Nnttthaltungsblatt des Horwärls Nr. 142. Dienstag, den 25. Juli. 1903 lNachdmck verboten.) 8] Gobfeck. Von Honorö Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. „Papa Gobseck." entgegnete ich.„ist in seinem Innersten von der unumstößlichen Richtigkeit eines Prinzips überzeugt. das für seine ganze Handlungsweise ausschlaggebend ist. Seiner Meinung nach ist das Geld eine Ware, die man, ohne deswegen mit seinem Gewissen in Konflikt zu geraten, je nach der Beschaffenheit des gegebenen Falles billig oder teuer ver- kaufen darf. Der Kapitalist ist in seinen Augen ein Mann, der durch den hohen Zins und Ertrag, den er von seinein Gclde fordert, gleichsam vorweg und vorgreifend als Teil- haber in alle gewinnbringenden Unternehmungen und Spcku- lationen eintreten kann und eintritt. Abseits von seinen Prinzipien und seinen philosophischen Anschauungen über die Veranlagung der Menschen, die es ihm gestatten, offenkundig als Wucherer aufzutreten, ist er nach meiner innerlichsten Ueberzeugung, sobald er seinen Geschäften den Rücken kehrt, der zartfühlendste und ehrlichste Mensch, den man sich denken kann. Zwei Menschen leben hier in einer Person: er ist Geiz- hals und Philosoph, er ist klein und doch groß. Sollte ich zum Beispiel bei meinem Tode Kinder hinterlassen, so würde ich ihn sicherlich zu deren Vormund bestimmen. Das also, mein Herr, ist, was die Erfahrung mich über Gobseck gelehrt hat. Von seinem früheren Leben weiß ich nichts. Er mag ein Pirat gewesen sein, er hat vielleicht ans seinen Fahrten über die ganze Erde niit Diamanten gehandelt oder mit Sklaven, nnt Weibern oder Staatsgeheimnissen— ich möchte es aber fast beschwören, daß kein Mensch mehr erlebt, mehr durchgemacht und erfahren hat, ausgiebiger erprobt und daher nachhaltiger gefestigt worden ist. An dem Tage, wo ich die Summe brachte, die mich aller Verpflichtungen gegen ihn enthob, habe ich ihn nicht ohne alle rednerische Vorsicht danach gefragt, was ihn veranlaßt hätte, einen so übermäßigen Zinssatz von mir zu fordern, und warum er, da er mir— seinem Freunde— doch nun einmal dienlich sein wollte, sich nicht zu einer umfassenden, einwändsfreien Wohltat veerstanden habe. Seine Antwort lautete folgendermaßen: „Ich habe dir das Gefühl der Dankbarkeit ersparen wollen, inein Sohn, indem ich dir das Recht zu der Annahme gab, daß du mir tatsächlich nichts schuldest. Daher sind wir auch noch immer die besten Freunde." Diese Worte werden Ihnen den Mann deutlicher schildern, als alles andere, was ich Ihnen, sonst noch allenfalls von ihm erzählen könnte. „Nun denn," meinte der Graf,„dann habe ich einen un- widerruflichen Entschluß gefaßt. Wollen Sie, bitte, eine Urkunde verfassen, kraft deren ich meinen gesamten Besitz auf Gobseck übertrage. Im übrigen verlasse ich mich ganz auf Sie, soweit es sich dann noch um den Wortlaut eines Gegen- reverscs handelt, indem er diesen Verkauf für fingiert erklärt und sich verpflichtet, mein von ihm verwaltetes Vermögen — wie er zu verwalten versteht— meinem ältesten Sohne bei dessen Mündigerklärung einzuhändigen. Jetzt noch eins, mein Herr: ich möchte diese Urkunde nur ungern bei mir zuhause aufbewahren. Die rllckhaltslose Liebe, mit der mein Sohn an seiner Mutter hängt, läßt mich befürchten, daß er unter Um- ständen vielleicht imstande wäre, ihr den Revers auszuliefern. Würden Sie damit einverstanden sein, wenn ich das Dokument bei Ihnen hinterlege? Für den Fall seines Todes soll Gobseck Sie zu seinem gesetzlichen Erben bestinimen. Solchermaßen wäre dann allen Möglichkeiten Rechnung getragen. Nicht wahr?" Der Graf schwieg einige Augenblicke: er schien über alle Maßen erregt. „Ich muß Sie tausendmal um Entschuldigung bitten," begann er nach einer Weile von neuem,„aber ich leide wirklich sehr— meine Gesundheit gibt zu ernsten Befürchtungen Anlaß. Neuerlicher Kummer hat mein Inneres in grausamer Weise aufgewühlt— und daher sind die umfassendsten Maß- nahmen geboten." „Gestatten Sie mir zunächst, Ihnen für das dargebrachte Vertrauen zu danken," entgegnete ich.«Ich muß es aber auch rechtfertigen, indem ich Sie darauf aufmerksam mache, daß Sie durch einen solchen Schritt Ihre— anderen Kinder völlig von der Erbschaft ausschließen. Selbst wenn sie die Kinder einer früher einmal geliebten, inzwischen gefallenen Frau sind, so haben sie doch auf irgend eine Art von Daseinsform An- spruch. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich das mir von Ihnen gütizst zugedachte Amt nicht annehme, wenn ihre Zukunft nicht gesichert ist." Bei diesen Worten erbebte der Graf am ganzen Leibe, Seine Augen füllten sich mit Tränen und er preßte mir ge- rührt die Hand. „Ich kannte Sie noch nicht ganz," sagte er.„Sie bereiten mir gleichzeitig große Freude und tiefen Kummer. Wir werden das Schicksal dieser Kinder durch den Wortlaut des Reverses sicherstellen." Ich führte ihn bis zur Tür meines Arbeitszimmers. Ein Abglanz der Freude lag auf seinen Zügen, die dem Gefühl der Befriedigung über seine gerechte Handlungsweise entsprangt „Sehen Sie, meine liebe Camille, wie es jungen Frauen ergeht, wenn sie einmal den ersten Schritt auf abschüssiger Bahn getan haben. Zuweilen geniigt ein Walzer, ein am Klavier gesungenes Lied, ein Ausflug aufs Land, um das furchtbarste Unheil heraufzubeschwören. Willenlos gleitet man ihm in die Arme, indem man den prunksüchtigen Lockungen der Eitelkeit und des Stolzes folgt— oft nur im Glauben an ein verführerisches Lächeln— oft aus sinnlosem Uebermut oder im Rausche der Gefühle. Scham, Reue, Elend sind die drei Furien, von denen solche Frauen mit unabweisbarer Folge- richtigkeit eines Tages gejagt und gehetzt werden müssen, wenn sie einmal die Grenzen überschritten haben--" „Meiner armen Camille fallen die Augen zu," unterbrach die Vicomtesse den Advokaten.„Komm', mein Kind, geh' schlafen! Du bedarfst solcher abschreckender Bilder nicht, um rein und tugendhast zu bleiben." Camille verstand, was ihre Mutter mit dieser Auf-. sorderung sagen wollte und ging hinaus. „Sie sind ein wenig zu weit gegangen, mein lieber Derville," bemerkte die Gräfin.„Die Rechtsanwälte sind nun einmal weder Familienmütter noch Seelsorger." „Und die Zeitungen sind noch tausendmal--" „Mein armer, guter Derville— ich erkenne Sie ja gar nicht wieder. Glauben Sie denn wirklich, daß meine Tochter Zeitungen liest? So— nun fahren Sie, bitte, in Ihrer Er- Zählung fort." setzte sie nach einer kurzen Pause hinzu. „Drei Monate, nachdem die Bestätigungsurkunde voll- zogen worden war, durch die Gobseck seitens des Grafen—" „Sie können ihn jetzt ruhig Graf Restaud nennen, da meine Tochter nicht mehr zugegen ist," bemerkte die Gräfin. „Wie Sie wünschen," entgegnete der Advokat.„Es war schon eine geraume Zeit seit jener letzten Unterredung mit Restaud verflossen, und ich war noch immer nicht in den Besitz- des Gcgenreverses gelangt, der in meinen Händen verbleiben sollte. In Paris werden die Anwälte in den Strudel der zahlreichen Prozesse und sonstigen Obliegenheiten mitgerissen, so daß sie den Angelegenheiten ihrer Klienten nur das Maß von Interesse entgegenbringen können, was diese selbst ihnen beilegen— mit einigen Ausnahmen, die wir allerdings hin und wieder zu machen wissen. Eines Tages aber, als der Wucherer bei mir speiste, fragte ich ihn dennoch, als wir uns von Tische erhoben, ob er nicht wisse, warum ich inzwischen nichts vom Grafen Restaud gehört hätte. „Dafür sind allerdings sehr triftige Gründe vorhanden," entgegnete er.„Der arme Mann ist totkrank. Er nennt eine jener zartbesaiteten Seelen sein eigen, die nicht wissen, wie man den Kummer ertötet und die daher stets vom Kummer getötet werden. Das Leben ist eine Arbeit, ein Beruf, den zu erlernen man sich bemühen muß. Wenn ein Mensch dadurch, daß er Schmerz und Leid auskosten mußte, das Leben kennen gelernt hat, dann wird seine Veranlagung kräftiger und widerstandsfähiger, und sie erwirbt sich einen gewissen Grad von Geschmeidigkeit, die sie in die Lage versetzt, das Maß der Empfindsamkeit zu regeln; er macht aus seinen Nerven eine Art stählerner Federn, die sich biegen können, ohne zu brechen; wenn er außerdem noch einen guten Magen besitzt, so muß ein solcherart präparierter Mann mindestens, so. lange ledem B>ifi Bfc Te5e?n 5e§ Libanon— fln5 Lies sinb ganz ausgezeichnete Bäume." „Der Graf liegt im Sterben?" fragte ich. „Möglich! Sie haben da mit seiner Geschichte einen saftigen Braten erwischt." Ich sah mir meinen Mann genauer an und sagte, um ihn auf den Zahn zu fühlen: „Erklären Sie mir doch ein einziges Mal, warum wir beide— der Graf und ich— die einzigen zwei Menschen sind, für die Sie etwas wie Teilnahme an den Tag gelegt haben?" „Weil sie mir ohne Ränke und Kniffe entgegengekommen sind," erwiderte er. Wenngleich ich aus dieser Antwort Gobsecks entnehmen durste, daß er mit den Besitztiteln keinen Mißbrauch treiben würde, falls der Gegenrevers verloren gehen sollte, so ent- schloß ich mich doch, den Grafen aufzusuchen. Ich schützte Geschäfte vor und so trennten wir uns. Bald darauf langte ich in der Rue du Helder au. Ich wurde in einen Salon geführt, in dem die Gräfin mit ihren Kindern spielte. Als sie mich anmelden hörte, erhob sie sich mit einer schnellen lebhaften Geberde, ging mir entgegen und ließ sich auf einen Sessel nieder, indem sie mir, ohne ein Wort zu sagen, einen anderen zur Seite des Kamins anwies. Sie setzte jene Maske der Unnahbarkeit auf, unter der die Frauen der großen Welt so gut ihre Leidenschaften zu verbergen wissen. Der Kummer und die seelische Erregung hatten ihren Zügen schon etwas Welkes verliehen: die wundervollen Linien, die früher den höchsten Reiz dieses Gesichtes ausgemacht hatten, schienen nur noch vorhanden zu sein, um von vergangener Schönheit Zeugnis ablegen zu können. „Es ist von höchster Wichtigkeit, Madame, daß ich Ihren Gatten persönlich spreche--" „Sie würden damit eine größere Vergünstigung erlangen, als sie mir zuteil wird," unterbrach sie mich.„Graf Restaud will niemand empfangen— kaum, daß sein Arzt ihn besuchen darf. Er weist jegliche Pflege zurück— sogar die meine. Kranke haben sonderbare Launen. Sie sind wie Kinder, die nicht wissen, was sie wollen." „Vielleicht auch, daß sie, gerade wie die Kinder, sehr gut wissen, was sie wollen." Die Gräfin errötete. Ich bedauerte fast, diese Bemerkung gemacht zu haben, die Gobsecks würdig gewesen wäre. „Aber es scheint mir doch fast unmöglich, Madame," sagte ich, um das Gespräch ans ein anderes Gebiet überzuleiten, „ich meine— der Graf kann doch unmöglich fortwährend allein bleiben?" „Sein ältester Sohn ist bei ihm," erwiedcrte sie. Diesmal konnte ich die Gräfin so scharf betrachten, wie ich wollte— sie errötete nicht mehr. Sie schien mir den festen Entschluß gefaßt zu haben, mich nicht in ihr Geheimnis ein- dringen zu lassen. „Sie wollen gütigst verstehen, Frau Gräfin, daß mein Besuch keineswegs von zudringlicher Wißbegierde geleitet wird. Wenn ich hier erscheine, so sind es Gründe sehr schwer- wiegender Art--" Ich biß mich auf die Lippen, da ich mir inne wurde, daß ich im Begriff stand, den falschen Weg einzuschlagen. Die Gräfin machte sich meine Verwirrung sofort zunutze. „Meine Interessen sind von denen meines Gatten keines- Wegs getrennt," sagte sie.„Ich sehe auch keinerlei Grund. warum Sie sich nicht mir gegenüber aussprechen sollten, und——" «Die Angelegenheit, die mich hierher führt, geht nur den Herrn Grafen an," entgegnete ich mit Festigkeit. „Ich werde ihm melden lassen, daß Sie ihn zu sprechen wünschen." Sie vermochte mich mit dem liebenswürdigen Tonfall ihrer Stimme und dem freundlichen Wesen, das sie jetzt an- nahm, nicht zu täuschen. Ich ahnte sofort, daß sie mich nie- mals bis zu ihrem Gatten vordringen lassen wollte. Um sie genauer zu beobachten, redete ich einstweilen von nebensäch- lichen Dingen; wie alle Frauen, die einen bestimmten Plan gefaßt haben, wußte glich sie mit jener seltenen Vervoll- kommnung zu simulieren, die bei den Vertreterinnen Ihres Geschlechtes, Vicomtesse, den höchsten Grad der Hinterlist darstellt. Bei Gott— ich hielt sie zu allem für fähig, selbst zu einem Verbrechen. Diese Empfindung kam mir aus einer Art Voraussicht der Zukunft, die mir aus ihrem Wesen, ihren Klicken, ihren Geberden, ja selbst aus dem Tonfalle ihrer jßtimme deutlich zu werden schien. Ich empfahl mich. „Ich werde Ihnen also jetzt die Episoden schildern, mit denen diese Reihe bewegter Geschehnisse zü einem Abschluß ge-> langten, und ich werde noch die Nebenumstände hinzufügen, über die mich die Zeit nach und nach aufgeklärt hat und die Einzelheiten, die der Scharfsinn Gobsocks oder meine Auf- merksamkeit mich hat erkennen lassen. Von dem Augenblicke an, wo Graf Restaud sich in einen Strudel von Vergnügungen zu stürzen und sein Vermögen zu verschwenden schien, spielten sich zwischen den beiden Gatten zahlreiche Szenen ab, über deren Verlauf ich keinen Aufschluß erlangen konnte: immerhin aber zwangen sie den Grafen, noch abfälliger über seine Gattin zu denken, als es bisher der Fall gewesen war. Sobald er krank wurde und gezwungen war, das Bett zu hüten, trat seine Abneigung gegen die Gräfin und seine beiden letzten Kinder deutlich zutage: er verwehrte ihnen den Ein- tritt in sein Zimmer, und wenn sie dies Verbot zu umgehen suchten, so führte dieser Ungchorsain im Zustande Restauds derartig gefährliche Krisen herbei, daß der Arzt die Gräfin beschwor, den Wünschen ihres Gatten nicht zuwider zu handeln. Je niehr die Gräfin gewahr wurde, daß der Landbesitz, das Familieneigentum und sogar das Palais, das sie bewohnten, nach und nach in Gobsecks Hände überging, der, was ihr Ver- mögen anbetraf, für sie allmählich eine jener märchenhaften Menschenfressergestalten darzustellen begann, desto deutlicher glaubte sie auch die Pläne ihres Mannes zu durchschauen. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdnlck verboten.) jVkrKxvüräiges Geld, Nnn die Reichsbehörden in unseren afrikanischen Kolonien auch Papiergeld einführen wollen, nachdem man den Uebcrgang zur ReichSlvährnng, wenn auch vielfach mit besonderen für die Kolonien ausgeprägten Münzen, wie z, B. Neu-Guinea-Mark, Neu-Guinea- Pfennige, ostafrikanischcn Rupien, UmrechniingSsätzen fiir fremde Münzen, Ausschluß österreichischer Maria Thcresientaler, spanischer, englischer und anderer Münzen durchzuführen bemüht war, wird es interessieren, über die Geldvcrhältnisse bei den„Wilden", bevor sie unter die Herrschaft der Weißen kanien, etwas zu erfahren, Schultz, der in einem Grundriß einer Entlviaelungsgeschichte des Geldes das völkerkundigc Material über das Geld zujanuneugesicllt hat, unter» scheidet für kulturell zurückgebliebene Zeiten zwischen Binnengeld und Außengeld; letzteres soll über die Grenzen des Stammes Umlaufs- fähigkeit haben, während erstercs bloß innerhalb eines Stammes Tauschmittcl war. Von dem Ideal eines Weltgeldes sind wir trotz- der Bemühungen Napoleons III. noch weit ent- fernt; jedes Land hat noch seine eigenen Münzen, oft bei Gleichwertigkeit besondere Namen, jedenfalls besondere Prä- gungen, so daß man auch hier von Binnengeld sprechen könnte. Aber das deutsche 20 Markstück, französische, schweizerische, belgische, italienische u. a. 20 Frankstücke, der englische Sovereign, der ameri- kanische Dollar haben in der ganzen Welt Kaufkraft, sie sind somit längst Anßengeld geworden. Wenn auch in geringerem Maße haben diesen Charakter auch die meisten Silbermünzen, noch mehr vermindert wohnt diese Eigenschaft den Nickel-, Bronze- und Kupfer- münzen inne. Manche Staaten, so die Verwaltungen der deutschen Kolonien, schließen bestimmte Gcldsorten von der Unclanfsfähigkeit aus, auch in Europa haben tvir das Beispiel dieser teilweisen Be- schränkungen von Silber- und Scheidemünzen auf Binnengeld in den Ländern der lateinischen Miinznniou, So unentbehrlich unserein Verkehre da? Geld ist, das zwar den Höhepunkt seiner Bedeutung in der Gestalt des metallischen oder Hartgeldes überschritten hat. da eS durch mannigfache papierne Kreditumlanssmittel ersetzt wird, so ist es doch nicht unbedingt ver- knüpft mit der Existenz menschlicher Gemeinschaft. Die Perioden menschlichen Zusammenlebens ohne Geld währten viel länger als die übersehbare Zeit, in der Geld, wenn auch in ganz anderen Ge- stalten und von ganz abweichendem inneren Gehalt als das uns allein bekannte, die Voraussetzung des Handels war. Erst mit dem Uebergange vom Urkonimunismus und von der völlig beftiedigenden Eigenwirtschaft, somit sehr spät, tritt das Bedürfnis nach einem all- gemein als Tauschmittel anerkannten Gegenstände, nach einem gleich- mäßigen, jederzeit verwendbaren Wertmesser auf. Wir wollen nicht die Entwickelung zu diesem Bedürfnisse und den Ausbau der Geld- formen hier darstellen. sondern bloß vorführen, mit welch' merk- würdigen Formen deS Geldes man früher sich begnügte und in vom Weltverkehre bisher wenig berührten Gegenden noch heute vorlieb nimmt. Von den unS sinnlos erscheinenden Geldformen ist die be- kamrteste das in vielen Formen auftretende Muschelgeld in Melanesien und Mikronesien. Bei einer ganzen Anzahl melanefischer Muschel- geldsorten zeigt sich, wie Schurtz erwähnt, das auffällige Verhältnis, daß dort, wo man die Muscheln findet und die Geldscheibchen her- stellt, dieses Geld nicht im Verkehr ist, sondern daß eS als Handels- — 567 wäre nach kenachbartsn Gegenden auZgeführt und erst dort in Unr lauf gebracht wird. In Iba am Niger, wo Kaurimuscheln nicht in Zahlung genonimen werden, beschäftigt man sich mit dem Aufreihen durchbohrter Kauris an Schnüre: diese Schnüre werden dann nach Bonny ausgeführt, wo sie als Geld umlaufen. DaS an Schnüre» aufgehängte Muschelgeld fordert die Schaffung eines Längenmatzes, wie andere Mllnzsorten zu Gewichtseinheiten führen. DaS Vergraben des Geldes, das noch vor hundert Jahren bei uns in Kriegszeiten üblich war, findet sich bei der Kaurimuschelwährung in Afrika. Das Muschel- geld ist eine Art Schmncfgeld, am verbreitetsten sind die schon ge- nannten Kaurimuscheln, eine Art Porzellanschnecke. Sie wurden ursprünglich nur an den Malediven im Indischen Ozean gewonnen, dort in Körben zu 12 000 Stück verpackt und vorzüglich-nach Bengalen ausgeführt, wo sie gegen Reis eingetauscht wurden. Von Indien gelangten sie nach Arabien und nach dem Innern Afrikas. Araber, Chinesen, Portugiesen, Deutsche, Holländer haben sich des Exportes der Kaurimuschel bemächtigt. Die Kaurimuschel zirkuliert als Geld in Einzelstücken, die gezählt oder in Hohlmatzen ab- gemeffen werden, oder auf Schnüre gezogen, dann in Palniblättern eingenäht. Man kann behaupten, datz es eine Zeit gegeben hat, wo die Kaurimuschel die verbreitetste Geldart war: man trafsie in China, Tibet. Japan. Vom indischen Ozean gelangte sie bis an die Ostsee; man fand sie selbst in vorgeschichtlichen Gräbern Norddeutschlands, Eng- landS und Skandinaviens, ohne freilich entscheiden zu können, ob sie nur als Schmuck oder auch als Geld gedient hatte. Während in Asien ihre Verbreitung als Geld eingeengt wurde, drang sie immer mehr in Afrika ein. Nach Nachttgal hatten im Jnneni des schwarzen Erdteils 4—5000 Kaurimuscheln den Wert eines preußischen Talers. so datz unsere kleinste deutsche Geldeinheit, der Pfennig, noch das 13— 17 fache der Tauscheinheit in jenen Gegenden bedeutet. Im Togogebiete gingen 1894 an der Küste 40 Kann auf einen Pfennig. Fälschungen mit einer kleinen einheimischen Strandschnecken kamen vor. Das Muschelgeld ist eine der Formen des Schmuckgeldes, zu denen dann auch daS Perlengeld und nur in äußerer Aehnlichkeit mit unserem Gelde daS primitive Metallgeld gehören. Eine merk- würdige Fonn des Schmuckgeldes ist ein in Jap gebräuchliches altes Muschelgeld, dessen Schnüre an beiden Enden Pottwalzähne tragen. Dort werden als Kleingeld Perlmutterschalen gebraucht, die man ans Fäden reiht. Auf den Palauinseln sind es alte Perlen und Bruchstücke von Gläsern, gebrannter Erde, die das Geld bilde». Das Metallgeld wurde ursprünglich jedenfalls als Zierde verwendet, vor allem in der Form von Ringen, von Armringen, von Finger- ringen, die inan auch mit Leichtigkeit aneinanderreihen konnte. Noch heute werden in den goldreichen Gegenden Westasrikas, z.B. in Bambuk, die gewonnenen Goldmengen immer gleich zu Ringen und anderem Schmuckwcrk geformt und kommen erst in dieser Gestalt in den Ver- kehr. Auch in Timbuktu zirkulierte das Gold in Form von Ringen und anderem Schmuck. Die Fnnosch im oberen Nielgebiete ver- wandten noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Goldringe au der Stelle von Münze». Außer dem Golde kommen Bronze, Messing und Krlpfcrdraht, auch Eisenkettcn als primitives Metallgeld in Betracht. Neben dem Schnmckgelde war das NutzlmgSgeld von großer Be- deuttmg. Hier finden wir noch mehr als beim Schmuckgelde ein Ineinanderfließen von Geld in feiner Eigenschaft als Preismesser und Ware. Nach Schultz kommen unter den Gegenständen, die der Mensch zuerst als sein persönliches Eigentum ans der Masse des Gemeinbesitzes aussondert, neben den Schmucksachen die Waffen in Betracht. So gab es ein Waffeugeld, wenn seine Bedeutung auch nicht erheblich gewesen sein dürfte. Waffen und Herden waren der einzige Reichtum in den lange hinter unserer Kultur liegenden Zeiten. Um die Zeit des ausgehenden Mittelalters bestimmte ein Gesetzbuch der Kalmücken als Strafe der Häuptlinge für schwere Vergehen eine Buße von 100 Panzern, 100 Kameleu und 1000 Pferden. Aus den Banksinseln kursierten früher statt den jetzt gebräuchlichen Perle» zierlich geformte hölzerne Pfeile. Wo europäischer Einfluß eingedrungen ist, treten auch Schietzpulver, Kugeln und Gewehre als Geldmittel auf. Auf Borneo hat man sogar bronzene Kanonenläufe als Geld verwendet. Arzeuciniittel spielten und spielen auch heute noch die Rolle des Geldes, so in Ilsambara blaues Vitriol, iin mittleren Sudan Kampfer, im oberen Nigergebiete Ambra. In Indonesien benutzen uukulti- vierte Stämme Wachskuchen als Geld, merkwürdigerweise kommt auch Wachsgeld unter den Judianerstämmen am Amazonenstrome vor. Im nnttleren Sudan ist Nachttgal aus europäisches Schreib- Papier als Geld gestoßen. Tongefätze hat nian bei den Malepa in Südafrika als Geld gefunden; Porzellanvasen erfüllten bei anderen Stämmen die gleiche Aufgabe. Merkwürdiger als diese Geldformen sind die des lebenden Geldes, des Tiergeldes, des Viehgeldes und dann des Sklaven- gelbes. In Vieh und Sklaven verkörpert sich vielfach der Reichtum. Hier handelt eS sich um sehr klare Werte, die durch Aenderungen der Tracht, neue kulturelle Einflüsse nicht so leicht erschüttert werden. Hier haben wir auch die Form eines neue Werte erzeugenden Geldes: wo Rinderherden vorhanden, wird die Milch geliefert, Sklaven leisten die Feldarbeit. Ein Häuptling aus Nyangwe am oberen Kongo entwickelte dem Reisenden Cameron seine Ansicht, datz es vernünftiger wäre, seinen Handelsgewinn in Sklaven- als in Schmuckgegenständen anzulegen, in naiver aber treffender Weise: Wenn er eine Menge Kaurimuscheln nach Hause brächte, erklärte der vorsichtige Mann, so würden seine Frauen fis sich nehmen und sich damit schmücken, er aber hätte nichts; Sklaven dagegen wären sofort zu gebrauchen und blieben nicht müßig liegen, während die Kauris so lange nichts einbrächten, bis er sie gegen Sklaven vertauscht hätte. Aus dem Altertum ist uns bekannt, datz Rinder und Schafe als Geld gebraucht wurden. Von den Hereros in Deutsch-Südwestafrika wissen wir auch, datz sie als ihren größten Reichtum ihre nun sehr gelichteten Rinderherden bettachten. Der bekannte Kolonisator Emin Pascha war gezwungen, sich das zur Er- nährung seiner Truppen nötige Vieh durch Raubzüge zu verichaffen, da Rinder um keinen Preis von den Eingeborenen abgegeben würden. Aber auch andere Tiere spielen bei den„Wilden" die Rolle des Geldes, so z. B. gezähmte Waldvögel bei den Indianern Guyanas» bei brasilischen Stämmen treten Hühner als Geld auf. l Schluß folgt.) kleines fcuülcton. is. Die Bewohnbarkeit anderer Welten. Astronom und Poet, das ist eine Zusammenstellung, die nicht befremden kann. Die Be- schäftigung mit der Himmelskunde hat notwendig etwas Erhabenes und Erhebendes, sie erteilt dem Denken und Empfinden einew Schwung über die Erde und unsere tägliche Welt hinaus, der auch beim wahren Dichter vorhanden sein mutz. Ein solcher Dichter und Himmelsforscher, wie er gegenwärtig kaum seinesgleichen hat, ist! Flammarion, der Begründer der Französischen Asttonomischen Ge- sellschaft und der populärste Astronom Frankreichs. Wie wissenschaftlich und poetisch ist beispielsweise folgende Ansprache an die Nacht, die sich in der Einleitung eines seiner volkstümlichen Werke findet:„Q Nacht, geheimnisvolle, erhabene, unendliche! Die Du von unseren Augen den Schleier ziehst, den das Tageslicht über uns ausbreitet, die Tu den Himmel wieder durchsichtig machst und uns die wundervolle Wirk- lichkeit zeigst, den funkelnden Schmuckkasten der Himmelsdiamantcn, die unzählichcn Sterne, die einander folgen unbegrenzbar im unermetz- lichen Raum! Ohne die Nacht würden wir nichts wissen. Ohne sie würden unsere Augen nie envas vom Heer der Gestirne geahnt haben, unser Verstand würde nie in die Harmonie der Wetten eingedrungen fein, und wir wären die blinden und tauben-Schmarotzer einer vom übrigen All abgeschiedenen Welt geblieben I" Von einem Mann, der solche Worte finden tonnte, wird man auch ein besonders temperet- mcntvolles Urteil über die Frage erwarten, ob auch andere Weltkörper autzcr der Erde bewohnt sind. Jedenfalls sieht er sich die einzelnen! Planeten daraufhin an, wie sich auf ihnen leben lietze. Beim Merkur begnügt er sich noch mit der Frage als Antwort:„Warum nicht?", um unser gänzliches Nichtwissen in dieser Hinsicht anzudeuten. Dir Venus gibt ihm schon mehr Anlatz zum Nachdenken über die Lage ihrer etwaigen Bewohner. Wenn sich dieser Planet in 225 Tagen einmal um seine Achse dreht, wie es Flammarion nach seinen eigenen Beobachtungen für wahrscheinlich hält, so würde es eine merkwürdige! Welt sein. Sie würde nämlich der Sonne immer dieselbe Seite zu- wenden wie der Erdenmond der Erde, und also auf einer Hälfte ewigen Tag, auf der anderen ewige Nacht haben. Auch unter solchen Bedingungen sieht sich der Astronom jedoch nicht gezwungen, das Vorhandensein von Leben aus der Venus zu verneinen. Von den Marsbewohnern aber spricht er natürlich mit weit gröherem Ver- trauen; er stellt sich vor, welch eigenartigen Anblick die Erde mit dem Mond als Toppelstern vom Mars aus gewähren müsse, und fährt fort:„Für dieMarsianer ist unsere Erde ein Morgen- undAbend- stern. Sicher haben sie ihre Phasen berechnet. Manch ein Gelübde» manch ein Wunsch mag zu chr emporgesandt worden sein, und mehr als ein gebrochenes Herz mag seine unverhüllten Tränen haben wandern lassen zu unserem Planeten als einem Wohnort des Glücks, wo alle, die in ihrer heimischen Welt gelitten haben, einen sicheren Hafen finden könnten. Aber unser Planet, wehel ist nicht so voll- kommen, wie sie glauben." Später dehnt Flammarion die Frage noch weiter aus, namentlich dahin, ob es noch andere„höhere" Wesen gibt als die Menschen mit anderen Lebensbedürfnissen. Er sagt darüber:„Zu behaupten, datz unsere Erde die einzige herrschende Welt sei, weil die anderen ihr nicht gleichen, heitzt nicht wie ein Philosoph, sondern wie ein Fisch denken. Jeder vernünftige Fisch mutz annehmen, datz ein Leben autzerhalb des Wassers unmöglich sei. weil sein Blick und seine Philosophie nicht über sein tägliches Leben hinausreicht. Auf diese Art zu denken, gibt es keine anders Entgegnung, als auf ein etwas weiteres Versassungsvermögen hinzu- arbeiten und auf eine Ausdehnung des zu engen Horizonts der ge- wohnten Ideen". Uebrigens hat er einen in seiner populären Art ähnlichen Landsmann als Vorläufer gehabt in dem großen, von etwa 100 Jahren verstorbenen Lalande, der den astronomische in Grundbegrisf der Parallaxe auf folgende gelungene Art erklärte- Wenn man im Theater hinter einer Dame mit einem zu grotzew Hut sitzt, der die Aussicht auf die Bühne verdeckt, so beugt man nch lints und rechts, reckt sich auf und duckt sich zusammen. All das ist eine Parallaxe, ein Wechsel der Gesichtslinie, infolge derer oev Hut sich mit einem anderen Ort des Theaters deckt als mit dem, wo» die Schauspieler sich befinden. Daraus ertlärt es sich, daß in Ufrul» eine Sonnensinfternis sein kann, die wir nicht sehen. " cg. Ei» neuer botanischer Garten in Afrika. In den Tropenländern gibt es bisher nur einen einzigen botanischen Garten, de» sich mit den großen Anlagen dieser Art in den Kulturlandern Europas vergleichen läßt: der berühmte Garten von Buitenzorg auf Zaba. Dieser Garten ist die erste Station zur Beobachtung tropischer Gewächse, sie ist wissenschaftlich vorzüglich organisiert und sie ist gros; genug, um einer Fülle von Pflanzenmaterial Platz zu geben. Gegenwärtig geht man in Frankreich damit um, nach dem Muster deS Buitenzorger einen botanischen Garten in Afrika in einer der französischen Kolonien, entweder in Guinea oder Kongo anzulegen. Es ist bereits ein Sachverständiger ruit der Mission betraut worden, einen geeigneten Platz für die neue Schöpfung ausfindig zu machen. Nach Art des Tropcugartens von Buiteuzorg würde die neue Anlage außer dem wissenschaftlichen auch noch einen praktischen Zweck verfolgen. Der botanische Garten auf Java zerfällt nämlich in drei verschiedene Teile, die auch räumlich an verschiedenen Stellen der Stadt und ihrer Umgebung liegen. Ein ßroßes Gebiet von siebzig Hektar ninimt der Agrikulturgarten ein, Tu dem nur solche tropische Gewächse kultiviert werden, welche für die tropische Landwirtschaft Bedeutung haben oder zu bekommen versprechen. Ein Garten von dreißig Morgen liegt sodann auf einem benachbarten Vulkan, in einer Meereshöhe von �toOO Metern. Hier Iverden die Pflanzen kultiviert, die auf den Ge- birgen der hinterindischen Inseln heimisch sind. Der eigentliche Garten befindet sich dagegen mitten in der Stadt Buitenzorg! er ist 36 Hektar groß, hat also immer noch eine sehr schöne Ausdehnung, die diejenige des alten botanischen Gartens zu Berlin noch um mehr als das Vierfache übertrifft. Mit dem Garten sind eine Bibliothek, ein Museum, und vor allem große Laboratorien verbunden, in denen Gelehrten aller Nationen Unterkunft und wissenschaftliche Hülfsmittel gewährt werden. Nach diesem Vorbilde also soll, wie Gustave Regelsperger in„La Nature" ausführt, der französische Tropengartcn in Afrika angelegt werden. Es muß bei der Ausfindigmachung des Platzes darauf Rücksicht genommen werden, daß der Garten möglichst in eine Gegend zu liegen kommt, wo die verschiedenen klimatischen Zonen Afrikas zusammenstoßen, damit möglichst verschiedenartige Pflanzen aufgenommen werden können. Sodann mutz der Platz aber auch möglichst leicht zugänglich sein und möglichst nahe an einer Eisenbahnlinie liegen, damit die Gelehrten Europas leicht zu ihm gelangen können. Er mutz sodann auch in einer vollkommen gesunden Gegend liegen. In Afrika gibt es bisher nur kleinere tropische Versuchsgärten, wie deren einer zum Beispiel der botanische Garten in Viktoria in Deutsch-Kamerun ist. Die Franzosen haben in ihren afrikanischen Kolonien mehrere solcher Garten, von denen einer, der Garten von Richard-Toll am unteren Senegal schon im Jahre 1816 gegründet Ivurde. Die be- bedeutendsten'dieser Gärten, auch de» deutschen in Viktoria, wird der Bevollmächtigte der französischen Regierung besuchen, um die Einrichtungen derselben kennen zu lernen und sie bei der Anlage des großen Tropengartens zu berücksichtigen. Die kleineren Versuchs- gärten werden darum an ihrer Bedeutung nichts verlieren, ihnen wird nur noch mehr wie sonst die Aufgabe zufallen, der Pflanzen- Welt ihres speziellen kliinatischen Gebietes zu wissenschaftlichen und praktischen Zwecken Unterkunft zu geben.— Musik. Wenn die Operette„Der S o n b r e t t e n j ä g e r die wir am vergangenen Sonnabend im Theater des Westens zu hören bekamen, vor einem Menschenalter erschienen wäre, so hätte man von einem erträglichen Libretto und von einer mehr als„an- ständigen" Musik sprechen können. Für unsere Zeit wird man sich wohl mit dem Urteil begnügen müssen, daß die Sache ein gut Stück über Null steht. Der Inhalt erinnert an den„Postillon von Lonjumeau", sogar durch die Acußerlichkeit einer knallenden Peitsche. In einem obcrbayerischen Gebirgsdorf kann es Steffi, des Oberförsters Nichte, bei ihrer ländlichen Tätigkeit nicht mehr aushalten, und auch ihr Forstgehülfe Julius will ihr zu wenig hoch hinaus: die„Schlierseer" haben es ihr angetan. Eben kommt ein Theaterdirektor auf der Suche nach einer Soubrette(das ist nämlich eine, die singen können soll, während eine Sängerin eine ist, die singen kann). Ein rascher Llontrakt übertölpelt die Landlcute. Bald ist Steffi der verhätschelte Star eines Theaters ohne Männer, der„hervor- ragenden" Idee des Direktors. Auf einem Kostümfeste finden sich die verschiedensten Personen des Stückes zusammen und machen Operelteukonflikte. Die Mär von einer Erkrankung des alten Försters treibt Steffi in die Heimat zurück und dort wendet sich alles so, wie cs sich für eine Sommerbühne und auch für manche Wintcrbühne gehört. Alte Tänze und neue Tänzeleien sind selbstverständlich. Die Musik zu dieser uugekehrten Salontirolerei»nacht sich um Fortschritte der Deklamation oder dergleichen keinerlei Knnnner. Ihre Hauptsache sind die mehr oder minder rührenden Alpen- blumenweiseu; dazu kommen der oder jener kleine Spaß »lud eine gewisse Geschicklichkeit im Ausbau der Finales. Franz Wagner, anscheinend kein Neuling, heißt der Komponist, F. Kaiser der Librettist; und das„G a st s p i e l der Original- Wiener Operette(Direktion: Heinrich Zeller)" war die Darbietcrin der Aufführung. Allerdings konnten wir wieder verttaute Namen begrüßen. Neben der einzigen volllvertigen Gcsangskraft, Siegfried Adler, dem aber bessere Haltung »md Spielkunst zu wünschen wäre, gaben sich Henny Wildner und Jenny Door wenigstens Mühe, aus ihren Stimmen etwas zu»nachen. Als bemerkenswerter Sprcchkünstler fiel uns F r a'n z Rauch auf, als das Gegenteil mancher andere.— Beifall wie innner.— SZ «ttantwortl. Redakteur; Paul Büttner. Berlin. Druck und Verlag: Medizinisches. Iw. Pilzvergiftungen. So häufig die Pilzvergiftungen vorkommen, so viele dunkle Punkte sind doch noch im Wesen dieser Erkrankungen aufzuklären. Bei der Begutachtung von Vergiftungen infolge Genuffes von Pilzen reicht nämlich die botanische Bestim- mung nicht aus, vielmehr mutz auch das Krankheitsbild berücksichttgt lverdei», sonst kommen leicht Verwechselungen»nit anderen Er- krankungen vor. Viel Verwirrung entsteht in der Pilzlehre auch dadurch, daß derselbe Pilz bei der einen Person giftig wirkt, bei der anderen ungiftig, so daß gar nicht einmal völlige Klarheit darüber herrscht, welche Pilze als giftige anzusehen sind und welche nicht. Wenn nach dem Pilzgenuß Krankheitserscheinungen auftreten, so braucht der Pilz deswegen an und für sich nicht giftig zu sein. Die Pilze sind nämlich sehr eilveiß- und fettreiche Nahrungsinittel, sind daher schwer verdaulich und erzeugen im Uebermatz genossen leicht Verdauungsstörungen. Das ist natürlich keine eigentliche Pilz- Vergiftung, wird aber oft dafür gehalten.' Wie alle Nahrungsmittel, nanientlich, wenn sie so eiweißreich sind, zersetzen sich auch Pilze sehr leicht, wenn sie incht mehr frisch sind, und erzeugen dann einen Giftstoff, ein pflanzliches Leichengift; endlich gibt es Pilze, die an und für sich giftig sind, jedoch ihren Giftstoff an heißes Wasser abgebe,», so daß mit dem Abgießen des Absuds das Gift entfernt wird. So ivenig die Chemie der Pilze bekannt ist, so gut bekannt ist das Krankheitsbild, welches sie hervorrufen. Es äußert sich in Erkrankungen des Magen- darmkanals und des Nervensystems, also in Uebelkeit, Erbrechen, Durchfällen, später treten Delirien und Krämpfe hinzu. Man tut gut, sofort starke Abführmittel zu geben. Dr. Haas in Berlin glaubt, daß die Pilzvergiftungen gehörig eingeschränkt werden könnten, wenn in den Schulen die Schüler besser in der Pilzkunde instruiert würden und wenn außerdem in den Markthallen die Pilzbcstände von dazu ausgebildeten Polizeiorganen geprüft würden.— Humoristisches. —„Gackern Siel" Auf einem Bankett, das der Union League-Klub von Newhork neulich dem heimgekehrten Diplomaten Choate zu Ehren veranstaltete, erzählte Senator Chauncey Depew die folgende Geschichte: Herr Choate befand sich als Gast auf einem englischen Herrensitz. Eines Morgens war seine Tischnachbarin beim Frühstück eine junge Dame, die das Unglück hatte, daß das Ei, welches sie gerade auslöffeln wollte, ihren Händen entglitt. Mit verlegenem Lächeln wandte sie sich an den Botschafter mit den Worten:„O, Herr Choate, was soll ich tun,— ich habe ein Ei fallen lassen". Und mit dein ernstesten Gesicht von der Welt ant- wortete Choate:„Gackern Sie, mein Fräulein, gackern Sie!" � — Wie Erdbeben c n t st e h e n, hat kürzlich ein Neger- Prediger in Amerika heransgefunden. Nach dem„Lnthcran Observer" faßte er seine Erklärung vulkanischer Störungen in folgende Worte:„Die Erde, meine Lieben, dreht sich um Achsen, wie wir alle wissen. Da etwas nötig ist, um d i e A ch s e n z u s ch m i e r e n, wurde, als die Erde gemacht wurde. Petroleum in ihr Inneres ge- bracht. Da kommt aber jetzt die Standard Oil Company und holt sich das Petroleum, indem sie Löcher in die Erde bohrt. Die Erde stockt jetzt auf ihren Achsen und will nicht mehr so gut herumgehen, denn die Achfenlöcher sind heiß, gerade so wie es»nanchmal bei den Rädern der Eisenbahnwagen ist— und wenn das der Fall i st, meine Freunde, dann passiert i»nmer etwas."— Notizen. — Ein Archiv der literarischen Handschriften Deutschlands soll an der Akademie der Wissenschaften in Berlin gebildet werde»».— — Otto Julius Bierbaums Koinödien:„Das Cenakel der Maulesel" und„Die Schlangendame" wurden von» Kleinen Theater zur Aufführung angenommei». —„Tiefland", ein Mufikdrama von E. d' A l b e r t, soll in der nächsten Spielzeit im Theater des Westens gefpielt werden.— — Eine Gesetzestafel des Königs Hammurabi von Chaldäa, die 3 2 I a h r h un d e rt e vor unserer Zeitrechnung hergestellt sein soll, befindet sich seit kurzein in der archäologischen Saimnlung im Louvre zu Paris.— — Einen Mam, nutzahn, zlvei Meter lang, fand»nan in emer Kiesgrube bei Konstanz.— — Eine Biene nschlacht fand in Weston, einem klemen Dorfe in der Nähe von Derby, statt. Gegen Mittag kam offenbar aus einem anderen entlegenen Orte ein großer Schwärm Bienen angeflogei», der es versilchte, sich in einem oder dem anderen Bienen- stocke des Dorfes anzusiedeln. Dieser Angriff wurde von den Bienen von Weston als Kriegserklärung aufgefaßt und alsbald entwickelte sich zwischen den emheimischei» und den fremden Bienen eine wahre Schlacht in den Gaffen des Dorfes. Sie währte inehrere Stunden lang, da die fremden Bienen, deren Schwärm ein ungeinein starker war, sich von erneuten Versuche»», einen Bienenstock zu erobern, nicht ab- halten ließen. Schließlich aber sahen sie sich gezwlingen, den Versuch aufzugebei», und stürzten sich nun auf Menschen und Tiere. Alle Dorfbewohner flüchteten sich arg zerstochen in die Häuser. Einige Hühner und zlvei Hunde blieben auf der Wahlstätte von den Bienen tot gestochen liegen. Der Boden der Dorfgassen war mit taufenden toter Bienen bedeckt.—__ Vorwärts Buchdruckere» u. Verlagsanstalt Paul SmgerLiCo., Berlin LW.