MnlerhMimgsblatt des Dorwärts S!r. 140. Freitag, den 21. Juli. 1905 «i Gobleck. (Nachdruck verboten.) Von Honorö Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. „Vorwärts also, reichen Sie mir die Hand zur Ver- söhnung, Papa Gobseck, und seien Sie großmütig,— stimmt — nicht wahr— richtig— möglich." „Sie kommen zu mir," entgegnete der Wucherer in kühlem Tone,„weil Girard, Palma, Werbrust und Gigonnet mit Ihren Wechseln den Bauch schon bis oben voll haben und sie überall mit fünfzig Prozent Damno feilbieten. Da diese Leute übrigens nicht mehr als fünfzig Prozent Valuta aus- gezahlt haben, so sind sie ja auch unter Brüdern gar nicht mehr wert.— Zum Teufel auch! Kann ich denn anständiger- weise einem Menschen, der dreißigtausend Franken schuldet und keinen Sou seiflt eigen nennt, noch einen Centime borgen?" rief Gobseck.„Sie haben erst vorgestern auf dem Ball beim Baron Nucingen zehntausend Franken verloren!" „Verehrter Herr Gobseck," entgegnete der Graf mit einer bewunderungswürdigen Unverschämtheit, indem er den Geld- Verleiher von Kopf bis zu den Füßen maß,„meine Sachen gehen Sie gar nichts an. Wer Kredit hat, der schuldet nichts." „Richtig." „Meine Wechsel werden bezahlt werden." „Möglich." „In diesem Augenblick beschränkt sich die Frage zwischen uns darauf, ob meine Garantien Ihnen für die Summe, die ich borgen möchte, genügen." „Richtig." Das Geräusch der Droschke, die vor der Tür anhielt, war oben im Zimmer hörbar. „Ich werde etwas holen," sagte der junge Mann,„womit Sie vielleicht zufrieden sein werden." Dann ging er eilig hinaus. „Ach, mein Söhnchen l" rief Gobseck, indem er sich erhob und mir die Hände entgegenstreckte.„Wenn er ein gutes Pfand hat— Du rettest mir das Leben! Ich wäre darüber zugrunde gegangen. Werbrust und Gigonnet haben ge- glaubt, mir einen Possen zu spielen. Durch Deine Beihlllfe werde ich heute abend in der Lage sein, auf ihre Kosten zu lachen." Die Freude des alten Mannes hatte etwas geradezu Schaudererregendes an sich. Dies war das einzige Mal, daß er sich mir gegenüber zu einem Gefühlsausbruche hinreißen ließ. Und wie kurz das Aufflackern dieser Stimmung auch bei ihm gewesen sein mochte— es blieb mir doch für alle Zeiten im Gedächtnisse hafte«. „Erweisen Sie mir den Gefallen, hier zu bleiben," bat er jetzt.„Ich bin zwar wohl vorbereitet und bewaffnet, ich bin meines Schusses sicher, wie es eben ein Mann ist, der früher Tiger gejagt und manches Stündchen auf dem Kauf- fahrer mitgemacht hat, wo es„siegen oder sterben" hieß. Und doch mißtraue ich diesem vornehmen eleganten Hallunken." Er setzte sich wieder auf seinen Lehnsessel vor dem Schreib- tisch. Sein Gesicht war ruhig, aber leichenblaß. „Ach Gott, ach Gott!" rief er plötzlich, indem er sich mir zuwandte.„Jetzt werden Sie also das schöne Geschöpf zu sehen bekommen, von dem ich Ihnen einmal erzählt habe. Ich höre einen leichten, aristokratischen Schritt auf dem Gange." Und wirklich! Der junge Mann trat jetzt ein und führte eine Dame an der Hand, die ich als die Gräfin erkannte, die mir Gobseck im Zusammenhange mit jener morgendlichen Szene in ihrem Schlafzimmer seinerzeit geschildert hatte. Sie war eine von den Töchtern des biederen alten Goriot. Die Gräfin sah mich anfänglich nicht. Ich stand in der Fensternische mit dem Gesicht auf die Scheiben. Als sie das düstere, feuchte Zimmer des Wucherers betrat, warf sie Maxime einen Blick ängstlichen Mißtrauens zu. Sic war so schön, daß ich sie trotz aller ihrer Untaten be- dauern mußte. Eine furchtbare Angst wühlte offenbar in ihrem Innern: ihre edlen, stolzen Züge hatten etwas kon- vulsivisch Verzerrtes an sich, das zu verbergen ihr nicht ge- lang. Der junge Mann war zu ihrem bösen Genius geworden. Ich bewunderte Gobseck, der auf einen einzigen Wechsel hin das Schicksal dieser beiden Geschöpfe schon vor vier Jahren erkannt und vorausgesagt hatte. „Vielleicht, daß dies Ungeheuer in der Gestalt eines Halb- gottes eine unheilvolle Macht über sie besitzt," dachte ich bei mir.„Vielleicht, daß er sie mit allen Triebfedern menschlicher! Veranlagung willenlos leitet: durch Eitelkeit, Eifersucht, Genuß und alle berauschenden Verführungen der großen Welt?" „Ich weiß es," unterbrach die Vicomtesse.„Selbst aus! den Tugenden dieser Frau hat er sich Waffen gegen sie zu schmieden gewußt. Er hat sie Tränen verzweiflungsvoller Ergebenheit vergießen machen: er hat den unserem Geschlechte angeborenen Edelmut bis zum äußersten zu treiben und ihre Liebe zu mißbrauchen und betrügen gewußt, um ihr einen verbrecherischen Freudentaumel teuer genug zu verkaufen!'' „Ich will es Ihnen gern zugeben," fuhr Derville fort, der die Zeichen und Geberden der Vicomtesse nicht verstand,„ich betrauerte das Schicksal dieses unglücklichen Geschöpfes nicht, das so herrlich und glänzend vor den Augen der Welt einher- wandelte und das so furchtbar und abstoßend für die war, die in seinem Herzen zu lesen wußten. Nein— ich schauderte nur, als ich den Mörder der bejammernswerten Frau be- trachtete, diesen jungen Menschen, dessen Stirn so rein und ehrlich schien, dessen Mund so frisch war, dessen Lächeln so be- strickend." In jenem Augenblicke aber standen die zwei vor ihrem Richter, der sie jetzt prüfte und betrachtete, wie wohl ein alter Dominikaner des sechzehnten Jahrhunderts den Folterqualen folgte, die zwei unglückliche Menschen in den Gewölben der Inquisition erdulden mußten. „Ist es angängig, mein Herr," fragte sie mit zitternder Stimme, indem sie Gobseck ein Etui hinhielt,„den Gegen- wert für diese Diamanten zu erhalten— mit der Möglichkeit, sie später wieder zu erwerben?" „Gewiß, Frau Gräfin," entgegnete ich, indem ich mich einmischte und mich ihr voll zuwandte. Sie sah mich, sie er- kannte mich und erbebte. Dann warf sie mir einen Blick zu, der allerorten dasselbe bedeutet: Bewahren Sie Still- schweigen! „Was Sie beabsichtigen," fuhr ich fort,„stellt eine Rechtshandlung dar, die wir mit dem Ausdrucke„Verkauf mit Nückkaufsrecht" bezeichnen— eine Vereinbarung, kraft deren ein Bcsitztitel auf ein bewegliches oder unbewegliches Gut für die Dauer einer bestimmten Zeit auf einen anderen über- tragen wird. Nach Ablauf dieses Termins kann man durch Erlegung einer festgesetzten Summe das Recht auf das strittige Objekt wieder antreten." Sie atniete erleichtert auf. Graf Maxime aber runzelte die Stirn: er fürchtete, der Wucherer würde im Falle eines solchen Abschlusses eine ver- hältnismäßig geringere Summe für die Diamanten hergeben, insofern sie einen mannigfachen Preisschwankungen aus- gesetzten Gegenstand darstellten. Gobseck bewahrte seine Ruhe: er hatte seine Lupe er- griffen und betrachtete schweigend den Inhalt des Etuis. Wenn ich hundert Jahre leben sollte— ich werde den Ausdruck seines Gesichtes nie vergessen! Seine bleichen Wangen hatten sich gerötet: seine Augen, in denen die Steine sich spiegelten, schienen ihren Glanz zu verdoppeln und leuchteten in einem übernatürlichen Feuer. Er erhob sich, trat ans Fenster und hielt die Juwelen an seinen zahnlosen Mund, als ob er sie hätte verschlingen wollen. Er murmelte unzusammen- hängende Worte vor sich hin, nahm abwechselnd die Arm- bänder, die Ohrgehänge, die Colliers, die Diademe in die Hand und hielt sie gegen das Licht, um das Wasser, die Weiße und den Schliff der Steine zu prüfen: er holte sie ans dem Schmuckkästchen, tat sie zurück, suchte sie wieder hervor, ließ das Licht auf ihnen spielen und ihr Feuer erstrahlen. Er war mehr Kind als Greis: oder eigentlich gleichzeitig Kind und Greis. „Schöne Diamanten! Vor der Revolution wäre das Zeug dreihundcrttausend Franken wert gewesen. Welch reines Wasser. Echte asiatische Diamanten— von Golkonda oder Visayoor. Kennen Sie den Wert? Nein, nein Gobseck ist in Paris der einzige Mensch, der dergleichen zu schätzen weiß! Noch unter dem Kaiserreiche hätte man zweimal- hunderttausend Franken benötigt, um einen solchen Schmuck zusammen zu stellen." Er machte eine abweisende Geberde des Bedauerns. „Heutzutage," meinte er,„verlieren die Diamanten täglich an Wert. Brasilien überschüttet uns seit deni Frieden und füllt den Markt mit Steinen, die viel weniger weiß sind als die indischen. Bei Hofe— da werden sie noch getragen. Geht die Dame auch zu Hofe?" Während er diese niederschmetternden Worte, scheinbar unbeabsichtigt, hervorbrachte, betrachtete er die Juwelen nach wie vor mit einem geradezu unbeschreiblichen Genüsse. Wieder nahm er alles einzeln in die Hand. „Ohne Fleck— dieser hat einen Fleck— dieser hier einen kleinen Riß— schöner Diamant!" Sein bleiches Gesicht erstrahlte im Wiederschein der Juwelen in solch leuchtendem Glänze, daß ich es unwillkürlich mit jenen grünlichen Spiegeln vergleichen mußte, wie man sie wohl in ländlichen Gasthöfen wiederfindet. „Wie stehen die Sachen also?" fragte der Graf, indem er Gobseck einen Schlag auf die Schulter versetzte. Das greisenhafte Kind fuhr zusammen. Er trennte sich von seinem Spielzeug, stellte es auf seinen Schreibtisch, setzte sich in seinen Sessel und wurde wieder ganz Wucherer— hart, kalt und glatt wie eine Marmorsäule. „Wieviel brauchen Sie?" „Hunderttausend Franken auf drei Jahre," sagte der Graf. „Nicht unmöglich," erwiderte Gobseck, indem er aus einer Mahagonischachtel eine Wage von unschätzbar genauer Arbeit hervorholte: das war sein Schmuckkasten. Er wog die Steine ab, indem er das Gewicht der Fassung nach dem äußeren Ein- drucke— und nur Gott weiß, wie hoch— veranschlagte. Währenddessen kämpfte der Graf zwischen Freude und Ernst. Die arme Frau verharrte in einem Zustande dumpfer Betäubung, die ich ihr nachfühlen konnte: sie schien mir die Tiefe des Abgrundes ermessen zu wollen, in den sie versinken sollte. Offenbar regte sich die Reue noch im Herzen der Un- glücklichen: sie bedurfte nur einer Hand, die sich ihr teil- nehmend entgegenstreckte: vielleicht war sie noch zu retten. Ich versuchte es. „Gehören diese Steine Ihnen, Madame?" fragte ich mit vernehmlicher Stimme. „Jawohl," entgegnete sie mit unverkennbarem kühlen Stolze. „Setzen Sie den Rückkaufsvertrag auf und schwatzen Sie nicht I" unterbrach Gobseck, wobei er sich erhob und mir seinen Platz am Schreibtische anwies. „Madame ist verheiratet, nicht wahr?" bemerkte ich. Sie nickte bejahend und ungeduldig mit dem Kopfe. „Ich werde den Kontrakt nicht aufsetzen," sagte ich schroff. „Und warum nicht?" meinte Gobseck. „Warum?" wiederholte ich, indem ich den alten Mann mit mir in die Fensternische zog, um dort leise mit ihm zu sprechen.„Warum?" Weil diese Frau unter der eheherr- lichen Gewalt ihres Mannes steht und der Vertrag daher un- gültig ist. Sie können nicht einmal ihre Unkenntnis geltend machen, da diese Tatsache in dem Aktenstück erwähnt werden muß." Gobseck bedeutete mir durch eine Kopfbewegung Still- schweigen und wandte sich wieder zu den beiden Geldsuchenden. „Er hat recht," sagte er.„Die Sache liegt jetzt ganz anders. Achtzigtausend Franken bar— und Sie überlassen mir die Steine," setzte er mit tonloser, dünner Stimme hinzu. »Aber— ," der Graf wollte etwas einwenden. „Mein letztes Wort," bemerkte Gobseck, indem er der Gräfin das Etui einhändigte.„Ich muß ein zu großes Risiko dabei laufen." „Sie sollten sich lieber Ihrem Gatten zu Füßen werfen," flüsterte ich ihr ins Ohr. Der Wucherer entnahm offenbar den Sinn meiner Worte aus den Bewegungen meiner Lippen. Er warf mir einen durchbohrenden Blick zu. Das Gesicht des jungen Mannes wurde aschfahl. Die Gräfin zögerte sichtlich. Der Graf näherte sich ihr: wenngleich er sehr leise sprach, so hörte ich seine Worte doch: „Leb wohl, liebe Anastasia, und sei glücklich. Ich werde so wenigstens morgen keine Sorgen mehr haben." „Mein Herr!" rief die Gräfin plötzlich, indem sie sich eilig 5» dem Alten hinüber begab.„Ich nehme Ihr Anerbieten an!" „Na. endlich. Madame," entgegnete der Alte,„aus Ihnen ist schwer etwas herauszubekommen: ein Beichtvater hätte wohl ein tüchtiges Stück Arbeit mit Ihnen, schöne Frau." Bei diesen Worten unterzeichnete er eine Bankanweisung über sünfzigtausend Franken und händigte sie der Gräfin ein. „Und nun," fuhr er mit einem Lächeln fort, das etwas unverkennbar Voltairesches an sich hatte,„jetzt werde ich Ihnen die gewünschte Summe mit dreißigtausend Franken in Wechseln abrunden, deren Güte wohl nicht beanstandet werden kann. Sie sind so gut wie Gold in Barren. Ihr Herr Be- gleiter hat mir soeben erst erklärt: Meine Wechsel werden bezahlt." Er holte mehrere vom Grafen gezeichnete Wechsel hervor; sie waren alle am Tage vorher zu Protest gegangen, und zwar auf Veranlassung eines der Freunde Gobsecks, der sie ihm wahrscheinlich dann für eine geringe Summe verkauft hatte, Der junge Mann stieß eine Art Wutgebrüll hervor, aus dem nur das Wort„alter Schuft" heraustönte. Gobseck zuckte nicht mit der Wimper; er nahm ein paar Pistolen aus einem Kasten und sagte: „Als Beleidigter habe ich den ersten Schuß." „Maxime, Sie müssen sich bei dem Herrn entschuldigen," flehte die Gräfin, am ganzen Leibe zitternd. „Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen," stotterte der Graf. „Das weiß ich sehr gut," entgegnete der Wucherer.„Sie hatten lediglich die Absicht, Ihre Wechsel nicht zu bezahlen." Die Gräfin erhob sich und verabschiedete sich mit einem kurzen Gruße. Angst und Entsetzen malten sich auf ihren Zügen. Traille mußte ihr folgen. Bevor er sich entfernte, sagte er noch: „Wenn Sie beide ein Wort hierüber verlauten lassen, so fließt Ihr Blut— oder das meine." „Amen," setzte Gobseck hinzu, indem er die Pistolen weg- schloß.„Um aber sein Blut aufs Spiel zu setzen, mein Jungelchen, muß man auch welches haben. Du hast nur Dreck in Deinen Adern!" (Fortsetzung folgt.) lNochdnick verboten.) Allerlei Aletterpropketen. Unter den zahlreichen Faktoren, die das Leben der Menschen beeinflussen, nimmt das Wetter zweifellos eine der ersten Stellen ein. Es beeinflußt unsere eigenen bedeutsamsten Entschließungen sowohl wie mancherlei Verhältnisse, in denen wir leben. Sehr oft hängt das Gelingen eines Planes, die Erreichung eines nützlichen oder angenehmen Zweckes von der Beschaffenheit der Atmosphäre ab, und deshalb konsultieren wir so häufig Barometer, Thermometer und Hygronietcr. Diese Wetterpropheten geben dem Landmann, dem Kaufmann, den Gewerbetreibenden wichtige Fingerzeig« zur Vorausbcstimmung des Wetters. Auch wenn es sich um einen Aus- flug, ein Gartenfest oder ein anders Vergnügen in freier Natur handelt, pflegen wir gern jene so beliebten und gefürchteten Haus- gätzen zu befragen. Neben ihnen aber existieren noch eine ganze Anzahl andere, weniger bekannte, aber doch in gewissem Maße recht zuverlässige Wetterpropheten, unter denen verschiedene Repräsen- tonten der Tierwelt die bedeutendste Nolle spielen. Mehr wie der moderne Mensch, dessen ganzes Sinnen und Denken auf den Kampf ums Dasein gerichtet ist, mehr selbst als der Naturmensch, beeinflußt die Witterung das Leben und die Ge» wohnheit der Tiere. Doch ehe wir sie in ihrer Eigenschaft als Wetterpropheten betrachten, sei es uns gestattet,«inige andere Er- schcinungen in der Natur für unsere Zwecke heranzuziehen. Ausgezeichnet verstehen sich die Bewohner der Alpen auf die Deutung des Wetters. Mancher Tourist wird zu später Abend- stunde ein besonderes Glitzern der Sterne wahrgenommen haben. Die Erfahrung lehrt, daß solch auffallendes Sternengeslimme» inuner mit„warmem HöheMvind"(Südwind) zusammenhängt. Steht Neumond dazu, so wird nach einer uralten Wetterregel in den Alpen das Wetter bald umschlagen. Bringt ein Wettersturz auf Südwind intensiven Neuschnee, so wird mancher Bergführer und Bergfahrer aufatmen! Binnen 24 Stunden wird Himmelsbläue über weiß verwehte Schrofen leuchten. Jeder erfahrene Hochtourist wird bei Nebeleinfall an die Aus- führung seiner Bergbestcigungspläne nur dann schreiten, wenn sich Anhaltspunkte dafür bieten, daß die Wolken nur in dünner Schicht gelagert sind. Dicke Wolkenbänke vereiteln alle Pläne. Freilich ist solche Beobachtung oft recht schwierig und meist nur den alten Berg- führern möglich. Wird ein erprobter Führer— ineist sind sie um o wortkarger, desto größeres Renommee sie besitzen— ganz chweigsam, so findet der Tourist die Ur>ache solch völligen Ver- stummens durch einen Blick in de-» Wolkenzug aus Süden, Uek�rrascht einen Hochtouristen plötzlicher Nebel mit Vehs- menten Windstößen, so gilt es, rasch notdürftigen Unterstand unter überhängenden Felsen(Gufeln) zu erreichen, denn die Regenschauer folgen solchen Anzeichen meist sehr rasch. Unerläßlich ist in solchem Falle die Wartezeit von 4S Minuten, d. h. in der Hochregion, wo es häufig zu beobachten ist, daß Nordwind aufsteigt und die Sonne als Siegerin aus dem Kampfe hervorgeht. Läßt aber die Vehemenz der Regenschauer so weit nach, daß es gleichförmig„schnürlt", so tut der Tourist gut, alle Pläne aufzugeben und im Landregen resigniert zu Tal hinunterzusteigen. Elmsfeuer ist nur selten zu beobachten, im Gebirge nur in der Höhe. Ein Summen und Knistern kündet die interessante elektrische Erscheinung, der sich ein eigentümlicher phosphoreszierender Schimmer anschließt, an. Gleich darauf blitzen weißliche Lichter in Büschelform auf, elektrische Funken sprühen, die Haare, die Finger strahlen weißliche Lichtbüschel aus, der Hut, die Gestalt ist von bläulichtveißem Licht umflossen, metallische Gegenstände des Touristen summen und knistern. All dies geht ungemein rasch vorüber, fast einem Geisterspuk vergleichbar. Unfehlbar folgt aber recht schlechtes Wetter darauf, meist intensiver Schneefall oder Graupelregen. Wenn sich auch die Lehre von der Wetterankündigung durch die Tiere noch nicht die unbeschränkte Anerkennung der Meteorologen zu erringen vermocht hat, so lehren doch die Beobachtungen an den Tieren, die man in Stadt und Land machen kann, daß in ihnen dem Naturfreunde Propheten zur Verfügung stehen, die in den meisten Fällen an Sicherheit selbst Wetterglas und Barometer übertreffen. Auch die Physiologie hat sich in dieser Beziehung auf die Seite derer gestellt, die vielen Vertretern der Tierwelt die Eigenschaft„Wetter- kündiger" zu sein, zusprechen. Spinnen, Blutegel, Frösche und Wetterfische haben in dieser Beziehung einen wohlbegründeten Ruf erlangt. Als die zweifellos besten und zuverlässigsten aller tierischen Wetterpropheten bezeichnet M. Tankler, der sich gerade mit der in Rede stehenden Eigenschaft der Tierwelt eingehend beschäftigt und ausgezeichnete Beobachtungen gemacht hat, die Spinnen. Wer diese im allgemeinen so verhaßten und verachteten Tierchen längere Zeit aufmerksam beobachtet, der ist zuletzt imstande, selbst unbedeutende Witterungsveränderungen mit großer Sicherheit vorauszusagen. Im Sommer eignet sieb die Kreuzspinne am besten zur Beobachtung. Schon aus der Art ihres Webens kann man Schlüsse ziehen. Webt sie recht langsam und ordentlich, so bleibt die Witterung andauernd schön und beständig. Weniger beständig ist es, wenn sie beim Weben eine gewisse Hast und Unruhe zeigt. Ist das Netz fertig, so ist auf andauernde heitere Witterung zu schließen, wenn sie ruhig mit an- gezogencnFüßen in der Mitte des Netzes sitzt. Hat sie dagegen die Füße nicht angezogen, sondern sprungfertig ausgebreitet, so sind große Hitze und Gewitter im Anzüge. Winde kommen, tvenn sie das Netz durch Einziehen von Fäden zu lichten beginnt, und zwar um so schneller, je eiliger sie diese Arbeit ausführt. Sieht das Netzrevier zerrissen aus, wenn die Spinne am Ende eines Fadens oder gar außerhalb des Netzes sitzt, so folgen schwere Stürme und Unwetter. Geht sie dann ins Netz zurück und beginnt die Aus- besserung, so kann man auf gutes Wetter hoffen, wenn es auch noch so schlecht aussieht. Im Winter vertritt die Haus- oder Winkel- spinne die Kreuzspinne in ganz ausgezeichneter Weise. Baut sie bei kaltem Wetter ihr Gespinnst in der Nähe des Fensters, so kommt mildes Wetter, dagegen tritt starke Kälte und � Frost ein, wenn sie sich aus den F«nsterwinkeln entfernt und sich nahe dem Ofen an- baut. Beim Eintritt von naßkalter Witterung zieht sie Fäden vor den Eingang ihres Gewebes; heiteres Wetter folgt, wenn sie dieses zu entfernen beginnt. Schlechtes Wetter zeigt sie auch dadurch an, daß sie sich eine Anzahl Fliegen unversehrt einspinnt. Zeigen sich viele fleißige Hängespinnen, so ist auf andauernd gutes Wetter zu hoffen. Bekannter vielleicht als die Spinne ist der Laubfrosch als tierischer Wetterprophet. Freilich wollen ihm viele diese Eigenschaft absprechen; Tankler ist der Meinung, daß das Tier sich als durchaus zuverlässig zeigt, wenn man es in eine Kiste bringt, in deren Boden man ein handtiefes Gefäß mit Wasser anbringt und den Boden mit Moos belegt. Zur' Beobachtung ist es gut, wenn in den Wänden möglichst viel Glasscheiben eingelassen werden, man kann noch einen knorrigen Aststrunk und ein paar Steine mit Moos anbringen; alle zwei bis drei Tage wird das Innere mit Wasser besprengt. Bei einem solchen Aufenthaltsort geht das Tier nur dann in den Wasser- behälter, wenn die Natur es treibt, und dieS geschieht, wenn Regenwetter im Anzüge ist. Aeltere Laubfrösche(etwa zwei bis vier Jahre alt) stoßen beim Herannahen von Regenwetter auch noch einen besonderen Ton aus, der unserem Gewährsmann als sicherster Regenbote gilt. Ebenso leicht zu halten und zu beobachten und ebenso sicher in seinen Anzeichen ist der Schlammpitzer oder Wetterfisch, den man leicht in einem Goldfischglase unterbringen kann. Den Boden des- selben bedecke man sechs bis sieben Zentimeter hoch mit feinem, tonigeu Sand, pflanze eine beliebige Wasserpflanze hinein und fülle das Glas bis auf zwei bis drei Zentimeter mit Fluß- oder Bach- Wasser. Das Wasser wird im Sommer jeden Monat, im Winter zwei- bis dreimal erneuert und der Fisch mit Insekten, Würmern, Fisch- und Froschlaich gefüttert. Bei andauernd guter Witterung schwimmt er ganz ruhig umher odtr liegt still am Boden, aber sein Verhalten ändert sich sobald Regenwetter herannaht. Dann wird er Plötzlich munter, geht an die Oberfläche und schlängelt sich dort uu- ruhig umher. Steigert seine Unruhe sich und beginnt er Schlamm und Sand aufzuloühlen, so kann man auf Sturm und Unwetter rechnen. Natürlich darf man sowohl Laubfrosch, als auch Schlamm- pitzer weder in die Nähe des warmen Ofens noch ins Sonnenlicht stellen; ihre Prophezeiungen sind dann am sichersten, wenn auch die Außenluft freien Zutritt hat. Welchen Einfluß die Aenderung des Wetters auf die Tierwelt ausübt, können wir besonders an gewitterhaften Tagen beobachten. Das Weidevieh wird bei nahendem Unwetter schon lange vorher unruhig, schnappt auffallend nach Luft, schnaubt, wühlt mit Hörnern und Füßen die Erde auf und dunstet stark aus. Das Rindvieh be- leckt seine Füße und eilt brüllend dem Stalle zu. Ter Esel senkt traurig den Kopf und reibt den Körper an Bäumen u�d Mauern. Die Schafe beginnen zu springen und sich zu stoßen. Sie versuchen von der Weide aus Hecken und Gebüsche zu erreichen. Die Ziegen fressen mit großer Eile, selbst wenn sie gesättigt sind, wobei sie an- dauernd schreien, so daß das halbe Futter dem Maule wieder ent- fällt. Die Gänse eilen mit großem Geschrei ins Feld oder zum Weiher und schlagen heftig mit den Flügeln. Die Schweine zeigen durch unruhiges Wühlen und Umherwerfen der Streu und des Futters nahendes Gewitter an. Kehren die Tauben eines Schlages rasch nach einander vom Felde zurück, ohne t-aß andere wieder auf» fliegen, so sind schwere Gewitter im Anzüge. Selbst bei wilden, d. h. in der Freiheit lebenden Tieren finden sich Beispiele, daß sie bei elementaren Gefahren, zu denen ja auch das Gewitter zu rechnen ist, sich hülfesuchend den Menschen genähert haben. Zahlreiche Berichte von Förstern, Landleuten und über- seeischen Kolonisten liegen in dieser Beziehung vor. Uebrigens kann sich jeder, der Gelegenheit hat, einen zoologischen Garten zu' besuchen, von der deutlich erkennbaren Gewitterfurcht auch der größten Raub- tiere, als Löwen, Tiger und Wölfe, überzeugen. Die Tiere rennen aufgeregt in ihrem Käfig auf und nieder, verschmähen das Futter, brüllen kläglich, und nur bei einigen wirkt die Anlvesenheit ihres Wärters einigermaßen beruhigend. Auffallend zum mindesten für das große Publikum ist es, daß selbst der Elefant, trotz seiner beneidenswerten Dickhäutigkeit, sehr nervös werden kann. F. Hornig erzählt darüber ein drolliges Vor» kommnis: In Dresdens Zoologischem Garten residiert eine Elefanten» maid, namens Lilly, die erstens eine geradezu lächerliche Furcht vor Mäusen und zweitens vor Gewitter zeigt. Nun wollte es das Uu- glück, daß in> Laufe des Sommers der Blitz in einen Baum der benachbarten Tiergartenstraße einschlug; Lilly, an sich schon äußerst aufgeregt, geriet infolge des dröhnenden, prasselnden Donnerschlages vollends außer sich vor Schrecken und trampelte mit erhobenem Rüssel, wagerecht abstehenden Ohren und hastig pendelndem Schwänze schnaubend und trompetend in ihrer Villa umher. Selbst die Tiere im Wasser künden das Nahen von Gewittern an. So die Krebse, wenn sie am Abend aus ihren Höhleu ans Land kriechen, Nachtgewitter. Es ist eine unbestrittene Tatsache. daß in forellenreichen Wildbächen, wo sonst in kurzer Zeit lohnende Beute zu erangeln ist, in gewitterhaften Tagen nicht ein einziger Fisch sich an den gewohnten Fangorten sehen läßt. Auffallend ist auch das Schweigen im Walde vor Ausbruch der elektrischen Entladungen. Die Vögel, deren fröhliches Gezwitscher und Singen sonst von früh bis abends durch die grünen Hallen klingt, sind verstummt, und nur des Hähers heiserer Schrei und das Hämmern eines rastlos arbeitenden Spechtes tönt an unser Ohr. während unser Auge umsonst das Dickicht durchspäht, die schweig» sinnen Waldkinder zu entdecken; sie sind wie auf Zauberspruch ver- schwnnden und mit ihnen die sonst munter umherspringenden Eich» Hörnchen. Ja, selbst das Hochwild lagert sich an versteckter und ge- schiitzter Stelle im Dickicht. Und welche Beobachtungen kann man erst au den Insekten anstellen I Mücken, Fliegen, Käfer usw., die sich sonst lustig und in hohen Lustschichten tummeln, sitzen entweder schlaftrunken in ihren Berstecken oder taumeln müde und nur wenig über den Erdboden erhoben dahin. Eine Folge hiervon ist der Niederflug der Vögel, die natürlich ihrer Beute folgen müssen. Viele Insekten zeigen bei Gewitterschwüle auch eine auffallende Lust zum Stechen und die Belästigung durch Fliegen ist nie größer als vor einem Gewitter. Zahlreich sind ferner die Beobachtungen, die bei den Tieren ein Vorgefühl von Regen anzeigen. Bei herannahendem Regenwetter schlagen die Dohlen mit den Flügeln, fächeln sich gleichsam Kühlung zu und wühlen mit den Schnäbeln in den Federn. Emsiger arbeiten die Ameisen, wenn der Regen droht. Sie suchen dann ihre Hohl» gänge zu vervollkommnen, gegen Regen zu schützen und offen zu halten, da das Wasser sie sonst leicht verschwcmmcn würde. Kehren die Tauben ungewöhnlich spät aus dem Felde heim, und laufen die Hühner nach Beginn der Dunkelheit noch futter» suchend umher, so kann man für die nächsten Tage auf andauernden Regen zählen. Regen naht auch, wenn die Hirsche eines Rudels sich außerhalb der Brunstzeit bekämpfen, Fuchs und Wolf ihre Stimme hören lassen, die Katze ihre Pfoten beleckt und sich über die Ohren streicht und starkfunkelnde Augen hat, und wenn in Garten und Wiesen die Maulwürfe emsig Haufen aufwerfen. Schöne Tage dagegen folgen gewöhnlich, wenn die Fledermäuse am Abend recht zahlreich umherfliegen. Viel schwerer als diese Beobachtungen wiegen solche, die sich auf einen größeren Zeitraum, etwa auf eine Jahreszeit beziehen. Sie haben den Vorzug einer größeren Sicherheit, weil sie sich nach den Voraussetzungen richten, ivonach z. B. eine Jahreszeit beginnt, und anzeigen, welchen Verlauf diese in normaler Weise nehmen wird. Zur'Unterstützung halten wir uns an einige Beobachtungen, aus denen sich Regeln für den Winter aufstellen lassen sollen. So will unser schon wiederholt genannter Gewährsmann auf Grund seiner viele Jahre hindurch gemachten Beobachtungen folgendes, wenn auch nicht mit absoluter Gewihheit, festgestellt haben: sind die Gänse und Hasen im Herbste recht fett und stark behaart oder befiedert, dann deutet dieses auf einen strengen Winter, während beim Gegenteil ein milder Winter zu erwarten ist. Ein strenger Winter ist auch dann zu erwarten, wenn Eichhörnchen und Erdnager große Vorräte anlegen, und die Waldameisen ungewöhnlich große Haufen von Tannen- und Kiesernnadeln anhäufen. Der Winter soll besonders streng sein, wenn Eicheln und Hagebutten gut geraten, wenn Feldhühner besonders fett und die Pelze der Wald- tiere recht dicht und glänzend werden. Einen mäßig kalten Winter prophezeit man, lvenn Juli und August gleich warm sind, einen milden, wenn der Juli kälter war als der August. Doch wollen wir dieses Thema nicht weiter ausspinnen, da diese Regeln schon etwas nach dem hundertjährigen Kalender riechen.— _ I. Wiese. Kleines feulUeton. 1. k. Geister- und Gcspeuftcrglaubcn.(Nachdruck verboten.) Was die sprachliche Herkunft des Wortes„Gespenst" betrifft, so leitet man es ivohl am besten vom alten„gispensti" ab, was„Ueber- redung" bedeutet. Und dieser Ausdruck ist nicht unpassend, denn gleichsam durch Ueberrednng der Sehorgane, durch die überreizte Phantasie nimmt man Gespenster wahr, das heißt Dinge, die nicht existieren oder doch nicht an Ort und Stelle vorhanden sind. Oft sind solche Empfindungen auch begreiflich, zum Bei- spiel auf Friedhöfen, die besonders in mondhellen Nächten als vermeintliche Lieblingsresidenzen von Geistern und Ge- spenstcrn gefürchtet sind. Da ist es kein Wunder, lvenn Leute mit überspannten Köpfen in jedem Bauin ein Gespenst sehen, jeden Stein als Geist betrachten und Windstöße für Seufzer und Geächze halten. Die Frage, ob es wirklich Gespenster und dergleichen gebe oder nicht, wurde früher gar ernsthaft behandelt und bildete den Gegen- srand zahlreicher gelehrter Streitschriften, Der Geister-, Gespenster-, Aber« und Wunderglaube fand zu allen Zeiten und bei allen Völkern zahlreiche Anhänger, und auch heute ist damit noch lange nicht auf- geräumt. Wenn auch die Aufklärung in den Städten viel allgemeiner wird, so läßt doch das Landvolk in dieser Beziehung noch alles zu wünschen übrig. Da das Wort„Geist" vielerlei Bedeutung hat, ist auf den Unterschied zwischen„Geisterseherei"(Spiritismus) und„Geister- glaube"(Dämonologie) zu achten. Hier versteht man unter Geistern gewissermaßen körperliche, wirkende, schaffende oder zerstörende Wesen, dort die Seelen, Schatten oder Manen der Verstorbenen, die durch Anwendung gewisser Mittel mit den Lebenden in zeitweiligen Werkehr gebracht werden sollen. In den Bereich des Spiritus ge- hört der Umstand, daß sich Freunde und Verwandte oft das Versprechen gegeben haben, nach dem Tode einander zu erscheinen, um Kunde über das Jenseits zu geben. Unter Lorenzo di Medici bestand in Florenz eine gelehrte Gesellschaft der „Platoniler". Zwei Mitglieder derselben, Marsilius Ficieni und Mercato, verabredeten, daß der zuerst Sterbende, wenn es möglich sei, dem Ueberlebenden erscheinen und ihm mitteilen solle, ob die Unsterblichkeit der Seele der Wirklichkeit entspreche oder nicht. Mercato starb, und kurz darauf glaubte der im Kreise seiner Freunde sitzende MarsiliuS dessen Geist an, Fenster zu erblicken. Ein ähnliches Verhältnis finden wir in der kleinen Erzählung „Die Harfe" von Theodor Körner.— Der berühmte Spiritist Swedenborg war nicht, wie sein nicht minder berühmter Zeit- genösse Cagliostro, ein Betrüger, sondern ein Selbst- betrogener. Während einer Seefahrt machte er in der Kajüte des Kapitäns vor allen Stühlen Verbeugungen. Auf die Frage des Kapitäns antwortete er:„Sehen Sie denn nicht Peter den Großen, Karl XU., Katharina II. usw.?" Bei der Landung verlangte der Kapitän das Reisegeld für jene fürstlichen Personen oder das Geständnis Swedenborgs, daß er ein Narr sei. Im Sinne der Dämonologie unterscheidet man böse und gute, reine und unreme Geister. Engel und Teufel.— Während die Heiden des Altertunis mir Poltergeister(Larven) und Rachegeister(Furien und Harphen) hatten, wurden jene Unterschiede erst durch christliche Anschauungen greller. Die ehemaligen Götter wurden auch teilweise zu Teufeln degradiert. So begegnen wir Venus in der Tannhäuser- sage als Tcnselin wieder; so ließ der Volksglaube Wodan und Odin als ivilde Jäger in Begleitung des wilden Heeres durch die Luft ziehen. Während die Engel im Himmel, die guten Geister auf der Erde placiert waren, versetzte man den Teufel und die bösen Geister in die Hölle und unter die Erde. Zu den guten Geistern gehörten außer den Engeln die Seelen guter Menschen, die Elfen, die Ahn- srauen in den Burgen, die Heinzelmännchen in den Bürgerhäusern und die Gnomen oder Kobolde in den Bergen. Der ägyptische Teufel ist Typho», das böse Prinzip, den man als Urheber allen Hebels betrachtete und mit den scheußlichsten Zügen darstellte. Der echte Teufel wurde von den Juden im babylonischen Exil als „Satan" kennen gekernt, welches Wort aus dem Griechischen stammt und„Feind, Widersacher" bedeutet. Der Satan ist ein Nachbild des persischen Ahriman.— n. Künstlich weiß gemachtes Weizenmehl. Ein deutliches Symptom dafür, daß in einer Zeit oder in einem Volke die Kultur sich entwickelt, ist darin zu finden, daß die Ansprüche ausgedehnter Teile der Bevölkerung an die Lebensführung sich steigern. Früher, als man nichts besseres kannte, war auch der Reichste mit grobem Schwarzbrot zufrieden, dann aber, als man feineres Mehl backfähig her- stellen lernte, wollte fast niemand mehr das früher so ivohlschmeckend gewesene gröbere Brot z» sich nehmen. Jetzt ist mancher schon nicht mehr mit Weizenbrot zufrieden, sondern beklagt sich, wenn dies ans Mehl besteht, das nicht ganz so weiß aussieht wie das, welches man vor einiger Zeit bekam, oder wie das, welches der Nachbar bezieht. Die Anforderungen an die weiße Farbe des Mehls gingen schließlich so weit, daß die Mehlhändler sich gezwungen sahen, das ein wenig dunklere Mehl künstlich weiß zu färben. Dazu verlvendet man solche Mittel, die den dunkelen Farbstoff des Mehls zerstören, dieses selbst also bleichen. Hierzu bedient man sich meistens des Zusatzes von Ozon, das ja überall bleichend wirkt, oder die dunkle Mehlfarbe tvird zerstört, indem ein geeigneter elekwischer Strom durch das Mehl geschickt wird. Aber auck diese Mittel, so wenig man bei ihnen von gesundheitsschädlichen Stoffen sprechen kann, sind doch nicht ganz unbedenklich. Sie zer- stören nämlich nicht nur die Farbe des Mehls, sondern sie verändern auch dessen wesentliche Bestandteile, so daß dessen Nährwert und Wohlgeschmack beeinträchtigt werden.— Humoristisches. — Zur Nachahmung.„Nur net auslassen, Herr Meier, sehgn S'. i Hab' mi ja aufg'schwunga vom arma Hausknecht bis zum Rentier!" „Ach ja l Wie haben Sie das nur gemacht?" „'s groß' Los Hab' i g'wunna."—(„Simpl.") — Wie heißt der Admiral? Uns schreibt ein ver- zweifelter Leser: Nach der„Kölnischen Zeitung" heißt der einstige Admiral des baltischen Geschwaders R o s ch e st w j e n s k i, die „Vossische" spricht von N o s ch d e st w e n s k y, die„Warschauer Deutsche Zeitung" tauft ihn R o s ch e st w e n s k i, die„Neue Preußische" glaubt R o s h 6 st w e n st k i sei das Richtige. Andere Berliner Zeitungen nennen ihn R o s h d j e st w e n s k y, die Scherl- Blätter machen sich die Sache einfach und sagen: Rojestwensky, und auf einem Bilde im„Berliner Blatt" las ich R o d s ch e st- w e n s k i.— Seien Sie so gut: wie schreibt sich der Mann? I— Notizen. —„Hidalla", ein fünfaktiges Schauspiel von Frank Wedekind, soll als eine der ersten Neuheiten im Kleinen Theater in Szene gehen. Wedekind wird selbst die männliche Hauptrolle spielen.— —„Madame T o r r e r a", ein dreiaktiger Schwank von Ch an cel, wurde vom Tri anon- Theater zur Aufführung angenommen.— —„Die vier Grobiane" heißt eine neue Oper von W o l f f- F e r r a r i-, die zum erstenmal im Münchener Hof- theater gespielt werden foll.— —„Der Feichten Hof in Goisern" nennt sich ein drei- aktiges österreichisches Volksstück, das einen Landbriefträger namens L a m p r e ch t zum Verfasser hat. Der junge Autor wird in einem Berichte der Wiener„Neuen Freien Presse" als ein starkes Talent bezeichnet.— — Eine Schutzvorrichtung gegen Theaterbrände hat der Chef der Feuerwehr zu Nantes, G o n z s, erdacht. Elek- irische Apparate, die im ganzen Hause verteilt sind, ermöglirfum, daß in dem Augenblick, da die Temperatur an irgend einer Stelle einen gewissen Grad erreicht, ein Läutewerk hier selbsttätig in Bewegung gerät. Das Publikum hört diese Glocke nicht, sondern nur eine Zentralstation, die mit 300 bis 500 Klappen ausgerüstet ist. Diese zeigen genau den Ort des Feuers an. Zugleich treten aber auch die automatischen Feuerlöscher in Aktion und setzen den gefährdeten Raum völlig unter Wasser. Es sind einfache Wasserleitungen, deren Verschlüsse bei 70 Grad Celsius schmelzen.— — John Pratt, der Erfinder der Schreib- Maschine, ist im Alter von 76 Jahren in Chattanooga, Tenn., gestorben.— c. Aethertrinker in Irland. Aus einer unlängst der- öffentlichten Statistik geht hervor, daß der Genuß von Acther in Irland in ganz erschreckender Weise zunimmt. Es gibt besonders in der Grafschaft Londonderry Kneipen, in denen nur Acther getrunken wird. Ein Kaufmann in Dublin schickt jährlich nahezu 200 000 Hektoliter nach Belfast.— g. Papier-Surrogate. Im Smithsonian-Jnstitut zu Washington befindet sich ein holländisch gedrucktes Buch ans dem Jahre 1772, worin die Blätter aus den verschieden st en P a p i e r s o r t e n bestehen, z. B. aus Papier von Wespennestern. Sägespänen, Nesseln, Weinreben, Hanf, Maulbeer- und Aloeblättern, Disteln, Stroh. Kohl, Asbest, Wolle, Gras, Tannen-, Pappel-, Buchen- und Weidenholz. Zucker, Kastanien- und Tulpenblättern usw.— Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin LVV.