Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 157. Dienstag, den 15. August. 1905 (Nachdruck verboten.) 2t Daniel Junt. Roman von Hermann Stegemann. »loflo war enttäuscht, aber nun kletterte sie auf die Bank und spähte hinaus auf den Schnee und die in der Dämmerung schwärzlich schimmernde Matte, über die der Abendduft in silbernen Schleiern dahinzog. Die Steine wuchsen im Zwie- licht, am Himmel war geschäftiges Treiben, flüchtige Wölklein verschwanden über dem Gipfel des Hohnack, ein milchiger Schein umfloß die Wälder und lief über die kahlen Kuppen der höchsten Gipfel. „Lug. Nettele, lug. sind das die Wildgäns'?" piepste das Kind aufgeregt. Ein Schwärm Krähen flog schwerfällig über die weiße Mulde, in der das einsame Haris lag. Das Nettele lachte. _«Nein, aber so dumm! Das sind Galgenvögel, das weißt Du doch. Die Gäns', die fliegen ganz oben bei den Sternen." Und sie wickelte die Vettkrllge in ihre Schürze und eilte aus der Küche. Angestrengt blickte Floflo in den Himmel, bis es die Sterne selbst sah. einen nach dein anderen, wie sie langsam aus dem grauen Grund traten. Aber die Wildgänse sah es nicht. Da suchte es sie in den Talschatten, aber dort zog ein silberner Duft und trank alles in sich hinein. Jetzt war es Nacht geworden, der Mond stand hoch, und um die schwarzen Steine, die auf den verschneiten Matten lagen, huschten weiße Flöre und drehten sich im unsteten Winde hierhin und dorthin. „Die Erdwibele!" Jloflos Herz klopfte wie ein Hammer. Es war von der Bank gerutscht, aber die Fäuste um- klamnierten noch die Gitterstäbe. Vor seinen Augen war die Matte versunken, nur den Himmel sah es noch hereinlugen zu dem kleinen Fenster. Und jetzt hörte es Plötzlich ferne Vogelstiinnlen, die kamen aus der Höhe und klangen und schrien und verloren sich dann allmählich in der Weite. Da stieß das Kind einen Schrei aus, fuhr von der Bank und zur Tür hinaus, mit vorgestreckten Händen und krampf- hast geschlossenen Augen, tastete und tappte durch den Flur. die Stiege hinauf, und fiel oben der Katherine, die just aus dem Zimmer der Wöchnerin trat, in die Arme. „Die Wildgäns' komnien, Tatine. und die Erdwibele Hab' ich auch gesehen. Sie tanzen um die Stein'. Wo ist's Müetterle? Ich will zum Müetterle! Tatine, ich will zum Müetterle!" Und„Müetterle, Müetterle," schluchzte es und riß sich los und hing sich wild an die Türklinke. Die Magd hatte keine Hände es zu halten, sie lehnte weinend an der Wand und ächzte vor Weh wie ein Schwerkrankes. Floflo hatte dieTür geöffnet. Plötzlich verstummte es und stand regungslos in der Stube. Lichter brannten, zwei Kerzen und die große Petrollampe aus der Wirtssüibe, und ehe es noch wußte warum, kam das Nettele auf den Filzsohlen leise auf es zu rmd schlug ihm die Schürze über den Kopf. „Nein, laß sie. Nanette, laß sie da!" � Die Stimme war nur ein Hauch, und ein blasses Gesicht hob sich mühsam aus den Kissen, zitternde Finger strichen die feuchten, blonden Haare aus der Stirn und dann hat sie mit schmerzerstickter Stimme noch einmal:„Bringt's mir her, schnell, ich bin Pressiert." „Pressiert? Madame Junt, das ist ein dummes Wort." murmelte die alte Mamsell und dabei rieb sie dem Sind das Gesicht mit der Schürze und fuhr ihm durch das Haar, als müßte sie es waschen und strählen zu einem Besuch bei fremden Gästen. Floflo war verstununt. Als sie ans Bett kam, tvollte sie sich über die Mutter werfen, aber das Nettele hielt sie fest, faßte sie um den Leib und hob sie in die Höhe. Die kleinen Hände nestelten sich um den Hals der Mutter, das Gesichtchen wühlte sich neben ihr in die Kissen. „Weiß es?" fragte Frau Junt leise. Das Nettele nickte. „Und Du bist froh. Flo, gelt. Du bist gewiß froh über ein Geschwisterle!" flüsterte ihm die Mutter ins Ohr und küßte es mit ihren kalten Lippen, als müßte sie ihm etwas abbitten. Da schüttelte Florence jäh das Köpfchen. „Nein," stieß sie heftig hervor. „Kind!" rief Nanette empört. „Nein, nein, ich will keins," trotzte es in die Kissen, und dabei schluchzte es wild auf. Ueber das schmerzlich gespannte, todblasse Gesicht der Kindbetterin huschte ein gramvoller Zug. „Und Du willst es gar nicht gern haben?" „Nein!" „Und der Vater, hast Du den auch nicht gern?" Einen Augenblick schwieg Floflo, dann schüttelte sie wiederum den Kopf, und ein Zittern lief durch ihre Glieder, daß es sie schüttelte wie ein Fieber. „Frau, ich bitt' Sie," murmelte das Nettele, das die Tränen aus den müden Augen der Frau quellen sah. Da ging ein Krampf durch den Körper der Leidenden. und fester schlössen sich ihre Hände um das Kind. „Und mich, Floflo, mich. Dein Müetterle, hast am End' auch nimmer lieb!" „Doch, doch. Dich Hab' ich lieb," schluchzte das Kind und drückte seine nassen Bäckchen an die magere Wange der Mutter. Ein Lächeln flog über die zerstörten Züge und blieb in den Augen haften. „Dann mußt Du auch Dein Geschwisterle lieb haben, denn das ist wie ein Stück vom Müetterle," sprach sie mit einer so seltsam klaren Stimme, daß das Nettele erstaunt auf die Frau blickte, die da in bösen Wehen lag. Das 5tind schwieg eine Weile, dann hob es den Kopf. „Ein Stück vom Müetterle?" „Ja, ein ganz geringes und kann nicht laufen, kann gar nix, und da mußt Dil mir helfen, dann bist Du auch sein Müetterle." Die letzten Worte hatte sie nur noch hauchen können, ein Schrei zerriß den Satz in zwei Teile. Nanette löste daS Kind von ihrem Hals. Die Magd kam wieder herein und nahm es der Mamsell ab. Doch die Frau meisterte den Schmerz und langte noch einmal nach dem Kinde. Da drückte es den Kopf scheu in die Kissen und flüsterte: „Aber die Wildgäns' bringcn's doch, ich Hab' sie gehört, sie bringen's." Ein fragender Blick der Frau traf das Nettele bei diesen Worten des Kindes. Als diese verlegen die Achsel zuckte, ging ein seltsamer. Zug über das Gesicht der Frau und sie antwortete: „Ja, mein Kind, sie haben Dich auch gebracht, die Wild? gäns'." Sie atmete tief, ihre Lippen zuckten und sie vollendetet „Ja, die Wildgäns' oder sonst wer." Dann trug die Magd Floflo hinaus. Sie hielt es un- geschickt und das heraufgerutschte Röckcheu ließ die nackten Beine sehen. Der Peitschenznück brannte rot auf der glatten, weißen Haut. lind die Frau, die in ihren Schmerzen die Hände der Pflegerin fast zerdrückte, wandte sich in einem stilleren Augen- blicke zu der alten Nähterin, die feit Jahr und Tag auf dem Florimont saß, und sagte: „Ja, ja, Nettele, die Wildgänst, als die im Spätherbst übers Dach zogen, da lag das Kind auf der Holzbeige unter dem Vordach, als hätten sie's gebracht, die fremden Vögel. Und nach langem Wehren hat's der Daniel zugegeben, daß ich's behalten durfte als mein eigenes. Sieben Jahr sind's bereits und ein halbes. Und jetzt, wo wir elf Jahre ver» heiratet sind, jetzt kommt doch noch eins aus dem eigenen Bett." „Das ist's auch, was dem Daniel Junt gefehlt hat," entgegnete Nanette. Da richtete sich Luise aus. „Ihm? M i r hat's gefehlt. Er inacht aus allem, was er will. Was er will, daß es sein soll. Aber ich, seht, Nanette, faxet's selbst, hätt' ich nicht schon am Tag nach der Hochzeit eins haben müssen, um für ein Lebendiges allein auf der Welt zll sein? Nur für es! Und über ihm zn sein! Viel- leicht war der Daniel dann nicht der Eulalie Hirth ins Garn gegangen." Erschöpft sank sie zurück. Nanctte antwortete nicht, wusch ihr die Stirn mit Essig- Wasser und horchte angestrengt, ob der Schlitten noch nicht heimläutete. „Es liegt wie tot in meinem Leib," stöhnte Luise.„Sagt, ob's zum Leben kommt. Sagt mir's, Nanette." „Sicher, Frau," stammelte die Pflegerin, aber es kroch ihr kalt iibers Herz, denn müde arbeitete der arme Leib der blassen Frau, spitziger erschien ihr Gesicht, und daS Licht stand so grell in ihren Augen. „Auf der Kilbe") in Türkheim Hab ich ihn zuerst gc- sehen, den Tain Junt... und dann in Münster am Lieben- herrgottstag... da war er mit dein Geschirr über den Berg gekommen und zur Nacht hat er mich„ach Sulzern kutschiert. und ich war mit ihm selbzweit auf dem Bauernwagen, wenn auch der Vater selig und die anderen Hintenaus hockten. Sell- mals hat er mich schier zerdrückt vor Liebe, der Daniel. Und dem Vater aufgetrumpft, bis er die Fünflivres aus dem Sack langte für die Hochzeit. Sellmals..." lFortsetzung folgt.) t?!achdruck verbolcu.) Srkenntnis. Von Hennie Rache. Lcise glucksend schmeichelten die Wellen um das Boot und leckten daran mit spitze», flinken Zünglein. Das Wasser war durch- sichtigjtlar, trotzdem es wohl an dieser Stelle vier Meter tief uxir. Sonderbar geformte Schlinggewächse schwankten auf dem Grunde des Sees. Langsam bewegten sie sich, trieben sehnsüchtig ein wenig empor zur Lbcrflächc und versanken dann wieder in die blaue Tiefe. Das Boot glitt langsam dahin, lediglich von der geringen Strömung getrieben. Der tWann hatte die Ruder eingezogen, und seine Augen forschten über die beiden Frauen dahin, die ihm gegen- über saßen. Die Blonde war seine Frau, die Schwarzhaarige ihre Freundin. Die blonde Frau beugte sich ein wenig über den Rand des Bootes und sah träumerisch lächelnd dem Spiel der Wellen zn. Die Sonnenstrahlen tanzten ans dem goldigen Haar, das von keinem Hut bedeckt war. Es sprühte wie Funken in den seidenen Fäden, und der reiche Glanz gab dem einfachen Gcsichtchen etwas Vor- nchmes. Die Schwarze hatte ihren großen, weißen Rembrandthut auf- behalten. Sie wußte, er stand ihr gut, er wirkte wie ein Rahmen. Unter der vom Haar fast vollständig bedeckten Stirn glühten zwei schloarze Augen hervor, die mit einer leidenschaftlichen Frage an dem Manne hingen. Und wahrlich, seine stumme Antwort war beredt genug. Feuer glimmte in seinem Blick, seine Hände zitterten nervös— das ganze Gesicht zuckte in verhaltener Leidenschaft. Ein unmerkliches Lächeln huschte über die Lippen der Schwarz- haarigen. Sic war zufrieden. Ein Seitenblick streifte die ahnungslose Frau, die ihre Hand ins Wasser getaucht hatte und die glitzernden Tropfen daran her- niederrinnen ließ. Dumpfe Schwüle brütete in der Luft, silbcrgrauer Dunst flim- mcrte am Horizont und machte, daß die fernen Gegenstände ver- schwömmen, träge und unförmlich dalagen. Eine geheimnisvoll treibende Kraft lag in der Schwüle, eine quälende©ehnhicht nach irgend einem Geschehnis, das die drückende Spannung auflösen mußte. Aber nur die Schwarzhaarige und der Mann empfanden die Stimmung in der Natur, die ihren eigenen Gefühlen so begegnete. Die blonde Frau ergötzte sich ahnungslos an ihrem Zeit- vertreib. Wenn blauflügelige Libellen sie in raschem Fluge fast berührten, dann lächelte sie entzückt, und wenn ein silberschuppiger Fisch einen Freudensprung tat und mit leisem Plätschern ins Wasser zurückfiel, jauchzte sie leise auf. Manchmal summte sie ein paar abgerissene Takte irgend eines alten Volksliedes, das ihr gerade einfiel. Aber da sie wußte, daß sie nicht singen konnte, so erhob sie ihre Stimme nicht, und das Lied tönte nur in ihrer Seele weiter. Sie war so glücklich, die kleine, blonde Fraul Ihr Kinderherz sah nur Gutes, es wußte nichts von kranker Leidenschaft und qual- voller Sehnsucht. Die Liebe zu ihrem Manne war so rein und so klar wie ein Kristall, und ihre eigene unwandelbar« Treue und ihr schlichter Glaube kannten keinen Argwohn. «) KirmeS. Die Schwarzhaarige sah noch immer den Mann an. Sie atmete unhörbar und tief auf und ihre Lippen zitterten leise dabei. Es waren blutrote, volle Lippen, die keine Aehnlichkeit mit dem schmalen, feinen Munde der blonden Frau hatten. Der Mann senkte jetzt seine Augen, er vermochte den Blick des Mädchens nicht mehr zu ertragen. Er fühlte, er würde im nächsten Augenblick zu ihr hinstürzen und sie in seine Arme reißen, unbekümmert um die, welche— Die blonde Frau hatte sich ein wenig zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Es war so wonnig, so dahin zu treiben, mit ganz leisem Schaukeln. Sie konnte sich einbilden, auf einer Wolke zu liegen und in der blauen Luft zu schwimmen. Ach, wie schön war es, zu leben I Die Schwarzhaarige hob wie ermattet ihre Füße etlvas weiter vor, und der Mann sah gerade darauf hin, auf das Füßchcn im zierlichen Lackschuh, lind das quälende Verlangen nach einer körperlichen Berührung mit ihr, die er liebte, ergriff ihn. Halb sinnlos, schmiegte er seinen eigenen Fuß gegen den ihren und heiße Glut stieg ihnen beiden ins Angesicht. Das Mädchen erzitterte ein tvenig, ließ es aber ruhig ge- schchen, daß er immer wieder liebkosend ihren Fuß berührte. Ein Zug von Triumph lag auf ihrem Antlitz und gab ihm einen fast harten Ausdruck. Aber das sah der Mann nicht, der sah nur ihre große Schönheit. Er biß die Zähne zusammen. Nein, dieser Zustand mußte ein Ende nehmen, er muhte und wollte das Mädchen für sich gewinnen. Heute noch wollte er mit seiner Frau reden, sie mußte ihn freigeben— sie würde es auch tun, das wußte er, denn sie war viel z» edel und wehrlos, um um etwas zu kämpfen, das ihr ja doch nicht mehr gehören konnte. Wenn sie doch nur weniger arglos gewesen wäre! Wenn sie ihn doch quälen möchte mit Eifersucht und bösen Reden,— wieviel leichter wäre ihm dann sein Vorhaben geworden. Aber nein. Harmlos und vertrauend saß sie da und ahnte nichts oon dem Sturm, der in ihm tobte. Sie tat ihm leid, denn niemand lvußte besser als er, lvie gut sie Ivar. Aber was sollte ihm das helfen? Diese neue Leidenschaft war über ihn gekommen wie ein Feuer und hatte alles versengt und verbrannt, was vorher in seinem Herzer Platz gehabt hatte. Wer konnte da von einer Schuld sprechen? Es war das Schicksal, das ihn trieb. Anna würde ihn auch verstehen. Sie selber war ja so begeistert von ihrer Freundin, sie hatte ihm so viel vorgeschwärmt von ihren Talenten und ihrem Tempera- ment— wie sollte sie ihn verdammen, wenn er nun hingerissen war von hircn blendenden Eigenschaften und diese wahnsinnige Leidenschaft nicht mehr los werden konnte, die ihn fast zugrunde richtete. Mit einem Ruck richtete er sich empor und preßte die Lippen aufeinander. Anna öffnete die Augen und sah ihn matt lächelnd an. Sic nickte ihm freundlich zu. „Miide, Schatz, wie? Es ist auch so schwül, so— so gespannt... Ich weiß nicht, oder kommt es mir nur so vor?.., Es ist mir so ängstlich... Glaubst Du an ein Gewitter?" Der Mann schüttelte mechanisch den Kopf. Er hatte kaum gehört, was seine Frau redete, er sah nur, wie die Geliebte nervös die Augenbrauen hochzog. sie litt auch! Sie litt lvie er. Denn er fühlte deutlich, wie ihr heißes Blut sich nach ihm sehnte. Ach, die Seligkeit... Weiter und weiter glitt das Boot, schadenfroh kicherten die Wellen- und die Sonne zauberte einen breiten Goldstreifen in das blaue Wasser. Die Mücken tanzten unermüdlich, aber keiner erhob die Hand, um sie abzuwehren. Langbeinige Wasserspinnen huschten Wer die fast glatte Fläche. und die Schlinggewächse griffen mit langen Armen empor, als suchten sie nach einem Opfer. Und in diese geheimnisvolle Stille hinein gellte plötzlich ein kurzer Schrei. Das Mädchen war von ihrem Sitz aufgeschnellt.-, Hatte eine Mücke sie gestochen? Hatte sie sich erschreckt? Niemand wußte es und niemand fragte sie später. Ter Mann hörte einen zweiten Schrei, dann spürte er einen heftigen Schmerz am Kopf und fühlte, lvie das kalte Wasser über ihm zusammenschlug. Er sank«in Stück in die Tiefe, und sein Fuß verwickelte sich in eines der zahlreichen Gewächse. Aber im Nu kehrte ihm die Besinnung zurück. Richtig, das schmale Boot niußte gekentert sein, in dem Augenblick, als die Schtvarzhaarige emporsprang—— dann aber-- Um Gottes willen— was war aus Anna geworden? Sein Weib, sein Weib!... � Mit einer heftigen Ansirengung riß er seinen Fuß aus der Umschlingung, und eine Sekunde später war er an der Oberfläche. Da trieb ein Boot— kieloben... Da schwamm ein Ruder— und ein Weib klammerte sich ver- zweiflungsvoll daran, mit gellender Stimme um Hülfe rufend.,, Sie hatte schwarze Haare. Schwarze Haare! Was kümmerte ihn die!—•— Anna, Anna! Wo war sein Weib?... Da, da tauchte etwas auf, eine Hand streckte sich empor— aber ziemlich weit von ihm. Mit verzweifelten Stößen schoß er dahin, und die wahnsinnige Angst ließ sein Herz wie mit Hammerschlägen pochen. „Anna! Anna!" Was war nur gewesen? Hatte ihm einmal ein Mädchen gegen- über gesessen, die er begehrte? Nie, nie! Hatte ein Feuer in seinem Herzen geglüht? Nie, nie! Das Wasser hatte alles ausgelöscht. „Anna! Anna! Halt aus! Ich komme, ich komme!" Da tauchte ihr Kopf auf... ach, ihr liebes, süßes, blondes Köpfchen... Was ging eS ihn an, daß hinter ihm jemand gellend seinen Namen rief... „Anna? Anna!" Wieder ihr Kopf... Deutlich sah er ihr Gesicht, ach, es war so blaß— die lieben Augen geschlossen... Noch einmal, noch einmal-- nun hatte er sie erreicht,— bewußtlos lag sie in seinem Arm, aber sie lebte, Gott sei Dank, sie lebte— ihre Lippen zitterten— und mit einem unsinnigen Freudenschrei preßte er sie an sich. Er hatte sie wieder, er hatte sie wieder, sein liebes Weib... sein Kind, sein anvertrautes Heiligtum. Ach, und sie hatte er verlassen wollen, um die da, die sich nicht scheute, das Vertrauen der Freundin--- Weg, weg! Weg mit den Gedanken! DaS war alles tot! Aber das, was lebte, das hielt er in seinen Armen, das war sein, und das wollte er behalten, sein Lebenlang. *» » Vom Ufer her waren Leute auf den Unglücksfall aufmerksam geworden. Ein Boot fuhr ihnen entgegen. Und noch eins. Die Hülferufe hinter ihm waren verstummt. Das Mädchen war bereits gerettet. Aber er dachte gar nicht an sie. Sorgsam bettete er sein Weib und unverwandt hing sein Blick an ihrem blassen Gesicht... In der Nacht bewachte er ihren unruhigen Schlaf. Er hörte nicht, wie in aller Frühe ein Wagen vorfuhr, wie ein Koffer hin- »ntcrgetragcn wurde, er sah nicht, lvie ein Paar schwarze Augen haßerfüllt zu den Fenstern emporblickten. Anna wunderte sich, als sie hörte, daß die Freundin abgereist war. „Laß sie," sagte ihr Mann,„laß sie! Ich kann sie nicht mehr sehen. Ihr Anblick ist mir zuwider.— Sie ist schuld daran, daß ich Dich �— beinahe verloren hätte!" Das sagte er mit ganz leiser, eigentümlicher Stimme. Anna blickte ihm ins Gesicht und eine Ahnung dämmerte in ihr auf. Die Ahnung von einer doppelt überstandenen Gefahr. Sie fragte nicht. Ihre feine Seele forschte nicht. Gütig ergriff sie ihres Mannes Hand und drückte sie zärtlich— und er zog ihre Hand an seine Lippen und küßte sie mit inbrünstigem Gelübde.— Kleines feuületon. hl. Tibetanische Reisebilder. Der Zauber des Geheimnisvollen schwindet immer mehr von dem bisher so unzugänglichen Tibet, seit- dcni die englische Mission sich gewaltsam Eintritt in das Land ver- schafft hat. Die Berichte von Reisenden, die es durchquert haben, mehren sich. So finden sich interessante Bilder von Land und Leuten in einem soeben vom englischen Auswärtigen Amt veröffentlichten Bericht aus der Feder des Generalkonsuls Alexander Hoste in Tsching-tu, der eine dreimonatliche Reise an der Ostgrenze von Tibet zurückgelegt hat. Er benutzte die große Straße, die Tsching-tu mit Lhassa verbindet. Dieser Weg dient auch den zahlreichen Pilgern, die zum Dalai Lama in der heiligen Stadt wandern. Manche dieser Pilger brauchen Jahre, um ihr Ziel zu erreichen, da sie gelobt haben, bei jedem Schritt eine große Kniebeuge zu machen oder sich der Länge nach auf den Boden zu werfen. Die Landstraße zieht sich über zahlreiche Bergketten hin, über deren hohe Pässe die abergläubischen Wanderer nur mit Furcht und Grauen zu gehen wagen; bei jeder Kreuzung verrichten sie ein Gebet und legen einen Stein auf die den Göttern geweihten Steinhügel, die sich als die Opfergabcn der vielen, die schon vor ihnen des Weges gezogen kamen, hier erheben. Dabei entwickelt sich auf dieser Straße ein starker Verkehr. Karren fahren mit Reisenden, die trotz des Rüttelns behaglich schlafen, auf anderen Fahrzeugen werden große Säcke mit Reis oder schwarze Sckiiveine befördert, und das Grunzen der zu zweien zusammen- gebundenen Schweine vereint sich mit dem Quietschen der Räder zu einer lieblichen Harmonie, auf Pferden und Ochsen werden Reis- sacke befördert, und dazwischen ziehen die Lastträger ihres Weges, die Salz, Bauholz oder Geflügel schleppen. Eines morgens traf Hoste einen Mann in mittleren Jahren, der ein ärmlich aussehendes Kind mit sich führte. Er stammte von Chilhi und besuchte die heiligen Berge Chinas. Hoste bedauerte das Kindz aber der Mann ver- sicherte, daß dieses sich bei dem Vagabundenleben sehr wohl fühle» Recht üble Erfahrungen machte der Engländer in den Wirtshäusern» in denen er einkehrte. Einmal erhielt er ein Schlafzimmer zuge- wiesen, in dem sich die Teile von zwei schönen Särgen befanden, die für den Wirt und seine Frau bestimmt waren. Vielfach kehrte er jedoch bei Privatleuten ein. so daß er Einblick in das Familienleben gewann. Die meisten reichen tibetanischen Familien halten sich auf ihrem Besitztum einen Lama oder Priester, der sie in ihren religiösen Pflichten vertritt. Er wohnt gewöhnlich in einem kleinen Z'nimer auf dem flachen Hausdach, wo er abgeschieden von aller Welt aus seinen heiligen Büchern singt und eine Trommel schlägt. Die Diener des Hauses sorgen für ihn und helfen ihm auch in der Erfüllung der religiösen Pflichten, beim Verbrennen von Weihrauch, das am frühen Morgen auf dem Giebel des Hauses vorgenommen werden muß, und beim Wechseln des heiligen Wassers oder der Butter, die in Metall- schalen vor den Götzenbildern in dem ihnen geweihten Raum ent- halten ist. Oft erhielt Hoste Geschenke; nur mußte er regelmäßig dafür bezahlen.� So brachte ihm im Hanse eines tibetanischen Häupt- lings die Hausfrau Tee, Milch und Eier als Geschenk; er nahm die Eier an und bezahlte mehr als das Doppelte ihres Wertes dafür; aber die Frau war augenscheinlich noch nicht zufrieden, und er mußte noch einmal so viel Geld hinzufügen. Nach solchen Erfahrungen be- schloß er, Geschenke überhaupt nicht mehr anzunehmen. Die oute Hausfrau hatte sich bei dieser Gelegenheit wunderbar aufgeputzt. Auf dem Scheitel trug sie eine Silbcrplatte, die so groß wie ein Brotteller war, und eine zweite am Hinterkopf. Dazu hatte sie lange silberne Ohrringe mit Korallen. Als Hoste einmal eine Photo- graphie' von einem Mädchen in dein Schmuck ihrer großen silbernen Ohrringe und der Broschen aufnehmen wollte, konnte er es durch keine Summe dahinbringen, in den Apparat zu sehen. Die Schöne zog sich in den tiefsten Winkel ihres Hauses zurück und erschien nicht wieder auf der Bildfläihe. Viele tibetanische Frauen trugen lange seidene oder Atlasgcwändcr mit gclbseidenen Schärpen und lange Stiefel mit roten Spitzen. Manche trugen auch Schmucksachen auS Gold und sahen in ihrer reichen Geivandung ganz anmutig aus, wie Hoste überhaupt den bisherigen Schilderungen, nach denen die Tibetanerin als ein Ausbund von Häßlichkeit erschien, durchaus ent» gegentritt; wenn die tibetanischen Frauei. nur rein und gut gekleidet sind, meint er, so könnten sie den Vergleich mit ihren europäischen Schwestern Wohl aushalten. Geradestehende, dunkelbraune Augen, fein geschnittene Gesichtszüge, eine gute Haltung und ein lebhaftes Benehmen unterscheiden sie vorteilhaft von den schüchternen Chi- ncsinnen. Auch die Männer werden als groß, schlank und sehnig geschildert. Das größte Lob wird aber doch den Frauen gespendet. „In einem Lande, in dem jede Familie einen oder zwei Söhne der Priesterschaft weiht, ist die Frau ein sehr wertvolles Mitglied des Hanhaltcs. Sie melkt das Vieh, bevor es frühmorgens auf die Weide geschickt wird, und abends, wenn es zurückkehrt; sie nimmt das 2M> Fuß lange Masse rfah auf den Rücken und läuft zum nächsten Fluß, um das Wasser für den Tagesbedarf zu holen, sie bereitet daS Essen, sie webt das Tuch, sie sorgt für alles andere im Haushalt und sie verrichtet auch die nötige Landarbeit. Sind keine Männer in der Familie oder sind diese anders beschäftigt, so begleitet sie auch als Treiberin die Viehtransporte und sorgt unterwegs für ihre richtige Behandlung. Die Macht des Priestertums wird natürlich überall im Lande bemerkbar. Die Lamaklöster sind eigentlich riesige Handels- geschäfte; sie haben ein tatsächliches Monopol dafür, das ihren Reich- tum zum großen Teil erklärt. Daneben haben sie noch andere Ein» nahmequellen. Der persönliche Besitz jedes Laien fällt nach seinem Tode an das Lamakloster. Ist ein Tibetaner in Geldnöten, so leiht er zu ungeheuren Zinsen bei dem Lamakloster. Kann er Kapital und Zinsen nicht zurückerstatten, so fällt er mit seinem Lande in die Hände des Gläubigers, und es werden auf diese Weise ganze Familien„Leute des Lamaklosters", mit anderen Worten Sklaven.— — r— Hagebuchen, hanebüchen. Im Verlaufe der letzten Wahl- kämpfe in Bayern hat ein Abgeordneter der Zentrumspartei die Aenßerung getan, daß jeder Lunip ein Liberaler sei. Dieser merk- würdige Ausspruch gab dem„Berliner Tageblatt", das bekanntlich bis auf die Knochen liberal ist. Veranlassung, einen großen Leit- artikel zur Abwehr loszulassen. Ob die Lumpen daraufhin dem edlen Liberalismus entsagt haben, iveiß ich nicht, jedenfalls aber ist ihnen kein heilloser Schreck in die Glieder gefahren, wenn der Ver- fasser immer wieder von der hanebüchenen Wendung spricht. Was denkt sich denn eigentlich der Mann ans dem Volke dabei, wenn er anSrnft:„Da ist ein hanebüchener Bursche"? Es kommt ganz auf die begleitenden Umstände an. Sieht er einen festgefügten Brauer von einiger Körperlänge ei; Bierfaß mit Leichtigkeit hantieren oder sonst eine Kraftleistung ausüben, lvird er nicht leicht eine andere Wendung gebrauchen. Vielleicht fällt sie ihm auch ein. wenn er eine Aenßerung von besonderer Derbheit deutlich bezeick will. Liegt denn nun das Festgefügte, Kernige, Grobe und D � wirklich in dem Ausdruck? Was„büchen" ist, findet man nicht schwer; aber haue, was ist haue? Ein in Süd- und Mitteldeutschland weit verbreiteter Baum ist die Hagebuche oder Hainbuche lCarxmus betulus). DaS Holz dieses Baumes, das Hainbuchenholz, ist unter unseren heimischen Holzarten daS schwerste und härteste und wird wegen seiner Dauer- hafrigkeit sehr geschätzt. Vielfach wird dieser Baum, weil sein Holz weiß ist, auch Weißbuche genannt, obgleich er sich von der eigent- lichen Buche, der Rotbuche, Ivesentlich unterscheidet. In dem ersten Bestandteil des Wortes Hainbuche, Hain, das durch Erweichung des g aus Hagen entstanden ist, haben wir das unbekannte hane ßl suchen. Der Hagen bedeutet eigentlich der Dornbusch, dann Such lebendiger Zaun. An dieses Wort hat sich in der Bildung das bekanntere Hag angelehnt und bedeutet, namentlich in norddeutschen Quellen, die zum Schutze und zur Verteidigung um einen Platz oder ein Heerlager gezogene Einfriedigung. Aus diesem anderen, neuen Hagen ist durch Zusammensetzung mit Buche das Wort Hagenbuche entstanden. Aus diesem Hagen- buche wurde wieder Hainbuche, Hanbuche, Hainbuche. Nach den vor- hin beschriebenen Eigenschaften des Hainbuchenholzes braucht man das Eigenschaftswort Hagebuchen in bildlichem Sinne in der Be- deutung von handfest, derb, knorrig, grob.„Es ist ein hagedüchener Kerl!'Du bist ein hagebüchenes Gewächs!" Auerbach, Bar- fützele Lb.— p. Das Theater dcS Todes. Man schreibt uns auS Paris: Eine historische Sehenswürdigkeit des alten Paris wird demnächst ver- schwinden. Die M o r g n e, das Haus am Pont-Neuf, in dem die Leichen der in der Seine ertrunkenen und der nicht agnoszierten Opfer von Verbrechen ausgestellt werden, wird seine Aufgaben einem größeren und gemäß den Vorschriften der modernen Wissenschaft eingerichteten Gebäude in einem anderen Stadtteil abtreten. Die Morgue war das berühmte Sammelbecken der Pariser Leichen- romantik. Hier lasten die alten und neuen Schilderer des dunklen Paris mit Vorliebe die grauenhaften Kapitel ihrer Kriminalromane spielen, und in den schrecklichen Dramen, die das Leben selbst dichtet, hat sich so manche herzzerreißende oder gräßliche Szene hier ab- gespielt. Die Morgue ist eine der wenigen Merkwürdigkeiten der Stadt, die auch auf den eingeborenen Pariser eine Anziehung ausüben. Nicht nur die präskribierte Welt des Zuhältertums gibt sich hier gern ein Stelldichein, sondern auch mancher Spieß- vürger weiß nichts BestereS an Sonn- und Feiertagen, als mit Kind wid Kegel nach der Morgue zu pilgern und seinen Lieben ein Schau- spiel zu bieten, zu den, kein Eulree zu bezahlen ist, wie zu den Schauerstücken des Ambigu-Theaters, und das dabei den Vorzug eines durchaus echten Apparates hat. Die Freu, den aber, die gc- wissenhaft ihrem Bädeker folgen und mit systematischem Sinn den Pariser Kuriositätenplan abgrasen, verbinden häufig die Besichtigung der ernsten Gothik von Notre Dame mit den aiigenehni gruseligen Impressionen des benachbarten Leichenhauses. Praktische Engländer und Amerikaner gehen von hier mit Vorliebe anS Seine-Ufer zu den Antiquaren, die dort ihr Lager aufgestapelt haben, um zum An- denken kleine kirchliche Gegenstände und— dekolletierte Photographien einzukaufen.— Aus»ein Tierlebe». t DaS Angstschreien von Fröschen. DaS manche Vertreter der Frösche und Krötenfamilien über ein recht kräftiges Lärnrorgan verfügen, davon kann sich jeder alltäglich oder besser allabendlich an dem nächsten Teich überzeugen. Was aber Hermann LönS in der Monatsschrift„Der zoologische Garten" Über gelegent- liches Schreien von Kröten und Fröschen zu berichten Iveiß, sind jedenfalls seltene und darum umso merkwürdigere Erscheuuingen. Schon als Junge hatte Löns einmal an einem Sonrnicrabend im Garten einen eigentümlichen, durchdringenden Schrei vernommen, den er nicht zu deuten wußte. Er fand an der Stelle, woher das Geräusch gekommen zu sein schien, in einem Salatbeet, einen grünen GraSfrosch, der platt auf dem Boden lag und die Beine in ganz sonderbarer Stellung in die Höhe hielt. Trotzdem glaubte LönS noch nicht daran, daß der Frosch einen solchen Schrei sollte ansgestoßen haben. Der Laut wiederholte sich noch einige Male später, aber immer in der Dunkel- heit, wenn seine Entstehung nicht festzustellen war. Später aber ivurde Löns an diese jugendliche Beobachtung lebhaft erinnert. Er hatte ein besonders ansehnliches Exemplar der gelben Knoblauchkröte gefangen und sie in eine Pappschachtel gesetzt, um sie später eiueni Museum zu übergeben. Aus Versehen stieß er nun nachrs die Schachtel um und war nicht wenig überrascht, als die Kröte dabei denselben schrillen Ton ausstieß, der ihm früher ein Rätsel gewesen war. Das Geräusch toar so heftig gelvesen, daß mehrere im Nebenzimmer schlafende Leute davon geweckt wurden. In zoologischen Werken findet sich bisher kaum eine Andeutung über den Angstschrei der Frösche. Löns führt aber noch zwei weitere Fälle an, bei denen die fraglichen Frösche einmal von einer Spitz- maus, das andere Mal von einer jungen Katze überfallen worden waren und ihrer Todesangst auf gleiche Weise Luft gemacht hatten.— Ans dem Pflanzenlcbcn. --Willkürliche Bestimmung der Blumen färbe durch äußere Mittel. Der Fall ist sehr selten— schreibt man der„Tägl. Rundschau"—, daß man durch chemische oder physikalische Einflüsse eine Pflanze veranlassen kann, Blüten von einer be- stimmten Farbe hervorzubringen. Viel besprochen ist m dieser Hinsicht die Erzeugung blauer Hortensien an Stelle der gelvöhnlichen rosaroten. Prof. Molisch in Prag hat vor acht Jahren genauere Versuche darüber veröffentlicht, die es sicher stellten, daß man durch Zusatz von Eisenvitriol oder von Alaun zum Boden sowie durch Verwendung bestimmterBodenarten fMoorerde und Heiderde) Blau« färbung oer Blüten bewirken kann. Neuerdings macht derselbe Forscher in der„Bot. Ztg." Mitteilung von einem sehr bemerkenswerten Fall, in dem durch Aenderung der Wärme ein Farbenwandel hervorgemfen wird. In den Gärtnereien zieht man jetzt vielfach eine Vergißmeinnichtart, die im Winter im Gewächshause blüht. Sie führt den Namen blyosotis dissitiflora(Perfektion). Molisch beobachtete nun, daß Pflanzen dieser Art bei S— 7 Grad Celsius im Kalthause rote, bei 10— 15 Grad Celsius im Warm- hause blau violette oder gar blatzblaue Blüten hervor- brachten. Als die Pflanzen des Warmhauses zu blühen aufhörten und ins Kaltbaus gestellt ivurden, fingen sie wieder an zu blühen, aber mit roter Farbe. Dies dauerte so lange, bis mit dem ein- tretenden Frühling die Wärme zu steigen begann; da entwickelten sich bloß noch blaue Blüten, nur die Knospen blieben rot. Nach der allgemein herrschenden Annahme wird die blaue Farbe der Blüten durch denselben Farbstoff hervorgebracht wie die rote, und es hängt nur von der chemischen Beschaffenheit des Zellsaftes ab, ob Blau oder Rot erscheint. Man braucht, um dies zu ver- stehen, nur an die bekannte Tatsache zu denken, daß blaues Lack- muspapier durch Säure rot, rotes durch Laugen(Alkalien) blau ge- färbt wird. Wahrscheinlich enthalten die Vergißmeinnichtblüten bei milderer Wärme einen sauren, bei etwas höherer Wärme einen neutralen oder sehr schwach alkalischen Zellsast. Näheres ist aber noch nicht darüber bekannt. Auch Prof. Hildcbrand in Freiburg hat kürzlich an den Blüten zweier Arten der Trichterwinde(Ipomoea) Farbeuäirderungeu durch Wärmewechsel beobachtet. Die Blüten der einen Art zeigten im Freiburger Botanischen Garten während des Sommers beim Auf- blühen gewöhnlich ein leuchtendes Veilchenblau, im September aber, als die Wärme bis zu 2 Grad Celsius sank, eine rotviolctte, manch- mal auch eine rein rosige Färbung. Die andere Ipomosu-Art blüht bei höherer Wärme himmelblau, bei niederer aber violcttrot.— Humoristisches. — Die erste Frage in Amerika.„Oh, Sie sein ans German y?! Wo sein Ihre Orden?"— — Sommerfrische.„Wirtin, da sind ja Würmer im Salat „Jessas, schrei'n S' nur net so, heint is do koa F a st t a g l"— („Jugend".) — AuS d e in R e f e r e n d a r- E x a in e n. Folgende Schnlirre wird der„Frankf. Ztg." aus einer ostdeutschen Stadt mitgeteilt: Examinator:„Wer war der Begründer der Volks- wirtschaftSlehre. Herr Kandidat?" Kandidat— schweigt. Examinator(will dem Kandidaten wohlwollend auf den Namen Adam Smith verhelfen):„Na, sagen Sie mal, wie hieß denn der erste Mensch?" Kandidat:„Adam!" Examinator:„Sehr gutl Na, und der Begründer der Volkswirtschaftslehre hieß mit dem Vornamen auch A d a m. Wissen Sie n u n vielleicht, wer das war?" Kandidat:„Adam Riese!"— Notizen. — Die Zeitungsabteilung der Bibliothek des B r i t i- s ch e n M u s e u m S in L o nd o n Ivird jetzt in einem besonderen Hause untergebracht. Die Aufstellung der 43 000 Zeituugsfoliantcn wird drei Monate in Anspruch nehmen.— — Im Deutschen Künstlerbunde kriselt eS. Der Präsident hat eine Erklärung an die Mitglieder versandt, in der er die Mißstimmung, die in vielen Künstlerlreiscn, besonders in Süd- deutschland, über die Tätigkeit der diesjährigen Berliner Jury herrscht, zu bannen sucht.— — In Mann hei m loird zum Stadtjubiläuni 1307 eine Kunst halle mit einem Kostenaufwande von 000000 M. fertig- gestellt. Die Pläne stammen von Professor Billin g in Karls- ruhe.— — Dr. Otto Zacharias, der Leiter der biologischen Anstalt am Plöner See, wird demnächst die Brack ivassertümpel im W e st e n S ch l e s w i g-H o l st e i n s. wie sie in den Marschgcgenden bei Husum und Meldorf bestehen, auf ihre bisher unbekannte Tier- und Pflanzenwelt untersuchen. Es ist von lvistenschaftlicher Bedeutung. festzustellen, welche Tiere und Pflanzen in den schwach salzhaltigen Gewässern leben und sich den veränderten äußeren Um- ständen,' der Vereinigung von Salz« und Süßioasser, anzupassen vermögen.— c." Ein seltsame? K l e i d u n g S st ü ck. Seit einiger Zeit machte man auf dem Zentral-Postbureau in Brüssel die Beobachtung. daß die Ledersäcke, in denen die Post zum Kongostaat befördert wurde, auf geheimnisvolle Weise verschwanden. Jetzt hat man die Lösung des Rätsels gefunden. Angestellte Reger der Postverwaltung im Kongostaate haben diese Säcke gestohlen, um sie ihren Frauen oder ihren Liebsten zum Geschenk zu machen. Diese hatten eine ganz seltsame Verwendung dafür: sie schnitten den Boden heraus und stülpten den Sack dann über den Kopf, worauf sie ihn an den Hüften mit den Verschlußschnüren festbanden. So kann man im Kongostaat Negerinnen sehen, die in diesen merkwürdigen Roben, die die Aufschrift„BruxelleS-Centre" tragen, stolz umherspazieren.— Vermitwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LiCo..Berlin SVJ.