Nnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 123. Mittwoch, den 28. Juni. 1905 43] flammen. (Nachdruck ucvDoten.) Roman von Wilhelm Hegeler. Maggie steckte Wolf ihre schlanke Hand hin, der be- wundernd die zarte Haut von mattem Elfenbeinton betrachtete. Aber Grabaus hielt seine von mancherlei Schrammen zerrissene und vom Schneebrand geschwollene Rechte daneben. „Das nenne ich gebräunt, gnädige Frau." „O Gott, wenn meine auch so würden!" „Das können Sie gar nicht, gnädige Frau," meinte Wolf Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu und fuhr dann fort: „Nun sucht mein guter Mann etwas Schirmartiges für mich aufzutreiben. Ach, er ist so gut, so edel!— Er hat schon enorme Opfer für mich gebracht. Sie wissen vielleicht, daß er Assessor bei der Regierung war? Nun ist er aus dem Staats- dienst ausgetreten, um sich ganz mir zu widmen. Er liebt mich grenzenlos!— Ach ja"— sie seufzte ein wenig—„das hilft mir auch über vieles hinweg.— Uebrigens, da ist er ja. James, hier!" Aus dem Hoteleingang war ein eleganter, schlank- 'gewachsener Mann herausgetreten, in grau kariertem Berg- anzug, der unter seinem Arm einen knallbunten Bauernschirm hielt. Mit erstauntem Lachen schlug Maggie die Hände zu- sammen. „Was er da wieder hat!" In der Tat nahm sich der groteske Schirm unterm Arm dieses dandymäßig gekleideten Herrn, dessen Gesicht einen müden, unbeweglichen Ausdruck von fast versteinertem Ernst zeigte, höchst komisch aus. Maggie stellte den beiden Freunden ihren Mann vor, der ihnen mit vollkonimener Höflichkeit die Hand schüttelte. Nur das leicht gezwungene und allzu schnell wieder verschwindende Lächeln ließ eine gewisse Zurückhaltung merken, die aber weniger beabsichtigt als in seiner Natur zu liegen schien. „Was hast Du denn da für ein Monstrum?" fragte Maggie, die in Gegenwart ihres Gatten sofort einen merk- würdig nervösen und gespannten Eindruck machte. „Einen anderen konnte ich nicht auftreiben. Versuch ihn mal, er ist leichter, als er aussieht." „Aber Du bist nicht gescheit, James! Ich werde mich doch nicht zur Vogelscheuche machen mit solchem Ding!" „Wer sieht Dich denn, wenn wir spazieren gehn?" „Ach, ganz egal. Was Du mir manchmal zumutest! Du würdest ihn selbst nicht tragen." „Warum nicht? Die Schirme sollen hier sehr eu vogue fein. Aber wenn Du ihn nicht magst—" Resigniert stellte er ihn beiseite. Die Unterhaltung schwieg. Ein wenig verstimmt, spielte er mit der linken Hand Klavier auf dem Tisch. „Nun laß um Gottes willen dieses Trommeln! Sonst werde ich noch nervös." „Das bist Du ja schon, mein Herz!" erwiderte er ruhig und wandte sich dann an Grabaus mit einer Frage über die Rosengartcnbesteigung. Er selbst war in früheren Jahren auch Bergsteiger gewesen. Doch hatte er jetzt die Passion daran verloren. Augenblicklich zog er das Meer den Bergen vor und hätte gern eine Aacht gehabt. Als Grabaus erzählte, daß auf ihn die Berge einen über- wältigenden Eindruck gemacht hätten, da er sie zum ersten Mal gesehen, erwiderte Janies Laaß, er hätte schon als Knabe mit seinen Eltern viele Reisen in die Schweiz, nach Tirol, zum Kaukasus gemacht. Daß auf ihn die Berge je einen solchen Eindruck gemacht hätten, könnte er nicht sagen, denn er sei noch zu jung gewesen, als er sie zuerst gesehen. Und als Wolf darauf etwas naseweis bemerkte, eins der wichtigsten Dinge im Leben sei, daß man nichts zu früh genösse, fiel Laaß mit großer Lebhaftigkeit ein:„Ja, ja, das stimmt!" Und mit leicht wehmütigem Lächeln fügte er hinzu:„Wer ge- wöhnt ist, zu Weihnachten frische Erdbeeren zu essen, dem schmecken sie im Sommer nicht." Derweil konnte seine Frau noch immer nicht ihre Auf- regmig über den Schirm bemeistern Sie erklärte abreisen zu wollen, durch all diese Vorkommnisse sei ihr der Aufenthalt gänzlich verleidet. „Nur ein bißchen Geduld, Maggie!— Ich habe ans Hotel Bristol telegraphiert. Morgen können Deine Schirme da sein." „Also Du behauptest noch immer, ich hätte sie da liegen lassen?" „Wär's nicht möglich?" „Das ist eine Unwahrheit." „Unwahrheit— na, sagen wir lieber Irrtum.— Ich glaube Dir natürlich, wenn Du's so bestimmt weißt." „Du glaubst mir aber nicht. Und doch habe ich Dir zehn- mal gesagt, daß ich sie in den Wagen gelegt habe. Du be- handelst mich geradezu wie eine Idiotin." „Aber nichts weniger als das," erwiderte er und wollte begütigend seine Hand auf ihren Arm legen. Aber sie zog ihn schroff zurück. „Ach. laß mich!" Ohne irgendwie Unwillen oder Verwunderung zu äußern, als wäre er dies Benehmen schon gewöhnt, wandte er sich an Wolf. Er hatte gehört, daß dieser auch Jurist sei. Eine rege Unterhaltung entspann sich, an der sich auch Grabaus beteiligte.- Von dem Buch eines Professors über vergleichende Rechts- geschichte war man auf Rassefragen gekommen. Währenddem gab Maggie durch allerhand Mienen und Blicke zu verstehen, wie ungeheuer sie sich langweilte. Plötzlich warf sie dazwischen: „Da ihr gerade von den Malayen sprecht— es wird Sie interessieren, Herr Professor, daß wir in Monte Carlo den Maler Gebhard getroffen haben.— Entsetzlich verlebt sah er aus. Nicht wahr, James, geradezu häßlich!" „Ja, einen ein bißchen strapazierten Eindruck machte er." „Und gegen mich benahm er sich!" fuhr Maggie mit rollenden Augen fort.„Es hat wenig gefehlt, daß mein Mann ihn forderte." „Na na. Du bist immer gleich fürs Blutvergießen." „Etwa nicht?— Sein Benehmen war beinah impertinent." „Ich hatte das Gefühl, er möchte Dich gern malen.— Seine Komplimente schienen mir ein bißchen sehr absichtlich." „Absichtlich— das waren sie auch. Ich an Deiner Stelle hätte mir das nicht bieten lassen!" „Seitdem Du verheiratet bist, Maggie, bist Du schrecklich eifersüchtig auf— Dich." „Ach, ich verlange nur Respekt.— Aber Du!— Ach, Du liebst mich eben nicht mehr. Ich bin Dir schon über." „Kind, was für ein Unsinn!— Uebrigens— wenn Du Dich zum Diner umziehen willst, so ist es Zeit." „So?" sagte sie hastig aufspringend.„Und Du?" „Ich denke, wir speisen doch alle zusammen. Wenn Sie mir das große Vergnügen machen wollen," wandte er sich an die beiden. „Nun, dann bleibe ich auch wie ich bin." James gab dem Oberkellner den Auftrag, einen Tisch mit vier Kuverts zu decken. Nach einer Weile tönte die Hotel- glocke. Als dann die Gäste erschienen, in großer Toilette, in Frack oder Smoking, ließ Maggie eine ziemliche Unruhe merken.- Plötzlich erhob sie sich, um sich ein wenig die Hände zu waschen, wie sie sagte. Die Herren gingen in den Saal. Während sie bei der Suppe saßen, erhielt James ein Telegramm. „Na natürlich," murmelte er, nachdem er es gelesen.„Die Schirme haben sich im Hotel Bristol gefunden. Uebrigens" — er lächelte ein wenig unsicher—„meiner Frau wollen wir lieber nichts davon sagen, Sie hat nicht gern unrecht." Dabei steckte er das Telegramm vorsichtig in die Tasche, Eine gute halbe Stunde mochte vergangen sein, als sich plötzlich die Tür auf der entgegengesetzten Seite des Saales öffnete und Maggie eintrat. Und wie sie nun in ihrem raschelnden Schleppklcid mit dem koketten Blumenhut auf dein dunklen Haar langsani den Saal durchschritt, einige Bekannte begrüßte, dann auf halbem Wege noch einmal stehen blieb, um ihr Armband, das sich in die Spitzen ihres Aermels verwickelt hatte, in Ordnung zu bringen— das war.ein erstaunlicher Effekt. Für mehrere Minuten vergaßen die Gäste ganz die Languste auf ihren Tellern und verschlangen mit ihren Blicken Btefe wunderhübsche Erscheinung. Grabaus aber wunderte sich im stillen, daß Maggie einen so großen Umweg gemacht hatte. Die andere Tür wäre viel näher gewesen. Der Kaffee wurde draußen genommen. Dann machten die vier, während die Sonne schräg über die Berge strahlte, einen kleinen Spaziergang. Uebrigens hatte Maggie eine Amerikanerin gesehen, die ebenfalls einen Bauernschirm trug. und war nun mit dem ihren so ausgesöhnt, daß sie ihn sogar im Schatten aufspannte. Sie ging mit Wolf hinter den beiden her, langsamen Schrittes, indem sie, bald hier bald dort eine Blume pflückend, die Entfernung immer noch vergrößerte. Von Zeit zu Zeit warf sie ihrem Begleiter einen langen Blick zu. von so matter Weichheit, daß diesem bang und schwül ums Herz wurde. Als die beiden vor ihnen an einer Wegkrümmung verschwunden waren, schob sie leicht ihren Arm unter den seinen, und sich sanft an ihn lehnend, sagte sie, während ein verzehrend sinn- licher Hauch ihre Stimme durchzitterte: „War es nicht schön, Wolf, als wir uns liebten?" Im Innersten erschrocken machte dieser seinen Arm los Und stammelte: „Gnädige Frau!" Liebkosend umfing sie ihn, mit ihren Augen ihn gleichsam verschlingend, aber als sein Gesicht kalt und abwehrend blieb, »erzog sie spöttisch den Mund: „Sprechen wir von was anderem!" Doch gleich darauf fuhr sie klagend fort: „Ich bin so unglücklich!— So in tiefster Seele un- 'glücklich!" „Was haben Sie wohl für Grund?" fragte er ziemlich ibarsch. „O, Gründe! Gründe!— Ich werde von seiner Familie einfach miserabel behandelt. Und er— er ist ja gut, aber ein solcher Schwächling. Er verteidigt mich nicht." Und nun begann ein langes Klagelied. Doch immer der- sicherte sie dazwischen, sie liebe ihren Mann über alles, aber — es gab tausend Wenn und Aber. Doch der eigentliche Grund ihres Unglücks war die plötzliche Ruhe und Sicherheit ihrer Eristenz, die Gleichmäßigkeit gegenüber dem früheren Auf und Ab. Mehr als einmal kam es gegen ihren Willen heraus, daß sie nicht geschaffen war zur Ehe und ihren Mann ebensowenig glücklich machte wie dieser sie. Was ihr aber mehr als alles fehlte, war die Bühne mit ihren Jntriguen, ihren Sensationen und Eitelkeiten. Und sie sagte es geradezu, daß sie bei der Nachricht vom Engagement einer andern Schau- fpielerin am Deutschen Theater acht Tage lang Weinkrämpfe gehabt hätte. Shimrn, bedrückt hörte Wolf zu, ohne ihren Klagen gerecht werden zu können. Er fühlte nur, wie die Enttäuschung sich gallenbitter über sein Inneres ergoß, wie förmlich ein wilder Haß sich zusammenbraute gegen die Frau, die an seiner Seite schritt und die in nichts der Maggie zu gleichen schien, die er vor einer Stunde noch so sehr geliebt hatte, (Fortsetzung folgt.) lNnchbrudf verboten.) Llitticbcr Weltausstellung. irr, Ersichtlich ist die AusstellungSIeiüing bemüht gewesen, die M- tellungen der einzelnen Nationen möglichst zn trennen und zugleich gleichartige und verwandte Fachgruppen, der besseren Uebersicht wegen, nebeneinander zu plazieren, doch die Rücksichtnahme auf den allzu knappen Raum hat dieses Prinzip vielfach durchbrochen. So ist es denn, trotzdem die meisten Durchgänge viel zu schmal gehalten find, nur gelungen, einen kleineren Teil der belgiichen Abteilung in der Industrie- und Handelshalle unterzubringen, der grötzere Teil hat in der Maschinenhalle Unterkommen gefunden, und zwischen ihm liegen, eingekeilt im linken Flügel dieser Halle, die kleineren Ab- teilungen Hollands, Oesterreichs, Ungarn, Rußlands, SchlvedcnS und der Schweiz. Belgien stellt vornehmlich Bronze- und Kupferarbeiten, Möbel, Waffen und Maschinen aus. Gleich gegenüber dem Hanpteingang in die Jndustriehalle hat die Brüsseler Compagnie des Bronzes zwei Pavillons nnt prächtigen Kunstbronzcgegenständen erbaut: Statuetten, Gaskronen, Girandolen. Vasen usw. Weiterhin finden wir eine reiche Sammlmig schöner Bronzekronlenchtcr der Lütticher Firma I. Wilmotte Fils und nicht weit davon einen prachtvollen ans Messing hergestellten, ans einem großen Marmorsockel ruhenden Kirchenaltar in gothischem Stil, ausgestellt von der Lütticher Firma Moreau Fröres. Auch die Kupfer- und Zinkarbeiten sind größten- teils von hervorragender Güte, namentlich der Gesellschaft der Kiipfer- und Zinkwerke in Lüttich, die neben kitpfernen Herd- und Küchen- geraten, Maschinenteilen und Materialien für die Elektrizitäts« industrie einen hohen geräumigen Pavillon ans Kupfer- und Messing- röhren ausstellt. Ferner verdienen Erwähnung die von einigen Lütticher und Brüsieler Firmen ausgestellten kupfernen Destillier- apparate für Likörfabriken, vornehmlich die von der Brüsseler Konstruktionswerkstätte Relecom u. Fils gelieferte Destillations- emrichtung. Die Möbelbranche ist weniger gut vertreten. Man findet ver- schiedene Zimmereinrichtungen in allen möglichen Stilarten, aber nichts Besonderes. Wer in Berlin die Magazine der besseren Möbel- geschäfte besucht, erblickt durchaus Gleichwertiges, nur der von der Brüsseler Firma Lonis de Waele in einem an den Längsseiten offenen Pavillon ausgestellte französische Salon macht eine Aus- nähme, schon wegen seiner prächtigen Holzarbeiten. Allerdings ent- spricht er wenig dem, was man in Mittel- imd Norddeutschland vielfach unter Behaglichkeit und Gemütlichkeit versteht; keine trau- lichcn, träumerischen Ecken und Nischen, kein gedämpftes Licht, nichts von mittelalterlicher Mystik— alles frei, hell, offen, keine schwer- fälligen Möbel, aber auch keine, auf die man sich in der Befürchtung, damit zusammenzubrechen, nicht zu setzen wagt, nichts Beengendes. ein Stück sonniger LebenSfroheit. Sonst verdienen nur noch die schönen Billards und Pianinos, die von einigen belgischen Firmen ausgestellt sind, Beachtung. Wie Paris hat auch Brüssel Damentoiletten zur Ausstellung gesandt; aber mag auch die Brüsseler Konfektion stark nach Pariser Modellen arbeiten, es bleibt doch ein Unterschied. Die Brüsseler Roben sind gewiß exakt gearbeitet, vielleicht exakter, als die Pariser. mir fehlt die leichte Koketterie der Pariser Arbeit. Fast scheint es mir. als stände die Konfektionsbranche in Brüssel trotz ihres fran- zösischen Zuschnitts doch ziemlich stark unter dem Einfluß des eng- lischen kbailor maäo-Stils. Ich habe denn auch nichts davon gehört, daß von den Brüsseler Roben irgendwelche als Modelle an bekannte ausländische Firmen verlauft worden find. Dagegen haben die Pariser Geschäfte schon jetzt manches teure Stück verkonst. Besonders hat die Firma Gerson in Berlin sich mit neuen Modellen versorgt und wir werden deshalb voraussichtlich im nächsten Jahr in deren Schau- fenstern manche Nachahmungen und Reproduktionen finden. Bielleicht wird damit auch die neueste Unsitte in Berlin eingeführt, das Kleid nicht nur hinten, sondern auch vorne schleppen zu lassen. Die Damen- weit der oberen Zehntausend ist in Ermangelung ernsthafter Ve- schäftignng nur zu sehr geneigt, jede einfältige Mode, die aus Paris kommt, mitzumachen, und ihrem Beispiel wieder folgen dann die Frauen des sogen. Mittelstandes bis hinunter zur kleinen Verkäuferin in irgend einem Warenhanse. Sehr reichhaltig ist ferner die belgische Ausstellung von Auto- mobilen und Karossen aller Art, besonders aber die Feuerwaffen- Ausstellimg. Wohl keine aller bisherigen Weltausstellungen hat eine derartige reiche Kollektion von Kanonen, Ge- wehren, Pistolen, Revolvern aufzuweisen gehabt. Lüttich ist die Zentrale der belgischen Geschütz- und Gewehrfabrikation. In seinem Stadtviertel St. Leonhard befindet sich die staatliche Kanonengießerci Belgien? und in Seraing, kaum zwei Meilen vom Ausstellungsgelände entfernt, liegen die bekannten Cockerill-Werke, die für Belgien dieselbe Bedeutung haben, wie die Kruppschen für Deutschland. Fast noch beträchtlicher aber ist die Lütticher Hand- feilcrloaffen-Jndustrie. Die Stadt hat nicht weniger als ungefähr 400 Fabriken dieses Industriezweiges, richtiger Manufakturen, denn in den meisten dieser Etablissements wird nur die Anfertigung der- jenigen Teile, auf deren exakte Ausführung es besonders ankommt, sowie die Zusammensetzung der einzelnen Teile zur fertigen Waffe vorgenommen; die Herstellung der leichteren Teile geschieht. in hausindnstriellcn Betrieben, die durchweg jahrein, jahraus den gleichen Gegenstand anfertigen. Fast alle größeren dieser Fabriken haben ausgestellt, ferner Cockerill. die staatliche Geschützgießerci und außerdem eine Reihe der bekanntesten nicht- belgischen Geschützwerle, darunter auch Knipp in Essen und Schneider in Creusot. So ist ein Sortinicnt zusammengekommen, das seines- gleichen sucht: Tascheurevolver. Pistolen. Karabiner. Jagdflinten, zerlegbare Gebirgskanonen, Rohrrücklaufgeschütz, Haubitzen, Riesen- Schiffskanonen— alles ist in reichster Auswahl vertreten, und da- neben stehen neue und zu Probcschießübungen benutzte Panzer- platten, Munitionswagen, stählerne Schanzverkleidungen usw. Welche Wunder maschineller Technik auch unser großkapitalistisches Zeitalter hervorgebracht hat, auf keinem Gebiet hat es mehr geleistet als in der Erfindung sinnreich konstnnerter Mordinstrumente zur Ver- nichtung von Menschenleben im Konkurrenzkampf der Völler. Im linken Seitenflügel stößt man, wenn man von der Jndustriehalle herkommt, zunächst auf die holländische Abteilung, die vornehmlich schöne Goldarbeiten, Porzellan- Imitationen, Likörfabrikate und eine Auswahl von Bodenprodukten ans de» Be- sitzungen Hollands im indischen Archipel enthält. Rußland, das in St. Louis so gut wie gar nicht vertreten war, hat in Lüttich einen größeren Raum mit Beschlag belegt, aber seine Ausstellung ist noch nicht fertig und bietet nur wenig Hervorragendes. Die russische Großindustrie drücken heute andere Sorgen, als die einer imposanten Vertretimg auf fremden Weltausstellungsplätzen. Erivähnenswert find nur die prächtigen Porpkyrvasen aus den kaiserlich-russischen Fabriken am Ural, die Goldstickereien, Tabalfabrikate und— die Spirituosen, über deren Güte ich jedoch,-da ich bisher noch keine Gelegeicheit gefunden habe, sie zu kosten, nicht zu urteilen vermag. Der Doppelstaat Oesterreich-Ungarn ist recht dürftig vertreten. Oesterreich hat besonders Holzschnitzereien, Wiener Möbel und Lederwaren, Kristalle und Porzellanartikel gesandt, Ungarn Fayencen, Steingut, Weine und Bitterwasser— durch- weg recht tüchtige Leistungen, aber nichts Außergewöhnliches. Vielleicht mag ein lokalpatriotisch-weanerisches Gemüt darin eine Genugtuung finden, daß die Stadt Wien neben Abbildungen und Photographien Wiener Gebäude und Plätze auch mehrere Büsten ihrer hervorragendsten Söhne und Bürger geschickt hat, und sich unter diesen neben Mozart, Haydn, BrahmS, Schubert, Grillparzer auch die Marmorbüste ihres Bürgermeisters, des Herrn Dr. Karl Lueger, befindet; ich habe aber dafür nicht das richtige Verständnis. Reichhaltiger hat die kleine Schweiz ausgestellt, die nickt nur eine schöne Kollektion vou Uhrenfabrikaten, sondern auch prächtige, weit über den Durchschnitt der üblichen Marktware hervorragende Holz- skulpturen und»Schnitzereien gesandt hat. Am besten jedoch macht sich von den kleineren Staaten Schweden, das meist nur als Lieferant guter Hölzer und Eisenerze gilt, das aber in Lüttich beweist, daß eS seine Eisenerze auch selbst zu der- arbeiten versteht. Es hat neben den Erzen seiner Eisengniben nicht nur vorzügliche Eisenlverkzeuge, Meiercimaschinen und Küchen« gerätschaften, sondern auch beachtenswerte Stahlfabrikate zur Schau gestellt. Besonders die von den Sandvikener Eisen- nnd Stahl- werken ausgestellten, unter Benutzung von Holzkohlenfenerung fabrizierten Stahlröhren, Stahlbänder, Platten, Sägen nnd gezogenen Stahldrähte können den Vergleich mit den besten Fabrikaten anderer Länder aushalten. WnS sonst noch in den kleinen Abteilungen ge- boten wird, übergeht man am besten. Es ist meist gewöhnliche Marktware, teilweise sogar minderwertig. Die Teppiche,' die ich in der perfischen Abteilung feilbieten sah, haben z. B. zn einem beträcht- lichen Teil nie den Orient gesehen, sondern sicherlich in Schmiede- bergS und Wurzens Gefilden ihren Lauf begonnen. Wir gelangen zum Hinteren Teil des Gebäudes, der die Maschinenabteilungen enthält. In langgestreckten Hallen, die über- dachten BahnhofperronS gleichen, reiht sich eine Maschine an die andere, viele in Bewegung— ein fortwährendes Kreisen, Aechzen, Zischen und Stampfen. Die Maschinenabteilung gehört zu den technisch interessantesten der Ausstellung; sie repräsentiert am schlagendste» die von unserer großindustriellen EntWickelung erreichte Stufe. In Einzelheiten hat sicherlich die Ausstellung Rheinland- Westfalens in Düsseldorf vor drei Jahren höhere technische Leistmrgen geboten; aber an Vielseitigkeit, an fachlicher Ausdehming übertrifft die Liitticher Maschmenausstcllung die Düsseldorfer ganz entschieden, sind hier doch manche Fachzweige vertreten, die in Düsseldorf ganz fehlten. Im wesentlichen beschränkt sich der Wettkampf auf Belgien, Deutschland und Frankreich. England und Amerika haben nur wenige Maschinen gesandt, größtenteils Arbeits- und Werkzeug- Maschinen, von denen manche bereits im vorigen Jahre in St. LouiS ausgestellt waren. Voran steht Belgien. Das war vorauszusehen. Die Eisen- und Maschinenindustrie spielt in Belgien eine bedeutende Rolle, und besonders im Liitticher Land. Lüttich selbst hat eine sehr bedeutende Maschiuenfabrikasion, und rings um es herum liegt ein dichter Kranz von Ortschaften, die alle in bedeutendem Maße Maschinenbau treiben, darunter Seraing, das belgische Essen, das die größten Eisenwerke Belgiens beherbergt, die bekannten Cockerill-Werke, die allein l 2(XX) Arbeiter beschäftigen. In Lüttich haben diese Werke denn auch einen beträchtlichen Raum mit Beschlag belegt. Die Firma Cockerill stellt dort verschiedene Eisenkonstruktionen für Brücken und Fabriken, eine Anzahl Modelle der von ihr erbauten Schiffe— auch der Schiffsbau gehört mit zu ihren Betriebszweigen— und ferner eine Reihe vou großen Schnellzugslokomotiven, Dainpf- nnd Dynamomaschinen, be- fonders aber von großen Gasmotoren aus. Seitdem die großen Hochöfen- und Kokswerke dazu übergegangen find, die Gase, die man früher ungenutzt entlveichen ließ, zum Betrieb von Gasmotoren und diese wieder zur Erzeugung elektrischer Kraft zu verwenden, hat die Herstellung großer Gas- motore einen neuen Anstoß erhalten. Auch die Cockerill-Werke haben sich in stärkerem Maße diesem Betriebszweig zugewandt und stellen als Beweis ihrer Leistungsfähigkeit mehrere große Motore ver- schiedencr Systeme auZ, von denen der größte 1200 Pferdekräfte entwickelt. Jntereffant sind ferner die Abteilungen der Liitticher Sociötä de la Mense, die hauptsächlich elektrische Motore zeigt, der Elektrischen Konstruktionswerkstätien von Charleroi, der Lütticher Internationalen ElektrizitätSgcsellschaft, der Sociöto St. Leonard, Lüttich(vornehmlich Gasmotors). Außerdem hat Belgien viele Kessel- und Heizanlagen, Metallbcarbeitungsmaschiuen und Textilmaschinen, speziell Appreturmaschinen, ausgestellt. Die nächste Stelle nach der belgischen nimmt die deutsche Maschincnausstellung ein. Dem Umfange nach ist wohl die französische etwas größer, in technischer Hinsicht jedoch die deutsche intereffanter. Die großen deutschen Elektrizitätswerke haben sich ferngehalten, dafür aber finden ivir die deutsche Arbeits- Maschinen- Industrie gut vertreten. Die Deutzer Gasniotorenfabrik stellt eine große Kolleltion vou Gasmotoren verschiedener Systeme aus; Schunranns Elektrizitätswerk, Leipzig- Plagwitz, elektrische Motore; die Firma N. Leonhardt, Leipzig, ist mit den Kirchnerschen Holzbearbeitungsmaschinen erschienen, die Firma Seck, Dresden, mit einer Auswahl ihrer Mahlmaschinen, die Vogtländische Ma- schinengesellschaft mit Stickmaschineu. Auch die Metallbearbeitnngs- Maschinen herstellenden Fabriken des Nheinlandes und Westfalens haben Proben ihrer Leistungsfähigkeit geschickt, die Finna C. Nuve. Offenbach, z. B. verschiedene Fräs-, Graveur- und Stanzmaschinen, die Firma Mayer u. Schmidt, Offenbach, Präzisions-Schleifmaschinen. darunter eine neue Kurbelzapfen- und eine große Zylinderschleif- Maschine. Die französische Maschinenabteilung enthält vornehmlich Gas- und Elektromotore, kleinere elektrische Arbeitsmaschinen sowie kupferne Apparate und Maschinenteile für die Elektrizitätsindustrie. In einer Nebenhalle stehen lange Reihen von großen Salon-, Speisen- und Schlafwagen, teils von den Cockerrll-Werkcn, der Firma Dyle u. Bacalan, Paris, der Societe des Farges, Usines et Fonderies in Haine-St. Pierre, teils von den Werkstätten der belgischen Staatseisenbahn und den größeren ftanzösischen Eisenbahn- gesellschaften erbaut und ausgestellt. Sie sind für die internationalen Expreß- und Luxuszüge bestimmt und im Innern höchst luxuriös aus- gestattet. Die Coupes gleichen niedlichen kleinen Boudoirs. Während für die Wagen der untersten Klasse nichts geschieht und diese im Schmutz starren, erschöpft sich das Kombinationsvermögen der Ingenieure in der Erfindung immer neuer Bequemlichkeiten für die lins fleur unserer kapitalistischen Zivilisation, die Hypothekenbank- direktoren, Bergwerksinagnateir, großen Gründer und Börsenjobber. ES ist ein prächtiges Bild technischer Entwicklung, das die Maschinenabteilung der Lütticher Ausstellung bietet; aber das Bild hat eine traurige Kehrseite. Je komplizierter und teurer die Maschinen geworden sind, desto mehr hat diese Entwicklung in den von ihr- ergriffenen ArbeitSzweigen den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln getrennt, desto mehr hat sie ihn zu einem An hängsel der Maschine gemacht, zun» Maschinensklaven, der in ewigem Einerlei Tag für Tag die gleichen mechanischen Funktionen zu verrichten hat. Und diese Abhängigkeit wird sich mit der technischen Entwicklung weiter steigern— bis endlich als notwendige Konsequenz die Arbeiterschaft die Vergesellschaftung der Produktionsmittel erzwingt. Heinrich C u n o w. KkincQ feullleton* — hl. Wie ein Theaterstück„lanciert" wird. DaS Theater hat mit Kunst nichts mehr zu tun; es ist eine besondere Zweignieder- lassung der.Börse". Mit dieser Konstatierung leitet der Mit- arbeiter des„New Dork Herald", Pierre Vcber, eine Plauderei über die.Lancierung eines neuen Theaterstückes" ein.„Das biß- chen Literatur, das früher noch dabei in Frage kam, ist nun völlig verschwunden. Der Journalismus hatte unsere arme französische Sprache schon stark mitgenommen; aber das Theater raubt ihr noch die letzte Schönheit. Früher schrieb ein Autor eine Komödie, unter- breitete sie dem Direktor, der sie dann annahm und zur Ausführung brachte. Die Kritik gab dann erst ganz zuletzt ihr Urteil ab. Jetzt ist das alles anders. Zunächst schreibt heute niemals nichr ein Autor ein Stück, wenn es nicht vorher angenommen worden ist. Er teilt einem Direktor eine„Idee" mit; dieser spricht sie mit ihm durch und modelt sie um. Dann wählt man die Tarsteller der Rollen aus; man entwirft bis ins Einzelne Toiletten und Dekorationen, dann setzt man das Datum der Aufführung fest, schließt die Verträge ab und dann macht sich der Autor an die Arbeit. Von seiner ersten Idee ist nicht mehr viel übrig geblieben; Nebenrollen stehen nun im Vordergrund; der Grundplan hat sich verschoben. Unterdessen hat sich bereits die Reklame des Werkes bemächtigt. Man kennt zwar noch keine Einzelheiten, doch das Publikum wird aufmerksam ge» macht. So arbeitet der Dichter nun gleichsam im Angesicht der Oeffentlichkeit. Man verfolgt die Entstehung des Stückes, erfährt dieses und jenes; schließlich steht das Werk mit allen Details vor den Augen der Menge, bevor es aufgeführt ist. Man hat soviel da- von gehört, daß man es sehen will, und die genaue Kenntnis des Inhalts überhebt einen der Mühe, dann die Kritiken zu lesen. Wenn man an der Börse eine Sache„lancieren" will, so wartet man nicht ab, bis alles vollendet ist. Man bereitet das Terrain vor. So auch beim Theater. Zuerst flüstert einer dem anderen als pikante Neuig» keit zu:„M. Z. arbeitet an einer Komödie in drei Alten." Einige Tage später muß jeder an Theaterfragen Interessierte davon unter» richtet sein:„Das Stück betitelt sich„Der Mumpitz". Eine Woche danach heißt eS:„Nicht„Der Mumpitz", sondern„Die Feuerspritze" heißt das Stück, das der geniale Dramatiker M. Z. versaßt." Damh treten die in dem Stück beschäftigten Schauspieler in den Vorder» grund. Mine. T. schreibt an den Direktor einen Brief usw. Un» zählig sind die Arten der Reklame, die man anwendet. Es gibt eine „Reklame durch die Dekorationen", eine„Reklame durch die Schau» spielerS, es gibt eine„Reklame durch die Zensur", die ein Stück verbietet, eine„Reklame durch den Skandal" bei einem politischen! Stück, bei einem Vaudcville, die„Reklame durch llnsittlichkeit"« Reklame-Polcmiken, Plagiat-Reklame, Toilctten-Reklame wird an» gewandt. Am Tage der Generalprobe, der Premiere sorgt man da.. fiir, daß die Theater überfüllt sind. Man sucht die Journalisten zu gewinnen, damit sie wieder das Publikum überreden; und unter zehn Fällen gelingt das neunmal, llebrigcns ist der Einfluß der Kritik äußerst gering geworden. Die Vorberichte der Zeitungen, die Jnter- Views der Autoren, der Schauspieler und der Direktoren haben mehr Interesse für das Publikum als das Urteil des vorzüglichsten! Kritikers. Das Geld hat das Theater verdorben. Viele Autoren, bezahlen, um gespielt zu werden; viele Schauspielerinnen bezahlen, um spielen zu dürfen. Man bezahlt die Zeitungen, um volltönende Lobreden in ihre Spalten einzurücken. Der Direktor hat den Autor in seiner Hand. Seine Macht und sein Einfluh reicht nicht nur bis zur Inszenierung und Aussührung des Stückes, sondern erstreckt Zich auch auf die Ausgestaltung des Stoffes. Er ist nicht Mitarbeiter, «aber er macht seine„Kombinationen", die berücksichtigt werden «müssen. Der Autor ist häufig der Gesellschaster und stille Teilhaber des Direktors bei dem ganzen Geschäftsunternehmen, das ein modernes Theater darstellt. Oder der Direktor hät sich einen Autor, den er als Strohmann vorschiebt und der ein gefügiges Werkzeug Jeiner Wünsche ist. Die Physiognomie des Dramatikers hat sich der- «lindert. Früher war er ein Schriftsteller i jetzt ist er Börsianer. Die besten Theatcrschriftstellcr sollen ja ehemals frühere Mathe- imatikcr gewesen sein, jetzt aber sind es gewesene Spekulanten. Wcchselagcntcn und Geschäftemacher, die eine Komödie wie einen jzwcifclhaften Kurswert an den Mann bringen wollen. Sp> iche und «Gewohnheiten des Theaters haben sich völlig nach dem Börscnbrauch Gerichtet. In gewissen Cafes und ThcaterburcauS, wo man die Er- folge macht, wird von Theaterstücken gesprochen wie von Papieren, »ind ihre Chancen können fallen und steigen. Es gibt Leute, die eine Hausse, und andere, die eine Baisse bei einem bestimmten Stück Hervorrufen. Man berechnet die Kosten der Aufführung, die Zahlungsfähigkeit des Direktors und die Anziehungskraft des Autor- riamcns. Am Tage einer Premiere beschäftigen sich die Kollegen -des Schriftstellers nicht mit dem Werk und seinem künstlerischen Werte, sondern sie berechnen die mögliche Zahl der Aufführungen, Z>en eventuellen Gewinn und die auf den Kollegen entfallende Summe der Einnahme. Man sucht mit einer möglichst hohen Ziffer der Aufführungen zu imponieren, teilt mit, wieviel Taufende schon das Theater besucht haben, und spricht von einem Erfolge, der„das Maximum übersteigt".— Aus der Pflanzenwelt. Winden. Aus den Feldern blühen nun wieder die weihrot gestreiften Trichterblumen der Ackerwinde. Sie ist unsere vcr- breitetste Schlingpflanze, sie windet sich namentlich gern um die Halme des Getreides auf den Aeckeni, aber auch in Gärten ist sie kein seltener Gast. So lieblich ihre Blüte, so graziös ihr pfcil- förmiges Blatt ist, die Ackerwinde macht sich doch als Unkraut sehr lästig. Sie umschnürt die Pflanzen, an denen sie emporklettert, so straft, dah diesen gar leicht das Weiterwachsen vergeht. Bei der Getreideernte ist die Winde noch in saftigem Grün, sie erschwert also das Trocknen der gemähten Garben. Dabei ist diese Pflanze auherordentlich schwer auszurotten, wo sie sich einmal angesiedelt hat. Ihre schlanken Wurzeln gehen metertief in den Bode» hinab, man bekommt sie beim Ausjäten nur in den oberen Teilen aus der Erde und aus den zurückgebliebenen Enden kommt sehr schnell ein neuer Trieb hervor. Weniger lästig machr sich die Z a u n w i n d e. Sie schlingt sich an Gebüschen empor, die an und fiir sich widerstandsfähiger sind oder an deren Beeinträchtigung nicht viel liegt. Die Zaunwinde hat ungleich größere und infolgedessen viel prunkvollere Blüten, die reinweih gefärbt sind. In Hecken und am Rande von Gebüschen nimmt sich diese Schlingpflanze sehr schön aus; sie klettert bis drei Meter hoch, während ihre bescheidenere Schwester nur selten einen Meter hoch emporzusteigen vermag. Wir besitzen in Deutschland noch eine dritte Windenart, nämlich die M e e r st r a n d s w i n d e. Das ist eine kleine Pflanze, deren Stengel am Boden dahinkriecht. Er wird aber nur 15 Zentimeter lang. Die Pflanze, die rote Blüten besitzt, kommt bei uns am Nordseestraudc, aber nur auf einigen Inseln, auf Borkum, Juist und Langeroog vor. Auf Norderney und Wangeroog ist sie jetzt verschwunden. Eine Windenart, die drei- farbige Winde(Convolvulus tricolor), wird bei unS häufig als Zierpflanze in Gärten gezogen. Sie ist einjährig und wächst sehr schnell aus Samen. Ihre Grundfarbe ist blau und die Blätter sind eiförmig. Diese Windcnart stammt aus Südeuropa. Neben ihr werden in unseren Gärten noch ein paar Windengewächse gezogen, die den eigentlichen Winden sehr nahe stehen, aber besonderen Gattungen angehören. Da ist vornehmlich die Trichterwiude(Ipomooa) eine sehr beliebte Schlingpflanze unserer Gärten. Sie wird in sehr vielen Farben� Varietäten kulsiviert, so dah ein mit ihr bepflanzter Zaun einen sehr farbenbunten Anblick gewährt. Allerdings blüht sie nur am Vor- mittag; an» Rachmittag haben sich die Blüten bereits zrlsanimen- gefaltet, und am nächsten Morgen crschliehcn sich neue Blumen. Die Trichterlvinde wächst sehr leicht aus Samen und dieser reift bei uns und säet sich von selbst aus. Eine Trichterwindenart ist eS auch, welche die bekannten Bataten oder sähen Kartoffeln wärmerer Länder liefert und welche darum in vielen Tropengegenden im grohen angebaut wird. Bei uns ist noch eine andere Windeiigattmig, die K a l y st e y i a in Gärten viel verbreitet, welche an Schönheit ihrer Blumen mit der Trichterwinde wetteifert. Sie ist aber eine ausdauernde Pflanze und zwar wuchert sie namentlich auf trockenem, sandigem Boden ähnlich wie die Ackerwinde. Mancher, der sie angepflanzt hat. wird sie dann nicht wieder loS; sie entpuppt sich fchliehlich als Unkraut ähnlich wie die(Zaillaräia oder die japanischen Zierknöteriche, die auch nicht wieder auszurotten sind und anderen Pflanzen empfindlichen Schaden zufügen gleich dem gemeinsten Unkraut.— Meteorologisches. — Eine Wasserhose auf dem Zugersee. D»e untere Abteilung der Primarschule Thalwil machte am IS. Juni einen Ausflug nach dem Zugerberg. Dabei wurde sie Zeuge einer Wasserhose auf dem Zugersee. Die»ncrkwürdige Erscheinung konnte, wie die„Neue Zürcher Zeitung" schreibt, von ihrer Entstehung bis zur Auflösung bewundert werden. Kurz nach 4 Uhr zogen dräuende Wetterwolken am Wcsthimmel auf und verwandelten das Blau des Sees in ein unheimliches Dunkel. Gegen Cham hin bemerkte man einen eigentümlichen weihen Flecken, über dessen Bedeutung man sich vergeblich den Kopf zerbrach; von der Stelle stieg ein leichter Dunst auf. Gleichzeitig hing von der schweren Wolke senkrecht und wie ein Finger ein Nebelstreif zu Tal; er verlängerte sich langsam zu einem dünnen Faden, während sich aus dem Dunst ein ähnliches Gebilde entwickelte, was dem oberen stetig zustrebte. Nun wurde allen klar, dah man vor dem Phänomen einer Wasserhose stand l Bald war in feiner Linie die Verbindung zwischen See und Wolke hergestellt, mit trichterförmiger Erweiterung oben und unten. Rasch wuchs die Linie und schwoll zu einem mächtigen Schlauche an, während die„rauchende" Stelle des Sees sich deutlich in kreisende Bewegung setzte und prächtig zeigte, wie die Wassermengen in die Höhe gezogen wurden. Die Basis der Wasserhose mag wohl zehn Meter oder mehr Durchmesser gehabt, die Höhe etliche hundert Meter betragen haben. Die Erscheinung wurde von einem starken West stetig gegen Obcrwil getrieben, der obere Entwickelungs- Punkt aber von einem hartnäckigen Gegenwind ziemlich stabil ge» halten. So erhielt der gewaltige Wasser- und Ncbelschlauch eine ge- schweifte Form. Deutlich war die wirbelnde Bewegung des Ge- bildes wahrzunehmen, und ein heller Streifen, der in geringer Ent- fernung abwärts ging, lieh erkennen, wie und wo das gehobene Wasser wieder fiel. Ebenso interessant war die Auflösung der Wasser- hose. Der dicke Schlauch begann von seiner Basis aus nach oben langsam lichter zu werden; die scharfen Konturen fingen an zu zer- fetzen, wurden aber im wilden Tanze immer wieder ringsum ge- rissen. Nach und nach wurde das Gebilde dünner; es zerrih im oberen und unteren Viertel, und der kompakte mittlere Teil bewegte sich aufwärts. Mehrmals wiederholte sich die Verbindung und Auf- lösung zwischen Wolke und See, sie endigte als feine, fadenähnliche Schweifung in tadelloser Vollständigkeit. Die letzte Phase glich der ersten, indem ein Nebclfingcr zu Tal zeigte; er verkürzte sich mehr und mehr und vereinigte sich fchliehlich mit der dräuenden Wetter- wölke. Das schöne Naturereignis dauerte gegen 20 Minuten.— Humoristisches. — Großjährig. Backfisch:„DaS war ein denkwürdiger Tag, der erste Mai; da habe ich d e n e r st e n K u h von meinem Artur und die letzte Ohrfeige von Mama gekriegt!"— — Auch ein Schmerz. Sonntagsjäger:„Sie der- langen Schmerzensgeld? Ich habe Sie doch gar nicht angeschossen!" Jagdgehülfe:„Das nicht, aber ich habe Ihnen beim S ch i e h e n zuschauen müsse n."— — Individuelle Auffassung. Richter:„Sie haben den Franz Huber, als er mit der Crescensia Moser den Tanzsaal betrat, roh zu Boden geschlagen?" Sepp:„Ja, wie soll i' denn dem Diandl sonst zeig'», dah i's gern h a b'?"— s„Meggendorfer-Blätter."1 Notizen. — Auch Versdramen werden gekauft, wenn sich ihrer die Polizei angeiiomnien: Blumenthals Drama„Der tote Löwe" ist bei F. Fontane u. Co., Verlin, soeben in sechster Auflage er- schienen.— — Der Umbau des königl. Schauspielhauses sollte 1900 000 M. kosten; 1300000 M. hatte der Staat zu tragen, 600 000 M. fielen auf die Krone. Jetzt wird gemeldet, dah die veranschlagte Silmme um rund»/e Millionen überschritten worden ist.— e. Die Insel„Nushima", die aus dem Meere bor einigen Monaten bei Japan aufstieg, verschloindet auf ebenso merkwürdige Art wieder, wie sie gekommen ist. Die japanische Regierung hatte einen Beamten ausgesandt, der die über Nacht entstandene Insel besichtigen sollte; nach seinem Bericht liegt der höchste Punkt nur noch zehn Fuh über dem Meeresspiegel. Als die Insel vor dein erstaunten Blick der Einwohner der Bonin-Jnsel erschien, war sie bald bis zu 490 Fuh Höhe gestiegen.— — Einige Redeblüten belgischer Staats- anwälte und Advokaten hat das Brüsseler„Journal des Tribunaux" gesammelt:„Nun erst legte die Anklagebehörde ihr Gewehr auf eine dritte Schulter, denn die beiden anderen waren nicht imstande gewesen, die Anklage zu stützen."—„Sein armer Vater lieh sich an allen vier Seiten zur Ader, um die Opfer schadlos zu halten."—„Erst nach Ihren, Urteil, meine Herren Geschworenen. werde ich wissen, ob ich einen Unschuldigen oder Schuldigen ver- teidige."—„Die Kollegialität, mein lieber Herr Kollega, kann mich nicht hindern, zu sagen, dah Ihr Klient ein Schurke ist."—„Der Gegner schlägt sich die Flanken, ,nn a»S meinem Munde neue Argumente zu schöpfen."—„Als guter Familienvater legte er ein Ei, aus den» dann dieser patriotische Verein herausgekrochen ist."— „Der arme Gatte kommt»ach Hause; was findet er? Eine leere Wohnung und keine Frau, die ihm das so heiß ersehnte Mittagessen bereiten könnte."— Pcrantwortl. Redakteur: Franz Rchbei», Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerct u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin L