AnteHallungsblatt des vorwärts Nr. 133. Mittwoch, den 19. Juli. 1905 4] Gobseck. (Nachdruck verboten.) Von HonorS Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. Glauben Sie also noch immer, daß hinter dieser Weißen Maske, deren Unbeweglichkeit Sie so oft in Staunen versetzt hat, nichts von Genuß und Freude verborgen liegt?" Und dann sah er mir voll in die Augen und zeigte mir sein Gesicht, aus dem der Glanz blanken Geldes hervorzu- leuchten schien. Ich war wie betäubt, als ich in meine Wohnung zurück- kehrte. Dieser kleine, unscheinbare Greis war in meinen Augen zu etwas Großem geworden,— zu einem phantastischen Wesen, in dem die Macht des Goldes sich personifizierte. Das Leben und die Menschen erfüllten mich mit Schaudern. Ist denn das Geld Lösung und Endziel aller Dinge? Ich der- mochte erst sehr spät einzuschlafen. Ich glaubte Klumpen Goldes um mich her zu erblicken. Die schöne Gräfin be- schäftigte meine Gedanken. Ich muß zu meiner Schande ge- stehen— ihre Gestalt stellte das Bild des schlichten, keuschen Wesens, das zur Arbeit und Einsamkeit verdammt war, völlig in den Schatten. Am folgenden Morgen aber erschien mir im Nebel meines Halbschlummers Jennys liebliches Antlitz in seiner ganzen Schönheit. Ich dachte nur an sie." „Wollen Sie vielleicht ein Glas Zuckerwasser, lieber Der- ville?" unterbrach die Vikomtesse. „Sehr gern," entgegnete er. „In alledem, was Sie uns da erzählen, sehe ich nichts, was uns irgendwie berühren könnte," meinte die Gräfin Grandlieu, indem sie die Klingel in Bewegung setzte. „Abwarten, abwarten," rief Derville.„Ich werde Fräulein Camille, der ja fast die Augen zufallen, gleich wieder aufwecken, indem ich ihr erkläre, daß es eine Zeit gab, wo ihr Glück von Papa Gobseck abgehangen hat. Da der liebe Menschenfreund bereits im Alter von neunundachtzig Jahren verstorben ist, so wird Graf Restaud sehr bald in den Besitz eines sehr schönen Vermögens gelangen. Diese Tatsache be- darf allerdings noch einiger Erklärung. Was aber Jenny Malvaut anbetrifft— so kennen Sie sie ja. Sie ist meine Frau." „Der arme junge Nestaud," meinte die Vikomtesse,„er ist mit seiner gewohnten Freimütigkeit imstande, diese Tat- fache mindestens zwanzig Leuten mitzuteilen." „Ich würde es laut vor der ganzen Welt verkünden," entgegnete der Advokat. „Trinken Sie nur Ihr Zuckerwasser, mein lieber, guter Derville. Sie werden immer das bleiben, was Sie sind— der glücklichste und beste aller Menschen." .Mir waren doch zuletzt bei einer Gräfin in der Nue du Helder?" meinte der Onkel, indem er fein weißes Haupt, das sich vor Müdigkeit etwas gesenkt hatte, wieder erhob. „Was ist denn aus dieser geworden?" „Wenige Tage nach der Unterhaltung mit dem alten Holländer, die ich Ihnen soeben geschildert habe, reichte ich meine Dissertation ein," entgegnete Derville,„ich wurde Li- zentiat und dann Rechtsanwalt. Das Vertrauen, das mir der alte Geizhals einmal geschenkt hatte, nahm stetig zu. Er konsultierte mich umsonst in den spinösen Angelegenheiten, auf die er sich erst im Besitze sicherer Grundlagen einließ und deren Erfolg jedem Rechtsanwalt zum mindesten fraglich er- schienen wäre. Dieser Mann, auf den niemand irgend welchen Einfluß auszuüben imstande war, nahm meine Ratschläge mit einer Art blinden Vertrauens an. Allerdings muß ich hier bemerken, daß er dabei immer recht gut fuhr. Als ich dann schließlich zum ersten Konzipienten des Bureaus ernannt wurde, in dem ich seit drei Jahren arbeitete, verzog ich aus dem Hause in der Rue des Grals und ließ mich bei meinem Chef nieder, der mir Wohnung, freien Tisch und hundertfünfzig Franken monatlich gab. Das war ein schöner Tag. Als ich mich von dem Wucherer verabschiedete, zeigte er mir keinerlei Freundschaft noch Zuneigung und er forderte mich auch nicht auf, ihn zu besuchen. Nur ivarf er mir einen jener Blicke zu, die bei ihm gleichsam auf die Gabe des zweiten Gesichtes schließen ließen. Nach ungefähr acht Tagen erhielt ich den Besuch meines früheren Zimmernachbarn: er brachte mir eine ziemlich der- wickelte Angelegenheit, eine Enteignung. Er setzte seine Gratiskonsultationen mit einer Ungezwungenheit fort, als ob er mich dafür bezahlte. Gegen Ende des zweiten Jahres zwischen 1818 und 1819 war mein Chef— ein Mann, der sehr dem Vergnügen lebte und viel Geld ausgab— plötzlich in eine sehr peinliche Geld- Verlegenheit geraten und er war gezwungen, seine Praxis zu verkaufen. Wenn auch damals ein solches Bureau nicht den übermäßigen Wert besaß, den sie heutzutage erlangt haben, so gab mein Brotherr doch das seinige nicht unter Hundertfünfzigtausend Franken weg. Ein tätiger, intelli- genter und erfahrener Mann konnte, sofern er allgemeines Vertrauen genoß, mit dieser Praxis gut und anständig leben, die Zinsen der Summe bezahlen und sich in zehn Jahren freimachen. Ich, das siebente Kind eines Kleinbürgers aus Noyon, ich besaß keinen roten Heller und kannte in der ganzen Welt keinen anderen Kapitalisten als Papa Gobseck. Ein ehrgeiziger Gedanke und ein unbestimmter Schimmer der Hoffnung gab mir den Mut ein, ihn aufzusuchen. Das Herz schlug mir zum Zerspringen, als ich an seine Tür pochte. Ich erinnerte mich an alles, was mir der alte Geizhals früher erzählt hatte, früher in einer Zeit, wo ich noch nichts von der beklemmenden Angst ahnte, die die Menschen auf der Schwelle seines Zimmers befiel. Und nun kam ich wie alle anderen — um ihn zu bitten. Nein, sagte ich mir, so geht es nicht. Ein ehrlicher Mensch muß überall seine Würde wahren. Eine Summe Geldes ist noch immer keine Feigheit wert.— Ich will also ebenso fach- lich und positiv auftreten, wie er es tut. Seitdem ich aus dem Hause ausgezogen war, hatte Papa Gobseck mein Zimmer gemietet, um keinen Nachbarn zu haben. Er hatte sogar in der Mitte seiner Tür ein kleines vergittertes Guckloch anbringen lassen; und so öffnete er mir auch erst, nachdem er mein Gesicht erkannte. „Ihr Chef verkauft also seine Praxis, nicht wahr,' wie ich höre?" empfing er mich mit seiner sanften Flötenstimme. „Woher wissen Sie denn das? Er hat doch bisher außer mir mit niemandem darüber gesprochen?" Die Lippen des alten Mannes verzogen sich gegen die Mundwinkel zu wie ein Vorhang, den man bei Seite schiebt. Sein wortloses Lächeln war von einem kühlen, sachlichen Blick begleitet. „Dies war also erst nötig, damit Sie mich einmal be- suchen kamen?" meinte er in trockenem Tone nach einer kurzen Pause, während der ich mich von meinem Staunen zu erholen versuchte. „Hören Sie mich bitte an, Herr Gobseck," begann ich mit soviel Ruhe, als ich schlechterdings diesem Greise gegen- über zur Schau tragen konnte, der seine Augen, deren heller Glanz mich verwirrte, auf mich richtete. Dann machte er eine Gebärde, mit der er mich zum Reden aufforderte. „Ich weiß, daß es sehr schwer ist, zu Ihrem Herzen zu sprechen. Ich werde daher auch nicht meine Beredsamkeit ver- schwenden, um Ihnen die Lage eines mittellosen Konzipienten darzustellen, der seine ganze Hoffnung auf Sie setzt und der auf der ganzen Welt keinen Menschen besitzt, bei dem er etwas Verständnis für seine Zukunft finden könnte. Lassen Sie also das Herz beiseite— Geschäfte sind eben Geschäfte und man löst sie nicht, wie die Romane, mit Gefühlsduselei. Die Tatsachen sind also folgende: Die Praxis meines Chefs trägt unter seiner Leitung jährlich einige zwanzigtausend Frank ein. Ich glaube aber, daß ich das Einkommen auf vierzigtausend er- höhen könnte. Er will alles für fünfzigtausmd Taler ver- kaufen. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß ich im Laufe von zehn Jahren vollkommen frei dastehen würde, wenn Sie in der Lage wären, mir die zum Ankauf nötige Summe vor- zustrecken." „Das nenne ich wie ein Mann gesprochen," entgegnete Papa Gobseck, indem er mir seine Hand hinstreckte und die meine herzlich drückte.„Seitdem ich mit Geschäften zu tun habe, hat mir noch niemand die Gründe seines Besuches klarer darzulegen gewußt. Wie mit den Garantien!" fetzt« — 550— er hinzu, indem er mich Som Kopf bis zum Fuß beäugte. „Null, nicht wahrT" sagte er nach einer Pause.„Wie all find Sie denn?" „In zehn Tagen fünfundzwanzig Jahre," entgegnete t(f|. «Anderenfalls könnte ich überhaupt nicht Wechsel ziehen." „Stimmt." „Und was weiter?" «Möglich." „Aber wir müssen uns beeilen— sonst finden sich Leute, die den Preis steigern." „Bringen Sie mir morgen Ihren Taufschein und wir werden Ihre Angelegenheit dann besprechen. Ich werde sie mir überlegen." Am anderen Morgen um acht Uhr war ich bei meinem altm Freunde. Er nahm die amtlichen Papiere in die Hand, setzte seine Brille auf, räusperte sich, spuckte, wickelte sich in seinen weiten Rock und las den Auszug aus den Registern des Bürger meisteramtes von Anfang bis zu Ende durch. Dann drehte er das Papier nach allen Seiten um, sah mich an, hustete wieder, rückte auf seinem Stuhle hin und her und sagte: „Wir werden versuchen, die Angelegenheit ins reine zu bringen." Ich bebte am ganzen Körper. „Ich ziehe fünfzig Prozent aus meinem Gelde," fuhr er fort,„zuweilen hundert, zweihundert, ja auch fünfhundert Prozent." Bei diesen Worten erbleichte ich. „In Anbetracht unserer langen Bekanntschaft aber werde ich mich mit zwölfeinhalb Prozent... na, nieinetwegen, weil Sie es sind... werde ich mich mit dreizehn Prozent jährlich begnügen. Ist Ihnen das recht?" „Jawohl," entgegnete ich. „Aber das ist ja viel zu hoch. So verteidigen Sie sich doch, Grotius." Er pflegte mich scherzweise gern„Grotius" zu nennen „Wenn ich dreizehn Prozent von Ihnen fordere, so gehe ich eben einfach meinem Berufe nach. Ueberlegen Sie sich also, ob Sie's bezahlen können. Ich mag einen Mann, der zu allem„Topp" sagt, nicht gern leiden. Ist es also zu viel?" „Nein, entgegnete ich.„Ich werde eben mehr und an- gestrengter arbeiten müssen." „Donnerwetter, ja," rief er, indem er mir einen seiner malitiöscn. schrägen Blicke zuwarf,«Ihre Klienten sollen eben zahlen." „Nein, in drei Teufels Namen, nein," entgegnete ich heftig,„ich werde zahlen. Ich möchte mir lieber die Hand abhacken lassen, als die Leute ausbeuten." „Na, dann gesegnete Mahlzeit," sagte Papa Gobseck. „Aber die Honorare sind doch tarifmäßig festgesetzt," fing ich von neuem an. „Sie sind es nicht," entgegnete er,„für geschäftliche Transaktionen, für Sühncversuche und Vergleiche, für Akkorde und dergleichen mehr. Bei solchen Gelegenheiten können Sie tausend und abertausend Frank fordern, je nach dem Umfange der Angelegenheit, und zwar für Ihre Konferenzen, für Ihre Wege und Fahrten, für Ihre Voranschläge, Ihre Memoranden und was Sie sonst noch an guten Worten verbrauchen. Man muß diese Art von Dingen ausfindig zu machen wisien. Ich werde Sie überall als den geschicktesten und erfahrensten Advokaten empfehlen. Ich werde Ihnen eine solche Unzahl von Prozessen dieser Art zuschieben, daß Ihre Koll«rm vor Neid platzen sollen. Werbrust, Palma, Gogonnet, meine Ge- schäftsfreunde, sollen Ihnen Ihre Expropriationen übertragen und Gott weiß, daß sie davon genug an der Hand haben. Sie werden auf diese Weise zwei verschiedene Arten von Praxis haben: die, die Sie jetzt kaufen, und die andere, die ich Ihnen schaffe. Sie sollten mir eigentlich fünfzehn Prozent für meine Hundertfünfzigtausend Frank geben." „Abgemacht— aber keinen Pfennig mehr," sagte ich mit der entschlossenen Festigkeit eines Mannes, der über eine zu- gestandene Summe nicht hinausgehen will. _ Papa Gobseck schien mit mir zufrieden zu sein und er wurde freundlich und weich. „Ich werde Ihrem Chef die Summe für seine Praxis selbst bezahlen," meinte der Alte nach einer Weile,„damit ich mir die Vorhand und die nötige Bürgschaft verschaffen kann." «Oh, nehmen Sie sich nur soviel wie Sie an Garantien haben wollen." „Ferner werden Sie mir den Gegenwert in fünfzehn in blg.nko akzeptierten Wechseln übergeben— jeden zu zehntausend Frank." «Angenommen, Laß dieser doppelte Wert festgestellt ist.* «Nein," unterbrach mich Gobseck,„warum soll ich mehr Vertrauen zu Ihnen haben, als Sie in mich setzen?" Ich schwieg. „Ferner," setzte er in einem vertraulicheren Tone fort, „ferner werden Sie, solange ich lebe, ohne Honorar zu be- anspruchen, sich mit meinen Angelegenheiten befassen." „Abgemacht— soweit keine Vorschüsse zu zahlen sind." „Stimmt," entgegnete er.„Ich darf Sie also wohl in Ihrem Bureau aufsuchen?" setzte der alte Mann hinzu, indem er sich bemühte, seinem Gesicht einen möglichst freundlichen Ausdruck zu geben. „Es wird mir immer viel Vergnügen machen." „Schon gut. Nur wird es des Vormittags nicht so ein- fach sein. Sie haben Ihre Geschäfte und ich die meinigen." „Dann kommen Sie des Abends." „Oh nein," entgegnete er lebhaft.„Sie müssen in Gesell- schaft gehen und Ihre Klienten aufsuchen. Ich habe ja auch meine Freunde— im Cafs." „Warum sollten wir nicht die Essensftunde für unser Beisammensein bestimmen?" „Das ist richtig," meinte Gobseck.„Also nach der Börse um fünf Uhr, jeden Mittwoch und Sonnabend. Wir werden wie ein paar Freunde von unseren Geschäften sprechen. Ich kann auch manchmal sehr vergnügt sein. Geben Sie mir nur hin und wieder ein Rebhuhn und ein Glas Champagner, und wir werden uns prächtig unterhalten. Ich weiß mancherlei, wovon man heutzutage schon offen sprechen'kann und woraus Sie die Menschen und besonders die Frauen kennen lernen werden." „Es bleibt also beim Rebhuhn und dem Glas Cham- pagner!" „Machen Sie auch sonst keine Tollheiten, sonst werden Sie mein Verttauen verscherzen. Richten Sie Ihr Haus und Leben auf keinen zu großartigen Fuß ein. Schaffen Sie sich eme alte Haushällerin an— eine allein— ich werde Sie von Zeit zu Zeit noch außerdem besuche», um mich von Ihrem Gesundheitszustand zu überzeugen. Ich habe doch ein Kapital sozusagen auf Ihren Kopf gesetzt— haha— und da muß ich mich doch wohl hin und wieder vom Stande der Dinge über- zeugen. Heute abend also kommen Sie einstweilen mit Ihrem Chef zu mir." tFortsetzung folgt.) XX* Internationale Kunstausstellung in JVlünchen. Der Glaspalast Bietet das Bild friedlickister Eintracht. Da hausen riedlich die Miinchener Verbände, die Künstlcrgenosfenschaft, die Sezession, die Scholle und die Luiwoldgruppe. Diesem Deutschland gegenüber steht das Ausland. Es fehlen die Kollektivausstellungen. An ihrer Stelle erscheinen die einzelnen Länder. Ausgestellt sind 22S8 Arbeiten. 1455 Gemälde. 222 Aquarelle und Zeichnungen, 341 plastische Werke und 240 graphische Arbeiten. Auch die Architektur ist vertreten. Im ganzen wenig geradezu hervor- ragende Werke, dagegen viel anständiges Mittelgut und eine Reihe schlechter Ueberfliissigleiten. Das Interessante ist die Möglichkeit eines Vergleichs; man sieht in kurzer Zeit die Kunst aller Länder neben einander. Die Ausstattung der Säle hat sich wesentlich gebessett. Auch hier strengt man sich wie in Berlin� einigcrnmtzen an, moderne Raumprinzipien auszunutzen. Die Wände sind mit einfarbigem Stoff bespannt, der verschiedenfach wechselt. Eni- sprechende Vorhänge schmücken die Eingänge. Und der Boden ist übereinstimmend belegt. Die Bilder hängen nicht allzu dicht. 5blr in einigen Ländern, wie in Spanien und Italien, häufen sie sich, und die Quantität soll hier für die Qualität entschädigen. Am apattesten lvirken die Räume der Wiener, die in der typischen Dekoration der modernen österreichischen Kunst in zarten Farben ge- halten sind..., Angenehm plätschert der große Brunnen, der den Emtnttssaal Mr umfänglichen Glasmarkthalle ausfüllt. Das grüne Wasser, die weißen Wände, das Grün der Blattpflanzen und die weißen Statuen(die Plastik hat hier ihre Aufstellung) geben ein gutes Bild. Erfrischend wirkt die Kühle, uud da der Glaspalast direkt von der Straße aus betreten wird, nicht durch einen Gatten' oder Anlagen getrennt ist, so bietet sich hier die Gelegenheit, von dem AlltagK�ben in diesem hohen, freien Raum, der nicht den gräßlichen Kuppel- schmuck wie die Berliner Ausstellungshalle enthält, sich erst einmal zu erholen, um dann den Weg durch die Säle anzutreten. Das große Wasserbecken wird überragt von Rodins„Denker" in Bronze, jene eigentümlich gesammelte, kauernde Gestalt, die man leider nur allzu oft schon erblickt; auf sämtlichen Ausstellungen er- scheint seit Jahren der überall herumreisende„Denker". Die Auswahl ist eine internationale. Das falsche Pathos über- wiegt noch immer und noch immer haben wir in ganz Europa keine plastische Kunst im ganzen. Das. was mehr als Handwerk ist, kann man suchen. Da erscheiut ein Sammelsurium aufdringlicher Frauen- leiber; sie heißen„Satanstöchter". Da tragen immer noch Seeleute eine Ertrunkene, die sie gerettet sein seit Jahren beliebtes Motiv). Liebende küssen sich in allen Stellungen. Wo man einer neuen Idee begegnet, erfährt sie, da noch kein Vorbild existiert, so groteske Gestaltung, wie z. B. ein Chor singender Mönche, die um einen Felsblock herumwandeln, wobei die aufgesperrten Münder wie Fischmäuler aussehen. Auch stürzen noch immer mit schreckhafter Geberde nackte Männer davon, unfehlbar ist das immer„Kain". Italien, das Land der Plastik und der Marmor- bräche, leistet sich die barocksten, geschmacklosesten Einfälle. Die gute alte Tradition sucht in etwas schwindsüchtiger, magerer Art C a n o ni c a in einfachen Bildnissen festzuhalten. Lebendige Bauerntypen stellt Ed ström(Stockholm) hin. Doch hat diese forcierte Lebendigkeit nichts Natürliches, sondern verrät kränkliche Anlage. Leicht und gefällig erscheint die Marmorgruppe von Scymanowski(Boulogne)„Die Mutter", die ihr Kind zärtlich umschlungen hält. Es ist der Versuch einer leichten Stilisierung in den flüssigen Flächen des Steins. In kleinen Statuetten in Marnior, die aber dennoch groß behandelt sind, in dem leichten Herausarbeiten der Muskelpartien, in der malerischen Durcharbeitung des Ganzen, zeichnet sich B o u q u e t(Brüssel) aus. Er liebt kauernde, in sich zusammengesunkene Gestalten, die ein wenig an Rodin erinnern. Schwungvolle Lebendigkeit zeichnet den zierlichen„Weit- läufer" von Götz(Charlottenburg) aus. L a g a n(Brüssel) gibt zwei intime Büsten„Vater und Mutter" und erfreut durch die kecke Behandlung. Etwas Idyllisches ist darin, wie er die alten Hüte, den Umhang, den Kragen der Frau und des Mannes mrbesorgt mit hineinzieht. Ein schöner, gelber rauher Ton des Materials(korniger Sandstein) gibt einer Gruppe„Mutter und Kind" vou E r i k s e n (Kopenhagen) einiges Ansehen. Elegante Glätte der Behandlung verleiht den Bronzestatuetten(Tänzerin, Kugelspieler) von D a s i o(München) Grazie der Bewegung. Reizvoll wirkt die Märchengruppe„Rotkäppchen mit Wolf", die im Original in der Nähe des Hofbräuhauses steht. Dieser Brunnen, den die genannte Gruppe krönt, hat eine gefällige Form des Beckens, vier Wolfsköpfe speien Wasier, oben auf der Mittelsäule steht frei der Wolf mit dem Kinde. Einfache und anspruchslose Kindergruppen geben P a g e I s(Charlottenburg) und U e b e r- b a ch e r(München). Am interessantesten erscheint der Russe T r o u b e tz k o y, der in seinen Bildnissen, Tierplastiken und an- deren Arbeiten einem plastischen Impressionismus huldigt. Er hält den Moment fest. Seine Arbeiten sehen aus wie Tonstudien, die Fingerspuren des Knetens sind erhalten. Namentlich im Porträt und im Tierbild ist er am überzeugendsten. Er gibt auch aparte Gegensätzlichkeit in der Wahl der Größe der Figuren. Unter der Führung der Künstlergeuossenschaft versammelt sich das übrige Deuftchland. 2ö Säle I Deutlich gibt es da vier Stufen. Am niedrigsten steht die Künftlergenossenschaft selbst. Dann kommt die Luitpold- Gruppe. Dann die Sezession. Am interessantesten ist die Scholle. Das Niveau der Künftlergenossenschaft ist sehr un- gleich. Neben dem Guten steht das Schlechte, das Eigengesehene steht neben Gelecktem, Glattem, neben Neuem das Alte. Die Geuc- rationcn werden hier ordentlich drtrcheuiandergebracht. Das Sentimentale, die genrehafte Anckdotp überwiegt. Dazwischen ernste Landschaftsbilder. Die Technik ist glatt. Dann wieder überrascht ein modernes Bild, das nervöseres Temperament zeigt. Kaulbach und Simm treten ungehindert mit ihren süßlichen Machwerken auf. Soldatenbilder gibts fast aar nicht. Dafür viel Gebirge und die ältere Romantik des Gebirges, nicht die Realistik der „Simplicissinnis"-Zeichner. Da knien Dörfler vor Madonnen- bildcrn am Abgrund und beten. Da sitzen sie um den Tisch und erzählen Anekdoten, rauchen Pfeife und lachen und kokettieren mit den Modeln. Kräftig hebt sich Schönleber(Karlsruhe) heraus. Er gibt immer einen geschlossenen Bildeindruck. Er konzentriert die Farben. Ein Bach, der am Dorf vorüberfließt, trüb und schwer ist die Stimmung. Ein lehmiges Braun in den Farben ist für ihn charakteristisch, indem bunte Nuancen um so auffallender werden. Die Schwere der Töne ist überall bei ihm zu finden. Düster und wuchtig führt da eine Brücke über den lehmigen Fluß. Ein Segel ebenfalls in trüben Farben wird hinter der Brücke sichtbar. Sonst ist nur ein bißchen Buntes in dein Anzug der paar über die Brücke schreitenden, klein erscheinenden Personerl. Leichter, lebhafter ist Kallmorgen (Berlin). Am besten erscheint er in dem Hafenbild„Sonnenglanz", auf dem hinten im Dunst Hamburg mit vielen Türmai erscheint wie eine flimmernde, weiche Silhouette. Mit braunen, flockigen Farben malt R ikuto w Ski(Düsseldorf) ein Eifeldorf. bunt und .lustig. In gelblicher Abenddünmieruirg leuchtai die Häuser am Lach von Dordrecht von Hermanns(Düsseldorf). Rosa schimmert die blühende Hallig von A I b e r t 3(Berlin), über deren Blüteuwogen mi Hintergrund lleiu eure Mühle ihre Flügel dreht. Die Aquarelle, Pastelle, Gouachen und Zeichnungen nebst ver- vielfältigender Kunst bieten eme kleine Auswahl aus der reichen Produktion. Auch hier steht das glatte, schabkonenhaste Machwerk neben dem inttmen Bilde, das auf farbige Werte ausgeht. Im Originalholzschnitt leistet Braumüller(München), dem'eine Schar von Schülern folgt. Neues. Er erstrebt breite, farbige Wirkung und bleibt dem Flächeneindruck treu. Aehnlich erscheinen Hammer, StaschuS, Margarete Havemann, Martha Cunz, die alle sich vorteilhast präsentieren, aus Hell und Dunkel eine breite Wirkung holen. In der Lithographie gibt Bodem eine tüchtige Leistung, eine alte Frau mtt lila Tuch, resolut und derb gezeichnet. Pariserisch mutet Schwarz(München) an. der in leichter Manier Me_ Umrisse gibt und dabei groß und farbig wirkt. Elegant und flüssig erscheint Hansen(Berlin) in mehreren bunten Illustrationen, dessen Gebiet die Modedame ist, die er mit Geschmack und Verve charakterisiert. In der Architekturabteilung find einzelne Landhäuser zu sehen, die mit Geschmack die intime Bauweise Süddeutschlauds weiter- pflegen. Auch den bäuerischen Einfluß merkt mau, und diese echte Derbheit kommt namentlich dem farbigen Eindruck zu gute. Bei den großen Entwürfen kommen die Architekten vielfach nicht über die pomphafte Phrase hinweg. Eine Ausnahme bildet S ch lo a r tz- München, der zwei Krematorien ausstellt. Er bevorzugt den großen, flächigen Eindruck. Wand, Dach spricht in seiner ganzen Aus- dehnung; die Fläche ist nicht unterbrochen. Zu diesem Zweck legt er die Fenster hoch und legt sie oben zusammen und drückt das Tor klein herunter. In der Farbe liebt er ebenso den einfachen groß betonten Gegensatz der weißen Wandfläche, des roten Daches, des blauen Tores. Auch D ü l f e r- München erstrebt Tüchtiges. Sein „Stadttheater in Dortmund" ist jedoch noch zu bunt, wenn auch die Form im ganzen einheitlich und nicht zu überladen ist. Das„Projekt für eine Sängerfesthalle" von H a l l e r- Zürich muß wegen seiner Formneuheit genamit werden. Gar zu sklavisch bleiben die Bau- künstler bei den überlieferten Formen. Da erfreut es schon, einmal ein oval gehaltenes Dach zu sehen, das von beiden Seiten von auf- fallend lurzen, gedrungenen Türmen flankiert wird. Besser im Durchschnitt als die Kiinstlergenossenschaft präsentiert sich die L u i t p o l d- G r u p p e. Es ist viel Gutes hier. Manch lebhaftes, frisches Temperament zeigt sich in ungebrochener Tatkraft. Urban malt in enkausttscher Manier seine ein wenig theatralisch anmutenden Landschaften, die sonst hier sehr zahlreich und gut ver- treten sind. Kunz malt römische Veilchen in blassen Farben, die eigenartig mit dem grauen Papier kontrastieren. In leichten, grauen Tönen gibt Müller einen Herbstanfang. Ernst Liebermann gibt eine„Gebirgsstraße" in schönem, stumpfem Glanz. Hoch malt große Lairdschaften. bei denen die räumliche, ruhig wirkende Ver- teilung und die stillen, hellbraunen Farben auffallen. Schwerer wirkt B a e r, der mit breiten! Pinsel etwas plump malt. Seine Landschaften machen dadurch immer einen kräftigen, aber zugleich schmierig-schmutzigen Eindruck. Luftig und leuchtend erscheinen B r a ch t s(Dresden) Landschaften, die in grünlich-grauen Lufttönen gehalten sind. Einen feinen Knabenakt stellt K n r o lo s k i aus. Von G e f f ck e n interessiert ein in verwischten Tönen lebhaft gemaltes Bildchen, die„Visite". Sparsam nnd leicht malt V ö l ck e r einen „Herbstansang". So merkt man hier im Durchschnitt lebhafteres Bemühen um die Kunst. _ Ernst Schur. Kleines feuilleton» gc. Russische Volksspiele. Beim russischen Volke sind öffcnt- liehe Belustigungen, besonders in den Dörfern, sehr beliebt. Ein in den meisten Dorfschaften übliches Spiel ist das Eimer» schwingen. Zwei in die Erde gestockte hölzerne Gabeln tragen eine lange Stange, an der ein Eimer voll Wasser hängt, der von zwei Männern in schwankender Bewegung gehalten wird, indem sie mit Stäben dagegen stoßen. Von der Spielgcsellschaft muß einer nach dem anderen unter dem Eimer seinen Weg uiachen. Wer hier» bei begossen wird, hat verloren und erheitert die anderen um so mehr, je heftiger ihn das Wasser getroffen hat. Wer ungenätzt hin- durch kommt, hat sein Spiel gewonnen.— Das Ka st romaspiel ist besonders im Gouvernement Sfinrbirsk und Pensa herkömmlich. Alle jungen Miidchen versammeln sich dazu in ihren Alltagskleidern an einer bestimmten Stelle draußen vor dem Dorfe, erwähle» eine sogenannte Kastroma, die sich mit geneigtem Haupte in den Kreis der Genossinnen stellt, die ihr zuerst unter tiefen Verbeugungen huldigen. Dann legen sie die Kastroina auf ein Brett und tragen sie unter Gesang zum nahen Fluß, wo sie niit ihnen zusammen ein Bad nimmt. Nach demselben geht es im Zuge unter Gesang und Heiterkeit nach Hause zurück, alle ziehen ihre Festkleider an. und ein lustiger Tanz beschließt das Spiel, das aus der Zeit der Bekehrung der Russen durch den Empfang der christlichen Taufe stammt.— Sehr alt ist das Jarilospiel. Sonntags früh erwählt die Dorf- gcmcinschaft einen Mann, der, in einen buntfarbigen Kailau ge» kleidet, mit Bändern und Glöckchcn behängen wird, endlich setzt i an chm eine bunte Papiermütze auf der. Kops und bemalt ilim das< ficht. So ist er der Jarilo, der in rollen Sprüngen umher!,.t, singt und sich zum Besten halten lassen muß. Zuletzt aber lon nun alle jungen Mädchen und Burschen des Torfes, verbeugen sich tief «nd tanzen bor ihm, um ihn dann am Abend unter Singen und Jubeln nach Hause zu geleiten.— Beim Reigenspiel erwählen sich die Mädchen aus einer Dorfschaft die angesehenste Schöne zur sogenannten Aeltcsten und bringen ihr unter Gesang ihre Huldigung dar, indem sie sich an die Hände fassen und einen Kreis um sie bilden. Außerhalb des Kreises treten die Mädchen zwei und zwei auf, indem sie vor- und rückwärts schreiten und dabei von Liedern der zuschauenden Eltern und Kinder begleitet werden. Außerdem tennt man auch noch die Khorovodis- Tänze, die auch nur von Frauen ausgeführt und von Gesang begleitet werden.— st. Bauplatten aus Zucker.(Nachdr. Verb.) In dem Märchen vom Schlaraffenland wird erzählt, daß man sich erst durch einen großen Berg von Kuchen durchessen müsse, ehe man in jenes Land gelangen kann. Noch reicher malt die Phantasie in den Märchen orientalischen Ursprungs; dort zaubert man dem Kindcrgemüt Glaspaläste mit goldenen Türen und sonstigem phantastischen Beiwerk vor, und nun erleben wir es in dem nüchternen Deutschland, daß ein Er- finder Bauplatten aus Zucker herstellt. Indessen ist der Ausdruck „Bauplatten" nicht ganz passend gewählt; beim Lesen dieser Be- Zeichnung denkt man unwillkürlich an ganze Häuser oder doch wenigstens an ganze Fronten aus Zuckcrquadern. Um solche handelt es sich in Wirklichkeit nun doch nicht, sondern um kleine Platten zu Deiorationszweckcn, welche speziell zur Verzierung von Innen- räumen dienen sollen. Solche Platten bestehen aus einem passend zugeschnittenem Gewebe aus Draht oder anderem geeigneten Material, auf welchem man Kristalle von Kandis sich bilden läßt. Man kann selbstverständllch der Kristallplatte auch die Form eines Hohlkörpers geben, indem man das Drahtskelctt hohlkörpcrförmig herstellt und alsdann die Kristallbildung vor sich gehen läßt. Die Verwendung dieser Platten ist so gedacht, daß sie sowohl in der Durchsicht als auch in der Draufsicht wirken sollen. Das Verfahren zur Herstellung solcher Platten ist dem Verfahren zur Herstellung von Kandis entlehnt. An Stelle des Kandis sollen schließlich auch andere kristallisierbare, farbige oder farblose Stoffe treten können, wie Alaun, Steinsalz, Kupfervitriol, Eisenvitriol u. a. Um die so hergestellten Platten widerstandsfähiger zu machen, insbesondere um sie gegen Feuchtigkeit zu schützen, kann man die fertigen Platten mit einem geeigneten Ueberzug aus Zelluloid, Kollodium, Firnis und so weiter überziehen. Dieser Lacküberzug kann sowohl farblos, als auch gefärbt sein. Die Idee, solche Kristallbildung zur Dekoration von Flächen zu verwenden, ist allerdings nicht mehr sehr neu; wir erinnern nur an die Papiere, welche zu Visitenkarten und ähnlichen Zwecken ver- wendet wurden, dann an die kleinen Galanterie-Artikel, wie Streich- Holzschächtelchen u. a. aus Weißblech mit kristallisierter Oberfläche und farbigem Lacküberzug. Diese Sachen sind jedenfalls aber viel widerstandsfähiger als Zucker- und andere Kristalle, die be- deutende Quantitäten Kristallwasser enthalten und deshalb äußerst leicht verwittern. Selbst bei Anwendung der obengenannten Lack- Überzüge wird eine lange Haltbarkeit kaum zu Erreichen sein.— hl. Die Tonpfeifenfabrikation, die einst im Emsgcbicte und in Ostfrieslaud in hoher Blüte stand, ist heute bei uns fast völlig ver- gessen und scheint, wie„Die Landindustrie" schreibt, sich nur noch in einer Fabrik in Papenburg erhalten zu haben. Früher fehlte die Tonpfeife auf keiner Hochzeit und keiner Kindtaufe; auch beim Hausrichten wurde sie gereicht, sie bildete eben bei derartigen fest- liehen Veranstaltungen einen besonderen Gang. Heute ist sie fast durchweg nur noch bei den Schiffern zu finden. Die Papenburgcr Fabrik bezieht den zu verarbeitenden Ton von Grenzhausen in Hesscn-Nassau; nach gehöriger Vorbereitung wird er in Formen gepreßt, von denen es zwölf bis fünfzehn Sorten gibt. Die Her- stellung des Rauchkanals geschieht mittels einer langen Nadel und erfordert große Uebung. Ist die Pfeife im rohen Zustande fertig, dann wird sie abpoliert und in Kasten zum Trocknen aufgestellt, worauf sie in einen Ofen wandert, in dem sie mit 12 RX) anderen über 36 Stunden gebrannt wird. Nach dem Erkalten wird die Spitze des Rohres in Wachswasser getaucht, um dem Ankleben des Tons an den Lippen beim Rauchen vorzubeugen. Eine geübte Hand fertigt an einem Tage b(X)6 bis 6000 Stück solcher Pfeifen.— Physiologisches. ie. Der Mensch die stärkste Maschine. Der Ver- gleich des menschlichen Körpers mit einer Maschine ist alt, aber seine wissenschaftliche Begründung stammt aus allerletzter Zeit. Professor Atwater hat jetzt in die Kette dieser Forschungen ein neues Glied eingefügt, und zwar auf Grund recht merkwürdiger Untersuchungen. Er wählte eine Versuchsperson, die ihre Muskelkraft an einem ge- wohnlichen Zweirad beweisen muhte. Durch ein angeschlossenes Meßinstrument konnte die vom Menschen erzeugte Energie in her Form eines elektrischen Stromes genau bestimmt werden. Der Radfahrer arbeitete im Innern eines großen hölzernen, Gehäuses, das er während ver ganzen Dauer des Experiments, d. h. für mehrere Tage, nicht verlassen durfte. Alles, was er an Essen und Trinken zu sich nahm, wurde aufs genaueste gewogen, und als Er- gcbnis der Versuche stellte Professor Atwater die Behauptung auf, daß der Mensch eine weit bessere Maschine sei als eine Lokomotive, indem er für eine bestimmte Menge von Nahrung bzw. Heizstoffdoppelt so viel Kraft hervorbringt. Der Mensch ist in dieser Hinsicht dem sparsamst arbeitenden Automobil zu vergleichen- Ueberhaupt soll keine der bis aus den heusigen Tag erfundenen Maschinen, ob sie nun mit Dampf, mit Elektrizität, mit Benzin oder sonstwie be» trieben wird, der menschlichen Maschine relativ an Größe der Energieerzeugung gleich sein. Die leistungsfähigste aller Maschinen macht nach Atwater kaum 16 v. H. der im Brennstoff enthalten gewesenen Energie nutzbar, der Mensch aber 20 v. H., ohne die zur Erhaltung der Körperwärme nötige Energie mitzurechnen.— Humoristisches. — Das Maiglöckchen. Die„Tägliche Rundschau" der- öffentlicht aus ihrer Sammelmappe folgenden Schulaufsatz: Im Monat Mai und Juni blüt in der Nawhr ein Zierliches kleines Blümchen, das durch ihre zierlichen Blüten und durch der schönen Gestalt auffällt. Es ist die Maiblume, welche uns durch seinen wohlriechenden Duft erfreut. Den Namen hat die Pflanze daher, weil sie im Mai und Juni wächst und durch die Gestalt der niedlichen glockcnartiegen Form Ihrer Blühten. Es ist sonderbar bei den Maiglöckchen, daß sie ober und unter der Erde wachsen; Sie swecken Ihre Wurzeln tief in die Erde hinein und haben eine Vasawurtzel und ein Wurtzelstock. Die Blätter sind glänzend, grün, paranellnerfich und gansrandig. Der oberirdische Stiehl verzweikt sich nicht und wägt keine Blätter, aber Blühten; darum ist er ein Schafft. Die Blüte ist gestillt und nnvollständich, denn sie besteht nur aus Krohne, Staupgefähssen und Tempel; Sie, Ihr Kelch fehlt I Die Blüten bilden eine Traube, die gerade aussieht; den fehlenden Kelch ersetzt ein Schutzblatt. Die Zahl der Staupgefähssen stimmen meisten in die Zahl der Jäckchen ein: auch bei der Maiblume ist daß so, das 6 Staupgefähsse und 6 Zacken vorhanden sind. Diese kopieren(gruppieren) sich um den Tempel(Stempel). Aus der Frucht entwickelt sich eine Rothe Beere.— Das Maiglöckchen ist durch den angenehmen Geruch unseres Kaisers unsere Lieblinksblume geworden. Durch der weißen Farbe gibt es uns ein Bild der Unschuld und Reinheit. Man Planzt die Maiblume viel in Gärten, damit Sie uns durch Ihren wohl- riechenden Duft erfreuen. Es ist darum auch oft von den Dichtern besungen worden. Das bekannteste ist das Maiglöckchen von Hofmann von Vallasleben(Fallersleben). Der Jnnhalt ist l das Maiglöckchen blüt im Tal und ladet uns und die Blümchen zum Tanze ein; denn es wird schon Fruhlink. Daß vedrotz den Junkerreif und er steigt zum Thal, da schlafen die Blumen alle, aber als der Reif kaum das Thal verlaßt, da läutet das Maiglöckchen wieder und ladet alle zum Tanze ein. Nun kann ich auch nicht mehr zu Haus bleiben, sondern mutz auch hinausgehen; die Blümchen gehen zum Tanze und ich gehe mit, sind der Mond siehd zu, wie alles tanzt.— Notizen. — Das Gastspiel der Wiener Hofburg-Schau- s p i e l e r brachte dem Berliner Theater in den zwölf Abenden ö4 SSO Mark Brutto-Einnahme, ein für die Sommernronate noch nie dagewesener Betrag.— — Dt. Ernst W eh lisch vom Volkstheater in Wien wird als zukünftiger Oberregisseur des Berliner Kleinen Theaters bezeichnet.— — E r n st P i t t s ch a u, der den Mitgliedern der Volksbühne wohlbekannte Künstler aus dem Berliner Theater, geht zum 1. September ans Wiener Burgtheater.— —„Das Ende derLiebe", ein Lustspiel von B r a c c o, wurde als erste Novität vom Tri anon- Theater angenommen.— — Die französische Kommission für Volks- t h e a t e r wird zunächst in Paris und an größeren Provinz- theatern volkstümliche Vorstellungen veranstalten. Später sollen eigene Theater für diesen Zweck errichtet werden.— — Die Neue komische Oper am Schiffbauerdamm sucht eine Primadonna. Trotz einer Jahresgage von 40 000 Mark will die geeignete Persönlichkeit sich nicht finden.— — Eine neue Operette von Franz Wagner:„Sou- breite njäger" geht am nächsten Sonnabend im Theater des Westens in Szene.— — Das Zentral-Theater hat eine Operette„Krieg im Frieden" von Reinhardt zur Aufführung erworben.— — Tolstoi in Musik.„Anna Karenina" soll als Oper demnächst in Neapel aufgeführt werden.— — Die Internationale kri minali st ische Ver- einigung hält vom 11. bis 13. September in Hamburg ihren zehnten Kongreß ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Professors v. L i s z t über die Behandlung der vermindert Zurechnungsfähigen.— — Ein indischer Frauen kongreß wurde kürzlich in Kalkutta abgehalten. Wenige Europäerinnen, im übrigen Hindu- frauen, Mahratis, Persierinncn und Muhammedancrinnen nahmen daran teil. Gesprochen wurde in drei Sprachen.— — Ein Vulkan als Waschanstalt. Unweit der isländischen Hauptstadt Reykjavik wird ein bis vor kurzem unter- irdischer Abfluß des Gchser als Waschgelegenheit benutzt. Die Wärme des hervorquellenden Wassers steigt bis zu 100 Graden. Die Ge- meinde hat einen drei Meter breiten Kanal durch behauene Steine einfassen lassen, an dem bis zu fünfzig Wäscherinnen arbeiten können.— Perantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaujtaltPaul Singer LeCo., Berlin SW,