Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 143. Mittwoch, den 26. IM. 1S06 lRachdruck verboten.) 9] Gobfedt. Von Honorö Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. Graf Trcnlles, der damals gar zu dringlich von seinen Gläubigern verfolgt wurde, reiste zu jener Zeit in England umher. Er allein wäre allenfalls imstande gewesen, seine Freundin über die geheimnisvollen Matzregeln aufzuklären, die Gobseck ihrem Gatten gegen sie angeraten hatte. Wie man erzählt, soll sie jedesmal lange gezögert haben, ehe sie ihre Unterschrift hergab, die nach dem Wortlaut unseres Gesetzes unumgänglich notwendig ist, um den Verkauf von Familien- gütern rechtskräftig zu machen: aber der Graf gelangte jedes- mal zu seinem Ziel. Sie war der Meinung, ihr Gatte beab- sichtigte, sein territoriales Eigentum zu realisieren und sie nahm an, datz das kleine Päckchen Banknoten, das den Gegen- wert eben dieses Besitzes darstellte, sich irgendwo wohl ver- wahrt in der Kasteite eines Notars oder vielleicht einer Bank befände. Ihrer Rechnung nach mutzte Restaud notwendiger- weise im Befitze irgend einer Urkunde sein, um seinen ältesten Sohn in die Lage versetzen zu können, diejenigen Befitztitel, auf die er einen besonderen Wert legte, als sein Eigentum einzufordern. Sie enstchlotz sich daher, in der Umgebung des Kranken eine Art scharfen Wachdienstes einzurichten. Mit despotischer Strenge herrschte sie in ihrem Hause, das nun- mehr ganz unter dem Drucke ihrer weiblichen Spionage stand. Ganze Tage lang satz sie in dem Salon, der dem Zimmer ihres Gatten zunächst lag und von dem aus sie jedes Wort und die geringste Bewegung ihres Mannes belauschen konnte. Nachts lietz sie in eben diesem Räume ein Bett aufschlagen und sie schlief fast nie. Den Arzt hatte sie ganz aus ihre Seite zu ziehen verstanden. Ihre zärtliche Aufopferung schien auch in der Tat über jeden Zweifel erhaben! Mit jener angeborenen schlauen Klugheit, die allen hinterlistigen Menschen eigen ist, vermochte sie die Abneigung, die Restaud gegen sie an den Tag legte, so geschickt zu verbergen, und sie spielte die Leidensvollc und Schmerzensreiche mit derartig täuschender Ueberzcugungs- kraft, datz sie sich sogar ob ihrer Opferfrcudigkeit eine Art Be- rühmtheit erwarb. Einige von den Ueberprüden waren sogar der Meinung, datz sie sich auf diese Weise ihre Fehltritte wieder gutzumachen bemühte. Tatsächlich aber hatte sie nur unent- wegt das Elend vor Augen, das sie beim Tode des Grafen er- wartete, falls ihre Geistesgegenwart im geeigneten Augenblicke sie im Stiche ließ. So war es also dieser Frau, die von dem Schmcrzenslager, auf dem der sterbende Gatte seufzte, uner- bittlich zurückgestoßen war, gelungen, gleichsam einen magi- schen Kreis um diese Stätte der Vernichtung zu ziehen, sie, die ihm so fern stand und doch in seiner nächsten Nähe weilte, sie, die in Ungnade gefallen war und doch die Macht in ihren Händen hielt, sie, die scheinbar treu ergebene und mitfühlende Gattin umschlich beutegierig den Ort des Todes und die ver- mcintliche Fundstätte des Geldes, wie jenes Insekt, das auf dem Grunde der von ihm spiralförmig aufgetürmten Sand- ' Pyramide Las ihm sicher verfallene Opfer erwartet, indem es jedes niederfallende Sandkörnchen belauscht. Selbst der strengste und am schwersten zu befriedigende Beurteiler menschlichen Wesens hätte anerkennen müssen, datz die Gräfin das Muttergefühl fast auf die Spitze trieb. Auch war— wie man allgemein erzählte— der Tod ihres Vaters für sie eine harte Lehre gewesen. Sie liebte ihre Kinder ab- göttisch und hatte ihnen die Bilder des zerrütteten und aus seinen Bahnen geworfenen Familienlebens zu verbergen ge- wutzt; das jugendliche Alter ihrer Kinder war diesem Vor- haben günstig gewesen und so war es ihr gelungen, sich deren Liebe zu erwerben und ihnen die denkbar beste und glänzendste Erziehung zuteil werden zu lassen. Ich mutz gestehen, datz ich mich einer gewissen Bewunde- rung für diese Frau nicht erwehren konnte und ebensowenig einer Art von Mitleid, deretwegen Gobseck sich noch häufig über mich lustig machte. Um jene Zeit hatte die Gräsin die niedrige Gesinnung Maximes bereits erkannt und sie büßte die Irrungen ihres fiüheren Lebens mit blutigen Tränen. Ich will es wenigstens glauben. Wie hätzlich und verab- scheuungswürdig die Maßnahmen auch gewesen sein mögen, deren sie sich bediente, um das Vermögen ihres Gatten in ihren Besitz zu bringen— wurden sie ihr nicht durch ihre Mutterliebe und von dem Wunsche aufgezwungen, das gegen ihre Kinder begangene Unrecht tunlichst wieder gut zu machen? Vielleicht auch, datz sie, wie manche Frauen, die die wilden Stürme der Leidenschaft über sich haben ergehen lasten, schließlich die Not> wendigkeit empfand, zu einem tugendhaften Lebenswandel zurückzukehren. Möglicherweise lernte sie den Preis der Tugend erst in dem Augenblicke kennen, wo sie die leidenvolle Ernte einheimsen mutzte, die sie durch ihren Fehltritt ausgesät hatte. Jedesmal, wenn der junge Ernest das Zinnner seines Vaters verließ, wurde er über alles, was der Gras gesagt und. getan hatte, einem inquisitorischen Kmtzverhor unterzogen. Der Knabe lieh sich willig den Absichten und Wiinjifycn seiner Mutter, da er sie mit zärtlicher Liebe erklären zu können glaubte: er kam den Wünschen seiner Mutter sogar auf halbem Wege entgegen. Mein Besuch aber war der Gräfin wie ein Fingerzeig er- schienen, da sie in mir das Werkzeug der Rache ihres Gatten zu erblicken glaubte: infolgedesten entschloß sie sich auch, mich nicht zu dem Sterbenden vorzulassen. Ich war von dunklen Vorahnungen erfüllt und jemehr ich mich über das Schicksal des Gegenreverses einer tiefgehenden Unruhe nicht erwehren konnte, desto sehnlicher trachtete ich, eine persönliche Unter- rcdung mit dem Grafen Restaud herbeizufiihren. Wenn dies Dokument der Gräfin in die Hände fiel, so war sie imstande, seinen Inhalt geltend zu machen und es wäre zweifellos zwischen ihr und Gobseck zu einer endlosen Reihe von Pro- zcssen gekommen. Ich kannte den Wucherer zu genau, um nicht fest davon überzeugt sein zu mästen, datz er der Gräfin die Besitztümer ihres Gatten niemals wieder überlasten würde: außerdem enthielt der textuclle Aufbau dieser Urkunde eine Unzahl von Rcchtskniffen, die nur von mir allein erfolgreich vorgebracht werden konnten. Es lag mir viel daran, weiterem Unheil vorzubeugen und so begab ich mich noch ein zweites Mal zu ihr. „Ich habe zu wiederholten Malen die Bemerkung gemacht, Madame"— wandte sich Derville an die Mcomtesse Grand- lieu, indem er einen mehr vertraulichen Ton anschlug—„ich habe also mehrfach die Eristeuz eines Phänomens auf geisti- gem Gebiete bemerkt, dem wir in unserem gesellschaftlichen Leben nicht die genügende Beachtung zollen. Da ich von Natur 'die Dinge um mich her gern beobachte, habe ich den Angelegen- heiten menschlicher Interessen, in denen die verschiedene» Eigenschaften einander in lebhaftein Widerspruch gegenüber gehalten werden, unwillkürlich immer ein Bestreben analytischer Sonderung entgegengebracht. Mit stets erneutem Staunen habe ich die Tatsache bewundert, datz die geheimsten Absichten und Ideen, die zwei Gegner in sich tragen, fast ebenso oft beiderseits vorausgeahnt und durchgeführt werden: so stößt man bei beiden feindlichen Parteien auf dieselbe hellseherische Kraft des Verstandes, auf dieselbe Gewalt des intellektuellen Scharfblickes, wie sie beispielsweise zwischen zwei Liebenden besteht, die eines in der Seele des anderen lesen. Als wir beide— die Gräfin und ich— uns zum zweiten Male gegenüberstanden, begriff ich auch sofort den Grund der Abneigung, die sie mir entgegenbrachte, wenngleich sie ihre Ge- fühle unter den Formen zierlichster Höflichkeit und LiebenS- Würdigkeit Wohl zu verbergen wußte. Ich war für sie ein aufgedrungener Mitwister und es ist ausgeschlossen, datz eine Frau den Mann nicht haßt, vor dem sie erröten mutz. Anderer- seits war sie sich auch darüber klar, daß mir ihr Gatte, falls ich tatsächlich der Mann war, auf den er sein Vertrauen setzte. sein Vermögen oder besten Gegenwert noch nicht eingehändigt hatte. Unsere Unterredung, deren wörtlichen Inhalt ich Ihnen ersparen will, ist mir als der hartnäckigste und gefährlichste Kampf im Gedächtnis geblieben, den ich jemals in meinem Leben bestanden habe. Die Gräfin, die ja vop Haus aus mit allen Eigenschaften ausgestattet war. um eine fast unwider- stehliche Verführungskunst ins Tressen führen zu können, zeigte sich abwechsend nachgiebig, sanft, stolz, zutraulich und vertrauensselig. Sie ging sogar so weit, persönliche Neu- gierde in mir zu erwecken und machte den Versuch mit einer Andeutung auf ein mögliches Liebesverhältnis, um mich auf Mcfe Weise in ihre Gewalt zu bekommen. Es mißlang ihr. Als ich mich von ihr verabschiedete, erhaschte ich in ihren Augen einen Ausdruck des Hasses und der Wut, vor dem ich mich fast hätte fürchten können. Wir trennten uns als un- erbittliche Feinde. Sie hätte mich in diesem Augenblick am liebsten vernichtet und ich empfand für sie eigentlich nur ein grobes Mitleid— ein Gefühl, das für manche Charakter- Veranlagung der grausamsten Beleidigung gleichkommt Meine Gedanken kamen in den letzten Erwägungen zum Vorschein, die ich ihr nahezulegen versuchte. Ich erweckte � wie ich glaube— bei ihr eine unbezähmbare Angst vor der Zukunft, indem ich ihr erklärte, daß sie, wie sie sich auch zu den Er- eignissen stellen wollte, unter allen Umständen dem Elend und Ruin entgegenginge. „Wenn ich den Herrn Grafen sprechen könnte, so wäre wenigstens das Schicksal Ihrer Kinder..." „Dann wäre ich Ihnen auf Gnade oder Ungnade über- lassen," unterbrach sie mich mit einer Geberde mißachtenden Ekels. Da die Frage nun einmal offenkundig zwischen uns beiden aufgeworfen war, so entschloß ich mich, die Familie vor dem Unheil, das ihrer wartete, zu bewahren. Ich war sogar bereit, juristische Ungesetzlichkeiten durck)gehen zu lassen, wenn solche sich zur Erreichung meines Zieles als notwendig erweisen sollten. Ich traf daher folgende Vorsichtsmaßregel: Ich ließ den Grafen Restaud für eine fingierte Schuld an Gobseck ge- richtlich verfolgen und erlangte ein Urteil. Die Gräfin vcr- suchte dies Vorgehen natürlicherweise geheim zu halten: ich aber hatte meinen Zweck erreicht, insofern ich in der Lage war, beim Tode des Grafen sofort die Siegel auflegen zu lassen. Ich bestach einen der Angestellten des Hauses und erhielt von ihm das Versprechen, daß er, sobald der Todeskanipf seines Herrn begönne, mich hiervon sofort benachrichtigen sollte— selbst mitten in der Nacht. Auf diese Weise konnte ich äugen- dlicklich einschreitenn, indem ich die Gräfin mit einer sofortigen Siegelauflegung einschüchterte und so den Gcgenrevers vor Vernichtung bewahrte. Später erfuhr ich, daß diese Frau, während sie im Neben- zimmer die Klageseufzer ihres sterbenden Gatten vernahm, eifrig den Inhalt des Gesetzbuches studierte. Welch schreckenerregendes Bild müßte sich uns eröffnen, wenn wir in den Seelen der Menschen zu lesen vermöchten, die ein Totenbett umstehen! Immer wieder ist Geld und Besitz die treibende Gewalt für alle geheimen Pläne, die ge- schmiedet werden, für die Jntriguen, die man mühevoll aus- denkt, für alle Ränke und Schliche, die die Habsucht spinnt. Lassen wir jetzt diese ihrer Natur nach recht häßlichen Einzelheiten beiseite. Immerhin sind Sie auf diese Weise in die Lage versetzt worden, die Schmerzen und Leiden dieser Frau und die ihres Gatten zu begreifen und zu ermessen und sie werden vielleicht auch dazu angetan sein, Ihnen die Ge- Heimnisse manchen Familienlebens zu entschleiern, das ihnen mehr oder minder gleicht. Seit zwei Monaten litt Graf Restaud, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte, einsam auf seinem Schmerzens- lager. Eine todbringende Krankheit hatte seinen Körper und seinen Geist langsam und sicher untergraben und geschwächt. Nach und nach war er jenen Launen der Kranken verfallen, deren Absonderlichkeit oft unerklärlich erscheint: er widersetzte sich, wenn sein Zimmer geordnet und gereinigt werden sollte, er wies jede Art von Pflege zurück und gestattete nicht einmal. sein Bett zu berühren. Dieser höchste Grad seelischer Apathie hatte sich auch auf die Dinge um ihn her übertragen: die Möbel seines Zimmers verblieben in ihrer Unordnung: Staub und Spinnengewebe bedeckten die zierlichsten und wertvollsten Gegenstände. Er, der früher einen so feinen und auserlesenen Geschmack an den Tag gelegt hatte, fand jetzt Gefallen an dem traurigen Bilde der Verwüstung, das sein Zimmer ihm darbot. Der Kaminsims, der Schreibtisch, die Stühle— alles war mit den verschiedenartigen Gegenständen angefüllt, die durch eine Krankheit notwendig werden: leere und volle Phiol-m und Fläschchen, alle mit einer Schicht von Schmutz überzogen, umhcrgeworfenes Leinenzcug, zerbrochenes Geschirr, ein offener Bettwärmer vor dem Kamin, eine Badewanne, die noch mit Mineralwasser angefüllt war: das Zerstörungswerk kam in jeder Einzelheit dieses abstoßenden Chaos zutage. Der Tod streckte sein grinsendes Gesicht aus den Gegen- ständen hervor, ehe er sich des Menschen bemächtigte. Der Gras verabscheute das Tageslicht: die Vorhänge der Fenster wgrM zugezogen mi> bie Dunkelheit, die auf allem lastete. erhöhte noch das düstere Aussehelt dieser trübseligen Stätte menschlichen Unterganges. Er war furchtbar abgemagert, nur seine Augen, in die sich alles Leben geflüchtet zu haben schien, leuchteten in fieber- haftem Glänze. Die durchsichtige Blässe seines Gesichtes hatte etwas geradezu Entsetzenerregendes, das durch die ungewöhn- liche Länge seiner Haare noch erhöht wurde, die in langen flachen Strähnen über seine hohlen Backen herniederhingen. Er glich jenen Fanatikern, die in der Wüste ein einsames Dasein fristen. Der Gram hatte jegliches menschliche Empfin» dungsleben in ihm getötet, in ihm, der kaum fünfzig Jahre zählte und den ganz Paris als so glücklich und so lebensfroh gekannt hatte. Eines Morgens zu Anfang des Monats Dezember, im Jahre 1824, richtete er seine Augen mit einem besonderen Ausdruck auf seinen Sohn Ernest, der, am Fußende des Bettes sitzend, ihn kunimervoll betrachtete. „Leiden Sie sehr, mein Vater?" hatte der junge Vicomte gefragt. „Nein," entgegnete er mit einem schreckenerregenden. grinsenden Lachen.„Alles ist da, hier— in der Gegend des Herzens." Er hob den Kopf etwas in die Höhe und preßte seine fleischlosen Finger mit einer Leidenschaftlichkeit auf die hohle Brust, die dem jungen Ernest die Tränen in die Augen trieb. „Warun? kommt denn Herr Derville nicht zu mir?" fragte er seinen Kammerdiener, den er treu ergeben glaubte, der aber ganz unter dem Banne der Gräfin stand.„Wie kommt es, Maurice," rief plötzlich der Sterbende, der sich jetzt in seinem Bette aufrichtete und unvermittelt seine ganze Geistesgegen- wart wiedergefunden zu haben schien,„ich habe Dich doch schon sieben oder achtmal in den letzten vierzehn Tagon zu meinem Advokaten geschickt— und er kommt nicht. Glaubst Du, daß man nnch hintergeht? Gehe sofort zu ihm— rufe ihn augenblicklich oder bringe ihn selbst hierher. Wenn Du meinem Befehle nicht nachkommst, so werde ich aufstehen und selbst hingehen." Der Kammerdiener begab sich eilig zur Gräfin.� „Madame. Sie haben den Grafen gehört," sagte'er,„was habe ich jetzt zu tun?" „Sie werden vorgeben, beim Advokaten gewesen zu sein und Sic werden dem Herrn Grafen den Bescheid überbringen, daß Herr Derville wegen eines sehr wichtigen Prozesses hat verreisen müssen. Setzen Sie hinzu, daß er erst gegen Ende der Woche zurückerwartet wird." Die Kranken täuschen sich immer über ihr Schicksal und sie treiben damit Mißbrauch, dachte sich die Gräfin. Er wird sicherlich die Rückkehr seines Vertrauensmannes abwarten. Der Arzt hatte ihr am Vorabend eröffnet, daß der Graf schwerlich den Tag überleben würde. � � (Fortsetzung folgt.) (Nochdrnck verboten.) Merkwürdiges Geld. (Schluß.) So haben Nahrungs- und Genußmittel ihren Platz in der langen Reihe der Geldsorten. Man findet berichtet, daß früher in Paraguay der Paroguaytee das Geld ersetzte. Vor der Entdeckung Amerikas verwandten die Zentralamerikancr Kakaobohnen als Geld: in Ostindien komnien Betelnnsse, im Sudan Kolanüsse vor. auch der Reisbranntweiu soll früher in Japan als Geld gebraucht worden sein: an der Loangoküste in Afrika gilt Branntwein neben Baumwollstoffen als Zahlungsmittel. Der Tabak ist das beliebteste Kleingeld zahlreicher Volker, so der Stangentabak vielfach in der Südsee, Tabakbrote kursieren als Geld auf Rias. Tabakblätter im Hinterlande von Liberia. Tabakgeld kam auch in den Vereinigten Staaten von Ainerika vor. In Persien und im Somalilande traf man ferner Datteln als„Scheidemünze", in Tibet Wallnüsse. Maiskörner liefen in Mexiko als Geld um, das gleiche wird von Hirse und Sago festgestellt. In Island fand man Stockfische, in Lappland Käse und Hühnereier als Geldformen. An der afrikanischen Küste traf man auf ein Salzgeld, das selbst» verständlich als fester Wertmesser nicht betrachtet werden kann. Wenn die Salzgewinnung wenig Ertrag abwars, stieg sein Wert, ja er verdoppelte sich sogar. Dieses Salzgeld fand man sonst viel» fach in Aftika, so vor allem in wetzsteinförmigen Stücken ,n Abbessinien, ein umgelegter Baststreifcn vertritt gewissermaßen die Prägung. Je weiter man vom Produktionsorte kam, umso höheren Wert gewann das Salzgeld. Salzzicgel bilden auch im westlichen Sudan und in der Sahara ein beliebtes Geld; in Sambapikila konnte man für 30 Stück einen Sklaven kaufen. Der Reisende Marco Polo fand»m südwestlichen China Salzgeld. Man dämpfte das Wasser aus den Tool- quellen ab und formte kleme Kuchen. Auf diese Art Münze wurde der Stempel des Kaisers gedrückt, und sie durfte von keinem�anderen als von seinen eigenen Beamten bereitet werden. Auch in Aestindien ist Salzgeld zur Zeit der Entdeckung Amerikas konstatiert worden. Andere Gewürze sind, wenn auch selten, ebenfalls als Geld fest- gestellt worden, im mittleren Sudan u. a. roter Pfeffer, Zwiebeln und Knoblauch, im westlichen Sudan bittere Mandeln. Auch Baumwollstoffe haben den Charakter als Geld angenommen, so im mittleren Sudan Baumwollstreifen, die bielfach so schmal sind, dafe man sie zu keinem nützlichen Zweck verwenden kann. Im alten Böhmen liefen Tuchstücke als Geld um. die wegen ihres losen Gewebes zu keinen, praktischen Zweck zu gebrauchen waren, am unteren Kongo kursierten kleine Matten, die noch während der portugiesischen Zeit mit dem Stempel der Negierung versehen waren und als allgemeines Zahlungsmittel dienten. Auf den neuen S-briden kennt man das Mattengeld gleichfalls. Zu den ältesten eidarten Chinas gehörten kleine Stücke Lemewand oder Seidenstoff von bestimmter Größe. In Tibet gebraucht man jetzt noch Baum« Wollstoffe als Geld. Im Sudan tritt ferner Baumwollgarn als Geld auf. Die Mauren im nördlichen Senegambien nehmen z. B. für den Gnmmi nnr einen bestimmten dunkelblauen indischen Kattun in Zahlung und wissen ihn durch den Geruch von allen Räch- ahmungen zu unterscheiden. Fertige Kleidungsstücke findet man als Geld im mittleren und weltlichen Sudan, dann auch bei den Missauri-Jndianern, bei den Maffai und in Tibet. Die Verwendung der Felle geschätzter Pelztiere als Zahlungsmittel hat, wie Schurtz bemerkt, überall dort einen großen Aufschwung genommen, wo der europäische Handel peh reiche Gebiete auszubeuten begann. Schurtz vermutet, daß das Entstehen des Fellgeldes erst diesem Handel zu- zuschreiben sei. In Sibirien, wo die Eingeborenen teilweise ihre Abgaben in Fellen bezahlen müssen, mag das besonders der Fall sein, aber auch unter den Indianern Nordamerikas ist eine eigentliche Fellwährung wohl erst durch den Pelzhandel ins Leben gerufen worden, obwohl Anfänge hierzu schon früher vorhanden gewesen sein mögen. Bei den nördlichen Stämmen bildet das Biber- fell die Werteiuheiti die Missouristämme hatten die gegerbten Büffelhäute, die ihnen wenigstens den Händlern gegenüber als Wert- messer und Tauschmittel dienten. Pelzgeld war bei den nord- europäischen Völkern früher in typischer Form vorhanden, so in Skandinavien und bei den Russen, die auch an Stelle der unbequemen großen Felle ein aus kleinen gestempelten Fellstücken bestehendes Zeichengeld im Umlauf setzten. Auf den Faröer diente das Schaffell gewissermaßen als immaginäre(nur in der Vorstellung vorhandene) Werteinheit, da man wohl danach rechnete, aber die Felle nicht in Wirklichkeit umlaufen ließ. Nach Berührung mit europäischer Kultur haben oft Wolldecken die Felle verdrängt. Dort wo Rindenkleidung ursprünglich vorherrschte, wie in Uganda, kommen Rindeustllcke als Zahluuasinittel vor. Federngeld ist am oberen Nil und in Poly- nefien festgestellt worden. So finden wir die verschiedenartigsten Formen des Geldes, von denen wir aus dem reichen Materials von Schurtz nur Beispiele an- geführt haben. Me diese Geldsorten sind bloß unter ganz einfachen Verhältnissen bei geringen und wenig»lannigfaltigeu Ansprüchen ausreichend. Je komplizierter die Verhältnisse werden, je weiter das Gebiet ist, ans dem die Gegenstände zur Bedürfnisbefriedigung be- zogen werde», desto notwendiger stellt sich ein allgemein anerkannter Wertmesser heraus, desto dringender wird ein Geld von weiter Umlaufsmöglichkeit, von unveränderlichem Werte, von Teilungs- Möglichkeit. So finden wir überall das Eindringen europäischer und amerikanischer Münzen in sonst von der Kultur noch wenig berührte Gebiete. Soweit europäische Staaten Kolonien gegründet haben, gelangen sie sowohl im Interesse des Handels wie des Steuerwesens als auch zur Verhütung von Ueber- Vorteilungen der Eingeborenen und zum Zwecke eines geregelten Gerichtsganges zur Ordnung des Geldwesens, meist, aber nicht immer, zur Einführung der heimischen Münzen. Neben diesen fanden eine gewisse internationale Bedeutung einige Münzen, die heute iin übrigen erheblich an Bedeutung verloren oder sie in ihrem Heimat- land gänzlich eingebüßt haben, so der Maria-Theresientaler, der als Gewichtseinheit in Abessynien und als eines der wichtigsten Zirku- lationSmittcl im nordöstlichen Afrika und über dasselbe hmaus Bedeutung gewonnen hat. Das merkwürdige ist, daß ein durch den Gebrauch ganz schwarz gewordener Maria-Theresientaler als die eigentliche Münze gilt, während der glänzende und ncugeprägte sehr ungern angenommen wird oder überhaupt nicht zirkulationsfähig ish Deswegen hat man ihm häufig künstlich ein altes Aussehen gegeben. Um kleinere Münzen herzustellen, zerschnitt nian den Maria-Thcresien- taler in regelmäßige Stücke. Die österreichische Münze hat bis an das Ende des 19. Jahrhunderts diese Taler ausgeprägt, obgleich sie längst in der Heimat jede Umlaufsmöglichkeit verloren hatten. In den deutschen Kolonien ist nun die Annahn, e dieses Talers nicht mehr gestattet, und so dürfte er wie in seiner Heimat in absehbarer Zeit auch in Afrika den Charakter der Münze verlieren, itzer mexikanische Silberdollar und der spanische Taler hatten auch iveit über ihr Heiniatsgebiet Verbreitung gefunden. Ebenso ist die indische Rupie nach Zentral- asien wie nach Afrika eingedrungen, jedoch schränkten die neuen Bestinnnungcn über das Geld in den Kolonien das Umlaufsgebiet auch dieser Münze ein. Sonderbar ist ferner, daß ein so hochkultiviertes Land mit aus- gebreitetem Handel wie China auf Metallgeld in unserem Sinne im allgemeinen verzichtete. Roch immer ist dort nicht das Geld als an amtlicher Stelle geprägte und damit staatlich garantterte Metallmenge, sondern lediglich nach dem faktischen Inhalte und der Feinheit de» Silbers geschätzt. Das sogenannte Hacksilber kursiert hauptsächlich in China, wenn auch dort Silberbarren und mexikanische Dollars da- neben eine Rolle spielen. Von welcher.Bedeutung unsere Münzen, die ohne weitere Prüfung im Laufe weniger Tage durch hunderte von Händen gehen, find, ersieht man aus dem Geldverkehr in China, wo jeder das eingenommene Silber zu wägen und zu prüfen hat und wo selbstverständlich der Uebervorteilung der wirtschaftlich Schwachen und der in der Prüfung Unkundigen Tür und Tor ge» öffnet wird. Wir sind gewöhnt, über derartige Erscheinungen erhaben zu lächeln, aber � wir vergessen dabei ganz, daß ein allgemein ge- ordnetes Geldwesen in Deutschland noch im 18. Jahrhuirdert ein frommer Wunsch war, und daß wir eigentlich erst seit einem Menschen- alter ein gleichmäßiges und vor Erschütterungen gesichertes Geld- Wesen im Deutschen Reiche befitzen.— Adolf Braun. kleines feuilleton. lk. Bom Harze. Im Vorjahre eine brennende Julihitze, Staub auf allen Wegen bis zum Brocken hinaus, Wasseruot in manchen Harzorten, und heuer das gerade Gegenteil I Seit zwei Wochen kein Tag ohne Niederschläge und kaum einer ohne Gewitter, die teils die Schwüle nicht brechen, teils eine im Juli doppelt empfind- liche Kühle hinterlassen. Der Tourist, der über einen gute» Wetter- mantel, Doppelsohlen und Wanderlust verfügt, wird gleichwohl das heurige Wetter vorziehen. In der herrlichen Luft keine Spur von Staub, und alle Augenblick rieselt einem ein Quellchen über den Weg, wo im Borjahre nur staubiges Gestein zu erblicken war. Der Pflanzenwuchs quittiert über das himmlische Naß mit einer prächtigen Vollsaftigkeit, während der Waldboden überrascht und überraschend eine Unzahl von Pilzen hervorschießc» läßt, wie sie von rechtSwegen erst im feuchten Herbste erscheinen sollten. Mit den Aussichten steht es schlecht. Vater Brocken hat oft und gern seine Wolkenkappe über den Ohren. Fährt' man früh aus dem warmen Tale mit der Brockeubahn auf die Kuppe, so ist man oben versucht, ein wenig mit den Zähnen zu klappern, nud wer vom Nebel nicht gründlich an« gefeuchtet zu werden wünscht, rettet sich ins HanS, bis gegen Mittag die Schleier den Sonnenstrahlen weichen und ihm der Blick in die mächtigen bewaldeten Kuppen des Harzes gestattet ist.— hei. Ein steinernes Rätsel.(Nachdr. verb.) Der„Chikago Ghronicle" beschäftigte sich kürzlich mit der Herkunft der Monolithe. diesem großen Geheimnis in der Entwickclungsgcschichte der Mensch- heit. Diese seltsamen Steinmonumcnte, welche eine rohe Skulptur zeigen, sind über die ganze Erde zerstreut. Am merkwürdigsten und geradezu Schrecken erregend wirken aber die ungeheuren Monolithe auf der einsamen Osterinsel im Großen Ozean.— Nicht nur mit der geheimnisvollen Bedeutung dieser grandiosen Denk- mäler haben sich zahlreiche Forscher beschäftigt, sondern mehr noch mit der interessanten Frage, wie Völker einer frühen Kultur ohne Kenntnis der Jngcnicurwissenschaft derart gewaltige Blöcke zu ge- Winnen, zu befördern und aufzurichten vermochten— und zwar sogar in Ländern, wo derartige große Steinblöcke überhaupt nicht gesunden wurden. Nachdem sich die Gelehrten viele Jahrhunderte hindurch über dieses Rätsel die Köpfe zerbrochen, begann man mit einem vergleichenden Studium der Monolithe, und endlich gelangte man zu dem Schluß, daß nur die Phönizier all diese Monumente in England, im westlichen Teil von Frankreich, im nördlichen Teil Deutschlands, in Dänemark, Schweden, Nord-Afrika, Asien, Sibirier� ja selbst in Nord- und Südamerika errichtet haben können. Diese eine Entdeckung vermag unserer Geschichtsforschung neue Wege zu weisen. Denn wenn es richtig ist, daß allein die Phönizier alle diese großen Denkmäler errichtet haben, so müssen sie auch alle Länder gekannt haben, die wir auf unseren modernen Karten finden, so müssen sie Amerika und Asien Jahrtausende vor unserem Er- scheinen auf dieser Erde besucht habe». Man ist aber auf ganz logische Weise zu diesem interessanten Schluß gelangt. Der weitaus größte Teil aller Monolithe ist an den Mündungen der großen schiffbaren Ströme zu finden. Also können die gewaltigen Steine nur durch ein Volk herbeigeschafft sein, das in der Schiffahrt große Erfahrung besaß. Die Kelten, welche nur primitive Schiffe aus Flcchtwerk besaßen, vermochten überhaupt keine weiten Seereisen zu unternehmen. Und wenn wir weiter unter den Völkern jener frühen Zeit Umschau halten, so finden wir, daß neben den Phöniziern, die gleich tüchtig als See» fahrer und Kaufleute waren, kein zweites Volk für die Lösung einer so großen Aufgabe in Betracht kommen kann.— Wie kamen aber die Phönizier nach Amerika? Da sie Kolonien auf den Inseln des westlichen Mittelmecres und auf denen des Atlantischen Ozeans be» sahen, so kann man sich wohl vorstellen, daß sie auch den Weg nach Amerika gesunden haben. Zu welchem Zwecke aber mögen die Phönizier diese Monumente errichtet haben? Man entdeckte einen großen Monolithen an der Loire, welcher die Inschrift trägt:„An dieser Stelle wurde unser tapferer Kamerad erschlagen." Dieser Monolith ist also im besten Sinne ein Denkmal für einen vom Bolle verehrten Mann. Nun hat man aus Monolithen in Bolivia Jfcte auf solchen in Südamerika übereinstimmend den Fuß- Abdruck eines Mannes wie eine Schlange mit erhobenem Kopfe eingraviert gefunden, und das sind gerade phönizierische Symbole, die auf zahl- reichen phönizischen Grabdenkmälern wiederkehren. Diese Ueber- einstimmung berechtigt wohl zu dem Schlüsse, daß die Monolithe durchweg Denkmärcr sind, welche die Phönizier zu Ehren ihrer großen Toten errichteten, wo' immer sie sich auch befanden. Damit ist allerdin"» noch nicht die Frage gelöst, wie sie diese große technische Aufgabe«u lösen vermochten i doch dürfte uns auch dieses große technische Resultat wie so manches andere große Werk jener frühen Zeiten belehren, daß die alten Völker doch in der Technik viel weiter vorgeschritten waren, als wir im allgemeinen anzunehmen pflegen. dl. Wertvolle Geschäftsgeheimnisse. Von dem ungeheuren Werte, den ein Geschäftsgeheimnis bisweilen repräsentieren kann, macht man'sich kaum eine rechte Vorstellung. Eine englische Zeit- schrift weiß einige Beispiele dafür anzuführen. So soll die Familie Rothschild den Karthäuser Mönchen in Frankreich für das Geheimnis der Fabrikation des berühmten Chartreuse 2» Millionen Mark in bar geboten haben. Dieser Likör erhält seinen Wohlgeschmack aus der Mischung von mehr als 50 verschiedenen Pflanzen und Kräutern, und sein Vertrieb brachte einen Gewinn von jährlich 3 Millionen, die an mehrere religiöse und wohltätige Gesellschaften verteilt werden. Die Mönche lehnten, ohne sich einen Moment zu besinnen, das Auerbieten Rothschilds ab. Nicht minder wertvoll ist das geheime Rezept, nach dem der Benediktiner bereitet wird. Dieses unersetzliche Geheimnis ging während der französischen Revolution verloren, und erst, als es 1803 aufgefunden wurde, konnte man wieder an die Fabrikation des Likörs gehen. Einen unermeßlichen Schatz bedeutet für seinen Besitzer das Geheimnis der Fabrikation der Tinte, mit der die Banknoten der Vereinigten Staaten gedruckt werden. Nur e i n Mann in der Welt kann diese Tinte herstellen, und das Geheimnis der Verfertigung ward ihm von seinem Vater, dem Erfinder des Mittels, auf dem Totenbette anvertraut unter der Bedingung, daß er es niemandem verraten würde als seinem Sohn oder einem seiner nächsten Angehörigen bei seinem eigenen Abscheiden. Die amerikanische Regierung ist durchaus auf diese Tinte angewiesen, da sie allein auf dem zum Druck der Banknoten verwandten Papier das besondere und einzigartige Aussehen hervor- bringt, das die Wertpapiere vor Nachahmung schützt. Die Regierung zahlt ihrem Tintenfabrikanten 200 000 M. jährlich, und er hat dafür nur etwa zwei Wochen im Jahre zu arbeiten. Sechs Leute sind ununterbrochen beschäftigt, die einzelnen Bestandteile der Tinte an- zufertigcn, und wenn alles bereit ist, so genügen dem Besitzer des Gchcimmittels vierzehn Tage, um in einem streng verschlossenen Raum so viel Tinte herzustellen, als die Regierung braucht. Im Besitz eines ähnlichen, fast zauberhaften Mittels, um große Geld- summen zu verdienen, ist der Besitzer der Papierfabrik zu Lavcrftoke, aus der das Papier stammt, aus dem das Papiergeld der Bank von England hergestellt wird: auch für die Tinte, mit der das Papier bedruckt wird, gibt es ein bestimmtes Gcheimmittel, und nur so viel weiß man, daß verkohltes Holz und Rheinwein dabei verwandt werden. Andere gewichtige Geheimnisse werden von den Wein- küfern und Kellermeistern zur Herstellung besonders wundervoller Weine bewahrt. So besitzt der Kellermeister von Mansion House, dem Palast des Londoner Bürgermeisters, ein streng bewahrtes Geheimmittel, das er von seinem Vorgänger überliefert erhalten hat, um bei den großen Festlichkeiten im Ratshause den Wein für den herumgereichten Ehrenbecher herzustellen. Jeder, der diesen Wein getrunken, weiß, daß ein schwerer Rotwein die Basis für die Mischung bildet, aber die anderen Zutaten, die dem Wein das herrliche Aroma verleihen, kann niemand ergründen.— Aus dem Tierleben. gc. Reiher-Kolonien. Im Sonnner bietet sich auf Aus- flügen sehr oft Gelegenheit, Fischreiher zu sehen und ihr Leben und Treiben zu beobachten. Als unablässiger Räuber und Enwölkerer unserer Bäche, Flüsse rmd Seen ist der Fischreiher schon längst in den Bann getan und zahlreichen Nachstellungen von feiten der Fischerciberechtigten und Forstbeamten ausgesetzt. Aber wenn er auch an Zahl seit den romantischen Zeiten der ReiherbeizP Zweifel- los zurückgegangen ist, so ist er doch überall, wo fischreiche Bäche und Flüsse sich durch die Täler winden, eine gewöhnliche Erscheinung. Er hat sich mit mehr Erfolg den Nachstellungen zu entziehen gewußt, als seine Vettern, die Silber- oder Seidenreiher. Ist schon durch die Trockenlegung vieler Sümpfe das Gebiet der letzteren ein- geschränkt, so ivurde ihnen noch mehr ihre weiße Farbe, die die Tiere schon in sehr weiter Entfernung sichtbar macht, verderblich. Der Fischreiher ist infolge seiner vorwiegend grauen Färbung nicht so ausfallend; er lebt fast gar nicht an Sümpfen, fondern Haupt- sächlich an Bächen und Flüssen, die er indes nur zu gewissen Zeiten des Tages aufsucht, während er die übrige Zeit im schützenden Walde, wo er auch horstet, verbringt. Hieraus erklärt sich, daß er den mannigfaltigen Nachstellungen deS Menschen besser zu trotzen vermochte und durchaus noch nicht selten ist. Einzelne Paare nisten fast überall in ganz Deutschland zerstreut. Meist aber horstet der Reiher in mehr oder weniger großen Kolonien. Die Horste befinden sich auf verschiedenen Bäumen: sehr hohen Eichen, Buchen, Fichten und Kiefern, meist in der Nähe der Gewässer, zuweilen jedoch auch weit von ihnen entfernt. Ost stehen auf einem Baume zehn und mehr Horste. Jeder Horst ist uuaefähr ein Meter breit, glatt und kunstlos. Aeußerlich besteht er aus starke» Reisern, die nach dem Innern zu dünner werden, und trägt auf der Oberfläche ein dürstiges Polster von Haaren, Wolle, Federn und dergleichen. Im Mai entschlüpfen die ungemein häßlichen Jungen den hellgrünen Eiern. Dann herrscht reges Leben in der Reiherlolonie. Unermüdlich schleppen die Eltern Futter für die junge Brut heran. Mit lautem tiefen»Kräh, Krah" nähern sie sich dem Neste, mit Hellem.Keckeckeck' antworten die Nestvögel und ergreifen die ihnen dargereichte Nahrung mit solcher gierigen Hast, daß fie ihrem Schnabel gar oft entglntet und über den Nestrand auf den Boden fällt. So sorgsam auch die alten Reiher für ihre Jungen sorgen, so wagen fie doch nicht, fie gegen einen Feind zu verteidigen. Wenn ein Raubvogel oder auch nur eine Krähe oder Elster m eine Reiherkolonie eindringt, dann stößt der alte Reiher zwar ein durchdringendes Geschrei aus, sperrt den starken Schnabel auf und schlägt mit den Flügeln, aber wenn der Feind kühn vordringt, so weicht er zurück und räumt ihm das Feld.- Humoristisches. — Tin Drückeberger. Schusterbub:.Wenn ich kein Geld bring', haut mich der Meister 1* Student:.Armer Kerl, da konnte doch der Meister selber kommen I' Schusterbub:.Das tut er nicht; wenn der nämlich auch keins bringt, haut'n die Meisterin."— — Zweierlei. Junge Gattin:.Ariur, ich will Mr'S nur gleich sagen: wenn Du glaubst, den Schlüssel zum Haustor ebenso leicht zu sindcn, wie Du ihn zu meinem Herzen gefunden hast, dann i r r st Du Dich gewaltig!"— — Opferwillig. Hausfrau(nachdem sich die Gäste entfernt haben):.Die schöne Torte I Niemand hat sie angerührt l' Der kleine Willy:.Da werde wohl i ch in den s a u e r n Apfel beißen müssen, Mama?"— (, Meggeiworfer-Blätter.") Notizen. — DasLessing-Theater hat außer dem neuen S u d e r- in a n n s ch e n Schauspiel;.Stein unter Steinen" folgend« Stücke zur Aufführung erworben:„Rat Schrimpf" von Max B u r k h a r d,„SittlicheForderungen" und„Erziehung zur Ehe" von Hartleben. Ferner find zwei noch titellose Stücke von Hauptmann mid Schnitzler in Aussicht ge- nommen.— — Im Harzer Berg-Theater erlebten da? Drama von Lienhard:.Wieland der Schmied" und eine dramatische Skizze„Siegfrieds Tod" von August Sturm erfolgreiche Uraufführungen.— —„Henris Hochzeit", ein vieraktiger Schwank von Richard Keßler, fand bei seiner ersten Aufführimg in Dessau starken Beifall.— — Der Tenorist William Müller, tcr von 1877 bis 1884 am Berliner Opernhanse wirkte, starb jetzt im Alter von S0 Jahren in Hannover. Müller war der Sohn eines Schuhmachers und ge« leniter Dachdecker.— — Der Maler Jean JaqueS Heuner ist, 79 Jahre alt, in Paris g e st o r b e n.— — Der erste internationale Kongreß für Physiotherapie findet vom 12.— 15. August in L ü t t i ch statt. Die Tagesordnung erstreckt sich auf sämtliche Zweige der Naturheilmethode.— — Spencer, der Direktor des Newyorker Aquariums, stellt Versuche an. blinde Fische sehend zu machen. Er bringt die Tiere in Glasgefäße, die von allen Seiten belichtet werden und meint, daß sich Augen entwickeln könnten.— — Die Beute weißer Ameisen ist ein ganze? Haus, eine Meierei in der stanzöfischen Gememde Moncrabeau, geworden. Ein Teil des Gebäudes stürzte ein, dem noch übrigen droht dasselbe Schicksal; die Balken sind fast buchstäblich auf- gefressen.— — Kuckuckseier. Daß der Kuckuck seine Eier mit Vor- liebe in die Nester kleinerer Vögel legt und von diesen das. unbequeme Brutgeschäst besorgen läßt, ist eine be- kannte Taffache. DaS Sonderbarste aber dabei ist, wie Bergmann in einem Aufsatz.Hauswirt und Mieter im Tierreich" in .Aus der Natur"(Hest 7) mitteilt, daß die Eier der Farbe des übrigen Geleges meist angepaßt sind, fo daß also das Kuckucksei in einem Rest mit braunen Eiern braun, in einen, Nest mit blauen Eiern blau und in einem mit gesprenkelten Eiern gesprenkelt ist. Diese Anpaffung geht so weit, daß man das Kuckucksei oft nur an dem Größenunterschied erkennen kann, hat aber ihren Grund wohl darin, daß jedes Kuckucksweibchen immer nur die Nester einer ganz bestimmten Singvogelart heimsucht. Kein Wunder, daß dann die Pflegemutter das eingeschmuggelte Ei für ihr eigenes nimmt, bis der ausgekrochene Kuckuck als gefräßiger Einmietling den Wahn gründlich zerstört.— — In Zuffenhausen(Württemberg) entdeckte man«ine 4Y Jahre alte vorgeschichtliche Ansiedelung.— Beraittwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlagsanstalt Paul Singer tkTo., Beilin£>W.