Nnlerhaltlmgsblatt des vorwärts Nr. 130. Freitag, den 7. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) LZ Das eingeborene. Eine Erzählung von I. I. D a v i 8. So näherte sich der Tag, der den Gazda auf so lange Zeit fortführen mußte aus dem Dorf, das er bis dahin noch keine .Stunde seines Lebens verlassen hatte. Er saß zu Abend bei den Hajduks. Sehr bewegt ist er gewesen und konnte keine einzige Pfeife ordentlich zu Ende rauchen. Unsinnig viel vom sündtcuren Tabak hat er vertan; immer wieder gestopft, angesogen, ausgeklopft und ein jämmerliches Gesicht hat er dazu geschnitten, daß es der Ludmilla zu Herzen ging und wieder ordentlich zu dumm ward. Aber gesagt hat sie nichts gegen ihn; wo ihr doch das Scheiden auch nahe ging und er sie sehr dauerte. Sein 5koffcrchen hatte er schon vorausgeschickt. Mit den anderen, die das Dorf mit ihrem Lärm und ihrem wüsten Wesen erfüllten, das er gar nicht vertrug und sehr mißbilligte, gemeinsam einrücken wollte er nicht. Allein aber und für so geraume Zeit ganz ohne Geleite scheiden, wie einer, zu dem auf der weiten Welt schon gar niemand gehört, dies tat ihm denn doch mächtig weh. Dies hat er der Ludmilla gesagt, und sie hat versprochen, ein gutes Stück Weges, so weit sie eben konnte, mit ihm zu gehen. Es war ein richtiger Nachmittag im Herbst. Fahlgraue Stoppeln: dann wieder ein Stück brauner, unbrauchbarer Erde; oder das Grün von Zuckerrüben in einer Breite, zwischen den Stoppeln manchmal ein blankes Leuchten von den weißen Federn der Gänse, die da ihre Nahrung rupften oder die gleichmäßige, schläfrige Bewegung einer fernen Schaf- Herde, die nun sich verweilte, langsam weiterzog, sich neigte und hob, alles wie auf ein Kommando, das irgendwer irgend- wo abgab, und das man nicht hören konnte und das dennoch pünktlich befolgt ward. Hirtcnfcuer waren entzündet, der Rauch zog sich langsam und bedächtig am Boden hin, hob sich mühselig ein wenig, das Feuer aber glomm vor. Immer einsamer ward es um die Schreitenden. Nur ein versprengtes Rebhuhn huschte wie ein flinker und bräunlicher Schatten durch die Furchen und klagte und lockte ein vergeb- liches Locken. Die Ludmilla deutete darauf hin, schwieg aber. Sah man nach rückwärts, so war das Dorf ganz in der Mulde verschwunden, in der es sich barg. Die Windmühle auf einem einsamen Bühl tat ihren gespenstigen Umgang: durch das Kreuz ihres Flügels sah man den Himmel. Der Abendwind strich und klagte. Die Sonne war unter, und eine empfind- liche Kühle wehte dukch die Welt, daß sie beide gemeinsam er- schauerten, als griffe ihnen nun erst die Trennung an die Seele. Ein vereinzelter Wolkenstrcif hatte sich entzündet; er glomm mit roter Lohe durch die Welt, fand orangenen Wider- schein an Wolkensäumen. Immer wieder summte der Gregor ein altes Lied vor sich hin: „Raufen die Fürsten dann, Ob wer gelvinnt— Kostet's den Bauer Smatm Gut, ach! und Kindt" und die Ludmilla nickte den Takt zu der traurigen Weise, die so gut zum Raunen des Windes stimmte. Endlich blieb das Mädchen stehen:„Weiter kann ich nicht mit, Gregor. Ich komm' sonst ganz in die Nacht hinein." Er ergriff ihre Hand sehr innig:„Ja. Du kommst sonst ganz in die Nacht hinein. Behüt' Dich also Gott, Ludmilla." „Und so schwer mußt Du's nicht nehmen, Gregor," denn sie merkte wohl, wie zu Tode betrübt er war.„Wenn Du lieber mit den anderen fahren möchtest?" Denn ein Leiter- wagen, übervoll mit Rekruten, rasselte eben an ihnen vorbei und ein übermütiges Jauchzen, Zurufen, Kappenschwingen begrüßte die Wandernden. Gregor winkte ihnen ganz zornrot ab. Das gab Anlaß zu neuem Spott. Er aber wartete bis sie verschwunden waren. hinter sich eine mächtige Wolke Staubes, als wären böse Geister dahingefahren. Dann meinte er sehr ernsthaft:„Das ist nichts für mich, gar nichts. Immer wenn sie lustig sind, so muß ich traurig sein. Und sind sie denn ehrlich lustig? Einer von ihnen? Nein, sondern wenn sie sich nur nicht genieren täten, so wollten sie am liebsten heulen, und, damit man's nicht sieht, so tun sie ein dummes Spektakel machen� Wozu das, wenn's einem doch kein Mensch nicht glaubt! Ist's nicht besser— man ist ehrlich?" „Aber Du tust, als ging's wahrlich in den Krieg. Dlt nimmst es zu schwer, Gregor!" Und sie legte ihm die Linke auf die Schulter und sah ihm in die Augen. Er umklammerte mit beiden Händen ihre Rechte: „Das kann man gar nicht zu schwer nehmen. Nämlich—> seitdem ich weiß, hat mir noch kein Mensch was zu schaffen gehabt. Hast Du mir einmal was geschafft— no, so Hab' ich's getan. Warum Hab' ich's getan? Weil Du's bist— klügev als ich und weil ich Dich gern Hab'." Das kam mit einer Leidenschaftlichkeit, die sie wohl fühlte.„Und jetzt, jetzt wird man mir befehlen— der dies und der das. Und nicht einmal fragen darf ich: ja wozu ist das? Oder— ja, woher darf er's? Und ich bin immer gern für mich allein gewesen und Hab' nichts wissen wollen von den Leuten. Weil— weil, wenn sie nur spüren tun, einer ist anders als sie, so sticheln sie schon gegen ihn. Hab' ich mir geholfen und Hab' sie reden lassen und bin für mich gegangen. Und jetzt kann ich das nicht: mehr und muß zusammen sein, ich weiß gar nicht mit wie vielen, jeden Tag und jede /Nacht. Wie wird man das aus- halten können? So viele Jahre und Nächte, wie drei Jahre haben? Tausend Tage und Nächte? Und kein Gesicht soll man sehen, das man lieb hat. Ludmilla! So lang! So gotteslang, Ludmilla!" Sie hielt an sich mit einer letzten Anstrengung. Sie wollte scherzen:„Ich hab's halt immer gesagt. Hättest halt doch geistlich werden müssen, Gregor." „Solltest Du nicht sagen. Just Du nicht." Er fühlte den warmen und kräftigen Druck ihrer Hand und beruhigte sich:„Und werd' ich Dir fehlen, Ludmilla?" „Sehr wirst Du mir fehlen, Gregor." „Und wirst Du auch auf mich warten? Bis ich zurück� komm'?" „Ich werd' auf Dich warten. Ob aber da, weiß ich nicht, Wo die Geschwister immer größer werden, und das Futter wird immer knapper, und man mich braucht immer weniger, Und ich kann nirgends sein, nur wo man mich braucht." „Wort halten, Ludmilla." „Tu' ich immer." Er riß sie an sich. Und so schieden sie für drei Jahre. Gregor Gazda hat sich ganz gut ins Soldatenleben ge« funden. Ohne alle Strafe überstand er die drei Jahre, vor denen er sich so sehr gefürchtet. Ein Pietist ist er nach der Meinung seiner Kameraden im Innern geblieben. Aber die Vorgesetzten mochten den stillen und pflichtgetreuen Menschen gut und beschützten ihn vor Mutwillen und Mißhandlung. Jeden Samstag und Sonntag aber schrieb er einen Brief an Ludmilla, in einer steifen, aber tadellosen Schrift. Sonst, bis aufs schönste Papier und aufs Porto, vertat er keinen Kreuzer und nahm nichts von dem Seinigen. Mit besonderer Andacht ward immer die Adresse ausgefertigt. Fräulein— das kam ihm>so fremd vor, da er es zuerst niederschrieb!— Ludmilla Hajduk. Sogar der Briefträger mußte damit seine Freude haben und merken: das war Liebe, was hier die Feder regiert hatte... Sie haben geheiratet. Nur freilich viel später, als ur». sprünglich in den Absichten des Gazda gelegen war. Als er nämlich seine Dienstzeit heil überstanden hatte, da war die Ludmilla wirklich nicht mehr im Dorf. Die diente in der Stadt und mochte nicht gleich fort, weil man sie auf ihrem Platze hielt und sehr gerne hatte. � Auch saß ihr'etwas im Kopfe und war also in keinerlei Weise von der Welt hinauszubringen, und der Gregor war der letzte, der sich ihr etwas dareinzureden getraute. Denn ihr Vater war gestorben, und die Keusche hatte man ihnen verkauft, so daß die Kinder sich verlaufen hatten, in die weite Welt, ein jedes, wo es eben meinte, es könnte ein bißchen Futter finden oder picken. Das geschieht oft. Man regt sich darüber mcht auf. Hort man hernach von einander, so ist es gut; wen nicht, so schickt man sich auch darein. Denn diese Welt ist sehr groß und ein .•-iiX'.iS-J•■- Nalvenkinö weiß sich überall einzugewöhnen und einen Lands- mann zu finden, damit es sich nicht gar zu einsam fühle und zur Krippe finde. Genug, wenn sie in der Fremde gut tun, und es kommt keines mit dem Schubwagen zurück, und es macht keiner der Gemeinde eine Schande oder wird ihr zur Last. Man glaubt nämlich gar nicht, was für Pech es gibt. Zum Beispiel: es probiert einer sein Glück und wandert weg. der Arbeit nach. Und wo er hinkommt und sagt, woher er ist, machen die Leute ein Gesicht und nehmen ihn nicht gern, oder wenn sie schon nicht anders können, so sehen sie ihm auf die Finger, daß es ein Graus ist, und als könnt' er sonst am Ende Ziegelsteine stehlen. Natürlich kränkt sich ein Christen- mensch aus der Slowakei etwa, einigermaßen darüber und fragt, warum? Da hört er dann: es war schon einer aus dem Ort da und hat krumme Finger gemacht. Und nun kann er sagen, so viel er will, bei ihm zu Hause seien alle ehrlich und die paar Diebe seien längst fort, so kriegt er keine andere Antwort, nur: könnte sein bei sich zu Hause. Und warum? Weil es da nichts zu stehlen gäbe, anderwärts aber würden sie anders. Weil also die Ludmilla von zu Hause gar nichts be- kommen konnte und weil sie wieder nicht nackt und so wie eine, die man nur aus Barmherzigkeit nimmt, ihrem Mann ins Haus kommen mochte, so hat sie sich vorgesetzt, sie heiratet nicht, ehe sie sich nicht etwas gespart hat. Bis dahin ist sie geblieben, wo sie war, bis das jüngste Kind von ihrer Herr- fchaft hat laufen können, und der Gregor hat auch so lange dienen müssen, hat aber seinem Pächter zur Zeit aufgesagt und sein Haus herrichten lassen, wie es sich gehört. Schön grün hat er es färbeln lassen, daß es eine Freude war; denn er wollte ordentlich ansangen und wie einer, der etwas ist und etwas hat. »» * Also: auf einmal waren die beiden da. Natürlich schon verheiratet. Daß sie in der Stadt Hochzeit gemacht, so daß ihre Landsleute nichts davon hatten, wie es sich eigentlich ge- dühren würde, ist ihnen zu Beginn sehr verargt worden. Sie »nachten sich nichts daraus. In aller Ruhe haben sie sich ein- gerichtet und ihre Sache getan, wie es eben zwei Menschen, die wissen, daß man arbeiten mutz, will man gedeihen, und sich gar nicht davor fürchten. Keinem sind sie nachgelaufen und vor niemandem haben sie sich versteckt, weil sie das durch- aus nicht nötig hatten. Was immer sie anpackten, das hat einen Schick gehabt und ist ihnen geraten. Man hat ordentlich gesehen, wie sie vorwärts gekommen sind in jedem Sinn. Denn der Gazda war beim Militär doch viel selbständiger geworden und hatte allerhand gelernt, was nicht nur er ge- brauchen konnte. Ein langsainer Peter ist er immer geblieben. Zum Beispiel, man hat ihn um einen Rat gefragt. Dann hatte er ein so umständliches Wohlwollen an sich und hat nachgedacht und endlich gesagt:„Nachbar" oder„Freundchen — halt, das braucht seine Zeit. Vielleicht komm's beim Pflügen. Wart'." Nun, das geht schon manchmal, und er hat hernach etwas für gut gehalten, so hat es immer schon feinen Sinn gegeben. Nur freilich— immer kann man doch nicht warten, bis wem das Richtige einfällt. Gespottet aber hat man auch nicht über sie, wie man's sonst aus dem Dorf gern tut. je mehr sie gediehen sind und je mehr man erkannt hat, daß an ihnen auch wirklich nicht das mindeste auszurichten ist. Sie haben mit einander gelebt, daß man mit Augen gesehen hat, wie so sehr gern die Zwei einander haben, und wie besonders der Gregor nichts getan hat ohne sein Weib und alles so eingerichtet hat, daß sie sich ja nicht übernimmt oder zu viel tut. Kein lautes Wort hat man bei ihnen gehört, keinen Zank. Wie denn auch? Sich über den Gazda erbosen, war doch ganz und gar unmöglich. Denn er hatte nicht ein- mal Unarten an sich; und der immer nachgibt, mit deni kann nicht einmal ein Streithammel zanken, der die Ludmilla für ihr Teil sicher auch nicht gewesen ist. Nun freilich— gar zu ftill und friedfertig ist es ihr manchmal gewesen, in der denn doch mehr unverbrauchte Leidenschaftlichkeit steckte. Wie ein lebendiges Feuer hat sie es manchmal in sich heben gefühlt; jeder Tag, der so eintönig vergangen ist, hat es tiefer nieder- brennen lassen, und etwas mehr graue Asche war da. Und iihr ist dann gewesen, wie manchmal im Sommer, wenn kein Wetter kommen will, und die Sonne hebt sich und geht Schlafen, leuchtend, einen Tag um den andern, und es fällt kein Tropfen. Erst freut man sich, wie schön das Wetter ist, und wie gut alles gedeiht und eingebracht werden kann. Und Hgnn jvird man ungeduldig. Und einer jeden Wolke sieht man nach, von da, wo sie auftaucht, und man hofft, sie wird wachsen und schwarz werden und das Erdreich überschatten, und die Sonne zerzupft sie in lauter weiße und zarte Fäden, die wie Silberdraht das Blau zusammenhalten, das sich hoch und endenlos spannt, und das so schön ist, aber auch so einförmig, und auf die Dauer tut einem die Stille weh, und man sehnt sich nach einem gesunden Tonnerwetter und nach roten Blitzen. Gar zu still ist ihr also der Gregor gewesen und auch zu anhänglich. Denn er ist gar nirgends hingegangen und hat auch weiter keinen roten Kreuzer für sich allein gebraucht, und ist er einmal, Marktes wegen, in die Stadt, so hat sie mit müssen und er hätt' ihr gekauft, was sie sich nur wünschen oder erdenken konnte. Denn ohne sie ist er sich ganz ver- loren vorgekommen und hat sich eingeredet, er habe alsdann gar kein Glück. In einander gewöhnen haben sie sich nicht erst müssen, die sich von ganz klein gekannt haben; zu reden hatten sie mit einander auch nicht viel, aus dem gleichen Grund. Sie hat ihn zum Bekenntnis bringen wollen; aber er hatte wirk- lich nichts zu beichten. Und sie hat's probiert, ihn zu reizen, damit sie sieht, ob er überhaupt aufbegehren kann, weil man sich doch ein wenig vor seinem Mann muß fürchten können, schon damit man die Freude hat, ihn wieder zu besänftigen; oder sie war unrecht gegen ihn ohne jeden Anlaß, damit er sich einmal wehrt und wild wird und auf den Tisch schlägt oder ihrethalben auch wo anders hin. Das war alles uni- sonst. Und so, während das Dorf immer mehr Respekt vor. Gregor Gazda bekommen hat, hat ihn sein eigen Weib mehr und mehr verloren und ihn dabei doch lieb und immerdar lieber gehabt. (Fortsetzung folgt.) (Nachdnll! vcrbolen.) Der Staub. Von C u r t Grottewitz. Wns dos Unkraut aus den Feldern, das ist der Staub in den Wohnungen und Ansiedelungen der Menschen. Er ist ein Feind, der nirgends fehlt und der von allein, was wir haben, von uns selbst, stetig Besitz ergreift und uns unser Leben lang nicht losläßt, so viel wir gegen ihn kämpfen. Viele allerdings merken es gar nicht, dah sie von ihn, stetig umringt und bedroht sind, andere quälen sich und stöhnen unter ihm und sind stets geschäftig von, frühen Morgen bis zum späten Abend, um sich von ihm frei zu machen. Der Staub legt sich auf unsere Haut, wir nuissen uns täglich waschen,_ er legt sich ans unsere Kleidung, n»sere Möbel, unsere Bücher, unsere Zimmerpflanzen, unsere Haustiere. Er ist überall. Zu manchen Zeiten nininrt der Staub noch eine besonders be- drohliche Form an. Jetzt im Sommer, wo so viel Blumen mib Gräser blühen, da erfüllt der Samenstanb so sehr die Lust, daß er beim Einatmen in den Schleimhäuten der Atmungswege Ent- zündungen hervorruft und das sogenannte Heufieber erzeugt. Aber ist denn dieser Wirbel von Pollen, den die Luft enthält, auch Staub? Natürlich ist er es; Staub, das ist alles, lvas die Luft an kleinen Partikclchen von festen Körpern enthält. Sehr verschieden ist darum die Zusammensetzung des Standes. Ein anderer ist er in der Stadt, ein anderer auf freiem Felde, ein anderer im Gebirge, ein anderer in der Ebene. Er ist so mannigfaltig, daß er in jedem Lande, vielleicht in jeder Provinz ein anderer ist. Wenn der Wind über eine Sandwüste bläst, wenn ein Automobil auf polizeisichercr Landstraße schnellzugartig dahin braust und dicke weiße Staubwolken aufivirbelt, dann ist die Lust natürlich dicht erfüllt von Staub. ES sind da namentlich eine Menge von Erd- partikelchen, feine Sandkörnchen, kleinste Teile von Lehm, von Glimmer und anderen Mineralien, die den Erdboden zusammen- setzen, in dem Staub enthalten. Die Luft wird da selbst- verständlich immer die Erdpartikelchen der Gegend oder des Ortes enthalten, wo der Staub aufgewirbelt wird. Der gröbere Staub wird ja sehr bald wieder zu Boden sinken. aber der feine wird vom Lustzug oft sehr weit getragen. Es ist bekannt, daß die Asche von Vulkanen bis in ferne Länder getragen wird. Der große Staubfall im März des Jahres 1301 hatte sein Material auS der Wüste Sahara entnommen. Ein großer Teil von Mitteleuropa hatte damals das Vergnügen, nordafrikanischen Wüstenstanb zu schlucken. So dicht waren gewisse Schichten der Luft mit diesem Saharamodder erfüllt, daß das Licht der untergehenden Sonne in ihm seltsame Dämmerungsfarbcn erzeugte. Solches Erdmaterial aus aller Herren Länder, besonders aber auS dem geliebten Vaterlandc ist es, daß wir als Staub unserem Magen, unserer Nase und eventuell unserer Lunge einverleiben. In den Fabrikzentren, in den großen Städten sind es der Ruß und andre Verbrennungsprodukte, die der Rauch der Schorn- steine über den ganzen Ort und die nächste Nachbarschaft verbreitet und mit denen daher die Lust meist noch mehr als mit Erdpartikelchen erfüllt ist. Auch in unseren Wohnungen tritt derselbe Staub durch die geöffneten Fenster und Türen herein. Allein in unseren Zinimeni haben wir es außerdem mit noch einer ganz «Nitren Belastung der Luft zu tun. Teils sind es feinste Partikelchen des Putzes von Decken und Wänden, die hier den Staub bilden, teils aber allerhand Material, das unseren Gebrauchsgegenständen und unserer Kleidung entstammt. Da sind es kleine Federteilchen aus den Betten, Fasern aus dem Polstermaterial und den Gurten unserer Sofas, vor allem aber von unseren Decke» und Kleidern, die sich stetig abnutzen und tagtäglich wenn auch noch so kleine Fusselchen in die Lust des Zimmers entsenden. Der Fuß des Menschen, der ausfegende Besen wirbelt sie auf, wenn sie nicht an und für sich wegen ihrer großen Leichtigkett lange in der Luft schwebend ver- harren. In Fabrikräumen und in anderen Arbeitsstätten kommen als Bestandteile des Staubes noch Partikelchen des Materials hinzu, das verarbeitet wird. Schlimm ist es für die arbeitenden Menschen, wenn das Material giftig ist oder die Lunge in besonderem Maße angreift, wie in den Tabakfabriken, den Steinmetzwerkstätten u. a. Das ist der Staub, der die meisten Menschen vorzeitig zu Staub werden läßt. Und doch werden diese Bestandteile des StaubeS gewöhnlich nicht als so gefährlich empfunden wie diejenigen, welche in lebenden Organismen, in Mikroben bestehen. Davor hat nun einmal der moderne Mensch eine große Furcht. Gewiß ist die Bedeutung der- selben nicht zu unterschätzen, aber es ist doch zu bedenken, daß für gewöhnlich nur ein geringer Teil der im Staube enthaltenen Organismen wirklich krankheitserregend ist. Weitaus die meisten sind solche, die Fäulnis und andere Zersetzmigsprozesse veranlassen, oder auf lebenden Pflanzen schmarotzen. In der Stadt, an Oertlichkeiten, wo Menschen sich zusammendrängen, ist natürlich die Anzahl der in der Luft enthaltenen pathogenen Mikroben viel größer als in freiem Gelände. Auf kleinen, im weiten Weltenmeere verlorenen Inseln oder schon an Küsten, die hauptsächlich von der See her den Wind bekommen, ist die Luft indes sehr rein von Mikroben wie überhaupt von jeglichem Staub. Dasselbe gilt von hohen Gebirgen. So ist auf dem Gipfel des Moni Blanc die Luft so rem, daß hundert Liter Luft analysiert werden konnten, ohne daß ein einziger Keim ge- funden wurde. Dagegen ergaben zwei Analysen in dem Observatorium, das ebenfalls auf dem Gipfel steht, 540 und 260 Mikroben im Kubikmeter Luft. Besucher des Instituts haben sie offenbar dahin ge- tragen. Wo Menschen sind, da sind auch Mikroben. Je tiefer im Tale die Analysen gemacht wurden, um so höher stieg die Zahl der Keime in der Lust. Wie schon oben erwähnt wurde, enthält der Staub auch sehr viel Samenzellen von Pflanzen. Der Blütenstaub der Koniferen. namentlich der Föhren, kann so stark die Lust erfüllen, daß er als gelbe Staubmasse zur Erde fällt und diese sich mit einem gelben Ueberzug, dem sogenannten Schwefelregen, bedeckt. Abergläubische Zeiten, welche die Ursache des Staubregens nicht kannten und die gelbe Masse für wirklichen Schwefel hielten, sahen in dem Phänomen den Vorboten furchtbarer Ereignisse. Wahrscheinlich sind die letzteren auch wirklich eingetroffen, denn einen Krieg, ein Erdbeben, eine Pestilenz gibt'S ja immer irgendwo in der Welt, und es ist eine lohnende Sache, so was vorauszusagen. Man begreift also, wie mannigfaltige Bestandteile der Staub enthalten und wie verschieden er nach Ort und Zeit zusammengesetzt sein kann. Danach ist auch die Schädlichkeit des Staubes zu beur- teilen. Unter normalen Verhältnissen dürfte der Staub wenig schaden. Die Bauern auf dem Lande, die Naturvölker sind in Sachen des Staubes wenig empfindsam, und schadet er ihrer Gesundheit wohl kauni etwas. Bei höherer Kultur, und namentlich bei Ueber- kultur, empfindet dageaen der Mensch den Staub wie einen furchtbaren Feind. Der Landbewohner bekommt wohl selten das Heufieber, aber Städter ergreift es sehr leicht. Zum mindesten fangen sie leicht an zu niesen, wenn sie Heu anfassen. Und unsere Nase rst ja ein vorzügliches Organ, um Staub aufzufangen und ihn von dem Eindringen rn oie Lunge abzuhalten. Darwin erzählt irgendwo, daß die Eingeborenen von überseeischen Ländern stets einen Schnupfen bekamen, wenn sie mit der Besatzung eines ankernden Schiffes in Verkehr traten. Das ist offenbar der Bazillenstaub der Europäer, der den armen Ein- geborenen in die Nase steigt und deren Häute entzündet. Ich weiß nicht, ob eS auch andern Leuten so geht, aber ich bekomme stets einen Schnupfen, wenn ich einmal in eine Stadt übersiedele. Das ist wohl so ein Akklimatisationsschnupfen, in dem sich der Organismus an den spezifischen Staub der Stadt gewöhnt. Ein Schnupfen erspart sieben Krankheiten, sagen die alten Tanten. Vielleicht haben sie recht. Der Staub mit seineu pathogenen Mikroben ist unbedingt ein Feind der Menschheit. Aber die Furcht vor ihm wird doch übertrieben. Man wird ihn mit allen Mitteln bekämpfen, schon auS Saubcrkeitsrücksichten. Aber man darf doch nicht meinen, daß es nur des Sprengwagens, des nassen SchwammS, des Scheuerns und Waschens bedürfte, um sich gerade die gefährlichen Elemente des Staubes vom Leibe zu halten. Gesundes Leben in sauerstoff- reicher, von schlechten Gasen steier Luft, Licht und unverfälschte Nahrung, das ist zehnmal wichtiger als stanbsteie Luft. Das macht den Körper widerstandsfähig, so daß ihm die Tuberkelbazillen in der Nähe von Schwindsüchtigen nicht schaden, so daß er wie Pettenkofer Cholerakcime ungefährdet verzehren kann. Manche Leute gehen an die See, in das Gebirge, bloß der staubfteien Luft wegen. Der verdienstvolle Otto N. Witt erzählt in seine»» lesenswerten Buche.Narthekion", an einer Stelle, wo er auch über Staub spricht, bon einem englischen Millionär, der sich ein Haus baute, an dem jegliche Ritze und Fuge, durch die der Staub hätte eindringen können, peinlich vermieden war. Die Lust wurde durch Maschinen in das Haus gepumpt, wobei sie durch Baumwollfilter hindurch getrieben wurde, in denen aller Staub hängen blieb. Witt stellt sich den Aufenthalt in solch einem staubfteien Hauss sehr gesund und behaglich vor. So hoch ich sonst das Buch des um die Popularisierung der Nattirwiffenschaft so verdienten Mannes schätze. hierin kann ich ihm nicht beistimmen. Der Millionär lebt in seinem Hause wie in einem Gefängnis; er darf nicht zum Fenster hinaus» gucken und kann nicht in der Haustür stehen, ohne befürchten zu müssen, daß Staub eindringt. Und dann.- man hockt doch nicht immer zn Hause. Und wenn man auf die Straße, ins Freie kommt. dann belästigt einen der Staub noch einmal so sehr wie vorher, dann ist n,an der Einwirkung bon feinsten Erdpartikelchen, von Blütenstaub und Mikroorganismen gänzlich entwöhnt, so daß man sich bei denr ersten Aufenthalt in stischer Lust einen Knacks holt. Der besagte Millionär hätte sich im Gegenteil möglichst abhärten sollen, viel spazieren gehen, schwimmen, reiten, bergsteigen und gelegentlich muh ein gut Glas Bier oder Wein trinken, was den Geist vor Schrullen oder Einseitigkeit bewahrt und menschlich mit Menschen fühlen lehrt. Nach dieser ernsten Predigt wollen wir uns nicht weiter in Kleinig« leiten verlieren. Der Staub ist da, und kein Sprengwagen nnb keine Scheuerbürste oder Schrubber wird ihn aus der Welt schaffen. Der Kampf ist immer nur von heute auf morgen, er wird nie ein Ende nehmen. Indes, der Staub hat auch etwas Im- ponierendes. Nicht nur. daß er die Oberfläche der Erde stetig ver- ändert, Wüsten, Berge, Täler schafft, Meerbusen, Seen zuschüttet, er ist auch das Salz der Luft, das Bewegung und Leben enthält. In ungezählten Millionen durchfliegen lebende Zellen den Raum, und sie fallen nieder und entfachen neues Leben. Hier schaffen sie Totes aus dem Wege, dort befruchten sie und sorgen dafür, daß der große Mechanismus der Natur seine Größe und Vielgestaltigkeit behält.— Kleines f euiUeton. Wie man in alter Zeit Pantoffelhelden bestrafte, darüber er- zählt ein Leser der„Täglichen Rundschau": Im früheren Fürstentum Fulda(bis 1803) bestand folgendes merkwürdiges Gewohnheits- recht. Wenn ein Ehemann beschuldigt wurde, von seiner Frau Schläge erhalten zu haben, so pflegte das fürstliche Hofmarschallamt eine Untersuchung einzuleiten, und zwar nicht etwa, wie es heutigen Tags auf Antrag des Mannes geschehen würde, gegen die Frau wegen Mißhandlung desselben, sondern gegen den Ehemann selbst. Stellte sich dabei heraus, daß dieser die Schläge ruhig hingenommen, also seine eheliche Autorität nicht gewahrt hatte, so wurde eins ganz außergewöhnliche Strafe über ihn verhängt, welche man ver- geblich in irgend einem staatlichen Strafkoder suchen würde, und welche trotz ihrer Empfindlichkeit eines humoristischen Ansttichs nicht enbehrte. Dieselbe bestand darin, daß das Dach des Wohnhauses des Schuldigbefundencn durch sämtliche fürstliche Livreebedienteu abgedeckt wurde. Leop. Fr. G. von Göcking hat in dem von ihm herausgegebenen„Journal von und für Deutschland", Jahrganz 1784, einen derartigen Strafakt wie folgt beschrieben:„Vor 16 bis 17 Jahren war ich in Fulda bei einer solchen Exekution gegenwärtig; ich erinnere mich noch folgender Umstände: Den Zug führte eiu Hof-Fourier, nach diesem kam der jüngste Hoflakai mit einer Fahne. auf welcher die Hauptszene des Trauerspiels ersichtlich war. Das Gemälde stellt, wenn ich nicht irre, den Mann in der demütigsten: Stellung dar, nämlich in Begriff, unter den Tisch zu kriechen, die, Frau aber in der vollen Arbeit, ihm mit dem Bierkruge, den sie auf dem Kopf ihrer lieben Hälfte entzwei schlug, den Paß abzu» schneiden. Die herrlichste Skizze für einen Hogarthoder Chodo- wicckkil Halbwegs kam uns die kriegerksche Frau entgegen, iw jeder Hand einen Krug mit Wein, um sich damit von der Strafo loszukaufen oder wenigstens solche zu mildern, was auch insoweitt Wirkung hatte, daß nur einige hundert Ziegeln entzwei geschmissen. und die übrigen bloß auf den Boden gelegt wurden. Da so viela Hände daran arbeiteten, so war das Haus in weniger als fünf Minuten abgedeckt, währenddessen Mann und Frau sehr flehentlich um möglichste Schonung des Hauses baten, und noch allerlei Vor- würfe miF anhören mußten. Der Zug ging sodann wieder iw schönster Ordnung nach dem Hoflager zurück." Dasselbe Gewohnheitsrecht bestand übrigens äuch in dem: Städtchen Blankenburg a. H., dessen Statuten aus dem Jahre 15911 folgende Vorschriften enthalten:„Welch' Weib ihren Ehemann räufö oder schlägt, die soll nach Befinden und Umständen der Sachcw mit Geld oder Gefängnis gestraft werden, oder da sie des Vermögens. soll sie der Ratsdiener einem zum Kleide Wöllengewand geben. Da aber ein Exempel gefunden werden sollte, daß ein Mann sq weibisch, daß er sich von seinem Weibe raufen, schlagen un!» schelten ließe, und solches gebührenderweise nicht eifert oder klagt,, der soll des Rats beide Stadteknechte mit Wöllengewand kleiden. oder da ers nicht vermag, mit Gefängnis oder sonst willkürlich ge- straft und ihm hierüber das Dach auf seinem Hause abgehoben) werden." Nach dieser Verordnung ist demnach ebenfalls me Spitze de» Strafe gegen den Mann gerichtet, und die letztere trifft ihn über« Haupt nur dann, wenn er weibischen Sinns nicht die Kraft besitzt, manche graben sich ziemlich tief in diese hinein, so baß man sie im Frühjahr über einen Meter unterhalb der Oberfläche findet, andere dagegen bleiben ganz flach oben. Im Frühjahr wachsen die an- fänglich sehr kleinen Larven noch ganz erheblich. Während sie, eben dem Ei entschlüpft, kaum einen Millimeter messen, erreichen sie im April oder Mai eine Länge bis zu 12 Millimeter. Von Mitte Mai bis in die zweite Julihälste hinein Pflegen die Larven sich in Käfer zu verwandeln. Diese beginnen— allerdings vielleicht nur ein Teil von ihnen— bereits im August Eier zu legen. Im Winter sterben viele Käfer ab. vielleicht sind es eben die, ivelche Eier gelegt haben, andere dagegen über- wintern und zwar nicht wie die Larven in der Erde, sondern unter abgefallenem Laub, unter Steinen und Vertiefungen, welche sich in der Erde befinden, die um die Steine aufgehäuft ist. Ueber die Fortpflanzungsgeschichte dieser überwinternden Käfer tonnte der Forscher noch keine sicheren Daten gewinnen. Jedenfalls dauert der Entwickelnngsgang dieser Käfergeneration vom Ei bis zum Tode IVz— 2 Jahre. Dagegen ist die folgende Generation kurzlebiger. Nämlich aus den Eiern, welche die Käfer im Spätsommer gelegt haben, entwickeln sich auch noch in demselben Jahre Larven, die als Larven überwintern und im nächsten Jahre geschlechtsreif werden. Ihr Lebenszyklus dauert von Herbst zu Herbst, also nur ein Jahr. Die Lebensgeschichte dieses Rüsselkäfers weicht sonst nicht er- heblich von der anderer Insekten ab und die verschiedene Lebens- dauer der einzelnen Generationen ist darin begründet, daß der Bc- ginn der Eiablage sich über einen sehr langen Zeitraum im Jahre erstreckt, während die Tiere es im ersten Kalenderjahre nur bis zum Larvenstadium bringen. Zur Bekämpfung eines Schädlings ist aber natürlich die Kenntnis seiner Lebensgeschichte von größter Wichtigkeit. Vollständig zu Ende gelangt ist die Forschung über diesen Käfer noch nicht, wenn auch Ssilantzew den allgemeinen Umriß seiner Biologie jetzt gegeben hat.— Humoristisches. — Hoch st e Toleranz. Der Herr Landrat kommt am Peter- und Panlstag in ein Bürgermeistereidorf auf dem Hunsrück, in dem höchstens zehn Katholiken wohnen, und findet zu seinem Erstaunen die Bürgermeisterei„wegen Feiertags geschlossen". „Aber, mein lieber Bürgermeister", meint er,„daS geht doch nicht, Sie sind ja beinahe der einzige im ganzen Torf, der heute feiert." „Da hawe Se schon recht, Herr Landrat", meint der Biedere. „awer seh'n Se, ich bin alleweil for gröschte Toleranz, un do feire ich alle katholische Feierdäg immer mit."— — Eine Dame will einen Kongreß besuchen und telegraphiert an das Komitee, man möge ihr im Hotel zun:„Goldenen Engel" ein Zimmer mit Bett bestellen. Rückantwort ist bezahlt. ES wird zurückgedrahtet:„Goldner Engel, Bett bestellt" und das Telegramm kommt an:„Holder Engel, Bett bestellt I"— — Altklug. Die Volksschule nimmt ihren Anfang. Die steinen ABC-Schützen werden zum erstenmal in ihr Klassenzimmer geführt. Alle nehmen ihre künstigen Lernfitze ein, bis auf ein kleines Mädchen, das zuerst alles im Zinnner sich genau ansieht und schließlich, sich gegen die Türe wendend, zum Lehrer sagt: „Ich will mich jetzt nicht länger aufhalten."— („Jugend.") sich selbst zlt beschützen, ober den Muk. zur Behauptung seiner häuslichen Oberherrschaft die richterliche Hülfe anzurufen. Das Abdecken des Dachs hat offenbar eine symbolische Bedeutung.— en. Die Seewaflerbehandlung der Schwindsucht. Blut ist ein ganz besonderer Saft, aber das Secwasser scheint auf diese Be- Zeichnung fast einen gleich großen Anspruch erheben zu dürfen. Zwischen Blut und Seewasser besteht eine ganz merkwürdige Be- ziehung. Es ist bereits seit etwas längerer Zeit bekannt, daß die jEinführung großer Mengen von Kochsalzlösung in die Adern einen belebenden Einfluß hat und zuweilen geradezu das einzige Mittel ist, einen Kranken im Zustand äußerster Schwäche zu retten. Neuerdings hat man dann tieffinnige Betrachtungen über die be- sondere Aehnlichkeit von Fischblut und Seewasser angestellt und die Vermutung ausgesprochen, das Blut der Wirbeltiere könnte ur- sprünglich aus Seewasser entstanden sein, so daß die ältesten im Meer lebenden Wirbeltiere wirkliches Seewasser statt des Blutes in ihrem Körper gehabt hätten. Am meisten hat sich Dr. Quinton in Paris mit dieser Frage beschäftigt, und von ihm stammt auch die merkwürdige Mitteilung, die neuerdings an die Pariser Akademie der Medizin über die Wirkung von Secwasser auf die Tuberkulose gemacht worden ist. Die Versuche sind in der Weise vorgenommen worden, daß zunächst Seewasser mit reinem Wasser bis auf einen Salzgehalt von 7 vom Tausend verdünnt wurde. Nur so darf das Salzwasser mit den inneren Geweben des menschlichen Körpers in Berührung gebracht werden. Selbstverständlich muß die Flüssigkeit vorher noch keimfrei gemacht werden, um dann in Abständen von 3—4 Tagen und in Dosen von 50—300 Kubikzentimeter unter die Haut gespritzt zu werden. Bisher hat Quinton mit der Unter- stützung eines anderen Arztes 18 tuberkulöse Kranke in dieser Weise behandelt und vom ersten Augenblick an den unverkennbar beleben den Einfluß des Seewassers festgestellt. Die Kranken gewannen stetig an Gewicht. Von den 18 Fällen wurden nur 3, in denen das Leiden schon sehr vorgeschritten war, gar nicht gebessert, während bei den übrigen 15 ein erheblicher Fortschritt sowohl im Allgemein- befinden wie im Zustand der erkrankten Teile, also der Lunge oder der Drüsen, erzielt wurde. Der Auswurf und die Zahl der Bazillen wurde vermindert. Die Nachprüfung des Verfahrens durch andere Aerzte wird mit Spannung zu erwarten sein.— u. Hölzerne Bahnschiencn. Das Wort Eisenbahn bedeutet eine Bahn aus Eisen, und schon in der bloßen Wahl dieses Wortes scheint die Tatsache ausgedrückt zu sein, daß, wenn zur Erleichterung des Fahrens der Erdboden irgendwo mit Schienen ausgestattet wurde, die Schienen aus Eisen bestehen. Das ist aber nicht richtig. Schon lange, bevor man an die jetzigen zur Beförderung von Lokomotiven und Bahnzügen angelegten Eisenschicnen dachte, hat man dort, wo der Zustand der Landstraßen zu schlecht war, um den Verkehr einigermaßen erträglich zu machen, und wo die gründ- liche Wegebsserung zu teuer gewesen wäre, hölzerne Bohlen einigermaßen fest auf den Landstraßen angebracht; auf diesen Bohlen konnten Wagen viel besser fahren, als auf den grundlosen Straßen selbst. Aber diese Einrichtung gehört nicht nur der Vcr- gangenheit an, sondern sie besteht auch heute noch in ausgedehnten Gegenden des europäischen Rußlands. Dort sind einerseits die Wege so morastig und sumpfig, daß sie überhaupt kaum befahrbar genannt werden können, andererseits ist so viel Holz vorhanden, daß die Anbringung hölzerner Schienen sehr einfach ist. Und welch merkwürdiger Gegensatz I Diese unmodernen Holzschienen werden stark befahren mit den modernsten Wagen, nämlich mit Automobilen, die sich dort für die Beförderung von Lasten und Personen als sehr geeignet erwiesen.— Ans dein Tierleben. tt. Der türkische Rebenrnsselkäfer. Am Ufer des Schwarzen Meeres und zwar auf der Kaukasusseike tritt ein Rüssel- käfer(Otiorhyuchus turca) als Schädling des Weinstockes auf. Die Larve, die 10—13 Millimeter lang ist, eine gelbliche Färbung hat und weder Füße noch Augen besitzt, benagt mit ihren braunen Kiefern die Wurzeln des Weinstockes, während der ausgebildete Käfer die jungen Triebe und später die Blätter verzehrt. Ueber die Lebens- weise dieses sehr schädlichen Insektes berichtet der russische Forfcher A. A. Ssilantzew, der im Auftrage des Departements der Agrikultur den Käfer zum Gegenstande eingehender Studien gemacht hat, jüngst im„Zoologischen Jahrbuch". Es ist besonders interessant, daß nicht alle Individuen der Käferart ihren Lebenslauf innerhalb° eines Jahres zum Abschluß bringen, daß manche vielmehr auch eine Lebenszeit von zwei Jahren besitzen. Die über- winternden Käfer machen sich schon im zeitigen Frühjahr bemerkbar, im März und April verzehren sie die Knofpen und in späteren Monaten die Blätter des Weinstockes. Sie sind übrigens nicht auf den Weinstock, der in jenen Gegenden wild wächst, beschränkt, sondern nähren sich auch von dem Laub anderer Bäume und Sträucher. Die Käfer legen vom Juni bis zum Herbst Eier und zwar eine ganz erhebliche Menge. Fünf Käfer, welche isoliert wurden, legten vom 29. Juli bis zum 5. Oktober zusammen 1742 Eier. Im Herbst starben diese Käfer, welche Eier gelegt hatten. Aus den Eiern schlüpfen gewöhnlich nach 14 Tagen die Larven aus, welche mit großer Beweglichkeit zwifchen den Erdpartikelchen dahinkriechen, indem sie ihre Haare als Stütze gebrauchen. Diese Larven überwintern auch in der Erde, Notizen. — Die Wiener Burgschauspieler wollen im Berliner Theater auch den„H a m l e t" spielen, wenn aus einer Verlängerung ihres Gastspiels etwas wird.— —„Wegen Preßvergehen", ein Einakter, der einen Preßsünder im Gefängnis zeichnet, wurde vom I o s e f st ä d t e r Theater in Wien zur Aufführung erworben. Verfasser ist Karl Böttcher.— — Anzengruber soll jetzt auch ins Schwedische übersetzt werden; zunächst sein„Pfarrer von Kirchfeld".— — Drei Aquarelle vom Münchener Architekten Ludwig Hohl wein—„In voller Flucht".„Hetze" und„Pluto"— erwarb der preußische Staat auf der Großen Berliner Kunst- auSstellung.— — Der internationale ornithologische Kongreß beschloß, die Regierungen der australischen Staaten telegraphisch zu ersuchen, der A b f ch I a ch t u n g d e r P i n g u i n e in den antarktischen Regionen entgegenzuwirken. Die Vögel werden ihres wertvollen Fetts wegen so massenhaft getötet, daß die Gefahr des Aus- st e r b e n S besteht.— — Radikalmittel. Ein pfiffiger Landmann aus einem holsteinischen Dorfe bei Wöhrden hat mit großem Erfolg ein Radikal- mittel gegen die schädlichen Kohl maden angewandt. Nachdem er bei einigen Pflanzen kleinere Mengen Petroleum ausgegossen hatte, machte er die erfreuliche Wahrnehmung, daß die Maden in- folge dieser Flüssigkeit eingingen. Angespornt durch diesen Erfolg, kaufte der Landmann ein Faß Petroleum. Alles, was auf dem Hofe an Gießgeräten vorhanden war, ivurde hervorgesucht und die große Kohlanbaufläche begossen. Der Erfolg war überraschend: alle Maden waren tot, aber auch alle Kohlpflanzen waren abgestorben.— Kcrantwortl. Redakteur: Franz Rehbcin, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer äcCo..Berlin L W.