Nnttthallungsblatt des Horwnrts Nr. 145. Freitag, den 28. Juli. 1905 (Nnchdnick verboten.) 11] Godfeck. Von H o n o rö Balzac. Deutsch von Alfred Brieger. (Schluß.) „Haha," lachte Gobseck. Es klang wie das Kreischen eines metallenen Leuchters, den man über die Marmorplatte eines Kaininsims schiebt. Siach einer Weile wandte er sich in ruhigem Tone zu mir: „Wollen Sie vielleicht die Gräfin glauben machen, ich wäre nicht der gesetzliche Eigentümer der Güter, die nur der verstorbene Herr Graf verkauft hat? Seit einigen Augen- blicken gehört dieses Haus mir." Ein Keulenschlag hätte mich jetzt nicht unerwarteter und schmerzlicher getroffen. Die Gräfin bemerkte den unruhigen, fragenden Blick, den ich dem Wucherer zuwarf. „Herr— Herr— Herr— Herr— Herr," rief sie, ohne ein anderes Wort hervorbringen zu können. „Haben Sie ein Fideikommiß?" fragte ich Gobseck. „Möglich." „Sie wollen sich das Verbrechen Madamcs zunutze machen?" „Nichtig." Die Gräfin sank sprachlos auf einen Sessel zur Seite des Bettes und weinte still vor sich hin, Ich verließ das Zimmer. Gobseck folgte mir. Als wir die Straße betraten, trennte ich mich von ihm. Er lief mir nach, hielt mich an, warf mir einen jener tiefgehenden Blicke zu, mit denen er die Herzen der Menschen zu ergründen pflegte, und mit seiner leisen Stimme, die jetzt einen besonders schrillen Ton annahm, sagte er: „Du machst Dich anheischig, über mich zu Gericht zu sitzen?" Seit jener Zeit haben wir uns nur wenig gesehen. Gobseck hat das Palais des Grafen vermietet: er verbringt den Sommer auf den Landgütern; er spielt den großen Herrn; er legt Meierhöfe an, bessert die Mühlen aus; er errichtet Chausseen lind pflanzt Bäume. Eines Tages traf ich mit ihm in einer Allee des Tuileriengartens zusammen. „Die Gräfin führt jetzt ein geradezu heroisches Dasein," sagte ich ihm.„Sie hat sich ganz der Erziehung ihrer Kinder geweiht, die sie fast vollkommen zu Ende führt. Der Aelteste ist ein sehr liebenswürdiger junger Mensch..." „Möglich." 1 „Meinen Sie nicht, daß Sie Ernest bei seinem Fortkommen behülflich sein sollten?" fragte ich. „Behiilflich sein?" rief Gobseck.„Oh nein» oh nein! Das Unglück ist unser bester Lehrer, das Unglück wird ihn den Wert des Geldes kennen lehren, den Wert der Männer und der Frauen. Er soll nur auf dem Meer des Pariser Lebens umherfahren— wenn er ein guter Steuermann geworden ist, so soll er auch ein Schiff zur Führung bekommen." Ich trennte mich von ihm, ohne auf den Sinn seiner Worte besonders zu achten. Wenngleich Graf Restaud, dem seine Mutter eine tiefe Abneigung gegen mich einzuflößen gewußt hatte, wohl weit davon entfernt ist, mich als seinen Ratgeber anzunehmen, so habe ich doch Papa Gobseck in der vergangenen Woche auf- gesucht, um ihn von der Neigung zu unterrichten, die Ernest Fräulein Kamille entgegenbringt und um ihn zu bitten, sein Amt nunmehr zu Ende zu führen, da der junge Mann dem- nächst das Alter der Mündigkeit erreicht. Der alte Geldverleiher verließ schon seit langer Zeit das Bett nicht mehr. Er litt an einer Krankheit, die fein Ende herbeiführen sollte. Seinen endgültigen Bescheid auf mein Ansuchen schob er aus den Zeitpunkt hinaus, wo er sich wieder erheben und mit seinen Geschäften befassen konnte; offenbar wollte er, solange noch ein Hauch des Lebens in ihm wohnte. sich keines seiner Besitztümer entäußern: einen anderen Grund hatte seine dilatorische Antwort nicht, Da ich ihn weit kränker fand, als er es wohl selbst glaubte, so blieb ich lange genug bei ihm, um das Fort- schreiten einer Leidenschaft beobachten zu können, die das Alter allmählich in eine Art Wahn verwandelt hatte. Um niemanden in dem Hause zu haben, das er bewohnte, war er zum Allein- mieter geworden und ließ alle Zimmer leer stehen. Die Möbelstücke, die ich nun seit sechzehn Fahren schon so genau kannte, schienen fast unter Glasverschlägen aufbewahrt zu sein, denn sie sahen noch immer genau so aus wie damals. Die alte, treue Portierfrau, die inzwischen einen Invaliden geheiratet hatte, der den Wachdienst in der Loge versah, während sie zu Gobseck hinaufstieg, diese gute Frau war noch immer seine Haushälterin, seine Vertraute, die Persönlichkeit, die jeden Besuch offiziell bei ihm einführte und schließlich sogar die Stellung einer Krankenpflegerin einnahm. Trotz seines vorgerückten Schwächezustandes empfing Gobseck noch inimer alle seine Kunden, er nahm die Eingänge in Empfang und er hatte den Geschäftsgang seiner Angelegenheiten derart zu vereinfachen gewußt, daß ein zeitweiliger Botengang des alten Invaliden genügte, um alles außerhalb des Hauses in bester Ordnung zu erhalten. Als der Vertrag abgeschlossen wurde, durch den Frank» reich die Republik Haiti anerkannte, wurde Gobseck infolge seiner Kenntnisse der früheren Sachlage in Santo Domingo, der Vermögensverhältnisse der Kolonisten oder deren Rechtsnachfolger, denen Entschädigungen zufallen mußten, zum Mitglied der Kommission ernannt, die die Ansprüche der betreffenden Klageführcnden zu liquidieren und die von der republikanischen Regierung geleisteten Zahlungen zu verteilen hatte. Gobsccks genial� Erfindungsgabe ließ ihn unter der Firma Verbrust u. Gigonnet eine Art Agentur errichten, um die Schuldtitel der Kolonisten oder deren Rechtsnachfolger zu diskontieren, und so war er an dem Verdienste seiner Ge» schäftsgenossen beteiligt, ohne sein eigenes Geld vorstrecken zu müssen, insofern seine umfassende Kenntnis der Lage einen Kapitalszuschuß wohl ersetzte. Diese Agentur war eine Art von Destillierapparat, wo die Schuldverschreibungen der lln» wissenden, der Ungläubigen oder solcher, deren Rechte allen» falls beanstandet werden konnten, sozusagen ausgepreßt und» ausgebeutet wurden. Als Liquidator verstand es Gobseck vor» züglich, mit den Großgrundbesitzern zu unterhandeln, die, teils um ihr Eigentum zu einem höheren Zinsfuß bewerten zu lassen, teils um sich einen Vorrang und schnellere Erledigung zu verschaffen, ihm je nach ihrer Vermögenslage die ver» schiedenartigsten Geschenke zukommen ließen. Diese An» gebinde stellten also für ihn den Abzug von solchen Geld- summen dar, die er nicht in seine Häirde zu bekommen ver» mochte; außerdem trieb ihm seine Agentur zu niedrigen Preisen die kleinen Forderungen, die zweifelhaften und diejenigen solcher Leute zu, die eine sofortige Barzahlung— so gering sie auch sein mochte— der mtzsicheren Zahlungsweise der republikanischen Regierung vorzogen. Gobseck spielte also in diesem großen Unternehmen sozusagen die Rolle einer un- ersättlichen Boa Constriktor. An jedem Morgen nahm er seinen Tribut in Empfang und betrachtete ihn, wie es wohl der Minister eines Nabob tut, der einen Gnadenakt unter» zeichnen soll. Gobseck nahm alles: von dem Lebensmittel» törbchen des armen Teufels bis zum Pfunde Wachs der ängst- lichen Leute, vom silbernen Tafelgeschirr der Reichen bis zur goldenen Tabatiere des Spekulanten. Kein Mensch wußte, was aus den Geschenken, die dem alten Wucherer zuflössen, schließlich wurde. Alles strömte ihm zu— nichts kam wieder zum Vorschein. �, '„So wahr ich eine anständige Frau om," sagte die alte Portierfrau, meine langjährige Freundin,„ich glaube er schluckt alles, ohne darum dicker zu werden, denn er rst noch immer so dürr und mager wie ein Spatz." Am letzten Montag nun ließ mich Gobseck durch den alten Invaliden rufen.., „Kommen Sie schnell, Herr Derville," sagte er, m meut Zimmer tretend,„Papa Gobseck wird bald seinen letzten Rechnungsabschluß machen. Er ist gelb geworden wie eine Zitrone und. die Ungeduld, nach Ihnen verzehrt ihn. Der Tofl arteUet schon an ihm und der letzte Schlucfauf sitzt ihm schon in der Kehle." Ms ich das Zimmer des Sterbenden betrat, kniete er vor dem Kamin, in dem zwar kein Feuer brannte, aber ein ungeheurer Haufen Asche lag. Gobseck hatte sich von seinem Bette dorthin geschleppt. Jetzt aber fehlte ihm die Kraft sein Lager wieder aufzusuchen« wie auch die Stimme zu einem Hülferufe ihm versagte. Ich hob ihn auf und half ihm in sein Bett zurück. „Ihnen ist kalt, lieber, alter Freund," sagte ich,„warum lassen Sie hier kein Feuer anzünden?" „Mir ist nicht kalt," entgegnete er lebhaft„nur kein Feuer, nur kein Feuer. Ich gehe fort von hier, mein Junge," setzte er hinzu, ind�n er mir einen Blick zuwarf,„ich gehe fort— ich weiß nicht, wohin—, aber ich gehe. Ich habe mich neuerdings mit Karpologie beschäftigt," meinte er mit einem Fachausdruck, aus dem die volle Klarheit und Schärfe seiner Verstandcskräfte bis zum letzten Augenblick hervorging.„Ich glaubte, mein ganzes Zimmer stände voll von lebendem, blühendem Golde, und ich bin aufgestanden, um davon zu pflücken. Wohin wird all mein Hab' und Gut gehen? Der Negierung will ich es nicht überlassen. Ich habe ein Testament gemacht: Suche es mein Grotius. Tie schöne Holländerin hatte eine Tochter, die ich irgendwo einmal gesehen habe— eines Abends—, in der Rue Vivienne. Ich glaube, man nennt sie die Zitterroche. Sie ist schön wie die Liebe selbst; suche sie, mein Grotius. Du bist ohnedies mein Testaments- Vollstrecker, nimm Dir, was Du willst— iß so viel Du magst. Hier gibt es Gänseleberpasteten, Ballen mit Kaffee, Säcke voll Zucker und goldene Löffel ohne Zahl. Das schöne Service schenke Deiner Frau. Wer aber soll die Diamanten be- kommen? Schnupfst Du Tabak, mein Junge? Ich habe Tabak die Hülle und Fülle. Verkaufe ihn nach Hamburg. Du kannst viel daran verdienen. Mit einem Worte— ich habe alles, was man sich denken kann— und ich muß es doch zurücklassen." Er setzte sich in seinem Bett auf. Sein Gesicht zeichnete sich deutlich auf dem Kopfkissen ab, als ob es aus hartem, schwerem Erz gewesen wäre. Er streckte seine mageren Arme und knochigen Hände auf der Bettdecke vor und ergriff sie, als ob er sich daran festhalten wollte. Er sah hinüber zu dem Kamin, der gerade so kalt war wie sein metallisches Auge, und er starb im Vollbesitze seiner Verstandeskräfte, /ndem er uns dreien— dem alten Invaliden, dessen Frau und mir— wie einer jener bedachtsamen, gemessenen Römer erschien, die Lcthiäre auf seinem Bilde„Der Tod der Kinder des Brutus" dargestellt hat. „Der hat, weiß Gott, eine Unverfrorenheit am Leibe, wie ein alter Infanterist, der alle Dienstkniffe kennt l" meinte der Invalide in seiner Soldatensprache. Mir aber klang noch immer die phantastische Aufzählung aller Reichtümer im Ohre, die der Sterbende mir kundgetan hatte. Meine Blicke, die den seinigen unwillkürlich gefolgt waren, hafteten an dem Aschenstoß, dessen übermäßige Größe mich neuerdings in Staunen versetzte. Ich nahm die Feuer- Zange und stieß hinein. Sie schlug auf einen Haufen Gold und Silber; offenbar die Summe seiner Eingänge, die ihm während der Krankheit zugeflossen waren und die er infolge seines Schwächezustandes nicht hatte verbergen oder aus Miß- trauen nicht auf die Bank schicken können. „Laufen Sie zum Richter!" rief ich dem alten Invaliden ZU,„Die Siegel müfsen hier eilig aufgelegt werden!" Plötzlich kamen mir Gobsecks letzte Worte wieder ins Ge- dächtnis; ich dachte auch an manches, was die Portierfrau mir in letzter Zeit gesagt hatte, und so nahm ich die Schlüssel zu den im ersten und zweiten Stock gelegenen Zimmern, um einen prüfenden Blick auf diese zu werfen. In dem ersten Räume, den ich öffnete, fand ich die Erklärung für die Redensarten meines verstorbenen Freundes, die ich für völlig sinnlos ge- halten hatte. Hier sah ich die letzten Folgeerscheinungen elßer Habsucht, der schließlich nichts mehr geblieben war, als eine Art gänzlich unlogischen Instinktes, für dessen Existenz so mancher Geizhals der Provinz ein beweisendes Beispiel ge- boten hat. Neben dem Zimmer, in dem Gobseck verschieden war, standen allerhand verfaulte Pasteten, eine Menge Lebensmittel aller denkbaren Sorten, ja sogar Muscheln, Schaltiere und Fische mit langen Flossen und Kiemen, deren verschiedene Verwesungsgerüche mich fast zum Ersticken brachten. Ueberall trieben Würmer und Insekten ihr Wesen. Zwischen diesen Geschenken, die erst kürzlich eingetroffen sein tonntem lagen Schachteln aller Formen und Größen, Teekisten und Kaffeeballen. Aus dem Kaminsims m einer silbernen Suppenschüssel befanden sich Ladescheine und An- kunftsbescheinigungen von Waren, die unter seinem Namen nach Havre konsigniert worden waren: Baumwollenballen, Zuckerfässer. Tönnchen mit Rum, Kaffee, Indigo, Tabak— ein ganzer Bazar kolonialer Erzeugnisse. Eine Unzahl von Möbelstücken stand in diesem Raum aufgehäuft, dazu Silber- zeug, Lampen, Bilder, Vasen, Bücher, schöne, noch aufgerollte un neueingerahmte Stiche— ein vollständiges Raritäten- kabinett. Vielleicht auch, daß diese unermeßliche Menge von Wertgegenständen sich nicht nur aus Geschenken herleitete, sondern auch aus Pfändern bestand, die ihm mangels Zahlung verblieben waren. Ich sah wappengeschmückte oder mit Mono- gramms versehene Schmucketuis, schönes Tischzeug, kostbare Waffen, alles aber ohne Etiketten- oder Namensbezeichnungen. Als ich ein Buch öffnete, das hierher verlegt worden zu sein schien, fand ich mehrere Tausendfrankscheine. Ich nahm mir vor, jeden Gegenstand eingehend zu prüfen, den Fußboden, die Decke, die Mauerecken genau zu untersuchen, um womöglich alls das Gold ausfindig zu machen, an dem der alte Holländer, der Rembrandts Pinsel würdig gewesen wäre, mit so leiden- schaftlicher Liebe hing. Ich habe niemals— so lange mein gerichtlicher Beruf gedauert hat— in ähnlicher Form die Folgen des Geizes und der Absonderlichkeit zu sehen be- kommen. Unter einem Briefbeschwerer lag eine vollständige Korre- spondenz zwischen Gobseck und jenen Händlern, denen er offen- bar seine Geschenke zu verkaufen pflegte. Sei es nun, daß diese Leute Gobsecks Geschicklichkeit zum Opfer gefallen waren, sei es, daß er zu hohe Preise für die Lebensmittel oder Wert- gegenstände gefordert habe— jedes Geschäft war noch in der Schwebe. Seine Eßwaren konnte er nicht an Cheves los- schlagen, weil Cheves sie nur mit 30 Prozent Verlust nehmen wollte. Gobseck feilschte wegen einer Differenz von wenigen Franken, und während des Hin und Her gingen die Waren verloren. Für das Silberzeug weigerte er sich die Lieferungs- kosten zu übernehmen. Beim Kaffee wollte er für mögliche Defekte keine Garantie leisten. Kurz und gut— jeder Gegenstand gab Anlaß zu endlosen Auseinandersetzungen, aus denen die ersten Symptome seiner kindischen Greisenhaftigkeit und jenes unbegreiflichen Starrsinns hervortraten, zu der alle alten Leute, bei denen eine starke Leidenschaft die Verstandskräfte überdauert, schließlich gelangen. Ich mußte mir dieselbe Frage vorlegen, die er sich selbst gestellt hatte: „Was sollte aus all diesen Reichtümern werden?"— i Nach Maßgabe der seltsamen Anhaltspunkte, die er mir über seine einzige Erbin hat zukommen lassen, bin ich jetzt gezwungen, sämtliche fragwürdigen Häuser in ganz Paris zrx durchsuchen, um schließlich einem minderwertigen weiblichen Wesen ein unermeßliches Vermögen in den Schoß werfen zu können. Vor allem aber, Vicomtesse, sollen Sie erfahren, daß der junge Graf Ernest de Restaud in Uebercinstimmung mit einer gesetzlich unantastbaren Urkunde in wenigen Tagen in den Besitz eines Vermögens gelangen wird, das ihn in die Lage versetzt, Mademoiselle Camilla zu heiraten und gleichzeitig der Gräfin Restaud, seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwester eine ausreichende Summe zu überlassen, „Mein lieber Derville," entgegnete die Dame des Hauses« „ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Der junge Ernest muß schon gewaltig reich sein, um seine Mutter für eine Familie wie die unsrige genießbar zu machen. Be- denken Sie, daß mein Sohn eines Tages Herzog von Grand- lieu sein und den Besitz der beiden Grandlieuschcn Linien in sich vereinigen wird. Ich möchte ihm einen Schwager nach seinem Geschmacke wünschen." „Ich bitte sehr," mischte sich Graf du Borne ein,„Restaud hak doch ein rotes Feld mit silbernen Qucrstreifen und vier goldenen Schildern mit je einem Schwertknauf darüber-m das ist ein sehr altes Wappen!"' „Das mag schon sein," gab die Gräfin zu,„Camilla braucht ja auch mit ihrer Schwiegermutter nicht zu verkehren." „Frau von Beauseant hat die Gräfin Restaud bei sßS empfangen," beschwichtigte der gute, alte Onkel, „O ja!" meinte die Vicomtesse,„Aber doch nur auf ihren Routsl"—. —- 579— XX. Internationale Kunstausstellung in jviuncben. IL Die Sezession bildet eine Ausstellung für sich innerhalb bes großen Ganzen. Gemälde, Plastik, Graphik ist da vertreten. Unter den Graphikern zeichnet sich Graf durch kräftige Schwarz weißwirkung seiner Blätter aus. Auch Fehr hat einen kraftvollen, energischen Kopf hier. Lustig und bunt wirkt Kirchner mit dem bekannten Blatt„Die Sorglosen". Ein Abhang, eine Wiese, auf der eine burleske Phantasie sich austobt. Die Sonne scheint. Ein Schneider tanzt Ballett in der Sonne. Die dicke Groß' mutter hat ihr Bett nebst Zubehör herausrücken lassen ins Freie: ein dicker Herr trägt einen Damenhut. In den Zweigen eines Baumes sitzt ein dürres Männchen und flötet. Auf dunklem Grunde, fast schattenhaft undeutlich läßt Vetter ein farbenreiches Feuerwerk erscheinen, dos in gelben Garben herunter- rieselt auf die Stadt. Auch der..Marienplatz" ist so phantastisch und undeutlich gezeichnet. Als Nachbildung interessant ist die„In quisitionsszene nach Goya" von D a n s e, die in phantastischem Helldunkel gehalten ist. D a m b e r g e r umreißt mit scharfen, nrarkanten Linien einen Charakter. Die Porträts arbeitet er sicher aus Schwarz und Weiß heraus. Stern hat viel von den Japanern gelernt. In der Farbe sowohl, die er in matten, flächigen Nuancen bevorzugt. Auch in der Kourposition spürt man den-Einfluß. Er setzt die Figuren nicht in die Mitte, sondern rückt sie mehr an die Seite, so daß ein breiter Raum freibleibt. Der Saal, der die Plastiken enthält, macht einen guten Ein- druck. Man merkt, diese Künstler stellen sich vor neue Aufgaben. Die feine Knabenaktstudie von Wagner„Auflösung" ist herb in den Linien. Leuchtend und lebendig ist desselben Künstlers„Herren- Porträt", das in der Behandlung der Bronze malerische Absichten verrät. Am schärfsten hebt sich L e d e r e r heraus. Der gewaltige stiernackige Ringkämpfer„Pehrouse" wirkt zu sehr durch die Masse. Fein erscheint dagegen die zart durchgebildete Büste von Pfitzner. Elegant steht auch der jugendliche Fechter da, der die Krönung des Breslauer Brunnens darstellt. Die kauernden Figuren, die den Unterbau tragen, sind schön und lebendig in den Massen. Auch die sitzende Figur ist frei komponiert. Man hat es mit einem Künstler zu tun, der mit Virtuosität und sicherer Eleganz seinen wechselnden Aufgaben gerecht wird. Leicht behandelt Jaeckle die Flächenpartien eines Gesichts. Fein und glatt erscheint seine Technik, die oft dadurch etwas Malerisches erhält, den Charakter einer geschmackvollen Zeichnung. Alles deutet er leise nur an. Die Stirn, die Augen, den Anzug. H u d l e r s ernstes Können zeigt der „Dengler". Wirsing streift ein bißchen ins Genregebiet. Sein junger„Melonenesser" baut sich leicht und gewandt auf. Eine Bildnisbüste in Sandstein ist ebenfalls leicht gearbeitet. Eine ganze Reihe von Bildnissen schließt die Ausstellung. Wagner, Romaguoli, Wirsing liefern die besten Arbeiten auf diesem speziellen Gebiet der Porträtkunst. Die Bildabteilung der Sezession vereinigt auch die Gäste der auswärtigen Sezessionen. Die„Schafherde" von Tooby zeichnet sich durch ruhiges, warmes Licht aus, in dem die Körper plastisch stehen. Beinahe dekorativen Wert hat die Gruppe„Im Winde" von Eisen Werth, ein Mann und ein Mädchen auf hohem Hügel im Sturm stehend, von Mantel und Gewändern umflattert. Ueber die grauen Kleider fliegt der grüne Schleier des Mädchens. Dunkle Wolken geben einen schweren Akzent. O p p l e r s Jnterieurbilder lassen die Farben in der intimen Jnnenlust gedämpft untergehen. Die große Landschaft fHügel und einen See), die S t e p p e s„Adagio" nennt, wirkt frei und räumlich) Sie ist in prontillsttischer Manier gemalt. Mit die besten Arbeiten rühren von I a n k her, der ein „Halali" in prächtigen braunen und roten Tönen malt. Die Hunde vorn, die Reiter hinten, die herankommen, alles ins gelbe Licht untergehender Sonne getaucht. Auch das„Heidi" ist bewegt und lebhaft, hat kräftige Farben und gibt den Inhalt mit Verve. Das„Wettrennen" zeigt Jockeys, die in schnellster Bewegung vor- überrasen, ein buntes, reizvolles Bild. Ein besonderes Talent ist Kusch el, der sich an die alten deutschen Maler anlehnt, deren derbe, tiefe und satte Farben ihm zusagen. Dunkelgrün im Ton er- scheint die„Kreuzabnahme". Leicht ist die„Frühlingsidhlle". Böcklins Einfluß ist nicht zu verkennen. N. H ü b n e r geht den Reizen der Landschaft nach, meist sucht er Städte am Wasser, dessen graue, zartblaue Atmosphäre ihn reizt, auf. Witzig und humoristisch geben sich Z u m b u s ch und Hengeler, der eine mehr einen trüben, alten Ton, eindringlich und fest, der andere farbigere Wirkung erstrebend. Besonders tttt sich noch Exter hervor. Das große dreigeteilte Bild, das den Stoff Kellers „Tanzlegendchen" entniinntt. ist reichlich bunt. Doch ist Kellersche Anmut in den hellen Farben. Auch in einem frischen, lebendigen Familienbildnis zeigt Exter entschiedene Farbigkeit. Leistikow ist mit einem Parkbild vertteten, helle Bäume, die sich von arll»er Wiese zart abheben. H a y e k liebt den Schnee, der auf den Zweigen liegt und. langsam herunterttopft in den Bach, der zwischen den Stämmen hinfließt. Piep ho malt sonniges Licht, das die Figuren reicht umgibt. Duftig grau malt C r o d e I seine Land- schaften, die einen unauffälligen, natürlichen Charakter bevorzugen. G r e t h e entnimmt feine Motive der Hamburger Gegend. Er malt den Hafen im dunstigen Abendlicht, wo die Sonne noch einmal durchbricht, die Stadt bildet den Hintergrund in reichten, geröteten Silhouetten. Etwas gewollt erscheint Hierlderoncos Kunst. Eine„Diana", eine„Medea" gibt er. Raffiniert will er die Farben zusammen bringen. Der braune Körper wirkt apart zu dem violetten Teppich. Das Geschmeide blinkt lebhaft. Neben der Diana blühen lila Blumen und buntfarbige Flamingos erscheinen im Hintergründe. Brillant zeigt Zügel seine virtuose und sichere Kunst, die er unermüdlich übt: Schafe, Schweine im Sonnenlicht zu malen. Die„Lüneburger Heide" im Mittagsflirren, in ruhigem, weißen Abendlicht zeigen neben den prächtigen, suhlenden Schweinen sein Können. Dambergers Porträts enttiehmen dem Moment, den sie festhalten, den Charakter. Die Farbe dient nur als Unter« stützung der Zeichnung. Er ist Zeichner, der das Skizzenhafte, Augenblicklich-Lebendige liebt. Zarter Reiz umkleidet die fein und sorgsam gemalten Knabenakte von Landenberger, die sich im Freien vom Wasser meist abheben. Auch ein anderes Bild„Frühling" ist sanst und licht im Ton, rote Blunien auf grauem Sande, leicht und dustig. Stuck schwankt immer zwischen Theaterei und dekorativer Pose. Sein„Orest" ist eine posenhafte Theatererregung. Seine „Verwundete Amazone", deren Körper so Plastisch wirkt, hat dekorativen Wert. Die Farben lila, grün, blau, rot bevorzugt er. Eigentümlich bläulich gibt er immer die Konturen des Körpers. Er kopiert sich zu oft selbst, ohne neues überhaupt zu erstreben. Auch sein Plakat, Athene auf einem griechischen Wagen, der mit vier springenden Rossen bespannt ist, ist nur eine nochmalige Wieder« holung alter Motive, die gleichen Farben, die sich in der Form an römische Wandbilder anlehnen, Gold auf Blau, in leichter Stilisierung. Habermann stellt ein Damenporträt aus, bei dem besonders die Wiedergabe des grauen Kleides und Umhanges gefällt. Kalk« r e u t h gibt in stumpfgrünen Farben ein Bildnis seiner Frau, Liebermann die silbergraue„Seilerbahn" mit lichten Tönen im Laub der Bäume, Kühl mehrere seiner auf einen Ton ge- stimmten Jnterieurbilder, U h d e ein dunkles Bild„Abendaussicht", eine Gesellschaft, die im Garten um einen Tisch sitzt, das Licht der Lampe bescheint die Gesichter. Schräm m-Zittau einen prächtig lebhaften„Hühnerhos". Helle, grüne Landschaften gibt P i e tz s ch, Haider sieht die Natur träumerischer, seine Farbe ist tiefer, stiller, wärmer. Feingestimmte Interieurs stellen Niemeyer(Mädchen mit Rosen) und Borchardt aus, der besonders apart ein Kleid, einen Stoff als Mittel benutzt, den Raum malerisch zu beleben. Daß es über die Sezession hinaus noch eine Steigerung gibt, zeigt die„Scholle", in der wir die letzte, neueste Phase der Müchcner Kunst sehen. Diesmal treten besonders Münzer mit einem feinen und frischen Freilichtporträt, Putz mit phantastischen, farbig sehr lebhaften Kompositionen, E r l e r mit dekorativen, kühlen Entwürfen und P ü t t n e r mit flockig gemalten, intimen Bildern hervor. Auch G e o r g i zeigt sein Können in einer großen Land- schaft, in der vorn Landarbeiter beim Essen unter einen: Baume sitzen, während man aus diesem Schatten auf sonnige, helle Wiesen hinuntersieht. Die Mitglieder diesen jungen Vereinigung wenden sich mit Kraft und Frische dem Leben und der Natur zu. Sie haben eine ausgesprochene Freude an der Farbe und verfügen über ein achtbares Können, das ohne Zwang wieder zu großen, dekorativen Bildern hinsttebt. Ein Gang durch die Säle des Auslandes zeigt, daß eigent- lich nur die Schweiz sich als Land charakteristisch heraushebt. Die anderen Länder, Spanien, Frankreich, Italien, Norwegen namentlich, bieten nur die üblichen Bilder, an denen man schnell vorübergeht. Die Schweizer aber besitzen eine auffallende Frische und Boden« wüchsigkeit. Sie begnügen sich nicht mit Skizzen und Stücken, mit dem Abklatsch der Natur. Ein naives Erzählenwollen drängt sie, den Gehalt eines BildeS sichtbar zu konzentrieren. So kommen sie unwillkürlich zu einer vertieften Darstellung des Ge- fehenen: sie werten die Natur nach ihrem Gefallen um. Zudem verfügen sie über eigene, helle Farben. Man braucht nur den Schweizer Saal zu betteten,'um zu empfinden, daß nian sich in einen, Land mit ausgepräaftem Charakter befindet. Die Frische und Helligkeit der Farben, die das Land mit dem hellen Blau des Himmels, dem Weiß des Schwees, dem Grün des Wassers bietet, ist von den Malern eigen benutzt._ So ergibt sich ein natürlicher, urwüchsiger Untergrund, aus dem die Kunst er- wächst. Die Schweizer sind diesmal der Hauptanziehu'ngch'v'!> dex' Ausstellung. Auch Oesterreich erhält schon durch seine me.'oerne,, �ative� Ausstattung besonderen Charakter. Die Säle sind'«WP schwarz gehalten. Neben den überfeinen, forcierten BflMn. die wir da sehen, die eine überbildete Kultur.zeigen, begegnen wir manchen guten Ansätzen, deren Feinheit natürlich und nicht gewollt ist. Die polnische Vereinigung„Seitka" zeigt sogar eine auf- fallende Frische. Auch den Polen kommt eine natürliche Tradition zugute. Das bunte Volksleben mit der Fülle feiner Farbigkeit bietet den Künstlern immer wieder Anregung. Holland zehrt von alter Tradition. Manch feinem, dunklen, in« timen Jnterieurbild begegnen wir da, unter denen Israels Bilder sich charakteristisch hervorheben, die in warmen, goldigen Tönen ge- malt sind. T o r o o p mischt in dieses Ensemble moderne Tötte hinein. Seine Bilder sind leicht und lebhaft, zeigen entschied«»- Linienführung und lassen ahnen, daß auch hier eine neue Entwicke« lung einfetzt.—,_ � Ernst Schur. Kleines f euUleton. . ß. Eine TheaterauMhrung im Irrenhaus. Die geheimnis- Lolleir Grenzgebiete zwischen gesundem Menschenverstand und Irr- Linn lasten es zu. dast man allerlei Veranstaltungen unter den Geistesgestörten arrangiert, wie sie sonst in ihren gesunden Zeiten von ihnen besucht wurden. Diese Zurückversetzung in eine frühere jZeit, die ungewohnte Atmosphäre, die Erinnerungen an ihr einstiges Leben im Licht des Verstandes auftauchen läßt, wirken auf den Ge- jsundheitszuftand der Kranken oft bessernd und heilend. So hat man denn Völle im Irrenhaus veranstaltet und seit einiger Zeit auch Theatervorstellungen von Irren vor Irren zu inszenieren versucht. Wohl der am besten gelungene unter diesen Versuchen ist eine Vor- Stellung der lustigen Operetten von Lecocq„Die Tochter der Madame Ängol", die vor einigen Tagen in dem grohen Pariser Irrenhaus zu Saint-Anne. das fast 1500 Unglückliche männlichen und weiblichen Geschlechts beherbergt, stattfand. Ein scharfer Beobachter hat lvährcnd dieser Theateraufführung die Schauspieler aus der Bühne und das Publikum vor der Bühne in ihrem Benehmen genau ver- folgt und berichtet darüber folgendermasten:„Eine mit allen Bor- richtungen versehene Bühne war unter den Bäumen des Irrenhaus- jgartens aufgestellt, alles nötige Zubehör befand sich am rechten Orte. Um 8 Uhr nimmt der Kapellmeister vor seinem Pulte Platz mitten unter den Musikern. Bunte Lampions sind überall angebracht und vermischen ihr farbiges und Ungewisses Licht mit der blendenden Helligkeit der elektrischen Bogenlampen. In den ersten Reihen sitzt die Menge der Eingeladenen, die alle begierig sind, einem so seltenen Schauspiel beizuwohnen. Hinter ihnen, durch aufgespannte Stricke abgetrennt, sitzen die mrglücklichen Bewohner dieses Hauses, sorg- fältig bewacht und stetig im Auge behalten von den Wärtern in weißer Weste und den Wärterinnen in kleinen weißen Häubchen. Auf der einen Teste sind die Männer, auf der anderen die Frauen, lieber alle diese Gesichter scheint eine große Neugierde sich zu verbreiten. Man hat natürlich mir diejenigen K rarsten zugelassen, deren Wahn- sinn noch nicht in einem fortgeschrittenen Stadium sich befindet. Die Tobsüchtigen und die Gefährlichsten sind in ihren Zellen einge- schloffen. Die Unglücklichen allein haben wir vor uns, bei denen das Empfinden eines geistigen Lebens noch nicht völlig abgestumpft ist und die den Wunsch haben, fiir einige Stunden ihre fixen Ideen und sonderbaren Vorstellungen zu vergeben. Einige entzückende, von tiefer Trauer beschattete Gesichter von jungen Frauen finden sich neben verwüsteten und zerwühlten Physiognomien. Sie sind sehr ruhig, sehr gesetzt, diese Halbverrückten, Ivie eingeschüchtert unter den gebieterischen Blicken ihrer Wärter. An der Rampe der Bühne flammt das elektrische Licht auf und badet die ganze hübsch herge- richtete Szenerie in Helligkeit. Das Orchester setzt mit den ersten Takten der Musik ein. Tie leichte und lustig prickelnde Musik tauzt über die andächtig lausende Zuhörerschaft hin. Nun fangen die Künstler zu singen an und beginnen ihre Rollen zu spielen. Es ist erjrauniich, wie gewandt und geistvoll sie alle ihren Part durchführen. Alles ist vorzüglich geregelt, die Massenszenen, lvie der Ball im dritten Akt und der Eintritt des Chors der Verschworenen, sind ausgezeichnet einstudiert. Die Chöre gehen in glänzender Weise mit dem Orchester zusammen und das sehr zahlreiche Personal, das in dem Stück vorkommt, läßt nichts zu wünschen übrig. Für den Beobachter ist da- Schauspiel im Parterre freilich interessanter als aus der Bühne. Trotz des Halbdunkels, das über dem den Kranken reservierten Teil des Zuschauerraumes ausgebreitet ist, kann man doch deutlich ihre Gesten und ihre Bewegungen beobachten. Ter wohltuende und beruhigende Einfluß der Musik macht sich in diesen umdiisrerten Seelen und diesen zerrütterten Gehirnen deutlich be- merkbar. Bisweilen scheint ein Aufglänzen der Vernunft ihre groß geöfsnctm Augen, die so ausdruckslos vor sich hinstarrcn, zu beleben. Es ist nur ein jähe- Aufflackern, ein momentaner Blitz, aber diel- leicht kann diese schnell erstorbene Flamme eine Morgenröte in der Raa,: des Wahnsinns bedeuten, der die erhellende Sonne der Ver- .Vü.vfi machsolgt. Ter Direktor der Anstalt, Maurice Guillot, Äußerte sich dachin, daß das Theater einen wichtigen Faktor in der Heilung der Gcrstesgcsiörten bilden könne und schon einige günstige Resuliate gezeiliizt habe. Die Zerstreuungen, die Ruhe, die relative Freiheit der Bewegung tragen dazu bei. Natürlich handele es sich nur um leichtere Fälle des Wahnsinns; für die schwereren gäbe e» ichue Heilung.— Am Ende des zweiten Aktes wird die Heiterkctt allgemein, die Künstler scheinen von ihrem Erfolg wie 5" diesem Augenblick nähert sich mir ein junger Mann s�vgkhische»� Acußeren.„Ich bin der Souffleur," sagt er, „Sie lötiiien sich gar nicht vorstellen, wie oft ich die Gedächtnis- schwächen bei einzelnen der Schauspieler korrigieren muß." Ich merke, daß es ein Kranker ist. Er erzählt mir, daß er seit zwei Jahren in Saiut-A'nne festgehalten wird, obgleich er völlig gesund sei.„Das kann ich Ihnen damit beweisen," fugt er hinzu,«.daß der Direktor mich in seinem Bureau beschäftigt und die Kranken alle. ein- schreiben läßt." So spricht er immer wester.— Unter allgemeinem Weifall endet das Stück. Vor einem Büfett treffen sich Schauspieler und Geladene. Man beglückwünscht die Künstler, die vergnügt ihr Glas Champagner cnr das Wohl des Direktors leeren. Langsam schlägt die große Aastaltsuhr Mitternacht. Die Kranken ziehen sich, von ihren Warte m begleitet, in die Schlafzimmer zurück. Und bald lastet wieder ein schweres und dumpfes Schweigen über dem un- heimlichen Gebäude mit den dicken Mauern."—' Aus dem Tierleve». — Der Schnabeligel. Ein Vertreter der niedrigsten Säugetierordnmlg ist der Schnabel- oder Ameisenigel, ein wie unser Igel mit einem Stachelkleid, das ihm zum Schlitze dient, bedecktes Geschöpf, aber mit lauger, schnabelähnlicher Röhrenschnauze und einer weit hervorstreckbaren Zunge, die rasch herausgeschnellt, zur Erbeutung seiner Nahrung(Würmer und Insekten, hauptsächlich Ameisen) sehr geeignet erscheint. Das Merkwürdigste aber, was man früher nicht glauben wollte, ist, daß der Schnabeligel Eier legt, wie der frühere Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens, Dr. Wilhelm Haacke, im Jahre 1884 unwiderleglich festgestellt hat. Aehnlich wie die Beuteltiere in ganz unentwickeltem Zustande geboren werden und in der Bauchtasche des Weibchens sich erst weiter ausbilden, so kommt beim Schnabeligel der Embryo noch in der Eihülle(sozusagen als Frühgeburt) zur Welt. Das einzige jährlich gelegte Ei des Schnabeligels hat etwa l'/a Zentimeter Länge und eine pergamentarttge Schale; es wird von der Mutter sogleich in den sich vorübergehend für einige Monate am Bauche bildenden„Brutbeutel" gebracht. Der Embryo wird durch die ans den zitzenlosen Nährdrüscn der Mutter hervorsickernde und von der Eischale aufgesogene Milch ernährt. Darin besteht Nim allerdings, wie Matfchie hervorhebt, ein wichttger Unterschied zwischen diesem Sängettcrei und einem Vogel- oder Reptilienei, in welchem der sich entwickelnde Embryo durch den Nahrungs- dotier ernährt wird und von außen her nur die nöttge Wärme erhält, während der Embryo des Ameifemgels die dem mütterlichen Körper entstammende Nahrungsmilch durch die Eihäute hindurch empfängt, worin er, im Gegensatz zu den übrigen Sänge« tieren, auch nach der Geburt noch einige Zeit eingeschlossen bleibt. Der Ameisenigel ist im Frankfurter Garten durch ein schönes, nament« lich gegen Abend munteres Exemplar vertreten, das sich bei seinem ans feingeschabtem Lendenfleisch, Ei, Milch und FriedrichSdorfer Zwieback zusammengesetzten Ersatzftitter recht wohl befindet. Ameisen- igel sind in den letzten Jahren fast in allen größeren Tiergärten ge« zeigt, worden, während es bis jetzt leider noch nicht gelingen wollte, auch das rechte oder Wasser-Schnabeltter lebend nach Europa zu über- führen, ein noch seltsameres Geschöpf und wohl das am meisten an die niedrigeren Wirbcltirrklafsen erinnernde Säugetier; seine zwei Eier legt es in die Nestkammer seiner Höhle und brütet sie dort.— (-Frkf. Ztg.") Notizen. —„Ein idealer Gatte", das vierakttge Schauspiel von Oskar Wilde, tvurde vom Kleinen Theater zur Auf- führung angenommen.— — Das Trianon-Theater beginnt seine neue Spielzeit am 12. August mit dem Lustspiel„Die Notbrücke".— — Soubrettengage. Fräulein Mi lla B a r y ist vom Kabaret„Roland von Berlin" verpflichtet worden und erhält für ein nenumonattgeS Engagement in der nächsten Saison 24 000 M.— — Eine internationale Buchbinderkunst-AuS» stellung veranstaltet der Mitteldeutsche Knnstgewerbeverein vom 15. März bis 10. April in Frankfurt a. M.— — Schwalbengesch windigkeit. Ein interessanter Versuch ist dieser Tage von einem Autwerpener gemacht worden. Er fing, so lesen wir in der„Vossischen Zeitung", eine Schwalbe, die unter dem Dach seines HaiiseS nistete, malte ihr mit Farbe ein Zeichen auf die Flüjjel und übergab sie einem Manne, der 250 Körbe Briestanben nach Eonipiägne begleitete. In C o m p i 5 g n e tvurde die Schwalbe am nächsten Morgen um 7 Uhr 15 Minuten, genau zu derselben Zeit wie die Tauben, freigelassen und nahm, geschwind wie der Blitz, die Richtung nach Norden, während die Tauben zuerst planlos umherirrten und die Richtung nur schwer finden konnten. Um 8 Uhr 23 Minuten traf die Schwalbe in Antwerpen ein und suchte sofort ihr Nest auf. Die ersten Tauben dagegen erreichten ihren Schlag erst gegen 11 Uhr 30 Mimten. Die Schwalbe hatte die 235 Kilometer in 1 Stunde 7 Minuten zurückgelegt, also mit der kolossalen Geschwindigkeit von 3507 Meter in der Minute. Die Tauben brachten es nur auf eine Geschwindigkeit von 922 Meter in der Minute.— — In dem Breslauer Vorort Gräbschen winden etwa 500 vorgeschichtliche Gräber mit zirka 0000 Töpfen und 200 Wohngcuben aufgedeckt. Die ältesten Gräber iveiscn ein Alter von ungefähr zweieinhalb Jahrtausenden auf.— w. Zigeuner-Treibjagden. In einem alten Jagd« buche ist zu lesen:„Geschossen 1 starker Hirsch, 5 Schmalttere, 8grobe Sauen, 10 geringere Sauen, 2 Zigeuner, 1 Zigeunerin und 1 Kind".— Auch die damalige Gesetzgebung ging barbarisch mit den Zigeunern um. Ein deutscher Mittelstaat verordnete noch anfangs des 18. Jahrhunderts bezüglich der Zigeuner, einerlei ob diese mit oder ohne Paß betroffen wurden:„Die Maimespersonen sind auf der Stelle so so rt niederzuschießen, die Weiber zu peitschen und mit dem Galgen zeichen an der Stirn zu brandmarken".— Ein preußischer Erlaß ans dem Jahre 1725 sagt:•„Jeder Zigeuner und jede Zigennerin über 18 Jahre alt, sofort abzutun". Auch in Württemverg durch eine Verordnung vom IL. Oktober 1736 das einfache Niederschießen de» Zigeuner angeordnet.— Verautwortl. Nedakteur: Paul Büttucr, Berlin.---- Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u, Verlag»ai>st«flt P-ml Singer öcTo„B«rlinkW.