Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 15� Donnerstag, den 10. August. 1905 (Nachdruck verboten.) Lt Die heilige Kummernus* Novelle von Richard H u l d s ch i n e r. Die Sohlen bramiten Pepi wie Feuer, und doch war sie noch nicht weit gegangen. Und sie hatte noch die halbe Stadt zu durchqueren. Nahm dieser Weg denn nie ein Ende? Einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich nach Hause zu schleppen. Aber sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Sie mutzte Klarheit bekommen, sie mutzte wissen, wie es stand... Und sie rastete ein paar Minuten, an eine Haustür gelehnt, und wankte weiter. Was kümmerte es sie, datz die Menschen stehen blieben und sie neugierig anstarrten. Sie mutzte vor- wärts, vorwärts.... Es schlug auf der Deutschordenskirche fünf Uhr, als sie endlich das alte Hans im„Dorf" erreichte. Nirgends ein Mensch, alles verlassen, alles in brütende Sonnenglut getaucht. Die grünen Fensterläden waren geschlossen, die schwere Tür mit dem bronzenen Türklopfer hatte etwas Abwehrendes, als ob sie sagen wollte: hier tritt niemand ein. Und kein Laut, kein Zeichen, datz hier Menschen wohnten. Die hohen Mauern, die die Gasse zwischen sich faßten, wuchsen erbarmungslos in die Höhe, wehrten dem Blick und lietzen nur einen Streifen des unerträglich strahlenden Himmels frei, an dem die weitz- glühende Sonnenscheibe langsam dahinglitt. Es roch nach Staub und nach heißen Steinen. Wenn ein Windstoß daher- kam, wirbelten dichte Wolken durch den Engpatz der Gasse. Aber Pepi achtete dessen nicht. Sic lehnte sich an einen breit vorspringenden Mauerpfeiler und starrte nach den gc- schlossenen Fenstern hinauf. Nichts regte sich, und Viertelstunde um Viertelstunde verging. Um sieben Uhr mutzte sie zu Hause sein, ehe die Mutter wiederkam, um sieben Uhr; und wenn sie bis dahin nichts erfahren hatte, dann würde sie diese Nacht nicht überleben können. Aber der Himmel fragte nicht nach dem Leid eines armen Mädchens, Gott war nicht gütig: die Helene log: Gott war nicht für alle. Sie wußte es besser: wer nicht unter einem glücklichen Stern geboren war, konnte niemals glücklich werden... Und sie stand da und Uxirtete an die Mauer gelehnt. Auf de» Türmen schlugen die Viertelstunden, immer in derselben Reihenfolge: zuerst kam die Pfarrkirche mit langsamen, tiefen Schlägen, dann die Franziskanerglocke, dann nach einer Weile die helle Uhr des Deutschordenshauses, der dann in weiter Ferne noch eine folgte, vielleicht in Gries drüben... Pepi wutzte nicht mehr, worauf sie wartete: eine lähmende Erstarrung war über sie gekommen, die sie nicht mehr abzu- schütteln versuchte. Mochte doch alles aus sein: sie Würde auf diesem Platze stehen bleiben und vor Erschöpfung sterben. Auf der Welt hatte sie doch nichts mehr zu suchen. In ihren Ohren sauste es. Eine rote Wolke tanzte ihr vor den Augen, und ein schwerer Druck, der sie in die Kniee zu werfen drohte, legte sich auf daS Haupt. Schweratmend stützte sie sich an die Mauer und preßte die Handflächen gegen die von der Sonne durchglühten Steine. Ueberall flimmerte es von weißem Staub... Plötzlich knarrte die Tiir und öffnete sich. Doktor Gersten- bcrger trat heraus, rückte den Hut auf den Hinterkopf und ging schnell die Straße hinab. Aber bevor sich die Tür noch hinter ihm geschlossen hatte, war Pepi schon darauf losgestürzt, um dem Dienstmädchen, das im Hausgang sichtbar geworden war, eine Auskunft ab- zuzwingeu. „Entschuldigen Sie nur," brachte sie keuchend heraus, „... ich wollte nur fragen, wie es ihm geht, dem Herrn Pern- Werth... ich komm' von der Nähkathl... von der Fräulein Kathi Peer... und ich soll fragen, was der Doktor gesagt hat..." Das Mädchen sah Pepi mißtrauisch an und behielt die Türklinke in der Hand. „Wie es geht?... ganz gut soweit." „Und er wird nicht sterben müssen?" „Der Herr Doktor meint, datz der Gnädige davon- kommen wird." „O, das ist gut... ich will's der Kathl sagen." Sie hielt sich fest an der Tür, um nicht zu fallen: aus dem Haus- gang, dessen Boden mit Steinfliesen gedeckt war, strömte er- frischende Kühle heraus. Im Hintergrund des großen, fast dunklen Raumes ging die Treppe in die Höhe. Pepi lauschte ängstlich, ob nicht vielleicht von oben etwas zu hören war. Wer es herrschte eine tiefe Stille, nur unterbrochen von dem langsamen Ticken einer großen, alten Standuhr neben der Treppe, deren metallenes Zifferblatt durch das Dunkel leuchtete. Das Mädchen wurde ungeduldig und klapperte mit der Türklinke. „Ich mutz wieder hinauf, die Gnädige hat. schon gerufen," sagte sie schließlich so unhöflich, datz Pepi erschrak und langsam auf die Straße zurücktrat, und kaum war sie draußen, als sich die Tür schon mit einem hörbaren Knall hinter ihr ge- schlössen hatte. Da fuhr Pepi zusammen, sah noch einmal nach den Fenstern hinauf und ging dann leise fliisternd und glücklich vor sich hinlachmd nach Hause. Es schstlg gerade sieben Uhr, als sie ihr Stübchen betrat. Die Mutter war noch nicht da... Pepi legte sich sofort zu Bett und drehte sich gegen die Wand. Aber sie wutzte wohl nicht, daß sie noch immer vor sich hinlachte und unzählige Male flüsterte:„O, wie ich froh bin... wie ich froh bin.. L. Jeden Abend stand Pepi vor dem Hause im„Torf" und starrte nach den Fenstern hinauf. Aber der große, weiße Kasten, den die Leute wegen eines in die Wand eingelassenen Wappens mit einem grotzen, aufgerichteten Bären die„Bären- bürg" nannten, verriet nichts von dem, was innerhalb seiner Mauern vorging. Die grünen Jalousien blieben hartnäckig geschlossen. Nur ein kleines Fenster in der Mitte tat sich manchmal auf, wenn die Sonne sank oder wenn der Tag kühl und bewölkt gewesen war. Ein weiblicher Arm stieß dann die Holzläden auf und kettete sie mit dem Eisenhaken fest. Mehr konnte man von unten nicht sehen. Die Enge der Gasse verhinderte, daß man weiter zurücktrat und so einen Blick in die Tiefe des Zimmers gewann. Dann wurde alles wieder tot und versank in das sommer- liche Schweigen einsamer Vorstadtgassen, deren Bevölkerung vor der Hitze und dem Staub in die Berge geflüchtet ist. Die Steine strahlten die während eines langen Tages aufgespeicherte Soimenglut wieder aus. Von den Gärten und Weinbergen jenseits der hohen Mauern kam schwerer, berauschender Tust herüber und vermischte sich mit dem beklemmenden Gerüche des Kalkstaubes. Pepi war es oft, als ob sie nicht mehr atmen könnte. Aber dann machte sie ein paar Schritte gegen das große Tor des Gassen'chen Gartens hin und drückte ihr Gesicht in das Gewirr der Glpzinienranken, die durch das alte eiserne Gilter in üppiger Fülle hindurchgewachsen waren, und be- rauschte sich an deni Duft der blauen Blütentrauben. Kam aber ein Mensch die Gasse henmter, so verließ sieihren Bcobachterposten und schlenderte möglichst unbefangen auf und ab, freilich mit dem ängstlichen Gefiihl. daß ihr jeder anschen mußte, was sie beschäftigte. Ein Glück, daß es so wenig Passanten gab! Und die gingen alle nach den kleinen Häuschen weiter unten nach der Stadt zu, in denen Handwerker und arme Leute wohntem Das war alles: Pepi freilich schien das schon sehr viel zu sein. Und gar das Fenster, das sich gelegentlich des Abends öffnete, wurde ihr zu einer unversiegbaren Quelle leidenschaftlichen Interesses. �. r.. Sie kannte den Ton, den das Anschlagen der �aloufie- flügel an der rauhen Mauer verursachte, und das Kreischen der rostigen Angeln. Wie Musik erschien es ihr. Sie hielt den Atem an, um ja nichts davon zu verlieren. Aber wenn es vorbei war und die sommerliche Ruhe der Gasse wiederhergestellt, dann drückte sie sich an die dem Hause gegenüberliegende Mauer und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ein Stückchen der geblümten Vorhänge oder, wenn auch das Fenster offen stand, vielleicht sogar die weiße, stuckverzierte Decke des Zimmers zu erspähen. Sann Mg fls heim... Seit einigen Tagen kam eZ ihr vor« als od öie Mutter sie mit mißtrauischen Blicken verfolgte. „Wo steckst Du denn immer, Pesn? Du kommst so spat.,» Die Kathl läßt Euch doch schon um vier Uhr gehen.. „Ich geh spazieren, Mutter.� „Aber so lange?" „Es ist ja erst sieben." „Erst sieben?.. sie war ganz entrüstet und wieder» holte es noch einmal:„Erst sieben... als ob das gar nichts wäre,. Pepi wußte nichts mehr zu antworten und ging an die Arbeit. Dann nach einiger Zeit sagte die Mutter:„Und Dein neues Kleid? Das ziehst Du gar nie an. Wozu hast Du's Dir denn gemacht?" „Es ist mir schade jetzt, wo kein Mensch in der Stadt ist."... Pepi nahm sich vor, eine Zeitlang nicht mehr ins„Dorf" zu gehen. Sie fürchtete sich, gesehen zu werden. Drei Tage hielt sie's aus, aber am vierten stand sie wieder unter dem Torbogen und starrte nach dm verschlossmm Fmstern hinauf. Sie hoffte immer darauf, daß der Doktor wieder einmal aus dem Hause kommen würde. Aber der kam nicht; und einfach ins Haus zu gehen und das Dienstmädchm zu fragm traute sie sich nicht. Sie war in einer seltsamen Gemütsverfassung: es kam ihr immer vor, als ob sie schwebte, als ob ihre Füße die Erde gar nicht berührten. Alle Dinge, die sie sah, schienen ihr weit, weit entfernt zu sein und ihre Körperhaftigkeit verloren zu habm. Die Welt, die sie umgab, war wie ein gemaltes Panorama, in dessm Mittelpunkt sie sich befand. Sie mußte immer erst scharf zusehen, um zu mtdecken, daß kein Bild, sondem wirklich ein Ding mit Flächm und Kanten und Ecken und Tiefe da war. Aber für gewöhnlich gab sie sich die Mühe gar nicht. Wozu auch? Wenn sie nur wußte, daß es ihm besser ging. Und das erfuhr sie in der Nähstube. Bei der Kathl wurde sehr viel über Pcrnwerth gesprochen. Sie beteiligte sich nie am Gespräch, und wenn einer davon zu reden begann, senkte sie den Kopf noch tiefer über die Arbeit. Zuerst hatte es freilich Sticheleien gegeben, und Ida nannte sie nie mehr anders als die„heilige Kummcrnus", aber als die Mädchen erst einmal gesehen hatten, daß Pepi auf nichts einging, ließ man sie in Ruhe. Sie lernte in dieser Zeit die Kunst der Ver- stellung. Und es war einsam um sie geworden, so einsam, daß sie es nicht ertragen hätte, wenn eben nicht ihr ganzes Denken und Sinnen von der einen Vorstellung ausgefüllt ge- Wesen wäre. Sie sah immer nur den Genesenden und ihr Wieder- gegebenen. Und dieses Bild machte sie stark. Jeden Tag erwartete sie einen Brief zu bekommen, einen Brief, der nichts enthielt als drei Worte: Ich liebe Dich. Aber die Tage gingen, und niemals kam der Brief. Und nun schien es ihr, als ob das bunte Bild, das sie umgab, langsam immer weiter von ihr zurückwich, als ob der Kreis, in dessen Mittelpunkt sie stand, immer größer und größer würde, und sie schloß die Äugen, um nichts mehr zu sehen, und senkte den Kopf noch tiefer auf die Arbeit herab. Und alle Worte, die gesprochen wurden, kamen aus einer anderen Welt an ihr Ohr. Sie wußte es jetzt: sie war eine Welt für sich und hatte nichts mit jener anderen gemein. Wer einmal würde ein Tor sich öffnen, und e r würde zu ihr treten: dann waren sie zu zweit in ihrer Einsamkeit.,, Kam immer noch der Brief nicht? Nein, er kam nicht, und es wurde immer stiller und ängst- licher in ihrer Seele. Und die Tage nahmen ab. Die Weingärten waren bereits verschlossen: denn die Trauben reiften heran. Hie und da sah man hochbepackte Gefährte, die vorn auf Rädern, hinten aber aufSchleifen ruhten, mitOchsen bespannt, durch die Straßen fahren: Sommerfrischler, die in die Stadt zurückkehrten. Die Berghänge hatten einen gelblichen Ton angenommen, die Pfirsiche wurden teurer, die Apfelgewolbe öffneten sich und wurden hergerichtet, auf den Kallgipfeln im Osten ver- lchwanden die letzten Schneereste,.. es war kein Zweifel, daß her Sommer im Sterben lag. Aber der Brief kam immer noch nicht,,, (Schlug folgt.) (Nachdruck verbotm.) Ver neue Kurort. Von E. Preczang. „Schafsköpfe seid Jhrl" schrie der lange Krendel und schob seinen Strohhut noch weiter ins Genick.„Die gebratenen Tauben fliegen in der Luft herum und Ihr seid zu dumm, das Maul aufzumachen. Aber woher kommt's? Im Nest fitzen sie ewig, die Leute, halten Mutterns Schürze fest und pflanzen Kartoffeln. Aber von der Welt habt Ihr keinen Schimmerl" „Hohol"„Hohol" „Ach, geht doch! Beim Kommiß sind ein paar gewesen, haben ihrem Leutnant die Stiefel geputzt, sich den Kasernenhof angesehen und dann sind sie wieder zu Muttern gelaufen!" „Großmogul!" schrie einer,„wo warst Du denn?" „Ich?" Krendel rückte sich den Hut schief. „Ich? Hast eine Landkarte da? Ich Hab mir was versucht in der Welt! Bin in Berlin gewesen und Leipzig und Frankfurt. Kur» örter Hab ich mindestens drei oder vier gesehen und weiß, wie so ein Ding aussieht." „Ist doch irgend was Besonderes dabei—" „Gar nichts Besonderes ist dabei," fuhr Krendel dem Sprechen- den dazwischen,„gar nichts! Was die können, können wir auch!'ne Kleinigkeit ist's, zum Lachen! Und wenn Euch da nicht ein Drei- zölliger säße"— er schlug mit der Faust gegen die Stirn—„da könntet Ihr die Silbcrtaler mit Schcfieln messen wie jetzt die Kar- toffeln," „Reiß Dein Maul nicht zu weit auf, Krendel," mahnte ein Alter. Und ein anderer sagte:„Ist alles gut und schön, was Du uns predigst von den Vorteilen, Heinrich. Aber red' auch davon, was so Leute ruinieren, die aufs Land kommen und nicht wissen, daß ein Schweißtropfen von unsereinem in jedem Halm steckt. Eine Familie Hab' ich mal vor Jahren zu Besuch gehabt: in daß Korn sind sie gestapft wie die Wilden, und von meiner Wiese Hab' ich grad das halbe Heu geerntet. Das Obst halbreif von den Bäumen geriffen und die Beeren mit den Zweigen von den Sträuchern. Ich dank' schön I Hab' genug von der unverständigen Bagage!" Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Gaststube. Krendel nahm einen mächtigen Schluck.„Alle sind sie nicht so. Und schließlich: irgendwo müssen die Leute hin. Wollen sie einge- sperrt sein, können sie zu Hause bleiben. Man muß ihnen einen Fleck freigeben, wo sie sich auf den Kopf stellen können. Das ist grab' wie das Vieh auf der Weide. Haben wir nicht den Kringel- berg? Wüst und brach liegt er da. Da schiebt sie hinauf: So, das ist Euer Reich und nun tummelt Euch! Wer ins Feld geht oder auf die Wiese, muß Strafe zahlen, daß ihm die Schwarte knackt! Das gibt eine hübsche Nebeneinnahme." „Ja." Ter Wirt kam langsam hinter dem Tresen hervor. „Der Krendel-Heinrich ist ein heller. Und, Ihr Leute, je länger ich's mir durch den Kopf gehen lasse, desto gewisser wird's mir: ja, wir müssen einen Kurort machen! Wunderschön paßt's mit dem Kringelberg. Da, hier vor den Fenstern geht dcrxWcg vorbei und hinauf. Verdursten also brauchen die Leute nicht. Auf die Tische vor'm Haus leg' ich bunte Decken. Ueber meine Tür schreib' ich in Goldbuchstaben: Hotel zum Kringelberg— und der Johann kriegt einen schwarzen Schniepcl angezogen und unter den Arm ein Handtuch— „Haha ha!" Johann der hinter dem Tresen Gläser spülte, wollte sich ausschütten vor Lachen. „Was gibt's da zu lachen? Vorher kriegst Du einen Wienerischen Sprachunterricht— ich versteh mich darauf— und Rindsfett ins Haar. Eine Locke auf die Stirn drehen wir Dir aus Deinen Borsten schon zusammen." „Ich mein' nicht, daß das die Hauptsach ist", murrte Krendel. „Also: was ist die Hauptsache?" „Die Hauptsache ist der Kurpark!" sagte Krendel mit Nachdruck. „Richten wir den Kringelberg dazu her'— es ist Gemeindeeigen- tum, und keine Kuh läuft jetzt da hinauf. Schaden hat nicht ein einziger, wohl aber Nutzen wir alle." „Schön gesagt!" Holms der dickste und reichste Bauer im Ort, hatte bisher überlegen lächelnd dagesessen. Nun erhob er plötzlich die Stimme:„Ich bin auch dafür. Nur eins muß ich Dich noch fragen, Heinrich: wo kriegst Du die Boullion her? He?" Er streifte, mit den Augen zwinkernd, die Asche von seiner Zigarre. „Bouillon?" Aller Augen wandten sich mit einem Ruck zu Holms. Der nickte gewichtig.„Nämlich, daß Jhr's wißt: dazumal als ich beim Obersten von Rotcnstein Bursch war— es ist lange her—, da sind wir auch in einem Kurort gewesen. Wiesbaden glaub ich. Da haben wir eine Kur durchgemacht, ich und der Oberst v. Rotenstein. Da weiß ich: direkt aus der Erde kommt die Bouillon. Mit Eimern kann man sie schöpfen. Deshalb frag ich Dich, Krendel: wo nimmst Du die Bouillon her?" „Kunststück I" sagte der Wirt.„Ich koch sie. Wollen die Leut' sie partout auf dem Kringelberg trinken, kann man sie in«in Faß füllen und dort abzapfen." „Hahaha!" Krendel schlug mit der Faust auf den Tisch und lachte, daß die Stube zitterte.„Laßt mich zufrieden, Leute! Laßt mich zufrieden! Ich geh nach Haus!" Sr«rhöb sich, aber man hielt ihn fest und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl. »Teufel noch mall" grollte Holms.»Als ich mit dem Obersten V. Rotenstein in Wiesbaden—" „Hast recht, Holms." Krendel erholte sich von seinem Lach- anfall.„Aber so einen Kurort wollen wir ja nicht machen. Bouillon brauchts gar keine." „Doch!" Der Wirt mischte sich wieder hinein.„Eine Bouillon muß sein, da stimm ich dem Holms bei. Ohne so eine Suppe oder ein Selterwasser geht's nicht." „Habt Ihr keine Luft am Kringelberg?" „Luft?" „Ja. Gute, schöne Luft. Wenn die aus der Stadt nur einmal ihren Dampf und Stank und Staub hinter sich haben, da sind sie meist zufrieden. Und es ist eine reine Luft auf dem Kringelberg." „Eine brülljante Luft," bestätigte Malte, der Gastwirt.„Was sie sonst brauchen, die Leute, kriegen sie bei mir." „Deinethalben machen wir uns keine Unkosten," sagte Holms unzufrieden.„Entweder: man hat auch einen Verdienst dabei oder ich passe." Krendel winkte.„Dafür sorgen wir schon." „Und Du meinst wirklich," Holms rückte interessiert näher, „daß Leute bloß um die Lust bis hier heraus kommen? Bloß um die Luft? Herrschast, das will mir nicht in den Schädel." „Verlaß Dich dranfl Deine Milch wirst Du um das doppelte los und kannst noch Wasser dabeitun. Es gibt'ne Masse Luftkur» örter. Goldgruben sind's alle, sag' ich Euch. Steinreich wird ein jeder." Das zündete, und alle rückten näher zusammen, gespannt auf Krendel sehend. Der schob wieder den Hut in's Genick, trank und sagte:„Seid nicht dumni, Leute. Danken werdet Ihr mir's noch mal, daß ich Euch drauf gebracht Hab." „Ein Segen wär's für den Ort", behauptete Malte. „Aber bedacht muß es werden", meldete sich der Ortsschulze, der sich bisher in borsichtiger Reserve gehalten.„Schon wegen dem Kringelberg. Erst muß die Gemeindevertretung beschließen: geben wir ihn her?" „Ihr seid ja alle da", eiferte Krendel.„Hat einer von Euch etwas dagegen?" Er sah die Mitglieder der Gemeindevertretung der Reihe nach an.„Das müßt' ein recht Dummer sein." Kein Dummer meldete sich. Deshalb sagte der Schulze:„Ja, wenn Ihr nichts dawider habt—" „Versuchen wir's," meinte Holms schließlich. Mit dem Kringel- berg ist ein anderer Verdienst doch nicht zu machen. Aber viel kosten darf's nicht." „Ja, in die Tasche müßt Ihr erst mal langen," sagte Krendel. „Die Geschichte will doch eingerichtet sein. Ein richtiger Weg, wie's sich gehört, muß auf den Kringelberg geführt werden, auch ein wenig Kies müssen wir aufschütten und Bänke aufstellen. Dann muß es in die Blätter gesetzt werden, daß doch die Leute Bescheid wissen." „Da es für den Ort ist, kann die Gemeindekasse zahlen," schlug einer vor. „Die Gcmeindekasse zahlt nichts!" Der Ortsschulze sagte es bestimmt.„Geht die Sache schief, krieg ich mei»cn Stüber von oben." „Schief gehen kann sie auch?" „Keine Idee!" Krendel wurde ärgerlich. „Lassen wir's lieber." Ein paar Aenstliche mahnten. „Na, dann behüt' Euch Gott!" Krendel stürzte sein Bier hin- unter.„Euch können sie daS Gold vor die Tür fahren, Ihr nehmt's nicht auf. Keinen Unternehmungsgeist habt Ihr!" „Ja, wenn man noch dazu zahlen soll—" „Du redst auch eine Naht daher, Henze! Wenn Du Roggen ernten willst— mußt Du vorher etwas in den Acker schmeißen oder nicht? So ist's hier. In die Tasche fassen müssen wir. Danach trägt sich's hundertfach, tausendfach ein!" „Gut!" Holms hatte sich entschloffen.„Machen wir einen Luftkurort!" Das war das Signal zu allgemeiner Zustimmung. Krendel hatte gesiegt und sagte:„Wir gründen cmen Kur- verein. Jeder zahlt einen Beitrag." „Und wer nicht zahlt, soll der profitieren von unseren Kosten?" „Wer nicht beitritt zu dem Verein, kriegt keine Gäste. Er kann sich das Maul wischen." Malte, der Wirt, warf einen Taler auf den Tisch:„Da ist mein Beitrag. Als Erster krieg ich den ersten Gast!" „Hoho! Hoho!" „Ruhig." Krendel beschwichtigte den Lärm. „In der Art geht's nicht. Malte. Jeder Gast kann sich selber seine Wohnung aussuchen. Denn, das versteht Ihr, zwingen können wir keinen." Malte gab sich zufrieden. Auch die anderen. Der Kurverein„Kringelberg" wurde gegründet, der Beitrag festgesetzt und der Vorstand gewählt. Außer Krendel, dem Kassierer, gehörte der Verwaltung Holms an und als Vorsitzender der Orts- schulze. Die erste Sitzung dauerte bis tief in die Nacht. Dann endlich waren unter eifriger Teilnahme des Wirtes und anderer„Dauer- haften" die Grundzüge für di? nächsten Maßnahmen festgestellt und der Luftkurort Kringelberg definitiv konstituiert. Als Malte nach dem Fortgang der letzten Gäste seine Kasse zählte, war er fester denn je davon überzeugt, daß die Idee Krendel» ein„Segen für den Ort" sei.— ** « Der Kringelberg war ein ziemlich breiter, aber mäßig hoher Hügel und der einzige baumbestandene Fleck Erde in der Nähe des Dorfes. Auf der einen Seite streifte ihn ein schmaler Fluß, der tiefe, gewundene Einschnitte in den Hügel verursacht und ihm— wenn man's mit einiger Phantasie betrachtete— die Form eines „Kringels", einer Brctzcl, gegeben hatte. Davon leitete Name des Hügels und Ortes sich ab. Am anderen Abhang lehnten Aecker und Wiesen, die nun zum Teil durch ein Drahtgeflecht abgesperrt und mit einer Tafel geschützt wurden:„Betreten bei Strafe ver» boten." Bisher ein wüster und wenig besuchter Ort— nur bei den Tanz, musiken unten im Gasthaus erholten gern die schwitzenden Pärchen sich hier—, erfuhr der Kringelberg jetzt eine Wandlung zur höheren Kultur. Man ebnete Weg und Plateau und riß einen Teil des allzu üppig wuchernden Strauchwerkes fort. Der Tischler des Ortes mutzte einige Bänke zimmern und sie an den schönsten Aussichts- punkten aufstellen. Auch eine Milchtrinkhalle, die auf Rechnung deS Vereins geführt werden sollte, erhob sich bald auf dem Gipfel— zum großen Aerger Maltes, der darin absolut keinen„Segen für den Ort" erblicken konnte. Er meinte, die Milch werde da oben im Sommer zu leicht sauer werden, den Erholungsbedürftigen schaden und somit den Kurort in Verruf bringen. In seinem Keller dagegen... Aber eS half ihm nichts. Man grub einen Keller unter die Halle. Im übrigen war Malte mit Feuereifer bei der Sache. Maurer. Anstreicher, Tapezierer wirtschafteten bei ihm, als sollte alles von Grund auf neu hergerichtet werden. Auf den Pferdestall ließ er noch eine Etage aufsetzen und„Hotelzimmer" einrichten. Nicht lange darauf stand das alte Gasthaus in einem neuen, einladenden Ge» wände da und wartete als„Hotel zum Kringelberg" auf Gäste. (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. — Die Wirkung der Kupfcrkalkbrühe(Bordeeuxbrühe). In den Weinbergen, Obstgärten, auf Kartoffelfeldern jc. wird bekanntlich zur Beknmpstnig schädlicher Pilze die Bespritzung der Kulturen mit einer Mischung von Kupfervitriollösung und Kalkmilch, der so» genannten Bordeauxbrühe, geübt. Qpiiie Reihe von Untersuchungen hatten nun zu dem Schlüsse geführt, daß die vordeauxbrühe nicht nur die Pilze tötet, sondern einen direkt fördernden Einfluß auf das Gedeihen der Pflanze ausübt, indem sie diese zu einer erhöhten Assimilationstätigkeit anregt. Diese Behauptung gründete sich vor- züglich auf den Nachweis einer erhöhten Stärkeansammlung in den Blättern. Die Ursache der angeblich fördenden Wirkung der Bordeaux» brühe blieb unklar. Im vorigen Jahre hat Schander sie darauf zurückgeführt, daß der KupferkaWelag die Blätter vor intensiver Beleuchtung schützt und ihnen so günstigere AssimilationS» bedingungen schafft. Elvert hat nun in ausgedehnten Kulturversuchen festgestellt, daß tatsächlich eine Schattenwirkung des Kupfcrkalk» belages besteht; aber die Stärkeanhaufung in den Blättern ist nach seinen Befunden bisher falsch gedeutet worden. Durch das „Bordelaisicren" erfährt das organische Leben keinen Anreiz, sondern im Gegenteil eine Hemmung. Die bordelaifierten Pflanzen zeigen bei exakter Durchführung lind genügender Ausdehnung des Versuch» stets einen geringereil Ertrag, gleichgültig, ob man die Menge de» produzierten Stärke oder des Eiweißes oder ganz allgemein das G«» wicht der Trockensubstanz als Maßstab wählt. Wie sie Assimilation wird auch die Atmung durch die Schattcnwirkung herabgesetzt. Je mehr die von der Sonne zugestrahlte Energie von der an den Blättern hastenden Brühe zurückgehalten Ivird, eine um so größere Abschwächung erleiden die Lebensvorgänge im Organisinus. Mit der Atmung ist aber die Abfiihrung der Asfimilatc eng ver» knüpft; daher häuft sich die Stärke in den bordelaifierten Blättern an. Die physiologische Wirkung der Bordcaurbrühe beruht aber nicht allein auf der Schattenwirknng. Diese für sich würde das Längen» Wachstum und die EntWickelung der vegetativen Organe fördern müssen und Ewcrt beobachtete auch, daß sich der Einfluß des durch eine dünne Gazedecke erzeugten Schattens immer dahiit geltend machte, daß die Pflanzen gegenüber solchen, die in vollein Sonnen» licht gezogen waren, auch wirklich den Habitus von Schattcnpflanzen annahmen. Dagegen zeigten die bordelaisierten Pflanzen eher ein gedrungeneres Wachsttnn. Ewert zieht daher als zweiten Fastor der physiologischen Wirkung der Bordeanrbrühe die Giftwirstmg de« Kupfers in Betracht. Trotz der negativen Ergebnisse stüherer Forscher wird eS doch jetzt wahrscheinlich, daß steine Mengen de» Kupfers in das Innere der Blätter eindringen und Störungen im Stoffwechsel, Stauung der Stärke und Eiweißstoffc hervorrufen können. In diesem Sinne wirken förderlich Regen, Tau oder auch künstliches Auffpritzen von Wasser, d. h. Faktoren, die fitt die Lösung und das Eindringen des Kupfers von Bedeutung sind» Auf eine Giftwirkung weist auch die Schwächung der Transpiration bei bordelaisierten Pflanzen hin. Das allgemein beobachtete längere Grünbleiben der mit Bordeanxbrühe behandelten Blätter kann eben« falls auf eine leichte Vergiftung zurückgeführt werden. Beschattung hat dieselbe Wirkung! während aber in diesem Falle eine Schonung des Chlorophyllapparates borliegt, ist bei der Gistwirkung eine tixiermig des Chlorophylls unter gleichzeitiger Schwächung seiner rbeitsfähigkeit anzunehmen. Hierfür spricht die Beobachtung, dafl bordelaisierte Blätter, bekonders diejenigen, die häufig mit Wasser benetzt wurden, im Gegensatze zu unbehandelten Blättern in kaltem Mohol nur langsam ihren grünen Farbstoff abgeben, auch dann, wenn die Kupferkallkruste vorher sorgfältig abgelöst wurde. Neben der Gistwirkung de-Z Kupfers kommen für die Schädigung der Pflanzen auch mechanische Störungen, tvie Verstopfungen der Spaltöffnungen, ferner Aetzlvirkungen und andere Ursachen in Bc- tracht. Nach allem liegt die praktische Bedeutung der Kupferkalk- brühen nur in ihrer tödlichen Wirkung auf die Schmarotzerpilze. Ewert empfiehlt, die öfter? geübte Beimischung von Eisenvitriol zu unterlassen und nur schwach konzentrierte Brühen zu verwenden. Bei oftmaliger Bespritzung solle eine'/z proz.(d. h. V, Proz. Kupfervitriol enthaltende), bei einmaliger Bespritzung höchstens eine ein- prozentige Kupferkalkbrühe benutzt werden.— ftlmschan".) Ans»er Vorzeit. K. Die Entdeckung von Pfahlbauten im Jura. Im Lac-de-Chalain im Jura, der in seiner größten Länge etwa 2V3 Kilometer mißt und 500—1000 Meter breit ist, ivährend er eine größte Tiefe von ungefähr At Metern erreicht, wurde im Laufe des vorige» Jahres eine höchst interessante Pfahlbautenansiedelung ans- gegraben, über die jetzt ein genauerer Bericht vorliegt. Der See liegt aus dem zweiten Plateau des Jura in einer Höhe von 500 Metern; kleinere mit Buchen und Tannen bedeckte Anhöhen um- rahmen seine Ufer. Vor einiger Zeit kaufte nun eine industrielle Gesellschaft das Recht, da, Niveau des Sees um höchstens 10 Meter zu senken, um ihn als ein» Art Reservoir nutzbar zu machen und das Wasser eines benachbarten Falles, der industriell ausgenutzt wird, zu regeln. Im Mai 190t legte eine Senkung des Wasser- spiegels um nur 3 Meter auf eine Länge von etwa 2 Kilometern im Umkreise des Sees und auf eine mittlere Breite von 200 Metern einen Grund trocken, aus dem zwischen dem Schilfrohr geschwärzte Pfähle austauchten, die den Plan eines ganzen Dorfes mit Straßen, Häusern usw. aufzeigten. Die alte Ortschaft, die in den Sagen des Landes noch lebte, kam wieder ans Tageslicht. Der Durchstich, der für einen Kanal durch den Grund gemacht wurde und beträchtliche Erdrutsche der halb festen Masse, die das ungeheure Gelvicht des abgeflossenen Wassers nicht mehr an ihrer Stelle festhielt, führten nun zu der Entdeckung archäologischer Schichten, die sehr reich an prähistorischen Gegenständen waren. Während des Somniers und Herbstes des JahreS 1904 wurden unter Leitung von Profeffor Girardot, Konservator am Museum von Lons-le- Saunier, Nach- grabungen vorgenommen. In der archäologischen Schicht fanden sich Küchcurückstände, Zähne und Tierbiochen, Ueberbleibscl von vegetarischen Nahrungsmitteln, Gerste, Nüsse, Mandeln, Aepsel, Birnen, Leiist'flanzeu, Kohlen, halbvcrbrannte Herdsteine, Topfwaren, einige Holzvasen, Geräte, Waffen und verschiedene Gegenstände aus Hirschhorn, Knochen, Holz. Stein. Die meisten und intereffantesten Fund- stücke sind gesammelt und im Museum zu Lo»s-le-Saunier auf- gestellt und klassifiziert worden. Unter den hölzernen Gegenständen ist erwähnenswert: eine Art hohler Teller, drei kleine Vasen, von denen eine einen sehr fein gearbeiteten Henkel hat, gut erhaltene Suppenlöffel mit Stielen, ein Vogen aus Eibenholz, ein wunderbar erhaltenes Jochgespann für Ochsen. ferner fand man Gegenstände aus Bein und Feilerstein, Hirschhorn, opfwaren, einen Bäreuschädel. Knochen von Hirschen, Damwild, Eber, Biber, Hunden. Pferden, Ochsen usw., und einige.Knochen von Menschen, deren Rassenzugehörigkeit aber noch nicht festgestellt ist, schließlich Reste von Geweben und Leinen. Das inerkwürdigste aber find drei ungleich große Pirogen, die sehr verschieden erhallen sind. Die Ucbcrreste von zweien sind in den Museen zu DSle und Saint- Clande aufbewahrt, das dritte, fast ganz erhaltene, in Lons-le- Saume r. Es ist eines der schönsten Fahrzeuge dieser Art und aus einem Eichstamm ausgehöhlt. ES ist 9.33 Meter lang und mißt im Innern 0.80 Meter in der Breite und 0,00 Meter in der Tiefe. Der leicht in die Höhe gerichtete Bug verlängert sich an der Spitze, um das Wasser zu teilen; über die Höhlung ist an dieser Seite eine Taunciiplanke gelegt, die in eine Nute eingefügt ist. Der sehr glatte Bodei« ist von drei rechteckigen Löchern durchbohrt. Eine Datierung ist auch bei diesen Pfahlbauten nicht möglich.— Medizinisches. 01. Die Behandlung der Schlaflosigkeit bildete den Gegenstand einer gründlichen Erörterung auf der jüngsten Ver- sammlung der Britischen Medizinischen Vereinigung. Es wurde zunächst darauf hingewiesen, daß der Schlaf noch immer schwer genau und vollständig zu erklären und von den Erscheinungen der Ohn- macht, de-Z Traumzustands und des RachtwandelnS zu unterscheiden ist. Man kann sagen, daß der Schlafende gegen nicht zu starke Reize von außen her unempfindlich ist. Der Zustand des Schlafs hängt zum Teil von dem Verhalten der Gehirnzellen, zum Teil vom Säftekreislauf ab. Die Gehirnzellen können in Tätigkeit erhalten und der Schlaf durch Reize auf das Gehirn selbst, also durch Eindrücke angenehmer und schmerzlicher Art verhindert werden. Der Schmerz wirkt vermutlich in doppelter Hinsicht, sowohl auf die Gehirnzellen selbst wie auf die Blutzufuhr zum Gehirn, und ähnlich ist es mit dem Einfluß von übermäßiger Hitze und Kälte, von Erweiterungen des Magens und der Därme durch Blähungen, von überschüssiger Magensäure usw. Auch die Giftstoffe, wie sie im Kaffee und Tee vorhanden sind, haben derartige Folgen. Selbstverständlich führt auch eine zu starke Herztätigkeit, wie sie durch Hitze, Erregung, Tabakgeuuß und dergleichen veranlaßt wird, zur Schlaflosigkeit, von eigentlichen.KrankheitSzuständen des Herzens und der anderen Organe des Blutkreislaufs abgesehen. Die Behandlung muß auf die Be- seitigung der Ursache hinstreben. Als besonderes Heilmittel sind zu nennen kleine Dosen von Jodkali und Massage, wenn die Halsschlag- ädern gespannt sind; Baden und Reiben der Füße mit kaltem Wasser, wenn diese kalt sind; warme Bäder bei Trockenheit der Haut; be- stimmte Mengen von kohlensaurem Natron gegen übermäßige Magensäure usw. Chloral setzt die Herztätigkeit herab und vernundert den Blutdruck und kann, namentlich lvenn letzterer sehr hoch ist. von Nutzen sein, ebenso andere Chlorverbindungen. Sulfonal, Trioual, Tetronal und andere Verbindungen von Schwefel mit Alkohol tvirken nicht derartig aufs Herz. Gegen das Gefühl von Ruhelosigkeit tut auch Baldrian gute Dienste. Der Schaden, den der Körper durch dauernde Schlaflosig- keit erleidet, ist nach der Auffaffung einiger Fachleute größer als der durch den Gebrauch von Betäubungsmitteln, die aber selbst- verständlich nur gelegentlich angewandt werden dürfen. Leider ist ihre Wirkung unsicher. Das Chloral ist eins der ältesten(schon seit 1809 eingeführt) und noch immer eins der beste». Immerhin sind die Aerzte von ihm und den anderen Chloralverbindungen zu- gunsten der alkoholischen Verbindungen ebenso zurückgekommen wie die Chirurgen vom Chloroform zugunsten des Aethers; doch sind die letzteren Schlafmittel weniger znverläsfig. Gegen die älteren Schlafmittel pflanzlicher Herkunft, Opium und Morphium, ist viel ciuzuloendcn, ebenso gegen die Belladonna- Arzeneien. Jedenfalls sollte der Arzt vor' der Anwendung von Schlafmitteln stets versuchen, die Ursache der Schlaflosigkeit zu ermitteln. Liegt sie in Verdauungsstörungen oder Aufregungen, so sollte man zunächst dagegen angehen. Nicht selten übrigens bilden sich die Leute nur ein, nicht geschlafen zu haben, oder sie haben es gar geträumt. Sie sollten dann darauf achten, ob sie eine Uhr haben schlagen hören. Auch Mangel an guter Luft im Schlafzimmer, Hitze, Geräusch oder Licht sind oft Anlässe zu Störungen des Schlafes, die als solche erkannt und beseitigt sein wollen.— Humoristisches. — In der Religion« st unde. Lehrer:„Wieviel betrug wohl das Scherflein der armen Witlve? Na, Lieschen", die den Finger emporgehoben hat,„tvieviel denn?" Lieschen:.Zwölf Mark dreiundvierzig Pfennige!" Lehrer:„Wie kommst Du denn gerade auf diese Summe?" Lieschen:„Ja, im Katechismus steht:„Das Scherflein der armen Witlve"(Mark. 12,43)".— — Deutliche Auskunft. Der Dorfschulze von Unter- bompfingen hat sich beim Bürgermeister von Tipfelfingen über die Vermögensverhältnifsc eines Tipfelfingcr Einwohners erkundigt und erhält daranf die Auskunft: „Der Philipp Koch hat kein Vermögen, was da ist, das ist seine Ehefrau, und das ist eine alte Baracke mit etwas Garten dabei."— („Lustige Blätter".) Notizen. — In M.- G l a d b a ch wurde dieser Tage ein botanischer Garten eröffnet, in dem die Schüler und Schülerinnen der drei höheren Schulen im Freien botanischen Unterricht er- halten sollen. Neben dem Kölner botanischen Schulgarten ist der Gladbacher der zweite seiner Art in Deutschland.— —„Die Einzige", eine Tragikomödie in drei Aufzügen von Hans v. Gump penberg, ist vom Leipziger Stadt- theater erworben worden.— — Die siebcnbürgische Nationaloper„Der Herr der Hann" (Hann— 100) von Hermann Kirchner wird in dieser Spiel- zeit im Theater des W e st e n S zur Aufführung gelangen.— — D e n P a r i s e r R u b i n st e i n- P r e i S für P i a n i st e n errang der Zögling des Leipziger Konservatoriums B a ck h a u ß.— — Die T 0 l st 0 j- Büste Trubetzloys ist für das städtische Museum in Leipzig erworben worden.— — Die Stuttgarter Gemäldegalerie hat jährlich nur 25 000 M. zur Verfügung. Jetzt soll in Stuttgart eine Vereint- gung ins Leben gerufen werden, die sich die Unterstützungen der staatlichen Kunstsanunlungcu, besonders der Gemäldegalerie, zur Aufgabe macht.— — Mäßige Preise. Zur Erlangung eine? Plakat- entwurfeS setzt die Jubiläums-Ausstellung für WohnungSkunst Berlin 1900 drei Preise(150, 100 und 75 M.) aus. Adresse: S. Feder, Berlin, Lessingstr. 0.— — In I ü t l an d hat man bei der Vornahme von Erd- bohrungcn neuerdings häufig das Vorhandensein natürlichen Leuchtgases festgestellt.— Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LW.