Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 164. Donnerstag, den 24. August. 1906 (Nachdruck verboten.) VI Daniel Innt. Roman von Hermann Stegemann. ..Und Euer Sohn, wenn er zu den Soldaten muß, zu den Preußen?" „Der L�on kann noch auf keinem Bein stehen. Ihr sagt ja selbst, in drei Jahren ist der Schuß draußen und der Preuß' aus dem Land. Warum echauffiert Ihr Euch, Monsieur Schuffenecker? Macht Euch kein böses Blut, das verschlägt Euch den Wein." „Daniel, ich versteh' Euch nicht," schrie Schuffenecker er- regt und stieß den Stuhl zurück.„Böses Blut, Himmel- donnerwetter, Ihr habt doch sonst auch kein Wasser in den Adern und fahrt auf wie Pulver, wenn's Funken gibt. Freund- chen, Ihr verschimmelt noch in der alten Barackel" „Baracke?" Daniel Junt stand plötzlich aufrecht. Seine Brauen drohten, die Zornader lief auf, und er ballte die Faust. Mit tonloser Stimme fuhr er fort:„Ihr habt recht, es ist eine Baracke." Und mit schweren Schritten durchmaß er die Stube, hörte nicht mehr auf das, was der Klavierstimmer nochjprach und trat endlich ans Fenster, lehnte die Stirn an die Scheibe und starrte in den Tag hinaus. Der Vogelbeerbaum an der Straße glänzte von roten Früchten. Eine Amsel schluckte gierig die mehligen Beeren, die Herbstzeitlosen wucherten auf den Matten, und in der Ferne, auf dem ersten Stein, gaukelte eine schlanke Gestalt, Floflo, die auf den breiten Rücken des Gramtbrockens hinaufgeklettert war und sich singend im Kreise drehte. Die Sonne glänzte am wolkenlosen Himmel, klar war die Ferne, man sah in jede Talschlucht, über Wälder und Wiesen ins Weite. Ties unten schiinmertc zwischen zwei dunklen Bergnasen ein Stück Ebene mit weißen Häusern und einem blitzenden Fluß. Eine weiße Wolke stieg, geballt wie eine Kugel, in mächtigem Drang aus der Tiefe und verschwand plötzlich in der leeren Luft. Es war der Dampf einer Loko- motive gewesen, die den Bahnzug auf der Talbahn auf- wärts zog. Der Klavierstimmer saß wieder an dem Instrument und spannte eine zerrissene Saite, das Mariele hatte schon lange den Tisch abgeräumt, Daniel stand noch am Fenster und starrte blicklos in die Ferne. Floflo tanzte noch als Erdwibele auf dem schwarzen Stein und sang ein eigenes Lied, und seine helle Stimme klang weit über die einsame Höhe. Dem Mann fuhr ein Schauer über die breiten Schultern. So lange die Frau lebte, hatte er die Einsamkeit nicht so stark empfunden. Er hatte den Drang zu schaffen nicht so heftig ge- spürt wie jetzt. An fünfundzwanzig Jahre saß er auf der Höhe, zwölf davon als eigener Haushalter, und immer mehr war das Bedürfnis nach stärkerer Tätigkeit, nach Schaffen und Werken in ihm gewachsen. Und seit die Louise unter dem Boden, das Kind aber im Korb lag, seit diesen, Augenblicke würgte ihn die tatenlose Ruhe, das stumpfe Jn-den-Tag-leben und kümmerliche Sorgen zum Ersticken. Da unten in La Motte war seit Jahren kein neues Dach aufgerichtet, und seit der Seuche, die im Kriegsjahr das Vieh heimgesucht hatte, war keine einzige Kuh mehr eingestellt worden. Sie hausten von heute auf morgen, vom Sommer auf den Winter und dachten nicht über ihre Nase hinaus. Ihn machte das nicht heiß und nicht kalt, aber daß sie ihm auch den Atem verhielten und auf seinen Plänen hockten wie die Schratzen, bis sie darunter er- stickten, das fraß an ihm. Sollte der Bub auch in der alten Hütte hausen, auf die er neue Ziegel und Schindeln kleben, die er mühsam zusammenhalten mußte, wie die Weiber ihre Zuber, wenn der Ostwind bläst, daß sie nicht aus den Reifen fallen I Das war ja kein Leben wert. Besser gleich die Füße von sich strecken und zu Grab fahren! Als am anderen Tage der Klavierstimmer über den Berg weiterzog, in anderen Vogesengasthäusern seine Kunst auszu- üben, fragte Daniel ihn noch um die Adresse eines Advokaten in Kolmar. „Oho, Monsieur Daniel, wollt Ihr prozessieren?" neckte ihn Schuffenecker erstaunt« „Mein Sach," antwortete er kurz. Er notierte sich die Adresse und fuhr in der nächsten Woche hinab nach La Motte. Der Maire saß daheim über einem Schnaps, als er kam. „Schau, der Dani! Ist Euch eine Kuh umgestanden, oder fahrt Ihr mit den Melkern ins Tal, noch vor Michaelitag?" „Das Vieh steht auf den Füßen, und wenn's mich Anno inundsiebzig oben gelitten hat, wo einem der Schnee am Dach stand, danach bringt's einen in keinem anderen Winter ins Tal. Die Sonne hitzt, die alten Weiber wollen auch noch ihren Sommer haben." Daniel setzte sich auf die Bank hinter dem Schiefertisch und wischte mit dem Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn. „Ein Kirsch zum Verkühlen," sagte der Bauer, und seine Tochter füllte dem Gaste das Glas. Durch die kleinen blinden Fenster der Stube brannte der Tag. Dichte Fliegenschwärme fuhren umher und erfüllten den niedrigen Raum mit einem geisterhaften Summen. Die alte Stockuhr auf der Kommode hinkte wie seit Jahren. Daniel kannte ihren knackenden Pendelgang. Eine Weile hockten sie stumm hinter den Gläsern, dann sagte der Maire, indem er seinem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck gab: „Alsdann, was gibts auf dem Hof neues?" Daniel antwortete mit dem gleichen verschlossenen Gesicht: „Er hält noch zusammen." „Wohl, wohl." „Bis die Gemeind baut," fuhr Daniel ruhig fort. Der Wiesbauer zuckte die Achseln, als wollte er sagen: da sind wir wieder so weit. Daniel tat, als sähe er die Bewegung nicht. „Zwei Winter mag's noch angehen, ini Frühjahr danach muß es sein. Die Gemeind baut, ich zins' mit fünf vom Hundert." „Die Gemeind hat keinen Sou zum Verspekulieren. Alles geht hinter sich, seit der Preuß im Land ist. Die Franken wachsen nicht im Hag." Jetzt zuckte Daniel die Achseln. „Ich diskütier nicht mit Euch. Der Gemeinderat spricht. Fünf vom Hundert und Fünfhundert Franken mehr für die Pacht. In der. nächsten Sitzung bring ich's vor. Ihr seid avisiert." Er stand auf und streckte dem Maire die Hand hin. Dann mit einer Bewegung nach dem Glase: „Schön' Dank und macht mir Bericht, wenn's so weit ist." „Ihr beißet darauf, wie die Mucken auf d' Roß," erwiderte der Bauer, und ihre Hände lagen kalt ineinander. Der Bürgermeister blieb auf der Schwelle stehen, bis Daniel aufgestiegen war. Als der Bergwirt den Gaul wandte und die Gasse hinunterfuhr, rief er ihm nach: „He, hinterwärts geht's heimzu!" Da deutete Daniel mit der Peitsche ins Tal, wo die Schwüle des heißen Spätherbsttages als rötlicher Dunst über der Ebene hing, und entgegnete: „Und da geht's zum Notaril" Und talab trabte der Joli. 4. Acht Tage nach dem Engelfest wurden die Fermen der- lassen. Da trieb auch der Daniel Junt sein Vieh bis auf zwei Milchkühe zu Tal. Der Melker ging mit der Sommermagd jauchzend hinterdrein, und dem Mariele war das Herz schwer, als Ueße es seine Heimat zurück auf dem Berg. Daniel sah sich nicht nach ihm um. Finster blickte er auf die breiten glänzenden Rücken des absteigenden Viehs. Wenn der Sepp mit der Geißel klöpfte, zogen sie die Füße schneller durch den weichen Grund. Der Nebel hing als Tau an Gräsern und Bäumen, und weiß stach die Sonne durch die Dünste. � Am Mariabaum scheuerte sich die Leitkuh das Fell, warf den Kopf in die Höhe und brüllte laut. Ihre Glocke klang hell, und ans der Ferne kam ein Echo. Talab drängte daS Almvieh. Die Fermen standen leer vom Tännchel bis zum Kahlen Wasen. Nach Osten und Westen, inS Elsaß und auf di« Welsche Seite zogen die Melker, wie seit unvordenklichen Zeiten, und die Dorfställe füllten sich mit dem glänzenden, von Alp- gras und Bergluft gerundeten Vieh. Einsam lagen die Alp- weiden, verschlossen die Hütten, nur wo gewirtet wurde, wie auf dem Florimont, am Weißen See, an der Schlucht und auf dem großen Bclchen, da blieb Leben unter den grauen Dächern. Daniel hatte vor der Wettereiche dem Sepple die Geißel aus der Hand genommen. „Bleib und nimm das Kind mit heim, ich geh mit hin- unter." Der Knecht traute seinen Ohren nicht, der Meister aber rief Floflo, die mit einem Buchenzwcig hinter der Bläß her- trottete. Sie jauchzte wie ein Melkerbub, und er hieß sie heimgehen. „Laß mich mit ins Dorf, Batterie!" „Nein, bleib Du nur da oben." Und der Sepple zog es am Zopf und sagte: „He, hüstherum, Kälble!"� Da tat es einen großen Seufzer, kitzelte die Blässe noch einmal mit dem Laubzweig und stapfte dann neben dem Knecht wieder heiin zu. „Warum führt der Vater das Vieh auf La Motte?" fragte Floreuce nach einer Weile, als sie zwischen den Zwergkiefern aufwärts stiegen. „Er meint, es gäb einen strengen Winter und will keine Leut auf dem Hof haben bis im Märzen." „Gar keine? Und Du, Sepple?" „Ich bleib unten beim Vieh." „Und der Joli und wir?" „Ja, für's Roß und für die zwei Schwarzen, wo Euch die Milch geben, sorgt der Vater selber. Und Du und's Nettele und die Catherine, Ihr bleibt selbander oben." Die Sonne hatte es aufgegeben, die Dünste zu verzehren. Ihre blasse Scheibe verschwand, und nun füllten sich die Täler nnt weißen Wogen, die langsam dahinrollten und Dörfer und Rebhalden, Wälder und Weiden bedeckten, bis nur noch die Gipfel und Kuppen sichtbar waren. Lange, seidige«strähnen strichen durch den Kiefernbusch und umwoben die Arven, die zerstreut auf der Matte standen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ihre 6he. Von M. Gregory. (Schluß.) Massöng gelangte tamnelnd aus dem Wirtszimmcr, auf jeder Seite hatte er eins seiner Kinder. Käthe weinte den ganzen Weg über. Fritz hielt des Vaters Hand fest, um ihn zu stützen. Einen Jungen, der sie anulkte, schlug er ins Gesicht. Zu Hause empfing sie die Mutter mit:„Du Trunkenbold! Schämst Du Dich nicht vor Deinen Kindern? Pfui Teufel, so ein Mann". „Warum— warum— hast en, hast en— en denn genommen?" „Schweig! O Du. Du 1 1" „Mutter, ich glaub, dem Vater ist es ganz schlecht... Sieh mal, er weint so," sagte Klein-Käthe schüchtern... Am anderen Tage fragte Frau Massong die Kleine, Ivo sie denn mit dem'Vater gewesen sei. «Dort, weit unten in einer Wirtschaft. Sie hat son komischen Namen:„Im grünen Zweig". Mutti, da wars aber schön. Die Dora hat mir auch mal über die Backe gestreichelt. Aber wie der Vater sie streicheln wollte, da hat sie ihm auf die Finger ge- schlagen." „WaS war denn das für eine Dora?" „Die hat uns immer Bier gebracht. Und nachher haben alle Leute so gelacht." „Warum venu?" „Ich weiß nicht. Ich Hab dann immerfort geweint."— Als Massong abends nach Hause kam, war er in der rosigsten Laune. „Du, Christine, ich Hab Dir auch was mitgebracht. Sieh mal, gefällt Dir der Stoff?" „Aber worfür bloß? Fetzt werde ich mir doch kein neues Kleid machen lassen." „Na denn nicht.— Du, ich habe heute ein brillantes Geschäft Shabt. Wenn's so weiter geht, ziehen wir noch ins Vorderhaus. urrahl Kinder, das soll was werden." „Ach geh doch! Schrei nicht so. Ich habe sowieso Kopf- schmerzen." „Armes Ding. Schon wieder? Willst Du nicht zum Arzt gehen?" „Dir wäre da? schon recht. Ich glaub' es." »Aber natürlich, „Ja, natürlich. Damit nur ja bald Platz für die andere wird.'' Massong betrachtete die Erregte verständnislos. „Was ist? Was hast Du schon wieder?" Dann schlug sein gutmütig fragender Ton um und er brach loS:„Nun ists aber genug. Mach' mich nicht verrückt. WaS willst Du eigentlich von mir? Ich bin doch kein Verbrecher. Was, zum Teufel, ist denn nur in Dich gefahren?!" „Latz nur, laß nur. Brauchst gar nicht so zu schreien. Geh und amüsiere Dich ruhig weiter mit Kellnerinnen und gefälligen Mädchen, derweil Deine Frau mutterseelenallein hier oben sitzt— geh nur— geh und amüsiere Dich— ich bin's ja schön längst nicht besser gewohnt." Christine brach wie stets nach solchen Szenen in heftiges, krampf» Haftes Weinen aus. Hubert sprang auf, warf in wütender Hast seinen Swhl um, schmiß die Türe krachend hinter sich zu und stürmte auf die Straße. Luft. Luft. Es war ihm zum Ersticken eng und heiß geworden. Noch einen Augenblick das verzerrte Gesicht seiner Frau vor Augen, und er würde sich an ihr vergriffen haben. Wie abstoßend häßlich, eckig sie in der Erregung wurde! Er haßte sie beinah. Mit trotzigem Entschluß ging er in den„Grünen Zweig", wo die kokette Dora allen Gästen freundliche Blicke schenkte. Es war ganz leer in dem Wiriszimmer. „Bring' mir Bier!" „Seit wann sind wir denn per Du?" „Ach was. Zier Dich nicht. Bei anderen bist Du auch nicht so zimperlich. Ich hab's wohl gemerkt." „Trotz des Dusels?" höhnte sie.... Ihr glatt anliegendes Kleid, das über der vollen Brust spannte, ließ am Hals einen kleinen Ausschnitt frei, aus dem verheihungs- volle, rosige Haut hervorschimmerte. „Doral Doral" rief Massong nach einer Weile, als sie gerade angefangen hatte, hinter dem Schenktisch Gläser zu spülen. „Gleich, gleicht Ist's denn so eilig?" „Ich will ja kein Bier. Sie sollen kommen. Ich möchte Ihnen etwas sagen." „Kommen Sie doch zu mir, wenn Sie was wollen." Massong beobachtete sie gierig. Dies Weibl Jede Bewegung voll und kräftig. Dabei ein fort- währendes raffiniertes Vorbeugen, das ihm stets den lockenden Hals- ausschnitt vor Augen brachte. „Wenn ich aber komme.." „Hahahal" lachte sie herausfordernd.„Was dann wohl wäre?" Massong sprang auf. Sie lachte ihm kokett entgegen. „Na— na— und nun? Was wollen Sie? Gehen Sie nur ruhig wieder an Ihren Platz— sonst rufe ich laut um Hülfe!" Und Massong kehrte wirklich um. Ein Glas Bier nach dem anderen stürzte er hinunter. Als es zwölf Uhr war— Gäste waren gekommen und gegangen, und Dora hatte mit allen gelacht, mit allen kokettiert— flüsterte Massong mit lallender Stimme: „Dora— Dora, komm mit." Sie lachte ihn aus. „Zu Ihrer Frau? Sie sind ja betrunken." � „Ich— ich— will es aber." „Lassen Sie meine Hand los. Schämen Sie sich. Ein ver- heiratete c Mann und redet so was daher!" Massong fing plötzlich an zu weinen_wie ein Kind. „Nu wird's aber Zeit. Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen." ..Ich— ich—" stotterte er,„ich halte— halte es da nicht mehr aus." Dora sah ihn ganz verblüfft an. Massong aber warf sich mit dem Kopf auf die schmierige Tisch- platte und weinte. „Na na— so schlimm wird's schon nicht sein. Sagen wir mal: morgen Abend. Dann habe ich frei." Er riß sie an sich. „Sag' heute! Heute!" Dvras Haar war zerwühlt und ihr Gesicht glühte. „So'n großer, starker Mensch wie Du.." wunderte sie sich. Von dem Abend an zeigte sich Massong auf einmal wieder von seiner besten Seite. Er war so besorgt und liebenswürdig, gab seiner Frau in so versöhnlicher Weise in allem nach, daß Christine allmählich anfing, sich in das unvermeidlich Kommende, Werdende zu fügen. Ja, es kam sogar vor, daß sie ihrem Mann wieder mit der früheren Herz- lichkeit entgegen trat. Eines Morgens sagte die kleine Käthe: „Du Mutti, Du bist so lieb!" „Ja, hast Du mich lieb?" „Ach, so— so ganz schrecklich lieb. Hast Du jetzt gar kein« Kopfschmerzen mehr? Du, der Fritz hat auch gesagt, er wäre so froh, daß Du nicht mehr immer so dasitzt und nicht mehr immer und immer weinst!" „Gute, liebe, kleine Käthe." Es klopfte. Eine ältliche Frau mit großem Marktkorb trat ein- „Ach, Frau Schmitz?! Daß Sie wieder mal den Weg zu mir finden?!" „Ich komme gerade vom Markt hier vorbei. Und da dachte ich: — 655 tblüft doch die Frau Massong besuchen und sehen, wie eS den lieben Kinderchen geht." Christine wischte eifrig mit der Schürze über einen Stuhl. «Trinken Sie eine Tasse Kaffee?" „Ja. Warum nicht, wenn man's haben kann. Wie groß die Käthe wird! Komm, gib mir ein Händchen!" Die Kleine versteckte sich scheu hinter Mutterns Schürze. „Magst Du denn die Tante nicht?" frug Frau Massong. „Nein," flüsterte Käthe und sah die Mutter ängstlich dabei an. Christine wußte gar nicht, was sie in ihrer Verlegenheit sagen sollte. „Entschuldigen Sie, Frau Schmitz. Kinder sind so unberecheM bar. Immer vor Fremden zeigen sie sich von der schlechtesten Seite. Käthe weiß gar nicht mehr, wer Sie sind. Sie waren auch so lange nicht hier!" „Ja, ja. Man merkt's," sagte Frau Schmitz mit einer unver- kennbarcn Schadenfreude in der harten Stimme.„Also schon wieder was? Wohl das siebente. Halten Sie das denn aus?" „Ich weiß nicht," machte Christine mechanisch.„Aber trinken Sie doch, Sie haben ja noch gar nicht getrunken." „Gleich, gleich!" „Und was gibt's denn sonst neues?" „Neues? Nichts. Nein, wahrhaftig, gar nicht». Ach so. Der alten Müller ihre Tochter ist mit'nem Schreiber durchgegangen... ja, und denken Sie nur, der Franz Lenzen, der das schöne Spezerei- geschäft hatte,— der macht Bankrott— den haben auch die Frauen- zimmer auf dem Gewissen. Bei denen kann man sein Geld los werden. Ach, was ich noch sagen wollte: was macht Ihr Mann nur immer in dem„Grünen Zweig"? Na, na.. Ich sage bloß, dem besten Mann ist nicht zu trauen, wenn so ein Weibsbild im Spiel ist wie die Dora— die macht sie alle verrückt." „Mein Mann?! Ich weiß nichts davon. Im„Grünen Zweig?" „Aber Mutti," fiel die kleine Käthe altklug ein,„da waren wir doch neulich— neulich Sonntags. Weißt Du's denn nicht mehr?" „Na ja. Also, ich will ja bei Gott nichts gesagt haben— aber wie gesagt: passen Sie auf. Die Leute munkeln so allerlei. Na, aber wie gesagt, ich habe nichts gesagt. Ach, ja.— Gott— da sitze ich hier und schwatze und muß doch nach Hause. Sonst hat mein Mann ja heute Mittag nichts zu essen." Als Krau Schmitz gegangen war, ließ Christine sich ganz er- schöpft auf einen Stuhl vor dem Küchentische fallen. Also das war's! Das! Daher die Liebenswürdigkeit! Daher die zärtliche Besorgnis! Damit sie nicht mißtrauisch werden sollte! „Mutti, hast Du wieder Kopfschmerzen?" „Laß mich, laß mich in Ruh!" schrie die Mutter gequält, und Käthe verkroch sich furchtsam neben den: Ofen. Das mußte ein Ende nehmen— so— oder so— Als Massong abends nach dem Essen noch ausgehen wollte, frug Christine anscheinend ruhig: „Wohin willst Du denn jetzt noch? Die ganze Woche über warft Du Abend für Abend aus. Und keine Nacht kommst Du vor zwei Uhr nach Haus. Bleib' doch einmal hier. Ich sitze immer so allein!" „Nein, Christine, ich kann heute nicht. Ich habe es versprochen und muß noch raus." „Wohin denn?" „Frag' doch nicht." Es war ihm sichtlich unangenehm. „Ich will Dir's sagen. Ich weiß es ja doch Mich betrügen willst Du mit der Dirne aus dem„Grünen Zweig". Mich hinter- gehen mit solchen Frauenzimmern. Wenn ich sie erwische— dann gnade ihr der Himmel— dann soll sie mich kennen lernen. Hier meine zehn Nägel will ich in ihr Gesicht einbrennen. Damit Du's nur weißt."/ Christine zitterte und schwankte, day sie sich an den Küchen- schrank festhalten mußte. „Weib! Hält's Maul! Oder ich schlage drein!" überschrie sich Massong schuldbeivußt. „Schlag doch! Schlag doch! Ich schreie es dennoch in alle Welt. Du Ehebrecher! Du! Du!--" Halb sinnlos vor Wut gab Miassong dem stöhnenden Weib einen Faustschlag vor die Brust und lief hinaus. Tie Kinder waren von dem Lärmen wach geworden und riefen: „Mutter! Mutter!" Die aber lag vor Schmerzen jammernd neben den: Tisch und umklammerte verzweifelt die hölzernen Beine. Gegen 12 Uhr zog sie sich an und ging an den„Grünen Zweig". Die Straße war fast gar nicht beleuchtet, man unterschied kaum Fahrlveg und Trottoir. Gegenüber der Wirtschaft verkroch sie sich auf der obersten Stufe einer dunklen Treppennische, in der die Dunkelheit mit ihrer Gestalt zusammenwuchs. Von da aus beobachtete sie jeden Gast, der aus der Schenke heraustrat. Sie fror vor innerem Fieber. Glühende Schauer liefen ihr über den Rücken. Kein Gedanke als: ich muß sie erwischen— büßen soll sie... büße»! Gegen%1 Uhr kam Massong die Türe heraus. Er ging ein Paar Minuten unsicher stolpernd auf und ab. Christine krümmte sich ganz in die Dunkelheit hinein. Er flötete.... Und dann kam ein Mädchen, etwas kleiner als er, kräftig und voll gebaut mit einem hellen Tuch um die Schultern.„Dora!" riek Masiona„Wo bleibü Du so lang?" „Was willst Du noch? Habe ich Dir nicht drirmen schon ge- sagt, daß ich nicht mehr will? Du bist lästig. Ich mag nicht mehr. Ich bin's satt. Hörst Du? Geh zu Demer Frau. Ich bin es satt ein für allemal!" „Dora! Dora! Sei doch vernünftig!" „Nein!" Wütend stampfte sie mit den: Fuße. „Aber ich will. Hörst Du? Ich will!" Nun standen sie vor Christine, die sich krampfhaft gestreckt hielt und nicht zu atmen wagte. „Ich will!" Dabei packte er das sich sträubende Mädchen um die Taille und riß es an sich.„Wie, kratzen willst Du? Kätzchen will kratzen?— Du— Du—, ich bin ja doch stärker." Er zog sie auf die Treppe. Christine wollte schreien, aber ihre Kehle war ausgedörrt— sie wollte auf die beiden losstürzen— aber ihre Füße wurden starr und steif und wollten sich nicht von der Stelle bewegen... „Hubert!" Dann fiel sie wimmernd zusammen. Massong fuhr auf.„Was war das?" Er lief die paar Treppenstufen hinauf und tastete mit der Hand durch die Dunkelheit, aus der sich zerrende Nägel in seine Haut hineinrissen. „Du! Anspucken will ich Dich!— Hierbleiben!" überschrie sie sich plötzlich.„Du sollst mir doch nicht entgehen!" Im Nu raste sie die Treppe hinunter und hinter der fliehenden Dora her. Die Verztveiflung lieh ihr dreifache Kräfte. Nach wenigen Sekunden schon hatte sie das Minbcheu eingeholt und an dem wehenden Ende des über der Brust festgesteckten Tuches erfaßt. Dora stieß sie zurück, trat mit den Füßen und wehrte sich aus Leibeskräften. Vergebens wollte Hubert seine Frau zurückreißen. „Hab ich Dich endlich— Deine schöne Fratze." Wahnsinnig kratzte sie ihr mit den Nägeln durch das Gesicht, bis Hubert endlich mit Anspannung aller Kraft sie zurückzerrte und ihr einen Stoß gab, der sie in weitem Bogen in den Fahrweg trieb. „Dora— Lieb— was hat sie Dir getan?" „Weg! Sag ich! Oder ich schlage Dir ins Gesicht." Als er nicht nachließ in sie zu drängen, stieß sie ihn wie einen lästigen Hund von sich, daß er taumelnd gegen die Mauer fiel. Dann lief sie fort. Hubert machte erst ein paar Laufschritte hinter ihr her. Tann blieb er stehen. Es hatte ja doch keinen Zweck. Christine saß wie betäubt auf einer Treppe und starrte in die Dunkelheit. Nun war alles aus. Als Hubert an ihr vorüberkam, herrschte er sie barsch an: „Steh auf! Mach, daß Du nach Hause kommst!" Wie er das Weib haßte, ihren schleppenden, watschelnden Gang, ihre ganze unglückselige Figur! An der nächsten Wirtschaft ließ er sie allein. Christine Ivankte nacki Hause ohne irgend ein Gefühl als daS einer grenzenlosen' Beschämung. In der Küche war es dunkel. Alles dunkel. Die Kinder aber waren wach und weinten laut. „Mütter! Mutter! Wo bist Du denn?" Da stürzte Christine an ihr Bett und weinte träncnlos. Im Dunkeln legte sie sich in das breite Ehebett. So sollte das Leben also weiter gehen. So. Immer schlimmer würde es sich gestalten, je weiter ihr Zustand voranschritt. Er würde zu anderen gehen. Zu der Dora... Nie war er so zärtlich zu ihr gewesen, nie— nie. Wie er sie beschimpft hatte vor der — vor so einer. Mitten in der Nacht stand sie auf. Schlich durch das dunkle Zimmer. Tastete sich bis ans Fenster. Alles ruhig. Ein Hund im Hofe begann zu heulen— langgezogene, klagende Laute-- Sie ritz das Fenster auf. „Mutti— Mutti—" sagte eine träumende, unklare Mädchen- stimme,„hast Du wieder Kopfschmerzen? Wein doch nicht. Ich Hab Dich so lieb— Mutti— liebe Mutti— Du sollst nicht fortgehen — Bleib doch hier— Ich furcht mich ja so..." Da sank Christine auf die Kniee. Heiße Tränen brannten über ihr Gesicht. Nein, nein...DaS nicht. Niemals I Was sollte denn aus ihren Kindern werden? AuS ihren armen Kinderchen?... �„ Und langsam tastete sie sich in das breite Bett zurück.— kleines feiriUeton. cK. Trübe Zeiten für die Sarbinenfifcher in der Bretagne. Aus Paris wird berichtet: Die Ergebnisse der Sardinenfischerei in Douarnenez sind sehr schlecht, und die Fischer denken mit Schrecken an das Elend, das sie vor drei Jahren zu ertragen hatten. So berichtet der Korrespondent des„Matin" aus dem Mittelpunkt der Sardinenindustrie, von der die Küstcnbcvölkerung dreier Departements lebt. Mit jedem Jahre werden die bretonischen Fischereien weniger ertragreich. Die Lage wird dadurch noch ver» schlimmcrt, daß die als Köder gebrauchte» gesalzenen Eier de» Kabeljaus in der Hand eines Trusts sind, der von den Fischern SV bis 70 SR. für die Tonne verlangt; ein einziger Fischer braucht ein Faß täglich, wenn er Erfolg haben will. Jetzt bemüht man sich, einen Ersatz für den Rogen zu finden. Der Köder hat nur den Zweck, die Sardinenschwärme an die Oberfläche zu ziehen, da sie dann ohne Schwierigkeit in Netzen gefangen werden können. Bis jetzt hat sich eine hellbrennende Acetylenlampe als bester Ersatz er. wiesen; einige Fischer halten sie für sehr wirksam. Die Methode ist aber noch nicht genügend erprobt worden, da die Besitzer der Sardinenschiffe sich diese teure Ausgabe nicht leisten können. Die versuche, den Trust zu überwinden, sind bis jetzt völlig mißlungen, und es liegt daher die Gefahr vor, daß die Sardinenuidustrie, die bis jetzt viele tausend Familien ernährt hat, völlig dem Untergange geweiht ist.— „Ringelbäume". Man findet hier und da in den Waldungen einzelne Bäume, die eine Reihe wulstförmiger Ringe zeigen, so daß sie ein bambusähnlichcs Aussehen erhalten, während sie sich im übrigen von völlig gesunden Stämmen nicht unterscheiden. Jene Ringe sind durch Spechte erzeugt worden, die ihren Scknabel an nebeneinander gelegenen Stellen in das Holz einschlugen: durch den Wundreiz wird eine lebhafte Tätigkeit der unverletzt gebliebenen Zellen der Kambiumschicht angeregt, die zur Entstehung einer Ucber- Wallung, eine? die Wunde verschließenden Wulstes führt. Jahraus, jahrein besuchen die Spechte dieselben Bäume und dieselben Ringe, schlagen neue Wunden, und der gleiche Heilungsvorgang setzt von neuem ein. Welchem Ziele dieses sonderbare Verfahre»! der Tiere dient, das ist eine noch immer streitige Frage. Gilbert Fuchs, der sie neuerdings in der„Naturwissenschaftlichen Zeitschrift für Land- und Forstwirtschaft" eingehend erörtert, pflichtet auf Grund eigener Beobachtungen und Untersuchungen der Anficht bei, daß der Genuß des Baumsaftes der Zweck des ganzen Tuns sei. Dafür spricht z. B. der Umstarid, daß die Ningelung nur im Frühjahr erfolgt, wo das Anbohren die größte SaftauSbcute verspricht. Oft finden sich die Ringwulste auch nur an der Soitncnseite des Stammes, wo sich für den Saftfluß besonders günstige Bedingungen darbieten. Aber sind die Spechte wirklich solche Leckermäuler, wie es hier angenommen wird? Es spricht zugunsten dieser Ansicht, daß einige ihrer Verwandten in Amerika gleichfalls„ringeln" und daß auch dort die Meinung verbreitet ist, sie täten es des Sastgcnusses wegen. Die Zunge dieser Spechte hat allerdings keine Widerhaken, wie die der heimischen, sondern ist nur mit Borsten besetzt, so daß sie sich weniger dazu eignet, Würmer aus dem Holze herauszuziehen. Auch nach Obst, Maiskörnern, Erbsen sind manche der amerikanischen Angehörigen der Spechtfamilie sehr begierig, so daß sie als schädlich betrachtet und verfolgt werden.— Medizinisches. br. D i e Eigenschaften des kalten Seebades. Das kalte Seebad reizt viel intensiver als die Seeluft; der bekannte Badearzt Dr. Lindcmann in Helgoland verlangt daher, daß das- selbe mit etwas größerer Vorsicht genommen werden sollte, als dies gewöhnlich geschieht. Die chemische Wirkung des Calz» Wassers(in der Nordsee sind 3—3ü Proz., in der Ostsee 1— 2 Proz. Salze) ist sehr stark. DaS Salz wird zwar nicht durch die Haut aufgesogen, wirkt aber als starker Reiz auf die Nerven, die ihrer- seits wieder die inneren Organe beeinflussen, sie kräftigen und be- leben. Aber auch die mechanische Wirkung durch den Wellenschlag spielt eine große Rolle. Die brandende Woge braust auf den Körper hernieder, auf den in seiner Gesamtheit ein starker Reiz einwirkt. Bald strömt das Blut von der Oberfläche nach den inneren Organen, bald wieder zurück. Durch diese gesteigerte Blut- Zirkulation werden Blutstockungen gehoben, krankhafte Verflebungen im Körper zerrissen. Der Kampf mit der Welle ist immer eine allgemeine Gymnastik des ganzen Körpers. Aus dieser Wirkungs- weise ergeben sich auch die Grenzen für den Gebrauch kalter See- bader. Der Kältereiz auf die Haut wirkt noch außer dem chemischen und mechanischen, und die Summe dieser Reize, die die Blut- Zirkulation so sehr anregen, kann für das leistungsschwache Herz eine Ueberlastung bedeuten, oft so stark, daß ein sogenannter Herz- schlag die Folge sein kann. Deshalb sollte niemand, der sich nicht über die Funktionstüchtigkeit seines Herzmuskels vergewissert hat, kalte Seebäder nehinen, vor allem nicht Bader von langer Dauer.— Aus dem Tierleben. ie. Klettern d e Stachelschweine. Die Stachelschweine xebören trotz ihrer geringen Größe zu den imposant wirkenden Säugetieren. Ihr schön gefärbtes, nach allen Seiten hin strahlendes Stachelkleid verschafft ihnen nicht nur bei den Tieren, sondern auch bei den Menschen einen gewissen Respekt, vielleicht bei letzteren sogar in höhcrem Grade, weil die vierbeinigen Feinde der Stachelschweine besser gelernt haben, die Gefahren der sonderbaren Verteidigungs. Waffen zu vermeiden und ihrem Träger doch zu Leibe zu gehen. Daß die Stacheln nicht nur zur Defensive, sondern auch zum An- griff dienen sollen, indem sie von ihren übrigens zu den Nagetieren und nicht zu den Schweinen gehörigen Besitzern regelrecht abge- schössen werden, ist eine Sage, die eben auch auf der Aengstlichkeft des Menschen beruht. Sie dienen dem Tier einmal dazu, ein rasselndes Geräusch auszuführen und einen unerfahrenen Gegner dadurch zu erschrecken; außerdem selbstverständlich auch dazu, einen verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Feind, der sich trotzdem auf den Angriff verlegt, nach Möglichkeit za verwunden. Dabei sträuben sich die langen, harten und spitze» Stacheln ebenso wie bei dem in sehr viel geringerer EntWickelung mit einem gleichen Verteidigungsmittel begabten Igel. Eine be» sonders merkwürdige Gruppe der in allen Erdteilen mit Ausnahm« Australiens vorkommenden Stachelschweine sind die Kletterstachel» schweine, die auf Amerika beschränkt sind. Ihr nordamerikanische« Vertreter ist der sogenannte Urson, dem wegen seines schmackhaften, angeblich auch für einen europäischen Gaumen angenehmen Fleisches seit langem nachgestellt worden ist, so daß die Tiere jetzt ziemlich selten geworden sirid. Der Urson ist ein Stachelschwein von statt, licher Größe und namentlich durch einen ansehnlich entwickelte» Schwanz ausgezeichnet, der fast den vierten Teil der Körperläng» ausmacht und gleichfalls mit starken Stacheln bewehrt ist. Diese» Schwanz dient dem Tier danach hauptsächlich als Waffe, uird zwa» um so besser, als die Stacheln lose sitzen, also im Fleisch d«S ge» troffenen Angreifers haften bleiben. Am häufigsten findet sich de» Urson noch in den Wäldern westlich vom Missouri und erregt bei jedem, der semer zufällig ansichtig wird, durch seine ausgezeich- neten Kletterkunstftücke Aufsehen. Nachdem die Indianer als Ver- folger dieser Baumstachelschwcine wenig mehr in Frage kommen, haben ihre Nachfolger in diesen Gebieten den Kampf gegen den Urson mit ziemlicher Lebhaftigkeit fortgesetzt, und man kann es ihnen nicht verdenken, weil das Tier den Wäldern aufs äußerste schadet. Namentlich im Winter, wenn der Urson sich überhaupt nicht auf die Erde wagt, vernichtet er Hunderte von Bäumen, deren Rinde er mit den Zähnen wie mit einem Messer abschält; und diese Ver» nichtungSarbeit ist um so wirksamer, als sie sich gerade den jüngsten Bäumen zuwendet. Wenn die Amerikaner jetzt im Begriff sind, end- lich eine verständige Forstwirtschast einzuführen, werden sie auf die Klcttcrstachelschweine ein scharfes Auge haben müssen, und dadurch werden die Tiere immer seltener werden. Der Urson muß übrigens eine fabelhaste Kraft in seinem Schwanz besitzen, denn nach Versuchen, die Brehm mit ihm angestellt hat, dringen die Stacheln bei einem Schwanzschlag sogar in festes Holz ein. Ein Tier, das mit einer Pfote oder gar mit seiner Schnauze etwa gerade zwischen den Schwanz und den Rücken eines solchen Stachelschweines gerät, bekommt sicher einen Denkzettel, an den es für sein ganzes LÄien eine Erinnerung zurück- behält. Der Berliner Zoologische Garten besitzt ein paar dieser amerikanischen Tiere.— Humoristisches. — Anknüpfung.„Mein Fräulein, verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich habe Ihnen aber Grüße von meinem Freund Gustav Meyer zu bringen." „Gustav Meyer, den kern« ich ja gar nicht!" „Nicht? Dann gestatten Sie, daß ich Ihnen ein bißchen von ihm erzähle. Er ist so ein lieber Kerl!"— — Zaghaft. Barbierlehrling(nachdem er den Fremden auf der rechten Wange viermal geschnitten hat):„Wollen Sie die andere Hälft' auch noch rasiert haben?"— („Lustige Blätter".)] Notizen. — An der staatswissenschastlichen Fakultät der Universität Zürich tritt im nächsten Semester eine neue Promotions- ordnung in Kraft, wonach künftig mit Rücksicht auf die in den letzten Jahren neu aufgenommenen Unterrichtsgebiete der Handels- Wissenschaften»md Journalistik statt wie bisher zwei, drei Doktortttel, nämlich: Doktor der Rechte, Doktor des öffentlichen Rechts und Doktor der Volkswissenschaft verliehen werden. Die Zulassung zur Doktorprüfung hängt von einem mindestens zweisemestrigen Studium an der Züricher Hochschule ab.— — Otto Erters Schauspiel„St. Peter" wird in dieser Spielzeit die Uraufführung im Hoftheater zu Dresden erleben.— — DaS romantisch» Soldatenspiel„Der Panzer" von Hermmm HeyermanS ist vom Wiener Volkstheater erworben worden.— — DaS im Bau befindliche Metropoltheater ln BreS- lau wurde von einem Berliner Konsortium von September 190« auf zehn Jahre gepachtet. DaS Theater soll nach dem Vorbild des Berliner Schiller-TheaterS geleitet werden. Witte-Wild wird Direktor.— — Eduard Grützner hat für die Aufführungen des „E ommerna chts traumS" am Hamburger Schau» spielhaus die Figurinen gezeichnet.— — Der Münchener Glasmaler Karl Ule ist als Professor an die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe berufen worden.— — Im St. Andrews» Krankenhause zu Northampton in England ist ein Geisteskranker der tödlichen Wirkung der Eiben« nadeln zum Opfer gefallen. Er hatte heimlich während eines Spazierganges m den Privatanlagen des Asyls Nadeln der Eibe gegessen und sich damit vergiftet. Vorwärts Buchdruckerei u. Verlag San staltPaul Singer LeTo., Berlin SW,