Nnterhaltungsblatt des Hoeivärts Nr. 160. Freitag, den 18. August. 1905 (Nachdruck verboten.) 51 Daniel JuM. Roman von Hermann Stegemann. „Es wird viel gefragt heute, Herr Maire. Wer ob ich versichert bin oder nicht, das geht die Gemeind nichts an. Sie hat sich ja gesperrt dagegen." „Sell schon. Vor Zeiten. Aber wenn das Haus ab- brennt, danach muß die Gemeind bauen. Das ist ein altes Beding, daß dort am Paß ins Frankreich ein Gasthaus steht, und die Schwobenregierung hat's genehmigt und der Gemeind noch besonders rekommandiert." „Das glaub ich," entgegnete Daniel trocken.„Und die !Gemeind fahrt gut dabei. Der Zins ist ihr sicher." Der Maire erhitzte sich. „Den zahlt jeder, wo die Pacht bekommt." Da flog ein kaltes Leuchten über Daniels Gesicht. Er wußte, daß der Wiesbauer, der jetzt zum Maire gewählt worden war, gern selbst auf den Hof gezogen war' und er- widerte: „Aber es bekommt sie keiner. Auf neunundneunzig Jahr ist sie den Junt zugeschlagen, so lang als noch einer lebt. Ich Hab' noch einundvierzig zugut: nachher läßt sich weiter reden." Der Maire zog den bartlosen, eckigen Kopf tief zwischen die Schultern. „Stimmt! Aber es steht auch noch im Vertrag, daß der Pächter das Gebäu instand halten muß. Kein Ziegel darf vom Dach fallen, kein Laden aus dem Angel." Da schlug der Daniel plötzlich mit der Faust auf den Tisch, daß die Taler hoch aufsprangen. „So lang, als Flickwerk hält, wird geflickt. Aber fünf- hundert Franken zahl' ich mehr, wenn die Gemeinde den Krempel zusammenschlägt und neu baut." Der Bürgermeister fuhr auf. Sein Hals war lang ge- worden, als er entgegnete: „Die Gemeind hat kein Geld zum Verspekulieren. Baut selbst." „Ihr wißt, daß ich das nicht kann und nicht darf. Und verspekuliert ist das Geld noch lange nicht. Ich Hab noch keine Kammer leer gehabt all die Jahre. Und was der Ausspann bringt, das wisset Ihr am besten, Ihr seid ja fünfzehn Jahr als Bot gefahren von La Poutroye über den Berg ins Frank- reich." „Gebaut wird nicht," wiederholte der Maire und rieb sich mit den harten Fingern das Kinn, daß die Stoppeln knisterten. Daniel hatte sich wieder bemeistert. Es war nur ein Funken, der zuweilen aus dem Feuerberg in seiner Brust sprang, aber rasch schlug er selbst stets die Hand darüber. Seine Stimme klang ruhig. „Es hat noch Zeit. In ein paar Jahren bring' ich's vor den Gemeinderat." „Der weist's zurück." „Man wird's ja sehen." „Sa sagt man in Frankreich, wenn die Hühner Eier legen. Und am End' sind alle taub." Daniel vergalt den Spott noch unter der Türe: „Macht nicht, daß ein Drach' drin hockt, wenn's ans Ausschlüpfen geht." So gingen sie auseinander. Helle Kinderstimmen klangen über die Matten, als Daniel bergauf stieg. Eine Schule kam des Wegs, ein Lehrer mit wehendem roten Bart und einer riesigen Botanisier- trommel voraus. Daniel sah sie im Hochwald verschwinden. Ihre Stimmen verklangen. Und nun fingen irgendwo die Herdenglocken an zu läuten. „Jetzt kommt der Frühling, jetzt heißt's parat sein," sprach Daniel vor sich hin und bog von dem Weg ab auf den Steig, der ihn steil nach der Paßhöhe führte. Durch den schwarzen Tannenwald, wo es feucht und modrig roch, und die schweren Tritte dumpf hallten, ging der Gemeindepächter bergan. Ein rotes Eichhorn fuhr über ihm durch die Wipfel, eine Elster schrie und strich zu Tal. Dem Daniel war das Herz eng in der Brust, die Leber stach ihn, als er ausschritt. Wo er an den Gemeindezeichen vorbeikam, Holzbergen und Marksteinen, da zuckte ihm die Bitternis um den herrischen Mund. Sie hatten die Junt auf das Paßwirtshaus gesetzt, das, wie der ganze Weidgrund, der Gemeinde gehörte, und strichen den Pachtzins fröhlich ein. Aber daß sie in einen Aufbau des alten, kleinen Gewesens gewilligt hätten, das hatte schon der Vater nicht durchgesetzt. Und selbst als Anno 1867 der Kaiser von Contrex6ville über die Vogesen kam, und sie weiter ab- wärts die große Straße über die Schlucht bauten und Görardmer und Münster an ein Weißes Band knüpften, das über die Berge, an den Schlatten und Schrunden hin, durch Wald und Fels lief, als die Höhen von Fremden summten wie die Linden von Bienen, selbst damals hatte der Gemeinde- rat keinen Sou daran gewagt, das Haus auf der Höhe wohn- sicher zu machen. Nur die Straße war geflickt worden mit ein paar Karren Schotter, und ein halbes Jahr mahlten die Räder, bis der lockere Steinstreusel in den Pfützen ertrank. Daniel war auf die Höhe gekommen. Er hörte in der Ferne das Wasser brausen, das über den hohen Stein in die Tiefe sprang. Und als er an der Ferme*) Hirth vorbeiging, sah er, daß dort schon auf den Einzug gewartet wurde. Der Stall war gelüstet, und die Mägde lärmten wie die'Stare in den Reben, während sie den großen kupfernen Kessel sauber fegten. Der Hund schlug an, und der Melker rief dem Bergwirt einen Gruß herüber. Es war einer von den Welschen aus Labaroche, schwarz wie ein Zigeuner mit funkelnden Augen und goldenen Ringlein in den Ohren. Und da trat die Fermiere, die Laste, unter die Tür. Sie hob die Hand über die Augen und blinzelte unter dem Dächlein zu ihm herüber. Er wandte hastig den Kopf. Mit der war er fersig« Schneller stieg er bergan. Die Sonne schien hier oben noch einmal so hell und warm, und das würzige Gras reckte sich verlangend aus dem Boden. In den Granitfelsen, die auf der Allmend zerstreut lagen, funkelten die Kristalle, und flinke Eidechsen huschten durch das leere Brombeergerank, das die Scheidmauer der Weiden überspann. Der Fri'chlingswind sang im Tannen- Wald, und die dürren gelben Blatter der Eiche, die einsam auf der Matte stand, zischelten. Der Baum hatte sie festgehalten im harten Winter. Hie und da fuhr eines, von einem Plötz- lichen Tod erfaßt,-aus der mächtigen Krone auf den glatten Boden, den seit Jahr und Tag die Herden bei Blitz- und Hagelschlag gestampft hatten, Zuflucht suchend unter dem ragenden Wetterbaum. Daniel schlug mechanisch ein Kreuz, als er daran vor- überging, denn am rissigen Stamm hing ein Muttergottes- bild und bat für die Sünder. Noch einen Stich durch den Kiefernbusch, einen Gang über die grasige Kuppe, auf der die Stiefmütterchen leuchtend- gelb aufblitzten, und Daniel Junt sah seinen Hof vor sich. Drüben kroch die weiße Straße aus dem schwarzen Tannicht und strich in sanften Windungen durch die Mulde, an dem Haus vorüber, um dann mit einem kurzen Anstieg den Grat zu ersteigen, auf dem ein Pfahl mit einem rotgemalten D auf der einen und einem F auf der anderen Seite der auf- gesteckten Tafel die neue Grenze bezeichnete. Das Anwesen lag in die Mulde geschmiegt, und die Winterstürme brausten unschädlich über sein niedriges Dach. Jetzt war der Fruhlmg Meister, und ein hellblaues Räuchlein wirbelte aus dem schwarzgrünen Dach. Daniel blieb stehen am Gatter des Hages, der sein Wcid- recht von dem der Ferme Kalblin schied. Er stutzte die Arme auf und sah lange auf das Haus, das er in Erbpacht hatte. Da lag's, nicht Fisch noch Vogel, mehr als Melkerci. weniger als Gasthof, kein rechtes Bauerngut und kein Kurhaus. DaK »)_ Pachtgut. Hier: Molkerei, Sennwirtschast. Dach saß Em wie eine Tau?s schief, mit weit ausladenden Firsten, auf dem Oberstock, und der verschwand fast im Schatten; und Daniel zählte die kleinen Fenster, die rings um das Haus liefen und es doch nicht hell machten. Im an- gebauten Stall brüllte das Vieh, das die frische Weide roch, und der brünstige Ruf der Tiere drang durch das morsche Gebälk bis zu ihm herüber. Zwölf Stück Vieh standen in dem dumpfen Stall, den er kaum noch lustig halten konnte, und jedes Horn und jede Klaue war sein. Sieben Kammern mit zehn Betten hatte er an der Sonnenseite des Hauses eingerichtet zum Aufenthalt der Sommergäste, die von Colmar, Schlettstadt und Straßburg heraufkamen. Im Tanzsaal drehte sich am Pfingstmontag und zu Michaeli das Volk von allen Fermen und Weilern im Tanz, und jeder Fuhrmann, der aus dem Elsaß ins Frankreich hinüberfrachtete, jede Chaise, die auf dem glatten Sträßlein aus den Waldtälern der Abendseite heraufrollte und mit ge- sperrten Bremsen und schnaubendem Gaul ins Weinlayd hin- untertauchte, alles hielt an beim Daniel Junt auf dem Flori- mont und zog den Beutel. Es hatte manchen Tag gegeben, da waren bei der Ab- rechnung die Fünffrankentaler aus der Schürze der Luise ge- sprvngen, wie die Fische aus dem Wasser, wenn die Mücken fliegen. Aber das alles war ein Würgen und Kröpfen ge- Wesen, und die paar tausend Franken, die zu Colmar auf der Sparkasse lagen, hatten sie schwer genug verdient. Ja, wenn das Haus fünfzig Betten gehabt hätte, einen Stall für sich, eine Kässtube hinten am Hag, wo der Wind zieht, und eine Hofstatt für Roß und Wagen, dann war es ein besseres Schaffen gewesen. Da lag's vor ihm, ein ganzes Leben voll köstlicher Arbeit, und er konnte und durfte es nicht vollbringen. Er sah schon das neue Anwesen, ein weißes Haus mit großen Fenstern und Terrassen, wie das Hotel zu den drei Königen auf drei Aehren, er hörte schon die Kutschen und Omnibusse den Berg heraustommen mit knarrenden Radfelgen und klingelnden Kummeten, er sah die Matten mit den bunten Kühen, die Wälder voll fröhlicher Sommergäste und sah sich selbst werken und schaffen und einHausen wie ein Hamster. Aber das Geld, das sollte nicht vermotten bei ihm, sondern roulieren, vernünftig natürlich, aber nicht vermotten, das nicht. Er war kein altes Weib, das auf dem gefüllten Strumpf im Strohsack schlief, kein Geizteufel, der es sich und anderen am Maul absparte. Mit brennenden Augen starrte Daniel Junt auf das Ge- Höst, das sich in die grüne Mulde eingenistet hatte und so tief eingebettet, als wäre es aus dem Boden herausgewachsen und könnte so wenig verderben wie Kraut und Stein. Seine breite Brust hob sich in schweren Atemzügen, die Fäuste griffen nervig in das schwarze Holzgattcr. Tiefe Stille webte nm ihn her, ein gelber Schmetterling gaukelte um den einsamen Mann und taumelte trunken von der linden Frühlingslust über die sprossenden Gräser. (Fortsetzung folgt.) Oer fall Meier-Grafe. Es war einmal ein Mann, der hieß Meier. Da er sich von anderen unterscheiden wollte, gab er sich den Beinamen Gräfe. Dieser Mann trug immer die neuesten Krawatten und kleidete sich nach der Mode von Uebennorgen, er erschien in allen Salons, aber sonst wußte man nichts von ihn,. Sein Vater hatte Geld und dieses gab der Herr Sohn mit Anstand aus. Er kam bald dahinter, daß mit Kunst etwas zu machen sei. Da er sich aber auch hier unter- scheiden wollte, schüttelte er den Staub Deutschlands von seinen Füßen und ging nach Paris. Dieser Mann hatte ein Talent, herumzuhörcn, Kerumzuhorchen. Wo etwas im Gange war, wollte er mit dabei sei». Er schrieb über Böcklin, als er merkte, daß er sich damit— nicht von den Eingeweihten, sondern von der Menge— unterschied. Dann, als die dekorative Richtung, das neue Kunstgewerbe aufkam, schrieb er eine Aesthctik, die darin gipfelt, man male keine Bilder mehr, das sei veraltet, Trumpf sei das Möbel, der dekorativ gestaltete Gegen- stand. Als nun die Berliner Sezession die französischen Maler pro- pagierte, ging er selbstverständlich nach Paris. Wo Mcier-Gräfe war, mußte etwas gemacht werden. Darauf kam es an. Er hatte etwas von einem Arrangeur, einem theatralisch veranlagten� Kommis an sich. Er war iminer dabei, etwas zu gründen. Er war beteiligt bei der Gründung des Pan, er gründete die„Dekorative Kunst", er gründete in Paris ein Kunstwarenhaus. Dann hieß es einmal, er wollte in Berlin ein Etablissement gründen, das Nestauraiits, Theater, Kaufhaus und was weiß ich sonst noch vereinigen sollte. Dazu kam eS nicht und das KunsthauS in Paris ging nicht. So verfiel er auf den Jmpressionisnms. Hier war etwa» zu machen. Wer literarische und künstlerische Kreise kennt, weiß, daß sich dort immer eine Anzahl von Mitläufern befinden, von denen eigentlich niemand weiß, wer sie sind. Sie sind immer da, wo es Sensation gibt, und für den fein empfindenden Menschen diskreditieren sie die Sache, der sie sich widmen. Denn man hat das deutliche Gefühl, es kommt ihnen' nicht auf innerste Ergründung einer Sache an, nicht auf ein intimes und ehrliches Erleben, sondern auf ein Nutzbarmachen gangbarer Artikel, auf ein Reklaineschlagen, ein Kokettieren. Der Impressionismus war eine Sensation. Flink machte sich Meier-Gräfe auf die Beine, hörte, horchte herum, reiste, war überall in Ateliers zu sehen, in Frankreich, Belgien, wo es etwas zu sehen gab. Es war das so recht nach seiner Anlage, die ihn trieb, sich immer unterwegs zu befinden, sensationelle Muster heraus« zusuchen, damit auf Resten zu gehen, sie den Interessenten vorzu« legen, Konferenzen zu arrangieren und neue Dessins zu empfehlen. Eine neue Art modernen Kunstbetriebs, Arm in Arm mit Reklame und Sensation, ein Fortschritt gegen früher, wo langsames Aus« reifen und Warten der Sinn jedes künstlerischen Bemühens war. Bilder, die noch naß auf der Staffelei standen, erklärte er für die vorbildlichen Meisterwerke der Zukunft, nahm sie unter den Arm und reiste damit, und predigte das Evangelium, die Versertiger feien die Meister der modernen Kunst. Meier-Gräfe gab immer gerade das wieder, was als aktuell in der Luft schwirrte. All das, aufgefundene Notizen, sensattonelle Ge« rächte, kombinierende Vermutungen, nahm er als bare Münze und stellte dieses Sammelsurium unverdauter Ateliergespräche, untermischt mit Anekdoten und Lebensdaten seiner Freunde zusammen und nannte das ganze„Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst." Da die französischen Maler nichts von deutscher Kunst der» standen, so hörte Meier-Gräfe auch auf, etwas davon zu verstehen. Er schmiegte sich so gehorsam an. Er hat ein so schönes Anpassungs- vermögen. Hätte er sich bei den Südsecinsulanern aufgehalten, so hätten wir eine Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst vom Standpunkte der Südseeinsulaucr bekommen. So schrieb er den «Fall Böcklin" oder.die Lehre von den Einheiten." Jeder Deutsche, der nach Paris geht, kommt sich bor wie ein kleiner Heine. Was aber bei Heine originell war, wird bei Nach- ahmern kindisch. Meier-Gräfe war überzeugt, daß er der Kluge war, die Deutschen aber die Dummen, denen er gehörig die Wahrheit geigen und ein neues Evangelium bringen würde. Ebenso schimpft er zwar auf Nietzsche. Dennoch ist er ihm zum Nachahmen gut genug. Den Titel bezieht er von ihm.(Nietzsche schrieb den»Fall Wagner".) Und auch die Sprache ist ohne Nietzsche undenkbar, gut abgeguckt, verwässert. Was will nun Meier-Gräfe? Er will in diesem Buch das Ansehe», das nach seiner Meinung Böcklin befitzt, vernichten. Uns erscheint dies als ein ziemlich fruchtloses Beginnen. Flein Mensch hat Böcklin so matzlos überschätzt(höchstens Meier-Gräfe vielleicht, als er vor Jahren über ihn schrieb). Jeder Mensch hat seine Eigen- att anerkannt, ist aber der Ueberzeugung gewesen, daß die Eut- Wickelung auch über ihn hinweggeht. Kem Mensch ist eine Formel, er gibt Gutes und Schlechtes. Für Mcier-Gräfes Kurzköpfigkeit gibt es aber nur Formeln, die er sich zurecht denkt. Er teilt Böcklin ein in einen guten Böcklin(der Frühzeit, als er duftig, locker, ver- schwömmen nialte, mit einem Wort mipressionistisch) und in einen schlechten, total blödsinnigen Böcklin(der späteren EntWickelung, wo er immer mehr die große Farbwirkung betonte und auf dekorative Raumwirkung auSgmg). Wie borniert diese Teilung eines Künstlers ist, der lebendig aus dem Ganzen schafft, ist ffür jeden, der einigermaßen psychologisch zu erfassen vermag, klar. Der Reiz läge gerade in der Erkenntnis der Fäden, die von der einen Periode zur anderen gehen. Bei jedem großen Künstler haben wir diesen Wechsel der Perioden, die Zartheit und die verschwimmendcn Töne der Jugendjahre und das kräftige, bewußte Herausarbeiten im Alter. GoetheS Jugenddramen und die Werke der reifen Zeit zeigen das gleiche Phänomen. Es ist dies ein psychologisches, ja physiologisches Gesetz. Aber— es ist ja viel einfacher, die Dinge nur an der Oberfläche zu betrachten. Als Stützen baut sich Meier-Gräfe die Lehre von den Ein- heiten auf. Dies klingt nun sehr schön, mid sicher hat sich Meier-Gräfe sehr gesteut, als er auf die Bezeichnung verfiel. Er doziert, es gäbe zlvei Entwickelungsstränge in der Kunst. Der eine geht von den antiken Fresken aus über Glasmalerei und Mosaik zu den Künstlern des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Künstler dieses Stranges sind mehr zeichnerisch veranlagt. Der andere Strang setzt mit Bellini ein, mit dem fünfzehnten Jahrhundert. Das sind die Künstler der Farbe, der Lust und des Lichts. Dies sind die einzig möglichen Künstler unserer Zeit. Die anderen Anochronisten. Sie sind in unserer Zeit undenkbar. Weshalb, das sagt Meier-Gräfe nicht. Er behauptet es. Böcklins zweite Periode huldigt dieser steskenartigen Kunst. Folglich — ist nicht etwa Meier-Gräfes erdachte Theorie, was sie wirklich ist, nämlich ein Unsinn, sondern: Böcklin ist kein Künstler. Emphatisch erklärt er:»Böcklins Hauptwerke sind vor dem Urteil einer auf Kunst gerichteten Bettachtung überhaupt nicht." Um diese selbst ihm noch haltlos erscheinende Erfindung zu stützen, produziert Meier-Gräfe die Lehre von den Einheiten, Das geht ihm flink von der Hand. Dieses„Die Einheiten" überschriebene Kapitel ist von unerhörter Oberflächlichkeit. Es wird dem Leser freigestellt, an die Molekulartheorie zu denken. Damit ist Schluß, und der Leser weiß, daß Meier-Gräfe diese Theorie kennt, die aber gar nicht benutzt wird, und der Einsichtige zieht daraus den Schluß, daß diese Kenntnis Meier-Gräfe sicher angeflogen ist, wie alles andere. Kennte er sie, so würde er sicher damit prunken. So aber folgt nur ein allgemeines Geschwätz über Böcklin und Menzel. Die Einheiten sind eben gar nichts Neues, sind weiter nichts als das, was man künstlerische Persönlichkeit nennt, Kern eines schaffenden Menschen, jedes Menschen überhaupt, sein Wesen, das macht, daß er so und nicht anders handelt, so und nicht anders denkt. Aus den zwei folgenden Kapiteln„Die Lehre von der Einheit", „EntWickelung der Einheit", die beide durchaus verworren und ober- flächlich sind und zum größten Teile mit ganz anderen Dingen sich beschäftigen, geht hervor, daß der Verfasser der Ansicht ist, es gäbe innerhalb der Einheiten eine lückenlose Aufeinanderfolge. Alle Künstler schließen sich eng aneinander an, jeder gibt dem anderen sein Erbe weiter. Jede Nation bildet einen Kreis von Einheiten. Diese Kreise schließen sich wieder zusammen. Die Zusammensetzung und endgültige Scheidung ergibt die beiden Stränge. Der eine Strang ist veraltet. Nur in dem anderen kann der moderne Mensch selig leben und selig sterben. Böcklin strebte hinüber zu dem anderen Strang. Folglich„ist er überhaupt nicht". Dies ist aber ein Unsinn und beinahe eine Fälschung. Diese beiden Stränge haben nie existiert, höchstens in dem haltlos umher- taumelnden Gehirn eines Meier-Gräfe, der die Kunstgeschichte nicht kennt, dessen Buch nur ein Sammelsurium all der in den letzten Jahren aufgetauchten Ideen ist, die ein kokettes Etikett erhalten haben und unter dieser Marke imponieren sollen. Es hat immer nur ein Nebeneinander verschiedener Kunstanschauungcn gegeben, niemals ein lückenloses Hintereinander. Die Menschen find keine Rechenexempcl. Einmal schiebt sich die eine Tendenz vor, dann wieder dominiert eine andere Kraft, und aus dem unerschöpflichen Reichtum dieses Wechsels ergibt sich das, was wir EntWickelung nennen. Diese ist innerer Art und stellt eine Evolution menschlichen Geistes im ganzen dar, nicht aber so, als wären die einzelnen Menschen Nummern, und die Aufeinanderfolge dieser Nummern ergäbe eine Summe. Diese ganze Theorie spukt doch nur in dem Kopfe des unzulänglichen Meier-Gräfe. Böcklin aber ist eine Realität, ein Mensch, der war, lebte, rang. Welch törichtes, bur- leskes Beginnen, gegen einen einzigen Menschen die ganze Ent- Wickelungsgeschichte der Kunst, all die unzähligen Namen der Künstler, die jemals lebten, aufmarschieren zu lassen. Wer das noch nicht weiß, daß man in dieser Weise alles beweisen kann, der sollte erst lernen. Damit fällt das ganze Gebäude dieser sinnlosen Theorie zu- sammen, die in einer schludrigen, oberflächlichen und koketten Sprache vorgetragen wird. Leider gilt diese zuchtlose, äußerliche Handhabung den meisten noch als Sprachmcisterschait, was beweist, wie wenig Sprachgefühl unter denen vorhanden ist, die darin Bescheid wissen sollten. An dieses Buch schloß sich eine erheiternde Fehde, die manche Aufklärung brachte. Professor Henry Thode in Heidelberg nämlich, der von Meier-Gräfe in dem Buch angegriffen war, kündigte eine Vorlesung an über den modernen Impressionismus. Was er gegen ihn, vornehmlich gegen die einseitige und reklamewütige Handhabung in der Berliner Sezession auf dem Herzen hatte, sagte er dabei, und niemand wird einem Angegriffenen dieses Recht der Abwehr bestreiten. Da aber kam er schön an. Liebermann selbst setzte sich hin, dem Meier-Gräfes Theorie auf den Leib geschrieben ist, und schrieb einen Schreibebrief, der von persönlichen Insinuationen strotzte. Man war erstaunt, ja entsetzt, in welch rücksichtsloser Weise sich Liebermann, dem man solche Taktlosigkeiten doch nicht zumutete, selbst enthüllte. Sachliches enthielt das Schreiben nicht. Es war nur ein er- regier Erguß eines beleidigten Gemütes, dessen Wut unter höhnenden Phrasen schlecht verdeckt war. Es ist nicht gut, wenn Künstler sich selbst verteidigen, noch dazu in dieser Weise. Mögen sie ihre Werke geben! Thode war vornehmer. Er antwortete gar nicht darauf. Liebermann hatte unter anderem angeführt, ein anderer Kunst- gelehrter hätte ihm Fehler in der Beurteilung alter Kunstwerke vorgeworfen. Als ob das etwas sagt! Es steht Urteil gegen Urteil! Statt dessen ergriff Thoma das Wort, Hans Thoma, dem Meier-Gräfe liebenswürdigerweise nahegelegt hatte, der Fall Böcklin sei der Fall Thoma. Und Thoma antwortete so ruhig und sicher, so logisch und schlicht, wie man es gerade von diesem Manne vielleicht nicht erwartet hätte. Man hätte gedacht, er würde mit Gefühls- Momenten operieren. Statt dessen begegnen wir kristallklaren Äe- wcisführungcn, die wie reiner Herbstwind düsteren Nebel zer- streuen. Sie gipfeln darin, daß wir eben die Kunst haben, die unserem Charakter, unserem Lande, unserem Klima entspricht, daß wir diese Kunst so gestalten, wie wir sie haben wollen, und uns nicht Kunstgesctze diktieren lassen, die einer französischen Mode entnommen sind, die in Paris schon längst abgewirtschaftet hat. Das stnd einfache und selbstverständliche Wahrheiten. An der Tatsache, daß man auf sie zurückgreifen muß, kann man ermessen, welchen Wert die lallenden Reden des im Irrgarten der Kunst herumtorkelnden Kavaliers besitzen. Ein Vers von Busch fällt miß ein. Der lautet: Einen Menschen namens Meier warf man abends vor die Tür, weil man meint, betrunken sei er, selber kam's ihm nicht so für.— Ernst Schur. Kleines feinlleton» — Neuere Forschungen über die Blinddarmeutzündnng werden in der„Köln. Ztg." besprochen: Die Erkrankungen des kleinen, vom Blinddarm ausgehenden Anhängsels, das wir Wurmfortsatz oder mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Appendix nennen, nehmen seit einer Reihe von Jahren in immer steigendem Maße die Aufmerksam- keit der Aerzte wie der Laien in Anspruch. An der Tatsache, daß die „Blinddarmentzündung"(oder richtiger die Entzündung des Wurm? fortsatzes mit Beteiligung der angrenzenden Teile des Bauchfells) in neuerer Zeit einen weit bösartigeren Charakter angenommen hat als früher, ist nach den einwandfreien statistischen Angaben zuver- lässiger Beobachter und den Berichten zahlreicher Pathologen gar nicht mehr zu bezweifeln, und man hat alle möglichen mehr oder weniger glaubhaft erscheinenden Hypothesen zur Erklärung dieser auffallenden Erscheinung herangezogen. Bald wurde die übermäßige Fleischnahrung oder die Anwesenheit von Darmschmarotzern, bald die Zunahme in der Verwendung emaillierten Kochgeschirrs angeführt, von einigen Forschern endlich auf die größere Gewandtheit der modernen Aerzte im Erkennen der hierber gehörigen Krankheirs-' zustände hingewiesen und die Zunahme der Fälle von tödlicher Blinddarmentzündung mit der Abnahme der Todesfälle an ursächlich zweifelhaften schweren Abdominalerkrankungen, beispielsweise an „Unterlechsentzündungen" und„Bauchfellaffektion", in Verbindung gebracht. Auch an abenteuerlichen Theorien ist, wie stets in solchen Fällen, kein Mangel. Den Vogel hat in dieser Beziehung wohl ein phantafiebegabter englischer Arzt abgeschossen, der allen Ernstes das in den Gummiringen der Flaschenverschlüsse enthaltene Antimon für die Appendizitis verantwortlich macht. Daß alle diese Mut- maßungen vor dem kritischen Auge in nichts zerfließen oder wenigstens nicht ausreichen, die starke Vergrößerung der Kranken» ziffer zu erklären, daß sie vor allen Dingen nicht genügend begrünoet sind, um zur Grundlage einer auf die Verhütung lebensgefährlicher Verwickelungen hinzielenden ursächlichen Behandlung zu dienen, das ist einsichtigen Aerztcn niemals zweifelhaft geblieben. In neuerer Zeit hat man mit besonderem Rachdruck auf den Zusammenhang aller möglichen ansteckenden Krankheiten mit der Blinddarm» entzündung aufmerksam gemacht. In der Tat verfügt die Wissen- schaft schon über unzählige Beobachtungen, daß nach verhältnismäßig harmlosen Mandelentzündungen, nach Masern und Scharlach, ganz besonders aber nach Influenza, der ursprünglichen Erkrankung nach kurzer Zeit eine Appendizitis folgt, und einzelne Autoritäten er- klären die steigende Zahl der Blinddarmentzündungen geradezu mit der Wiederkehr und Häufung der Jnfluenza-Epidcmicn in den letzten kö Jahren. Nach dieser Anschauung, die vieles für sich hat, geraten die im Munde des Kranken vorhandenen krankmachenden Bakterien durch den Schluckakt in den Darmkanal und führen in einem Teile der Fälle zu bösartigen Entzündungen im Wurmfortsatz, die öfters mit der Bildung von Eiter einhergeht und durch Infektion des be- nachbarten Bauchfells den.perityphlitischen Anfall" hervorruft. Das Verständnis für diese Krankheitszustände, die in mancher Bc- ziehung bisher schwer zu erklären waren, ist in jüngster Zeit durch die interessanten Untersuchungen Karewskis wesentlich gefördert worden. Durch mühsame mikroskopische Durchforschung einer Reihe von gesunden und kranken Wurmfortsätzen, die durch die Operation gewonnen waren, hat er uns/ wie es scheint, endgültige Klarheit ge» bracht über die Bedingungen, unter denen die Bakterien im Wurm» fortsatz ihre gefährliche Wirkung entfalten. Um die Ergebnisse der Untersuchungen des Berliner Chirurgen zu verstehen, ist es crforder» lich, mit einigen Worten auf die Anatomie und Physiologie der in Betracht komnienden Organe einzugehen. Bekanntlich stellt der Wurmfortsatz einen kleinen Blindsack von der Stärke eines dünnen Bleistiftes dar, dessen physiologische Funktion nicht bekannt ist» übrigens entsprechend seiner geringen Größe und seinem histo» logischen Bau nur höchst nebensächlich sein kann. Aus zahlreichen mikroskopisch kleinen Ausführungsgängen liefert er ähnlich den be- nachbarten Darmabschnitten eine spärliche Menge einer gewissen Flüssigkeit, die sich durch eine enge Oeffnung in den Blinddarm ergießt und vielleicht zu einem kleinen Anteil zu der Vollendung der Verdauung mit beiträgt. Durch alle möglichen kleinen und ernsteren Störungen, besonders durch Zersetzung abnormen Darminhalts, wie er sich so leicht bei Katarrhen innerhalb des Verdauungskanals bildet, kommt es in der engen Höhle der Appendix zu einer Be- einträchtignng der regelmäßigen Absonderung, zu Stauungen und Infektionen der. abgesonderten Flüssigkeit. Die weitere Folge find dann häufig mehr oder weniger ausgedehnte, zuweilen nur mit Hülfe des Mikroftopes nachweisbare Veränderungen der Schleim» haut des Wurmfortsatzes. Oft genug fiihrt eine gewöhnliche Diarrhöe, eine mit Verstopfung einhergehcnde Verdauungsstörung oder irgend eine andere Darmaffektion, die scheinbar nach wenigen Tagen leichten Unwohlseins in Gcn.sung übergeht, zu bleibenden Zerstörungen an der normalen inneren Auskleidung des Wurni- fortsatzcs und im Anschluß daran zu teilweiser oder gänzlicher Ver- vdung der Schleimhaut mit nachfolgender Verengerung oder Ver- klebung des kleinen Hohlganges. Derartige Krankheitsvorgänge ebnen nun den Boden für die Entstehung d.c häufig sehr ernst ver- laufenden, ja lebengefährdenden„Blinddarmentzündung". Ein un- glücklicher Zufall fügt es möglicherweise nach Jahren, daß sich bei Gelegenheit einer ansteckenden Krankheit in diesen ihrer gewöhn- lichen Widerstandsfähigkeit beraubten Schleimhautabschnitten Bakterien ansiedeln. Es kommt zu entzündlichen Erscheinungen, die sich in günstig verlaufenden Fällen nur als verhältnismäßig harm- lose Blinddarmreizung, oft aber auch als schmerzhafte und gefähr- liche Unterleibsentzündung bemerkbar machen und mit eitriger Zer- störung des Organs und einer bösartigen Bauchfellentzündung einhergehen. Bei allen diesen scheinbar aus so verschiedenen Ur- fachen entspringenden Krankheitserscheinungen handelt es sich also um die gleichen anatomischen Vorgänge, und der Blinddarm- entzündungs-„Anfall" ist nichts weiter als eine akute Steigerung veralteter, durch eine Einwirkung auf die Schleimhaut herbei- geführter Veränderungen im Inneren des Wurmfortsatzes. Die verdienstvollen Feststellungen Karewskis erlangen eine besondere praktische Bedeutung, weil sie uns zum ersten Male einen Finger- zeig geben, wie wir uns vorbeugend der Blinddarmentzündung gegenüber zu verhalten haben. Sie mahnen uns ernstlich, jeder Verdauungsstörung als einer durchaus ernst zu nehmenden Er- krankung unsere vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden und besonders Kinder mit Darmkatarrhen unter allen Umständen sorgfältig zu überwachen, um möglichst schnell eine vollkommene Heilung zu er- zielen. Schulkinder dürfen also nicht, wie man es so häufig sieht, mit ihrem„bißchen Durchfall" die Schule besuchen, sondern gehören ins Bett. Auch nach den geringfügigsten Anfällen von Blinddarm- reizung, ganz besonders natürlich nach einer ausgesprochenen Blind- darmentzündung, ist für sehr lange Zeit— mindestens ein volles Jahr— neben vorsichtigster Diät strenge Enthaltung von allen körperlichen Anstrengungen und sportlichen Vergnügungen angezeigt, damit nicht durch Zerrung der Bauchorgane eine plötzliche Ver- schlimmerung entsteht. Daß in allen ernsteren Erkrankungsfällen und bei öfterer Wiederkehr der einzelnen Anfälle die Kunst des Chirurgen Mt mit bestem Erfolge zu Rate gezogen wird, ist zu be- kannt, als daß es erforderlich wäre, an dieser Stelle noch besonders darauf hinzuweisen.— t. Die Eisenbahn vom Nil zum Roten Meer. Der Handels- berkehr mit dem Sudan, wie er bisher nur durch die Eisenbahn zwischen Alexandria und Assuan bezw. Wadi Halfa unterstützt wurde, hat die englischen Wünsche nickt befriedigt; aus dieser Unzufrieden- heit entstand der Plan, eine Eisenbahn vom Nil nach dem Roten Meere zu bauen. Als Endpunkte wurden Berber am Nil und Suakin am Roten Meer angenommen, und danach erhielt das Projekt die Bezeichnung der Berber-Suakin-Bahn; doch wird diese, wie jetzt feststeht, nicht von Berber selbst ausgehen, sondern von der Mündung des Atbara-Stroms, die etwa 3v Kilometer südlich von Berber liegt. Dann wird sie auch nicht gerade bei Suakin enden, sondern bei Port Sudan, 50 Kilometer nördlicher. Dieser Platz am Roten Meer wnrde ausgewählt, weil er als Hafen besser sein soll als Suakin. Dagegen ist Suakin der Mittelpunkt für die Leitung des Bahubaues geworden, da Port Sudan als Hafen eigentlich erst ge- schaffen werden muß durch die Anlage von Quais zc. Diese Hafenbauten werden wohl erst mit der Eisenbahn zugleich fertig gestellt werden. Durch diese Bahn wird dann die Etttfernung zwischen Khartum und dem Meere auf etwa 1550 Kilometer ver- kürzt werden, ein erheblicher Vorteil gegenüber den jetzigen Ver- Hältnissen. Im einzelnen ist, wie der„Engineer" hervorhebt, die Wahl der Eisenbahnroute nicht nur mit Rücksicht auf das Gelände und die Wasserzufuhr, sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeit emerJveiteren Ausdehnung geschaffen worden. Immerhin hat sich die Wasserbeschaffung als eine der größten Schwierigkeiten eriviesen, da alles Wasser für Trink- und Kochzwecke erst aus Salzwasser destilliert und dann von Suakin aus an die Arbeitsstelle versandt werden nmß. Nach eingehender Erkundigung des Landes ist der Verlauf der Bahn über Khor Okwat, Khor Adit, Khor Baramey, Khor Arab und Khor Hudi festgesetzt worden. Die höchste Erhebung hat die Linie bei Sinkat, etwa 145 Kilometer von Port Sudan, mit N10 Meter über dem Meer zu überwinden. Die Gesaintlänge der Bahn vom Atbara bis Port Sudan wird sich ans 500 Kilometer belaufen. Vorläufig wird die Bahn nur ein Gleise mit schmaler Spur erhalten. Die schwersten Erdarbeiten sind zwischen Port Sudan und Sinkat zu leisten, wo auch die meisten Brücken der Linie er- forderlich sein werden mit im ganzen 81 Spannungen. Als Arbeiter sind hauptsächlich Sudanesen herangezogen worden, die zuin großen Teil schon 1896 beim Bau dn Sudan-Eisenbahn beschäftigt waren, also bereits Uebung besitzen. Für die Erdarbeiten werden jedoch meist Araber aus dem Nilgebiet zwischen Assuan und Khartum verwandt, nachdem sich die nomadischen Araber des Hügellandes von Suakin zu dauernder Arbeit als untauglich erwiesen haben. Die Vollendung des Baues wird vermutlich längere Zeit kosten, weil er nicht von beiden Seiten aus betrieben werden kann. Zivar hat man auch vom Atbara aus, wo noch einiges Material vorhanden war, mit der Verlegung begonnen, aber der Transport weiteren Materials den Nil aufwärts hat sich als soviel kostspieliger herausgestellt als der zur See nach Suakin, daß jetzt nur noch von dieser Seite aus die Arbeiten fortgesetzt werden. Der Bau hat von Suakin aus im August 1904 eingesetzt, aber in den ersten beiden Monaten wegen der Unzulänglichkeit der nomadischen Araber als Arbeiter nur geringe Fortschritte gemacht. Bis zum 1. Juni d. I. waren etwa 270 Kilon, eter Schienenweg fertig, und der weitere Fortgang wird auf etwa 1300 Meter täglich angegeben. Dennoch rechnet man mit der Vollendung des Schienenweges zum März 1906.— Technisches. gr. Verbessertes Dynamit. Seitdem es Nobel ge« lungen war, die praktische Verwertung des 1847 von Sobrero ent« deckten Nitroglyzerins als Sprengstoff in die Wege zu leiten, ist ununterbrochen die Verbesserung dieses gefährlichen, aber für viele Zwecke so außerordentlich wichtigen Stoffes erstrebt Ivorden. Die Darstellung dieses Sprengmittels erfolgt durch Nitrieren von Glyzerin. Der Gewinnungsprozeß ist der, daß man in eine Mischung von Salpeter- und Schwefelsäure Glyzerin zufließen läßt. Hierbei muß dafür gesorgt werden, daß die Temperatur immer unter 30 Grad bleibt. Das sogenannte Sprengöl scheidet sich dann als eine ölige Schicht auf der Säure ab, wird davon getrennt und gewaschen. Nobel fand bekanntlich die praktische Verlvendung des Sprengöls dadurch, daß er es mit zirka 25 Proz. Kieselgur versetzte und diese knetbare Masse als Dynamit der Sprengtechnik einverleibte. Da der Zusatz von Kieselgur aber dem Sprengmittel einen Ballast zufügt und da ferner Wasser diesem Produkte sehr schädlich werden kann, so stellte Nobel die Sprenggelatine dadurch her, daß er das Sprengöl mit Kollodiumwolle in der Wärme zusanunenknetete. Aber die so ge- wonnenen Dynainite haben den Uebelstand, daß sie gefrieren. Man muß sie daher vor der Verwendung an kalten Orten auftauen, sie also bis auf etwa 12 Grad erwärmen. Dadurch werden erfahrungs« gemäß viele Unfälle herbeigeführt. Diese Unfälle sind noch darum besonders zahlreich, weil das ständige Umgehen mit Dynamit in den Bergwerken usw. die Menschen nur zu schnell sorglos gegenüber der ungeheuer großen Gefahr macht. So erwärmen die mit Spreng« arbeiten betrauten Personen das Dynamit in solchen Fällen nur zu oft dadurch, daß sie es am eigenen Körper einige Zeit aufbewahren. So sehr diese, allerdings einfache und bequeme Methode auch überall verboten und unter Strafe gestellt ist, so ist diese Unsitte doch schwer auszurotten. Eine, wenn auch nicht voll beftiedigende Verbesserung des Dynamits war der Zusatz von Nitrobenzol. Nach einer Mtteilung Prof. Eschweilers scheint aber nun eine Vervollkommnung des so wichtigen und gefährlichen Sprengmittels gefunden zu sein, die eine Lösung des Problems bedeuten dürfte. Dieses verbesserte Dynamit führt den Namen Dinitroglyzerin und ist ein Stoff ähnlich dem Sprengöl. Wenngleich es in Wasser etlvas löslicher und in der Sprengwirkung nicht ganz so stark wie Sprengöl ist, so hat es doch den Vorzug, weniger empfindlich gegen mechanische Einflüsse zu sein; es gelatiniert schon in der Kälte mit Kollodiumwolle und geftiert bei den Temparaturen, die praktisch in Betracht zu ziehen sind, nicht. Dieses verbesserte Dynamit wird durch Nietrierung des Glyzerins mit Salpetersäure allein gewonnen.— Notizen. — Richard Strauß' Oper„Salome" ist auch vom Wiener Hofopernthe ater erworben worden. Sie ivird in Wien am gleichen Tage wie in Dresden ihre Erstaufführung erleben.— — Die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums bleibt vom Montag, den 21. August, ab zwei Wochen ge- schlössen.— — I» Rom hat man alte, seit dem neunten Jahrhundert als Begräbnisstätten nicht mehr benutzte Katakomben wieder entdeckt. Die ausgedehnten, unterirdischen Räume enthalten Mosaiken und zahlreiche, handschriftliche Aufzeichnungen.— — Eine Uhren anla ge mit drahtloserUebertragung ist für die Stadt Wien geplant. Der Stadtrat hat bereits 3000 Kronen für Vornahme eines Versuches bewilligt.— — Eine Riesen-Talsperre will man in Sauerland, im Tale der Möhne errichten. Sollte das Unternehmen, da? vom Ruhr- talsperrenverein ausgeht, sich verwirklichen, so entstände ein Werk, das an Ausdehnung und Leistungsfähigkeit das größte Deutschlands wäre. Die Sperre soll sich über eine Fläche von 1000 Hektar er- strecken, mit einem Fassungsvermögen von 110 Millionen Kubikmeter Wasser, die einen normalen Abfluß von 10 Kubikmeter Wasser in der Sekunde ermöglichen und zur Erzeugung von 1700 Pferdestärken hinreichen würden. In Form eines Halbmondes angelegt, würde die Sperre 12 Kilometer lang werden.— — In Bodenheim bei Kreuznach leben fünfGeschwister namens Leber, die zusammen 428 Jahre zählen. Sie erfreuen sich sämtlich verhältnismäßig großer Rüstigkeit. Die einzelnen Lebensalter der fünf find 92, 89, 87, 83 und 77 Jahre.— Perantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LrCo..Berlin S W.