Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 122. Dienstag, den 27. Juni. 1903 (Nachdruck vervoteu.) 421 flammen. Roman öon Wilhelm Hegeler« Die lauten und verworrenen Stimmen der Nacht klangen nun zusammen zu einer ätherklaren, stillen und doch wunderbar starken Melodie, zu einem unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen (Steinhalden und dem saufenden Wind, aus dem feurigen Glühen der Nadeln und Zinnen und den in der Ferne wie neue Erdkugeln gewölbten Schneebergen, deren violettes Leuchten sich in geheimnisvolle Dämmerungen verlor. Weite Räume umspannte in diesem Augenblick sein Geist, verknüpfte das Gegenwärtige mit längst Vergangenem, und es war ein Glück ohnegleichen, als er empfand, wie dasselbe Gefühl, das ihn einst durch die lärmvollen Straßen Berlins getragen hatte, auch hier seine Seele wie auf Fittichen erhob. Es war finster geworden. Ueber einer zerrissenen Fels- wand funkelte der große Abendstern. Da hastete in großen Sprüngen jemand den schmalen Steig hinunter. Einer der Führer schrie ihn verwundert an, er schrie eine kurze Antwort zurück. Wolf fragte, was denn los wäre, worauf der Führer lakonisch versetzte: „Abgestürzt soll einer sein." Als sie das Herrenzimmer des Schlernhauses betraten, waren dort im dicken Qualm der Pfeifen und Zigarren alle um einen Herrn versanimelt, der über den Abgestürzten Aus- kunft zu geben schien. Doch nahmen sie sich zu näheren Er- kundiguugen nicht Zeit, sondern sahen sich erst nach einem Nachtlager um. Später, während sie Toilette machten, kam einer der Führer herein und sagte, der Abgestürzte wär ein buckliger Gelehrter, eim Ausländer. Sie dachten sogleich an ihren Freund aus Schweden und ließen sich vom Wirt die Leiche zeigen. Diese lag in einem kleinen Zimmer auf einer Matratze, beleuchtet von einer glockenlosen, grellen Petroleum- lampe. Nur wenig hoben sie das weiße Laken auf und er- kannten trotz der großen Wunde das scharfkantige Gesicht so- fort. Der Wirt erzählte, daß der Fremde oft zu den Mahl- geilen hergekommen sei, auch einige Male hier geschlafen habe. An diesem Nachmittag hatte ein Hirte ihn in den Felsen des Jungschlerns aufgefunden, noch lebend hatte man ihn hierher transportiert, wo er aber bald gestorben war. Sie teilten dem Wirt mit, was sie wußten, und erfuhren, daß der Hüttenwart Geld und Papiere des Toten an sich ge- nommen habe und für alles Nötige sorgen würde. Wolf war schweigend hinausgegangen. Vergeblich suchte Grabaus ihn in den Räumen der Hütte, bis er ihn dann draußen auf einem Steinhaufen sitzen sah, wo er gedanken- verloren in die schwarzen Gründe hinabstarrte. Nach einer Weile betrat Grabaus noch einmal das Zimmer, in dem dieLeiche lag. Ein schwcrerGeruch vonSchweiß und Blut erfüllte den Raum. Doch stärker als das war ein feiner, süßer, durchdringender Duft, den er gleich anfangs wahrgenommen hatte. Mit grauenhafter Neugierde hob er das Laken auf, aber so schrecklich starrten die schielenden, halb geschlossenen Augen des Toten ihn an, daß er das Gesicht schnell wieder zudeckte. Während er sich grübelnd umsah, nahm er vom Boden ein kleines, grünes Pflänzchcn auf, mit un- scheinbaren weißen Blüten. Er roch daran, der Duft war so stark, als könnte man ihn nie wieder los werden. Und Plötz- lich— er wußte nicht warum?— fand er einen Znsammen- hang zwischen sich und dem Toten. ** # Zwei Tage später langten die Freunde in der Kölner Hütte an und stiegen dort zum Karerpaß hinunter. „So, dös wär die letzten Quellen. Wenns dem gnä' Herr 'gefällt, könnten wir hier raschten," sagte der lange Alois zu Grabaus. Da alle zustimmten, wurden die Rucksäcke abgeworfen, und man lagerte sich um den kleinen Quell, der von einem Holz- röhrchen aufgefangen, umwuchert von saftiger Brunnenkresse und blühendem Moos, aus dem Felsinnern hervorrieselte. Verwildert, ausgedörrt, sonnverbrannt, mit zitternden Sehnen und Nerven von der anstrengenden Kletterei über Grate und Platten waren die beiden Freunde, noch rollte ihr Blut fieber- Haft erregt, gesteigert waren ihre Empfindungen, und ihren Gedanken gaben sie einen urwüchsigeren Ausdruck als sonst« Die Führer hatten die Reste des Proviants zusammen, gelegt und meinten, die müßten die Herren doch mitnehmen.- „I, macht's nur gar," erwiderte Wolf, worauf sie die großen Fleischscheiben auf ihre Nickmesser aufspießten uud Schinken, Speck, Butter und Brot mit gleichem Appetit ver- schlangen. Dabei wurden ihre Gesichter um so ernster und ehrbarer, je besser es ihnen schmeckte. „Ist das ne Hitze hier unten," stöhnte Grabaus, der lang ausgestreckt zu den jähen Hängen des Latemar hinaufstarrte« „Müssen wir wirklich ins Tal hinunter? Zu der Menschen- bagage?" fragte er, unmutig gestimmt durch die Aussicht, noch eine Nacht im Karersec-Hotel verweilen zu müssen. „Na, höre, Menschenbagage! Da unten sind sehr nette Menschen!" meinte Wolf beziehungsvoll« .„Aber oben is halt luftiger!" „Können Sie mir nicht irgendwo in'ner Senne eine Stellung als Geisbub verschaffen, Sie Alois?" „O mei, das hielten der Herr net aus,'n ganzen Tag mit dem Vieh dischkurieren. Die sein für'n Herrn Doktor doch zu dumm." „Ach, mit Berg und Himmel würde ich diskurieren die sind nicht zu dumm," erwiderte Grabaus. Er schaute ins Tal hinab mit umdüstertem Blick und warf sich dann zurück ins Gras, wo über seinen Augen der tiefe Himmel blaute. Herausgerissen aus aller menschlichen Gemeinschaft fühlte er sich, ein mächtiges Sehnen trieb ihn hinauf, zurück in die Einsamkeit— die starren Felsen um sich und nachts den Sternenhimmel über sich, allein mit ihr, und alles, was sonst noch Mensch hieß, tief, tief unter sich. Nach einer Weile aber mußte er mit Erstaunen bemerken, was für seltsame Veranstaltungen Wolf betrieb. Zuerst hatte er mächtige Grasbüschel ausgerissen und sich die Schuhe blank gerieben. Dann wusch er sich an der Quelle mindestens drei- mal die Hände, wozu er sogar Seife benutzte. Darauf bürstete, kämmte und striegelte er sich. Aber damit noch nicht genug, band er sogar noch Kragen und Krawatte um. „Was treibst denn Du für Blödsinn?" fragte Grabaus« „Na, man muß sich doch etwas anständig machen, da man wieder unter Menschen kommt." „Muß man?" Nachdem Wolf sich genügend herausgeputzt hatte, drehte er den dreien an der Quelle seine Kehrseite zu und fragte, oh man den Riß in seiner Hose sähe? „'s is net gar so gefährlich," meinte der gutmütige Alois« „Wann's die Hand davor halten, stacht mer nix." „Ich kann doch nicht inmier die Hand davor halten.—* Ist es wirklich sehr schlimm?" wandte er sich an Grabaus. „Mein Lieber, kein Rosengarten ohne Dornen. Ich würde es als Ehrenzeichen ansehn.— Uebrigens ist die Unterhose ja noch heil." „Aber ich kann mich unmöglich so vor Maggie sehn lassend „Du mußt sie schön bitten, daß sie's Dir zustopft." Diese Bemerkung schien aber Wolf sehr übel zu nehmen« Er machte ein böses Gesicht, und nachdem er eine ziemliche Weile ganz verstummt war, trieb er energisch zum Aufbruch« Während die beiden hinter den paffenden Führern über die Wiesenhängc hermarschierten, schob er plötzlich den Arm unter den seines Freundes und sagte: „Heinrich, Du weißt nicht, wie mir zumut ist." „Wieso?" „Ehrlich gesagt, ich bin noch wahnsinnig verliebt." „In Maggie?"__________ „Ja.— Weiß der Himmel, vielleicht wäre es besser, ich sähe sie nicht wieder! Und wenn ich an ihren Mann denke — an diesen James Laaß— überhaupt, was ist das für ein gottverlassener Name— wenn ich mich bloß beherrsche, wenn ich bloß keinen Streit anfange mit diesem Menschen!" „Das wirst Du schon nicht tun." � „Ach, warum habe ich sie nicht geheiratet?. Ja, ja, ich fijcvg, eZ Ware Wahnsinn gewesen. Ich weiß alles. Aber glücklich wäre ich geworden." „Das wärst Du nicht, mein Junge. Auf die Dauer hätte Maggie Dich niemals glücklich gemacht. Denk doch nurl Mit Deiner Schwester entzweit, Karriere, Zukunft, alles aufge- geben. Nein, nein, Maggie ist nicht die Frau, für die man alles opfert. Maggie nicht." „Nie werde ich Maggie vergessen," erwiderte Wolf. ,;Jch schwör Dir's. Nie werde ich aufhören sie zu lieben. So reizend, so lieb, so— ach. so ganz Weib und verführerisch kann nie eine andere sein." „Aber das, was verführt, fesselt nicht fürs Leben. Du wärst schwer enttäuscht worden, wenn Du Tieferes bei ihr ge- sucht hättest." „Ach, wenn sie oberflächlich und leichtsinnig erschien, so war das nur die Schuld ihrer Umgebung. Wenn einer ehrlich gesucht hätte, das Tiefste hätte er bei ihr gefunden.— Nein, nein— mein Gott, ich sterbe ja nicht an dieser Leidenschaft, aber mein Glück, das weiß ich, habe ich ewig verscherzt." „Du Tori" dachte Grabaus bei sich mit leisem Mitgefühl und Spott.„Bist vierundzwanzig und sprichst von der- fcherztem Glück." Es schien ihm Blasphemie, daß man sein Glück verscherzen könnte um einer andern willen als um Marie Luise. Doch dann verfiel er in tiefes Staunen. Ging es ihnen beiden nicht wie den armen Narren im Irrenhaus, die auch, jeder von seiner fixen Idee gebannt, dennoch die des andern durchschaute und für das nahm, was sie war?— Bielleicht befand er sich in gleicher Lage wie Wolf: leidenschaftvcrblendet, für ewig haltend, was nur ein kurzes Fieber war- i- Doch �kaum gedacht, verschlangen tausend empörte. Stimmen diesen Frevel. Wie auf goldnen Wolkenthronen schwebte sie, die für ihn die Seele des Lebens war, die Seele seiner Seele, die Weleberin seiner Augen, daß überall, wo er sie sah, Fröhlich- keit und Schönheit entstand, und die Welt leer und tot wurde, wenn sie fern war. Ucber grüne Wiesen, auf denen blanke, schöne Rinder von besonderer Rasse, mit langgebogenen Hörnern weideten, führte der Weg in prachtvollen Fichtenwald. Dann tauchten mit einem Mal die schmucken Baulichkeiten des Karerscehotels vor -ihnen auf. Anmutig bewegt war das elegante Treiben dieser Kara- wanserei inmitten der grünen Einöde: das massive Schweizer- Haus mit seinen Veranden und Terrassen, dem Wagenpark, den hin und her eilenden Kellnern, der eleganten Gesellschaft, die vor dem Hotel promenierte und sich auf den Tennisplätzen ergötzte. Plötzlich sagte Wolf, auf eine Dame in weißem, fußfreiem Wostüm und grauen Lederschuhen deutend: „Das ist Maggie," und dabei zog er sich noch schnell sein Jackett herunter. Ehe die beiden Frau Laaß erreicht hatten, war an diese der Portier herangetreten, indem er ehrerbietig seine Mütze in der Hand hielt. Maggie schien sehr erregt, nach ihren Gesten gu urteilen. Einen Augenblick zauderten die Freunde, als aber die Unterhaltung sich in die Länge zog und sie Ausdrücke wie: „Unerhört!— Noch heute die Rechnung!— Bin das nicht gewöhnt." vernahmen, trat Grabaus entschlossen heran und jagte den Hut ziehend: „Guten Morgen, gnädige Frau!" Eine reizende, des Theaters würdige Erkennungsszene spielte sich nun ab. Erschrocken trat Frau Laaß zurück, legte abwehrend die Hände auf ihre Brust, doch dann dämmerte ein Erkennen in ihr auf, und plötzlich wie hellster Sonnen- schein strahlte die freudige Gewißheit aus ihrem schönen Gesicht: „Sie sind's! Herr Doktor Grabaus!— Herr von Hellen meine lieben, lieben Freunde.— Ja, wie kommen Sie nur hierher?? Ach, ist das eine Ueberraschung!" Kindlich vergnügt klatschte sie in die Hände. „Ist das ein glückliches Zusammentreffen! Erzählen Sie! Erzählen Sie! Nein, daß Sie plötzlich hier auftauchten! Etwas Schöneres könnte ich mir wirklich nicht denken. Nun bin ich auch mit unserem Mißgeschick ausgesöhnt. Denn was uns passiert ist.— Denken Sie nur!" Sie zog die beiden mit zu einem Tisch und, kaum Atem holend in der Hast ihres Sprechens, begann sie mit einer Wichtigkeit, die erschütternde Dinge erwarten ließ: „Stellen— Sie— sich— also— vor,— mein Mann und ich wollen hier für einige Zeit Aufenthalt nehmen.— Man hat uns Wunderdinge von diesem Hotel erzählt— drt' erstklassiges Haus mit allem Komfort ausgestattet. Nurr schließlich darüber kann man sich ja auch nicht beklagen. In den Bergen verzichtet man ebenso auf mancherlei, woran mani sonst gewöhnt ist. Aber was man uns zugemutet hat!— Alsc» von Bozen aus hatten wir depeschiert!— Mit Rückantwort' natürlich— ob passende Räumlichkeiten frei wären, zweij Schlafzimmer und ein Salon? Wir bekommen die Nachricht. alles wäre bereit.— Also wir langen hier an. Welche Nach- richt empfängt uns??-- Die Räume sind nicht frei ge? worden. Die Gäste sind krankheitshalber geblieben. Das! ganze Hotel besetzt. Nur noch ein kleines Zimmer zu haben. Und nun denken Sie— denken Sie!!"— und dabei nahm ihr Gesicht einen so wahren Ausdruck des Entsetzens an, daß die beiden unwillkürlich etwas Furchtbares erwarteten „denken Sie,— seit drei Nächten muß ich mit meinem Mann in einem Zimmer schlafen." Diese Worte wirkten so komisch, daß Wolf der geliebten Frau einfach ins Gesicht lachte und naiv sagte: „Aber das schadet doch nichts!" „O, wenn man verheiratet ist, ist es geradezu fürchterlich! Mein Mann leidet noch mehr darunter als ich. Er ist durch und durch Aesthet. Alte Rasse, müssen Sie wissen. Und so verwöhnt! So verwöhnt!" „Was ist denn sein Papa?" fragte Wolf. '„Schifssreeder in Hamburg. Horrend reich, natürlich.—> Aber das ist nicht das einzige Unglück. Denken Sie nur, wie wir hier ankommen, stellt sich heraus, daß der Esel von Kutscher meine sämtlichen Schirme verloren hat. Nicht einen einzigen Sonnenschirm besitze ich. Natürlich muß ich auf alle Spaziergänge verzichten." „Ja, potztausend, warum denn?" „Soll ich mich etwa von der Sonne schwarz brennen lassen? Meine Haut ist ja so zart. Sehn Sie nur an, wie meine Hände schon gebräunt sind." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Oer Jubilar. Von Stefan Großmann. Das Kontor des Buchhalters war heute mit Blumen geschmückt. Wo sonst eine dicke Lage Löschpapier auf dem Schreibtisch lag, da war heute eine blühweise Serviette ausgebreitet, in deren Mitte eine großmächtige Torte stand, auf der— zwischen einem süßen Kranz von eingemachten Früchten— mit weißem Zucker die Worte aufgetragen waren: Unserem lieben Buchhalter Leopold Kaden zur Feier seines 40. Amtsjahres> Auf dem Tisch, wo gestern das Kopierbuch gelgen, stand heute ein großer Korb, voll mit roten und grünen Papierschnitzeln, aus denen sechs hohe Flaschenköpfe hervorlugtcn. Die Tür war mit Tannenreisig geschmückt. Auch über die Geschäftsbücher, die auf den Stehpulten lagerten, waren weiße Tücher gebreitet; hier wurden die Geschenke aufgestellt: Zigarrenkisten, eine Schachtel mit einer verheißungsvollen Lederbrieftasche, ein Stock mit schwerem Silber« griff, und. weiß der Teufel, was noch. HerrKaden saß einigermaßen ermüdet in seinem breiten Schreib» tischsesfel. Nun, er war gerade kein Freund der feierlichen An- sprachen. Es kam ihm ziemlich kurios vor, daß da plötzlich das gesamte Personal, Kontoristen, Magazinleute, Diener, alles in allem vierundneunzig Personen, mit dem Chef an der Spitze, um ihn herumstanden, ihn angafften und in ihn hineinredeten....Was stehen Sie denn da herum?" hätte er den jungen Angestellten am liebsten wie sonst zugerufen:.jetzt ist Geschäftszeit!" Oder:.Hier ist kein Salon zum Plaudern!" Uebrigens hat das auch an Werk- tagen die jungen Leute am Weiterplaudcrn nicht gehindert, sie wußten, daß alle diese Mahnungen nur zur Einlullung des eigenen Gewissens gesprochen wurden. Am Ende stand der alte Buchhalter gewöhnlich bei ihnen und tratschte mit.... Der Chef selbst stand an der Spitze der vierundneunzig Leute vor ihm. Und er mußte als der einzige sitzen, er mußte als der einzige stillhalten, die anderen durften von Zeit zu Zeit.Bravo!" oder.Hoch!" rufen, er mußte wortlos in dem breiten Schreibtisch- sessel sitzen bleiben und warten, bis die Reden abgelaufen waren. Der Schweiß rann ihm hinunter, als der Chef immer wieder von seiner unermüdlichen Arbeitskraft, seiner absoluten Verläßlichkeit. von diesem Muster redlicher Pflichterfüllung sprach.„Dieser Mann." rief der Chef mit Pathos,„hat ein Leben redlicher, harter Arbeit hinter sich! Was er besitzt, seine Stellung... seinen guten Namen... seine allgemeine Beliebtheit... er hat es seiner Arbeit, nur seiner Arbeit zu verdanken!" Ganz verlegen saß der alte Buch« Halter da und sah bor Verlegenheit bloß immer auf seine alten, übereinandergelegten, faltenreichen Hände... Kaum hatte der Chef geendigt, so begann der Prokurist„im Namen der Kollegen", hüstelnd, räuspernd, steckenbleibend. Nur „einige aus dem Herzen kommende Worte" wollte er sagen, aber sie nahmen kein Ende, weil er sie schlecht auswendig gelernt hatte. Dann sprach noch ein Praktikant, der sich einbildete, Talent fürs Theater zu haben, ein Gedicht„im Namen der Jugend". Da hätte Kaden nun zwar lächeln dürfen, aber der Jüngling deklamierte so leidenschaftlich, daß er ihn nicht stören wollte. Dann kam die Geschenkbesichtigung. Zu jedem Päckchen mußte er„Ah! Das ist aber hübsch!" sagen, denn er wollte niemand kränken. Am Schluß kam das Händeschütteln. Jeder von den vierundneunzig Leuten mußte ihm noch etwas besonders Herzliches oder Lustiges sagen, und er konnte nicht abbrechen, denn am Schluß kamen die kleinen Schreiber, die Diener und die Hausknechte, und gerade mit denen war er während der vierzig Jahre immer auf bestem Fuß gestanden. Endlich, endlich konnte er das Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen, nachdem die„Gratulationshorde", wie er sagte, zu ihren Schreitbischen und sonstigen Arbeitsplätzen zurückgekehrt war. Nur der alte Kamerad, der Prokurist, war bei ihm zurückgeblieben. „Mir brummt der Schädel ein wenig!" sagte Kaden erschöpft, „ich vertrag' es nicht, daß vierundneunzig Leute fortwährend auf mich sehen!" „Leopold! antwortete der Prokurist, da gibt eS nur ein Gegenmittel. Wir kosten den Wein." Während der andere die erste Flasche entkorkte, wehrte sich der Buchhalter: „Nein, ich kann nicht arbeiten, wenn ich vormittag einen Wein trinke." „Es ist Klosterneuburger Stiftswein," erklärte der Prokurist. ohne sich stören zu lassen, und schenkte die Gläser voll.„Schau, wie hell, goldhell!" „Nein, wirklich, ich kann nicht mehr arbeiten.,." „Aber Kaden, Freund, Jubilar, was fällt Dir ein. Du wirst doch heute nicht arbeiten... Prosit!" Sie tranken mit gutem Zug, der Prokurist schnalzte noch mit der Zunge, wog einen Proberest auf der Zunge, prüfend, ehe er mit Behagen sagte:„Delikat!" Herr Kaden schnitt noch immer ein langweiliges Gesicht. Das verdroß den Prokuristen. „Ich kann nichts dafür," sagte der Buchhalter mißmutig,„aber ich habe Kopfschmerzen." „O, da hilft nur eines. Noch ein Glaserl und sie sind weg." Der Prokurist schenkte die leeren Gläser schon wieder ein.„Mir zulieb', Kaden! Sollst leben!" Sie tranken ein zweites Glas. Herr Kaden bekam rote Backen. „Die Reden waren ja sehr schön." sagte der Buchhalter,„aber es ist doch genant. Der Chef redet schön, das ist wahr." „Großartiges Aromal" Der Prokurist sprach vom Wein. „Und dann der im Namrn der Jugend! Wie er schrie! Aber er hat entschieden deklamatorisches Talent!" Der stammt noch aus den Fünfzigerjahren. 1856 er! Richtig!" „Und Deine Rede war wirklich lieb! Also Profit, alter Freund!" Sie tranlcn. Jetzt bekam auch der Prokurist rote Backen. „Ah, Du sprichst noch von den Reden!" antwortete der Prokurist gedehnt, den Weingeschmack am Gaumen nachgenicßend.„Ja, meine Rede war mir schrecklich fad. WaS soll man denn sagen? Ange- nehm ist es ja doch nur, wenn mvn sc gemütlich beisammen fitzt." „Willst Tu ein Stück Torte?" Der Buchhalter erinnerte sich jetzt gn seine Wirtspflichten, die er in seinem Bureau hatte. „Ja, warum nicht?" Kaden ging zum Pulte, wo sonst das Kopierbuch lag, und beugte sich, mit dem Messer in der Hand, über die Torte. Ehe er noch an» schnitt, wich er wieder zurück.„Na, lasten wir die Torte lieber! Ich würde die Aufschrift zerstören." Sie lachten und tranken. „Ja, meine Rede!..."„Bin ich froh, daß ich jetzt zehn Jahre Ruhe habe. So was ist schwer zu lernen... Der Chef ist das freilich gewöhnt. Wenn er mit seiner Großartigkeit„Guten Morgen, meine Herren!" sagt, ist das schon eine halbe Rede!" Der Buchhalter machte jetzt ein ziemlich fideles Gesicht. Kein Gedanke an die Arbeit mehr!„Seine Reden sind aber auch nur Wastcr," sagte er lächelnd. Das Lächeln blieb auf dem geröteten Gesicht des alten Herrn. „Nun?" fragte der Prokurist, der mehr zum Tiefsinn neigte. „Ein kleines Gläschen noch!" bat der Buchhalter,„und dann werde ich Dir etwas sagen, Du wirst spitzen!",., Der Prokurist schenkte ein, sie tranken. Das Gesicht des rotbackigen, weißhaarigen Buchhalters wurde noch lustiger. „Weist Du, was ich mir gedacht habe, wie der Chef so fort- während von bewährter Treue und erprobter Redlichkeit und allen meinen Tugenden redete? Soll ich Dirs sagen?... Ganz entre nou». Ich möchte so gern einmal... etwas schnipsen." Der Prokurist starrte mit seinen immer tiefsinnigeren Blicken den Buchhalter an. „Ja wirklich," flüsterte Kaden lachend,„das wünsch' ich mir seit vierzig Jahren! Eine leichte, gelungene Dieberei erschrick nicht!... Dicberetzf... Ich kann's natürlich nicht, ich hätte zu viel Angst, ich bin zu offen und zu schwerfällig. Ich fürchte mich vor dem, loas die Leute sagen würden, und vor meinen Gewissensbissen t Aber das ist eigentlich mein geheimer Wunsch während der vierzig Jahre gewesen: Wenn ich nur die Courage zu einer kleinen Dieberei aufbrächte." Herr Kaden lachte froh, er freute sich, daß er jetzt wenigstens den Mul zu diesem Geständnis aufgebracht harte! Aber der Pro- kurist betrachtete ihn mit beklagenden Blicken. Erst die Auffvrde- rung, noch ein Gläschen zu sich zu nehmen, weckte ihn aus trüben Secleusorschungen. „Du verstehst das nicht," schwatzte der rotbackige alte Herr, dessen Augen jetzt auch zu glänzen anfingen,„und es wäre mir nicht eingefallen, wenn mich der Chef nicht darauf gebracht hätte. Meine Beliebtheit habe ich mir mit saurer Arbeit verdient I Wie viele Jahr« zahle ich für diese Torte?!..." schrie er jetzt, zornrot im Gesicht. Im nächsten Moment aber kam schon wieder ein kleines, besänftigendes Lächeln über sein Gesicht.„So eine leichte, kleine Dieberei ist dcch was viel vornehmeres! Nicht? Man muß keine schwere Lastfuhr Arbeit jahrelang vor sich her treiben. Ein kleiner, leichter, eleganter Griff und..." „Kaden!" rief der andere bestürzt und erhob sich,„vergiß nicht. daß ich zwar Dein Freund, aber der Prokurist des Hauses bin!" Doch der Buchhalter, der ganz gemütlich gelaunt war, puffte den Prokuristen bloß gemütlich in die Seite:„Bleib' doch sitzen... Wir plaudern ja nur so... Jetzt bin ich endlich ein bißchen in Festlaune, da wirst Du tragisch!" „Ich will Deine Worte der gehobenen Jubiläumsstimmung zu< schreiben," sagte der Prokurist fast mit dem großartigen Tonfalle des Chefs. Nachdem er noch ein Gläschen getrunken hatte, versank er in wortlos tiefsinniges Schweigen.,, l�lew.es feuitteton. e. s. Ausstellung im Kunsigcwrrie-MuseilNl. Adolf Schrödter ist am 23. Juni ItzvS geboren, zu seiner Erinnerung veranstaltet daS Museum im Lichthof eine Ausstellung seiiicrsornamentalen und dekorativen Zeichnungen. Schrödter stamint aus Schwedt a. Oder. Sein Vater war Kupferstecher und betätigte sich in allerlei einfachen Arbeiten seines Faches, in der Herstellung von Etiketten u. dergl. Schrödter lernte in Berlin. Neben dem Handwerk machte er sich mit der Kunst bekannt. Er besuchte die Akademie, verkehrte mit Schadow und einer Reihe anderer Berliner Künstler von Ruf. Als Schadow nach Düsseldorf berufen wurde, folgte ihm Schrödter nach einigen Jahren. Er wandte sich dort zuerst mehr der Malerei zu und sein märkisches Temperament zeigte sich darin. daß er die riUjrsam-romantische Note der dortigen Geschichtsmaler ins Derb- Naturalistische parodierte, Wirtshausszenen vom Rhein keck hinstellte. Der Kupferstichkunst wandte er sich im Jahre 1838 wieder zu. Im Verein niit mehreren anderen Künstlern arbeitete er an den„Liedern eines Malers" mit. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankfurt, Ivo er in der dort tagenden Nationalversammlung Stoff zu zeichnerischen Exkursen suchte, wurde er 1869 nach Karlsruhe an die dortige Hoch- schule berufen, wo er 137b starb. Um Schrödter» Bedeutung recht zu verstehen, muß man einige Zeit zurückgehen. Wer aber einen offenen Sinn für jede künstlerische Erscheinung, gleichviel welcher Richtung und Mode sie huldigen, be- halten hat, braucht das nicht. Denn die ausgestellten Zeichnungen haben trotz ihrer, oberflächer Betrachtung als altmodisch erscheinenden Fassung, soviel Leben und Natürlichkeit, offenbaren sofort den innigen Zusammenhang mit des Künstlers Charakter und Temperament, daß keine historische Erinnerung notwendig ist. Der Fülle des ornamental-dekorativen Reichtums, den Schrödter als Künstler von der Vergangenheit überkam, fügte er als selbständig ihm gehörenden Teil die Gründlichkeit der.Behandluug im Zeichnerischen und Farbigen, dabei eine graziöse Leichtigkeit in der Komposition und eine satirische geistreiche Auffassung, die immer lachend über den Dingen stand, bei. Er ist so romantisch und weich wie Schwindt; er träumt wie Ludwig Richter. Aber neben diesen süddeutschen Gaben steht seine norddeutsch-kritische Betrachtung, die ihn befähigt, den Stoff straff zu komponieren, die Fälle zu bändigen. Er verlor sich nicht, wie manche seiner Mitstrebenden, wie cS im Wesen der Romantik lag. in das Dickicht der eigenen, übertriebenen Empfindungen- Ein gesundes Gegengewicht in seiner Natur bewahrte ihn vor süßlicher Empfindelei, die uns oft die romantische Literatur und Kunst ungenießbar macht. Er mischt in die Zartheit und Sanftheit eine Menzelische Dosis, und diese Mischung, die in seinem Wesen be- gründet lag, kommt der Kunst zugute. Er übernimmt die geschlungen« Arabeske als Buchschmuck, die als Viereck ein Gedicht, einen prosaischen Text umrahmt. Eine Fülle von Pflanzenmotiven streut er aus. Gestalten wachsen schallhaft lachend aus den Gewinden hervor. Mit sichcrem, dekorativem Gefühl hütet er sich jedoch davor, ein Bild geben zu loollen. Er vertieft den Hintergrund nicht. Er gibt keine Perspektive. Seine Figuren behandelt er wie seine Blumen. AlleÄ erscheint nur wie eine luftige, graziöse Phantasie. Und in manchem erscheint er, was Fülle der Erfindung, Leichtigkeit der Behandlung anlangt, als Vorläufer von Menzels Buchschmuck. Der prickelnde, leichte Geist des Weines spricht auS seinen schön erfundenen Motiven. Manchmal deutet er selbst darauf hin, er ver- wendet Gruppen leicht schwankender Gestalten als Ornament und Ver- zierung. Der Düsseldorfer Aufenthalt prägte diese Neigung wohl irr ifim ans, die durch die ganze romantische Richtung in ihn gelegt war. All die Romantiker, E. Th. A. Hoffmann, Schwindt, Jmmermann, Tieck, Brentano liebten den guten Tropfen, und ans den Liedern der romantischen Zeit tönt immer wieder das Lob des Weins. Das Derbe und das Launige, das Sinnige und das Krästsge ist gleichermaßen zu guten Teilen in seinem künstlerischen Charakter vermischt. Auch zeichnerisch und koloristisch ist eine Harmonie m ihm Er will nicht mehr als er leisten kann und innerhalb dieser Grenzen ist er ein ganzer Künstler. Er zwingt nichts mit Absicht herbei. Es strömt bei ihm alles aus innerem Reichtum. Daher diese Fülle, daher diese Leichtigkeit, daher diese Beherrschung, dieses Lachen, diese sorglose Fröhlichkeit. Er hat oft eine Grazie, wie man sie selten in Deutschland findet, eine Heinesche Leichtigkeit »nid Ueberlegenheit. Wie er zu komponieren versteht, so natürlich, intim und leicht, das ist über dein zeitlichen Wert erhaben. So führt er nicht nur durch das Aeußerliche seiner Kunst in eine vergangene Zeitperiode, sondern er liefert bleibende Beiträge zur dekorativen Kunst, die mehr als natio- nalen Wert habe». die deutsch sind innerem Wesen nach »ind darum auch für das Ausland als charakteristische Proben von Wert sind. Mau betrachte eingehend diese Umrahmungen, diese zeichnerischen Entwürfe, diese Berliner Volksszenen nach der Natur gezeichnet, die Stndienblätter nach Kinderakten, die Folge„Hofstaat des Weines" mit der Fülle intim beobachteter Szenen, die in einem Zuge groß gestaltet sind, die Porträts, die sachlich und liebenswürdig sind, die ausgelasseneu Illustrationen zu Eulenspiegel, die aus- gezeichnet freien Pflanzenstudien, die in der Art der Auffassung noch jetzt wertvoll sind, und man wird erstaunen über den Reichtum dieses liebenswürdigen Künstlers.— '- hr. Milchstudicn. Den zahlreichen Milchstudien, welche unablässig in den chemischen und bakteriologischen Laboratorien vorgenommen werden, liegen im wesentlichen zwei Absichten zugrunde: sie wollen auf der einen Seite die Kuhmilch der Frauenmilch tunlichst ähnlich machen, andererseits die künstliche Nahrung nach Möglichkeit keim- frei herstellen, also sterilisieren. Frauenmilch hat bekanntlich eine andere chemische Zusammensetzung wie Kuhmilch, sie ist reicher an Eiweiß und Salzen, dagegen ärmer an Zucker. Man verdünnt daher die Kuhmilch durch Zusatz von Wasser, um den Prozentsatz des E,- weißes auf den der Frauenmilch zu bringen, dadurch wird sie jedoch zucker- und fettärmer. Während man den Zucker aber leicht ersetzen kann, ist dies nicht so leicht mit dem Fette der Fall, und das mit einer fettarmen Milch genährte Kind leidet in seiner EntWickelung Einbuße. Nicht weniger Schwierigkeiten wie die Zusammensetzung, bereitet auch die Keimfreimachung der Milch. Gegen das Verfahren der Sterilisicrung, die lange Zeit als das Allheilmittel gegolten hat, werden neuerdings schwere Vorwürfe erhoben, sie soll die Verdaulich- Zeit der Milch schädigen und die bakteriziden Stoffe töten, die in der Milch enthalten sind. Die Barlowsche Krankheit, Blutarmut und Englische Krankheit werden daher auf diese Milch zurückgeführt. Andererseits werden aber auch gute Erfolge selbst bei Massen- ernährung der Kinder mit dieser Milch publiziert. Nach einem der „Mediz. Akademie" zu Paris vorgclegenem Bericht über die Kinder- crnährung mit sterilisierter Milch in Rouen in den letzten 4 Jahren beobachtete man bei den Säuglingen nur 13 Proz. Mortalität und nur 7 Proz. Todesfälle an Darmkatarrh. Die Milch wurde bei 102 Grad im Brutofen 45 Minuten lang sterilisiert. Weniger un- günstig wird die chemische Zusammensetzung der Milch durch das Pasteurisieren, d. h. durch die Erwärmung auf 70— 80 Grad beeinflußt. Was die Kälte als Konservierungsmittel der Milch anlangt, so verhindert die Tiefkühlung zwar die EntWickelung der Bakterien, tötet sie aber nicht ab. Am einfachsten wäre die Sterilisierung der Milch auf chemischen Wege zu bewerkstelligen, aber auch hier ist man noch auf der Suche nach dem sicher wirkenden und unschädlichen Zu- satzmittcl. Das von Behring empfohlene Formalin scheint dies jeden- falls nicht zu sein. Denn die neueren Untersuchungen von Dr. Schaps in Dresden ergaben zwar eine schädigende Wirkung des Formalins auf Milchbakterien und Eitererreger, nicht aber auf Tuberkclbazillen, ja bei einem mitFormalinmilch ernährten Säuglinge wurden tuberkulöse Darmgeschwüre vorgefunden. Dr. Schaps warnt daher vor dem Gebrauch der Formalinmilch. Besser brauchbar zur Milchkonservicrung ist das jüngst von Dr. Baumann in, hygienischen Institut in Halle geprüfte Wasserstoffsuperoxyd. Es ist unschädlich und wird von der Milch sofort zersetzt. Bei Zusatz desselben ergab sich eine Abnahme der Keimzahl und Verzögerung der Gerinnung, auch leidet der Geschmack der Milch nicht. Es muß aber sofort nach dem Melken der Milch zugesetzt werden, ehe eine Vermehrung der Keime stattgefunden hat.— (Yeostraphisches. .....— D i e Flora der kleinen Inseln im Süden von Neuseeland— Auckland, Campbell, Antipoden, Bounty usw.— tstbt zu interessanten Fragen Veranlassung im Hinblick auf die Art der Pflanzenvcrteilung über den sachlichen Teil der Südhalbkugcl. Diese Inseln, die viel floristische Verwandtschaft mit Neuseeland zeigen, haben mit den übrigen kleinen Inseln, die in jenen Breiten -ringartig die Erde umgeben, daS eine gemeinsam, daß sie das feuer- ländischc Element aufweisen. Unsere bisherige Kenntnis von der ßflora der oben erwähnten Inseln ist kürzlich durch die Forschungen Dr. L. C o ck a y n e S erweitert worden, der 1903 die meisten bon ihnen an Bord eines der Fahrzeuge besucht hat, die von der neu. seeländischen Regierung in gewissen Zwischenräumen auf die Suche nach etwaigen Schiffbrüchigen geschickt werden. Dieser Besuch fand im Winter statt. Die Ergebnisse hat Cockayne im 36. Bande, 1904, der„„Transactions and Proceedings of the New Zealand Institute� (Wellington) mitgeteilt. Der allgemeine Klimacharakter aller Inseln wird durch wolkigen Himmel, häufige Regenschauer und mildeWinter» temperatur gekennzeichnet, aber durch einen kühlen Sommer, der mit heftigen Stürmen und Böen mit Hagel oder Graupeln endigt, deren Einwirkung die Baumbegetation deutlich zeigt. Eine der bemerkens» wertesten Bildungen ist der„Ratawald" auf der Aucklandgruppe, wo Metrosideros lucida der vorherrschende Baum ist. Er bildet einen Gürtel von oft großer Ueppigkeit um einen großen Teil der Küsten. Seiner Feuchtigkeit und Gleichmäßigkeit wegen wäre das Klima ideal für einen Regenwald, aber dem widerstreben die niedrige Sommertemperatur und die heftigen Winde. Letztere haben die Bäume zur Bildung eines abgeplatteten Laubdaches mit üppigem Wachstum der Acste nach den Seiten geführt, und unter diesem Schirm können die hygrophytischen Faktoren ihren vollen Einfluß entwickeln, wie die Masse zarter Farne, Leberkrauts usw. zeigt. Einen zweiten Waldtypus bildet die Olcaria Lyallii, die nur lokak vorkommt, aber sehr üppig wächst, so daß man sich nach dem Grunde fragt, warum sie nicht den dominierenden Wald der südlichen Inseln bildet. Wahrscheinlich ist infolge einer sehr geringen Aenderung der Lebensbedingungen eine ältere Formation durch eine neuere ver- drängt worden. Die Einwirkung eingeführter Tiere auf die Flora läßt sich namentlich auf der Campbcllinsel beobachten, wo jetzt Schafzucht besteht. Im ganzen setzt sich die Flora aus folgenden Elementen zusammen: Von den blühenden Pflanzen sind 39 Proz. einheimisch, 18,8 Proz. feuerländisch(mit Einschluß von S Proz., die nicht bis nach Neuseeland reichen) und 42 Proz. neuseeländisch. Von den bis nach Neuseeland reichenden Pflanzen sind fast die Hälfte Bergpflanzen, der Rest schließt Pflanzen eines Waldes ein, der zur subalpinen Region aufsteigt oder unter mehr oder weniger alpinen Verhältnissen wächst. Die Anwesenheit des fcuerländischen Elements ist nach Cockayncs Meinung eher durch das frühere Vorhandensein von Landverbindungcn zu erklären als durch die Tätigkeit von Winden, Strömungen und Vögeln, und das ergebe sich aus dem Vorkommen des„Ratawaldes", einer bestimmten Pflanzenformation, wie man sie vielfach auf der Südinsel Neuseelands findet.— („Globus".)' Humoristisches. — Poesie und Prosa.„Ach, das muß doch reizend sein, so wie Sie hinauszufahren, die Netze auszuwerfen und die Wunder des Meeres herauszusischenl Haben Sie denn auch schon einmal Nixen gesehen?" „O ja, Frölen, ick heww schonst tau often Malen nixen seh'n!"—(„Jugend.") — Wie m a n' s liest. In einem schwäbischen Dorfe im Ulmer Winkel bestand lange Zeit eine wohltätige Stiftung. Der Schulze durfte Tag für Tag einen Wecken(Semmel) verrechnen, ob er ihn in den Kaffee tunkte oder auch gar nicht atz, dies war in der Urkunde nicht fcstaesetzt. Da kam es nun einmal vor, daß ein Amtmann die Stiftungsurkunde verlangte. Der Schultheiß brachte das Aktenstück, schlug es ans und sagte:„Hier steht es!" und er las. über seine Hornbrille hervorschauend, vor:„Zweihundert Gulden— jährlicher Zins— zu verwenden zu Schulz-wecken." Der Aintmann schaute, lachte und sagte:„Zu Schul-zweckeu, Herr Schultheiß, zu Schnlzwecken, d. h. zur Hebung und Förderung des Volksunterrichts." Der Schultheiß aber blieb ganz kühl und erwiderte:„Es kommt ja nur darauf an, wie man's liest."— Notizen. o. Das zu Ende gehende Theaterjahr in London ist eines der schlechtesten seit 23 Jahren gewesen: Seit dem Sep- tcmber sind keine Stücke zur Aufführung gebracht worden, die wirk- lich etwas eingebracht hätten.— — Die neuerbaute K o in i s ch e O p e r wird mit„Hoffmanus Erzählungen" eröffnet Iverden.— — Die Chorschule der kg l. Oper beginnt den Winter- kursuS am 1. Septeniber. Aufnahmeprüfungen finden am 20. und 27. August, nachmittags 3—3 Uhr, im Opernhause, Eingang Unter den Linden, statt. Anmeldungen sind schriftlich beim kgl. Musik- dircktor W. Wegencr, Taubenstr. 33, oder beim kgl. Chordirigenteu H. Rädel, Psalzburgerstr. 82, anzubringen.— — Eine Deutsche Jahr hundert-AuS st eilung lvird vom 1. Januar bis zum 1. Mai nächsten Jahres in der National- g a l e r i e zu sehen sein. Sie wird deutsche Werke der Malerei, Zeichnung und Kleinplastik»Anfassen, die_ zwischen 1773 und 1873 entstanden und geeignet sind, den künstlerischen Geist dieser Epoche in neues Licht zu rücken.— — Der Münchcner Maler C h r i st i a n L a n d e n b e r g e r ist als Lehrer an die Akademie der bildenden Künste in Stuttgart berufen worden.— — Die großen Dampfer des Norddeutschen Lloyd verbrauchen an einem Tage 560—730 ToAnen Kohlen.— VcrantworU. Redakteur: Franz Nehbci», Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u.BcrlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin L1V,