Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 127. Dienstag, den 4. Juli. 1905 (Rachdruck verboten.) � flammen» Roman von Wilhelm Hegeler. (Schluß.) Aber der Zustand Maria Luises verschlimmerte sich immer mehr. Es war, als wenn die Natur selbst, ihr Körper, ihr Herz, jeder Blutstropfen sich rächte für die Gewalt, die ihm angetan war. Unerträglich wurden ihr die Menschen, ihre Stimmen, ihre Bewegungen beim Essen, unerträglich wurde ihr selbst ihr Mann, seine Fürsorge, seine Fragen. Wenn er um sie war, lag in ihren Augen nur ein stummes Flehen: Laß mich allein! Unter diesem tiefblauen, blendenden Himmel, an dem glitzernden Meer, inmitten all des Lichts, das in sie eindrang, auf der Hotelterrasse und in ihrein bis zum letzten Winkel mit Sonnenschein erfüllten Zimmer, ergriff sie das furchtbcwe Heimweh des Nordländers, das Sehnen nach dem milden, wolkenverhangenen Himmel zu Hause, nach den zarten Farben der Abenddämmerung, wenn mit dem wachsenden Dunkel draußen die Lichter der inneren Welt sich entzünden, nach den traulichen und trostreichen Zwiegesprächen, die sie mit dem Freunde geführt hatte, während der Regen gegen die Scheiben trommelte, und im Kamin rötliche Funken den Holzscheiten cntsprühten. Dann war, wenn sie allein geblieben, ein Blumen- land fröhlicher Hoffnungen in ihrem Herzen aufgegangen. Hier aber, wo sie jetzt weilte, gab es weder Hoffnungen noch Träume, nicht einmal dunkle Winkel für ihren Schmerz. Dieses Bangen ihres hülflosen Herzens wurde oft so stark, daß sie all ihre Vorsätze vergaß und an Grabaus schrieb: zu kommen und sie fortzuführen, wohin er wollte. Hinterher aber verbrannte sie diese Briefe stets. Dagegen waren die, die sie ihm wirklich schrieb, kurz und zurückhaltend: kein noch so scharf blickendes Auge hätte herauslesen können, wie es wirklich um sie stand. In regelmäßigen Zwischenräumen kehrte dieser Zustand einer namenlosen Angst wieder, bis dann jedesinal nach einem neuen Blutsturz eine große Linderung über sie kam, eine tiefe, stille Ruhe, als wenn sie jenseits des Todes, den sie über- wunden, ihr Leben und auch das seine überschaute. In solchen Stunden schrieb sie ihm ebenfalls Brief?, die sie aufbetvahrte als ein letztes Geschenk für ihn. Eines Tages, nachdem ihr Mann mit einigen Gästen einen Ausflug unternommen hatte, fand er sie fiebernd und in großer Aufregung. Obwohl sie ihn selbst zu diesem Spazier- gang veranlaßt hatte, überhäufte sie ihn doch mit Vorwürfen, deren Ungerechtigkeit sie einsah, die sie aber nicht zurückhalten konnte, und schließlich, da et sie beruhigt hatte, bat sie ihn unter Tränen, mir ihr heimzureisen. Der Arzt unterstützte angesichts ihres Zustandes diesen Wunsch. Anfang Dezember langte Marie Luise mit ihrem Mann nach mehrfachen Unter- brechungen der Fahrt in Weinmr an. 20. Nachdem Grabaus Frau und Kinder, die während der Umzugstage nach Berlin zu seinen Schwiegereltern reisen wollten, auf die Bahn begleitet hatte, beschloß er noch einmal, Wolf aufzusuchen, um sich nach Marie Luise zu erkundigen. Er selbst war erst gestern von einem längeren Aufenthalt in Berlin heimgekehrt und hatte sogleich den Freund sprechen wollen, aber erfahren, daß dieser verreist sei. Auch jetzt teilte ihm die Wirtin mit, ihr Mieter wäre noch nicht heimgekehrt. Ueber Ziel und Dauer seiner Reise konnte sie keine näheren Angaben machen, sondern wußte nur, daß der Herr in ihrer Abwesenheit einen kleinen Koffer gepackt habe und in aller Hast damit zur Bahn geeilt sei, mit der Hinterlassenschaft an das Dienstmädchen, er würde in einigen Tagen wieder da sein, doch könnte es auch länger dauern. SA blieb Grabaus nichts anderes übrig, als seine Woh- nung aufzusuchen, wo die Packer damit beschäftigt waren, die letzten Sachen in den auf der Straße wartenden Wagen zu laden. In einem Schrank, den man während seiner Abwesen- heit nicht hatte öffnen können, befand sich noch eine Anzahl Bücher, weshalb er diese in eine leere Kiste zu füllen begann. Trotzdem im Zimmer mit den Resten der noch vorhandenen Kohlen nur mäßig geheizt war. wurde ihm doch bald warm bei der Arbeit, er warf den Rock ab und legte ihn über einen zerbrochenen 5küchenstuhl, der mit anderen unbrauchbar ge- wordenen Stücken zurückbleiben sollte. Durch die großen Fenstervierecke fiel graues Schneelicht. Es schneite heftig und ununterbrochen, und da wegen der fehlenden Gardinen den Fenstern der rechte Abschluß fehlte, hatte er die Illusion, daß jeden Augenblick die Flocken hereinwirbeln würden. Mit Staub und zerstreuten Fetzen von Zeitungspapier bedeckt war der Fußboden, und die kahlen Tapeten, die da, wo früher Bilder gehangen hatten, dunklere Flecken aufwiesen, sahen trostlos verblichen aus. Grabaus hatte gerade eine Reihe Bücher im Arn:, als nebenan eine Kiste zugenagelt wurde. Die Hammerschläge, zuerst dumpf dröhnend, klangen dann scharf und hell. Nervös lauschend setzte er sich auf den Rand der Kiste und wischte sich das nasse Haar aus der Stirn. Als nebenan rauhe Kom- mandoworte, ein Aechzen und dann ein Gepolter schwerer Schritte ertönten, begann sein Herz mit der ganzen Stärke einer plötzlichen Angst zu schlagen, und halb verzweifelt dachte er:„Warum höre ich nichts von ihr? Keinen Brief seit drei Wochen! Und wo ist Wolf? Warum gibt er mir keine Nach- richt? Es ist ja gerade, als ob sie alle nichts mehr von mir wissen wollten." Er starrte auf das graue Schneetreiben, und seine Ge- danken kamen dabei nicht über diese ergebnislosen Fragen hin» aus. Dann aber biß er die Zähne zusammen und sagte sich: „Ich will nicht mehr an sie denken. Ich will nicht mehr. Was also ist zu tun?" Dabei nahm sein Gesicht den Ausdruck einer krampfhaften, bebenden Anstrengung an: dieser Ausdruck, den es in der letzten Zeit oft getragen, hatte darin seine Spuren hinterlassen, hatte es gehärtet, abgemagert und zugespitzt. Die Kiste war fast gefüllt, nur noch wenige Bücher lagen aufgeschichtet auf dem Boden und abseits daneben eins, das er schon vorhin zur Hand genommen, dann aber wieder beiseite getan hatte. Jetzt erst, als alle Bücher eingepackt waren, griff er wieder danach: doch als wenn ihm das Zcitungspapier zu schlecht wäre, um es darin einzuwickeln, entnahm er seinem Koffer einige Bogen weißen Papiers, die er auf dem Fuß- boden ausbreitete. Aber während die angestrengte Aufmerk- samkeit seines Gesichts allmählich einem grüblerischen Aus- druck wich, vergab er seinen Vorsatz, nicht mehr an Marie Luise zu denken, öffnete das Buch und blickte, sich halb auf- richtend, mit aufgestütztem Kopf das Titelblatt an. ES war die erste Ausgabe des Faust, oben am Rand stand eine eigen- händige Widmung Goethes an eine Weimarer Dame, darunter der Name Wolf August von Hellen, des Großvaters Marie Luisens. in dcsien Besitz das Buch später übergegangen war, am unteren Rande aber war mit feinen Buchstaben ge- fchrieben:„Herrn Doktor Grabaus, in dankbarer Erinnerung M. L. Platen." Er erinnerte sich des Augenblicks, an dem Marie Luise ihm dieses Buch geschenkt hatte: bei seinem Fortgehen hatte sie es ihm eines Abends mit einem Lächeln in die Hand ge- drückt. So deutlich sah er dieses Lächeln, daß er sich um- drehte, ob sie nicht unvermutet ins Zimmer getreten wäre? Andere Erinnerungen kamen wie lautlose Schatten, aber mit so eindringlicher Gewalt, daß er darüber seine Umgebung ver- gab und den Lärm der auf dem Korridor polternden Arbeits- leute nicht mehr hörte. Endlich stand er auf, und indem sein Blick auf die kahlen Wände fiel, sagte er sich, daß alles zu Ende fei, was er hier erlebt hatte und was er gewesen war. Wohl lagen die toten Dinge sorgsam verpackt zum Mitnehmen bereit in Kisten und Kasten— aber nicht mitnehmen konnte er den goldenen Schein, der sie verklärt hatte, und nicht das Hoch- gefühl in seiner Brust, den mutigen Glauben an sie und die fröhliche Menschenliebe, die der Gewißheit entsprang, von ihr geliebt und der Geliebten wert zu sein. Nun hieß eS leben ohne sie. Er blieb am Fenster stehen. Noch tanzte vor seinen ge- schlossenen Augen der Flockenwirbel eine Weile fort, aber ganz deutlich sah er dann das kleine sonnendurchleuchtete Zimmer am ligurischen Strand, in dem Marie Luise saß. Die unbe- deutendsten Kleinigkeiten gewahrte er an ihr. die lockere« Rfngc an Ihren Fingern. Sie Brosche an ihrem Tals. Doch nicht enträtseln konnte er den Ausdruck ihres Gesichts. Nicht wußte er, wenn er sich nun ihr nahte, ob sie ihm die Hand entgegenstrecken oder sich erschrocken abwenden würde. Das Bild verschwand, es wurde schwarz, und dann tanzte vor seinen geöffneten Augen wieder der Flockenwirbel durch das abendliche Grau. Das war der bitterste Stachel seines Schmerzes, daß er jju zweifeln begonnen hatte, ob sie ihn noch liebte, ihn noch so liebte wie in den guten Stunden, wo sie ganz eins gewesen. Denn immer wenn er an sie dachte, stand nun der letzte, rätsel- hafte Abschied vor seiner Seele, immer hörte er noch die furcht- baren Worte der Wut und des Hasses, die er damals aus- gestoßen. Und dann begann seine Seele in Frostfchauern zu erbeben, und seine Hand machte wirre Bewegungen, als könnte sie das alles fortstoßen. Aber unverrückbar stand es da, und keiner ihrer Briefe, die, voller Güte, doch so kurz und un- Persönlich geworden waren, in denen sie sich mehr zu Verstecken, als sich ihm hinzugeben schien, konnte es ganz zerstreuen. Es bohrte in seiner Brust wie ein Pfeil, den Schmerz, Sehnsucht und Reue geschärst hatten. Das war es auch, was ihn in Berlin beschäftigt hatte während der langen Wartestunden in den Vorzimmern des Ministeriums, was ihn abgelenkt hatte, während er mit dem Geheimrat Wohlbold konferierte, und weswegen dieser ihn angefahren hatte, ob ihm nicht wohl sei, ob er ein Haar in seiner neuen Stellung gefunden habe oder glaube, ihr nicht gewachsen zu sein? Und Grabaus mußte in diesem Augenblick eine gewaltig sich aufbäumende Kraft unterdrücken, um nicht geradeheraus das Geständnis zu machen, daß er lieber ver- zichten wolle. Seit der Stunde hatte er sich vorgenommen, nicht mehr an Marie Luise zu denken und hatte die tatenfrohe Zuversicht, den Elan und Eifer zur Schau getragen, die von ihm verlangt wurden. Denn das war ihm klar, wenn er jetzt seiner Stimmung nachgab, so verzichtete er nicht nur auf dieses Amt, das ihn noch vor kurzem mit den größten Hoff- nungen erfüllt hatte, sondern büßte auch den letzten Rest seines Selbstvertrauens ein und betrachtete sich als verlorener Mann. Aber klar war ihm auch, daß von dieser einen Frage der ganze Fortbestand seines inneren Lebens abhing, daß davon abhing. ob er je wieder einen kraftvollen und wahrhaften Gedanken zeugen, ob er je wieder mit der lebendigen Begeisterung seiner Seele die Seelen anderer gewinnen könnte. So unauflöslich verkettet war mit der Liebe und Achtung Marie Luisens seine eigene Achtung und seine Liebe, daß er sich selbst aufgab, wenn er glaubte, von ihr aufgegeben zu sein.... Nachdem die Packer die anderen Zimmer aufgeräumt hatten, trugen sie den Bücherschrank hinunter, und einer be- gann die letzte Kiste zuzunageln. Ein dritter forderte Grabaus den Lohn und das vereinbarte Trinkgeld ab, indem er durch die üblichen Redensarten dasselbe noch um einige Mark zu er- höhen versuchte. Dann hoben die beiden ersten mit Hülfe von Tragbändern die schwere Bücherkiste auf. Im Augenblick, wo sie sich durch die schmale Flurtllr zwängten, fragte jemand, ob Doktor Grabaus zu Hause wäre? Dieser erkannte sofort die Stimme, sprang erregt auf und rief: „Ja, ja, er ist zu Hausl— Du bist's, Wolf? Komm herein, komm herein! Wie geht's? Wo hast Du nur gesteckt? Ein Glück, daß Du mich noch triffst. Eine Viertelstunde—- und alles wäre leer gewesen. Aber wie geht's?" Er hatte von Hellen bei der Hand ergriffen, zog ihn ins Zimmer, und schnell die Petroleumlampe vom Boden hebend, fügte er hinzu: „Laß sehen, wie Du aussiehst? Gott sei Dank, daß wir uns noch treffen." Während er seinen Freund beleuchtete, kam ihm äugen- blicks zum Bewußtsein, daß an diesem etwas Besonderes sei. Er hätte nicht zu sagen vermocht, worin dies bestand, doch be- mächtigte sich semer eine dunkle Beklommenheit. „Du bringst d�ch nichts Schlechtes?" fragte er«„Wie geht's Deiner Schwc ter?" „Erschrick nicht, Heinrich— meine Schwester—" Ob aus Unachtsamkeit, ob aus Schreck Grabaus die Lampe Mief gehalten hatte, der Zylinder zersprang plötzlich, und der Docht begann stark zu qualmen. Er setzte sie auf die Erde und ergriff die Lehne des Küchenstuhls, indem er mit ein- gezogenem Kopf und halb geöffnetem Mund seinen Freund anstarrte. Keiner von beiden sprach ein Wort. Kurze Zeit Darauf kam ein dumpfes Dröhnen von der Straße her, wo der Möbelwagen sich in Bewegung gesetzt hatte. Der Fußboden erbebte, und die Fensterscheiben erklirrten. Aus dem kurzen Stummel des Zylinders flackerte die rote Flammenzunge mit schwelendem Qualm, der schnell einen scharfen Gestank in dem Zimmer verbreitete. Hinter dem Fenster aber schwebten in dichtem, weißem Wirbel die Schneeflocken. „Sie war schon lange schwerkrank. Der Tod war eine Erlösung für sie.— Ich soll Dich holen, wenn Du sie noch einmal sehen willst." Aber Grabaus behielt denselben entsetzten und wie er- starrten Ausdruck in dem blassen Gesicht, so daß in Wolf un- willkürlich der Gedanke aufstieg, er gliche in diesem Augenblick! mehr einem Toten als seine Schwester. Nachdem Wolf die Lampe heruntergeschraubt hatte, wiederholte er seine Bitte mehrere Male, indem er dabei die Hand seines Freundes drückte, bis Grabaus sich endlich auf- richtete. Sein Mund machte die Bewegung des Sprechens, und wieder trat dieser Zug einer furchtbaren Anstrengung in sein Gesicht. „Ich will nicht mehr an sie denken— � ich will— tot ist sie—?" dachte er. „Wir müssen gehen, Heinrich, wenn wir den Zug noch er, reichen wollen. Komm!— Wo sind Deine Sachen?" Er holte vom Korridor den über den Koffer gebreiteten Mantel und half ihn seinem Freunde anziehen. Dann gingen sie zur Bahn. Auf dem Wege erzählte Wolf von den letzten Tagen seiner Schwester. Grabaus hörte schweigsam zu, ohne etwas zu erwidern. Die beiden wurden in ein Zimmer geführt, in dem außer Doktor Platen mehrere Offiziere und schwarzgekleidete Damen versammelt waren, von denen Grabaus einige nach Marie Luisens Beschreibung erkannte, andere auf dem Reichstagsfest in Berlin gesehen hatte. Doktor Platen, der die Vorstellung besorgte, sagte ihm, daß sein Bruder augenblicklich durch den Pastor, der wegen der morgigen Trauerfeier gekommen wäre, in Anspruch genommen sei. Grabaus nahm Platz, ohne sich an der halblaut geführten Unterhaltung zu beteiligen. Nach einer Weile trat der Major ein, er sah sehr angegriffen aus, doch waren seine Bewegungen ruhig und sicher. Er begrüßte zwei in seiner Abwesenheit angekommene Cousinen und gab auch Grabaus die Hand. Dann forderte er diesen auf, mit in das Zimmer zu kommen, in dem die Tote aufgebahrt lag. Den beiden schlössen sich die zuletzt gekommenen Damen, ein alter Herr und Wolf an. Als das BattisttUch abgenommen wurde, beleuchteten die Kerzen ein blasses Gesicht von überaus zarten Farben, das weder einer Toten noch einer Lebenden anzugehören schien, sondern wie die in Wachs ausgeführte Nachbildung der Verstorbenen wirkte, deren bei aller Lieblich- keit doch so strenge Züge ausdrückten: meine Seele, die viel gelitten, ist entflohen; seht, wie schön ich bin, seitdem ich Ruhe gefunden. Die Damen führten ihre Taschentücher an die Augen, der weißhaarige Herr runzelte seine Stirn und kämpfte mit den Tränen. Wie unter einem Schleier verschwamm ihnen das Zimmer, sie fühlten den großen Frieden, der aus diesem Antlitz sprach, und ein wohltuender, sie aufrichtender Schmerz ergriff alle. Nur Grabaus stand mit trockenen Augen da und betrachtete, wie erstarrt von innerer Kälte, das Gesicht, die faltenlose Stirn, die rötlich grauen Lippen, die sich ihm auf immer geschlossen hatten. Als der Major die anderen hinübergeleitete, bat er Ab- schied nehmen zu dürfen. Wolf brachte ihn zum Hotel, wo er sogleich sein Zimmer aussuchte. Während der schweren, dunklen Stunden, die nun kamen, verließ ihn das Bild des wächsernen Antlitzes nicht, das seinem ringenden Herzen keine andere Antwort gab als Schweigen des Todes. Und dieses lastete auf ihm auch am nächsten Morgen während des Begräbnisses; in aller Furchtbarkeit erhob es sich zugleich mst dem Bewußtsein, daß bei allen anderen die Erinnerung immer lieblicher und lichter werden, daß aber in ihm kein warmer Hauch eines neuen Lebensgefühls den kalten und unbarmherzigen Schmerz der Reue auflösen würde. Mittags sollte in dem Trauerhause eine größere Familientafel stattfinden, zu der auch er geladen war. Aber unfähig daran teilzunehmen, entschloß er sich, den Major vorher aufzusuchen. Das fordere Zimmer, in das er geführt wurde, war leer, und er gewahrte den Major nebenan, der am Schreibtische Marie Luisens sich in zusammengesunkener Haltung über ein Bild beugte. Doch im Augenblick, wo er des Besuchers an- fichtig wurde, richtete er sich straff empor, und das gram- gefurchte Gesicht schien sich strenger zusammenzufalten, während er Grabaus näher kommen ließ und ihm dann langsam die Hand hinstreckte. Als dieser nun von der welken, runzeligen, aber warmen und noch so festen Hand seine um- schlössen fühlte, als er ihm in die Augen schaute, denen alles Leid nicht ihren hellen und gütigen Glanz hatte nehmen können, da traf ihn wieder beim ersten Sehen die un- verkennbare und erstaunliche Aehnlichkeit dieses Gesichts mit dem Marie Luisens, aber nicht, wie er damals geglaubt hatte, eine Familienähnlichkeit, sondern eine innerste Wesensgemein- schaft sprach aus diesen Zügen, und was er bis dahin noch nie begriffen, jetzt leuchtete es ihm mit einem Male auf: warum Marie Luise ihren Mann nicht hatte verlassen können allem Ansturm ihrer Leidenschaft zun: Trotz. Im Tiefsten auf- schauernd, fühlte er den Strom dieses Wesens sich ihm mit- teilen, nie hätte er die Hand loslassen mögen, die der Major endlich zurückzog, indem er auf einen Stuhl wies. Während er selbst sich gleichfalls setzte, fuhr er sich mit unwillkürlich rascher Bewegung über die gefurchte Stirn und sagte: „Ich hatte bis zum letzten Augenblick noch immer gehofft, aber sie selbst hat es wohl anders gewollt." Und nun kam ein Augenblick, kaum meßbar, aber von beiden gefühlt, wo sie einander stumm anschauten, wo alle Worte sich verflüchtigten, scheu und fern, wo, was einer vom anderen gewahrte, dem spiegelnden Bild in einem tiefen Brunnen glich. Nicht vermochte einer des anderen Gedanken zu lesen, nur in sich schaute jeder, aber tiefer, als er es in diesen letzten wirren Stunden vermocht. Und es war, als fänden sich beide auf gemeinsamem Grund. In diesem Augen- blick war nichts Fremdes, nichts Trennendes zwischen ihnen. Als sie dann das Schweigen brachen, empfanden sie die Worte als etwas Störendes, empfanden zugleich aber auch, daß das, was soeben gewesen, unzerstörbar sei. „Bis zuletzt hat sie an Sie gedacht," sagte der Major, als Grabaus ihn nach den letzten Krankheitstagen fragte. „Besonders die Zeit, wo Sie uns zuerst besuchten, schwebte ihr vor." Dann erhob er sich und holte aus der Schublade des Schreibtisches ein Bündel Briefe, die er ihm reichte. „Darin ist wohl enthalten, was sie Ihnen noch zu sagen hatte." Grabaus hatte sich erhoben. Ohne sich von neuem zu setzen, die Briefe an sich haltend, reichte er dem Major die Hand zum Abschied, dessen letzte Worte waren: „Leben Sie wohl! Schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht. Auch ich wünsche Ihnen alles Gute." Dann ging Grabaus in den Park, wo er die Schnur von den Briefen löste. Auf den weißen Kuverts standen Daten aus verschiedenen Zeiten. Welche waren über ein Jahr alt, welche waren aus der letzten Zeit. Der obenauf liegende Brief zeigte das Datum des Tages, an dem Marie Luise gestorben war. Er war unverschlossen. Grabaus las nur die letzte Seite: „Ich möchte noch einmal zärtlich zu Dir sein und Dir sagen, wie lieb ich Dich habe. Die Nacht war sehr schlimm. Aber ein Glück schiebt mir immer vor, das alles auslöscht, was ich gelitten habe. Wachsen mußt Du und groß werden über alle Menschen hinaus. Was die anderen fesselt und niederdrückt, muß versinken vor Dir. Und dann müßtest Du sagen können, ein kleines Teilchen, ach, nur wenig, verdankst Du mir. Ein guter Stern bin ich Dir gewesen. Wenn das wäre, Heinrich, ich möchte noch viel mehr für Dich leiden." Kein Laut regte sich in dem stillen Park. Rötlicher Schimmer ergoß sich über den Schnee, und in Grabaus erhob sich ein unnennbares Gefühl, eine Wärme und ein Leuchten, das von der Toten ausging. Und er ahnte, daß, solange dieses Gefühl in ihm lebte, er nicht aufhören würde zu wirken und fruchtbar zu sein, wie die Erde fruchtbar ist, sy lange die Sonne ihr scheint.-=» � �- Kleines f eullleton. er. Neuis über Rosen. Die diesjährige Rosennummer des »Praktischen Ratgebers" brwgt farbige Abbildung und Beschreibung zweier neuer Rosen, von denen jetzt viel die Rede ist. Die eine »Souvenir de Pierre Notting" ist darum besonders interessant, weil St ein Abkömmling der als sehr unfruchtbar geltenden„Maröchal iel* ist. Nach den Luxemburger Züchtern soll die Blume sehr groß sein und sich durch eine leuchtend gelbe bis rot- und goldgelbe Farbe auszeichnen. Die andere Rose ist eine deutsche Züchtung, sie heißt „Königin Karola". Sie ist aus einer Kreuzung mit der jetzt so beliebt Sewordenen„Madame Karoline Testoul" entstanden, die als Ersatz ir die schöne, leider nicht mehr recht lebensfähige„La France" gilt. Die Blume der„Königin Karola" ist ebenfalls sehr groß, ihre Farbe ist ein reines Hellrosa mit silbrigen Ueberschlägen. Sie ist im Winter wenig empfindlich und auch frei von Krankheiten. In derselben Nummer wird der Anpflanzung von Buschrosen das Wort geredet. die viel billiger und leichter zu behandeln sind als die hochstämmigen Rosen. Die wenigsten Leute wissen allerdings, wie die Bulch» rosen zu überwintern sind. Sie lassen sich nicht niederbiegen, viel- mehr müssen sie gänzlich mit Erde bedeckt werden. Sehr gut über- wintern die Rosen auch unter Schnee. Ferner wird in derselben Nummer der bekannten Gartenbauzeitschrist noch der Rosengarten des Herrn JuleS Gravereaux geschildert. Er liegt in der Nähe von Paris in L'Hay und ist gegenwärtig, nachdem der Rosen- garten des Bankiers Finger in Wien nicht mehr existiert, und die Anlage des Barons v. Lade in Geisenheim am Rhein auch ihre glänzendste Zeit hinter sich hat. der schönste Rosengarten der Welt. Es rst ein alter Park von 10 Hektar Größe, der große Rasen- flächen und alte Baumbestände besitzt, die den Rosengarten zum Teil umrahmen. Erst vor etwa zehn Jahren hat Herr Gravereaux sein Augenmerk den Rosen zugewandt, nachdem ihm der Arzt zur Gesundung seiner Nerven Gartenarbeit empfohlen hatte. Mit großem Eifer begann der ehemalige Pariser Großkaustnann seine neue Tätig- keit, und er steuerte einem großen wissenschaftlichen Ziele zu. Er wollte alle Arten und Sorten von Rosen in seinem Garten anpflanzen, und dieser sollte zugleich eine schöne gartenästhetische Schöpfung werden. Dieses Ziel hat Herr Gravereaux nun erreicht. Sein Garten bekommt zur Blütezeit der Rosen ein paradiesisches Aus- sehen, er ist aber auch sonst durch Laubengänge. Guirlanden, Statuen, Springbrunnen, schöne Gruppierungen zu einer sehens» werten Parkanlage geworden. Das Wesentliche ist nun aber, daß der Garten alle nur möglichen wilden und kultivierten Rosensorten enthält, wohl an fiebentausend Nummern. Alle find nach Verwandt- schasten geordnet und die berühmtesten Rosenkenner der Welt, vor allem der Rosenshstematiker Cröpin, haben an der Bestimmung zweifelhafter Arten und Sorten mitgewirkt. In dem günstigen Klima von Paris verlangen nur wenige der angepflanzten Rosen Schutz im Winter. Herr Gravereaux widmet aber sein Interesse nicht nur den lebenden Rosen, er sammelt alles, was Rosen betrifft und mit ihnen zusammenhängt. Er hat ein Rosenherbar, eine Sammlung von Früchten aller Rosen, eine Bibliothek, in der alles über Rosen Geschriebene vorhanden ist, eineSammluna von Abbildungen von Rosen, selbst von Fabeln, Gedichten usw. über Rosen. In dem Garten find auch wertvolle Neuzüchtungen von Rosen vorgenommen worden, und gegenwärtig ist Herr Graveraux besonders damit beschäftigt, eine Rosensorte zu züchten, welche einen reicheren Rosenölgehalt befitzt als die bisher kultivierten Sorten. Die Gewinnung von Rosenöl würde alsdann für das südliche Frankreich und Algier einen besonderen Erwerbszweig bilden. So ist denn der Rosengarten deS Herrn Gravereaux die Zentralstation für alles, was Rosen betrifft. gc. Vom Witz und Humor im Lande der Pharaonen. Wir bÄ> sitzen zwei Papyri satirischen Inhalts, von denen der eine im Britischen Museum, der andere im Museum zu Turin konserviert wird. Beide enthalten nach Franz Woenigs„Bilder aus der Kultur» geschichte des alten Aegyptens: Am oberen Nil" bildliche Darstellungen, und zwar bringt der Turiner Papyrus roh, aber äußerst flott und komisch gehaltene Illustrationen zu den anbei vermerkten Liebesabenteuern eines alten geckenhaften Priesters mft einer Sängerin aus dem Ammonstempel. Die Bilder, wie der Alte sich den Bart schabt, die Schöne sich schminkt, erwecken die Heiterkeit des Beschauers und erinnern lebhaft an die Schöpfungen unseres Humo» risten Busch. Die Rückseite dieses Papyrus und des Papyrus im Britischen Museum füllen komische Tierszencn, wie sie sich für di« Künstler de? Neuzeit aus dem Tier-Epos:„Reineke, der Fuchs" er- geben würden. Belustigend wirken hier die Zeichnungen aus de» „verkehrten Welt": Ein plumpes Nilpferd sitzt auf einem Sykornoren- bäum, und ein Raubvogel, Adler oder Sperber, steigt die angelehnt» Leiter hinauf. Ein Hase führt einen Löwen am Stricke. Gott Osiris ist als Esel dargestellt, vor ihm eine in Osiris entschlafen» Häsin, die ihm ein Totenopfer darbringt, ihr Fürsprecher ist ein— Ochse. Der Schakal erscheint mit Ranzen«, Stab nnd Palette, neben ihm erblickt man ein Schaf; er tritt hier als„Schreiber" auf, unl» diese Darstellung ist offenbar als Satire auf den Lehrer und Er- zieher der königlichen Kinder oufzufaffen. Ihm folgt der Wolf. Er hat einen Stecken über die Schultern gelegt, an dem er einen Saq trägt Nach Hirtenart bläst er die Dvppelflöte und treibt eine flott- gezeichnete Ziegenherde vor sich her. Eine feiste 5iatze mit gestreiftem Fell, einen gekrümmten Stab in der ausgestreckten linken Pfoto haltend, ist als Hüterin von sechs Gänsen gedacht; das siebente klemste Gänschen trägt die Katze auf dem linken Vorderarme. Dt» Aegypter waren im allgemeinen heiteren, ruhigen und gutinutige« Wesens; beißender Spott lag ihnen fern und so wird es erklaruchj. daß siel« außer den oben erwähnten Papyri keine weiteren Belegs ihrer Literatur finden, die auf eine besondere Bevorzugung de» Satire deuten könnten. Nur im pri Valens Briefwechsel dm „Schreiber", d. h. der gelehrten Staatsbeamten, tritt hin und tmedm der Spott drastisch zutage, und wenn es sich um Urteile über-lmtÄ' genossen handelt, die sich unverdienterweife der besonderen Gunst! ihrer Vorgesetzten erfreuen oder gar durch die besondere Huld des Königs beglückt werden. So berichtet ein Schreiber in einem Briefe isPapyrus Anastasi I. nach Lauth) an seinen entfernten Freund, der sich wahrscheinlich nach einigen ihm bekannten Persönlichkeiten am Hofe erkundigt hat:„Latz mich Dir das Bild des Schreibers... enrwerfen, die Leuchte des öffentlichen Getreidespeichers. Er hat nie gearbeitet, sich nie beeilt seit seiner Geburt; jede anstrengende Tätigkeit ist ihm ein Greuel, er kennt sie nicht, er ruht wie ein Toter im Grabe, aber seine Glieder sind gesund, doch die Furcht des guten Gottes leitet ihn nicht. Kasa, der Aufseher der Herden, der Wort- schwall, Amenuachsu. der hundertjährige, er ist immer noch frisch und munter. Stacht, der Weinsack, an dem Du Dich so manches Mal belustigt hast? Ich will Dir auch sprechen von dem Befehlshaber der Söldlinge in Anu, klein Ivar er ein Käfer, groh wurde er zum Bocke; er befindet sich sehr wohl in seinem Hansel Du hast ja bei ihm gewohnt. Hast Du nicht den Namen des... gehört, des Schlemmers, der auf dem Boden hinkriecht und sich nicht sättigen kann, die Kleider zerlumpt? Siehst Du ihn abends in der Dunkel- heit, so sagst Du:„Ein Enterich ist mehr wert, als erl" Und doch ist er ein Offizier, ein Beamter der Wage... Bläst man ihn an, der doch Offizier ist, so fällt er hin. wie ein Blätterschwarm."— Aus dem Tierleben. en. Der grötzte Fisch. Einer der interessantesten und auch weitaus der grötzte unter allen Fischen ist der Nauhhai, mit wissenschaftlichem Namen RKineockon typicus, oder wie die ältere Bezeichnung lautet: RKineockon typus. Er kommt ziemlich häufig im Indischen Ozean vor und wird von den eingeborenen Jndarn Mhor oder auch Walhai genannt. An der Küste des nordwestlichen Indien wird sein Fang seit langer Zeit regelrecht betrieben. Wenn man die neuesten zoologischen Werke, sowohl wipenschaftliche wie volkstümliche, befragt, so sollte man meinen, der Rauhhai wäre so selten, datz man so gut wie nicht» Wer ihn lvcitz. Dennoch findet sich eine ziemlich bedeutende Zahl von Angaben in der Literatur ver- streut, die der hervorragende Ichthyologe Gill jetzt in der„Science" gesammelt hat. Getauft wurde der Riesenfisch schon im Jahre 1829 von Andrew Smith. Datz dieser Hai weitaus der grötzte aller Fische ist, wird jeder aus der Angabe entnehmen, datz er über 15 Meter lang wird. Natürlich darf man dabei nicht an die„Walfische" denken, die, wie jedem bekannt sein sollte, überhaupt keine Fische sind und daher ihren alten Namen im Sprachgebrauch gegen den richtigeren und einfacheren der„Wake" vertauschen mützten. Die nächstgrötzten Fische sind der durch besonders grätzliche Gestalt aus- gezeichnete Hai Larcksrackon Ronckeletii,>der 12-— 15 Meter lang wird, und dann der sogenannte Rieseichai(Selacke maxima),. Es ist auffällig, daß jener Gigant unter all seinen Genossen, der Rauhhai, trotzdem man seiner im Indischen Ozean ziemlich leicht sollte habhast werden können, so wenig bekannt und kaum in einem europäischen Museum durch Teile oder gar durch ein vollständiges Skelett vertreten ist. Für die Wissenschaft ist das um so mehr bedauer- lich, als nach dem Urteil von Gill der Rauhhai nicht nur eine be- sondere Art und Gattung, sondern sogar eine unabhängige Familie unter den Haifischen darstellt, für die man ganz passend den Namen der Walhaie annehmen könnte. Der Fang des Fischs kann allenfalls dadurch erschwert werden, datz er sich mif hoher See aufhält und sich nicht gern dem Land nähert. Im übrigen aber ist es ein träges, apathisches Tier, das nahe der Meeresoberfläche lebt und sich oft so völlig regungslos treiben lätzt, datz man glauben könnte, es schliefe. Das äntzerste Matz, das dies Ungeheuer erreicht, wird auf 21 Meter angegeben, doch bleibt die durchschnittliche Länge sicher weit dahinter zurück. Höchst auffällig ist der Umstand, datz die Körpergrötze dieses Fisches in umgekehrtem Verhältnis zu seiirer Nahrungsaufnahme zu stehen scheint. � Während der riesige Careharockon wie sein Vetter, der Blauhai, äusserst gefrätzig und als Menschenfresser ge- furchtet ist, hat der Rauhhai kleine Zähne, und seine Nahrung besteht lediglich aus winzigen Tieren. Seine Zähne sind im allgemeinen denen der Rochen vergleichbar, stehen in vielen Querreihen fast un- beweglich und haben scharf nach hinten gerichtete Spitzen. Die Nahrungsausnahme ist der des Riesenhais zu vergleichen. Die Beute besteht aus allerhand kleinen Krustern und Weichtieren, die an t«r Oberfläche des Weltmeers leben und in so ungeheuren Massen das Wasser durchschwärmen. datz die Menge als Ersatz für die geringe Große des einzelnen Beutetieres dienen kann. Auch die noch mäch- tign: werdenden Bartenwale finden ja unter den kleinsten, für das blohe Auge zum grossen Teil unsichtbaren Tierarten des Meeres ge- nügend Nahrung, um ihren Riesenloib zu entwickeln und zu unter- halte». Ueber die Fortpflanzung des Rauhhais ist nichts bekannt, imd man vermutet nur, datz er seine Nachkommen durch Eier zur Welt bringt, die aber daS lebende Junge schon vollständig enttvickelt enthalten. Nach der Beschreibung von Wright ist er ein durchaus harmloser Fisch, trotzdem er mit seinem ungeheuer weiten Rachen und vielen kleinen Zähnen einen entsetzlichen Eindruck zu machen gemgnct ist. Der einzige Schaden, den er dem Menschen z. B. tut. geschieht dadurch, datz er sich gelegentlich an einem grossen Boot reibt und es zum Kentern bringt. Auch dann aber vergreist er sich nie an den ins Wasser gefallenen Menschen. Die Inder jagen ihn mit der Harpune und lassen ihn sich abzappeln. Die Harpune wird möglichst in die Augen oder in die Rüstern geschleudert. Wegen der Größe und Kraft des Fisches kann die Jagd nur durch mehrere Boote gleichzeitig bewerkstelligt werden.— Humoristisches. — Wasser und Milch. Die„Tägk. Rundschau" entnimmt ihrer Sammelmappe folgenden Aufsatz eines kleinen Schulmädchens: Milch ist Weis, Wasser ist Klar. Milch braucht man in Thee und in Kaffe, Wasser um diese Getränke zu Ferfertigen. Milch trinken Katzen,— Wasser Hunde. Milch braucht man in der Küche. Wasser auch, aber Milch ist sehr nützlich weil sie giebt sänne und von der sänne macht man Schlachsanne,— aber Wasser ist auch fast zu allem guht, es ist auch Wasser im Mehr,— auch im Badt. Milch ist für kleine Kinder guht, Ivenn Jemand Krank ist, ist die Milch sehr guht, besonders wenn man Melspeisen gegesen hat und es war Grünspan dran. Dann ist Milch sehr guht für Blutharme, ist sehr gut die Milch Jennigen die es gerne trinken für meinen Bruder Heinz ist sie sehr gut— man kann beides Warm und kalt trinken. — man wescht sich mit Wasser, mit Milch nicht, mit Wasser spinnt man, mit Milch nicht,— wir trinken auch Wasser. Es ist beides flüssich, es ist aber beides ein sehr grosser unterschied, warum habe ich mit den Worten angefangen, das die Milch weis ist und das das Wasser Klar ist,— mit Wasser wird die Wäsche eingesprenkt, mit Milch nicht, milch sid der roen sterke endlich(d. i. ähnlich) wenn die Milch kalt ist, wen es warme Milch ist, dann sidt der gekocheten Endlich, Milch ist sehr guht zu magekrepse auch zu butterbrot guht, man nimmt Wasser zu Brausen und zu Brausepulfer und zu Zucker- Wasser sehr guht. Milch mit sodawasser sehr guht. Jetzt muh ich schlictzen weil das Buch fertig ist Wasser ist auch guht für die Haare.— Notizen. — Theodor Mommsens Bibliothek ist von einer Dame angekauft und dem Akademischen Kunstmuseum der Universität Bonn als Geschenk überwiesen.— — Schnelldichter. Einem Pariser Theaterdirektor sind in den letzten drei Wochen sechzig Stücke, die in Marokko spielen, angeboten worden. � — Mit„Iphigenie auf TauriS" beginnen die Wiener Hofburgschauspieler unter Leitung von Kainz am 4. Juli' im Berliner Theater. Käinz spielt den Orest.— —„Vater Riekmann", ein Dreiakter vonKarl Strecker, wird zum erstenmal am nächsten Freitag in: Kleinen Theater aufgeführt.— —„Arme Leute", ein nach dem gleichnamigen Roman Dostojewskis von Franca Liberati verfaßtes Drama, fand im Teatro Goldoni zu Venedig demonstrativen Bei- fall.- — DaS Lessing-Theater will im Oktober einen neuen Sudcrmann herausbringen:„Stein unter Steinen", Schauspiel in vier Akten.— — Anton Ohorn hat ein zweites Klosterdrama ge- schrieben. Es behandelt die Frage des Cölibats. Die Uraufführung ist vom Chemnitzer Stadttheater für den nächsten Winter angesetzt.— Ein anderes Stück desselben Verfassers:„Die Streber", soll vom Deutschen Volkstheater in Wien zum erstenmal gespielt werden.— o. Emile Marvet, ein jungers Komponist, hat sich den von der Musikkommission der Lütticher Ausstellung für eine große Kantate ausgeschriebenen Preis von 1000 Franken geholt. Es handelte sich um einen Wettbewerb zur Feier des 75. Jahres- tageS der belgischen Unabhängigkeit. Mervets Kantate heitzt: Pro p a t r i a.— — Bandalen. Auf der Lütticher Weltaus st ellung baben Vandalenhände mehrere Werke deutscher Künstler ruiniert, u. a. Eugen Brachts.Feudaladel und Industrie" und Ludwig Dettmanns Gemälde:„Frohe Botschaft".— t. Geologische Bilder von der Samländischen K ü st e hat Professor Schell Wien von der Universität in Königs- berg in der Physikalisch-Oekonomischen Gesellschaft veröffentlicht und besprochen. Die von dem Gelehrten selbst besorgten photographischen Aufnahmen sind so überaus lehrreich und dabei fo vollendet aus- geführt, daß sie eine Beachtung in weiteren Kreisen verdienen. Die Arbeit zerfällt in drei Abschnitte. Der erste beschäftigt sich mit dem geologischen Alter der am Aufbau der Steilküste beteiligten Schichten, zu denen das Tertiär mit den beiden Abteilungen der Bernstein« formation und der darüber liegenden Braunkohlenformation, ferner die Ablagerungen der Eiszeit ,i,it ihrem Geschiebemergel und ihren Sauden gehören. Der zweite Teil der Abhandlung handelt von den an diesen Schickten erkennbaren Störungen; gewiß wird mancher Geologe bei der Betrachtung der hier gegebenen Abbildungen darüber staunen, mit welcher Schärfe auch in diesen weichen Massen taltimgen, Ueberkippungen und Beriverfungen awftreten. Der dritte bschnitt wird namentlich für den Geographen von Interesse sein durch die Erörterung der an der Steilküste erfolgenden Zerstörung und hat auch eine besondere aktuelle Bedeutung, indem die Folgen der mächtigen Sttirme im Januar diese? Jahres in höchst eindriick« sicher Weise zur Anschauung kommen. Man sieht die Veränderungen des Strandes, die m die Steilküste eingefresseilen Höhlungen, die dadurch bedingten Abstürze von der Höhe der Klippen, die Ver- nichtungSarbeit in dem stellenweise unmittelbar an den Strand herantretenden Wald, die Aufschüttung mächtiger Geröllmassen usw.— Berantwortk. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer ScCo., Berlin LW.