Nnterhaltimgsblatt des Dorivarts Nr. 149. Donnerstag, den 3. August. 1905 (Nachdruck verboten.) 41 Die heilige Kiimmernus» Novelle von Richard Huldschiner. „Meinetwegen! Mach', was Du willst! Du kannst Dir ja Seide kaufen! Und einen Hut mit Federn! Dumme Gans! Aber laß mich ungeschoren, und wenn Tu dann zum Winter nichts hast, magst Du sehen, wie Tu wieder zu Geld kommst. Von mir hast Du nichts zu erwarten..." Ach, wie das schmerzte, diese widerwillige Erlaubnis! Nie ein gutes Wort! Niemals ein Eingehen aus ihre Wünsche! Alles, auch das, was ihr zukam, teilte man ihr zu wie einen abgenagten Knochen, den man mit einem Fußtritt seinem Hunde hinwirft. Aber als sie nun in die Läden ging, um für das Kleid einzukaufen, erfüllte sie eine frohe Lust. Sie kaufte einen leichten, hellen Stoff mit roten Blumen und Seidenband und sehte sich dann zu Hause hin. Wie das von der Hand ging! Und während sie mit geschickten Fingern einen Schnitt an den anderen fügte und auf der kleinen Hand- Maschine der Mutter die langen Säume nähte, daß es im Stäbchen nur so von den Wänden hallte, ertappte sie sich auf einmal dabei, wie sie mit verhaltener Stimme alte Lieder sang: „Innsbruck, ich muß dich lassen, Ich gehe traurig meine Straßen.. Nein, das war zu traurig. Sie konnte ebensogut etwas anderes singen, etwas, was sich besser anhörte. Und da fiel ihr ein lustiges Lied ein, das der Onkel Anton zu singen pflegte, tvenn er gut aufgelegt war. Das ging so: „Es wollt' ein Schneider reisen Wohl in die weite Welt. Sein blankes Bügeleisen Wog schwerer als sein Geld. O weh. Schneiderl Den Rücken wollt's ihm brechen. Der Schweiß in Strömen floß. Drum tät er es verzechen Im Schank zum Weißen Roß. O weh, Schneiderl" Und als er nun wieder weiter wandern wollte, da war er so leicht geworden, so leicht, daß der Wind ihn aufnahm und in die Luft fegte, wo er wohl heut' noch fliegen wird. O weh, Schneider!... Und sie lachte über den Schneider und über das neue Kleid, das sie oben am Hals ganz wenig ausschneiden wollte, und über den schönen Sommer und über sich selber... Gott ja, warum sollte sie nicht auch einmal lachen dürfen? Am Sonnabend gab es ein starkes Gewitter, das die Luft rein fegte und den Staub der Straßen löschte. In der Nacht blitzte es noch zeitweilig im Westen, und ferne Donner er- reichten durch die Stille der schlafenden Stadt hindurch das Ohr der aufgeregten Pepi. Sie fürchtete schon, daß das Wetter wieder schlecht werden könnte. Aber am Morgen strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab, und ein leiser Ostwind erfüllte die Luft mit linder Kühlung. Um ein Uhr kam Onkel Anton. Das war ein kleiner, buckliger Mann mit breitem Mund und starken, weißen Zähnen, die er immer zu zeigen Pflegte, weil er immer lachte. Er war blond, von einem hellen, etwas staubigen Blond, und hatte schöne graue Augen mit merkwürdig starken Brauen darüber, die er so verwundert hochzuziehen vermochte, daß man über ihn lachen mußte. Und wenn er dann selber mit- lachte, gab es an den äußeren Augenwinkeln eine Unzahl kleiner Fältchen, die sehr vergnüglich aussahen. Onkel Anton trug ein kleines, grünes Hütchen, auf dem eine blaulveiße Elsterfeder steckte. Nicht daß ihm sein Hütchen gerade sonder- lich gestanden hätte! Aber er behauptete, das müsse so sein, ein anständiger Mensch in Tirol müsse auch einen Tirolerhut haben. Onkel Anton war ein Bruder von Pepis Mutter, Junggeselle und seines Zeichens ein Flickschneider. Er stand sich nicht schlecht und hatte immer noch etwas übrig für andere Leute. Jeden Sommer Pflegte er Schwester und Nichte ein paar Mal auszuführen. Und dabei pflegte es nobel herzu» gehen. Denn er ließ sich nicht lumpen.-- Als er eintrat, lachte er zuerst, dann erklärte er, daß man nach dem Felsenkeller gehen würde, und zuletzt nahm er Pepi bei den Schultern, drehte sie zweimal herum und behauptete, sie sei schön und nobel wie eine Prinzessin. Pepi lachte, und in ihren Wangen stieg eine leise Nöte auf; Frau Haußmann freilich brummte etwas von Hoffart. Aber als man unten auf der Straße war und bald die Stadt verlassend in die Weinberge einbog, glätteten sich auch ihre Mienen. Die Luft war rein und frisch. In den Obstbäumen lärmten die Spatzen. Die schwer belasteten Zweige mit ihren Früchten, die sich schon zu färben begannen, waren mit Pfählen gestützt. In den langen Weinlauben, in deren grüne Tiefe man vom Weg weit hineinsehen konnte, hingen dicke Trauben herab. Am Boden unter ihnen herrschte eine ge- heimnisvolle, grün schimmernde Helle, in die die Sonne nur drang, wenn ein stärkerer Windhauch einmal die langen Weinranken über den Lattengerüsten für einen Augenblick gelüftet hatte. Neben dem Wege rauschte ein schnelles Wasser in tiefem Rinnsal. Die Sonne stand hoch über dem Kollerer- berge und warf auf alle Gänge ein helles, klares Licht. Uebcr» all kräftiges Grün. Nur über den Weinbergen lag ein matter, bläulicher Schimmer. Der kam vom Kupfervitriol, mit dem man die Reben reichlich besprengt hatte zum Schntze gegen Ungeziefer und allerhand Schädlinge. Die Kalkgipfel im Osten waren ganz vergoldet, und ihre weißen Schutthalden warfen so viel blendendes Licht zurück, daß man nicht hinsehen konnte, ohne die Augen zu schließen. Zwischen dem Grün des Mittelgebirges aber blitzten hier und dort weiße Bauernhöfe und Kirchen auf, und die Blech- schnitze!, die man in den Weinpflanzungen aufgehangen hatte, um begehrliche Spatzen zu schrecken, glitzerten im leisen Winde, daß es überall war wie Feuerwerk. Ueberall Licht und Sonne und warme Farben, Duft und Jubelschrei der Vögel im blauen Aether. Und von der Stadt her kam tiefer, viel- stimmiger Glockcnklang. Ding-dang, ding-dang-.. Und Pepi dachte: O, wie ist es doch schön draußen im Grünen! Und keine Nähmaschine rundum. Und in den Fingern keine raschelnde Leinwand und keinen harten Fadem Und den Rücken konnte man frei und gerade tragen. Und den Kopf brauchte man über keine Arbeit zu senken. Und keine Hciligenlegenden.,. Ding-dang, ding-dang..- Ach, könnte es doch immer so sein! Könnte man immer doch durch grüne Weinberge gehen, an einem rauschenden Wasser entlang! Aber nicht allein dürfte man sein! Und sie schloß für einen Moment die Augen. Da war ihr, als ob eine feste, warme Hand die ihre umschlösse«,,, Ding-dang, ding-dang.../ Aber wenn Menschen ihnen entgegenkamen, blickte sie forschend auf. Der, den sie suchte, war nicht darunter. Er war vielleicht verreist. Vielleicht aber ging auch er irgendwo spazieren, mit seiner Frau... nein, die war ja wohl in der Sommerfrische. Die reichen Leute brauchen ja nicht in der heißen Stadt zu bleiben.... Oder er führte sonst jemand an der Hand durch grüne Weinberge... Es mußten ihn ja alle gern haben.-. Ach, er war so schön... und sie lächelte still vor sich hin.-, Die Mutter sprach unterdessen mit ihrem Bruder aller- Hand Alltägliches. Wie konnte man nur bei solchem Wetter von Essen und Trinken reden, von der Teuerung des Obstes und von den Fremden, die alles so kostspielig machten, weil sie jeden Preis willig zahlten! Und der Onkel lachte zwischen- durch und ahmte einen Sachsen nach, �der zu ihm gekommen war, um seine Touristenhose flicken zu lassen. S o trug er seinen Schirm, und so tat er den Mund auf beim Reden. Pepi mußte unwillkürlich aufpassen und mitlachen. „Gitsch," sagte schließlich der Onkel,„das wär' ein Mann für Dich. Aber ich Hab' noch einen in Petto." Und er kniff die Augen zusammen und machte ein höchst ernstes, geschäfts- mäßiges Gesicht» „Du mußt ihr nicht mit solchen Dingen den Kopf der- Lrehen," verwies ihm die Mutter seine Rede.„Für ein armes Mädel taugt es nicht, ans Heiraten zu denken." „No, hat's Dir vielleicht nicht getaugt, Lina?" „Ja schon: der Meinige, Gott Hab' ihn selig, ist so weit ein guter Mann gewesen. Aber wer weiß, ob ich's nicht leichter gehabt hätte, wenn ich ledig geblieben wäre?— Die Pepi hat ihr Auskommen bei der Kathl und ein ruhiges Leben. Mehr braucht's nicht." Pepi senkte den Kops und litt. Aber dann sagte sie leise und errötete über und über:„Ich Heirat' nicht." Onkel Anton pfiff durch die Zähne.„Ich weiß aber doch einen für Dich." „Ich bin schon zu alt zum Heiraten." „Da bin ich schon viel älter als Du," meinte der Onkel und rückte sich den Tirolerhut schief ins Gesicht,„aber deshalb komm' ich mir doch zum Heiraten noch viel zu jung vor, viel zu jung. Das nötige Alter werd' ich wohl nie erreichen, furcht' ich. Vorläufig bin ich noch zu fesch. Nicht daß es an Mädeln fehlte, die mich haben möchten. Alle Köchinnen der Nachbar- schaft sind verliebt in mich. Aber ich tu' ihnen nicht den Ge- fallen, extra nicht..." „Nun hör' aber auf mit Deinem Prahlen, Anton. Du wirst auch nie vernünftig werden." „Wo soll denn die Vernunft herkommen, Lina? In unserer Familie ist alle Vernunft auf Dich gefallen: für mich hat's nicht mehr gelangt. Juchul"... Dann redeten sie von anderen Dingen und Pepi versank wieder in ihre Träumerei.— (Fortsetzung folgt.) / (Nachdruck verboten.) Sm vergessener Vorläufer Darwins. Je tiefet unsere Wissenschaft von der Natur vom„Entwickelungs- gedmiken" durchdrungen wird, um so mehr Vorläufer seines be- rühintesten Verfechters, Darwin, entdecken die Gelehrten. Den schöpferischen Gedanken, dein der englische Forscher die siegreiche Form verlieh, den Gedanken der UmbildungSfähigkeit der Organismen, hatten in der Tat schon lange vor ihm, bald be- stimmtet, bald unbestimmter, andere Naturkundige vorgedacht. Manche von ihnen, wie Goethe oder Lamarck, sind spät noch deshalb zum Ruhme gelangt, andere schlummern noch in der Vergessenheit und barreu des Tages, wo der Zufall ihre Arbeiten einein Forscher in die Hände fallen läßt, der uns auf sie aufmerksam macht. So hat schon in den Jahren 1881 und 1869 der Botaniker H. Potoniö darauf hingewiesen, daß in den Werken des schweizerischen Naturforschers Alexander Moritzi aus Thür ein Hauptteil der Darwinschen Lehren klar und einwandssrei dargestellt worden tvar. Das war in einem kleinen, nur 106 Seiten umfassenden Buche ge- schehen, das im Jahre 1842, also 17 Jahre vor dem Darwinschen Werke über die Entstehung der Arten, in Sololhnrn erschien. Es ist französisch geschrieben und trägt den Titel:„Unter- suchlingen über den naturwissenschaftlichen Begriff der„Art*.* Die Naturforschung hatte bis dahin behauptet, alle einzelnen Arten der Lebewesen seien Erzeugnisse besonderer Scköpfnngsakte, oder, wie Agassiz(1807—1873) tagte:„verkörperte Schopfungsgedanken Gottes'*. Bei fast allen Völkern finden wir diese Anschauung, was besonders bemerkt zu werden verdient, mit den Neliaionsurkunden vereinigt: der Zweifel au der Lehre wurde deshalb einer Auf- lehnung gegen die„Grundwahrheiten" der Religion gleich- geachtet, war eine Ketzerei. Noch Linns(1707— 1778), den man den Begründer der neueren Naturgeschichte itennt, schloß sich der Moiaischen Darstellung der Schöpfungsgeschichte fast kritiklos an uitd stellte den apodiktischen Satz auf:.Es existtereu so viel verschiedene Arten, wie zu Anfang verschiedene Fornien vom unendlichen Wesen geschaffen worden sind." Der verdiente Forscher Cuvier hielt die Uuveränderlichkeit der Arten für wisseuschastlich so unbedingt notwendig, daß er erklärte:„Die Beständigkeit der Art ist eine notwendige Bedingung ftir das Bestehen der wissenschaftlichen Natur- geschichte." Dieser Satz ist, nebenbei gesagt, kennzeichnend sürdieGeisles- Verfassung mancher verknöcherter Gelehnen, denen das Schema ihrer Wissenschaft zum Heiligtum gewordenist: die Dinge habe» sich ihm einzu- fügen— koste es was es wolle I Aber, unberührt vom Fürwitz forschender Männer war die„geheiligte" Lehre doch immerhin nicht geblieben. Schon der merkwürdige Leonardo da Vinci, als Maler so berühmt wie als Geometer, hatte behauptet, daß die Versteinerungen, die man so oft in der Erde findet, durch den sich absetzenden Schlamm des Meeres entstanden seien, und daß deshalb die in tiefer liegende» Erdschichten ruhenden Versteinerungen fich mehr von den jetzigen Formen der Lebewesen unterschieden, als die in höheren Erd- schichten. Damit schlug er ein großes Loch in die Lehre, taß jede Art seit ihrem ersten Erscheinen unverändert geblieben sei. Die Pfaffen seiner Zeit haben entweder von seiner ketzerischen Lehre nichts erfahren oder ihre Gefährlichkeit für das Gebäude ihrer Dogmen nicht erkannt: sonst hätten sie den Leonardo gewiß nicht anders behandelt als den Galilei. Die mönchische Wissenschaft hatte fich von den Versteinerungen die absonderlichsten Vorstellungen gemacht und u. a. sogar behauptet, der allmächtige Schöpfer, den die Religion an den Anfang alles Seins stellte, habe sich erst aus Ton vorläufige Modelle gesonnt, ehe er an die Er- schaffnng der Organismen herantrat. Als diese absurden Geschichten gar nicht mehr haltbar waren und man nicht mehr ab- streiten koiuite, daß die Versteinerungen Ueberbleibsel ehemals existierender Wesen sind, verfiel man auf neue gewagte Hypothesen, um den Schöpsungsgedanken hochzuhalten. So vertrat Cuvier die Ansicht, daß die— nach den Ergebnissen seiner eigenen Forschungen nicht mehr zu leugnenden— Umänderungen auf der Erdoberfläche, deren Spuren uns erhalten geblieben stnd, plötzlich durch sogenannte Katastrophen vor sich gegangen seien: durch gewalttge Ereignisse nach der Art der biblischen Sintflut sei mit einem Schlage alles organische Leben zugrunde gegangen, und da nicht immer ein Roah mit einem Kahn zur Hand war, um eine„Aussaat" zu retten, so habe zweifellos jede der Hauptschichten eine neue Schöpfungsperiode durchgemacht, kraft deren fich durchaus von einander verschiedene Tier- und Pflanzenwelten seit Ewigkeit gefolgt seien. Der Hanpikärnpe gerade dieser, der sogenannten Katastrophen- oder Revolutionstheorie, war ein Schweizer, der oben bereits er- wähnte Agassiz. Er verfocht, mit großem Getöse, da er ein Meister der Reklame und Regiekunst war, die Anficht, daß niemals eine Art (Spezies) in zwei verschiedenen Erdperioden vorkomme und daß zu Anfang einer jeden neuen Periode„sämtliche Organismen plötzlich und an jedem ihrer Wohnorte gleichzeittg und in großer Anzahl vorhanden gewesen seien." Die„kleine Schwierigkeit", daß in jeder unserer Gegenwart näher liegenden Entwickelungsperiode höhere Tiere auftreten, wie die versteinerten Reste unwiderleglich dartun, umging er dadurch, daß er sich seinen schöpferischen Herrgott wie einen sich entwickelnden Menschen vorstellte, der seine Pläne all- mählich verbessert habe. Es wächst also, nach Agasfiz, nicht nur der Mensch mit seinen höheren Zwecken I Diese Wundertheorie, die, wiejDodel einmal mit Recht bemerkte, dem Mosaischen Weltenschöpfer unendlich mehr Arbeit zumutete, als Moses niit seinem einmaligen Schöpfungsprozeß und seiner ein- mallgen Sintflut, reizten den Spott Moritzis, der in seiner erwähnten Schrift wiederholt bissige Beincrknnqen dagegen macht. Er war dem Art- entwickelungsproblem von den verschiedensten Seiten nahe getreten, hatte nicht nur die logische UnHaltbarkeit derbis dahin gebräuchlichen Definition der Art nachgewiesen, sondern auch durch genaueste Beobachtungen an einheimische» Pflanzengruppen seine Zweifel über die Existenz der„Art" im Sinne der älteren Natnrwiflenschaft verstärkt. Professor A. Lang in Zürich, der sich eingehend mit Moritzis Lebensarbeit be- schäftigt hat und uns den erste», wenn auch noch lückenhaften bio- graphischen Versuch über den eigenartigen Forscher gab, weist darauf- hin, daß sich Moritzis Untersuchungen aus Pflanzeugruppen erstreckt haben,„bei denen auch die seitherige Forschung die Unmöglichkeit der scharfen Abgrenzung der Arten festgestellt hat". An den Resultaten der vergleichenden Siintvinie und der Geologie ging Moritzi ebensowenig achtlos vorüber, wie an den Erfolgen der Züchtnng von Haustieren und Nutzpflanzen. Auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage, wie es komme, daß die Haustiere lind Kulturpflanzen die größte Zahl von Varietäten zeigen. wie sie sich oft durch Merkmale unterscheiden, denen man sonst spezifischen oder gar generischen Wert beimißt und die fich auch bei ihre» Nachkommen erhalten, gab er schon die richtige Antwort: offenbar haben die viel mannigfalttgercn Verälldenmgelr in den Existenzbedingungen, denen sie ausgesetzt worden find, diese Variabilität(VeränderungSfähigkeit) hervorgerufen. Als das Resultat aller seiner Forschungen und logischen Erwägungen finden wir bei Moritzi eine natürliche Schöpfungsgeschichte. Seine zoologischen und botanischen Betrachtungen zeigten ihm, wie die allmähliche Entstehung.der Lebeivesen vor sich gegangen ist. Daß er nicht allen Seiten dieses Problems gerecht geworden, schmälert sein Verdienst nicht; daß er auch den letzten Konseguenzen nicht austvich, läßt ihn uns nur um so bedeutender erscheinen: er nahm den tierischen Ursprung deS Menschen als eine ganz selbstverständliche Tatsache an, so selbst- verständlich, daß es sich ihm kann« der Mühe lohnte, darüber erst noch lange zu rede».. Was würde wohl ein solcher Mann, wie Moritzi, dazu sagen, daß die selbstverständliche Schlußfolgerung der modernen Naturforschung noch heute nicht in de» Volksschulen gelehrt wird, sondern daß man dort mit allen Mitteln pfäffischcr Verdummungs- klinste die alten Schöpfungsmärchcn als Wahrheiten letzter Jifftanz vorttägt, statt als das, was sie sind, Phantasien aus der Kindeszeit des DienscheugeschlechtS.—in. (Nachdruck verboten.) Me clas Obst reift. Der Mensch hat durch Kultur und Züchtung erst unseren Obst» sorten in vollendeter Beschaffenheit das verliehen, tvas wir an ihnen schätzen, das köstliche Fruchtfleisch. Tie Stammformen der Obst- gcwächse tragen Früchte, deren Fleisch nur schwach entwickelt und meist auch sauer und bitter ist. Aber alles menschliche Zutun wäre erfolglos geblieben, wenn nicht die Früchte selbst Anlagen besessen hätten, die der Entwicklung und Ausbildung fähig waren. Gleichen sich demnach Wildfrüchte und Kulturobst im Grundplan ihres Baues, so schlägt dieses doch auch, wenn es heranreift, seine eigenen Wege ein, denen nachzuforschen, um so interessanter ist, als die Aus- gestaltung der einzelnen Obstarten nicht nach einem einzigen Schema erfolgt, sondern in der Hervorbringung des Fruchtfleisches die grötzte Mannigfaltigkeit herrscht. Die Mutter der Frucht ist die Blüte. Bei einer Blüte in der einfachsten Form sitzt auf dem Blütenstiel der tellcrartige und becherartige Blütenboden, der den Träger für die anderen Blütenteile darstellt. An dem Rand des Blütenbodens entspringen zwei Blatt- reihen, eine äußere mit den grünen Kelchblättern und eine innere mit den weißen oder bunten Blütenblättern. In seiner Mitte trägt der Blütenboden die Fruchtblätter, die die Samenknospen umgeben und sich zum Fruchtknoten zusammenschließen. Oberhalb des Frucht- knotens verdünnen sich die Blätter zu den Griffelstielen, auf deren Spitzen die Narben aufsitzen. Durch die Uebertragung des Blüten- staubes auf die Narben tritt die Befruchtung und die Samen- bildung ein. Der Fruchtknoten ist nun derjenige Blütenteil, der am häufigsten beim Obst das saftige Fruchtfleisch entwickelt. Von ihm geht bei- spielsweise die Hervorbringung des Fruchtfleisches bei den Kirschen und Pflaumen aus. Je nachdem aber der Fruchtknoten Samen« knospen einschließt, wechselt auch die Zahl der Früchte, die sich aus ihm entwickeln. Enthält er viele Samenknospenz so werden auch dementsprechend viele kleine Früchte gebildet, die zu einem Knäuel zusammenstehen, wie die Himbeeren und Brombeeren. Aber der Fruchtknoten ist nicht einzig und allein der Erzeuger des Frucht- fleischcs. Vielmehr entsteht es bei der einen Obstart an diesem, bei der anderen an jenem Blütenteil. So wird bei den Aepfeln und Birnen das Fruchtfleisch vom Kelch und dem becherförmigen Blüten- böden angesetzt. Die kleinen vertrockneten Blättchen, die den Aepfeln und Birnen auf dem Kopfe sitzen, sind die letzten Reste des Kelches. Auch bei den Erdbeeren wird der Blütenboden fleischig. Aber bei ihnen werden die Fruchtkörperchen, die den eigentlichen Samen in sich bergen, nicht in das Fruchtfleisch eingebettet, sondern sie lagern sich als gelbliche Körnchen in seine Oberfläche ein. Bei den Stachel- beeren endlich sind es die Samenknospen, die das Fruchtfleisch liesern. Die allmähliche Heranbildung der Frucht läßt sich am besten bei denjenigen Obstarten verfolgen, bei denen das Fruchtfleisch aus dem Fruchtknoten hervorgeht. Als Beispiel sei die Pflaume gewählt. Der Fruchtknoten besteht hier, wie auch bei den anderen Steinfrüchten, aus drei Schichten. Die mittlere dieser Schichten ist es nun, die sich mehr und mehr zum Fruchtfleisch verdickt. Die innere Schicht da- gegen wandelt sich zu der harten Steinschalc um, die den Samenlern einschließt, während die äußere Schicht zu der derben Oberhaut um- gestaltet wird, die die äußere Hülle des Fruchtfleisches abgibt. Beim Beerenobst, wie Johannisbeeren und Heidelbeeren, verdickt sich außer der mittleren auch die innere Schicht zum Fruchtfleisch. Die äußere Schicht wird auch hier zur Oberhaut. Anfänglich, so lange das Obst noch klein und grün ist, stimmt es in seinen Grundstoffen noch ganz mit den Blättern übercin. Wie die Blätter, so sind jetzt noch die äußeren grünen Fruchtschichten von Vlattgrünkörnern erfüllt, die unter dem Einfluß des Lichtes aus der Luft, die durch die Spaltöffnungen aufgenommen wird, die Kohlensäure zu Kohlenstoff abscheiden. Mit dem Wasser, das die Leitungsbahncn des Pflanzenkörpers durchfließt, und mit den darin gelösten alkalischen Stoffen, die durch die seinen Wurzelhärchen aus dem Boden aufgesaugt werden, verbindet sich der Kohlenstoff zu einem Kohlehydrat. Einerseits gehen nun aus dem Kohlehydrat die Cellu- lose, der Holzfaserstoff, der die Wandungen der winzigen Zellen bildet, sowie die Stärke hervor. Andererseits entstehen durch den Hinzutritt von Stickstoff und Schwefel, die die Nährgase und Nähr- salze mit sich führen, die eiwcißartigen Körper. Alle diese Stoffe finden ihre Verwertung an den Stellen des Wachstums, wo sie zum Aufbau neuer Zellen verwendet werden. Indem nun Zellenlage um Zellcnlage entwickelt wird, verdickt sich der Fruchtteil, der die Grund- läge für das Obstsleisch abgibt, mehr und mehr, und die Frucht nimmt demgemäß an Größe zu. Der bittere Geschmack, den das Obst besitzt, solange es noch grün ist, rührt von Glykosiden. Sie treten erst zurück, wenn das Obst im Rcifungsprozeß weiter fort- geschritten ist und organische Säuren gebildet werden. Als Haupt- sächlichste Säuren sind zu nennen die Apfelsäure, die Weinsäure und die Zitronensäure. Indem die Säuren auf die Glykoside ein- wirken, spalten sie von ihnen Zucker ab, so daß jetzt, wo der Same dem Reifeznstand entgegengeht, das Obst einen sauer-süßlichen Ge- schmack erhält. Jetzt werden wieder die Säuren in den Hintergrund gedrängt. Denn nun erfährt die Stärke eine wichtige Umwandlung. Es bildet sich nämlich die Diastase, ein Ferment, durch das die Stärkekörner in Zucker und Stärkegummi gespalten werden. In- folgedessen wird der Zuckergehalt des Obstes noch mehr gesteigert. Die organischen Säuren werden auf diese Weise gemildert oder völlig verdeckt, je nach der Menge des abgespaltenen Zuckers. Am reichsten an Zucker sind die Weinbeeren, denen init immer fallendem Zuckergehalt die Kirschen, Birnen, Aepfcl, Pflaumen, Johannis- beeren und Stachelbeeren folgen. Zuletzt, wenn die Reife abge- schloffen ist, entwickeln sich noch ätherische Oele, die dem Obst seinen Wohlgcruch verleihen. Jetzt hat das Obst den feinsten Geschmack erlangt. Diesen Umwandlungsprozessen im Innern des Fruchtfleisches entsprechen niannigfache Veränderungen an der Oberfläche des Obstes. Aus dem Holzfaserstoff der Oberhaut, die das Fruchtfleisch umhüllt, entstehen wachsähnliche Fette, die die Oberhaut teils durch- setzen und verstärke», so daß sie zu einer Wachshaut umgebildet wird, teils werden diese Wachsfette in winzigen Tröpfchen aus- geschieden, die nun die Oberhaut wie ein feiner Reif überziehen. Sehr ausgeprägt ist die Wachshaut bei den Aepfeln, der Reif bei den Pflaumen/. Wachshaut soloohl als auch Reif sind den Früchten ein Schutzmittel gegen die Nässe, da sie die Wassertröpfchen nicht haften lassen. Die auffälligste äußerliche Veränderung des Obstes ist die Umfärbung aus Grün in Gelb, Rot und Blau und ihre Abtönungen. Obwohl die Färbung der einzelnen Obstartcn recht verschieden von einander ist, so spielen dabei doch nur zwei Farbstoffe mit, das Anthoxanthin und das Anthocyan. Das Anthoxanthin verleiht den Früchten die gelbe Farbe. Es ist ein fester Farbkörper, der sich in feinsten Körnchen in den Zellen der Oberhaut ablagert. Das Antho- cyan dagegen ist eine gelöste Zellsaftfarbe, die das Gewebe der Ober- haut erfüllt. Sie ist die Trägerin des Rots bei Kirschen, Johannis- beeren und Erdbeeren. Aber auch für das Blau der Pflaumen, Weinbeeren und Heidelbeeren liefert sie den Grundstoff. Nur da- durch, daß neben ihr in den betreffenden Früchten auch Säuren cnt- stehen, die sich mit ihr vermischen, wandelt sie sich zu einem Blau, dessen Ton um so tiefer wird, je größere Säuremengen mit- wirken.— GerhardLanghans. kleines Feuilleton. Ic. Die Lawinengefahr in den Alpen. Die große Anzahl von Unglückssällen, die in dieser Saison ans der Schweiz berichtet wird, und die lange Liste von Opfern, die der Bergsport gefordert, lenken die Aufmerksamkeit auf die besonders gefährlichen Schiieevcrhältnisse. die in diesem Jahre durch die große Hitze hervorgerufen ivorden sind. Die Lawinen gehen dieses Jahr besonders zahlreich und furchtbar nieder, und von überall her hörl man von gewaltigen Stürzen geschmolzenen Schnees, zerbrochenen Eises und von her- niedergehenden Strömeil halb gefrorener Schuttinassen, die mächtige Steinblöcke, ganze Baumsiämme und feste Klumpen von Gletschereis mit sich führen. Die Lawinen haben eine besondere Vorliebe. Jahr für Jahr an derselben Stelle niederzugehen, und deshalb sind an besonders gefährdeten Plätzen Laivinenbrecher aufgebaut, die den Bezirk, den sie umschließen, nach Möglichkeit schützen. An vielen Stellen sind Lawiiicnbrccher in der Form von drei- eckigen Steinwälle» errichtet, hinter denen sich ganze Dörfer vcr- bergen. Ein Lawinenschutz dieser Art ist zu Francnkirch, nahe bei Dawos, wo die Mauer der Kirche so gebaut ist, daß die scharfe, wie eine Pflugschar zugespitzte Ecke der Mauer die Lawine, wenn sie herabsanst, ciitzweischneidet, ihre Kraft zerteilt und sie gefahrlos weiierstiirzen läßt. Roh aufgerichtele Holzzälme, kleine Steinwäll« in Zickzackform, ja sogar Reihen von Stäben, die an den Abgründen onfgestellt sind, werden von den schweizer Bauern geschickt als Schutz gegen die Lawinen benutzt. Die festen Schneelawinen, die sich in den Mulden der Eisgletscher bilden, hoch oben auf den Bergen, sind, wenn sie in ihrem Lauf das Tal erreichen, aus Sleinen, Erde, großen Masse» von Wurzeln und Bäumen znsamniciigesetzt, die wieder durch die schwere halbgefrorene und zähe Schneeinasse zn einem Ganzen zusaliimengeballt werden. Ein Bergsteiger, der von einer solchen Lawine an, Spliigen ergriffen ward, entging zwar dem Tode, aber seine Kleider waren so fest von der Eismasse umgeben, daß er wie eine Mücke an der Leimrute iir der zähen Masse feslsteckte und nur mit fremder Hülfe befreit werden koiiiite, worauf man die fest mit dem Eise zusammengefrorcnen Kleider abriß. Ost findet man die erfrorenen Leiber von Gemsen in den Ueberresten alter Lawinen, die viele Jahre vorher herab« gefallen sind. Eine der berühmtesten Lawinen in der Schweiz ivar die„Schwabentobellawine", die im Jahre 1888 nahe bei Glarus- DavoS niederging und viele Menschenleben vernichtete. Die Mass? dieser Lawine wurde auf 700 00(1 Kubikfuß geschätzt. der Tnnnek. den man durch sie grub, um die Verbindung herzustellen,»vor 300 Fuß lang lind 12 Fuß hoch. Wenn nun die Hitze des Sommers die Eisreserv'oire auf de» Bergen immer mehr mit geschmolzenein Schnee misüllt, dann fließen diese über und schicken die Ströme zu Tal. Schon im Juni und dann am 3. Juli erfolgte dieses Jahr Plötzlich ein furchtbarer Wasserstnrz. Die ge- froreneit Schutzivchre barsten entzwei unter der Wucht der un- geheuren drängenden Schncewasier, und in wenigen Sekunden slürinten Tarisende von Tonnen Wassers, mit Eis»nd Schnee vermischt, in das Tal hernieder, alles auf ihrem Wege mit sich reißend und erst in dem Kruinbach-Strudel Ruhe findend, in den sie sich er- gössen und der in unglaublich kurzer Zeit völlig angefüllt ivar. Glücklicherweise wurde kein Menschenleben dabei vernichtet. Kaum weniger gefährlich als diese„Grundlawinen", die durch da? Schmelzen des Schnees und durch das Bersten des Eises hervor- gernfen werden, sind die„Eislawinen", die zu den erhabensten Wiuidern und zn den schrecklichsten Gefahren der Hochalpen gehören. Diese Eisströme, die in 1000 Lichtern glitzern und häusig wie ein buntes farbensimkelndes Band erscheinen, bestehen aus großen Massen von zerborstenem und zersplittertem Gletschereis oder aus Eisnadeln, die sich von dem Gletscher losreißen und durch die Hitze und die Gewalt der Winde herabgetrieben werden. Diese hohen EiSkaterakte sind eine große Gefahr für den Bergsteiger, der sorglos sich ohne Führer zu ihnen heranwagt, um die glühende Pracht des Sonnenunterganges in tausendfach gebrochenen Strahlen in dem Eise wiederle'uchtcn zu sehen. Vor nicht langer Zeit kam eine Gesellschaft von Zermatt, um die Gletscher zu bewundern; als sie langsam fortgegangen waren, hörten sie hinter sich ein mächtiges Drohnen wie Kanonendonner, das in vielfältigem Echo von den Bergen und Klippen widerhallte. Sie drehten sich um und sahen gewaltige Massen von Eis und zersplitterte Blöcke auf demselben Fleck liegen, auf dem sie vor wenigen Augenblicken gestanden hatten.— Theater. e. s. Lustspielhaus. Der Herr Substitut, Lustspiel in 3 Akten von Edmond Duesberg. Der dankbare Julien, Lustspiel in einem Akt von Pierre V e b e r.— Zu einer Zeit, wo die vernünftigen Menschen die freien Stunden, die ihnen bleiben, in der Natur verbringen und sich in der Umgegend von Verlin umtun, ruft das Lustspielhaus ins Theater. Die Spekulation richtet sich da auf die Fremden, die augenblicklich Berlin überschwemmen, denen sonst nicht viel theatralische Genüsse zur Ver- fügung stehen. Im Hinblick darauf ist auch die Wahl der Stücke denkbar be- scheiden. Es hat sich mit der Zeit eine Schablone der Stückmacherei riach französischem Muster ausgebildet, die für jeden denkenden Menschen unerhört langweilig ist. Es gehört schon eine erstaunliche Portion Dummheit und Genügsamkeit dazu, um sich dieses Ragout aus Zote, Beschränktheit und Phrase noch servieren zu lassen, ohne Ucbel- reit zu empfinden. Dabei könnte man sich noch zufrieden geben, wenn dieser Stoff, in dcnr einer ebenso beschränkt wie leichtsinnig vegetierenden Schicht der Gesellschaft ihr Spiegelbild vorgehalten wird, einigermaßen graziös oder satirisch behandelt wäre. Früher reizte bei den älteren Stücken wenigstens noch diese leichtlebig gallische Note, dieses Hintändeln und(Sausieren, das in der musikalischen Sprache der Franzosen seine Erklärung findet. Auch schimmerte noch die leicht- fertige Grazie und der Tiefsinn der Puppcnkoniödie zuweilen hin» durch. Das Leben erschien diesen Künstlern als ein schnell hin» huschendes Spiel, die Menschen als Puppen, ihre Taten als lächerlich und grotesk. Aber dieser Ursprung ist nur noch eine Erinnerung. Selbst die Franzosen der Gegenwart werden plump nnd weiter nichts als grob-cindeutig. Wie sollte es auch anders sein? Die Nachftage regelt das Angebot. Berlin verlangt soviel Material, daß nur bei oberflächlichster Fabrikation der Bedarf an„aus dem Französischen übersetzten" Schwänken zu decken ist. F.� Duesberg scheint nun nicht eimnal ein Franzose zu sein. DaS ist im Grunde gleich und man kann es nicht wissen. Was man aber weiß, das ist, daß er— gleich, ob Franzose oder Nichtfranzose— außerordentlich plump und langweilig ist. Die sehr einfache Fabel des Stückes besteht darin, daß der über- aus idiotenhafte Gelehrte Bonnin nur Sinn für seine Manuskripte und Forschungen hat, daß aber seine Frau Colette, die natürlich hübsch, jung und dumm ist, nicht den gleichen Sinn dafür entwickelt, dielmehr den Sinn des Lebens in der Erfüllung ehelicher Funktionen sieht. Sie„sehnt sich nach Liebe". Das heißt, auf das Bei- »vörtchen„ehelich" legt sie nicht so viel Gewicht. Und so ist sie im Begriff, einem albernen Nachbar, der auch nichts Besseres zu tun hat, ihre Gunst zuzuwenden. Der Ehemann schöpft rechtzeitig Verbacht. Seine Frau will die Einladung des Nachbarn zum Picknick annehmen. Er bestellt ihr seinen Schüler Delbrah zum Tugend- Wächter, einen schüchternen Jüngling. Dieser schüchterne Jüngling aber— Mann ist Mann für Colette— entwickelt sich in seiner Rolle so gut, daß er dem Ehemann sowohl wie dem Liebhaber ein Schnippchen schlägt. Daher der Titel des Stückes„Der Herr Substitut", der zu manchen wiehernd begrüßte» Witzen Gelegen- heit gibt. Der Einakter hat nicht nur den Vorzug, kürzer zu sein, er ist auch flotter, temperamentvoller und geschickter geschrieben. Auch hier die Schablone. Der Komponist Julien legt als Künstler traditionsgemäß keinen Wert auf Geld. Alles geht ihm unter den Händen weg. Und der Gerichtsvollzieher ist bei ihm oft gesehener Gast. Leider Gottes kommt er auch an dem Tage, als ihn Frau Jolictte endlich besuchen will. Auch sie„sehnt sich nach Liebe". Sie spielt auf dem Klavier— es wird gepfändet und hinausgetragen. Sie nehmen nun auf der Chaiselongue Platz— das Möbel wird abgeholt. Das Frühstück steht auf dem Tisch— auch dieser geht denselben Weg. Es klopft. Frau Joliette verschwindet schnell. Es erscheint ihr Mann. Aber nicht etwa, um Lärm zu machen, sondern er hat die Möbel wieder ersteigert und schenkt sie seinem Freunde Julien. Und der erklärt nun der erzürnten Joliette, daß nun nichts mehr zwischen ihnen stattfinden dürfe. Der dankbare Julien I Dies wurde schnell und lustig heruntergespielt. Es ist ohne jede Prätension und wirkt im ganzen oberflächlich, aber wenigstens nicht plump und langweilig. In beiden Stücken spielten H. W a l d e n und F r. W a g e n die Hauptrollen mrt anerkennenswerter Geschicklichkeit.— Skrantwortl, Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Aus dem Tierleben. is. Hase und Kaninchen. Zu dem festen Bestand von Jägererfahrungen hat lange Zeit die Annahme gehört, daß Hase und Kaninchen die Rolle von feindlichen Brüdern gegeneinander spielen, indem das Kaninchen den Hasen verdrängt oder daß wenigstens beide nicht nebeneinander in einem Gebiet hausen können. Ludwig Schuster hatte nun schon vor einiger Zeit in Rheinhessen das Gegenteil er- mittelt, indem er vielfach Hasen und Kaninchen an denselben Oertsich- leiten in großer Zahl zrisamnien vertreten und auch keinerlei An- zeichen einer gegenseitigen Befehdung bei ihnen fand. Nach der Veröffentlichung dieser Ermittelung hat sich eine größere Zahl von Stimmen gefunden, die den Widerstreit zwischen Hasen und Kaninchen ins Gebier der Fabel verweisen, und Schuster hat diese Bekundungen im„Zoologischen Garten" zusammengefaßt. Aus Westfalen wird geschrieben, daß Hase und Kaninchen weit und breit friedlich nebeneinander leben, und nirgends sei erkennbar, daß der Hase dem Kaninchen das Feld geräumt habe, selbst nicht in den Gebieten, wo die Kaninchen sehr zahlreich vorkonimen. Es bleibt nun aber doch merkwürdig, daß jener Glaube in so bestimmter Form aufgetreten und sich so lange erhalten hat. Auch dafür hat Schuster eine Er- klärung gefunden. An vielen Stellen, wo zuvor vielleicht etwas anderes oder gar nichts gestanden hat, werden Aufforstungen von Kiefern und Fichten vorgenommen. Dadurch aber verschlechtern sich die Lebensbedingungen für die Hafen ganz wesentlich. Die Kaninchen dagegen haben es eher besser als zuvor, da sie das Nadelholz ganz besonders bevorzugen. Daher kann es dann konimen, daß die Hasen sich aus einem solchen Gebiet zurückziehen, während sich die Kaninchen erst recht vermehren, und es scheint somit, als ob die Kaninchen die Hasen verdrängt hätten, während in Wahrheit andere Umstände die Schuld der Verdrängung tragen.— Humoristisches. — Der boshafte Vetter.„Als ich mich mit Emil ver- lobte, erklärte er mir, daß er im siebenten Himmel sei!" „Das will ich gerne glauben, der ist vorher schon sechsmal ver- lobt gewesen."— — Grab st ein- Inschriften. Ein alter verwitterter Grabstein auf einem nordwestdeutschen Kirchhofe trägt folgende Inschriften:_ „Ich erwarte meinen Mann." 5. März 1845. „Hier bin i ch." 12. Oktober 1868. Eines schönen Tages stand in unbeholfener Schrift, die mit Kreide gekritzelt war, am Fuße des Grabsteines zu lesen: „Spät wie gewöhnlich!" („Lustige Blätter'.) Notizen. — Der Roman„Briefe, die ihn nicht erreichten" ist bis jetzt ins Französische, Englische, Schwedische, Dänische, Nor- wegische. Ungarische und Polnische übersetzt. Eine italienische Buchausgabe ist in Vorbereitung.— — Eine„Zeitschrift für Acsthetik und allgemeine Kunstwissenschaft" wird im kommenden Winter zu erscheinen beginnen. Herausgeber ist der Berliner Philosophie-Professor Max D e s s o i r, Verleger Ferdinand Enke in Stuttgart.— — Dr. W a ch l e r s Trauerspiel„ M i t s o m m e r" bat im Harzer Bergtheater großen Beifall gefunden. Das Stück behandelt die Baldursage.— — A uzen gruber hat am Theater zu V ö s l a u bei Wien durch zwei Saisons als Schauspieler gelvirkt. Jetzt soll ihm in dieser Stadt ein Denkmal errichtet werden. Auf einer Wald- wiese. Die Idee stammt von einem Wiener Hofrat.— —„Die Jugend des Figaro" heißt die neue komische Oper Leoncavallo's. Das Szenarium der Oper stammt von Sardou.— — Frank W e d e k i n d arbeitet an einer neuen drciakttgen Komödie, die in der Münchener Gesellschaft spielt.— Die Heldin von Bernard Shaws neuem, noch unvollendetem, Stück ist ein Mädchen der Heilsarmee.— — Der Architekt Peter Birkenholz ist in die Darm- stadter Künstlerkolonie berufen worden.— — Vom Län, mergeier sagte und glaubte man, er wäre schon längst ausgestorben. Jetzt wird aus Mühlebach im Gansertal (Kanton Wallis) gemeldet, daß dort drei der Riesenvögel ihr Unwesen treiben. Unlängst griffen sie sogar ein Mädchen an.— — Wachs tum. Im Friedrichshain, dem Haupteingang zum Garten der Lipps-Brauerei gegenüber, steht ein F l i e d c r st r a u ch. Im Herbst hat man ihn zurückgcschnitten. Die Schossen sind jetzt klafterlang, die unteren Blätter an den Schößlingen aber länger und breiter als zwei zusammengehaltene Männerhünde.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanjtalt.Paul.Singer LiCo.,Berlin L�V.