Anterhallungsblatt des Horwärls Nr. 135. 1] Freitag, den 14. Juli. 1905 (Nachdruck verboten.) Gobleck. Von Konor'6 Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. Es war im Winter des Jahres 1829 auf 1830.— Gegen ein Uhr morgens waren im Salon der Vikomtesse von Grandlieu noch zwei Herren anwesend, die nicht zur Familie gehörten. Einer von ihnen, ein hübscher, junger Mann, ver- abschiedete sich, als er bald darauf die Stutzuhr schlagen hörte. Vom Hofe her wurde das Rollen seines Wagens hörbar, der aus dem Portal auf die Straße einbog. Die Vikomtesse fand also jetzt nur noch ihren Bruder und einen intimen Freund des Hauses im Zimmer; sie beendigten ihre Partie Piquet. Die Dame schritt zu chrer Tochter hinüber, die, vor dem Kamin stehend, scheinbar einen Lampenschirm mit Porzellanlichtbildern betrachtete, in Wahrheit aber dem Ge- rausch des davonfahrenden Kabrioletts mit einer Spannung nachhorchte, die die Befürchtungen der Mutter als begründet gelten ließ. „Kamilla," sagte sie,„wenn Du Dein Benehmen dem jungen Grafen Restaud gegenüber nicht änderst, so zwingst Du mich damit, ihn nicht mehr zu empfangen. Höre auf mich, mein Kind— Du hast doch Vertrauen zu mir und so laß Dich auch von mir durchs Leben leiten. Mit siebzehn Jahren be- denkt man weder die Zukunft, noch die Vergangenheit, noch gewisse gesellschaftliche Rücksichten. Restaud hat eine Mutter, die Millionen aufzehren würde, eine Frau von schlechter Geburt, ein früheres Fräulein Goriot, das seinerzeit recht viel von sich reden zu machen wußte. Sie hat sich ihrem Vater gegenüber derartig häßlich benommen, daß sie einen so guten Sohn sicherlich nicht verdient. Der junge Graf betet sie an und uingibt sie mit einer kindlichen Pietät, die des höchsten Lobes wert ist; vor allem legt er für seinen Bruder und seine Schwester eine rührende Sorgfalt an den Tag. Wie be- Munde«vngswürdig aber seine Handlungsweise auch sein mag," fetzte die Gräfin nach einer Weile mit einem freundlich ver- fchmitzten Ausdruck in den Augen hinzu,„solange seine Mutter ain Leben ist, werden alle Familien davor zurückschrecken, die Zukunft und das Vermögen ihrer Töchter dem jungen Restaud anzuvertrauen." „Ich habe da gerade einige Worte aufgeschnappt, auf die hin ich nicht übel Lust verspüre, mich zwischen Sie, Frau Vikomtesse, und Ihr Fräulein Tochter zu drängen," rief der vertraute Freund des Hauses.„Ich habe gewonnen, Herr Graf," wendete er sich dann an seinen Spielgegner.„Ich lasse Sie jetzt allein, um Ihrem Fräulein Nichte zu Hülfe zu eilen." „Das nenne ich aber pchte Advokatenohren!" nieinte lächelnd die Gräfin.„Mein bester Derville, wie haben Sie das nurchören können, was ich doch nur ganz leise zu Kamilla gesagt habe?" „Ich habe aus Ihren Blicken gelesen," entgegnete Derville, indem er in einem Sessel zur Seite des Kamins Platz nahm. Der Onkel gesellte sich zu dem jungen Mädchen, und die Frau des Hauses ließ sich auf einem bequemen Lehnstuhl zwischen ihrer Tochter und Derville nieder. „Ich glaube, Frau Vikomtesse, es ist Zeit, daß ich Ihnen eine Geschichte erzähle, die Sie vielleicht veranlassen wird, Ihr über die Vermögenslage des Grafen Ernest Restaud gefälltes Urteil einer Aenderung zu unterziehen." „Eine Geschichte?" rief Kamille lebhaft.„So fangen Sie doch schon an!" Derville warf der Gräfin einen Blick zu, aus dem sie entnehmen durfte, daß seine Erzählung sich für sie sehr inter- essant gestalten würde. Die Vikomtesse von Grandlieu war infolge ihres großen Vermögens und durch das Alter ihres Namens eine der be- deutendsten Frauen des Faubourg Saint-Germain. Und wenn es fast unnatürlich scheint, daß ein Pariser Advokat in der- artig familiärem Ton zu ihr sprach und sich auch sonst bei ihr so ungezwungen benahm, so ist dies Phänomen andererseits doch unschwer zu erklären. Die Gräfin war mit der königlichen Familie nach Frank- reich zurückgekehrt und hatte sich in Paris niedergelassen. An- fänglich lebte sie von der Unterstützung, die ihr Ludwig der Achtzehnte aus seiner Zivilliste zukommen ließ. Das war für sie eine unerträgliche Lage. Der Advokat fand zufällig einige Formfehler heraus, die seinerzeit beim Verkaufe des Grandlieuschen Palais, den von der Republik ins Werk gesetzt worden war, den Behörden unterlaufen sein mußten. Er stellte die Behauptung auf, daß der Gräfin ihr Eigentum zurückerstattet werden müsse; in solchem Sinne leitete er einen Prozeß ein und gewann ihn. Durch diesen ersten Erfolg ermutigt, setzte er einem Kloster so lange zu, bis er die Herausgabe der Waldungen von Liceney erlangte. Dann ließ er noch einige Aktien des Orleans-Kanals und verschiedene Grundstücke eintreiben, die der Kaiser als Dotationen an staatliche Anstalten verliehen hatte, so daß das Vermögen der Vikomtesse durch die Geschick- lichkeit des jungen Advokaten bis zu einer Jahreseinnahme von sechzigtausend Frank wiederhergestellt wurde, wobei die gewaltigen Summen nicht inbegriffen sind, die ihr auf Grund des neuen Entschädigungsgesetzes zuflössen. Als kluger, gebildeter, bescheidener Mann von un- antastbarer Ehrenhaftigkeit, als angenehmer, unterhaltender Gesellschafter wurde der Rechtsanwalt ein intimer Freund des Hauses. Wenngleich die anerkennenswerte Sorgfalt und Um- ficht, mit der er sich der Sache der Gräfin annahm, ihm wohl die Wertschätzung und Klienteln der ersten Familien des Faubourg Saint-Germain einzutragen imstande war, so zog er doch aus diesen glücklichen Umständen nicht den Nutzen, den seine ehrgeizigeren Kollegen sich nicht hätten entgehen lassen. Er schlug das Anerbieten der Gräfin aus, die ihn dazu bestimmen wollte, seine Praxis zu verkaufen und in die Verwaltung einzutreten— eine Karriere, in der er dank ihrer Protektion der schnellsten Beförderung sicher gewesen wäre. Mit Ausnahme des Palais Grandlieu, in dem er hin und wieder einen Abend verbrachte, ging er in die große Gesell- schaft nur soviel, als es zur Aufrechterhaltung seiner Be- Ziehungen unerläßlich notwendig war. Derville konnte von Glück sagen, wenn seine Begabung durch die Tätigkeit für die Vikomtesse in ein helleres Licht gerückt worden war; sonst hätte er vielleicht Gefahr laufen können, sein ganzes Bureau in die Brüche gehen zu lassen. Er fühlte nicht die rechte Berufung für seinen Stand in sich und er besaß auch keine echte Advokatenseele. Seit Graf Ernest Restaud sich im Hause Grandlieu hatte einführen lassen, seitdem Derville die Sympathie erkannte, die Kamille diesem jungen Manne entgegenbrachte, war er bei der Gräfin ein so eifriger, häufiger Gast geworden, wie allenfalls ein erst kürzlich in die Kreise des vornehmen Faubourgs zugelassener Dandy der Chaussäe-d'Antin. Erst vor wenigen Tagen war Derville mit Kamille auf einem Balle zusammengetroffen. Bei dieser Gelegenheit hatte er mit ihr über den Grafen gesprochen. „Schade, nicht wahr, daß der junge Mensch nicht über zwei oder drei Millionen verfügt!" „Ist das ein so großes Unglück?" entgegnete sie.„Ich glaube doch kaum. Graf Restaud ist sehr begabt, er hat viel gelernt und er ist in dem Ministerium, bei dem er arbeitet, sehr gern gesehen. Ich glaube bestimmt, daß er noch eine sehr bedeutende Persönlichkeit wird. Der„junge Mensch" wird soviel Vermögen finden, wie er nur haben will— wenn er es einmal zu einer Stellung gebracht hat." „Sicherlich. Wenn er aber bereits reich wäre?" � „Ja, wenn er reich wäre— ," erwiderte sie errötend—, „dann würden alle jungen Mädchen hier im Saale sich ihn streitig machen," setzte sie schnell hinzu, indem sie besonders eifrig die Quadrillen betrachtete. „Und dann," fuhr der Advokat fort,„und dann wäre Mademoiselle de Grandlieu nicht die einzige, zu der er fort- während Herüberblicken könnte. Deswegen also erröten Sie? Er gefällt Ihnen, Sie empfinden etwas für ihn. nicht wahrll Sagen Sie s mir doch!" Kamille 5aHe sich esivas sieftig erhoben. -„Sie liebt ihn also wirklich?" sagte sich Derville. Von jenem Tage an umgab KMnlle den Freund ihrer Mutter mit besonderen Aufmerksamkeiten, da es' ihr nicht ent- gangen war, daß er ihre Neigung für den jungen Grafen Restaud billigte. Bisher hatte sie ihm— wenngleich sie den Umfang der Verpflichtungen ihrer Familie ihm gegenüber Wohl kannte— mehr Hochachtung entgegengebracht als wahre Freundschaft, mehr Höflichkeit als echtes Empfinden; sein ganzes Wesen sowohl als auch besonders der Ton seiner Stimme hatten sie den Abstand deutlich fühlen lassen, der nach den Regeln der Etikette zwischen ihnen bestand. Die Erkenntlichkeit ist eine Schuld, die die Kinder nicht immer sozusagen inventarisch und ohne Vorbehaltsrecht von den Eltern übernehmen.-- „Was ich Ihnen erzählen werde," sagte Derville jetzt nach einer kurzen Pause,„erinnert mich an die einzigen romantischen Begebenheiten meines Lebens. Lachen Sie?" unterbrach er sich.„Sie lachen schon, weil ein Advokat von einem Roman in seinem Leben spricht. Ich war auch einmal fünfundzwanzig Jahre alt und ich hatte in jenem Alter schon allerhand absonderliche Dinge zu lesen bekommen. Zunächst muß ich Ihnen etwas über eine Persönlichkeit berichten, die Sie unmöglich kennen können. Es handelt sich um einen Wucherer. Stellen Sie sich eindringlich ein weißes, durchsichtig blasses Gesicht vor; bleiche Züge, denen ich�— wenn die Akademie es mir gestattete— den Namen eines Mondscheingesichtes zuerteilen möchte. Es schien fast wie eine verblichene, abgeschabte Feuervergoldung. Die Haare meines Wucherers waren glatt, sorgfältig gekämmt und aschgrau. Die Linien seines Gesichtes, das so regungslos war wie das Talleyrands, deuchten mich wie aus Bronze gegossen. Seine Augen waren gelb wie die des Marders und hatten gar keine Wimpern; da sie kein helles Licht ertragen Jfonnteu� so mußte der Schirm einer alten Mütze sie davor schützen. Seine spitze Nase zeigte an ihrem Ende unzählige Pockennarben und glich fast einem Zwickbohrer. Er hatte die schmalen Lippen jener winzigen Greise und Alchymistcn, wie sie von Metzu und Rembrandt gemalt worden sind. Er sprach mit leiser Stimme und in sanftem Tone und �vurde niemals heftig. Sein Alter war ein ungelöstes Rätsel. Man wußte nicht zu sagen, ob er vor der Zeit gealtert war pder ob er sich seine Jugend bewahrt hatte, so daß sie ihm nach wie vor zu Diensten stand. Alles war reinlich und abgenutzt in seinem Zimmer, das, von dem grünen Tuche an, das seinen Schreibtisch bedeckte, bis zu dem Teppich vor seinem Bette, jenen kalten, unwirtlichen Heiligtümern glich, in denen eine alte Jungfrau ihr Ldbcn damit zubringt, von morgens bis abends die Möbel abzuwischen. Im Winter pflegten die Holz- scheite, die in seinem Kamin unter einem Haufen Asche ver- borgen lagen, beständig zu rauchen, ohne eigentlich tatsächlich zu brennen. Jede seiner Handlungen, von der Stunde, zu der er sich zu erheben pflegte, bis zu seinem abendlichen Husten- «nfall, ging mit der Pünktlichkeit einer Uhr vor sich. Er war eine Art Automat, bei dem der Schlaf gleichsam das Fedenverk aufzog. WlXln man eine Assel, die über das Papier läuft, berührt, so bleibt sie stehen und stellt sich tot; ebenso pflegte dieser Mann sich mitten in einer Rede zu unterbrechen, und beim Vorüberrollen eines Wagens stillzuschweigen, um seine Stimme nicht anstrengen zu müssen. Indem er gleichsam Fontenelle nachahmte, ging er mit allen vitalen Bewegungen sehr sparsam um und er konzentrierte sozusagen das ganze Empsindungsgebiet menschlicher Daseinsform ins eigene Ich. Und so floß sein Leben ebenso geräuschlos hin wie der Sand in einer alten Uhr. Zuweilen pflegten seine Opfer laut zu jammern und zu schreien, sie wurden erregt und heftig, dann trat plötzlich große Stille ein, wie in einer Küche, in der man eine Ente abgeschlachtet hatte. Gegen Abend verwandelte sich der Geld- und Wechselmensch in einen gewöhnlichen Menschen und der Metallgehalt seiner Existenz wurde zu einer Art menschlichen Gefühlslebens. Wenn er mit seineni Tage- werk zufrieden war, so rieb er sich die Hände uird ließ aus den tiefen Furchen seines Gesichtes eine Art Dampf der Freude aufsteigen— anders kann das seltsame Spiel seiner Muskeln wohl kaum bezeichnet werden, in dem etwas, wie das Lachen Lederstrumpfs zum Ausdruck gelangte. Selbst im Zustande seiner höchsten freudigen Erregung blieb seine Redeweise stockend und einsilbig; sein ganzes Verhalten war sozusagen immer negativ, Dies war mein Nachbär, den mir der Zufall in dem Hause, das ich in der Rite de Grals bewohnte, Mgeteilt hätte« als ich noch zweiter Kanzlist war und das dritte Jahr, meiner Rechtstätigkest hinter mir hatte. Dies Haus, das keinen Hof besaß, war dunkel und feucht. Die Zimmer erhielten das Licht nur von der Straße aus. Die etwas zellenartige Verteilung« die das Gebäude in eine Anzahl gleich großer Zimmer zerlegte, die alle nur einen einzigen Ausgang auf einen langen« matt erleuchteten Korridor hatten, wies darauf hin, daß dies Bauwerk früher einen Teil eines Klosters ausgemacht hatte. Bei solchem traurigen Ausblick verging einem jungen Mann aus besserer Familie jeder Frobsinn, schon che er in das Zimmer meines Nachbars trat: Er selbst und das Haus, das er bewohnte, waren sich zu ähnlich. Man hätte an eine Auster auf ihrem Felsen denken können. Das einzige menschliche Wesen, mit dem er— außergeschäftlich— verkehrte, war ich; er kam und bat mich mn Feuer, er borgte sich Bücher von mir, eine Zeitung, er gestattete mir, abends in seine Zelle einzutreten, und wir plauderten miteinander, wenn er guter Laune war. Diese Vertrauensbeweise waren die Frucht einer vierjährigen Nach- barschast und meiner füllen, zurückgezogenen Lebensweise, die — mangels des nötigen Geldes— der seinen gleichen mußte. Ob er wohl Verwandte oder Freunde besaß? War er reich oder arm? Niemand hätte ans diese Fragen zu antworten vermocht. Geld habe ich bei ihm niemals gesehen. Sein Vermögen lag zweifellos in den Kellern einer Bank. Er kassierte selbst seine Wechsel ein, indem er mit seinen Beinen, die dürr waren wie die eines Hirsches, in ganz Paris umherlief. Eines Tages wurde er sogar zum Märtyrer seiner eigenen Vorsicht. Zufällig trug er Gold bei sich, ein Doppel-Napoleon vermochte— wie, weiß man nicht— sich aus seiner Tasche zu befreie«. Ein anderer Mieter, der hinter ihm die Treppe herauf ssieg, nahm das Goldstuck auf und hielt es ihm hin. „Das gehört mir nicht," entgegnete er mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens.„Ich sollte Geld haben? Würde ich so leben, wie ich lebe, wenn ich reich wäre?" Des Morgens machte er sich selbst seinen Kaffee auf einem Kohlenbecken ans Blech. Ein Garkoch brachte ihm sein Mittag- esien. Unsere alte Portierfran stieg zu einer bestimmten Stunde zu ihm hinauf, um sein Zimmer zu ordnen. Infolge eines eigentümlichen Zufalles, den Sterne mit dem Ausdruck „Prädestination" bezeichnet hätte, trug er den Namen Gobseck. Als ich mich später mit seinen Angeleacnheiteir beschäftigte, erfuhr ich, daß er um die Zeit, wo wir ume kennen lernten, ungefähr sechsundsiebzig Jahre zählte. Er war etwa um das Jahr 1740 in einer Vorstadt Antwerpens als Kind einer Jüdin tind eines Holländers zur Welt gekommen und hieß Jean-Esther van Gobseck. Sie wiffen wohl, wie sehr sich seinerzeit Paris mit der Ermordung eines Mädchens be- schästigte, das allgemein die schöne Holländerin genannt wurde. Als ich eines Tages meinem Nachbar zufällig von diesem Ver- brechen Erwähnung tat. zeigte er nicht das geringste Interesse noch die verschwindendste Ueberraschung: „Das war meine Großnichte," sagte er. Das waren die einzigen Worte, die ich ihm über den Tod seiner alleinigen Erbin, der Enkelin seiner Schwester, ent- reißen konnte. Durch die Gerichtsverhandlungen stellte es sich dann heraus, daß die schöne Holländerin tatsächlich Sarah van Gobseck geheißen hatte. Als ich danach fragte, wie es käme, daß seine Großnichte seinen Namen trage, entgegnete er mir lächelnd: „Die Frauen in unserer Familie haben sich niemals ver- heiratet." Dieser eigenartige Mann hatte niemals eine einzige Persönlichkeit aus den vier weiblichen Generationen bei sich sehen wollen, die seiner Verwandtschaft angehörten. Er haßte alle seine Erben und konnte es nicht begreifet!, daß irgend jemand außer ihm nach seinem Tode sein Vermögen besitze» sollte. Seine Mutter hatte ihn mit zehn Jahren als Schiffsjungen für die Fahrt nach den holländischen Besitzungen in Indien auf einem Schiff untergebracht und dort trieb er sich während zwanzig Jahren umher. Und so verbargen denn auch die tiefen Furchen seiner gelblichen Stirn eine Unzahl von Ge- heimnisien fürchterlicher Art: plötzliche Schreckensszenen, un- erwartete Zufälle, romantische Reisen und unbeschreibliche Freuden« Hunger und Durst, den er ertragen, Liebe, die er vielleicht gefunden und mit Füßen getreten, Vermögen, die erworben, verloren und wieder erworben wurden, ein Leben, das. zahllosen Gefahren getrotzt und vielleicht durch Ijatie, schnelle Entschlüsse gerette! worden war. Leren Grau- samkeit durch die Not gerechtfertigt wurde. Er hatte Herrn von Lally gekannt, den Admiral Simeuse, Herrn de Ker- garouet, Herrn Estaing, Amtmann de Suffren, Herrn Porten- dudre, Lord Cornwallis, Lord Hostings, den Vater Tippoo- Scchibs und Tippoo-Sahib selbst. Jener Savoyarde, der Madhadji-Sindiah, dem Könige von Telhy, diente und sich um die Begründung der Mahrattendynostie große Verdienste erwarb, stand mit ihm in Verbindung. Da er längere Zeit in St. Thomas gelebt hatte, so war er auch mit Viktor Hughes und mehreren anderen berühmten Korsaren in nähere Be- Ziehungen getreten. Die Ereignisse des amerikanischen Freiheitskrieges waren ihm mehr als vertraut. Wenn er aber von Indien oder von Amerika erzählte— was er mir gegen- über mir selten und vor anderen niemals tat—, so schien es fast, als ob er sich damit eines Verrats schuldig machte und als ob er es bereue. Wenn Menschentmn und Geselligkeitsdrang eine Art Religion sind, so dürfte er wohl als Acheist bezeichnet werden. Wenn ich mir auch vorgenommen hatte, ihn genau zu prüfen und zu studieren, so muß ich doch zu meiner Schande gestehen, daß mir bis zum letzten Augenblick sein Innenleben ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Oft habe ich mich sogar fragen müssen, welchem Geschlechte er eigentlich angehörte. Wenn alle Wucherer ihm gleichen, so glaube ich fast, daß sie zum Genus Neutrum gehören. War er der Religion seiner Mutter treu geblieben und betrachtete er die Christen als seine recht- mäßige Beute? War er ein Katholik geworden, ein Mohammedaner, ein Buddhist oder Protestant? lieber seine religiösen Ansichten habe ich niemals etwas erfahren, können. Er schien mir mehr indifferent als geradezu ungläubig zu sein. Emes Abends betrat ich das Zimmer dieses Mannes, der sozusagen einen Goldklumpen aus sich gemacht hatte und den seine Opfer— die er mit der Bezeichnung„Klienten" der- sah— aus Ironie oder Scherz„Papa Gobseck" nannten. Er saß unbeweglich wie eine Statue in seinem Lehnsessel. Seine Augen starrten auf die Kaminbekleidung, von der er das Wechselregister abzulesen schien. Eine schwelende Lampe, deren Untersatz früher einmal grün gewesen war, strahlte ein schwaches Licht aus, das, weit entfernt sein Gesicht zu be- leuchten, seine bleiche Färbung nur noch viel deutlicher hervor- treten ließ. Er sah mich schweigend an und deutete auf den Stuhl, der mich bei ihm immer erwartete. Woran mag dieser Mensch nur denken, fragte ich mich; weiß er etwas davon, daß es einen Gott gibt, etwas wie ein Gefühl, daß Frauen leben lind ein Glück auf dieser Welt vor- banden sein soll? Ich beklage ihn, wie ich wohl einen kbranken deklagt hätte. Aber ich verstand und begriff auch, daß er, wenn er Millionen auf der Bank liegen hatte, sich in Gedanken im Besitz der halben Erde glauben konnte, die er durchreist, durchpilgert, erforscht, bewertet und ausgebeutet hatte. lFortfetzung folgt.) kleines fcuületon* Theaterzcnsur. Dr. Heinzmann, ein Staatsanwalt in Zwickau, hat ein Buch über»Deutsches Theatcrrecht" herausgegeben(München, C. H. Beck), das u. a. auch ein Kapitel über die Zensur enthält. Heinzniaim verlangt zivar nicht die Beseitigung dieser Institution; er hat aber immerhin einiges daran auszusetzen und fordert Schutz gegen den Mißbrauch dieser behördlichen Vormundschaft. Dann schreibt er: Wird ferner die Zensur nicht für größere Distrikte zentrallsiert, so kann sie unmöglich in ausreichender Weife durchgeführt werden. Denn welcher Zensor, zumal in kleineren Städten, hätte die Muße, alle Stücke ausmcrlsani zu lesen? Und woher sollte die Garantie kommen für die Fähigkeit der Zensoren, die Stücke richtig zn be- urteilen?— Auch in England hilft man sich mit der Fiktion. daß ein Stück, das in London erlaubt wurde, überall aufführbar sei, und doch sind zuweilen auch in London lächerliche Zensurstriche vorgekominen. Hat doch ein Zensor aus religiösen Skrupeln die Anrede an die Geliebte„Mein Engel I" gestrichen, damit nicht die biblische Vorstellung von den Engeln gefährdet werde I— Derartige Beispiele fehlen jedoch auch nicht in der Gegenwart und in unseren Landen. Ein Zensor in einer preußischen Provinzialhaupt- stadt untersagte 1895 ein Stück, weil«in verschuldeter preußischer Offizier im Mittelpmckte stand. Sollte der Herr Zensor der Ansicht sein, daß verschuldete preußische Offiziere eine solche Rarität sind? In Ludwig Fuldas„Talisman" ruft ein naives Kind aus dem Volke dem verblendeten Fürsten zu.: „Darum, mein König, brauchst Dich nicht erbosen! Du bleibst der König auch in Unterhosen I" Der Wiener Zensur gefiel nun dieser letztere Kraftansdruck durchaus nicht— manchem Freunde des Dichters übrigens auch nicht. Fulda mußte also ändern. Aber kein Zensor der Welt kann eine gereunte Aenderung erzwingen. Rila schmetterte also seitdem in Wien ins Pnblikum hinein: „Darum, mein König, brauchst Dich nicht erbosen: Du bleibst der König auch in Unterkleidern I" Der Polizeipräfident einer großen österreichischen Provlnzial« Hauptstadt gestattete 1894 die Aufführung von Shakespeares„Julius Cäsar" mir unter der Bedingmig, daß darin nicht die österreichische Militärimisorm getragen werde! I Es braucht wohl kaum besonders konstatiert zu werden, daß diese klägliche Uubilduug auch unter den einseitigsten Verwaltnngsbeamten glücklicherweise nicht allzu häufig sein dürste.— Nach solchen Erfahrungen aber sollte wohl die Re- gierung die Zensur als eine für die höhere Geistesbildung eines Volkes eminent wichtige Aufgabe nicht tu die Hände eines Herrn legen, dessen literarische Bildung mit dem letzten Pnmanerauffatze ihren Abschluß fand.— In der Regel dürften die nachträglichcBeseiligung solcher Stellen und ein nachträgliches Verbot solcher Stücke genügen, die zwar nicht geradezu strafbar sind, aber doch immerhin schädlich fiir die gute Sitte imd die öffentliche Ruhe ersckcinen.—„Der Natur gleichsam einen Spiegel vorzuhalten, der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert mid Kmsier der Zeit den Abdruck seiner eigenen Gestalt z» zeigen", ist nach Shakespeare(Hamlet) der Beruf des Theaters. Wenn aber auf einzelnen Hosbühncn untersagt wurde, Priester ans die Bühne zu bringen, so ist nicht recht erfindlich, warnui die Bühne die Tugenden und Laster der Priester weniger zeigen dürste, als die der Laien mW selbst der Fürsten.— ws. Ghinesische Schauspieler. In China nehmen die Schau- spieler lanm eine bessere Stellung ein als die Scharfrichter. Sie führen ein unstetes Leben, die Theater sind Wanderbühnen, ab- gesehen von den größeren Städten. Solche reisenden Gesellschaften, die nur wenige Tage an einem Orte bleiben, errichten mit Bambus- stanzen und Segeltuch in größter Hast das Theater, da? oft mehrere tausend Besucher fassen kann. Die Folge der Eile sind härffige Unglücksfälle: nicht selten bricht solch ein Musentenipcl dem Pnblikunl über den Köpfen zusammen. Die Künstler werden nach den Rollen, die sie spielen, bezahlt. Die Glücklichen, die Kaiser, Prinzen, hohe Beamte, Generale und dergleichen darstellen. erhalten für die Spielzeit, die an zehn Monate dauert, 400— 000 SB. Die Künstler zweiter Klasse, die ehrsame Bürger, niedrige Beamte, Kaufleute, Dämonen usw. darstellen, bclonimen weniger, und am schlechtesten bezahlt werden Schauspieler, die Frauenrollen spielen, denn diese erhalten nur 25—40 Pf. für die Vorstellung. Die An- kunst einer chinesische» Theatertruppe an einem Orte bewirkt ein wahres Jahrmarltsleben. die Bewohner der ganzen Unigegend kommen angeströmt und nr der Nähe des Theater? tun stch Buden und Teehandlungcn auf. Bei der Vorstellung selbst machen die Zu- schauer solchen Lärm, daß die Schauspieler ihre Lungen aufs äußerste anstrengen müssen, und die Lust im Theater ist so schwül, daß ein Europäer es nicht lange in einem chinesischen Theater aushält, um so weniger, als die Vorstellung oft bis achr Stunden dauert. Daß das Pnblikum bei dieser langen Zeit seine Mahlzeit«» im Theater abhält, macht die Luft natürlich nicht besser. Während der Vor- stellung bieten Verkäufer ihre Waren mit Ia»»ter Stimme aus, und der Tee wird in uuglanblichcr Meng« ausgeschenkt. Die Bühne ist so armselig wie möglich ausgestattet. Einige Stühle und Tisch« ist alles. Wird ein Thron ausgestellt, so wirst man ein Stück Zeug über die Stühle. Berge werden durch einige übereinander geworfene Stühle angedeutet.— {»c. Die Bierländcr. Besonders charakteristische und jedem Fremden zuerst auffallende Gestalten in den» reichen und intcresianteir Straßenleben Hamburgs bilden die Vierländer Bauern und Bäue- rinnen, die man in ihrer eigentümlichen Volkstracht überall gewahrt, wie sie, das Trag holz auf der Schulter, an dem gefüllte Körbe imd Kannen hängen, ihre landwirtschaftlichen Produkte ausrnfen. Diese Leute bewohnen einige Elbinseli» südlich von Hamburg, welche außer dem Städtchen Bergedorf die vier Kirchspiele CurSlak, Altengame. Neuengame und Kirchwärder umfassen, und daher die Bierlande genannt werden. Ter änßerst fette»md fruchtbare Marschboden liefert unter der sorgfältigen Bearbeitimg der fleißigen Bewohner erstalinliche Erträge und ist in seiner Art ein land»virtschastlicheS Paradies: üppige Weizenfelder, große Gemüse-, Rosen-»ind andere Bhimengärten, Kirschen- und Pflamnengärten, Erdbeer-»indHimbecr- Plantagen tvechseln nnt einander ab; die Viehzucht liefert vortreffliche MilchkLHeMefliigel und Schlachtvieh. Die Vierlande bilden daher gleich- die Speisekammer der großen Hansestadt. So fleißig und gcioerb- tätig die Vierländer die Woche über sind, so fteudig geben sie sich am Sonntag dem Vergnügen hin und ihre allgemeine Wohlhabcn- heit gestattet ihnen dann, etwas darauf gehen zu lasten. In Berge» dorf sowohl wie in den vier oben genannten Dörfern sind die Wirts- Häuser und Tanzsäle stets überfüllt: in» Sommer benutzt man vor- zugstveise offene Hallen zum Tanzen. Ein Kamsiell, sowie Kuchen- und Würfclbuden draußen im Garten dürfen nicht fehle»»,»urd Jo Ijnt cm VierlSnder Tanzvergnügen fast das Ansehen eines Volks- festes. Kein Wunder daher, daß sich Hamburger Sonntags« cmsfliigler und die Bergedorfer Sommergäste dabei zahl- reich'einzufinden Pflegen. Die Männer im hohen Zylinder, rnit der braunen oder blauen Jacke und roten Weste, die beide mit vielen silbernen Knöpfen besetzt sind; den Kniehosen von Sammet, bunten Strümpfen und Schnallenschuhen sehen sehr originell aus, werden aber darin noch übertroffen durch die Frauen, bei denen besonders der weitabstehende, vielfaltige kurze Rock, und der seltsam geformte Strohhut mit der mächtigen steifen schwarzgrünen Schleife auffällt, deren Bänder bis auf die Hüften herabhängen. Dazu kommt noch ein buntgesticktes Mieder, und ein weites Hemd mit weitbauschigen, die linterarme freilassenden Aermeln. Matrosen der Marine, die in ihrer schmucken Seemannstracht bei den Bierländerinnen besonders beliebt sind, gewahrt man vielfach in der tanzenden Menge. Getanzt werden auch vorzugsweise Matrosentänze, z. B. der sogenannte„Hamburger", der als„Kreuzpolka" durch ganz Deutsch- laüd seinen Weg genommen hat.— Medizinisches. io. Papier als Verbandzeug. Dr. Olpp macht die „Münchener Medizinische Wochenschrift" in einem Schreiben aus China darauf aufmerksam, daß Papier dort auch zum Verbinden von Wunden benutzt wird. Dafür eignen sich namentlich die Sorten, die sich durch Porosität und Fettlosigkcit auszeichnen, somit die Aus- scheidungen einer Wunde leichter aufsaugen als Watte. Auch die europäischen Aerzte haben die trefflichen Eigenschaften solchen chinesischen Papiers schätzen gelernt. Die feinsten Papierbogen werden von den gegenüber liegenden Ecken aus nach der Mitte hin zusammengelegt, so dast ein lockerer Verbandstreifen zu- stände kommt, der dann später zu jeder beliebigen Form gefaltet werden kann. Ein europäischer Arzt würde dann selbstverständlich vor der Auwendung eine Sterilisation des Papier? vornehmen. Da das so behandelte Papier wegen seines Kalkgehalts leicht an der Wunde festklebt, empfiehlt eS sich, noch eine Lage von Gaze darunter zu legen, damit die Ausscheidungen der Wundfläche mit dem Papier nicht in unmittelbare Berührung kommen. Ein solcher Verband ist weit billiger als Watte und in China natürlich auch viel leichter zu beschaffen als Verbandstoffe, wie sie in Europa, Amerika oder Japan benutzt werden.— Aus der Pflanzenwelt. t. Eßbare Seepflanzen. Bei uns sind die Seegr.ser in der Verwertung nur als Stopfmaterial für Matratzen und ähn- lliches bekannt, und in Erinnerung daran würde sich wohl jedem das Haar sträuben bei der Vorstellung, daß solches Zeug irgendwo ge- gessen werden sollte. Noch nutzloser scheint uns der Seetang zu sein, und doch sind es gerade diese Meeresalgen, die an mehr als einer Stelle auf der Erde als Nahrungsmittel verwertet werden. Man unterscheidet im allgemeinen vier Sorten von Meeresalgen nach der Farbe: blaugrünc, grasgrüne, braune und rote. In der ersten (Kruppe gibt es Arten, die von den Chinesen aufs höchste geschätzt werden; es sind dies die Zitteralgen oder Gallertalgen von der (Kattung Nostoc, die über die ganz« Erde verbreitet sind. Wie schon einer der Namen besagt, werden diese Algen beim Erweichen in warmem Wasser gallertartig und werden in diesem Zustand zur Ver- dickung anderer Speisen und auch für Saucen gebraucht. Auch die Japaner haben eine ähnliche Art von eßbarem Seetang, die sie Suzenjinori nennen, die aber wissenschaftlich noch nicht genau be- stimmt ist. Unter den grasgrünen Formen verdient zunächst die Gattung Ulva Erwähnung, die selbst innerhalb Europas, nämlich an den britischen Küsten, in trockenem Zustand nach der Art von Gemüse gegessen>vird und auch die Bezeichnung Meerlattich führt. Eine ähnliche Alge wird von den Japanern Aonori genannt und gleich- falls verspeist. Von den braunen Algen scheint nur eine aus der Gruppe des bekannten Blasentangs als Nahrungsmittel benutzt zu werden, unb zwar von den Eingeborenen in einigen Teilen vson Chile. Voit den gleichfalls häufigen Sorten des Blatt- oder Riemen- tangs wird eine ganze Reihe alk eßbar betrachtet. Die Alaria csculenta des Atlantischen Ozeans hat von dieser Eigenschaft gerade- zu ihren Namen, scheint aber nur in früherer Zeit in europäischen Gegenden verwertet worden zu sein. Noch heute aber machen die Japaner und Chinesen einen großen Gebranch von diesen niederen Pflanzen, die sogar außer Fischen den hauptsächlichen Ausfuhrartikel der japanischen Äordinsel Jesso bilden. Sie sind in jenen Meeren massenhaft vertreten und ihre Einsammlung und Zubereitung für den Markt beschäftigt Tausende von Menschen. Die wichtigsten Sorten von eßbarem Seetang heißen in Japan Kombu und Wakame. Das berühmteste Mitglied der Meeresälgen ist wohl das Irische Moos, auch Carrageennwos. Gallertmoos oder Knorpcltang genannt. das an den irischen Küsten ans dem Meer gc erntet und abgekocht als Hustenmittel benutzt wird, gleichzeitig auch einen gewissen Nährwert besitzt. Von diesem und dem Hauttang sind verschiedene Arten von Europäern früher gegesser worder und sollen noch heute von den Eingeborenen in einigen Teilen von Alaska genossen werden, erreichen chre höchste Schätzung aber wiederum in Japan und China. Die Alge von der Art Porphyr« wird aus dem Markte in Tokio in zier- lichen Zinnbüchsen feilgehalten und in großen Mengen verkauft. Sie gibt mit heißem Wasser eine dicke Schleimsuppe. Das söge- nannte AgaragNr, dessen Name aus dein Malahischen siatNinb, Ivird aus verschiedenen Algen gewonnen. In der Regel dient es allerdings wohl kaum als Nahrungsmittel, dagegen wird es zutoeilen als Ver- fälschung in Fruchtsästen nachgewiesen. Seine klassische Verwendung findet es in der Bakteriologie zur Herstellung von Nährböden für Bakterien. Was den Nährwert der Algen betrifft, so enthalten nach der Untersuchung von Professor Richards namentlich die blaugrünen Formen sehr viel« Eiwcitzstofse, im übrigen aber nicht sehr viel Nutzbringendes. Die gelatineartigen Massen, die aus den roten Algen bereitet werden, scheinen in einem Stoff zu bestehen, der Ge- lose genannt wird. Endlich ist noch einer für die Allgemeinheit wichtigsten Verwendung des Seetangs zu gedenken, nämlich seiner Benutzung zur Herausziehung von Soda und namentlich von Jod. das medizinisch vielfach verwendet wird.—- Humoristisches. -�Ein Irrtum. Professor... vom... medizinischen Institut arbeitete heftig in seinem Laboratorium, das von drohenden Zurüstungen chemisch-bakteriologischen Untersuchungsmaterials starrte. Ein ausgezeichneter auswärtiger Arzt besuchte ihn und verfolgte seine ihn völlig in Anspruch nehmende Arbeit mit größter Spannung. Die Aufmerksamkeit des Professors schien peinlich, aber nicht hoffnungslos auf ein Gerät konzentriert zu sein, das von Rauch und Dampf ganz eingehüllt war. „Was kochen Sie in dem Topf?" fragte wißbegierig der Besucher. „Raten Sie!" erwiderte der Gelehrte zerstreut. „Mikroben?" „Nein." „Kugelbalterien?* , Stein." „Spirochaeten?' „Nein." „Was denn?' „Knackwurst!" versetzte voll Würde der Gelehrte.— („Tägl. Rundschau.") Notizen. — G e r h a r t Hauptmann arbeitet an einem neuen Vers« drama:„W i e l a n d der Schmie d". Der Stoff entstammt einer von Simrock bearbeitete» altgermanischen Sage.— — Das Deutsche Theater unter Direktor Reinhardt will die nächste Spielsaison mit Kleists„Kätchen von Heil- b r o n n" eröffnen.— —„Agafias Verlobung", eine dreiaktige Komödie von Gogol, für die deutsche Bühne bearbeitet von Königsbrunn- S ch a u p, ist vom P u st s p i e l h a u s e zur Aufführung angenommen.— —„Die Affäre Cap e t", ein vieraktigeS Drama von Hektor Fleischmann, das den Prozeß LudlvigS XVI. vor dem Rationalkonvcnt behandelt, soll von der Pariser Versuchs- b ü h n e gespielt werden.— — Die neue Komische Oper in Berlin will ihre Spielzeit mit„HosfmannS Erzählungen" eröffnen. Als erste Novitätsollen Massenets„Gaukler", als zweite Neuheit Leoncavallos„Boheme" folgen. Später wird„Der Corregidor" von W o l f f und die einaktige Oper„Onkel Dazumal" von Dalcroze gespielt werden.— — Die Nationalgalerie in Berlin hat u. a. folgende Gemälde angekauft:„Der Rhein bei Säckingen" vonH. Thoma, „Praterlandschast",„Bildnis einer alten Frau" und„Mutter und Kind" von F. Wald müller,„Im Hausgarten" von E. Engert.— Je. Ein Vorgänger des„Potemkin". ES war im spanischen Bürgerkrieg, so schreibt der„Gaulois", als die Mannschaft der spanischen Fregatte„Rumancia" sich gegen die damals bestehende Regierung erhob. Das Schiff lag aufder Reede von Karthageim und richtete zunächst seine Batterien gegen die Stadt. Dann begann für das aufrührerische Schiff eine an seltsamen Abenteuern reiche Irrfahrt. Bon dem spanischen Geschwader verfolgt und von seinen Geschossen getroffen, gelang eS der„Rumancia", in dem Hafen von Oran Zuflucht zu finden, Ivo feine Mannschaft sich den französischen Behörden ergeben mußte.— —„Fernrohre". Der„Matin" erzählt: Die russische Kriegs- Verwaltung hatte 25 000 Feldstecher für Offiziere gekauft und schickte sie auf den Kriegsschauplatz. Dort aber bemerkte man, daß alle diese Instrumente Fensterglas enthielten.— — Ratten im S t o r ch n e st. Auf dem Hause deS Gemeinde- Vorstehers H. Rüge in Stapelfeld befand sich, wie der„Voss. Ztg." aus Kiel gemeldet wird, ein Storchnest mit vier Jungen, das jedoch von den Alten plötzlich ängstlich gemieden wurde. Als man zu dem Neste hinaufftieg, tvurdcn 20 Natten gefimden, die sich dort häuslich eingerichtet und die jungen Störche bis auf wenige Ueberrefte aufgefressen hatten.—__ Verantwortl. Redakteure flranz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlao; Vorwärts Buckdruckerei u.Vcrlagsaujtalt Paul Singer LcCo., Berlin ZW.