre» Stil minder schön und ihren Geist komödiantisch zu finden, so rufen dieselben Herren, die eben noch die moralinsaure Sentimentalität höhnten, alle guten Geister auf zum Schutze der bedrängten Ethik und Kultur. Aber die Leute sind gerissen genug, um die Schwächen des Chefs zu kennen. Er sollte doch auch Taten, nicht nur Worte plagiiere». Und darum spotten sie über ihn, daß er sich doch nichts getraue; er zitiere Sprüche, aber wage nicht die Tat zu zitieren. Man will den Chef reizen; er möchte doch gar zu gern selbst einmal ein„grotzer Vorgänger" heitzen. Das bissige Wort: „Ein Kellner, der immer tadellos die bestellten Speisen serviert und fürstliche Trinkgelder— erbt", hat man zur Anspornung geprägt. Die Presie macht ihre Hammännchen, datz es Bewunderung und Grauen vor so viel menschlicher Knechtseligkeit einflößt. Gestern noch arbeiteten sie mit Humanität. Weltfrieden; und einen franzö- fischen Roman lieben sie doch im Grunde mehr als die ganze deutsche Literatur, den neuerdings diel genannten Schiller eingeschlossen. Ueberhanpt graditieren sie schon deshalb nach Frankreich, weil dort jeder anständige Mensch, der etwas gilt, ein Journalist rst. während bei uns jeder Journalist zwar nichts gilt, dafür aber nicht einmal anständig zu sein braucht. Trotzdem schreiben und telegraphieren die Leute alle, die Deniokraten, die Freisinnigen und Liberalen, in dem nationalen Stil: Haut sie, daß die Lappen fliegen. Die Volks- seele wird verhinterpommcrt. Ihre alberne, verlogene Erhabenheit trägt sichtbar die Bügelfalten der Wilhelmstraße. Ein sauberes Boll, in dem nur noch die Umstürzler eine eigene Meinung haben, und alle übrigen unter der gefälschten Schutzmarke einer unabhängigen Presse das Hackfleisch ans dem Prehbureau kneten. Wenn nur nicht die Abonnenten rebellieren. Ich glaube, um Marokko entsteht der I'uror tontonicus nicht, den ich übrigens, so alt ich geworden, niemals mit eigenen Augen beobachtet habe. Freilich, sie werden'S auch nicht mit Marokko machen. Man wird den Plan sir und fertig vorweisen, daß Frankreich und England uns gemeinsam überfallen werden. Gegen Frankreich wüten die Schwarzen, weil die Kirche dort in Gefahr. Und englische Anmaßung mit Buren- geschrei wird die andcrcil inflammiereir. Dennoch ist das Geschäft nicht leicht. Die rote Rotte hat die Menschen ordentlich in die Schule genommen. Sie glauben nicht mehr an uns. Und sie reden doch immerhin schon zu einigen Millionen. Freilich die Hammännchen schreibe!» noch für die Ucbcrzahl. Vom demokratischen Weltblatt bis zur kleinsten Kreiswurst pfeifen sie alle dasselbe Hurralied. Das Strafgesetzbuch ist doch eine lächerliche Erfindung; es wacht über ein paar Einzelverbrechen, die in Jahrhunderten nicht so viel Unheil über die Menschheit bringen,>vie eine einzige Schlacht, wie jeder Tag der Massenschlächterei der öffentlichen Meinung. Heute ging der Spektakel schon in Witzblättern los, die eben noch von Humanität und Franzosenliebe trieften. Man schmeichelt bereits den derben Stiefel» des guten Michel, bor denen der Wälschmann zusammenknickt. Ich denke an die schönen Siegesbilder, mit denen Väterchen seine geliebten Untertanen gegen die gelben Affe» besoffen»nachte— am Anfang l „Und sind Sie ganz sicher, baß wir im Ernstfall siegen würden „Wie soll man das wiffm l" „Sind Sie nicht überzeugt, daß im Falle der Niederlage das Volk mit uns abrechnet, daß unsere ganze Herrlichkeit zusammen- bricht, daß die rächende Diktatur des Proletariats anhebt?" „Möglich I Blicken Sie nach Rußland. Dort sehen wir eine Armee, die aus Feiglingen, Schurken und Idioten besteht, die vor der ersten Granate davonläuft, selbst die iinmer noch tapfer und stark genug, un» das Gesindel in Raison zu halten. Ich bitte Sie: Tausend Muten und ein paar Hektoliter Schnaps sichern die Herrschaft für alle Fälle. In unaelvappneteS, waffenloses Menschen- fleisch schießt man immer mit Erfolg." So schwatzten heute zwei Klubhelden. Ich dachte: Die Sprache hat aber auch ihre grausamen Launen, sie nennt die- selbe Sache oft mit aufreizend verschiedenen Ausdrücken. Heißt»nan nicht beispielsweise die Armee, die Offiziere, nach üblichem Sprach- gebrauch„das Bollwerk gegen den inneren Feind", und drücken jetzt nicht die russischen Offiziere diesen Gedanken so a»ls:„Wir wollen uns nicht als Henkersknechte gegen die Gesellschaft gebrauchen lassen". ♦ ♦ Seitdem das Gerücht sich als wahr erwiese»», daß man einen Garde-Osfizier dabei betroffen,»oic er ein sozialdemokratisches Buch ernsthaft und andächtig— ernsthaft und andächtig, nicht etlva für die Jnstrllktionsstunde— las, glaubt man in manchei» Meisen nicht mehr an die Zuverlässigkeit der Arinee. Deshalb die zehn Millionen zur Wiedererweckung der Lebensfreudigkeit für geknickte Offiziere. Die Offiziere sollen in die Lage versetzt»verde»», daß sie mit gtltcm Gewissen jederzeit schwören können, niemals eii»en Pfennig geborgt zr» haben. Es ist in Wahrheit die höchste Zeit, daß d»e Juden ihr Geld nicht mehr bloß gegen Wechsel hergebe»». Wechsel muß man einlösen, wenn nicht»nit Gold, so mit— Blei. Endlich wird ein Recht nuf das Judengeld anerkannt. Man stelle einfach fest, wie viel»inserer Offiziere jährlich im Durchschnitt zu leihen pflegen und diese Sumnie muß dann als freiwillige Ehrengabo anfgebracht werde»», und jeder Leihbedürftige hat ein Anrecht ans diese„Zuschußanleihe", die ohne Wechselunterschrift gewährt tvird.j Zehn Millionen sind als Zinsen, nicht als Kapital genügend. So nur kann die genügende Präsenz- stärke an Lebenskraft erzielt werden. Gönne»»»vir doch den Gold- bergern und Ballin die kleine Freude, nach der erste» Schlacht auf den Kriegsschauplatz telegraphieren zu dürfen;„Mit freudigein Stolz erfahre ich, daß meine Herren Offiziere sich mit besonderer Tapfer- keit geschlagen haben. Ich danke Ihnen. Zu Gegendiensten auch ferner gern bereit."— Joe, kleines Feuilleton. eo. Ein fcliics Haus.„Gewiß, Herr Meier," Frau b. Traube bewegte nachlässig den Fächer,„die Mete ist seit einigen Tagen fällig. Es»väre mir wohl auch ohne Ihre Mahnung eingefallen." „Keine Mahnung, nur eine Erinnerung, gnädige Frau." Sie nickte herablassend:„Sobald meine Revenuen eingetroffen sil»d— oder," sie rührte die Klingel,„noch besser"— ein Diener erschien—„Jean. Sie müssen sofort auf die Bank." „Wie?" Jean streckte ganz erstaunt den Kopf vor. „Auf die Bank, sage ich." Jean verbeugte sich:„Auf die Bank. Sehr wohl." _ Inzwischen hatte sich Herr Meier erhöbe»»:„Ich bitte nochmals. gnadige Frau, meine Erini»erung nicht falsch aufzufassen. En»p fehle »»ich." Ein leises Kopfnicken verabschiedete ihn. Jean blieb an der Tür stehen. „Worauf Ivarten Sie?" „Ich soll auf die Bank." „Später. Ich rufe Sie." Jean stand noch immer an der Tür. Frau v. Traube griff nach einem Journal und sah ungeduldig auf:„Nun?" „Ich möchte»»m mein Gehalt bitten. Gniidige Frai» haben es wohl vergessen?" „Richtig. Sie bangen sich doch nicht etlva uin die Kleinigkeit?" „Ol" Jean machte eine ablvehrende Geste mit beiden Hände»». „N»lr, weil ich es brauche." „Sie werden es erhalten." U>»d als Jean innner noch»vartete: „Später." Jean ging. Hinter der Tür reckte er die Hände zun» Hiininel »ind murmelte:„Später I"— „Bist Du allein, Mama Z" Ein Danienhnt schob sich vorsichtig d»lrch eine Nebentür. „Komu, nur herein, Lisa. Hast Du etwas ausgerichtet?" „Nichts." Die junge Dame ließ sich sellfzei»d in einen Sessel nieder.„Niemand ist zu Hanse, wenn ich konnne. Oder die gnädige Frau schläft. Oder sie ist ausgefahren. Nur Nosenhains traf ich." „Nun?" „Rosenhains hatten kein kleines Geld." „Du hättes doch auch großes genommen." Ein vorlourfSvoller Blick:„Mir ist gar nicht humoristisch zu M»lte, Mama. Ich habe nicht mal Elektrische fahren können. Kein Mensch gla»»bt noch an unsere Märchen I Ich bin überzeugt, sie , nachen sich lustig über uns." „Oh l" „Ganz gelviß. Ne»llich hörte ich, wie einer sagte:„Da, die Dame mit dein vergessenen Portemonnaie". Es hat sich also sicher schon heruingesprochen. Auf der Pfandleihe begrüßen sie mich auch »vie eine alte Bekannte. Schrecklich I Aber das nächste Mal kannst Du hingehen." „Ich? I" „Ja. Du sitzst hier gemütlich im Salon, und ich muß»»ich abrackern wie eil» Droschkenpferd, uin Geld aufzutreiben." «So. Ich sitze geinütlich l Heute waren nur erst drei da: der Möbelhändler, der Hauslvirt»md— Jean l" „Jean l" Lisa schämte sich.«Wozu brailchen wir ihn?" „Ilm die Gläubiger anzumelden." „Dein Humor ist schrecklich." „Notwendig, liebes Kind. Wenn ich den verlieren sollte l Ich bin schon in schwierigeren Lagen gewesen."' „Noch schtvieriger?" „Häufig. Aber Du siehst: ich lebe trotzdem." „Lebst? Hast Du schon zu Mittag gegessen?" „Wie gelvöhnlich Du Dich neuerdings ausdrückst I Kind, vergiß die gute Forin nicht!" „Ach, Form I Ich könnte Kohlrüben ans irdener Schüssel essen." „Shocking, Shocking l Lisa, was soll ans Dir»verde» l Kein Vermögen— schlinim. Keine Haltung— unverzeihlich! Kind. wenn Du einmal so plebejische Anwandlnngen in GegeiNvart von anderen laut»verde»» ließest—»vir wären unmöglich in der Gesellschaft." „Ach, diese Gesellschaft I Bei RosenhainS haben sie mir für zivanzig Pfennige CakeS vorgesetzt! ttnd ich Hab' Hunger. Verstehst Du, Mama: ganz gemeinen, brutale»» Hllnger I" Frau v. Traube starrte entsetzt auf die Tochter:„Du bist nicht bei Dir, Lisa." Dann rührte sie die Glocke.„Jean, wo bleibt daS Diner?" „Gnädige Frau," Jean machte ein heimtückisch-verlegenes Gesicht, „der Restaurateur—" „Nun?" Jean zuckte die Achseln:„Er will nicht mehr— pumpe»»." Fran v. Traube wich einen Schritt zurück:„Pn»npen I Jean l Ist das eine Art, sich auszudrücken?" � „Pardon. Kreditieren." „Es gibt wohl noch feine Restaurants in der Gegend hier." Sie wies ans dem Fenster.„Dort drüben ist gleich einG Schnell l" Jean ging. „Pumpen I Gräßliches Wort I Beleidigend geradezu." „Er hat es absichtlich gesagt. Maina, ich sah's ihin an. Entlasse ihn. Wir ziehe»» in eine kleine Wohnung»»nd richte»»»ms ein. Nur nicht diese Pumpwirtschaft l" „Lisa? Du auch? Nun, Dein Hunger entschrildigt." Es dauerte nicht lange und Jean nieldete:„J>n Speisezinnp?!» ist gedeckt." 'Soll ich jetzt zur Bank gehen?' Jean schien's eilig zu haben. „Die Banken sind bereits geschlossen. Morgen."— Während Frau v. Traube und Tochter bei der Mahlzeit sahen, klingelte eS am Hinteren Eingang. Ein Wortwechsel wurde hörbar. Äisa legte angstvoll Messer und Gabel sort und lauschte:„Mama I' Mama lieh sich nicht stören, sondern verwandte ihre ganze Ans- »nerlsanikeit auf ein gebratenes Huhn. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein beruhtes, schweihigeS Gesicht erschien im Rahmen, hinter ihm Jean, der den Eindringling zurückzuhalten suchte. „Der Kohlenhändler!" rief Lisa. „Das ist ja'ne famose Art!" schrie der.„Seit acht Tage muh ick jeden Dag hundert Prehlohlen'ruffschleppen und immer den andern Dag soll bezahlt werden. Ick möchte nu aber, det heute endlich der„andere" Dag is, verstanden? Jetzt hät'S geschnappt! Lassen Se mir los, Sie Fatzke in Kostüm I Entweder Jeld oder ick lade mir alle meine Bricketts wieder uff I" Frau v. Traube hatte sich majestätisch erhoben:„Was fällt Ihnen ein! Entfernen Sie den Mann, Jean!" Eine Balgerei entstand.„Det is ja der reine Betrug I' «Dieser Lärm!" Frau V.Traube versuchte die Tür zu schlichen. „Mann, Sie befinden sich doch nicht in irgend einer Mietskaserne! Sie sind in einem seinen, vornehmen Hause!" „Jawohl sagte Jean,„merken Sie sich das l" Es gelang ihm, die Tür zu schlieheir. Vom Flur schallte donnerndes Gelächter. Lisa sah bläh und ängstlich auf ihrem Stuhl. Frau v. Traube aber hatte es schon wieder mit dem Huhn zu tun und sagte vorwurfsvoll:„Du siehst also: es ist ganz unmöglich, Jean zu entlassen."— Astronomisches. ie. W i e sich ein Stern entwickelt, hat ein Vortrag von Dr. Wilson vor der Londoner Royal Society nach dem Stand der neuesten wissenschaftliche» Forschung gezeigt. Das Mittel zur Beobachtung solcher Umwälzungen in der Masse eines fernen Fixsterns ist durch die Veränderungen im Spektrum gegeben, das die allmähliche Verdichtung einer hocherhitzten Gasmasse anzeigt. Im Jugendalter eines Sternes weist dessen Spektrum nur wenige helle Linien auf, wie sie schon vor 40 Jahren von Huggins in einigen Sternnebeln entdeckt wurden. Wenn sich die Gasmasse langsam abkühlt, wird sie zunächst in ihrer Mitte dichter. Im Spektrum drückt sich dieser Vorgang dadurch aus, daß die Linien stärker werden. Das Spektrum wird im ganzen gleichmäßiger, kon- tinuierlicher und erreicht diese Eigenschaft i:- vollkommenem Grade, wenn der Kern des beobachteten Weltgebildes ganz undurchsichtig geworden ist. In diesem Zustand beginnen sich die Elemente nach ihrem Atomgewicht zu gruppieren, und ein Unterschied zwischen einem Spektrum des Kerns und einem anderen der leuchtenden Um» hüllung wird deutlich. In diesem Zustand befindet sich unsere Sonne, denn ihre Flecken, die durch große Ausbrüche von Dämpfen veranlaßt werden, geben ein etwas anderes Spektrum als die Photosphäre, nämlich das einer glühenden verdichteten Masse, die durch Oeffnungen in der Photosphäre sichtbar wird. Aus diesen Grundsätzen schließt Dr. Wilson, daß die Atmosphäre der Sonne noch aus etwas anderem bestehen muß, als nur aus Wasser und Helium, und ferner, daß unter gewissen Bedingungen die Temperatur eines sehr heißen Sterns ohne merkliche Wirkung auf sein Spek- trum steigen kann. Umgekehrt können Verschiedenheiten des Gas- drucks, die Linien in den Spektra von zwei Sternen ändern, deren Masse dieselbe Temperatur besitzt. Danach verwirft Wilson das bisherige Verfahren, die Fixsterne allein nach ihrer Temperatur zu klassifizieren.— Meteorologisches. — MeerundRegen. Daß der Regen mit der Verdunstung der Gewässer, insonderheit der großen Meere zusammenhängt, ist bekannt; doch dürsten nähere Einzelheiten darüber nicht jedem gegenwärtig sein und doch im Sommer, wo alles, Arbeit und Ver- gnügen, in so hohem Maße von Regen und Sonnenschein abhängt, großes Interesse bieten. Ein Aufsatz von Professor Dr. E. Brückner- Halle in der neuesten Nummer der„Naturwissenschaftlichen Wochen- schrift"(Jena, Gustav Fischer) handelt über diesen Gegenstand und erörtert die Frage eingehend und allgemein verständlich. Wieviel Wasser wir überhaupt auf unserem Planeten haben, davon kann man sich eine ungefähre Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß das Areal der Meere sich zu dem des Landes verhält etwa wie b: 2, und der Wasscrvorrat der Erde 1279 Millionen Kubik- kilometer beträgt. Ans diesen gewaltigen Wasserbecken steigt fort- während Wasserdampf auf. Man hat die Verdunstung von Binnen- gcwässern durch Verdunstungsmesser, sogenannte Evaporimeter, gc- messen; bei Binnengewässern ist aber die Verdunstung relativ größer als auf dem offenen Meere, weil die über dem Meere stehende Luft- schickst, selbst bei wechselndem Winde, immer mehr von Wasser ge- -schwängert, also weniger durstig als die über die Binnen- gewässer ziehende Luft. Gleichwohl ist das Weltmeer wegen seiner ungeheuren Ausdehnung das eigentlich speisende Kapital der Regen- fälle auf der Erde. Die stark wasserhaltige Luft auf dem Meere gibt nun den bei weitem größten Teil dieses Wassergehalts in das Meer selbst wieder ab, und zwar dürften dies 93 Proz. der gesamten Regenmenge sein, sodaß auf diese Weise der sogenannte„kleine Kreislauf des Wassers" geschlossen wird. Steigt nämlich der Wasser- dampf und kommt in kühlere Luftschichten, so nimmt die Fähigkeit der Luft, Feuchtigkeit zu halten, ab und es entsteht Regen. Die übrigen 7 Proz. der aus dem Meere aufsteigenden Wasserdämpfe aber gehen an geeigneten Stellen, von den Winden getrieben, auf das Land und geben für den Kreislauf des Wassers auf dem Lande gewisser- maßen das Betriebskapital ab. Dieses lvird von dem Lande, dessen Binnenseen und Flüsse den Bedarf an Regen nicht allein decken können, mehrfach umgesetzt, ehe es durch Quellen und Flüsse endlich dem Meere wieder zugeführt wird. Vom Meere aus, an nicht ge» birgigcn Stellen, tritt also eine große Menge wasserhaltiger Luft aufs Land, bei Westwind von der Westküste Europas aus z. B. so viel, daß diese Wasserdämpfe bis nach Ostsibirien getragen werden. An Gebirgen stoßen sich aber bekanntermaßen die Regenwolken, sie müssen an diesen emporsteigen und entledigen sich dabei ihres Wasser- dampfes. Daher der Rcgenreichtum der Gebirge. Eine weitere Veranlassung zur Ausscheidung des Wassers aus der Feuchtigkeit haltenden Luft bietet auch die aufsteigende Bewegung der Lust in Zyklonen, d. h. in Luftwirbeln, die über die Erdoberfläche hinziehen. In diesen Wirbeln, die sich durch niedrigen Lustdruck auszeichnen. steigt die Luft, die hier von allen Seiten herangezogen wird, auf weiten Gebieten in kühlere Regionen empor, und so kommt es hier zu Wolken- und Regenbildung. Befinden wir uns also in Zyklonen, so haben wir Regen, stehen dagegen Antizyklone an Europas West- lüfte, so halten diese die Regenwolken fern, und Trockenheit herrscht im europäischen Binnenlande, wie es in Mittel- und Westeuropa im Jahre 1893 mit seinem trockenen Frühling und Spätsommer der Fall war und ebenso in dem trockenen Sommer 1994. Unter Bc- rücksichtigung all der interessanten Verhältnisse, die bei dem Kreis- lauf des Wassers eine Rolle spielen, hat Professor Brückner Kurven entworfen und gefunden, daß sich in ihnen eine periodische Tendenz zu erkennen gibt, nach welcher trockene mit feuchten Zeitläufen ab- wechseln. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Trockenheits- Periode, bei welcher nur etwa 190 009 statt sonst 125 999 Kubikmeter Wasser vom Meere auf das Festland gelangen.--»» Humoristisches. — Aus der Schaffner-Praxis.„Habe ich noch Zeit, meiner Frau Adieu zu sagen?" „Da kommt's d'rauf an, lvie lang Sie verheiratet sind!"— — Verteidiger-Standpunkt. Advokat(zu seinen Kollegen):«... Es war für mich ein außerordentlich schwieriger Fall I Der Kerl wollte immer gestehen!"— — Gemütliche Gegend.„Sagen Sie'mal, Herr Wirt— sechs Tische haben Sie da stehen, und an jedem sitzt ein Gastl... Sind denn das alles fremde Bauern?" „Nein, das sind schon hiesige I" „Ja, warum setzen sie sich denn nicht zusammen?!" „Die prozessieren alle miteinander!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Die Wiener Schriftsteller Philipp Langmann, I. I. David und Rudolf Holzer erhielten aus der K a t h i- f röhlich-Stiftuug zur Förderung und Aufmunterung von iterateu Preise zu 1999 Kronen(899 M.).— — Richard Vallentiu, der Oberregisseur des Kleinen und Neuen Theaters, ist an das Deutsche Volkstheater in Wien engagiert worden.— — Die Sammlung deutscher Volkstrachten im Germanischen N a t i o n a l m u s e u m zu Nürnberg füllt einen großen Saal und zeigt an 353 bekleideten Figuren, Halbfiguren und Büsten die verschiedenen Typen der Männer- und der Frauentracht. Neben den vollständigen Kostümen sind noch einzelne Stücke, Hauben, Hüte, Mieder usw. aufgestellt.— — Zwei Ouadratineilen des berühmten Moors von W e st N a b(Grafschaft Dorkshire) sind ausgebrannt. Tausende von Gronsehiihnern kamen in den Flammen um.— — Die landwirtschaftliche Lehranstalt und Versuchsstation zu S. M i ch e l e an der Etsch(Throl) bedeckt mit ihren Ländereien eine Bodenfläche von 119 Hektar. In ihren Baumschulen sind u. a. die Aepfel mit 164, die Birnen mit 163 und die Trauben mit 439 verschiedenen Sorten vertrete».— s. Die Entdeckung von Gold in Island hat auf der Insel ein richttges„Goldfieber" hervorgerufen. Nach Nachrichten aus Reykjavik wird in der Umgebung weiter nach Gold geschürft, und es sind bc- reits viele neue Funde gemacht worden. Ein Ingenieur hat einen großen Goldklumpen in Vestlander gefunden, das ziemlich entfernt von Reykjavik liegt.— — In Prag wurde dieser Tage die Leiche eines älteren Mannes aus der Moldau gezogen. Man fand bei ihr einen Zettel, auf dem ein Zweizeiler geschrieben war, der in deutscher Uebersetznng lautet:„Ich habe gearbeitet, ich Hab mich geschunden, Allein mein Weib Hab ich nie überwunden." � Verantyiortl. Redakteur: Franz Rehbein» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer LeCo„Berlin 2 V/,