Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 126. Sonntag, den 2. Juli. 1903 lZiachdruck verboten.) flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. � 7 Aber daK alles sind ja nur Worte, dachte Grabaus, leere, tonende Worte, Hinter die sie sich flüchtet, hinter denen sich die Wahrheit verbirgt. Und mit aller Gewalt war jetzt das gegen- wärtig, was vor wenigen Tagen geschehen war: da hatte sie sich an ihn geklammert und ihn geküßt, hatte ihm ihre Seelen- not verraten und ihn hineinschauen lassen in ihr zuckendes, sich abringendes Herz, das offen seinen Blicken dalag und zu ihm flehte: vernimm doch mein stummes Schreien, fühl doch das mit, wogegen mein Wille ankämpft und was stärker ist als aller Wille, versteh doch, wie mein einziger Wunsch ist, daß Du mich rettest, mich befreist, mich nimmst, mich fortträgst, Du, der Stärkere, mich, das schwache Weib, auch gegen meinen Willen, wie im Raub. Gegen ihren Willen— gegen ihren Willen: es lag darin eine wilde, aufrührerische Musik, es lag darin die fortreißende Macht eines Sturzbaches, und es lag darin eine wirbelnde durcheinanderschießende Menge von betäubenden, lockenden, ängstigenden Vorstellungen. Ganz allein waren sie in dieser Nacht— in dieser einzigen, nie wiederkehrenden, lauen, Luft atmenden und ihm zur Erlangung seines wie ihres Glückes geschenkten Sommernacht. Und während er in vollen Zügen die Luft einatmete, fühlte er wieder mit blinkenden Wellen den weichen Strom über sich hinfließen, fühlte sich sinken und sinken in süße, träum- hafte Dämmerungen, glaubte schwere Düfte einzuatmen und übermütig lachendes Klingen eines Liedleins zu hören und verwegene Hände sich ausstrecken zu sehen— er aber lag tief, tief im Schoß eines unergründlichen Wassers und fühlte schwer mit Süßigkeit und Oual, mit verzehrendes tGlut und aufreizendem Schmerz die Sehnsucht auf sich lasren— eine Sehnsucht, die kein morgen kennt, die' nur Erfüllung heischt— hatte noch im wachsenden Taumel einen kurzen Augenblick lang die blitzartige und stechende Empfindung, daß er fliehen, daß er, ohne auch nur mit einem Blick Marie Luise zu streifen, auf die Tür stürzen und diese hinter sich zuschlagen müsse, wandte sich dann, ohne zu wissen, welchem Drang er nachgab, um, und als er die halb erhobene Gestalt, die ihm ihre Hand cnt- gegenstreckte und sagte:„Heinrich, sei gut!— Sei gut!—" erblickte, sank er, ohne auf ihre Worte zu hören, neben ihr auf die Knie, umschlang die Zurückgelehnte mit beiden Armen und stammelte: „Du gehst ja zugrund! Du gehst zugrund! Du sollst nicht. Leben sollst Du, Du liebe, Du liebe Dabei küßte er sie auf ihre Augen, ihre Stirn, ihr Haar, küßte die Tränenspuren von ihren Wangen und preßte er- stickende Küsse auf ihre Lippen. Sie versuchte ihn zu beruhigen, sich loszumachen, drängte ihn erst leise, dann mit größerer Gewalt von sich und sagte: „Nimm doch Vernunft an, Heinrich. Laß doch mit Dir reden." „Vernunft?" erwiderte er und warf leidenschaftlich den Kopf zurück. „Dann geh!— Wenn Du mich lieb hast, gehst Du jetzt!" „Wenn Du mich lieb hast, gehst Du jetzt— nein, nein, nein. Ich gehe nicht. Ich bleibe. Ich trage Dich fort. Ich lasse Dich nicht. Mein bist Du— allen zum Trotz. Dir selbst zum Trotz. O Du— Du Schöne, Du Blonde-- ich will Dir sagen, wie mir ist." Und plötzlich in dieser furchtbaren Erregung wurden seine Züge scheinbar ganz ruhig. Ohne zu sprechen, heftete er seine Augen in ihre, und während er sie mit regungslosem, sanftem, leidendem und versunkenem Ausdruck ansah, trat aus sich öffnenden Tiefen ein Geheimnis zutage. „Ich bin krank," sagte er leise.„Krank. Ich leide an Dir. Ich sehe und denke nichts anderes als Dich. Du bist in mir wie eine Qual. Wie ein Feuer. Wie ein Wahnsinn. Ich habe keine Vernunft mehr.— Ich—" Er stöhnte leise und ließ den Kopf in ihren Schoß fallen. Sk hatte sich über ihn gebeugt, am aanzen Leibe zitternd. und in der aufsteigenden Angst, in dieser Angst bor ihrem Mitleid, ihrer Schwäche, vor der Umdämmerung ihres Willens zerrte sie an seinem Arm und bat immer inständiger: „Steh auf, Heinrich! Steh auf! Steh auf! Du mußt gehen." �„Ich kann nicht.— Warum soll ich gehen? Warum sollen wir uns opfern? Für wen?" „Du mußt gehen," wiederholte sie erregt.„Wenn nicht alles aus sein soll, dann mußt Du augenblicklich gehen." � „Was?" „Ja, augenblicklich." „Wenn ich gehe---" versetzte er, sich plötzlich aufreckend. „Wenn-- ich gehe— �" „Was dann?" „Dann ist alles aus."" „Heinrich!" „Dann bist Du— so— feige— so— grausam," stieß er mit schneidender Stimme hervor.„Dann glaub ich Dir gar nicht mehr. Gar nichts." „Heinrich! Sag doch das nicht. Du bist ja nicht bei Sinnen. O Du— das wirst Du bereuen, Sieh mich noch so an!— Was ist Dir?— Heinrich— Heinrich-- nimm mich— nimmt mich— nur sieh mich nicht so an!—" Sie schlang ihren Arm um seinen Hals, schmiegte ihre Wange an seine Stirn und preßte ihn mit aller Gewalt an sich, um ihn der Erstarrung zu entreißen. Aber behutsam, mit scheuen Händen machte er sich los, ließ sie, deren Augen noch immer um Barmherzigkeit flehend auf ihn gerichtet waren, in die Ecke des Sofas niedersinken, zog seine Finger, die sich vor Entsetzen krümmten, aus der Umklammerung ihrer Hände und wich selbst vor der Berührung ihres Kleides zurück, wäh- Snh er noch immer mit aufgerichtetem und wie gebäumtem berkörper vor ihr kniete. Aber auf seinem Gesicht lag jetzt nicht'mehr dieser aus Qual und Wut verzerrte, haßerfüllte Ausdruck. Sondern jetzt war er ganz wieder zur Besinnung ge- kommen und Herr seiner selbst, und seine geknebelte, zu Boden gepreßte Vernunft hatte sich jetzt frei gemacht, sich erhoben, und in der tiefen, lautlosen, leeren Stille, die plötzlich cinge� treten war, blickte sie, wie der grelle Sonnenschein auf die Ver- Wüstungen einer Sturmnacht, mit grausam sich rächender Klar- heit auf das nie zu vergessende, nie zu verzeihende Geschehnis� Und nachdem sie alles überschaut und alles begriffen hatte. sank er stumm mit fahlem Gesicht in sich zusammen, rührte sich nicht, als er fühlte, daß ihre Hand auf seinem Kopfe lag, wagte nicht den Blick zu erheben, als sie ihn leise beim Namen rief, und während sie ihn mit sanfter Gewalt aufrichtete, sah er sie an, ohne daß der brütend und in sich gekehrte Ausdruck seiner Augen sich veränderte. „Ich Hab Dich wirklich lieb, Heinrich. Du kannst mir glauben." „O Gott, ich tu's ja," antwortete er gequält. „Ich Hab Dich lieb— bis in den Tod," flüsterte sie.„Aber an ihn muß ich denken, der mir vertraut. So fest, so fest!— Man kann nicht an Gott fester glauben, als er mir glaubt." „Du mußt das vergessen— was ich gesagt habe— brachte er mit bebender und tonloser Stimme hervor und ließ dann die wankenden Augen sinken. Eine wunderbar süße, schmerzlich selige Milde lag auf ihrem Gesicht, während sie sein Haar streichelte, nicht ablassen konnte, es zu berühren und zu liebkosen. „Steh auf!" sagte sie dann.„Du mußt nun gehen.—> Aber eins versprich mir, ehe Du gehst—" „Was soll ich tun?" „Wir müssen Abschied nehmen. Heute noch.— Du mußt abreisen ohne mich." „Marie Luise— warum?" „Ach, ich gehe zugrund neben Dir. Glaub mir, wo Du bist, da bin ich auch. Aber laß mich allein. Ich kann's nicht mehr ertragen. Ich sterbe dran." „Marie Luise— warum?— Warum?" Seine Augen rangen mit ihr, in stummer Verzweisluna und tödlicher Angst, sprachen aus, was er nicht wagte laut werden zu lassen, und gaben dann endlich nach. Da küßte sie weinend seine Stirn und schmiegte sich immer wieder an sem Gesicht. Cr stand schon in der Tür und hatte die Schwelle über» schritten, als er sich plötzlich umwandte und sagte: „Marie Luise— wir sehen uns nie wieder.* „Doch— Du siehst mich wieder." „Wann?" In diesem Augenblick blitzte aus dem purpurnen Band, das hinter den gegenüberliegenden Dächern sich ausbreitete, erstes Frühlicht und ergoß sich mit einem feinen, hell stau- benden Strom ins Zimmer. Aber desto dunkler hob ihre Ge- stalt sich ab, und tiefe Schatten und Furchen lagen auf ihrem schmalen Gesicht, als wäre alles blühende Fleisch ihrer Wangen von unsichtbaren Händen unterhöhlt. Kaum verständlich, nur ein rauhes Flüstern war ihre Antwort. „Leb wohl! Leb wohl!" Dann schloß sie die Tür, und er stand allein auf dem finsteren Flur. 19. Langsam stieg der Wagen mit Marie Luise und ihrem Bruder die Straße nach Castelruth hinan. Die beiden saßen stumm nebeneinander und wechselten nur in langen Zwischen- räumen eine ckurze, gleichgültige Bemerkung. Er hatte dabei gestanden, als Grabaus Abschied nahm von seiner Schwester, hatte dem Zurückbleibenden noch lange gewinkt, der ohne ein Zeichen der Erwiderung vor sich h n- brütete, b's er dann, als der Zug schon die Halle verlassen, wie aus einem Traum aufwachend, den letzten vorbeirollenden Wagen nachstarrte. Da war in Wolf ein jäher Zorn über seine Schwester aufgebraust, deren Handlungsweise ihm grau- sam und unbegreiflich erschien. Aber als er sich dann um- gewandt und ihr Gesicht gesehen hatte, war dieser Zorn ver- raucht. Mit trocknen, wie verzehrten Augen blickte sie ihn an. „Ist er fort?7 Er nickte. Und mit einemmal begriff er, was in ihr borging. Er setzte sich in die äußerste Ecke des Coupäs und drehte ihr den Rücken zu. Mit aller Kraft suchte er sich zu beherrschen, aber unaufhaltsam rollten die Tränen über seine Wangen. Wie ein Kind weinte er— der einzige, der weinen konnte.■ e Träge, mit gesenkten Köpfen schlichen die Pferde dursch' jdie Sonnenglut."!■ Zweimal hatte Marie Luise diese Fahrt gemacht und ÄT die alten Stellen erkannte sie wieder, an denen sie jetzt vorüber- . kam, und auch die Empfindungen von damals stellten sich wieder ein. Da war die Zollschranke. Das erste Mal hatte sie dort mit ihrem Mann gerastet und dem Freund eine Karte geschickt mit vergnügten, fast übermütigen Zeilen, daß sie ihn bald erwarteten. Die Gegend sei so herrlich. Er müßte schien» nigst kommen!— Das zweite Mal war sie den Berg hinunter in schlankem Trab durchgefahren, mit Unruhe und bänglicher Sorge wohl, aber doch mit wie viel freudiger Wiedersehens- Hoffnung im Herzen! Jetzt aber-- Doch von ihr selbst und dem, was sie erwartete, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem Zurückgebliebenen zurück. Was mochte er nun wohl tun? Saß er in seinem Hotelzimmer und dachte an sie? Irrte er durch die Straßen und suchte sie dort? Wieder hörte sie seine letzten Worte, als er auf dem Wege zum Bahnhof sie noch einmal, obwohl er wußte, daß es vergeblich war, zu» rückhalten wollte. Nun trug er an seiner Qual, war irr an sich und an ihr, denn kein Wort hatte sie erwidert. Jetzt aber bog sie sich zurück, und aus ihrer verzweifelten Brust stieg es wie heißes Rufen zu dem Fernen hin, es sei doch nur für ihn, daß sie sich opferte. Damit er frei war fürs Leben, für alles, was die Zukunft von ihm forderte, hatte sie ihn verlassen..-. Aber wie unterirdische Wasser, die, mag man ihre Ausflüsse verschließen, wo und wie man will, den- noch immer neue Wege finden, erhoben sich die alten raunen» den Stimmen, ob es nicht doch die Möglichkeit eines neuen Lebens gäbe in naher oder ferner Zukunft? Der Drang nach - Glück, nach Daseinsrettung umklammerte sie mit starren Griffen. Konnte ihr Mann die Trennung nicht verwinden? War seine Frau durch Bitten und Vorstellungen nicht zu er- weichen? Und wenn sie selbst den Geliebten von Weib und Kindern losriß, konnte sie's nicht verantworten? Wenn er das neue Amt verlor, blüht» mit ihr zusammen nicht überall eine fruchtbare, schönere Zukunft? Warum hatte sie's nicht gewagt, den Sprung ins Dunkle? Wer sich nur mutig in den Abgrund stürzt, irgendwo muß er ja Boden finden. War's nicht Feigheit? Die letzte dumpfe Regung der törichten All» tagsseele, die vor dem Aeußersten zurückschrickt? Aber zu klar, mit tödlicher Klarheit erkannte sie Ken Trugschluß all der Stimmen, und deutlich wie die von hellster Sonnenglut bestrahlte Straße lag der Weg, den sie gehen mußte, vor ihr, der Weg, der nie zu ihm führte, auch in fernster Zukunft nicht. Für sie gab es keine Brücke mehr zum Glück. Daß sie sich selbst getreu blieb, darin war alles. eingeschlossen. Und wie ein Aufleuchten, wie glorreicher, verzehrend' reinigender Flammenschein kam über sie das Bewußtsein, daß, indem sie ihn freigab, sie ihn sich zu eigen machte fürs ganze Leben. Das wußte sie, daß er sie nie vergessen würde. Kein späteres Glück konnte die weißstrahlende Stunde auslöschen in der Mondnacht des Parks. Und wenn in dunklen Stunden sein Mut zusammenbrach, wenn er irgendwo eine Stimme des Trostes hörte, wenn alle Schaffenskraft und Hoffnung ihn verließ, dann würde aus vergangenen und doch lebendigen Fernen ihr Wort geheimnisvoll ihm klingen, ihr Licht ihm glänzen. Noch mochte er sie nicht begreifen und mit ihr hadern in wühlendem Schmerz, doch einst würde er sie verstehen: die an ihn glaubte, die im Glauben an seine Kraft ihr Glück fortgcworfen hatte, die gestorben war, damit sein Leben sich erhöhte. Und es war ein Schweben in reiner, leichterer Luft, wie sie fühlte, daß ihr Leben selbst das Opfer war, das sie ihm brachte. Sie fühlte es, als wenn das Blut ihr schon enteilte mit roten Strömen ins Tal hinab, daß sie das Leben zurück» ließ zugleich mit ihm. Ein Rausch der Freude ergriff sie in dem Bewußtsein, daß die Kraft, deren Wirken sie von Kindheit an in sich ge- fühlt, die ihr Zuversicht verliehen in allen Nöten und heitere Erhabenheit allem Gemeinen gegenüber, daß diese Kraft, an der sie mit ganzer Inbrunst gehangen hatte und doch in wirren Augenblicken verzagt war, nun siegreich triumphierte. Aus eigenem Willen hatte sie getan, was ihr als recht erschien, und hatte sich überwunden. Da wirbelte der Staub dahin, vom Wind getragen, ein Raub des Windes, talwärts flössen die Wasser den vorgeschriebenen Lauf— sie aber, vom Sturm der Sehnsucht zu ihm getragen, während jeder Blutstropfen ihm entgegeneilte: sie hatte sich frei gemacht und war den selbst- gMählten Weg gegangen, von keiner Macht gebeugt, Herrin über sich. » 9 Eine Woche blieb Wolf noch in Ratzes, dann reiste auch er ab. Als er fort war, wurde das Wetter schlecht. Wie ein Waschhaus mit Dampf wurde das enge Tal mit Nebel erfüllt, und die feuchte, kalte Luft drang in die Zimmer, näßte die Leintücher der Betten, hängte sich in die Kleider, kroch in die Lungen. Eines Tages— als chr Mann erneuter Schmerzen wegen liegen mußte— bekam Marie Luise wieder einen Blut- stürz, ohne recht erkennbare Veranlassung. Sie verschwieg es, machte sich selbst auch keine Sorgen, da die Aerzte ihr gesagt hatten, daß bei der Dünnwandigkeit und oberflächlichen Lage- rung ihrer Gefäße leicht eins zerreißen könnte. Aber schlimmep war die zurückgebliebene Ruhelosigkeit, diese furchtbare Ner- vosität, die ihr bei jeder Gelegenheit das Blut in die Wangen trieb, die sie zusammenzucken ließ beim kleinsten Geräusch und sie nachts auf dem Bette hin- und herwarf, daß sich die Stunden zu qualvollen Endlosigkeiten dehnten. Sobald es dem Major besser ging, reiste er mit ihr nach dem Gardasee und von dort an die Riviera.-.. (Schluß folgt.) (Nachdruck verVoten.) Vom pariser Von Wilhelm Holzamer. Die Zeit des Umzugs, sie ist jedesmal eine Zeit des Hangens und Bangens, und sie ist widerwärtig wie eine rückgängig gemachte Verlobung. Es hängt so viel drum und dran, und eine Ehescheidung kann nicht mehr Umstände machen und Aufregungen mit sich bringen. Quartalswcchsel nennt eS zwar einfach und trocken der Reporter und notiert es mit der Gefühllosigkeit, mit der man 'ür 10 Pfennige Wurst verlangt, aber wenn der Feuilletonist in wohllautender U— fülle Umzug sagt, so ist das gleich ein ganzer Roman. In dem werden in behaglicher Anmut alle die haar- 'träubenden Widerwärtigkeiten geschildert, die Wohnungswechsel, ). h. Wohnungssuche, Aus» und Einzug mit sich bringen, die Laufereien und Enttäuschungen, die Qual der Wahl, das Bangen, ob man das Gefundene auch behalten wird, und endlich am großen Tage die zerbrochenen Gläser und Spiegel, die geschundenen polierten Möbel, die abgebrochenen Stuhlbeine und die abgestoßenen Kommodeverzierungen, die verlorenen Nippsigürchen, die gestohlenen Photographien, der stehengebliebene Staubbesen und die schöne blanke, neue porzellanene, veilchenbescheidene heimliche, und zarte Gemüter errötenmachende Vase de nuit. Und es wird der Moment des Ab- schieds von den treuen Räumen geschildert, die Wohl und Wehe, Freud und Leid, Lust und Schmerz mit einem erlebt, mit einem ge- teilt und einem bewahrt haben, treu in den schweren Tagen, treu in guten Zeiten, daß sie dem Herzen teuer geworden sind, daß sie sich fest in das Herz hineingewachsen haben, in alle seine Fasern, in seine freundlichste, fröhlichste, seligste, wärmste und dauerndste Er- innerung. Und die Hoffnungen werden geschildert, die ins neue Heim begleiten, die Freude an der schönen Tapete, die Gefällig- keit des Auf- und Eingangs, die Wohligkeit der Einrichtung, die Bequemlichkeiten alle mit dem elektrischen Lichte und der elektrischen Klingel, dem schönen langen Gang und dem luftigen Schlafzimmer, der schönen Aussicht und der träumenden Ruhe, der Morgensonne und dem Abendglanz, dem lauten Lärm, der Stadt, der so ferne, und die nächste StraßeNbahnverbindung, die so nah. Und das schwellende Herz der Hausfrau wird geschildert—(o, dies Muster von einer Hausfrau mit dem schwellenden Herzen I)— der Gattin und Mutter, Ideal und Vorbild, die die idealste und wunderbarste Küche der Welt bekommt, mit einem Herd, der die Einzigkeit selber ist, zwei Kochlöchern und einem kupfernen Wafferschiff, einem Bratofen und einem Wärmofen, und der Wasserstein gerade da- neben, ach, ein Wasserstein, der schöner nicht sein könnte, und so bequem, nein gar nicht zu sagen wie bequem, Wasserkrahnen und Patentablauf,— ach und so viel Platz in der Küche, daß man immer drin essen kann, morgens und abends und sogar mittags, und den Küchentisch schön aufstellen kann, ganz ungeniert, und kein Tischtuch braucht und keine Serviette und eigentlich direkt vom Ofen herunter servieren kann, ohne datz angerichtet zu werden braucht: und wie hübsch die Badewanne gerade daneben in der Ecke stehen kann und gar nicht stört, und wie sogar noch Platz für den Kinderwagen ist, und wie schön sich ein Leinchen spannen läßt, daraus man die Windeln trocknen kann, und wie sie hoch genug hängen, daß man drunter gar nicht gestört ist und zu dem schönen guten unangerichteten Essen den schönsten guten Appetit behalt. Und der Feuillewnist schildert mit bewegten Worten und in den rührendsten Tönen, die er aus der Fülle seines Sprach- und Gefühlsschatzes mühelos herausnimmt und mit der Grandezza seines Reichtum? verschwendet, er schildert in lyrischer Bewegtheit die ersten Ent- täuschungen in der neuen Wohnung, die ersten Tränen und den ersten Acrger, die ersten Wirklichkeiten und die unbemerkten Unannehmlich- leiten, die die Illusionen all der goldenen Hoffnungsträume zerstören, er zieht die Vergleiche mit der alten Wohnung, nach der die Er- innerung öfters wiederkehrt, in ihren wohligen Wonnen weilend. und die nun als die Vollkommenheit selber erscheint. Äenn, sagt er, erst was man verloren hat, lernt der Mensch schätzen, und, sagt er, der Besitz ist der Vater der Enttäuschung, die Hoffnung aber ist die Mutter aller Illusionen, an deren goldener Nabelschnur -sich die schönsten Werte des Lebens nähren. Das Leben aber ist ein Luftballon, der in kahlen Aesten hängen geblieben ist und sich gerne loszappeln möchte nach den höheren Regionen und reineren Klarheiten, die seine wahre Heimat sind, in der er all die Elemente alles Guten und Schönen, Wahren und Edlen findet, die das Leben zu leben erst das Leben wert machen. Also sagt der Feuilletonist und zieht seinen Schlußstrich. Wohnungssuche, treppauf, treppab. Von Viertel zu Viertel, von Straße zu Straße, und Straße hin und Straße her. „Große Wohnung zu vermieten."—„Mehrere kleine Wohnungen zu verinieten."—„Schönes Logement, Wasser, Gas."— „Sehr schöne kleine Wohnung, frisch gemalt, geschmückt mit Spiegeln, Keller, separate. Eingang",— so hängen die Schildchen an den Häusern aus. Man tritt ein und erkundigt sich, oft nur au? purer Neugierde, um den Preis zu erfahren. Aber die Conciergen entwickeln all ihre Höflichkeitskünste und preisen ihr Haus und die Vorzüge seiner Räume, die braven ruhigen Leute, die mit auf demselben Gang wohnen und die tausend Annehmlichkeiten, die geboten werden können. Und man sieht sich die Wohnung an. Man ist festgehalten und Fragen und Antwort knüpfen einen immer fester an. Man arrangiert schon im Geiste die Einrichtung, man ist schon beinahe einverstanden. Etwas klappt noch nicht. Man weih noch nicht was, aber etwas ist, das hat ein Häkchen. Oft ists mehr ein Gefühl als ein klares Wissen und dem Geschicktesten passiert es, daß er dann meint, es sei die Njtse des Conciergen, die ihm nicht gefiele.„Haben Sie Kinder?" Erste Conciergenfrage.„Kinder liebt man in diesem Hause nichtl"„Haben Sie Hunde?"— „Hunde will man nicht, Katze ja, Katze ist erlaubt." Die Verhandlungen gehen weiter. Man läßt sich schon immer mehr ein. Der Concierge erzählt, es waren Leute schon gestern da, die absolut die Wohnung haben wollten, er hat ja nicht gerade nein gesagt, er hat sie mal hingehalten. Die Leute gefielen ihm nicht so ganz und gar. Also man müsse sich schon rasch entschließen, die Wohnung sei sehr begehrt. Es handelt sich nun um die Deklaration des Mietspreiscs. Die Sache ist wichtig für Steuer und Gas. Bis fünfhundert Frank hat man in Paris keine Steuern zri zahlen und auch die Gasmiete, die sonst drei Frank pro Monat beträgt, fällt weg. Mso— alles arrangiert sich in Paris — wird die Wohnimg, wenn sie sechshundert Frank kostet, auf vier- hundert und achtzig deklariert, der Rest wird als sogenannte Frais bezahlt, d. h. als Unkosten für den Hauseigentümer, um Wasser und Unterhaltung und Sonstiges zu decken. Der gefällige Concierge geht auf alles ein, einmal, weil es ihm behagt, seine Macht zu zeigen, und dann, weil das Trinkgeld besser ausfallen muß. wenn er sich jetzt gefällig erweist. Das Trinkgeld ist nämlich obligatorisch. es rst das deutsche Mietsdraufgeld: ckenier ä Dieu genannt, Gabe an den lieben Gott. Der Franzose liebt die Euphemismen. Weniger wie fünf Frank kann man nicht geben, meist müssen es aber zehn oder fünfzehn oder gar zwanzig sein, besonders wenn man jemand ist, der viel Korrespondenz hat. Der Denier ä Dieu sichert den Vertrug. Aber wenn er nicht groß genug ausgefallen, hat man ihn in einer Stunde wieder, lim eine gute Ausr-de ist der gewandte Eon- cierge nie verlegen. Aber noch sind wir nicht so weit. Der Beutel ist zwar gelockert. aber wir zögern noch, ihn zu ziehen. Wir möchten doch gerne erst noch mal das Waterklosctt sehen. Das war unsere erste Frage vor- hin gewesen, und der Concierge hatte tausend Versicherungen der Propretät gegeben Jetzt nimmt er uns intim beiseite und hat einen ganz heimlichen feinen Vorteil seiner Wohnung zu verraten. Sauberkeit kommt von der Propretät. denkt der Fremdling und läßt sich durch.den listigen Conciergen von seiner Frage ablenken. denn der Concierge hat schon seine Leute erkannt. Aber Sauber- keit kommt ganz, wo anders her. Wir bestehen trotz des verratenen Geheimnisses auf unserer Frage. Der Concierge entschließt sich nun. uns den Sesam zu öffnen.„Wasserspülung?"—„Nein."— „Sitz?"—„Nein."—„Stehklosett I" -Aber sehr propre!"-- und dabei ist's ein gutes Haus. Ja wir sind in Paris. Der Franzose hat andere Bedürfnisse als Sauberkcitsbedürfnisse. Ter Wandschrank„Waterklosett" ist die letzte Rummer, die ihm zählt. Gleichgültig, ganz gleichgültig. Wir lassen den Denier ä Dieu fein in unserer Tasche. Nein, lieber hungern und hundert Frank höher zahlen. Schade, die Woh- nung hätte sich so schön einrichten- lassen und wäre gerade fo passend gewesen. Aber alles Nachdenken kann nicht helfen. Und im ganzen Viertel ist's so. Auf also, es kostet hundert Frank mehr, wir suchen in einem anderen Viertel. Die Sache ist nämlich um- gekehrt:„Die Propretät kommt von der Sauberkeit". Diese Weis- heit ist in Paris so viel wert, daß sie mir eigentlich«ine Lebens- rente eintragen sollte. „Vcms etes des Anglais?" fragt der pfiffige Concierge. „Ja, wir sind Engländer." Jede Nation hat ihre Reputation. Wir Deutschen das Sauer- kraut, die Engländer das Wasser. Der Concierge hat alle seine Höflichkeiten verlernt und läßt uns grollend abziehen. Er kann nicht begreifen, daß man wegen des StehUosetts die Wohnung nicht nimmt. Seine Menschen- kenntnis ist wieder um eine Erfahrung reicher.»Das sind Eng- Mderl" Das Pariser Quartal geht wie anderswo vom Ersten zum Ersten. Aber der Umzug braucht deshalb nicht am Ersten statt- zufinden. Es gibt nämlich den großen und den kleinen Umzug. Der große Umzug braucht erst am fünfzehnten zu beginnen, der kleine aber muß am achten der Umzugsmonate April. Juli, Oktober. Januar vollendet sein. Und zwar richtet sich das wieder nach dem Mietpreis. Wer bis fünfhundert Frank Miete zahlt, hat nur ein Recht, bis zum achten in seiner alten Wohnung zu verbleiben(ge- wöhnlich zahlt er auch am achten erst seine Miete), wer darüber zahlt, hat bis zum fünfzehnten Zeit. Der große Umzug ist eine Sache, über die man nicht weiter zu reden braucht. Er geht glatt und geregelt und meist sehr unauffällig vor sich, per ein- oder zwei- spännigen Möbelwagen. Weit interessanter ist der kleine Umzug. Auch er kann ja gewiß mit dem Möbelwagen stattfinden, aber in den ärmeren Vierteln ist das selten der Fall. Da wird ein Hand- Wägelchen für zwanzig Sous die Stunde gemietet— außer der Umzugszeit kostet das vier Sous— und das bißchen Besitztum wird aufgeladen und eigenhändig davongefahren. Der Montmartre-Um- zug ist ja schon Klssche geworden. Der Montmartrois mit den langen Locken, dem Schlapphut und den weiten Samthosen neben dem Handwägelchen her, auf dem nichts ist, als die alte wurm- stichige Staffelei, ein paar verstaubte geschmierte Bilder, ein alter Hut, ein Handkofferchen mit wertlosen Kleinigkeiten drin und eine Katze obendrauf. Die Feuilletonisten haben hier Stoff. Aber eS ist keine Uebertreibung dabei. Ein Bett braucht man nicht zu be- sitzen in Paris, Tisch. Stuhl, Schrank, all das ist überflüssiiger Ballast. Man bekommt es in den Möbel- und Trödlergeschasten geliehen, mit Bettwäsche und allem Nötigen. Montm�rtroiskünstler kann man mit der Droschke ausziehen sehen. Obendrauf auf dem geschlossenen Coupe die Staffelei, unterm Arm ein paar Papier- und Lemwandrollen, Pinsel und Palette auf dem Schöße, und drei Häuser weiter per Droschke mit Umweg von sieben Straßen. Der Galgenhumor des armen Teufels hat sich mit den letzten Sous den Luxus der Droschke erkauft, und manchmal hat die Pctite Moni- martroise in ihrer Gutheit noch ihre letzten Sous dazugegeben und macht die Droschkcnfahrt vergnügtest mit. Der Spaß hat freilich den Vorteil, daß der alte Concierge die neue Adresse nicht erfährt, und Rechnungen und Briefe, auf eine zeitlang wenigstens, nicht an- kommen. Der Kutscher nämlich wechselt einem unterwegs siebenmal die Richtung, tvenn man's haben will. Anders ist's beim Arbeiter. Oft müssen die Frauen allem aus- ziehen, wenn sich der Mann keinen freien Tag machen konnte. Oder wenn der freie Tag zu teuer käme. Die etwas wohlhabenderen! haben wenigstens Bett und Schrank und Tisch und Stuhl. Aber wra dft sieht man die Charetten nur mit altem Gerumpel beladen, das nicht einmal das Notwendigste vorstellt. Man fragt sich, wie die Leute nur leben können. Ein alter Korb, letzte Gemüsereste drin, ein Ofenrohr, ein kleines Oefchen Wohl auch, ein wenig Küchen- tzeschirr, ein Vogelkäfig. Das Klappbett— Lit cage genannt— eine eiserne Bettstelle mit Matratze daran, ganz eng zusammenklapp- bar. Das ist alles. Und alt und schlecht gehalten alles. So geht's in die neue Wohnung. Wohnung ist wieder ein euphemistischer Ausdruck. O, was gibt's für Rattenlöcher in Paris, die als Woh- , umgen gemietet werden. Die Luft„steht" da förmlich in diesen Winkeln und Höfen vor Gestank, alles starrt von Schmutz. Aber halt innner noch besser als ganz ohne Obdach.—.. Kleines femlleton. m. Die Reise. Frau Knauer stand schon eine Viertelstunde bor der Haustür und knöpfte an ihren nagelneuen Glaces. Dabei . ging der Kopf unruhig hin und her; bald sah er in den Haus- eingang, bald über die Stratze, bald die Straße rechts und links � hinunter. Frau Knauer hatte etwas auf dem Herzen, das brannte. Endlich, endlich kam jemand: eine Frau, die drüben aus dem - Kaufmannsladen trat und auf das Haüs zuleukte. Frau Knauer griff schnell nach dem rosenroten neuen Sonnen- . schirm, den sie in die Ecke gestellt, und strich noch einmal die Glaces glatt:„Ach, liebe Frau Hennig, haben Sie vielleicht eine leere Droschke gesehen?" „Da seh ich gar nich nach hin. Wollen Sie Droschke spazieren fahren?" „Spazieren? O neink Ich verreise doch. Ich und die Kinder. Wissen Sie es noch nicht? Ja, ich verreise I" „Wo denn hin?" „An's Wasser natürlich. Für Gebirge bin ich nicht sehr. Das Bergsteigen ist mir lästig. Na, man will doch seine Erholung im Sommer, nicht?" „Gewiß," sagte Frau Hennig.„Wieso denn nich? Wenn Sie's dazu haben." „Das wäre ja noch schöner I Das muß da sein! Einen ganzen Sommer in Berlin? Ich wüßte nicht, wie ich das aushalten � sollte!" Frau Knauer schlug die Augen zum Himmel und wackelte mit dem Kopfe." „Sie haben's doch früher ausgehalten. Es ist doch das erste Mal, daß sie fahren, nich?"« „Ja, früher!" Frau Knauer ivußte nicht, was sie sagen sollte. '„Man hatte seine Gründe, Frau Hennig.— Ach, liebe Frau Mein!«." eine dritte Frau bog herein,«haben Sie vielleicht eine leere Droschka gesehen?" „Nee," sagte Frau Meinke.„Aber," sie hielt die Hand über die Augen,„ich glaube, da hinten kommt eine angezuckelt." „Schrecklich I Ich warte schon wer meiß wie lange I Aber diese Gegend! Ehe man da eines solchen Vehikels habhaft Ivird I" Sie trat vor und winkte dem Kutscher. „Wie jebildet sie spricht!" flüsterte Frau Meinke. „Jott, die neuen Glaces—" „Es ist zweite," wandte Frau Knauer sich zurück.„Wer natnr- lich— in dieser Gegend i Da muß man nehmen, was man kriegt. Ich wollte eigentlich'ncn Tarameter." „Fünf Minuten weiter stehn ja welche," bemerkte Frau Meinke. „Man stäubt sich so ein auf der Straße. Nun ist's auch schon gleich." Und zum Kutscher:„Berechnen Sie Wartegeld?" „Selbstmurmelnd," brummte der.„Oder meinen Se, ick laure umsonst hier vor de Dhüre'n halben Dag uff'ne Sechsjroschen- tour?" „Schrecklich, nicht wahr, es ist doch schrecklich?" Frau Knauer flüsterte es den andern zu.„Die reine Geldschneiderei. Es kommt mir ja nicht auf das Geld an. aber— man sieht doch, wie es gemacht wird!" Ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie an den Rand des Trottoirs, klatschte in die Hände und winkte mit dem Sonnenschirm hinauf. Ein Mädchcnkopf erschien in einem Fenster des dritten Stocks. „Schnell, Martha! Bringen Sie die Kinder und das Gepäck." Die Treppe, die vom Grünkramkeller herauf zur Straße führte, knarrte.„Nanu?'ne Droschke?" Ein kugelrundes Gesicht kam zum Vorschein.„Ach. Sie verreisen wall jar, Frau Knauer?" -•Ja!", Frau Knauer war sofort da.„Ich verreise l Ich und die Kinder. Haben Sie's noch nicht gehört? Nein? Ach was. Ja, ich verreise! Seeluft soll so sehr gut für die Gesundheit sein." „Also an die See? Sieh mal an!" Das runde Gesicht geriet in eine pendelartige Bewegung und bemusterte Frau Knauer von oben bis unten.„Die feinen Strandschuhe I" „Ja, nickt wahr?" Frau Knauer hob einen Fuß.„Das ge- hört dazu. Machen sich sehr gut, nicht wahr?" Sie spannte den Sonnenschirm auf. „Hier ist ja Schatten", sagte Frau Meinke.„Hier brauchen Se doch keinen Schirm." „O, der Spiegel vom Konfitürenladen! Sehen Sie nur, er wirst das Licht bis hierher zurück. Und Sonne ist sehr schädlich für den Teint. Sehr schädlich. Darum habe ich mir extra diesen Schirm gekauft. Damit spaziere ich am Strande. Er wirft einen rosigen Schimmer Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: über das Gesicht. Wie gefällt er Ihnen? Er ist von Herzog. Ich kaufe überhaupt bei Herzog." Die Frauen besahen den Schirm eingehend. „Für die Ewigkeit ist er ja nich gemacht", war die Meinung der Frau Hennig.„Aber'ne Badereise wird er wohl aushalten." „Es ist'n feiner Schirm", sagte die Gemüsestau.„Meine Tochter hat denselben, aber in Seide." „Ich wollte auch erst Seide nehmen. Wer zum Strapazieren? — Billig ist er auch nicht. Ich kaufe grundsätzlich keine billigen Sachen." „Muß man auch nicht." „Und Ihr Mann?" stagte die Grünkramhändlerin,„bleibt Ihr Mann zu Hause? Den tät's doch erst recht not. So abjearbeit't wie der is." „Mein Mann besucht uns an jedem Sonntag. Sonnabend abend kommt er hinaus und bleibt bis Montag früh.' Dann hat er auch was davon." „Wissen Se," sagte Frau Hennig,„das wundert mich aber. Ihr Mann muß doch schon um acht in den Dienst sein. Will er denn die halbe Nacht fahren? Und geht so stüh überhaupt'n Zug? Herrschasten, die Ostsee ist doch nicht Charlottenburg!" „Früh aufftehen muß er." Frau Knauer war feuerrot ge- worden. „Ist es denn die Ostsee?" fragte die Gemüsehändlerin. „Gewiß doch," erwiderte Frau Meinke,„wenn man„See" sagt, ist es immer die Ostsee." „Wieso denn?" berichtigte Frau Hennig,„es kann ja auch die Nordsee sein." Frau Knauer schien gar keine Zeit mehr zu haben. Sie lief zum Trottoirrand und klatschte in die Hände oder ging in den Haus- flur und rief die Treppe hinauf:„Martha! Martha!"— Endlich kam das Mädchen mit den Kindern.„Wo bleiben Sie nur I Jede Minute kostet Geld!" Mit außerordentlicher Eile spedierte sie die Kinder, einen sechsjährigen Jungen und ein achtjähriges Mädchen, in die Droschke und schaffte den Reisekorb auf den Kutschersitz. „Adieu, Frau Hennig! Adieu, Frau Meinke! Adieu, adieu I Passen Sie gut auf die Wohnung auf, Martha. Und vergessen Sie nicht, was ick Ihnen gesagt habe." Sie legte den Finger auf den Mund.„Kutscher, zum Schlesischen Bahnhof I" „Woll." Der zog die Decke vom Pferde. „Jeht's denn von'n Schleichen nach de Ostsee?" stagte die Gemüsehändlerin. Die Frauen zuckten die Achseln. Plötzlich steckte die kleine Erna den Kopf aus der Droschke und schrie:„Ich schicke Ihnen auch eine Ansichtskarte vom Müggelsee, Martha." Klaps I Eine Hand fuhr auf den Mund. Im selben Augenblick zuckelte das Gefährt los, hinter sich daS Lachen der Frauen. „Hat das seine Richtigkeit mit'n Müggelsee?" Martha machte ein geheimnisvolles Gesicht:„Ich darf nichts sagen,'n See ist dabei. Und für zwanzig Pfennige Stadtbahn kann man hinkommen." „Wieso denn nich," sagte trocken Frau Hennig.„See ist See, ob mit„die" oder„der". Friedrichshagen ist auch'n Badeort. Bloß so'n Bramsigen braucht sie nich zu machen."— Humoristisches. — Schlechtes Gewissen.„... Weißt du auch, mein Junge, auf was man beim Angeln am meisten aufpassen muß?" „O ja— auf den Gendarm!"—. — Bierbank-Toleranz... Ich last' jedem Menschen seine Meinung!... Wenn jemand eine andere hat wie ich— mit so'm Trottel red' ich überhaupt nicht!"— — Ablenkung.„...Lump hast d' jetz' g'sagt... Hast m i da g'meint I?"— O,'s san ja n o m e h r a da!"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. —„Totentanz", ein neues Werk von Frank Wede- k i n d, wird im Intimen Theater zu Nürnberg während der kommenden Spielzeit die Uraufführung erleben. Das- selbe Theater hat auch ein Schauspiel von Marie Madeleine: „Das bißchen Liebe" angenommen.— — Emst v. Wildenbruchs neueste dramatische Dichtung „Die Lieder des Enripides" soll mit der begleitenden Musik von MaxVogrich im nächsten Winter auf der W e i m a« rischen Hofbühne zur ersten Aufführung kommen.— -—„Der verlorene Vater", eine vieraktige Komödie von Bernhard Shaw, deutsch von Siegfried Trebitsch, wurde vom Hofburgtheater in Wien zur Aufführung angenommen. Die erste Aufführung soll im nächsten Winter sein.— — Bei Keller u. Reiner wurde eine neue Aus- stellung eröffnet. Der große Oberlichtsaal ist dem tschechischen Künstler Frantisek Bilek eingeräumt.— — Die Raupe des Eichen Wicklers tritt in der Um- gegend von Münden so massenhaft auf. daß der gesamte E i ch e n b e st a n d der Forsten bedroht ist. Auch die Buchen- und Erlenbestände sind schon von dem Schädling ergriffen.— Vorwärts Buchdruckerei u.Verlaqsanstalt Paul Singer L-Co., Berlin LW.