Hlntcrhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 129. Donnerstag, den 6. Juli. 1905 (Nachdruck verboten.) LI Vas(Ingeborene. Eine Erzählung von I. I. D a v i S, Ja, in dem Knaben lebte halt ein anderer und ein höherer Geist. Er selber hatte die Pflicht, sich davor zu beugen und ihn zu hegen. Wie leicht ihm zum Beispiel nur das Deutsche wurde! Der Alte lebte doch so viel länger in Wien, paßte nach Kräften auf und man konnte ihni immer noch anmerken. woher er eigentlich gekommen war: hier war selten mehr etwas zu spüren und dabei blieb die Muttersprache sicher und geläufig. Und er war im letzten Grund auch ein guter Junge, dem die ganze Klasse samt der Lehrerschaft zugetan war. Daß ihn am Ende die Themen wenig interessierten, bei denen sich sein Pfleger am liebsten verweilte— ja, er war gerecht genug, das auch dann noch zu begreifen, wenn es ihm weh tat. Begann dem Jungen doch sogar das Bild der Mutter langsam vor der Fülle neuer Eindrücke zu verbleichen, deren Erinnern ihm frisch und heilig zu halten sich der Alte aus guten Griinden bemühte. Und wenn ihn der kleine Gregor noch nicht so gerne hatte, als er es just um ihn zu verdienen meinte, so tut bei derlei die Gewöhnung viel und einmal mochte schon das richtige Verständnis erwachen und ihr Werk vollenden. Denn für sich begehrte Gregor Gazda der Aeltere so wenig von ihm, als er sich jemals etwas vom Leben ver- langt hatte. Je höher er ihn steigen sah in seinen sorgenden und liebevollen Gedanken, desto weiter und unüberbrückbarer wurde doch auch der Abstand zwischen ihnen Zweien. Wie hübsch er nur war! Und wie fein er sich hielt! Ja, wenn man nicht darauf geachtet hätte, daß er doch Hand- reichungen tue da oder dort, er hätte nicht übel Anlagen zur Hoffart gehabt. Die waren nicht zu dulden, so gut Gregor Gazda wußte, woher er sie, woher er jede seiner Gaben und Anlagen empfangen haben könne. Er zergliederte sich ihn nach seinen einfachen Begriffen immer wieder, wenn er im Dienst eine Pause hatte und an einem gedeckten und erlaubten Ort einige rasche Züge aus seiner Pfeife tat: hatte einen unerschöpflichen Stoff zum Nachdenken an ihm und war klug genug, von niemandem zu begehren, daß er da mithalte. So ward er: immer schweigsam und grüblerisch verschlossen. Nur, wenn wieder einmal das Zeugnis kam, dem er entgegenfieberte, dann konnte er nicht länger an sich halten. Er steckte das kostbare Blatt zu sich und studierte es so ernsthaft und eifrig, bis irgend wer neugierig ward oder mindestens aus Höflichkeit so tat, als,wär' er's geworden, und es zu sehen begehrte. Er zeigte es her und wisperte:„Aufpassen Du! Damit Du kein Fleckchen hineinmachst! Denk' Dir nur, der Bub' ist wieder der beste! Unter so vielen der beste— denk' Dir!" Der andere tat einen Blick hinein und schmunzelte und meinte hernach zu den übrigen:„Was der Gazda mit dem Bankert treibt! Das ist doch nicht zu glauben. Er ist halt wie ein Weib. Ja— ganz wie ein altes Weib ist der Gazda." Und so lebten diese beiden für sich, einträchtig und ein- sam. Schon taten sich dem Jungen Kreise auf, in die der Alte niemals zu kommen auch nur hätte träumen dürfen und ehr- fürchtig vernahm er, was der Gregor an Berichten darüber vergönnte, der so schon seine ersten Schritte der Zukunft ent- gcgentrat, während der andere eigentlich nur noch in der Ver- gangcnheit lebte und ins Kommende nur so weit sah, als er dem teueren Wahlkind mit den Augen folgen und nachkonimcn konnte. Als er zum Militär, oder wie sie bei ihm zu Hause immer, auch bei den friedlichsten Zeiten zu sagen pflegen: in den Krieg mußte, hatte sich Gregor Gazda mit der Ludmilla Hajduk versprochen. Daß er keine andere heiraten würde, nur sie, dies wußte er freilich schon viel früher, fast von ihren ersten Kindes- deinen. Denn sie gehörten zu Nachbargründen und waren beide Waisen. Ihm waren die Eltern sehr zeitig weggestorben, und nun wuchs er auf wie er eben wollte. Etwas Vermögen, so viel, daß er in feiner sehr armen Gemeinde sogar für wohlhabend gelten konnte: ein Häuschen, einige Striche Feld hatten sie ihm hinterlassen. Er war ein Grübler und ein ungeselliger Bursche von klein auf. Sehr leicht war er verwirrt zu machen, auch bei Dingen, die er ganz sicher wußte. Zum Beispiel in der Schule mußte er darum viel Unrecht leiden. Man hielt ihn nicht für gar klug: vielmehr für etwas schwach im Kopf. Denn er ver- wunderte sich sehr über Dinge, an denen andere nichts zu vermerken fanden, und er machte sich wiederum nichts aus Sachen, um die sie sonst meilenweit laufen. Ein großes Bedürfnis nach Unterordnung, wo er liebte, war in ihm. Sagte ihm jemand etwas, den er gerne hatte, so schwor der Gregor darauf. Das schien ihnen töricht, und sie haben ihn also oft mißbraucht, daß sogar er es merken mußte. Darüber hat er sich natürlich gekränkt, ohne sich anders helfen zu können, als indem er sich immer mehr in sich zurückzog. Er hätte gerne was Ordentliches gelernt. Dazu war aber so ohne weiteres nicht Gelegenheit: von außen kam kein An- laß, und aus sich selbst nahm er die Kraft eines Entschlusses nicht. Und so las er denn, was ihm eben unterkam, immer wieder dasselbe Buch und fand immer wieder in jedem Satz etwas zu verinerkcn. So ivard er anderen beschwerlich und kam immer mehr ins Schweigen und ins Nachdenken, spann sich immer tiefer in das wunderliche Weltbild ein, das er in sich trug. Und so vieles ging ihm durch den Kopf, auf das er sich einen Neim finden mußte, das er nicht zu ordnen verstand, daß er sich alles planmäßig einteilte und nach seiner Zeit und nach bestimmten Vorsätzen machte, damit er nicht im Wirrwarr vollkommen unterginge. Auch das ward natürlich ruchbar und verspöttelt. Gerne saß er bei den Hajduks drüben und machte sich nützlich, so gut er's vermochte. Da war nämlich Leben. Der Vater war ein sehr armer Teufel, der in den Taglohn ging und dabei lustig war und beständig lachte. Das verstand der Gregor gleich nicht, wenn man sich so ums trockene Brot plagen mußte, und es wimmelte nur so von Kindern, iinmcr eines kleiner als das andere, daß man achtgeben mußte, über keines zu stolpern und niemandem wehe zu tun, und die Frau war tot, und es quietschte und schrie immer durcheinander, wie ein Haufen Ferkelchen, und die Ludmilla, die eben die älteste war, hatte ihre liebe Not mit ihnen und um nur ein wenig Ordnung zu halten. Da heißt es immer: die Lustigen sind die besten Brüder, hat er sich gedacht, aber, warum sind sie's? Weil sie keine Augen haben und nicht sehen, wenn sich alles um sie plagt und nichts so ist, wie es in einer ordentlichen Wirtschaft sein soll. Lieber stellen sie sich blind, nur damit sie sich die Laune nicht verderben. Aber gehört sich das? Für einen wirklichen Menschen? Der doch über sesire Nase hinausdenken und ein Gefühl haben soll für andere? Das ist doch sehr bequem, so ein lustiger Kerl sein, mit dem gut hausen ist. Solche Ge- danken hat er in sich gehabt, wenn er die Wirtschaft bei den Hajduks sehen mußte: und die Rackerei von der Ludmilla, die er sehr, sehr gerne gehabt hat. Er bewunderte das kleine Frauenzimmer maßlos. Wie sicher sie nur in allem war! Und wie sie sich in Respekt zu setzen verstand Da waren ihre Brüder— Lümmel, halt richtige Lümmel, mit endlosen Beinen, die sie gar nicht weit genug von sich zu strecken wußten, und öben in den Jahren, da man sich sonst gegen so ein Mädchen aufzuflegeln beginnt und es verachtet, weil es halt doch nur Kittel trägt. Die hatte sie ganz gehörig am Pfiff und muckte einer einmal auch nur auf, dann verstand sich die Ludmilla zu helfen. Sie war wirklich eine handfeste Person und was man so sagt: ein lockeres Gelenk. Sie brauchte keinen Ritter und verließ sich am liebsten auf sich selbst: und setzte sie einmal einem eine hinter die Ohren, dann kam die so flink und saß so ausgezeichnet, daß der eben nur das Maul aufsperren konnte. Dabei vergißt man das Antworten und sieht nicht klug aus. Aber schon gar nicht. Sic hatte die Kinder unendlich gern. Ganz klein war sie selber noch ge- Wesen und hatte sich schon abbalgen müssen, daß es ein Jammer war und den Gregor oftmals sehr erbarmte. Wollte er sie aber darum bedauern, so sah sie ihn an, wie einen, der nicht klug ist und allerhand daherredet. Noch wie die Alte lebte, hatte das begonnen und nach ihrem Tode war doch alles auf sie gekommen. Ganz wie eine Mutter, die immer weiß oder errät, was ihr Kleines just brauchen oder wünschen könnte, so war das mit ihr. Niemals war sie ungeduldig oder heftig mit ihnen, auch wenn man nicht mehr verstand, daß sie den Kopf nicht verlor. Und wenn sie davon sprach, sie werde wohl einmal in Dienst gehen müssen, weil die Schaluppe so verschuldet war, daß man nicht wissen konnte, wie lange sie sich erhalten ließ, dann wollte sie wiederum nur zu Kindern. Sie mußte zu pflegen und wieder zu kommandieren haben: sie lachte über den lustigen Lärm der Spielenden, sie ward nicht ungehalten vom Greinen geärgerter Fratzen. Brauchte sie ihre Ruhe, so schaffte sie sich sie schon. Daß sich ihr der Gregor so unterordnete, gefiel ihr natllr- sich. Und er war nicht übel zu leiden und manchmal ganz gut zu Gängen und sonst zu brauchen. Nur zu viel aufgeben durfte man ihm nicht auf einmal, sonst geschah bestimmt ein Unglück. Aber daran war sie zumeist nur selber schuld. Denn er konnte kaum was anderes denken, nur sie und wie sie sich's einzurichten verstand, daß man satt zu essen habe und einander nicht gar zu hungrig auf den Löffel sähe, daß keines zu ab- gerissen war, wo die Buben doch Reißteufel gewesen sind: wie gesegnete Hände sie hatte, unter deren Pflege alles geriet: und wie sie stets guter Laune blieb und niemals eine Müdig- keit zeigte, wenn man nur zu oft nicht verstand, daß sie sich überhaupt noch auf den Füßen erhalten konnte. Auf einen großen Hof hätte sie hingehört. Dies stand bei ihm fest. So eine echte Bäuerin: hellstimmig, daß man sie durchs Fallen und Klappen des Dreschflegels, oder auch durchs Raspeln und Pfnausen und Aechzen und Klirren der Dreschmaschine hört, wenn sie zu Mittag ruft. Das konnte er ihr freilich nicht bieten: die vielen Untergebenen nicht, die, nicht zuletzt der Bauer selbst, sich ihr willig fügen, weil sie immer weiß, was notwendig ist, und nichts sonst will oder anschafft. Aber endlich, so gut wie's einer im Dorf oder in der Gegend hergeben mochte, so gut hatte sie's zu seiner Zeit bei ihm auch. Aber damals schon empfand er es so deutlich, wie er überhaupt nur etwas empfinden konnte: sie brauchte vieles Leben un: sich, weil es in ihr schlummerte und von ihr ausging. Er merkte nicht einmal, wie wenig hübsch das Mädchen eigentlich war. Eben nur gesund, tüchtig zur Arbeit und durch sie gestählt. Reiches Haar hat sie freilich gehabt und voll und kräftig war sie. Das aber ist hier nicht so selten, daß man sich gar viel darauf einreden könnte. Aber ihre Nase war denn doch ein wenig gar zu stumpf und der Mund war zu groß: und gerade vorne hat sie eine Lücke zwischen den Zähnen gehabt. Da war sie einmal hingeschlagen und hatte sich sehr weh getan, wie sie ein Schwesterchen holen wollte, das ein Truthahn anging und das sich ängstigte vor dem bösen und häßlichen Vogel. Ihr floß das Blut vom Munde, sie preßte die Linke dagegen, damit sie nicht besudelt würde, mit der Rechten aber hielt sie das Kind und weinte nicht, damit sich die Kleine nicht neuerdings aufrege, und hatte dabei selber Angst und beherrschte sich. Aber sie blieb so verunstaltet ihr Leben lang. Ihr aber machte das nichts, denn sie war nicht eitel. Und der Gregor wußte überhaupt nicht, wie sie aussah. So vertraut sie ihm war, er hätte durchaus von keinem ihrer Züge Bescheid geben können. Er war ganz glücklich, wenn sich zu Abend Zeit fand, daß sie ein wenig nebeneinander sitzen konnten. Dann rauchte er sich eine schöne Pfeife an und saß so. daß der Dampf daraus ihr zuzog, weil sie nämlich den Geruch von Tabak sehr gerne hatte. Er erzählte dieses oder das, das er eben gelesen oder sich nur so ausgedacht hatte. Und sie hörte ihm andächtig zu, und es war eine gesunde und ehrliche Müdigkeit in ihr, und die Worte wehten um sie und weckten dieses, und anderes schläferten sie ein, und manchmal dachte sie sich etwas, traute sich aber nicht so heraus damit, und immer sagte sie ihm dasselbe. Nämlich, weil nichts auf- flattern konnte vom Leben, ohne daß er ihm eine nützliche Bettachtung ausrupfte, wie man einem Federvieh ein Federchen ausrupft, und sei's nur, sich die Pfeife damit zu putzen oder sich's auf den Hut zu stecken, und weil er sich, sie ausgenommen, aus den Mädchen so gar nichts gemacht hat, so sagte sie ihm nämlich:„Du hättest eigentlich auf Geistlich lernen müssen, Gregor." Da lachte er:„Das war' nicht gegangen." „Warum denn nicht, Gregor? Dafür tätest Du wohl taugen und wärst schon geschickt genug." „Deinethalben nicht, Mila." Und dies war das einzige Mal, daß er auf seine Zukunfts- absichten deutete. So kam ihm auch keine Besorgnis, daß sie ihm wer weg- fischen könnte, während er bei den Kaiserlichen stehen mußte, oder daß sie sich vergessen könne. Davor schützte sie schon das Gefühl der Verantwortlichkeit, ihr Pflichtbewußtsein, denn sie mußte den Jüngeren doch immer ein Beispiel geben wie bleiben. Sie zu drängen aber fiel ihm wieder nicht ein. Innerlich waren sie sich, seiner Meinung nach, unverbrüchlich verbunden. Redensarten machen oder vor der Zeit so herum- löffeln, das war nicht gut. Denn es steckte wirklich was vom Pietisten in ihm, wie man ihm aufgebracht, und er war von einer großen und ehrlichen Frömmigkeit. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verböte».) Gewitterangrt* Dem Sommer würde allgemein das beste Führungszeugnis aus- gestellt werden, wenn er nicht auch der Bringer der Geivitter wäre. Es sind nicht nur Frauen und Kinder, die beim Heraufziehen eines Gewitters von banger Angst ergriffen werden, sondern auch sonst urutige Männer sehen vielfach dem Ausbruch eines Gewitters un- ruhig entgegen. Der Hauptgrund der Gewitterangst ist der Gedanke, daß ein jeder unvorhersehbare Blitz so gut wie irgendwo anders hin auch auf uns niederfahren kann und daß wir deshalb zur Fernhaltung der Gefahr, abgesehen von einem zweckmäßig eingerichteten Blitz- ableiter, keinerlei Schutzmittel besitzen. Aber diese Vorstellungen sind irrtümlich Denn keineswegs„ohne Wahl zuckt der Strahl". Vielmehr schlägt der Blitz immer nur eine ganz, beistimmte Bahn ein, wenn auch die Ursachen für die Wegrichtung nicht stets offen zutage liegen. Andererseits bedingt aber auch die Abhängigkeit des Blitzes von den Begleitumständen die Bevorzugung gewisser Bahnen und Einbruchsstellen, so daß, wenn wir ihre Nähe nach Möglichkeit meiden, wir uns gegen die Blitzgefahren auch einen wesentlichen Schutz zu schaffen vermögen. Der Blitz ist der sichtbare Ausgleich zwischen der Elektrizität zweier Gewitterwolken oder einer Wolke und der Erdoberfläche. Die Gewitterwolke ist mit freier Elektrizität geladen, die sowohl positiv als auch negativ sein kann. Zwischen Gewitterwolke und Erdoberfläche betätigt sich, um bei diesem Fall zu bleiben, das allgemein gültige Gesetz, daß sich gleichnamige Elektrizitäten ab- stoßen, ungleichnamige aber anziehen. Ist daher eine Wolke mit positiver Elektrizität geladen, so zieht sie die negative Elektrizität der Erdoberfläche an, während die positive Elektrizität der Erde abgestoßen wird und in die Tiefe abfließt. Die Spannung zwischen den beiden Elektrizitäten ist nicht überall gleich, sondern an den einzelnen Stellen verschieden stark. Dort, wo die Spamiung ztvischeni zwei Punkten am größten ist, erfolgt der Ausgleich in Form des Blitzes. An allen Hervorragungcn der Erdoberfläche wächst die Spannung bedeutend an, und zwar um so mehr, je höher die Hervor- ragung ist und je ausschließlicher sie allein den benachbarten Um» kreis beherrscht. Hat der Blitz an einem hervorragenden und zugleich leitenden Punkt eingeschlagen, so ist auch innerhalb der getroffenen Gegenstände sein Verlauf nur schcinbau willkürlich. Im allgemeinen verfolgt der Blitz von der zunächst getroffenen Stelle aus denjenigen Weg, auf dem sich ihm die besten Leiter darbieten. Aber tue galvanische Leitungsfähigkcit ist nicht völlig entscheidend. Vielmehr begünstigt der Blitz auch den Weg, wo ihm die geringsten elektrischen Gegen- kräfte entgegenstehen, selbst wenn er hierzu starke Mauern durch- brechen muh. Vortreffliche Leiter innerhalb eines Hauses geben für den Blitz ab Drahtlcitungen, eiserne Wasser- und Gasröhren, sowie an der Außenseite die Dachrinnen. Verläuft die Bahn des Blitzes in der Nachbarschaft kleinerer Metallgegenstände, wie von Nägeln. Wandleuchtern und Vasen, so kann er sich verzweigen und auf diese überspringen. Die Verzweigung findet um so leichter statt, je besser die Zwischenlcitung zwischen dem Weg des Blitzes und den Metall- gegenständen ist. Eino besondere Anziehungskraft üben auf den Blitz endlich noch stehende und fließende Gewässer und hohes Grund» Wasser aus, da sie als Leitmassen die Ausbreitung des Blitzes in der Erde erleichtern. Aus der vorstehenden Darlegung lassen sich die Verhaltungs- maßregeln gewinnen, die zur Verminderung der persönlichen Ge- fahr während vines Gewitters zu beobachten sind. Zunächst ist der Aufenthalt in einem Gebäude immer demjenigen im Freien vor- zuziehen. Ein Gebäude, mit seinen vielen Vorsprüngen und Er- höhungen wirkt in seiner'Gesamtheit nie in gleichem Maße als der- einzelte Hervorragung wie der einzelne Mensch, der im Freien steht oder sich dort bewegt. Je niedriger das Haus ist und je tiefer es liegt, desto sicherer ist es im allgemeinen. Bäume in der Nachbar- schaft eines Hauses, die dasselbe überragen, dürfen überwiegend als ein Schutz angesehen werden, da Bäume selbst gute Leiter sind und auch die Baumwurzcln eine gut leitende Verbindung zwischen dem Stamm und der Erde darstellen,. Gbqnso sind Telephon- und Telegraphendrähte, die ein Haus überspannen, von schützendem Ein» fluß. Beachtenswert ist es ferner, daß der Blitz viel häufiger in ver- einzelt liegende Gel'äulichkeiten als in eine dichte Häuscrmasse ein- schlägt. Je mehr Häuser zu einer geschlossenen Ortschaft gruppiert sind, um so mehr nimmt unter sonst gleichen Bedingungen die Blitz- gcfdjr aS. So ist in Pöeußen die Mitzgefahr auf dem flachen Lande fünfmal größer als in den Städten. Es liegt dies Wohl daran, daß sich mit der größeren Häuserzahl auch die elektrische Spannung mehr verteilt. Häuser, die in der Nähe von Getväffern stehen, müssen aus dem oben angegebenen Grunde, wenn möglich, gemieden werden. Auch das Wasscrfassungsvermögen des Bodens fällt ins Gewicht. Am geringsten ist die Blitzgefahr für Kallboden. Wenn man die Häufigkeit der Blitzschläge für diesen Boden mit 1 bezeichnet, so ist diejenige für Keupcrmergel gleich 2, für Tonboden 7. für Sand- bodcn 9 und für Lehmboden 22. Aus den Bodenverhälwiffen er- klärt es sich, warum die Blitzgefahr in Süddeutschland und Oester- reich durchschnittlich geringer ist als in Norddeutschland. Innerhalb des Hause- selbst hat man sich während eines Gewitters von allen Mctallleiwngcn. wie Gas- und Wasscrröhrcn, sowie den Drahtzügen für Klingeln fern zu halten. Auch die Nachbarschaft von größeren Metallgegenständcn in einem Zimmer ist zu vermeiden, da sich auf sie, wie erwähnt, ein einschlagender Blitz leicht abzweigt. Spiegel Nehmen die Stelle von metallenen Gegenständen ein, da sie mit einer dünnen Ouecksilberschicht belegt sind. Endlich ist die Nähe des Rauch- fangs und Schornsteins in gewissem Sinne gefahrbringend, da der Ruß einen guten Leiter abgibt. Am vorteilhaftesten ist es daher, sich während eineS Gewitters in der Mitte des Zimmers auszuhalten. Wird man von einem Gewitter im Freien überrascht, so schreite man in gleichmäßigem Tempo weiter. Schnelles Laufen und noch mehr Stehenbleiben erhöht die Gefahr. Zu vermeiden ist der Auf- enthalt auf Hügeln und an Gewässern. Bekannt ist die Warnung, unter Bäumen einen Unterschlupf zu suchen. Vereinzelt stehende Bäume sind besonders gefährlich. Die Blitzgcfahr schwankt übrigen» für die verschiedenen Baumartcn sehr beträchtlich. Am gefährdetsten sind die Eichen. Bezeichnet man die Blitzgefahr für die Buchen mit 1, so ist für die Nadelhölzer die Zahl 9, für die Rüstern, Linden und Platanen 12 und für die Eichen die Zahl 34 anzusetzen. Der Grund hierfür liegt in der Verschiedcnartigkeit der inneren Struktur der Bäume. Ist es ausführbar, so soll mar sich stets 5— 6 Meter von den äußersten Zweigen der Bäume halten. Auch einige allgemeine Erwägungen sind geeignet, die Ge- witterangst zu mindern und zu verscheuchen. Obgleich in den letzten Jahren die Zahl der Blitzschläge nachweislich zugenommen hat, so werden von der Gesamtbevolkerung Teutschlands jährlich doch nur 20l1 bis 300 Personen getroffen und davon 60 bis 100 Personen getötet. Auf eine Million Gebäude werden jährlich in Deutschland je nach den Gegenden nur 271 bis 404 durch Blitze beschädigt. Es ist also höchst unwahrscheinlich, von einem Blitz getroffen zu werden. Blitze, von denen man nur den Donner hört, braucht man überhaupt nicht zu fürchten, da der Blitz längst seinen Weg zurückgelegt hat, ehe die Schallwellen an unser Ohr gelangen. Aber auch alle Blitze, die man sieht, sind ungefährlich. Denn da sich das Licht mit einer Geschwindigkeit von 304 000 Kilometern in der Sekunde fortbewegt, so muß der Blitz auch in demselben Moment, wo er einem Beobachter sichtbar wird, den Weg bis zu diesem durchlaufen haben, falls er die Richtung zu ihm einschlägt. Ein jeder Blitz, den man sieht, hat daher bereits ein anderes Ziel erreicht. Schließlich gewährt es eine gewisse Beruhigung, zu wissen, in welcher Entfernung die Blitzschläge nieder- gehen. Di« Berechnung ist einfach. Denn da, wie bemerkt, die Gc- schwindigkeit des Lichtes 304 000 Kilometer in der Sekunde, diejenige des Schalles in derselben Zeit aber nur ungefähr 340 Meter beträgt, so braucht man nur die Zahl der Sekunden, die zwischen dem Auf- leuchten des Blitzes und dem Erschallen des Donners verfließen, mit der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles, also mit der Zahl 340, zu vervielfachen, um in Metern die Entfernung zu finden, in der der Blitz niederfuhr. Einfacher ist es noch, wenn man auf je 3 Sekunden, die nach der Beobachtung des Blitzes vorgehen, etwa 1 Kilometer rechnet. Auch in denjenigen Fällen, wo Blitz und Donner scheinbar gleillu-ütig bemerkt wurden, wird sich gewöhnlich ergeben, daß die Bahn des Blitzes doch noch eine beträchtliche Strecke entfernt war. Theo Seelmann. Kleines f eullleton. ie. Der sechste Sinn des Großstädters. Wenn man mit offenen Augen das Bild einer großstädtischen Straße zu einer Tageszeit betrachtet, in der ein lebhafter Berkehr herrscht, so wird man unschwer den Eingeborenen der Großstadt von deren gelegentlichem Besucher an seinem Verhalten unterscheiden können. Trotzdem die Großstadt nach einer ziemlich allgemein geteilten Anficht die Nervosität be- fördert, ist der Provinziale begreiflicherweise gegenüber dem ihm ungewohnten Lärm und Treiben weit unruhiger und nervöser als der mehr daran gewöhnte Großstädter. Letzterer hat eben nrit größerer oder geringerer Vollkommenheit eine Art von sechstem Sinn eNvorbcn, fiir den ein Mitarbeiter des„Lancet* die glücklich gewählte Bezeichnung des „Verkehrssinns" erfunden hat. Dieser Verkehrsfinn kann als eine gc- steigerte Feinfühligkeit des gesamten Nervensystems gegen die Einzel- heiten des großstädtischen Straßenlebens aufgefaßt werden, und feine Ausbildung ist wünschenswert und in gewissem Grade sogar notwendig. Durch seinen Verkehrsfinn vermeidet der Großstädter !ast instinktiv die Gefahren, die ihm von den zahllosen Vehikeln ver« chiedener Art auf der Straße drohen. Cr hört und sieht die Wagen herankommen, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß er Auge und Ohr zu diesem Zweck anwendet. Wenn er die Straße überschreiten will, sieht er ebenso unbewußt links und rechts und verläßt den sicheren Bürgersteig oder die Schutzinsel auf einem Platz nicht früher, als bis er das bestimmte Gefühl hat, daß er ruhig und sicher über die Straße gelangen wird. Die DiSziplm, der sich die Gefährte in einer Großstadt zu unterwerfen haben, ist natürlich die Vorbedingung für die Entwicklung des Verkehrssinnes beim Fußgänger, der nun weiß, daß er beim Uebergang einer Straße auf der ersten Hälfte ihrer Breite die Wagen von links und auf der zweiten Hälfte von rechts zu erwarten hat, oder, wie eS z. B. in Wien der Fall ist, umgekehrt. Ein echter Großstädter geht ohne Zögern in den dicksten Wageuknäuel hinein, wenn er vorher die Situation überschaut und erfaßt hat, und er wird sich immer in ruhigem Gang hindurcharbeiten, ohne in Neimens- werte Erregung zu geraten. Der Verkehrs simi scheint übrigens geschlechtliche Verschiedenheiten zu haben, denn er zeigt sich inr all- gemeinen bei den Frauen weniger gut entwickelt als bei den Männern. Unsäglich oft kann man Damen beobachten, die mit ängstlicher Zusammenraffung ihres ganzen Ich vom Bürgersteig auf die Straße stürzen und dann auf halbem Wege unikehren uiid im gleichen Tempo zurücklaufen, und das vielleicht mehrmals hinter- einander, ehe sie glücklich durch den tosenden Strom der Straße in einen sicheren Hafen des gegenüberliegenden Ufers einzulaufen ver- mögen. Da kann man deutlich erkennen, was der Mangel an Verkehrssinn bedeutet und wird sich auch klar darüber werden, wie sehr darin eine Steigerung der Gefahr ftir die betreffende Person liegt. Wer läuft, kann selbst- verständlich nicht so scharf sehen und hören wie jemand. der ruhig steht oder geht, und deshalb ist das erste Gebot, das der Verlehrssinn dem Menschen auferlegt, inmitten des WagengetriebcS der großstädtischen Straße niemals zu eilen. Wenn man in die Lage kommen kann, jeden Schritt überlegen zu müssen, so muß natürlich langsam gegangen werden. Der gut entwickelte Verkehrs- sinn arbeitet in dieser Hinsicht ganz automatisch und macht es seinem glücklichen Besitzer ganz unmöglich, einen Schritt zur unrechten Zeit zu tun. Daß durch die Heranbildung des Verkehrssinns bei den Fußgängern auch den Wagenführern ihre harte und ver- antwortrmgsvolle Tätigkeit außerordentlich erleichtert wird, liegt auf der Hand. Es gibt noch immer Leute, die sich auch an einer Stelle wie beispielsweise dem Pots- damer Platz in Berlin darüber Wundern, daß ein Wagen sie übergefahren hätte, wenn sie nicht rechtzeitig ausgewichen wären, als ob es überhaupt denkbar wäre, daß ein Wagen vor jedem Fuß- gänger, der nicht aufpaßt, halten oder sein Tempo auch nur wesentlich verlangsamen könnte, wenn nicht eine Kollision anderenfalls bereits unvermeidlich erscheint. Die Eriverbung und Vervollkommnung deS Verkehrssinnes ist also nicht nur eine Forderung der Notwehr aus Gründen der Selbsterhaltung, sondern auch ein allgemeines Be- dürfnis, dessen Erfüllung eine Vorbedingung für das Wohl und Wehe des Großstadtverkehrs ist.— gc. Eßbare Vogelnester auf der Insel Java. Die auch in Europa bekannten eßbaren oder indischen Vogelnester bilden eine geschätzte Delikatesse bei den Chinesen. Sie sind das Werk einer vorzugsweise aus Java heimischen, aber auch an der Ostsceküste der Bucht von Bengalen, in Assam, Siam auf� Ceylon vor- kommenden Schlvalbenart, der Salangane. die in Größe, Gestalt und Färbung viel Aehnlichkeit mit unserer Uferschwalbe hat und sich be» sonders durch ihre stark entwickelten Speicheldrüsen auszeichnet. Die Salanganen wohnen entweder in tiefen Höhlen im Innern deS Landes, wo sie ihre Nester zu taufenden und abertausenden an die Wände kleben, oder sie nisten an der felsigen Küste. Die Nester haben die Gestalt des Viertels einer Eierschale, sehen weißlich bis bräunlich aus und sind sehr dünn. Sie bestehen aus dem leim» artigen, an der Lust erhärteten Speichel der Schwalben und find mit feinen Pflanzenstengeln ausgekleidet und auch verstärkt. Da die Salanganen jährlich drei bis vier Brüten ausbringen und für jede ein neues Nest bauen, so ist die Ernte an solchen eßbaren Nestern sehr reichlich, wenngleich mit Lebensgefahr ftir die Sammler verknüpft. Diese bilden auf Java eine förmliche Zunft. Sie klettern mit Hülfe von Ratanaseilen und Strickleitern in die finsteren Höhlen hinab, die sich besonders zahlreich in den Kalkbergen von Peranger und Karang-Bolong befinden, oder ersteigen die schroff gesenkten Felsen der Südküste der Insel, wo zwischen wucherndem tropischen Pflanzenwuchs eine Salanganenart, von den Eingeborenen Kuiappi genannt, ihre Nester am Fels baut. Diese holen sie mit einem eigentümlichen Werkzeuge, dem«Nesterpflücker", herab. Die Ernte beginnt, sobald die Mehrzahl der Rester Junge ausweist. Erst die Hälfte etwa ist beim Beginn des Einsammelns ausgeflogen, die andere Hälfte geht zugrunde. Trotzdem hat man bisher keine Abnahme der Vögel beobachtet. Die Nester. in denen Junge mit keimenden Federn liegen, bilden die feinste Ware._ Wie schon erwähnt, sind die Chinesen die einzigen Abnehmer für diese seltsame Delikatesse. Man genießt sie mit Fleischbrühe gelocht und stark gewürzt und hält sie für sehr nährend und kräftig, was jedoch auf einem Irrtum beruhen dürfte. Wie gewaltig der Verbrauch im Reich der Mitte an eßbaren Vogelnestern ist, geht daraus hervor, daß jährlich etwa 80—90 000 Kilogramm, das heißt etwa 8—9 Millionen Nester in China eingeftihrt werden, deren Wert sich etwa auf sechs Millionen Mark beläuft. Kunst. Die KunstfalonS rüsten ab und bereiten sich auf die sommerliche Stille vor. Wer will noch Bilder besehen, wenn die Hitze tropisch glüht? Zudem sorgen die großen Krmstausstellungen des Sommers für Abwechselung. Dennoch bringt auch hier die Konkurrenz eine Verlängerung, ein Hinausschieben des Schlußtermins mit sich und immer weiter ziehen sich die Veranstaltungen der Salons in den Hochsommer hinein. Keller undReiner bringen sogar einen ganz neuen Künstler. Das ist zu verwundern, da dieser Salon in letzter Zeit ängstlich rm höfische Gunst Anknüpfung suchte und mit Möbeln aus alten Schlössern handelte. Diesmal ist es ein Böhme, Frantisek B i l e k. 1S72 geboren, ist er zu den jungen Künstlern zu rechnen. Karton- Zeichnungen und Skulpturen sind sein Werk. Man muß das Alter in Betracht ziehen. Er erhielt mit jungen Jahren ein Stipendium, das ihm später entzogen wurde, iveil seine Arbeiten sich in einer Richtung bewegten, die den Gönnern nicht zusagte. Davon abgesehen ist schwer zu sagen, wo die Stärke seiner Kunst liegt. Es gärt noch allzusehr in ihm und oft flüchtet er sich, um groß zu erscheinen, in die Phrase und wird hohl, wo er bedeutend zu sein glaubt. Technisch läßt seine Kunst noch viel zu wünschen übrig und man denkt, daß lieber statt Pose die gute Arbeit sich zeigen möge. Das Thema„Christus" hat es ihm angetan. Der Christuskopf erscheint des öfteren auf seinen Kartons. Desgleichen Episoden aus dem Leben- des Jüngers JudaS, der Judaskuß. Dahinein mischen sich indisch- mystische Phan- lastereien, die der indischen Philosophie entnommen sind. Die Offenbarung Buddhas„Krischua" erscheint in Holz ge- schnitzt. Judas wird„als von der Ewigkeit vorbestimmter Wasser- tropfen" geschildert. Ueberhaupt liebt es dieser Böhme, mit Sprüchen und Zusätzen den Inhalt zu erläutern, immer ein miß- trauenerweckendes Verfahren bei Bildern. Am tüchtigsten erscheint Bileks Kunst— die im übrigen eine Mischung von FiduS und Münch ist und in den Skulpturen an Rodin erinnert— in der ganz einfachen Wiedergabe gesehener Vorwürfe. Mehrere Kinderköpfe in Marmor und Gips sind gute und schlichte Porträtarbeiten. Die Manier RodinS, Köpfe aus dem Stein fragnientarisch herauszuarbeiten, verleitet ihn dazu, dasselbe in Holz zu versuchen. Er nimmt einfach einen Baumklotz, der noch ganz roh ist, und schnitzt irgendwo einen Kopf heraus, seinen Vater, seine Mutter, im übrigen beläßt er den Stamni. wie er ist, und ein Holz- Hacker würde ihn schleunigst zu Kleinholz verarbeiten. Doch sind diese Schnitzereien noch angängig, zeigen einige Sicherheit im Tech- Nischen und Lebhaftigkeit der Erfindung; eS ist auch kein Zwiespalt zwischen Wollen und Können. Wo Bilek aber an große Motive sich heranmacht, wird er hohl und seine Ekstase erscheint oft kindisch. So ist sein Riesen-Moses, „der den Buchstaben A schreibt"(Adam) und dabei ergriffen hinsinkt, eine Lächerlichkeit. Nur manchmal zeigen sich da noch Ansätze und Möglichkeiten, die aber unter der Uebertreibung und Gewolltheit untergehen. Am schlimmsten sind die Kartons, die die gerügten Fehler, die Geheimtuerei, die Unsähigkeit, die Geschraubtheit am auffälligsten zeigen. Nur wenige der übergroßen Blätter, die allerlei mystische Vorgänge illustrieren sollen, sind überhaupt brauchbar und auch diese sind überflüssig vergrößert, sie wären vielleicht als kleine, graphische Blätter hinzunehmen, als große Kartons stoßen sie ab.— Schulte stellt sich eine Auswahl von Ladenhütern zusammen, die durch einige gute Stücke gehoben werden soll. Zwei Bilder kleinen Formats von Menzel zeigen aparte Farbenstimmungen; auf dem einen erfreut besonders die feine, subtile Art, wie der Künstler ein altes Gitter farbig wieder gab: es wirkt wie ein fein- gliedriges, graues Gewebe. Dann ist ein alter, dunkelbrauner Leibi da, das Porträt eines Gelehrten, mit schönen, goldigbraunen, ruhigen Tönen. Die Charakteristik des stillblickcnden, sinnenden Gesichts ist sicher durchgeführt. U h d e zeigt in dem alten Bilde„Es ist nicht weit zur Herberge" sMann und Frau auf der verlassenen Chaussee im Regen) eine Probe seiner freien und leichten Graumalerei, die jeder Pose abhold ist und selbst im Farbigen ganz zurückhaltend bleibt. Zwei lustige, bunte Hengeler, ein nackter Junge auf einem Schäfchen reitend in Frühlingslandschaft, ein Liebespaar unter einer Birke sitzend, vertreten eine andere Richtung Münchener Kunst, die gemütliche Anekdote, die farbig reizvoll illustriert wird. Ein brillanter Zügel(zwei von voller Sonne beleuchtete Kühe im Wasser) steht im Mittelpunkte der Ausstellung. Daneben stehen die älteren Künstler, die der Genrekunst huldigten, Knaus, Vautier, Defregger und die effektvollen Land- schafter einer vergangenen Zeit, die nach dem Süden gingen und die exotische Note pflegten, Achenbach u. a. Zwei kleine Landschaften aus dem bayerischen Gebirge von S p e r l, dem Freunde Leibis, sind noch zu erwähnen. Sie zeigen eine feine Tönung im Grünen und sind sehr leicht und delikat ge- malt. Das eine ist noch um deswillen bemerkenswert, weil Leibi die Figuren, einen Jungen und ein Mädchen, die unter den» Baum in« Grünen fitzen, hiueinmalte.— e. s. Medizinisches. t. Die Ansteckungsgefahr bei Scharlach scheint bisher noch immer nicht hinreichend verstanden zu sein. Es kommen nämlich von Zeit zu Zeit Erkrankungen an Scharlach vor, die nur aus einer Ansteckung durch Personen erklärt werden können, die aus einem Krankenhaus als geheilt und ftär ihre Umgebung ungefährlich entlassen worden waren. Daraufhin hat Dr. Williams eine statistische Untersuchung borgenommen, die im Londoner„Lancet" besprochen wird und über die Dauer des ansteckenden Zustandes der Krankheft und über die Bedingungen, die zu deren Verlängerung mit- wirken, ein neues Licht verbreiten. Die Prüfung dieses Arztes hat sich auf fast 2000 Fälle von Scharlach er- streckt, und von diesen waren 70 mit dem Wiederauftreten der Krankheit in den Häusern, wohin die Geheilten zurückkehrten, oder bei anderen Personen, die mit ihnen in Berührung kamen, in Zu- sammenhang gebracht worden. Dr. Williams ist darauf näher auf die Art der Ansteckung bei Scharlach eingegangen. Vor allem ist aus den neuesten Forschungen dieser Richtung hervorzuheben, daß man jetzt die Ausflüsse aus Nase, Hals und Ohren bei den in der Genesung befindlichen Scharlachkranken für ansteckender hält als die sich abschuppende Haut. Sehr ansteckend sind allerdings wohl die ersten Hautschuppen, die späteren aber vermutlich überhaupt nicht. Dr. Williams hat von jenen 70 verdächtigen Fällen festgestellt, daß 13 Ausscheidungen ans den Ohren, 14 aus der Nase und 5 aus Mund und Nase gehabt hatten, während auch die übrigen in dieser Hinsicht nicht als normal bezeichnet werden konnten. Nur die Fälle aber, bei denen Ohrfluß eingetreten war, wurden als krank im Hospital zurück- behalten, so daß sich allerdings annehmen läßt, daß die andern eine Ansteckungsgefahr für ihre Umgebung mit sich bringen konnten. Im ganzen nimmt Williams an, daß 1—2 vom Hundert der Scharlach- erkraitkungen durch eine solche Vernachlässigung verlängerter Au- steckungsgefahr eintreten dürften und zwar auch nach einer Isolierung von über 50 Tagen. Unglücklicherweise besitzt die Heilkunde bisher kein Mittel zur bakteriologi>chen Untersuchung des Scharlachs; Vorsicht ist deshalb umsomehr geboten.— Humoristisches. — Berliner Kindermund. K i n d e r f r ä u l e i n: „Häuschen, wenn Du jetzt nicht sofort artig bist, hole ich einen Schutz- mann." Häuschen:„Man inimer los, Fräulein, ich Hab' keine Angst, wenn man'n Blauen braucht, ist er nicht da I"— — Stille Teilhaber. Meyer hatte einen kleinen Kleider- laden in einem Dorfe, und da er weder lesen noch schreiben konnte, hatte er sämtliche Waren mit Etiketten versehen, auf welchen der Preis in Punkten verzeichnet war. Jeder Punkt war eine Mark. Eines Tages inußte er verreisen und er ließ seinen Schwager als Stellvertreter zurück, dem er sein System eingehend erklärte. Als er ant Abend zurückkehrte, war seine erste Frage:„Nu, haste was verkauft?" „Ja, zwei Anzüge, einen für zweiundsechzig Mark und den anderen für siebzig Mark." „Biste meschugge", rief Meyer,„solch teire Anzüge hob ich ja gar nich." „Nu, hier sind die Etiketten", meinte der Schwager. Meyer betrachtet dieselben eingehendst, dann ruft er plötzlich freudestrahlend:.„Gesegnet sollen sein die Fliegen!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Maxim Gorki beschäftigt sich, nachdem sein neuestes Stück„Kinder der Sonne" nun vollendet, mit der Abfassung eines Romans, der den Titel„DieAnhängerPetraschews kis" führt. Petraschcwski, ei» Gutsbesitzer des Petersburger Gouverue- ments, in gewissem Sinne ein kommunistischer Utopist, hatte in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts einen geheinten Verband zur Verbreitung seiner Ideen gegründet. Auf seuiem Gute hatte er ein Haus errichtet, in dem alle seine Bauern ein gemeinschaftliches Lebe« führen sollten. Von der Regierung nach Sibirien deportiert, starb er in der Verbannung.— Da die russischen Zensurverhältttisse die Veröffentlichung dieses Romans unmöglich machen, wird das Werk zunächst in deutscher Sprache erscheinen.— —„Quo vadis?", der bekannte Roman von Henryk S i e n k i e w i c z, ist von dem Kontponisten Felix Nowowiejski zu einem„musikalischen Drama" verarbeitet worden.— o. D i e höchsten durch Registrierballons er- reichten Höhen, 24 970 Meter und 19 750 Meter haben nach „La Nature" im September in Straßburg und Pawlowsk auf- gelassene Registrierballons erreicht. Das ist das erstemal, daß so große Höhen erreicht wurden. Meist erhoben sich die Versuchsballons nicht über 10 000 bis 15 000 Meter.— — Der Sängerkrieg. Ein Gesangwetfftreit in Lindenthal bei Köln ging, nach der„Volkszeitung", unter recht merkwürdigen Auseinandersetzungen zu Ende. Während am ersten Tage bereits alsbald nach der Publikation de? Ergebnisses eine Schar der nach ihrer Meinung benachteiligten Sänger auf den Präsidenten des fest- gebenden Vereins eindrang, kam es zu einem derartigen Konflikt, daß der Vorsitzende sich ichleunigst in ärztliche Pflege be- geben mußte. Am anderen Abend attackierte ein anderer Verein das Preisrichterkollegium, speziell den Dirigenten des festgebenden Vereins. Später stellte sich noch heraus, daß ein Verein den Ein- stundenchor, durch hektographischen Ueberdruck vervielfältigt, früher erhalten hatte und dadurch in stand gesetzt war, das Lied länger als eifie Stunde, wie vorgesehen, einstudieren zu können.— Eerantwortl. Redakteur: Franz Rehbent, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Bcrlagsanstalt Paul Singer öcTo..BerlinLlV.