Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 159. Donnerstag, den 17. August. 1905 (Nachduiil vcvboteii.) Daniel Junt. Slomoii von Hermann Stegemann. „Wieso?" fragte der Bkatthis und schluckte, als war' ihm ein Bissen in den Sonntagshals gekommen. „Ich mein', dann regiert er Euch allesamt." „Der! So ein Schwöb, so ein Hungerpreuß! Franzosen sind wir. echte Franzosen. Kreuzdonnerwetter, und wenn die Trompete erst einmal zur Revanche bläst, hernach legen wir den Monsieur in seinem grünen Nock zu allererst aus den Rücken." Der Matthis reckte sich und wiederholte noch einmal: „Echte Franzosen. Herrgottsakra!" Und er gluckste vor Stolz. „Man sieht, daß Du nicht dabei gewesen bist, bei Frosch- willer und bei Sedan, wo sie den Kaiser in den Sack gesteckt haben, die Preußen," erwiderte Daniel. „Was? Wie? An was sieht man das? Dani, willst Du mich sovpen?" „Keiiw Spur, Difsele, ich mein nur. wem: Du dabei gewesen wärst, so hätten sie's gewiß gewonnen, die Franzosen." Daniel hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und sah dem anderen ernst ins Gesicht. Nur sein Schnauzbart zuckte auf der Oberlippe, und in den Angeir saß ein Sport- teufel. Dem Matthis lief der Blähhals dick auf. „Himmelhcrrgottsakrament, Dani. so kannst Du init den Frauenzimmern reden, aber sell sag' ich Dir, noch enunal und"— „Na. was denn?" warf Daniel ein, als er abbrach und Atenr holte. Einen Augenblick tat der Pfeiffermatthis, als wollte er die Fäuste lüften, dann besann er sich und brauchte wieder das Maul. „Tu bist mir überhaupt viel z'gering. Ter Luise Prahl! hast Tri einen mordsdicken Stein aufs Grab gesetzt, ja, aber wegen dem brauchst Du anderen noch lange keine in den Garten zu werfen." Aus Daniels Stirn wuchs eine blaue Ader, aber er schob die Fäuste niit einem Ruck tiefer in die Taschen und ant- wartete: „Mist aus, Dissele, und verbrenn Dir's Maul nicht. Es braucht keinen Gendarm, uin Dir's zu stopfen." Er wandte ihm den Rücken und ging weiter. Tie Matten, die sich rings in großen, welligen Flächen dehnten, hatten schon einen grünen Schimmer, und die zco streuten Anwesen lagen mit ihren bemoosten, niedrigen Dächern, den weißen Mauern und dicht geschlossenen kleinen Fensteni wohlig in der warmen Sonne. Nur im Gemeinde Haus hatte ein fremder Geist die Frühlingsluft in die Stuben gelassen. Eine Halbchaise stand vor der Tür, und gerade, als der Daniel sich die Erdklumpen von den Schuhen trat, kam ein Herr die Stufen herab und stieg in den Wagen. Jetzt er blickte er den Bergwirt. „Ah. Monsieur Daniel, wie mich das freut!" Er streckte ihm die Hand entgegen, während der Kutscher den Radschuh unterlegte. „Guten Tag, Monsieur Grosjean! Ihr seid früh in den Bergen." „Muß ich! Jetzt heißt's beizeiten aufstehen, wenn der goldene Vogel da noch mitkonkurrieren soll." Er wies auf das Schildchen mit dem Adler, das über der Tür des Bürgermeisters angebracht war. „Ja, ja, Monsieur Grosjean, die deutschen Agenten sind wie die Bienen hinter den Policen her. Und zäh wie Ochsen leder." „Ach, die guten Zeiten sind vorbei!" seufzte Grosjcan und fuhr mit zitternden Händen über den grauen Kinnbart. „Früher, da hat man das Geschäft wie ein Kavalier nebenbei gemacht, so bei einem Glas Wein als Freund. Wie zum Beispiel mit Eurem Vater, Daniel. Wißt Jhr's noch, wie wir eingeregnet waren auf Euerem Hof. Ich und der Cousin Luthringer und mein Berthele? Es sind vimmdzwanzig Jahre her." „Fünfundzwanzig," berichtigte Daniel ruhig,„es war au meiner ersten Kdmmunion." „Richtig, dem weißen Sonntag und ein Jahr vor den Nevolution. Da ist der Goldadler bei einer Partie Pikett ausgespielt worden. Dein Vater hat verloren, und wie wir'A abgemacht hatten: am selbigen Tag Hab ich's der Assekuranz in Paris angemeldet das Hotel auf dem Florimont." „Ein nett's Hotel," erwiderte Daniel und zuckte die Achseln.„Und hernach der Prozeß mit der Gemeinde, weil wir nur die Pacht haben und sie Angst gehabt haben, sie müßten die Prämien zahlen. Bis der Vater selig schriftlich gegeben hat, daß er die Kosten trägt." Grosjeail klopfte ihm lächelnd auf die Schulter. „Ihr habt Ambitionen, Daniel, ich weiß es. Wer weiß, was aus der alten Taverne mif dem- Berg noch wird! Sie ist ja gelegen wie ein Paradiesgarten. und wo's Berthele das Schleimfieber gehabt hat, was hat ihm wieder auf die Füße geholfen? Sechs Wochen beim Vater Junt." Der Kutscher hatte die Bremse gelockert und sah sich fragend um. Als das Wägelchen schon in Bewegung war, fragte Daniel noch: „Und Fräulein Berthe? Sie ist gesund?" „Danke, danke!" rief Grosjean zurück—„gesund und Hochzeiten n. In vierzehn Tagen ist die Hochzeit. Und mein Sobn, wisset Jbr, was der macht? Er ist ins Frankreich hinüber. Er hak optiert. Und sich engagiert als Frei» williger." „Halt, Fritz, halt sag ich." Der Wagen hielt. Grosjcan schob schon das Bein unter dem Spritzlcder hervor, als Daniel hinzutrat und ihn zurückhielt. Da klopfte er ihm nochmals auf die Schulter: „Und sell Hab ich ganz vergessen: Ihr seid ja im Leid. Eure liebe, gute Frau! Immer freundlich. Und dieses matte Lächeln und diese blondcir Haare! Gebt mir die Hand, Daniel." Er schüttelte ihm die Hand, und seine freundlichen Augen blinzelten gerührt. Daniel sagte kein Wort. „Aber ein Sohn ist da. Das ist ein Ersatz. Haltet ihn brav, Daniel. Wie heißt er?" „L6on!" „Leon? Ah, ich verstehe!" Noch einmal drückte er fest die Hand, die ihm Daniel gelassen hatte.„Ihr habt an L6on Gambetta gedacht. Brav! Nun, so lang wird's nicht dauern, bis Euer Sohn die Flinte auf den Buckel nehmen kann. Bis dahin ist das Elsaß wieder was es war. Nur die Republik, die gibt's noch drein. Und dann schlägt man keinen anderen Adler mehr an, als den Goldadler der Feuerversicherung. Auf Wiedersehen, Daniel!" Das Pferd zog an, Daniel trat zurück, und das Wägelchen glitt mehr als es fuhr den steilen, von den Radschuhen misgefchliffenen Weg hinunter und war ihm bald aus den Augen. Aber er stand noch eine geraume Zeit und blickte Nl'it scharfen Augen hinter ihm drein. Also das Berthele heiratete! Er sah ihr weißes, schmal- wangiges Gesicht noch vor sich, der Mund war wie ein rotes Mal, das Geäder schimmerte bläulich an den feinen Schläfen, und in den großen, goldfarbigen Augen saß immer ein Fünkchen, das fuhr darin auf und ab wie ein Fischlein im klaren Wasser. Ein Püppchcn, zum Zerbrechen. Er entsann sich ihrer gut. Drei-, nein viermal war sie auf dem Berg gc- wesen, um ihre Gesundheit zu stärken. Auf die Steine hatte er sie führen müssen, er. Dem Sepple traute sie nicht, und die Melker waren nicht dazu da.?llso sie heiratete.... Als sie zum letztenmal oben war, da war sie siebzehn Jahre alt ge- Wesen und jetzt— er rechnete— ja, ja. Und er war den Vierzig nahe. Sie war zu jung, er wußte es, aber--_— Er atmete tief und wandte sich zum Gehen. Den Pachtzins zahlen. Heiraten— pah, warum. Das Nettcle war dem . L,Man wird doch noch fragen dürfen." (Fortsetzung folgt.) Nachdruck verboten.) RolWdnkis Geige. Von Anton Tschechow. Deutsch von Adolf Heß. Das Städtchen war klein, elender als ein Dorf, und in ihm wohnten fast nur alte Leute, die ganz vereinzelt starben. Im Krankenhaus aber und in der Strafanstalt wurden wenige Särge gebraucht. So ging das Geschäft recht schlecht. In einer Gouverne- mentsstadt hätte Jakob als Sargmacher sicher ein Haus sein eigen genannt; hier lebte er kümmerlich wie ein Mushik in einer alten Hütte mit nur einem Zimmer. In diesem Zimmer hausten: er, Marfa, ein Ofen, eine zweischläferige Bettstelle, die Särge, die Hobelbank und sämtliches Hausgerät. Jakob machte schöne Särge, dauerhafte..., Mushiks und Bürgersleuten, jedem nach seinem Maß, wobei nie ein Versehen vorkam, da größer und stärker als er, trotz seinen siebzig Jahren, niemand war, auch im Gefängnis nicht; bei Vornehmen aber und Weibern aber nahm er mit einer eisernen Elle Maß. Aufträge auf Kindersärge nahm er höchst ungern an, führte sie nach Gutdünken aus und bemerkte jedesmal, wenn er Bezahlung erhielt:„Muß sagen: viel Vergnügen hat man nicht davon." Außer dem Handwerk brachte ihm noch etwas anderes kleinen Verdienst ein: sein Geigenspiel. Auf Hochzeiten im Städtchen nnlsizicrte meist eine Judenkapelle, unter dem Klempner Moses Schafkäs, der über die Hälfte der Einnahme stets für sich behielt. Und da Jakob sehr schön Geige spielte, namentlich russische Lieder, so lud Schafkäs ihn manchmal für fünfzig Kopeken den Tag, ohne die Geschenke von den Gästen, in sein Orchester ein. Wenn Jakob dann im Orchester saß, begann zunächst sein Gesicht zu schwitzen und sich zu röten; denn es war heiß und roch zum Ersticken nach Knoblauch; die Geige winselte; am rechten Ohr röchelte der Kontra- baß, am linken weinte die Flöte, die ein dünner, fuchsroter Jude mit einem ganzen Netz roter und blauer Aederchcn im Gesicht spielte. Er führte den Namen des bekannten reichen Mannes Rothschild. Und dieser Rothschild hatte die verfluchte Angewohnheit, die allerlustigsten Stücke traurig zu spielen. Ohne jeden ersichtlichen Grund wurde Jakob allmählich von Haß und Verachtung gegen die Juden erfüllt, namentlich gegen Rothschild; er suchte Händel mit ihm, beschimpfte ihn nnd wollte ihn einmal sogar prügeln. Rothschild tat beleidigt, sah Jakob grimmig an und sagte:„Wann ich Se nich verehrte ums Talent, wärn Se längst hinausgeflogen." Tann weinte er. Dieses Streites wegen wurde Jakob nur selten, im Falle äußerster Not, wenn einer der Juden fehlte, ins Orchester gebeten. Jakob war niemals gut gestimmt, da er beständig große Ver- luste erlitt. Sonntags zum Beispiel und an Feiertagen war Ar- beiten Sünde; der Montag war ein Unglückstag,— und so kamen gegen zweihundert Tage im Jahr zusammen, an denen man die Hände in den Schoß legen mußte. Das war ein Verlust I Wenn in dem Städtchen eine Hochzeit ohne Musik gefeiert wurde oder wenn Schafkäs den Jakob nicht einlud, so war das wieder ein Ver- lust. Der Polizei-Jnspektor lag zwei Jahre krank— er litt an der Auszehrung— und Jakob wartete voll Ungeduld, bis er sterben würde; aber der Inspektor fuhr zur ärztlichen Behandlung in die Gouvernementsstadt und da überfiel ihn der Tod. Das bedeutete einen Verlust von mindestens zehn Rubel, denn der Inspektor hätte einen teuren Sarg bekommen. Die Verlustgedanken beschäftigten Jakob meist nachts; neben ihm auf dem Bett lag die Geige, und wenn die dummen Gedanken durch den Kopf zogen, berührte er die Saiten; die Geige gab in der Dunkelheit einen Ton von sich; dann wurde ihm leichter. Am 6. Mai des borigen Jahres, wurde Marfa Plötzlich krank, Die Alte atmete schwer, trank viel Wasser und taumelte; aber trotz- dem heizte sie morgens den Ofen und ging nach Wasser. Abends legte sie sich. Jakob spielte den ganzen Tag Geige. Als es dunkel ward, nahm er das Buch, in das jeden Tag die Verluste eingetragen wurden und begann, aus Langeweile, den Jahresüberschlag zu machen. Kamen über tausend Rubel heraus. Das erschütterte Jakob so sehr, daß er das Buch zu Boden warf und mit Füßen trat. Und wieder rechnete er lange und atmete schwer. Er überlegte, daß diese tausend Rubel, auf die Bank getragen, jährlich an Zinsen brächten... na, mindestens vierzig Rubel; natürlich wieder Ver- lustl Kurz, man mochte sehen, wohin man wollte: überall Verlust und nichts als Verlust I „Jakobl" rief Marfa plötzlich,„ich sterbe!" Er sah sein Weib an. Ihr Gesicht war rötlich von der Hitze und ungewöhnlich hell und fröhlich. Jakob kannte es nicht anders als blaß, furchtsam und unglücklich; er wurde bestürzt. Es sah wirklich aus, als stürbe Marfa und wäre froh, aus dieser Hütte, von den Särgen und von Jakob fortzukommen. Sie schaute an die Decke und bewegte die Lippen, und ihr Gesichtsausdruck war verklärt, als sähe sie den Tod, ihren Befreier, und flüsterte mit ihm. Es dämmerte bereits, durch das Fenster konnte man die Morgen- röte brennen sehen. Jakob betrachtete die Alte; und dabei fiel ihm plötzlich ein, daß er sie ihr ganzes Leben lang nicht einmal freundlich behandelt oder bedauert habe, daß er nicht einmal aus den Gedanken gekommen war, ihr ein Tüchlein zu kaufen oder von den Hochzeiten etwas Süßes mitzubringen, sondern sie nur ange- sckrien, wegen der Verluste ausgescholten hatte und mit geballten Fäusten auf sie losgegangen war. Allerdings hatte er sie nicht ge- schlagen, aber sie ward doch eingeschüchtert und blieb jedesmal starr vor Schreck. Ja, er ließ sie nicht einmal Tee trinken, weil die Ausgaben auch so schon groß genug ivarcn; und sie trank heißes Wasser. Und er verstand, warum ihr Gesicht jetzt so sonderbar und fröhlich war, und ihm wurde recht schwer ums Herz. Als der Morgen kam, lieh er vom Nachbar ein Pferd und fuhr Marfa ins Krankenhaus. Hier war eine ganze Anzahl Kranker versammelt; er mußte also warten, drei Stunden lang. Zu seiner Freude empfing die Kranken nicht der Doktor, der selbst krank war, sondern der Feldscher Maxim Nikolaitsch, von dem es in der Stadt allgemein hieß, daß er, obgleich ein Trinker und Grobian, doch mehr verstände als der Doktor selbst. „Ergebcnst guten Tag," sagte Jakob, als er die Alte inS Empfangszimmer geführt hatte.„Entschuldigt, daß wir Euch immer mit unseren Kleinigkeiten belästigen. Belieben zu sehen, mein Gegenstand ist erkrankt, die Lebensgefährtin, wie man sich aus- drückt, entschuldigt das Wort..." Die grauen Brauen runzelnd und den Backenbart streichelnd, begann der Feldscher die Alte zu untersuchen. Sie saß still auf einem Schemel; gekrümmt und hager, spitznäsig, mit offenem Munde, ähnelte sie einem Vogel, der trinken will.„Hm... ja... So..." meinte langsam der Feldscher und räusperte sich. „Influenza, Fieber, vielleicht... in der Stadt geht Typhus um. Nun, die Alte hat ja, Gott sei Dank, schon ein Weilchen gelebt.., Wie alt ist sie?" „In einem Jahr wird sie siebzig, Maxim Nikolaitsch." „Eine schöne Spanne Zeit." „Gewiß, sehr richtig bemerkt, Maxim Nikolaitsch," sagte Jakob mit höflichem Lächeln,„wir danken untertänigst für Eure Freund- lichkcit, aber erlaubt die Bemerkung, daß jeder doch gern leben möchte..." „Ei, warum nicht garl" sagte der Feldscher in einem Tone, als wenn es von ihm abhinge, ob die Alte am Leben bliebe oder stürbe.„Nun, mein Lieber, Du wirst ihr auf den Kopf einen kalten Umschlag tun und wirst ihr dieses Pulver geben, zweimal am Tage. Und jetzt auf Wiedersehen." Am Ausdruck seines Gesichtes sah Jakob, daß die Sache schlecht stand, und daß hier Pulver schon nicht mehr helfen konnte; ihm war jetzt klar, daß Marfa sehr halb sterben würde, nicht heute, aber morgen... Er stieß den Feldscher mit dem Ellenbogen an, zwinkerte mit fcnil Auge und sagte halblaut:„Schröpfköpfe setzen, Maxim Nikolaitsch?" „I bewahre! Nimm Deine Alte und geh mit Gott." „Habt Erbarmen!" flehte Jakob,„Ihr selbst geruht zu wissen; wenn bei ihr, sagen wir der Bauch krank ist oder etwas Inneres, dann helfen Pulver und Tropfen, aber dieses ist doch Erkältung und bei Erkältung ist doch das erste, Blut ablassen, Maxim Nikö- laitsch." Aber der Feldscher rief schon den folgenden Kranken, und in das Empfangszinriner trat eine Frau mit einem Knaben. „Scher Dich weg," sagte er finster zu Jakob,„was weißt Du von Erkältung!" „So setzt ihr wenigstens Blutegel! Wir wollen ewig für Euch beten I" Da ward der Feldscher zornig und schrie; „Jetzt red' noch ein Wort, dann...1" Auch Jakob wurde böse und ganz rot im Gesicht, aber er sagte keine Silbe, sondern nahm Marfa bei der Hand und führte sie aus dem Empfangszimmer. Erst als beide in der Telega saßen, brummt« er mit einem finsteren Blick auf das Krankenhaus:„... Nette Künstler eingesetzt! Einem Reichen hätten sie schon Schröpfköpfe gegeben, aber bei dem Armen ist ihnen auch ein Blutegel zu fchadcl Seid verflucht!" Als sie nach Hause kamen und in die Hütte eingetreten waren, band Marfa wohl zehn Minuten aufrecht gegen den Ofen gelehnt. Sie glaubte, wenn sie sich hinlegte, würde Jakob wieder von Ver- lusten reden und sie schelten, weil sie nicht arbeiten wollte. Aber Ja?ob sah sie bekümmert an und dachte, daß morgen«Johannes der Gottesgekhrte" sei, übermorgen„Nikolas der Wundertäter", dann Sonntag, dann Montag, ein Unglückstag... Vier Tage, an denen man nicht arbeiten dürftet Sicher würde Marfa an einem dieser Tage sterben! man mutzte also den Sarg heute machen. Er holte seine eiserne Elle hervor, trat zur Alten und nahm ihr Matz. Dann legte sie sich nieder, er aber bekreuzigte sich und machte sich daran, den Sarg herzustellen. Als die Arbeit fertig war, setzte Jakob die Brille auf und schrieb in sein Buch: „Marfa Jwanowna, Ein Sarg...... 2 Rbl. 40 Kop." Und er atmete auf. Die Alte lag die ganze Zeit über schweigend mit geschlossenen Augen da. Abends, als es dunkel wurde, rief sie plötzlich den Alten. „Weiht Du noch, Jakob?" fragte sie ihn freudig,„weiht Du? Vor fünfzig Jahren gab uns Gott ein Kindchen mit blondem Haar. ... Da satzen wir zusammen am Flutz und sangen Lieder... unter der Weide." Und traurig lächelnd fuhr sie fort:«Das Kindchen ist gestorben." Jakob strengte sein Gedächtnis an, konnte sich aber durchaus nicht an ein Kind oder eine Weide erinnern. „Du schwatzest Unsinn," sagte er. Dann kam der Pfarrer, gab ihr das Heilige Abendmahl und die letzte Oelung. Nachher begann Marfa etwas Unverständliches zu murmeln,— und gegen Morgen verschied sie. Nachbarinnen wuschen den Leichnam, kleideten ihn an und legten ihn tn den Sarg. Um nicht den Küster extra bezahlen zu müssen, las Jakob selbst einen Psalm; für das Grab nahm man ihm nichts ab, da der Totengräber sein Gevatter war. Vier Mushiks trugen den Sarg auf den Kirch- Hof, aber nicht für Geld, sondern aus Gefälligkeit. Hinter dem Sarge schritten alte Weiber, ein paar Bettler, zwei Blödsinnige; und das begegnende Volk bekreuzigte sich andächtig. Jakob war sehr zufrieden, daß alles so wohlanständig und billig abging und dah kein Verlust damit verbunden war. Als er von Marfa Abschied nahm, strich er mit der Hand über den Sarg und dachte: eine schöne Arbeit! Bei der Heimkehr vom Kirchhos aber"packte ihn der Gram. Ihm war unwohl. Sein Atem ging heiß und schwer, die Beine wurden schwach, es zog ihn zum Trinken.... Und dann flogen wieder alle mög- lichen Gedanken durch seinen Kopf. Abermals fiel ihm ein, daß er sein ganzes Leben lag nicht einmal Marfa bedauert oder freundlich behandelt hätte. Die zweiundfünfzig Jahre, die sie in einer Hütte verlebt hatten, waren lang genug gewesen, aber er hatte während der ganzen Zeit auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht; nicht so viel, als wäre sie ein Hund oder eine Katze! Und dabei hatte sie jeden Tag den Ofen geheizt, hatte gekocht und gebacken, war nach Wasser gegangen, hatte Holz gehauen, hatte mit ihm in einem Bette geschlafen, und wenn er betrunken von einer Hochzeit heimgekehrt war, hatte sie jedesmal behutsam seine Geige an die Wand gehängt und ihn ins Bett gepackt,— und alles das schweigend, mit schüchternem, bekümmertem Gesicht.... Jetzt war er schon nicht mehr abgeneigt, ihr eine Kleinigkeit zu kaufen, aber das war nun unmöglich; dazu war es schon zu spät... Lächelnd und nickend begegnete ihm Rothschild.„Ich suche Sie, Freundchen," sagte er liebenswürdig;„Moses Schafkäs läßt schön grützen und bitten, doch einmal zu ihm zu kommen." Aber Jakob war gar nicht danach zu Mute. Er hätte am liebsten geweint. „Latz mich," sagte er und ging weiter. „Wie haitzt, laß mich?" Rothschild wurde unruhig und hüpfte vor Jakob her.„Moses Schafkäs wird sain beleidigt! Er läßt bitten!" Jakob erschien es widerwärtig, daß der Jude außer Atem war, datz er blinzelte und so viele Sommersprossen hatte. Es war in der Tat ein hätzlicher Anblick, wie die dünne, gebrechliche Gestalt in dem grünen Rock mit dunklen Flicken hin und her sprang. „Was überläufst Du mich, Knoblauch!" schrie Jakob.„Bleib weg!" Der Jude ward böse und fing auch zu schreien an:„Bitte, reden Sc etwas laiser, sonst fliegen Sc durch den Zaun!" „Aus den Augen, Du Hund!" brüllte Jakob und stürzte mit geballter Faust auf Rothschild los;„fort, Grindiger, oder ich schlage Dir die dreckige Seele aus dem Leib!" Rothschild wurde leichenblaß vor Furcht, sank in die Knie und fuchtelte mit den Händen über dem Kopf herum, als schütze er sich vor Schlägen; dann sprang er mit einem Satz in die Höhe und rannte fort. Die Jungen freuten sich über den Anblick und stürzten Rothschild nach mit dem Rufe:„Jicd! Jied!" Die Hunde setzten auch mit Gebell hinterdrein.... Ein Pfiff ertönte; das Gebell wurde lauter, bösartiger.... Tann mußte einer der Hunde den Rothschild gebissen haben, denn man hörte einen gellenden Vcr- zweiflungsschrei. Jakob ging langsam hinterdrein, bog dann am Fluß ab und kam nach Hause. Nachts, im Traume, erschien ihm Marfa, die im Profil einem Vogel glich, der trinken will, und das blasse, jämmerliche Gesicht Rothschilds, und viele Schnauzen bewegten sich von allen Seiten heran und brummten von Verlusten... Er wälzte sich von einer Seite auf die andere und stand wohl fünfmal auf, um zu trinken. Morgens erhob er sich mit Anstrengung und ging nach dem Krankenhause. Maxim Nikolaitsch befahl ihm, kalte Umschläge auf den Kopf zu legen, und gab ihm Pulver; an seinem Gesichtsausdruck und Ton merkte Jakob, datz die Sache schlecht stände und datz Pulve« hier schon nicht mehr nützten. Als er dann nach Hause ging, über« legte er, daß man vom Tode eigentlich nur Vorteil habe: man brauchte weder zu essen noch zu trinken, noch Abgaben zu bezahlen, noch die Leute übers Ohr zu hauen; und da der Mensch nicht ein Jahr, sondern hundert, tausend Jahre im Grabe lag, war der Ge- winn eigentlich ungeheuer. Vom Leben hatte der Mensch Verlust und vom Tode Gewinn.... Diese Erwägung war gewiß richtig« aber dabei kränkend und bitter: warum herrschte in der Welt die sonderbare Einrichtung, daß dieses arme Leben ganz ohne Gewinn verstrich? Es tat Jakob nicht leid, zu sterben; aber als er jetzt zu Hause die Geige sah, krampfte sich sein Herz zusammen. Die Geige konnte man nicht mit ins Grab nehmen, die blieb als Waise zurück und mit ihr würde dasselbe geschehen wie mit dem Hausgerät und mit den Särgen.... Alles in dieser Welt ging so verloren!... Er trat aus der Hütte und setzte sich auf die Schwelle; die Geige hielt er an die Brust gedrückt. Sinnend über das verlorene Leben, begann er zu spielen, ohne selbst zu wissen, was; aber es kam traurig heraus, und Tränen flössen ihm über die Backen. Und je mehr er sann, desto trauriger sang die Geige. Da knackte zweimal die Klinke und im Pförtchen erschien Rothschild. Die Hälfte des Hofes durch- schritt er kühn; aber als er Jakob sah, blieb er plötzlich stehen, schrumpfte ganz zusammen und spreizte aus Furcht die Finger, alSi wollte er zeigen, wie viel Uhr es sei. „Komm' nur, ich tu' Dir nichts," sagte Jakob freundlich und winkte ihm. Ungläubig und furchtsam begann Rothschild heranzutreten und blieb zwei Schritte vor ihm stehen. „Haben Se Erbarmen, schlagen Se mich nicht!" sagte er und ließ sich nieder.„Moses Schafkäs hat mich wieder geschickt. Sei nicht bang', hat er gesagt, geh' zum Jakob und sag', ohne ihn wär'S unmöglich, hat er gesagt. Mittwoch ist die Hochzeit: Herr Schapo- walow gibt seine Tochter an einen fainen Mann. Es wird eine raiche Hochzeit," fügte er hinzu und zwinkerte mit einem Auge. „Ich kann nicht," sagte Jakob schwer atmend.„Ich bin krank, Freund..." Und wieder spielte er, und Tränen tropften aus den Augen auf die Geige. Rothschild lehnte neben ihm, die Arme über der Brust gekreuzt, und hörte aufmerksam zu. Der erschreckte, un- gläubige Ausdruck in seinem Gesicht wich allmählich einem seltsam leidenden; er rollte die Augen, als empfände er ein quälendes Ent» zücken und sagte„W— achchch..." Tränen rollten langsam über seine Wangen und tröpfelten auf den grünen Rock. Und dann lag Jakob den ganzen Tag und grämte sich. Als abends bei der Beichte der Geistliche ihn fragte, ob ihm nicht ein besonderes Vergehen einfiele, strengte er sein schwaches Gedächtnis an und erinnerte sich an das unglückliche Gesicht Marfas und an den verzweifelten Schrei des Juden, den der Hund gebissen hatte; und er sagte kaum hörbar: „Die Geige gebt Rothschild.� „Gut," antwortete der Pope. ... Und jetzt fragen alle Leute in der Stadt:„Woher hat Roth- schild solche schöne Geige? Hat er sie gekauft, oder gestohlen, oder ist sie ihm als Pfand verfallen?" Die Flöte hat Rothschild schon lange aufgegeben und spielt jetzt nur noch Geige. Der Bogen bringt eben so traurige Töne hervor wie früher die Flöte; aber wenn er sich bemüht, das zu wiederholen, was Jakob spielte, als er auf der Schwelle saß, kommt etwas so Ergreifendes heraus, daß alle Hörer weinen; und er selbst rollt gegen das Ende die Augen und sagtt! „W— achchch!..." Und dieses neue Lied hat in der Stadt so ge, fallen, daß alle Rothschild zu sich einladen und ihn nötigen, immer wieder das schöne Stück zu spielen.— KkxmQ fcmUctott. gc. Die Gewinnung der böhmischen Granaten. Der Granat findet sich eingewachsen und auf Klüften in den verschiedensten massigen und schieferigen Gesteinen. Im ganzen lassen sich die Granaten einteilen in die mit Vorliebe als Schmuckstcine ver« wendeten edlen, durchsichtigen oder durchscheinenden, wie Kaneesteitt, Pyrop, edler Granat jAlniandün), und die unedlen, von denen nur der schwarze Melanit ausnahmsweise zu Tranerschmuck benutzt wird. Zu den beliebtesten und gesuchtesten Granaten gehören die im böhmischen Mittelgebirge gefundenen von meist dunkelroter Farbe. Als ältester Fundort wird gewöhnlich das Dörfchen Meronitz bei Bilin bezeichnet, wo man namentlich in einem Hügel, dessen Höhe ein altes Holzkreuz ziert, schon seit uralter Zeit den wertvollsten böhmischen Granat, den blutroten Pyrop, in großen Mengen fand. Aus halber Höhe steht noch das mit einem Türmchen geschmückte Haus, in dem das Waschen der Granaten stattfand, doch ist es jetzh längst dem Verfall preisgegeben, da man schon seit etwa 30 Jahren die dortigen Gruben wegen des eindringenden Wassers hat aufgeben müssen. Von Meronitz erreicht man über Lipshausen in etwa drek Stunden den Ort Triblitz, wo noch sehr viele Granaten gefunden werden; weitere ergiebige Fundstätten befinden sich bei den naht» gelegenen Dörfern Seebschütz, Stameh und Klappei. Die Art und Weise der Gewinnung der Granaten ist eine höchst primitive, bis lebhaft an das Verfahren der ersten Goldsucher in Kalifornien unp in Australien erinnert. Zunächst gräbt der Graiiatensucher ein senkrechtes Loch, einen Schacht, den er so weit in die Erde treibt, bis er auf Sandboden stöszt, was oft erst in einer Tiefe von 6 bis 10 Meiern der Fall ist. In dieser Schicht Iverden dann Stollen nach allen Richtungen hin getrieben. Die Erdinafsen werden durch Hebe- Vorrichtungen, ähnlich den von unseren Brunnenbauern benutzten, zutage gefördert, der granathaltige Sand aber durch Siebe ge- schlagen, und die übrig bleibenden großen Stücke, in denen die Granatkvrner logern, mi-Zge>vaschen. Man hat zu diesem BeHufe in unmitlclbarer Nähe von Wasserläufen angelegte, treppenförmig abfallende Wäschereien mcS einzelnen Holzkästen, in denen das stetig durchfließende Wasser die Granaten von allen anhaftenden Erdeteilcn reinigt. Die Granaten finden sich aber auch in festem Gestein, namentlich in einem zwischen Starney und Leskey aufsteigenden Hügel, wo dann die Granatensucher mehr bergmännisch zu arbeiten genötigt sind. Man findet hier die Granaten in Granit und Basalt, und zwar ein- gesprengt und oft in dichten Massen. Ilm die Granatkvrner von dem sie umgebenden Gestein zu befreien, wird letzteres einfach zer- schlagen. Die auf solch« Weise gewonnenen Granaten gelten als wertvoller und werden als vollständig„reif" bezeichnet. Da die Granatensucher nicht alle eigenen Grund und Boden besitzen, so arbeiten viele auf„Halbscheid", d. h. sie suchen auf fremdem Ge« lände, müssen dafür kaber dem Besitzer die Hälfte der gewonnenen Edelsteine abgeben. Die Granatenhändlcr besuchen zuzeiten die be- treffenden Ortschaften und machen dann an Ort und Stelle ihre Einkäufe. Der auf die vorstehend geschilderte Art gefundene und gewaschene Granat erhält sein schönes Aussehen erst durch die Kunst des Schleifers. Hauptsitze der böhmischen Kunstschleiferci sind Swiettan. Turnau, Prag, doch gibt es auch in der Rühe der Fund- stellen einige Schleifereien. Der Stein wird zunächst auf einer Scheibe mit Schmirgel geschliffen und sodann auf einer Zinkscheibe «mtelS Trippel und Bitriol fertig gemacht. Besonders harte Steine müssen auf Kupferscheiben geschliffen iverden, und das gleiche Ber- fahren findet statt, wenn es sich darum handelt, ganz scharfe Ecken herzustellen.— — Die Feld-Uniserm des japanischen Soldaten. Dr. Karl Mischte schreibt aus Tokio unterm 15. Juli der„Frantf. Ztg.": Gestern erschien im japanischen Reichsanzeiger, dem„Kampo" oder „Kwcuipv"— eS ist dasselbe— eine Verordnung, die jeder brave Deutsche, der nur noch ei» ganz klein bißchen soldatischen Geist in den Knochen hat, als eine Ausgeburt der Hölle oder mindestens als eine Fernwirkung der schlimmsten Demokratie ansehen muß. Die Feder sträubt sich, diese Verhöhnung alles Hergebrachten, aller durch Altertum und Tradition geheiligten Vorstellungen niederzuschreiben. Aber es muß sein, es ist Pflicht! Die Feld-Uniform deS japanischen Soldaten wird vcr- e i n f a ch t. DaS wäre noch nicht das schlimmste, aber wer gesehen hat, wie einfach die Feld-Uniform, ja sogar die Parade-Unisorm des japanischen Soldaten schon jetzt war, dem steht sofort der Verstand stille, wenn er sich vorstellen soll, daß sie noch mehr vereinfacht werden soll, und wenn er gar erst hört, wie sie vereinsacht werde» soll, dann wird der in guten deutschen patriotischen Krieger-Jdcen auf- gewachsene Mensch am liebsten sein Testament machen und die ent- weihte Erde verlassen wollen. Stellen Sie sich vor: alles wird braunes Khaki! Infanterie Khaki, Artillerie Khaki, Kavallerie Khaki. Offiziere bis hinauf zum Generalfeldmacschall bekommen dasselbe Khaki wie der gemeinste„Stoppelhopser" oder der Train- kutschcr, der ja, wie bekannt, überhaupt kein Soldat ist. Kein Unter- schied zwischen dem schneidigen Gardeducorps oder dem Königs- Ulanen und der ganz gewöhnlichen Linie. Nicht durch bunte Schnüre wird der Husarcn-Leutnant das Herz der niedlichen Musme knacken, und der Generalstäbler wird ohne rote Streifen an der Hose be- weisen müssen, daß er Grütze im Kopfe hat; der Eisenbahner, der, wie man weiß, zum„Genie" gehört, muß das durch seine Leistungen zeigen, sonst sieht es ihm keiner an, und der patenteste Einjährige, im Zivilleben Referendar und zukünftiger Landrat, hat weder Extra- hose noch Extramütze. Nur durch die Ächseltlappe wird der Offizier sich vom Gemeinen unterscheiden, denn auf irgend eine Weise muß dieser doch sehen, wer ein Recht hat, ihn anzuschnauzen, und eine kleine Dekoration an der Mütze soll die Garde von den Linien- truppcn unterscheiden, ein Kirschenzweig aus blankem Metall unter dem Stern, der als Nationalkokarde dient. Ich fürchte beinahe, in der Schlacht werden sie auch diese letzten Reste blanken und bunten Rittertums ablegen, um dem Feinde kein Ziel zu bieten....— on. Die Jdcalmilch. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist jetzt stellenweise ein Verfahren zur Herstellung von ärztlich garantierter Milch eingeführt worden, das in seiner hygienischen Vollkommenheit nicht Seinesgleichen haben dürfte und daher jetzt von einem hervorragenden Sachverständigen auch zur Einführung in England empfohlen worden ist. Der Staat New-Iork ist an erster Stelle seit einigen Jahren mit der Errichtung idealer Meiereien vor- gegangen mit der ausgesprochenen Absicht, Milch von der höchsten erreichbaren Reinheit zu liefern, und zwar sollte diese erzielt werden durch ein System strengster Sauberkeit und Schutz gegen irgend welche Verunreinigung seitens der Kühe, der Bedienstete!', oder der Geräte. Alles mit Ausnahme der Milch selbst wird sterilisiert, so daß die Milch so viel wie möglich unter keimfreien Verhältnissen erzeugt wird. Eine solche Farm besteht nach der Schilderung des„Lancet" ans dem eigentlichen Kuhstall, den Wasch- und ReinigiingSräumcn. und den Melk- und Abfüllungsräumen. Die Tagesarbeit beginnt ganz früh am Morgen damit, daß jede Kuh einzeln aus dem Stall in das Waschhaus geführt wird. Hier wird sie mit Schwämmen und Bürsten antiseptisch gewaschen und mit sterilisierten Tüchern ab- getrocknet. Dann kommt sie in das Melkhaus. Die Melker müssen vorerst in einem besonderen Raum ein Bad genommen haben und tragen weiße Leinenkleider. die oft gewaschen und täglich zweimal sterilisiert werden. Die Milch fließt unmittelbar aus dem Melkhaus durch eine„Trommel" in den Abfüllraum und lvird sofort in Flaschen gefüllt. Alle Flaschen und sonstige« Geräte worden aufs strengste sauber gehalten und vor und nach deni Gebranch sterilisiert. In dem Abfüllraum befinden sich auch noch Tröge mit Wasser. das dauernd auf sehr niedriger Temperatur erhalten wird. Die Milchflaschen werden dadurch nach der Füllung und Wer- schließung ganz kalt gehalten. Der Verschluß erfolgt durch eine besondere Pappkapsel, die nur von dem auffichtS- führenden Arzt ausgegeben wird. Die Flaschen werden schließlich anS den Kühltrögen genommen, zu je einem Dutzend in Eis ver- packt und so versandt. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Bc- Handlung der Kühe im Stall verwandt. Da gibt eS keine Krippen oder Fnttertröge, sondern das Futter wird aus den Zementbodcn geschüttet, der 1— 2mal täglich reichlich abgewaschen wird. Die Wände sind mit Porzellanfliesen belegt und werden gleichfalls regel- mäßig gewaschen. Die Kühe dürfen nicht auf dem Weideland grasen, aber die Gebäude, in denen sie gehalten werden, sind gut gelüftet und beleuchtet. Das Verfahren ist begreiflicherweise sehr kostspielig: Der Viertelliter Milch kostet 1 M.— Humoristisches. — Der H a a r k r a n z. A.:„Sehen Sie mal, ich bekomme auch schon eine Glatze." B.:„Das ist gar nichts. Eine richtige Glatze hat man erst dann, wenn man beim Haarschneiden den Hut aufbehält."— — I m Land Wirtshaus.„Was können Sie uns denn zu esse» geben, Frau Wirtin?" „Oh, mir had'n alles, was S' wünschen. Sö brauchen nur an- z'schaffen.... Also, warten S'... da habff mir z'erscht an Rinds- braten... aber der ist no net'braten.... Ra, und dann hab'u mir sauern Aal... der iS wieder» o net sauer.... Na. und frischer Aal— der ist net mehr ganz frisch.... Möchten S' vielleicht gern a Butterbrot, wann mir a Bult er haben taten?"— („Luftige Blätter.') Notizen. — Schill ßfo lgeruu g. In einer sonst ernsten Wiener Kunstzeitschrist findet sich in einem Artikel«Der moderne Zeichen- nnterricht" die Zeilensolge:„Ich besitze von einer Anzahl Schüler spontane Zeichnungen, welche ihre Gedanken ausdrücken und' doch oft ein entschieden künstlerisches Gepräge zeigen. Trotzdem haben viele dieser Kinder im Zeichnen die Zensur IV. Es beweist dies nicht, daß eine Scheidung, sondern vielmehr ein VerschinelzungS- Prozeß zwischen den Gesichtspunkten des ZeicheuunterrichlS und dem „malenden" Zeichnen als Ausdrucksmittel notwendig ist. Bereits in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts sprach die» der berühmte Vvlkerpsychologe Herbert Spencer in seinem Werke über die Er- ziehung aus. Bei seinem vor kurzem erfolgten Tode wurde ihm die höchste Ehrung zu ml, welche die englische Nation ihm geben konnte, indem er in der Westminsterabtei unter den„Großen" deS Landes beigesetzt wurde."— Weil er d a S geschrieben hatte?— — Die erste Neuheit des Kleinen Theaters(Direktion BarnowSky) wird das drciaklige Trauerspiel„Ghetto" von Her- manil H e i j e r n> a ir s sein.— — Die Direktion des Lustspielhauses beabsichtigt in der kommenden Saison außer den bisherigen Somitags-Aufführnngen an den So nilabend-Nach Mittagen Schüler- Alis- f ü h r u n g e n von klassischen Meisterwerken zu geben. Die ersten Aufführungen finden im Oktober statt; zunächst geht viermal „Minna von Barnhelin" in Szene.„Nathan der Weise",.5iabale und Liebe",„Der eingebildete Kranke" u. a. �sollen folgen.— — In Weimar soll demnächst eine Schule für Opern- ch o r i st e n ins Leben gerufen werden.— c. Ein Denkmal für die Meister von Barbizon. Aus Paris wird berichtet: Die Direktion der Schönen Künste be- schäftigt sich gegenwärtig mit dem Plane; in den EhainpS ElysöeS ein prächtiges Denkmal zu errichten, das den Meistern der großen französischen Landschafterlchule, die unter dem Namen„Schule von Barbizon" bekannt ist, gewidmet sein soll. Die bekanntesten Meister der Schule, die hier gemeinsam geehrt lverden sollen, waren Corot, Theodore Rousseau. Millct, Jules Duprü und Daubigny. Auch die Stadt ist aufgefordert, sich an dem Werke zu beteiligen, und sie hat sich dazu bereit erklärt. Es soll ein großes dekoratives Denkmal werden, zu dessen Erlangung ein Wettbewerb allsgeschrieben werden soll.- Verautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo..Berliii SW,