Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 125. Freitag, den 30. Juni. 1903 lNachdruck verboten.) *5] flammen. Noman von Wilhelm Hegeler. Grabaus stand auf. sich loszureißen von der ermattenden. besinnungraubenden Vorstellung, doch einmal mächtig ge- worden, gab sie ihn nicht mehr preis, verschwand nur. um wieder von neuem aufzutauchen, während er, ohne auf den Weg zu achten, durch die engen, schwülen Straßen irrte, in denen die Luft mit vielerlei Gerüchen erfüllt war aus den Spezereiläden, den Obstständen, den Weinschänken. Ueberall Leben und Lärmen. In großen Trupps trollten italienische Arbeiter vorbei, schwatzende Weiber standen in Gruppen vor den Haustüren. Aus dunkler Laubpracht flammten bunte Lichter. Hier schwebte zu gedämpfter Klavierbegleitung ein sentimentales Lied aus einem geöffneten Fenster, dort tän- zelten leichte Harmonikaklänge über eine rosenbewachsene Gartenmauer. Das alles tat ihm weh, riß an seinen Nerven, steigerte sein Fieber und die jagende Angst. Durch dunklere Straßen kam er endlich zur Wassermauer und atmete befreit auf. Aber schwer war die Luft auch hier, nichts von kristallener Frische war darin. Schwer, schwül und so weich, so süß, durchströmt von reifer Trauben Duft, vom Aroma sonnendurchglühter Pfirsiche, von Rosen, Glyzinien, von tausend unbekannten Blumen. Leis glucksend hüpften die Wasser der Talfer, weiß wölbten sich unterm Mondlicht ihre Wellchen. In wunderbarem Fluß der Linien ruhten die dämmerigen Hügel, deren Konturen den Umrissen eines schlummernden Weibes zu gleichen schienen. Er rang nach Atem, schaute um sich, aber wohin er sah, aufwärts, zu seinen Füßen, in die Runde, der ganze weite, vom feuchtschimmernden Sternhimmel überwölbte, von schwar- zen Riesenleibern, vom schwebenden Lichtmeer der Stadt um- schlossene nächtliche Raum schien ihn zu höhnen, zu locken mit seinem schimmernden Silberglanz, seinem blinkenden, blenden- den Spiel, seinen schweren Düften und verklingenden Tönen, schien ihn hinabzuziehen, festzuhalten und einzulullen; mochte in höheren Zonen ein frischerer Lufthauch ziehen voll Klarheit und stählerner Kühle, unerreichbar war er für ihn, wie die bessere Einsicht und das überwindende Wollen unerreichbar über seiner matten und betäubten Seele schwebten, unerreich- bar für ihn, der sich im Schoß eines tiefen, weichen, über ihn hingleitenden Wassers daliegen sah und, wenn er mit furcht- barster Kraftanstrengung den Blick zu den rettenden Ufern erhoben hatte, dann wieder hinabsank, tiefer und tiefer. Ein linder, lauer Atem strich über sein Gesicht— da sah er zwei Arme sich ihm entgegenstrecken und die hohe Ge- stalt Marie Luisens sich zu ihm hinabbeugen, aber als er nun mit erschrockenen und weit aufgerissenen Augen sie umfing, veränderte sich das ihm so wohlbekannte Lächeln und entstellte das ganze Gesicht, so daß die Gestalt wohl ihr glich, doch nicht sie war— und plötzlich sah er dann ihr wahres Antlitz, blaß, mit zuckendem Mund, mit Tränen zwischen den geröteten Lidern. Da sprang er auf und schlug den Heimweg ein. Als er aus den dunklen Schatten eines Gemäuers zur Rechten der Straße, das ein Neubau oder eine zerfallene Ruine sein mochte, eine Gestalt sich loslösen sah, die näher kam, ergriff ihn der rasende Wunsch, daß es ein nächtlicher Strolch sein möchte, der ihm auflauerte, ihn anfallen wollte, mit dein er kämpfen müßte auf Leben und Tod, um Angst, Schmerzen, Wut, über- Haupt irgend etwas anderes zu empfinden als das, was ihn jetzt unentrinnbar gepackt hatte. Es mochte auf Mitternacht gehen, als er den Johanns- platz erreichte. Hinter der grünen Wand von Lorbeer- und Oleanderbllschen saßen an den Tischen nur noch wenige Gäste. Während er die Hotclfassade überflog, mit den meist dunklen Fenstern, blieb sein Blick auf zwei haften, aus denen noch helles Licht strahlte. Und diese Fenster— es konnte nicht anders sein— gehörten zu den Zimmern Marie Luisens. Er blieb stehen. Wie ein Spieler, der alles Geld, Silber, Gold, Scheine, seine Uhr und Ringe, überhaupt alles, was er Wertvolles bei sich trägt, zusammenrafft und auf eine Karte setzt: so raffte er alle Kraft des Willens, alle Macht der Ein- bildung, alles, was in ihm wogte, wirbelte, gärte, zusammen in dem Wunsch, sie möchte jetzt ans Fei ster treten.... Die zitternden Hände geballt, starrte er mit gespanntem Gesicht hinauf, flüsterte tonlos mehrmals ihren Namen und verharrte regungslos mehrere Minuten lang, ohne zu atmen— aber als sich hinter den erleuchteten Vierecken nicht das mindeste regte, trat er langsam mit zu Boden gerichtetem Gesicht in das Hotel, ließ sich seinen Schlüssel von dem Portier aushändigen und hatte bereits die Treppe erreicht, als dieser ihm nachrief, daß die Dame ihn von Zimmer neunzehn, zwanzig ihn zu sprechen wünschte. Da Grabaus sich mit verständnisloser Miene umwandte, fragte er ihn nochmals nach seiner Zimmernummer und fiigte hinzu, es hätte seine Richtigkeit. Grabaus erhob schon den Fuß, um die Treppe hinaufzueilen, kehrte jedoch zu- rück und drückte mit verwirrtem, aber vor Freude strahlendem Lächeln dem Portier einen Gulden in die Hand, wofür dieser sich niit diskret und nicht ohne leise Mißbilligung gemurmel- tem Dank verbeugte. Beschwingt vom Gefühl seligster Erlösung, flog Grabaus dann die Treppe hinauf und trat, nachdem sein Klopfen be- antwortet war, ins Zimmer, ergriff die Hand Marie Luisens, die im Sofa gesessen und viele zerstreute, vollgeschriebene Briefbogen vor sich liegen gehabt hatte, küßte und preßte sie an seine Wangen und stammelte: „Du— Du Liebe— verzeih mir! Verzeih mir!" „Warum denn?" „Warum—? Um——" Ohne Worte zu finden, küßte er ihr Stirn und Schläfe, der ein leiser Eau de Cologne-Geruch cntströnite, und fragte erschrocken: „Hast Du Kopfschmerzen?" „Ein bißchen.� Aber sie sind schon besser. Es war gut, daß ich mich eine Stunde ruhen konnte.— Aber wo hast Du nur so lange gesteckt? Ich dachte. Du würdest überhaupt nicht mehr konimen." „Und ich dachte. Du wolltest mich nicht mehr sehen. Da bin ich heruingelaufen in verzweifelter Stimmung." „Aber ich sagte doch noch: bleiben Sie nur nicht so lange aus. Mehr konn te ich doch vor den anderen nicht sagen." „Bleiben Sie nur nicht so lange aus., wiederholte er, sich erinnernd, mit nachdenklicher Stimme.„Ja, das hast Du gesagt. Und ich habe es nicht verstanden. Auf Wieder- sehen, sagtest Du noch— und ich dachte, das wäre nur ein leeres Wort.-- Aber nun ist ja alles gut. Nun sehe ich Dich, Marie Luise... liebe, liebe Marie Luise!" sagte er leise, und während er sie mit inbrünstigem, schmerzlösendem Lächeln ansah, glätteten sich die zerrissenen Züge des Grams aus seiner Stirn. „Wo warst Du denn nur?" „Ach, wo ich war! Kreuz und quer— auf der Wasser» mauer— ich weiß selbst nicht mehr.— Ich war so der» zweifelt. „Warum?" Er schüttelte den Kopf und nahm, ohne sie aus der Um- schlingung seines Arms loszulassen, auf dem roten Plüschsofa an ihrer Seite Platz. „Ich möchte ganz still neben Dir sitzen— ganz still.— Nun ist ja alles gut.— Nun erkenne ich Dich doch wieder� Du Liebe. Er strich ihr leise übers Haar. „Du bist so schön, und... ich war zuerst so verzweifelt! — ich dachte, es wäre alles aus." „Aber warum denn?" „Ich weiß nicht.— Aber wie Du da mit Deinen Ver- wandten immer schwatztest und für mich keinen Blick übrig hattest— Du warst überhaupt so gänzlich anders—: da kam mir das alles wie damals auf dem Reichstagsfest vor. Mauern lagen zwischen uns, ach, mehr wie Mauern— Du wohntest einfach auf einem anderen Planeten." „Wie komisch Du bist," erwiderte sie, und etwas wie die Rührung einer Mutter schwebte über ihr Gesicht, während sie den fast kindischen Ausdruck auf seinem gewahrte, wie durch» lebte Angst sich von neuem in glückseliges Vertrauen verwan» delte.„Ich konnte mich doch mit meinen Verwandten nicht anders unterhalten als ich tat. Und für Dich war ich ganz dieselbe.— Ja, ja, ganz dieselbe!" wiederholte sie, als sie den cmfhuschcnden Zweifel gewahrte.„Höchstens sahst Du mich anders. Du wandelbarer Mensch!" „Warum hast Du mich denn so plötzlich fortgeschickt?" „Wann?" „Vor drei Tagen. Da mußte ich denken, daß Du mich um jeden Preis entfernen wolltest." „Das war auch gut. Das mußte sein." „Gut—? Vielleicht war's gut. Aber Du konntest es jedenfalls nicht wissen." „Dochl Ich hatte mich vergessen. Ter traurige Tag hatte mich eben untergekriegt, und ich mußte wieder ruhig werden." „Nennst Du das vergessen, wenn man sich zeigt, wie man ist?" „Wie man ist?— So bin ich nie und nimmer." Er hatte den Kopf auf dem gegen die Rückenwand des Sofas ruhenden linken Arm aufgestützt, seine Rechte lag leicht auf ihrer Schulter. So saß er in ihren Anblick versunken. „Ich war in krankhaft aufgeregter Stimmung, durchaus nicht so, wie ich sonst bin, Heinrich." „Ueber das alles wollen wir morgen sprechen, Dein Mann, Du und ich. Heut ist es ja schon so spät.— Laß mich noch eine kleine Weile ganz still sitzen.— Wie mir jetzt zumut ist, muß den Kranken zumut sein, die durch Handauflegen gesund werden. Wie gut das tut, Dich zu sehen! Ohne Dich bin ich ganz verwirrt, aber mit Dir wird all mein Trübes hell—" „Was willst Du mit meinem Mann besprechen, Heinrich?" „Morgen." „Du mußt es mir jetzt sagen. Sonst ängstige ich mich. Was hast Du ihm zu sagen?" „Weißt Du das nicht? Weißt Tu das wirklich nicht?— Ich will ihn nur bitten, daß er Dich frei gibt. Ich will ihm sagen, daß ich nicht für mich bitte, sondern für Dich. Er will doch, daß Tu lebst— aber kannst Du so weiter leben? Geh doch zu allen Aerzten und laß Dir verschreiben, was sie wollen, und laß Dich hinschicken, wohin sie wollen— meinst Du, sie könnten mit all ihren Mitteln verhindern, daß Du Dich schließ- lieh verblutest? Man kann doch nicht einnial Wesen, deren Körper zusammengewachsen sind, voneinander trennen. Und das, was uns verbindet— ist das nicht viel mehr? War das nicht im Augenblick da, wo wir uns sahen, und bleibt das nicht unzerstörbar, so lange einer von uns lebt? Ja, Tu magst sagen, ich glaube nicht dran. Aber es ist doch da. Du magst sagen, ich will nicht. Aber es ist stärker als Dein Wille. — Hing denn das überhaupt von unserem Willen ab? Als ich Dich sah, dachte ich da:„Du gefällst mir, in Dich könnte ich mich verlieben?"— Nein, als ich Dich sah, da warst Du kein unbekannter Mensch für mich, dem ich zum erstenmal be- gegnete, sondern ich war nur von Dir getrennt gewesen, wie ich von mir selbst getrennt gewesen war, von dem eigentlichen, tiefsten Menschen in mir— ich hatte Dich immer gesucht, und nun ich Dich fand, da sprach dieser Mensch aus mir, der Dir längst gehörte, dem Du längst vertraut warst. Darum scheint es auch so, als wäre ich innerlich verarmt. Arm steht man immer da nach jeder Neugeburt. Aber diese Armut ist nur der Anfang eines viel größeren Reichtums, wie Deine Krank- heit der Ucbergang zur Gesundheit ist.-- Das ist doch alles so einfach. Das wird auch Dein Mann einsehen. Ja, wenn es nur um mein Glück ginge, um meine Wünsche, meine Leidenschaften— aber diese haben im letzten Grunde nichts damit zu tun. Wir müssen einander gehören, nicht weil wir uns lieben, sondern weil wir zueinander gehören, deshalb läßt das Verlangen uns keine Ruhe. So ist es. So einfach, so notwendig, daß sich gar nichts dagegen sagen läßt." Mit leiser Stimme und fast ohne Aufregung hatte er ge- sprochen, und obwohl sein Auge auf Marie Luise gerichtet war, gewahrte er doch nicht eigentlich sie, sondern hatte die zuerst unbestimnite, dann immer deutlicher werdende Enipfindung, inniittcn der Berge zu sein, inmitten der kühn ragenden Felsentürme, Nadeln und Zinnen, die fast den Sternenhimmel berührten, ans deren zerrissenen Klüften ein frischer Wind sausend dahiiipfiff, unter denen die dunklen Erdentäler in un- crmeßlicher Tiefe dämmerten, hatte die wunderbar freie, leichte und stolze Gewißheit, von allen Zweifeln, Sorgen, Leidenschaften, Begierden, vcm allem, was die reine Mensch- lichkeit belastet und hemmt, befreit und umgeben von Ge- Hilden ewiger Größe und ewiger Notwendigkeit zu sein die den Gefühlen entsprachen, die in seiner Brust wirkten und' lebten. Marie Luise hatte sich hoch aufgerichtet und saß noch ebenso regungslos da, als er schwieg, mit zurückgebogenen Schultern und gradem Rücken, den Kopf aufwärts gewandt. Ihr Gesicht war blaß, aber die Augen verbreiteten einen solchen Glanz, beherrschten es so ganz, daß es wie eine Um- rahmung verschwand. Tiefster Schmerz und höchste Seligkeit lag in diesem regungslos lauschenden Blick, der sich nicht der» änderte, als tönten seine Worte noch immer, oder als hörte sie nicht diese Worte, sondern klangvollere, mächtigere Stimmen ihres Innern. „Ich halte Dich nun fest, ob Du willst oder nicht— denn das, was über Deinem Willen steht, gibt mir recht." Sie ergriff mit unwillkürlicher Bewegung seine Hand, die sie krampfhaft umpreßte, sah ihn an und schien sprechen zu wollen, doch als wenn der aufquellende Strom über- mächtiger Empfindungen ihre Kraft bräche, sank ihr Kopf auf seine Schulter, und er fühlte, wie in immer rascheren Tropfen die Tränen auf seine Hand fielen. „Warum weinst Du? Nun wird ja alles glücklich enden." Aber nach einer kurzen Weile schien sie ihre Kraft ge- sammelt zu habeü und sagte mit klarer, wenn auch bebender Stimme: „Heinrich, was Du da sagst, das kann nie geschehen. Nie! — Laß mich ausreden. Unterbrich mich nicht. Du weißt nicht, was mich nnt meinem Mann verbindet. Ich kann ihn nicht verlassen. Und wenn er mich auch frei gäbe, das würde nichts ändern. Ich käme nicht darüber weg, daß ich mich selbst ver- raten habe. Deshalb müssen wir auseinandergehen. Ja, ja, ja! Wir müssen! Glaub mir!" fuhr sie in angswollereni Ton fort.„Man wird durch ein Unrecht nicht glücklich. Du würdest Dir ja selbst nie verzeihen können. Auch Du mußt bei Deiner Frau bleiben." „Was?— Was sagst Du da?" „Ja, auch Du bist gebunden." „An die bin ich durch nichts gebunden. Wir sind zwei fremde Menschen, die nicht ein einziges gutes Gefühl zusam- menhält. Gar nichts außer dem Zwang." „Und Deine Kinder? Ist das kein Band?— Du sagst, kein gutes Gefühl—" „Und wenn sie so gewesen ist— wer trug die Schuld? Du und ich— wir beide, Heinrich." „Marie Luise!" schrie er, indem er die Hände zusammen- schlug und aufspringen wollte. Sie riß ihn am Arm, und als er sie empört und außer sich anstarrte, fuhr sie mit jagender Stimme fort: „Wir beide sind schuld. Das wollte ich Dir schon längst sagen. Nur war ich zu feige dazu. Deine Frau hat sich niedrig benonimen, aber weißt Du, was sie gelitten hat? Unmenschlich hat sie gelitten. Tu hast ihr nicht beigestanden, als sie sich selbst überlassen war. Hättest Du ihr nur ein bißchen geholfen, so wäre sie nicht so geworden. Darum mußt Du zu ihr zurück- kehren. Aber nicht als Fremder, sondern Deine Teilnahme, Dein Vertrauen, Deine Hülfe mußt Du ihr geben. Glaub mir, kein Mensch ist so schlecht, daß er Aufrichtigkeit und Güte wider- steht. Aber wenn er leidet und sich verlassen sieht von dem, den er liebt, dann verkehrt sich seine Seele in Bosheit und Haß." Aus vager Ferne empfand Grabaus, daß in diesen Worten etwas Bestimmendes lag, vielleicht eine Wahrheit, vielleicht die unumgängliche, unübersteigliche Wahrheit. Aber so ganz wider Erwarten hatte sie ihn getroffen, daß er blindlings davor zu- rückfloh. Er sprang auf, wie jemand zur Seite springt, bei dem ein Ziegelstein haarscharf am Gesicht vorbei zu Boden gefallen ist. Mit ringender Brust atmete er die durch das Fenster strömende kühle Nachtluft ein, um sich von dem dröh- nenden, erstickenden Herzschlag zu befreien. Und, wenigstens körperlich etwas beruhigt, erwiderte er dann mit halber Stimme, ohne sich umzuwenden: „Du kennst meine Frau nicht. Die ist ja zehnmal stärker als ich.— Nicht ich bekäme Gewalt über sie, sondern sie über mich. Und für die soll ich mich opfern?" „Nein, für Dich selbst! Für Dich selbst!" Aber das war ihm vollends nur ein leeres Wort, das kaum sein Ohr berührte. Er empfand in diesem Augenblick nichts als eine ungeheure, niederschmetternde Enttäuschung, So felsenfest vom Recht seiner Sache überzeugt, von ihrer Wahrheit, Notwendigkeit, ihrer alle Einwendungen zersplittern- den Kraft hatte er gesprochen— und was hatte sie erwidert? Daß sie in diesem heiligsten und höchsten Augenblick den Namen seiner Frau auch nur erwähnte, erschien ihm wie ein Hohn, wie eine unbegreifliche und beinahe heimtückische Beleidigung. Regungslos, wie angewurzelt stand er, sog mit bebenden Atem- zügen den Luftstrom ein, starrte auf den weiten schwarzen Raum, aus dem nur mit undeutlich weißem Schimmer die Ge- stalt des Denkmals sich heraushob, und dachte, wie erträglich, wie leicht, wie gehoben trotz aller Wirrsale noch vor wenigen Augenblicken da draußen seine Stimmung gewesen war; da hatte in aller Qual der Sehnsucht ihn doch noch die Hoffnung getröstet. Aber zerbrochen, zertreten, zerschellt lag jetzt alles. Wirklich— das sollte das Ende sein? Daß sie auseinander- gingen, daß er zu seiner Frau zurückkehrte und um deren Liebe warb. Daß er sich hinabziehen ließ in deren dumpfe, trübe, niedrige Welt, bloß um sich sagen zu können, daß er sich als treuer Gatte dem Gesetz gehorsam gezeigt hatte. Sie hatte ihm das geraten, sie— Marie Luise?! Er wandte sich mit einem hastigen Blick nach ihr um, als müßte er sich überzeugen, daß sie es wirklich gewesen war, die da gesessen und solche Worte gesprochen hatte. Dann starrte er wieder brütend aus dem Fenster und rührte sich nicht, als er das sachte Rascheln ihres Kleides und leichtes Glucksen hörte, worauf mit der wärmeren und schwereren Luft des Zimmers ein süßer Eau de Cologne-Duft ihn anwehte. (Fortsetzung folgt.) kleines f eirilleton. tn. Ter„Aufsichtsrnt"..Aber, Kinder, laust doch nicht so furchtbar!" Tante Müller keuchte ans dem sandigen Waldwege zwanzig Schritte hinter dem jungen Paare her.«Ich soll wohl den Herzschlag kriegen, Herr Oskar 1" „Möchtest Du man!" knurrte Oskar.„Dann wären wir Dich IoS!" „Pfui!" Marie, die er am Arme hatte, lachte.„Die gute Tante—" „Gute Tante I Als ob wir immer'n Detektiv bei uns haben müßten I Scheußlich!" .Sie hängt so an uns." „Hängt? Ja, wie'ne eiserne Kugel. Laß sie doch zu Hause bleiben oder allein Partien«rächen! Aber uns immer und ewig auf den Hacken sitzen, um den Aufsichtsrat zu spielen— ich danke I Man kann kaum sil vernünftiges Wort unter vier Augen miteinander reden— schwapp, ist sie da I Da danke ich für das ganze Verlobt- sein l Man ist doch am Ende kein Verbrecher!' «Wer weiß?" zweifelte Marie,„man kann nicht wissen." „Ach so," Oskar lachte,„der alte Witz. Wir wollen Tante Müller mal ärgern, ja?" Er faßte Marie um die Taille und sang: „Du hast mir mein Herz g e st o h l e n, Du hast mir die Ruhe g e- raubt!" Laut sprechend:„Alle Krnninalkommissare soll der Teufel holen!" „W e n soll er holen?" Frau Müller war ächzend herangewalzt. „Mich?" Sie lächelte verständnisinnig. „Nein. Denn er nimmt Sie nicht. Ich meine: Sie gehören in eine bessere Welt. Aber Sie sollten sich nicht so abhetzen, Tante Müller, es könnte wirklich Ihrer Gesundheit schaden. Nachher kriegen wir die Nackenschläge. Ueberhaupt sitzt es sich zu Hause viel ge- mütlicher." „Das glaub' ich, Herr Oskar!" Sie nickte schadenfroh.„Aber nehmen Sie, bitte, den Arm von Mariens Taille— Du solltest Dich schämen, Mm'e, auf offener Straße—" „Ich hab's gar nicht gemerkt," behauptete Marie.„Außerdem ist niemand zu sehen." „Ganz gleich. Ich bin da. Gerade deshalb bin ich da. Es schickt sich nicht—" „allein mtt einend Herrn ohne ältere Begleitung spazieren zu gehen," vollendete Marie in lebhaftem Tone und wandte sich zu ihrem Verlobten:„Ich hab's Dir immerzu gesagt, Oskar I" „So? Ich hab's wohl überhört." „Meine Nichte ist glücklicherweise in Anschauungen erzogen. Herr Oskar, die von den— sagen wir: volkstümlichen recht weit ab» weichen. Und so lange ich lebe—" „werden Sie nicht von unserer Seite weichen, ich verstehe," ergänzte Oskar. „Bis zu Ihrer Hochzeit wenigstens." Sie nickte kräftig. .Warum wollen Sie dann aufhören? Möglicherweise finden sich auch da noch Gelegenheiten, irgendwie regulierend einzugreifen." „Möglich! Wahrscheinlich sogar!" Tante Müller ging mit einigem Eifer auf solche Geplänkel ein.„Allein, d a S würde meinem feinen Empfinden widersprechen." „Feines Empfinden, sagten Sie, nicht?" Hier griff Marie ein, weil ein ernsterer Konflikt drohte, und sagte ablenkend:„Wollen wir nicht mal den Berg dort hinauf» klettern?"~ „Ja. Es muß eine herrliche Aussicht sein. Der Weg wird beschwerlich für Sie werden, Frau Müller, aber—" „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Herr Oskar. Ich gehe mit. Und wenn Sie hoffen, daß ich unterwegs liegen bleibe—" „Sie verkennen mich, Frau Müller," sagte Oskar in sanftem Tone.„Ich wachte nicht nach Ihrem Leben." „Oskar wünscht Dir alles Gute," bestätigte Marie.„Du mußt doch zugeben, daß Bergsteigen nicht Deine'starke Seite ist. Daß Du leicht ermüdest." „Ich weiß, ich weiß." Tante Müller nickte mit schlauem Lächeln. „Aber, meine lieben Kinder, Ihr nehmt mich in Eure Mitte. Und wenn ich ermüde, stütze ich mich auf Euch.— Ist Ihnen etwas Saures in den Mund gekommen, Herr Oskar?" „Mich hat'ne Biene gestochen. Es scheint übrigens auch dort unten ein Weg entlang zu gehen. Durch den Wald. Ich werde mal rekognoszieren. Setzt Euch ein Weilchen hier auf die Bank" Er blinzelte Marie zu und entfernte sich. Nicht lange danach fühlte Marie sich beunruhigt.„Wo er nur bleibt! Oskar I" Sie stand ans:„Oskar I Er wird sich ooch nicht verirrt haben? Bleib' nur ruhig sitzen, Tante. Oskar! Oskar!" Sie rief und entfernte sich immer weiter von der Bank. „Marie! Daß Du hierbleibst!" „Einen Augenblick, Tante. Er kann ja nicht weit sein." Sie war schon im Walde verschwunden. Tante Müller sprang auf und wollte nacheilen. Aber sie über- legte es sich noch mal, nmrmelte:„Mich macht Ihr nicht dmum, nieine Hühnchen! Ihr wollt mich versetzen!" und sie versteckte sich hinter einem Busch, von dem aus sie die Bank im Auge behielt. Eine gute Weile verging. Dann spähte Oskar drüben hinter einem Baume hervor und winkte Marie:„Komm. Der Detektiv ist auf den Leim gegangen." Er umarmte Marie, grüßte spöttisch in den Wald hinein und rief halblaut:„Glückliche Reise, Tante Müller! Wer weiß, wann wir uns wiederseh'n." „Sehr bald, mein Junge I" murmelte es hinter dem Busch. „Warte nur!" „Ach, Du, hübsch ist eS eigentlich nicht," lachte Marie. „Sehr hübsch. Und vor allen Dingen notwendig. Selbsthülst l Not kennt kein Gebot— und so lveiier. Tante Mittler hat Fett genug auf dem Leibe: Bewegung ist ihr sehr gesund. Uns aber ist ein wenig Ruhe vor dem Kriminalblick geiund. Zeig mal Deinen Mund." Pause. „Unverschämt!" und fuukelnde Augen hinter dem Busch. „DaS nennst Du nun ein vernünftiges Wort reden," lachte Marie. „Ein vernünftiges Wort schweigen, wäre richtiger. Ganz recht. Unter Leuten, welche lieben, braucht's der großen Worte nicht," sang Oskar. Erneute Pause. Bewegung hinter dem Busch:„Er zerdrückt ihr den HnH" „Hörtest Du nichts?" Marie fuhr aus der Umarmung. „Ach, keine Spur I" Oskar sah sich um.„Wer soll denn hier sein. Wilde Kaninchen und Eidechsen. Alte Eulen halten sich da nicht." „Ohl" hinter dem Busch. Und Oskar reckte lachend die Arme und schlang sie um seine Braut:„Ach, Mieze, Mieze, wie schön ist es auf der Welt ohne Tante Müller I" „Es schickt sich nicht. Mieze zu sagen", lachte Marie.„ES ist nicht fein. Du." „O, es ist sehr fein. Und ant feinsten ist, daß wir den alten Drachen in den April geschickt haben. Darauf wartete ich schon wochenlang mit Sehnsucht." Tante Müller nickte boshaft hinter dem Busch:„Freu' Dich, mein Lieberl So schlau wie Du sind wir auch noch." „Ich habe Hunger," sagte plötzlich Marie,„und Tante Müller hat die Stullentasche." „Wenn's weiter nichts ist! Es wird sich schon irgendwo etwas auftreiben lassen. Wir schlendern jetzt langsam zum Wasser— Tante Müller ist entgegengesetzt gegangen—, schauen ins Abendrot. abendbroten und fahren mit dem Dampfer nach Hause. So spät wie möglich, da wir ja Tante Müller suchen müssen." „ES wird riesig romantisch werden, nicht, Oskar?" Er küßte sie. „Aber Ihr nehmt mich doch mit, meine lieben Kinder?" Ueber den vereinigten Köpfen erschien schadenfroh lächelnd TantS Müllers Gesicht.„Uebrigens schickt sich daS nicht, Marie." „Himmel!"--- Kulturgeschichtliches. _ Die verlorenen zehn Stämme Israels. Der „Franks. Ztg." wird ans London geschrieben:„Wer über Queen- borough nach London fährt, kann, kurz hinter Oucenborough links nach dem benachbarten C h a t a m zu blickend, ein gewaltiges Back- steingebäude sehen, das allen Ernstes zu dem Zwecke erbaut ist, dre verlorenen zehn Stämme Israels aufzunehmen. Vom Eisenbahn» zuge aus gesehen, wirkt das Gebäude wie eine riesige Mietskaserns in Ziegelrohbau. Bei genauerem Zusehen erkennt man aber, daß das kolossale, turmhohe Gebäude eine verlaffene Ruine ist, ohne Fenster und Dach. Und jetzt wird das unvollendete Massenquartier der verlorenen zehn Stämme Israels verschwinden. Die Ruine ist fion einer Fabrikfirma angekauft, die sie bis zum zweiten Stockwerke abtragen und dann Fabrikwerkstätten darin einrichten läßt. Vor dreißig Jahren war es, als einmal einem englischen Infanteristen namens James White von seinem Sergeanten vorgehalten wurde, daß er„ein religionsloser und ruchloser Kerl" sei. Der Infanterist nahm sich das zu Herzen, er begehrte seinen Abschied, nannte sich dann nicht mehr James White, sondern James Jershom Jezreel und erklärte sich für den Gründer des jüngeren Hauses Israel". .Er bekam in Chatham gläubige Anhänger, denen er Offenbarungen mitteilte, die er vom Himmel und aus Jerusalem erhalten haben wollte. Die Zahl seiner Anhänger wuchs, und diese beschenkten ihren Propheten reichlich mit Geld, wofür dieser ihnen Unsterblichkeit versprach. Die Einkünfte dieses Religionsstifters sollen eine Zeit lang eine Million Mark im Jahre betragen haben. Als Jezreel auf der Höhe seiner Macht stand, faßte er den Entschluß, ein ge- waltiges Versammlungshaus mit Tempel zu bauen, in dem 144 vlK) Auserwählte der verlorenen Stämme Israels würden sich ver- sammeln können. Das Gebäude wurde auf einem Hügel errichtet, damit die 144 000 Auserwählten zugleich von der zweiten Sintflut, die dann kommen würde, verschont blieben. Der mittlere Teil dieses Gebäudes sollte ein Tempel sein, der vier Galerien haben und mit einer goldenen Kuppel gekrönt werden würde. Im Jahre 1885 starb Jezreel plötzlich, obwohl er immer bestimmt behauptet hatte, er sei unsterblich. Seine junge Witwe, welche den Vornamen Esther hatte, nannte sich nun„Königin Esther", sie erklärte, daß sie wirklich göttlichen Ursprungs sei und daß ihr verstorbener Mann nur ihr Kommen habe vorbereiten sollen. Nach drei Jahren starb aber auch„Königin Efther" und die Anhänger der neuen Religion verringerten sich sehr an Zahl. Der Vater der„Königin Esther", ein Kaufmann Rogers, hat dann den Namen Jezreel angenommen und den kleinen Rest der Gläubigen um sich geschart. Am Fuße der turmhohen Tempelruine bei Chatam wohnt jetzt noch eine kleine Gemeinde von„Jezreeliten", und sie benutzten immer noch diesen gewaltigen„Kasten" aus Backsteinen, um darin ihre Ver- sammlungen abzuhalten, und sie hielten immer noch an dem Glauben fest, daß sie darin von der Sintflut verschont bleiben würden.—- Völkerkunde. "— In der Junisitzung der Berliner Gesellschaft für Anthro- pologie sprach Dr. Träger über die„T r o g l o d y t e n des Matmata in Südtunis. Der„Reichsanzeiger" berichtet aber den Vortrag: Ein anstrengender Ritt brachte den Vortragenden von der Küste landeinwärts nach dem 600 Meter über dem Meere gelegenen Matmata. Es war Dr. Träger gesagt worden, er werde dort einen von 1200 Einwohnern— Berbern und Kabylen— bewohnten Ort und etwa 200 Wohnhäuser finden, auch war er vor- bereitet auf eine ganz ungewöhnliche Herstellungsart dieser Woh- nungen; dennoch wirkte der Anblick auf ihn als eine große Uebe'r- raschung. Denn von den erwarteten 200 sah er nur ein Haus, die massiv erbaute Wohnung des französischen Militärgouverncurs; alle ribrigen Wohnungen bestanden in Brunnen von meist kreisrundem (Querschnitt und 10— 15 Meter Tiefe, die unter Benutzung des eine Menge kleiner Hügel bildenden Terrains in einem steinharten, mit Sand bedeckten Lehm angelegt worden waren. Erst wenn man die etwa 20 Meter betragende Böschung eines solchen Sandhügels er- stiegen, sah man sich am Rande des Brunnenschachtes und in der trockenen Tiefe desselben das Treiben vieler Menschen, namentlich Kinder, die in dem Lichthof ihren Tummelplatz hatten, während die großen Erdhöhlen gleichenden Wohnungen, zuweilen 2 bis 3 Etagen, sich ringsum in den Lehm eingebohrt zeigten, der so fest steht wie Mauerwerk und daher nur in seltenen Fällen durch solches befestigt ist. Ten Zugang zur Brunuensohle bildet ein Gang, der vom Fuß des Hügels radial in diesen hereingeführt ist. Blickt man auf diese sonderbare Stadt von oben, so stellt sie sich nur als eine große Anzahl runder Erdöffnungen dar, und selten sieht man Menschen sich außerhalb bewegen, da ihre gegenseitigen Beziehungen sich �besser im kühlen Innern ihrer Wohnungen, als in der brennenden Sonne der Oberwelt abwickeln. Die Rücksicht auf das Kühlwohnen im Sonimer und das Warmwohnen im Winter, dessen Regen nicht über- mäßig unbequem werden und selten mehr bewirken als eine vor- übergehende kleine Wassersnot cun Grunde der Brunnen, hat wohl im wesentlichen diese Art, die Wohnungen anzulegen, hervorgerufen und ist maßgebend für ihre Beibehaltung. Früher mögen auch Ver- keidigungsrücksichten maßgebend gewesen sein: denn unter diesem Gesichtspunkte sind auch die Wohnungen der benachbarten Stämme angelegt, gleichfalls aus Lehm, aber über der Erde und aus langen, nur von einer Seite zu betretenden tunnelartigen Gebäuden be- stehend, deren häufig drei übereinander und viele Wand an Wand nebeneinander gebaut sind, sodoß sie eine Art Burgwall bilden mit Ocsfnungen nur nach dem gemeinschaftlichen Hofe. Die Bewohner der Matmata sind noch unverfälschte Berber; aber es scheint, daß ihre Sprache im Aussterben und der vollständige Uebergang zum Arabertuni in naher Aussicht ist.— Ans dein Pflanzenleben. — Perioden im Wuzelwachstu m. Nach den von Et. E n g l e r im forstlichen Versuchsgarten Adlisberg bei Zürich, 670 Meter über dem Meere, an je 300—400 ein- bis achtjährigen Fichten, Tannen, Kiefern, Lärchen, Buchen, Eichen, Birken, Liiiden, Ahorn, Eschen, Hainbuchen und Erlen angestellten Untersuchungen erfolgt bei den Holzgewächsen eine Periode kräftigen Wurzel« Ivachstums im Frühsommer und eine zweite weniger kräftige im Herbste(September und Oktober), während zwischen beiden eine sommerliche Ruhepause liegt. Diese Beobachtung deckt sich mit den sinnfälligen Wachstumsperioden der oberirdischen Teile, wobei man gleichfalls den Frühjahrs- trieb und Herbsttrieb(Augusttrieb) unterscheidet. Die Maxima des oberirdischen und unterirdischen Wachstums fallen im Frühling bei« nahe zusammen. Die sommerliche Ruheperiode findet ihre Ursache offenbar in dem minimalen Wassergehalt des Bodens nach dem ersten üppigen Wachstum und der ersten Soinmerhitze; durch beide Um- stände nimmt die Bodenfeuchtigkeit(Wintcrfeuchtigkeit) rasch ab. Der zweite Trieb tritt dann nach den Sommerregen ein und zwar um so früher oder später, je früher oder später diese eintreten. Nach langer Dürre tritt der Herbsttrieb spät ein, bringen die Sommer» regen nur wenig Niederschläge, so bleibt der zweite Trieb sehr schwach. Bei den Nadelhölzern ist das herbstliche WurzelivachStum weniger lebhaft als bei den Laubhölzern; im Winter tritt bei den Nadelhölzern sogar ein völliger Stillstand des WurzellvachstumS ein, während die Wurzeln der Laubbäume bei milder Witterung auch im Winter zu wachsen ver- mögen.(Die untere Grenze des Wurzelwachstums liegt für die Nadelhölzer bei-}- 5—6° 0., für Buche und Bergahorn bei-s- 2—3° 0.) Engler folgert aus seinen Untersuchungen, daß für die Gegenden mit Frühlings- und Sommerregen die beste Pflanzzeit für Holz- geivächse der Frühling sei, für die Gebiete mit trockenem Sommer und regenreichem, warmem Herbste dagegen die frühen Herbst- monate. Damit hat die alte Streitfrage: Herbst- oder Frühjahrs- Pflanzung der Holzgewächse? eine exakte Losung gefunden.— („Prometheus.") Humoristisches. — Aus dem„Simplicissimus": Im Anschauung?- Unterricht bespricht der Lehrer die Tasse und fragt die Schüler nach den verschiedenen Auffchriften, die man aus Tassen lesen kann.„Dem guten Kinde",„Der lieben Mutter",„Dem Silberpaare",„Aus Liebe" usw.... Nachdem nun alles auf Tassen mögliche erschöpft ist, hebt noch ein ganz kleiner Bursche die Hand hoch und sagt: „Meine Mutter brachte emal enne Tasse mit; da stand darauf: „Bahnhof Eilen bürg"."— Zo. Ich tät's auch nicht. In Dublin wurde unlängst eine Radlerin von einem Konstabler wegen Fahrens auf verbotenen: Wege angehalten und um Rameu und Adresse gefragt. Sie warf einen flehentlichen Blick auf den gestrengen Wächter des Gesetzes und bat:„Nicht wahr, Sie werden mich nicht vorladen?" Darauf ant- wartete der Polizenmn:„Ich notiere stets mit Vergnügen Namen und Wohnung junger Damen, aber... Sie brauchen ja nicht Ihren ivahren Namen und Ihre richtige Adresse anzugeben,— ich tät's auch nicht."— Notizen. —„Gelbstern", ein Stück von Jagues Burg und WalterTurczinsky.ist vom Lu st spielhause angenommen worden.— — Die städtischen Kollegien in Osnabrück beschlossen den Bau eines Stadttheaters. Die Gesamtkosten betragen 500 000 M.— — Zwischen dem Oberregisseur Axel Delmar und der Inten- dantur des Kasseler Hoftheaters ist es zum Krach ge- kommen. Solo- und Chorpersonal haben dem Oberregisseur ein Vertrauensvotum ausgestellt.— — Ein Volks- und Trachtenfest wird am 2. Juli in Oberprechtal im badischen Schwarzwald stattfinden. Mit dem Feste sind verbunden: Eine schwarzwälder Taufsuppe, eine Bauern- Hochzeit, eine Spinnstube(Wettspinnen) usw. co. Einwirkung von Zelluloid auf Eisen. DaS Zelluloid hat als Stickstoffverbindung die Neigung, sich zu zersetzen, und die sauren gasförmigen Zersetzungsprodukte wirken sehr stark aus Eisen ein. das mit der Zeit völlig von ihnen zerfreffen wird.— c. Mit dem Bau der neuen Bergbahn, die die Höhen des Mont Blanc dem Touristen zugänglich machen will, wird in den nächsten Tagen begonnen" werden. Die Bahn beginnt bei dem Dörfchen Le Fayet am westlichen Ende des Chamonixtales und steigt in weitem Bogen zu der Nordwestseite des Berges hinauf. Sie loird nicht auf dem Gipfel des Mont Blanc selbst enden, sondern auf dem Plateau der Aiguille du Gouter, 3900 Meter. Von dort kann der Aufftieg zum Gipfel des Mont Blanc, 4810 Meter, bequem in etwa vier Stunden gemacht werden. Die Bahn wird wie die elektrische Bahn auf die Jungfrau gebaut und etwa 18 Kilometer lang sein, die Bauzeit wird auf fünf Jahre veranschlagt. Die Fahrt von Le Fayet nach der Station„Gipfel" wird vier Stunden dauern, Eine Rückfahrtskarte soll 80 M. losten.— Vcrantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo.,BerlinLiV.