NnterhaltungsSlatt des Horwärts Nr. 165. Freitag, den 25. August. 1905 (Nachdruck verboten.) 103 Daniel jfunt. Roman von Hermann Stegemann. ..Jetzt ist wieder die Erdwibele-Zeit," sagte das Kind und drückte sich dichter an den Alten. »Ja. jetzt gehen sie wieder ihre Leinwand an die Bäume hängen. Und dann stiegen die weihen Fäden," erwiderte der Knecht. „Sag, verzähl mir, Sepple, ist's wahr, das von dem See?" flattierte Floflo dem Wortkargen und wies mit der Hand in die Ferne, über den Tannengrund und den Kreuzbühl, wo der biantsede m&ts*) auf dem Reisberg schlief. „Die Catherine, die weiß alle Altcweibergeschichten, die verzählt Dir vom Weißen See und von dem goldenen Wagen, wo drin liegt und alle Jahr in der Johaunisnacht aufs Land rollt und was das für dumme G'späß sind." „Ttunme G'späß?" fragte Florence klagend. „Ein goldener Wagen, und wer ihn Johanni in der Geisterstund packt und so weit auf den Berg heraufzieht, daß er Stand hat, eh' es in Orbey eins schlägt, der führt ihn heim! Zwei Brüder aus Paris haben's einmal gewagt. Der See hat sie behalten." Der Knecht bröselte es vor sich hin und schleifte das lahme Bein durchs feuchte Heidekraut. Das Kind schwieg eine Weile. Es war so still, daß das Wasser im Brunnentrog bis zu ihnen herrauschte und gurgelte, als das Haus noch klein und grau über ihnen am Wegrain hockte. Auf einmal tat Floflo einen tiefen Atemzug. „Aber der Vater, wenn der will, der führt ihn heim," sagte es, und seine Stimme hatte einen warmen Klang. Der Sepple druckste vor Lachen, aber unwillkürlich machte er den Buckel krumni, als spürte er die Faust des Daniel über sich. So schritten sie selbander zur Höhe. Kühl kam die Lust über den Grat, und als der Knecht mit dem Kinde den Hof erreichte, lag ein feuchter Glanz auf Floflos Haar. Hinter ihnen schritten die Ncbclfrauen. In der Nacht begann es zu regnen. Eintönig rauschte es hernieder, klopfte und polterte in den Dachrinnen, lief tropfend ums Haus und sang im Tannenwalde, wo höhnisch der Kauz schrie. Am Tage darauf blies der Nordwind, große Flocken tanzten leicht zwischen den schweren Tropfen, und eine setzte sich Floflo auf die ausgestreckte Hand. Es hatte lange auf der Schwelle gestanden und schoß nun mit dem Schnee- stern in die Stube. „Lug, Nettele, das ist gewiß eine von zu oberst aus dem Himmel, so groß ist sie." Aber als es der Mamsell die Flocke zeigen wollte, war sie verschwunden. Ein Tropfen rann zwischen den Fingern herab und traf den kleinen L6on, der auf Netteles Schoß lag, auf die Nase. Da lachte Floflo und tanzte von einem Bein aufs andere, indem es die Hände zusammenschlug und sang: „Tschuk, tscbuk, tschuk, der Wind geht kalt, Maidele, flick di Aerrnclel Nimm doch dir fei' alte Mann, E junger git dir wärmer.. „Jesus, nein, was singst Du da. Du wüstes Kind!" rief das Nettele zwischen Lachen und Schelten. „Das ist schön, gelt? Das Hab ich vom Melker," erwiderte Floflo und fuhr mit Heller Stimme fort: „Lustig, wenn m'r ledig find, Lustig, tvenn m'r latv«, Wenn m'r nit in d'r Himmel kumme, Kumme m'r halt der naive!" „Himmlischer Vater!... Halt Deinen Schnabel! Ah, der Taveri, so ein Fink, dem Kind seine Schelmenliedle der- «rbeu!" Das Nettele erhitzte sich ganz. *) Romanisches PatoiS, zu deutsch weißer See. „Wart nur, im Frühjahr kommst Du auf Kolmar in die Schul, zu den guten Schwestern, die werden Dir dafür tun." Nanette sah Florence mit bösen Augen an, aber dann zuckte ein trauriges Lächeln um ihren Mund. Floflo war verstummt. Jetzt fragte sie ganz verzagt und piepte wie ein armes Vögelchen: „Ist das wirklich wahr, Nvnette, ich komme zu den Schwestern?" „Tu weißt's doch, es ist ja alles schon regliert," antwortete daß Nettele. „Und der L6on?" „Ja, der kann doch nicht zu den Schwestern. Der bleibt hier auf den: Berg." Floflo schwieg. Ihr Herz klopfte wie oft, wenn sie wild tat. Die alte Mamsell wiegte den Knaben und sah mitleidig auf das ernste Kind. Daniel hatte ihnen schon auf Michaeli gesagt, daß das�Maidle nach Kolmar zu den frommen Schwestern in die Schule sollte. Und zwar auf den Frühling. Florence war sehr erstaunt gewesen, als sie davon erfuhr, aber jetzt erst schien dem Kinde klar zu werden, daß es hinab müsse von dem Berg und fort von daheim. „Sag, Nettele, hätt' ich auch zu den Schwestern inüsien, wenn's Müetterle noch bei uns war?" So fragte es nach einen? Schweigen. „Selbstverständlich, oder meinst,'s Müefterle hätt' können den Schulmeister niachen?" „Ja, und der Vater, kann der's auch nicht?" Da strich ihm Nettele über die Backe. „Das gäb ein' rauhen Schulmeister." Und dann erzählte sie dem Kinde von den guten Schtvestern, die in dem schönen, großen Haus in der Stadt wohnten, wo so viele kleine Maidele waren und lesen und schreiben lernten und singen und beten. Und am Sonntag gingen sie in die Kirche, eine Kirche, zehnmal so groß wie die zu Trais Epis, wo Floflo auch schon gewesen war, mit Fenstern von farbigem Glas und goldenen Tafeln und Bildern und mächtigen Glocken. Wenn die läuteten, hörten sie es stundenweit. Dorthin kam Floflo am Palmensonntag, und auf Pfingsten durfte es heim xmf den Berg, für zwei Tage. Dann fuhr der Vater mit dein Wägelchen nach La Motte und mit der Post ins Tal und ging es holen. Und jedesmal, wcuri Floflo heimkam, war der Leon einen Schuh gewachsen. „Und ich?" fragte das Mädchen. „Und Du auch. Du fährst aus den Kleidern wie die Schnecken aus dem HäuSchen, Wenns regnet. Und an einem schönen Morgen ist Floflo ein Fräulein und gelehrt wie ein Abb6." „Wirklich?" Zweifelnd sah es zu ihr auf. Nettele blickte in die großen, dunklen Augen und versicherte auf ihre Seligkeit, daß es so geschehen werde. Und nachdem sie einmal von der Uebersiedelung gesprochen hakten, redete sie täglich davon, und Netteles Phantasie er- schöpfte sich bald, aber Floflo wußte sie durch neue Fragen immer wieder anzuregen, bis sich alles so lebendig anhörte, daß das Kind selbst davon zu erzählen begann. Es sprach mit der Catherine darüber und erzählte dem Läon und sogar dem Bello davon, der ihm lange zuhörte und nur dann und wann die gestutzten Ohren bewegte, die kalte schwarze Schnauze auf Floflos Linie legte und mit dem Stummelschwanz die Dielen wischte. Der Winter kam mit Schneestürmen und klarem Frost. Der Hof lag verschneit, und Tatine backte Brot trotz einem Bäcker. Daniel betreute den Joli und die beiden Milchkühe, die in dem Verschlage, dicht an der Küche, standen. Wenn sie mit den Ketten rasselten, hörte man es in dem dunklen Raum, wo Catherine einsam die Kaffeemühle drehte. Zuweilen kam ein Schmuggler und klopfte am späten Abend an die Läden, trank einen Schnaps und huschte wieder ins Dunkel. Dann stapfte ein Zollivächter durch den Schnee und schmetterte einen Bittern, wischte den Bart und ging wieder hinaus in den Wintertag. Alle Mulden und Hänge, alle Schluchten und Wälder lagen voll Schnee, und wenn der Wind sang, glitzert« die Luft von aufgescheuchten Kristallen, die aus den Tannen stoben und in der kalten Sonne tanzten. Floflo hockte an hellen Tagen auf ihrem Schlitten und fauste vom Grat in die Mulde hinunter, die Beine mit den Holzschuhen und den dicken roten Strümpfen vorgestreckt, den geschmeidigen Leib zurückgeworfen, mit fliegenden Haaren und wildem Zuruf. Und wenn sie sich mit dem Schlitten über- schlug und in die Schneewehe hineinplumpste, daß der silberne Staub glitzernd aufstob, dann jauchzte sie laut, und der Bello raste belfernd im Kreise um sie herum und tanzte auf allen Vieren wie ein Geißbock. Daniel Junt saß über seinem Hauptbuch, einem dick- lechigen Folianten, der einen altersgrauen Einband hatte und schon vom Vater selig angelegt worden war. Floflos Jauchzen drang durch die Doppelfenster zu ihm herein. Er stand auf und blickte hinaus. Just stieß das Maidle den Schlitten ab am Mönchsfelsen, dessen blankgcfegte Kalotte*) schwarz aus der weißen Kutte stach. Und schon schoß das Gefährt die steile Furche hinab und schwand ihm an der Hausecke aus dem Gesicht. „Wenn's nicht ausleert und noch einmal heil herunter- fährt bis zum Grund, so geht's gut aus," sagte er zu sich und wartete eine Viertelstunde, ohne einen anderen Gedanken. Da sah er Floflo, den Schlitten am Seil, den Hang hinanstampfen. Am Mönchsfelsen, wo der Wind über den Grat blies, hockte es wieder auf das Bänklein, und gleich darauf sauste es jauchzend den Berg herab. Daniel riß die Tür auf und ging in den Saal hinüber. Durch den Spalt des Ladens spähte er auf den weißen Berghang. Ein schwarzer Kobold fuhr dort in die Tiefe, schwenkte den Schlitten am Straßenbord und zog einen Kreis in der Tiefe der Mulde, wo das Gefährt plötzlich zur Ruhe kam. Als das Vorzeichen sich zum guten erfüllt hatte, begann Dunkel über sich selbst lachte, zuckte die Achseln und kehrte zu seinen Ziffern zurück. Er raffte die Papiere zusammen, die Police der Pariser Assekuranz lag zu oberst. Seit füiifundzwanzig Jahren war die Prämie bezahlt worden, aus dem Sack der Junt bezahlt. Der Goldadler über dem Türpfosten war hundert Napoleons wert, soviel hatten sie dem Generalagenten dafür gezinst. Die Genieind war um keinen So« angegangen worden. Wäre die Budik abgebrannt bis aufs Mauergerüst, es hätte keiner drum Leid getragen. Die Genieind nicht, er nicht und Herr Grosjean auch nicht. Nur die Gesellschaft zu Paris! Aber das war ja so gut wie gestohlen! Pfui— er spuckte aus. „Die Genieind muß bauen," stieß er zwischen den Zähnen hervor, warf die Schriften in die Lade, rannte sie mit dem Knie zu und zog den Schlüssel ab. Am ersten Sonntag Hornung war die Sitzung, in der sein Gesuch verhandelt wurde. Noch acht Tage. Er stand auf und reckte sich, als inüßte er seine Kräfte prüfen. Im buschigen Haar traten die ersten weißen Fäden hervor, ein Netz von Fältchen zuckte in seinen Augenwinkeln, aber straff spaiinte sich die Haut über den Backen, unter dem Bart brannte die Lippe, und in den Hals- ädern schwoll ihm das rote Blut, wenn er den Atem in die breite Brust zog und die Fäuste ballte, als niüßte der Spruch des Gemeinderates mit Dreinschlagen verdient sein. sFortsetzung folgt.) Nachdruck vcvbotcn.) Die �onpfeifenfadrikation. Von S i e g b e r t Salier. Die Einführung der Tabakpfeife nach Europa wird gelvöhnlich Ralph Lane, dem ersten Gouverneur von Virginia zugeschrieben und fällt in, die achtziger Jahre des 16. Jahrhunderts. Doch muß die Sitte, Tabak aus Tonpfeifen zu rauchen, in Amerika schon lange vor seiner Entdeckung durch Eolumbus ziemlich allgemein verbreitet gewesen sein, wie zahlreich aufgefundene Reste solcher Pfeifen be- zeugen, die zum Teil eine auffallende Aehnlichkeit mit den ersten in Europa hergestellte» Tonpfeifen ausweisen. Zunächst wurden diese Pfeifen in England nachgeahmt und»schon im Jahre 1619 bildeten die Londoner Pcifenmachcr eine Korporation. Das Hauptzentrum der englischen Tonpfeifen-Jndustrie bildete seit Anfang des 17. Jahrhundcns Bröselet, in Staffordshire. Von Eng- land aus verbreitete sich die Pfeifenbäckerei schnell über den europäi- scheu Kontinent und gelangte namentlich nach Holland, Frankreich, Deutschland und Ungarn. Fabrikmäßig wurde die Tonpfeife jedoch zuerst in Holland, und zwar in Gouda hergestellt. In Deutschlan? ist es namentlich die Rheinprovinz, Hessen und Hannover, in Ungarn die alte königliche Freistadt Debreczin, in Frankreich das Departement Drüme, wo die Tonpfeifenindustric später zu hoher Blüte gedieh und auch heute noch besteht. •) Mütze, Kappchen. Wie überhaupt alle Töpferwaren, so sah auch insbesondere M« Tonpfeifenfabrikation mit der wachsenden Verbreitung des Por- zellans einen siegreichen Rivalen entstehen. Die Landbewohner die früher fast ausnahmslos die irdene Pfeife benutzten ziehen heute vielfach die bemalten Porzellan-Pfeifenköpfe vor. Besonders der junge Nachwuchs wendet sich mehr und mehr von der anspruchslosen Tonpfeife ab. Infolgedessen wird heute die Herstellung von Ton» pfeifen nur noch an wenigen Orten betrieben, so in Papenburg, daS den notlvendigen Ton von Grenzhausen in Hessen-Nassau bezieht, und in Speicher, einem großen Dorfe der Eifel, wo sich in aller» nächster Nähe ausgedehnte Tongruben befinden. Hier, in der Eifel, wird die Fabrikation noch heute fast in der- selben Weise gehandhabt, wie vor zwei Jahrhunderten. Es ist aus- schließlich Handarbeit unter Zuhülfenahme weniger Werkzeuge. Die erstaunliche Schnelligkeit, mit der ein geübter Arbeiter an einem Tage je nach Länge der Pfeifen 696 bis 2666 Stück(kaum jedoch 6666 bis 6666, wie eine aus der„Landindustrie" in mehrere Zeitungen übergegangene Notiz zu melden weiß) anfertigen kann, ließ die verschiedenen Maschinen zum selbsttätigen Pfcifenformen, die in England erfunden wurden, nicht aufkonime». Das Material, woraus die Tonpfeifen in der Eifel hergestellt werden, ist ein weißlicher, sehr feuerbeständiger Ton, der durch Ein» sumpfen, Treten und Schneiden, durch Bearbeitung mit dem Spaten und Mahlen in Tonwalzen reif zum Rollen gemacht und sorgfältig von allen fremden Körpern, namentlich Steinen, gereinigt wird. Alsdann kommt er in großen, steifen Klumpen zur Verarbeitung auf den Werktisch, einen umfangreichen, kniehohen Tisch, an dessen der- schiedcncn Seiten vier Pseifenmachcr sitzen. Der erste nimmt von dem Tonklumpen eine angemessene Portion ab und fertigt daraus durch Kueten und Rollen die sogenannten Wellen oder Rollen, das sind lange Tonstangen von, der Form etwa eines Bleistiftes, an dessen einem Ende sich ein birnenförmiger Klumpen befindet: die Urformen des später daraus entstehenden Rohres und Kopfes. Etwa 15 bis 18 Rollen lverden auf ein Häufchen zusamengelegt, und sind mehrere solcher Häufchen fertig. so wandern sie zur Presse, deni sogenannten Kasten, in die Hand des zweiten Arbeiters. Dieser nimmt nun eine der Rollen nach der anderen von dem Häufchen und durchbohrt mit einem langen, in einem Holzschaft steckenden Eiscndraht die dünnen Tonwalzen bis in das birnenförmige Ende. Es gehört eine große Uebung zu dieser Manipulation, die schnell, ohne den Draht zu drehen und ohne nach der Seite aus- zufahren, ausgeübt werden muß, wobei der Arbeiter zwischen den Fingern der linken Hand den Iveichen Tonkörper hält, ivährend die Rechte den Draht führt. Nachdem je nach der gewünschten Form der birnenförmige Kopf mehr oder weniger steil hochgebogcn ist, wird das Ganze mit dem darin steckenden Eiscndraht in die Pfeifcnform gelegt, die aus zwei eisernen oder messingenen Hälften besteht und ihrerseits wiederum in die Presse oder den Kasten gebracht und vermittelst einer Schraube geschlossen ivird. Mit dem sogenannten Stoßer oder Stopfer, einem eisernen Stempel von der Form des Pfeifenkopfinnerns, stößt der Arbeiter nun die Höhlung des Kopfes aus und drückt den Draht bis an den Stopfer durch das Rohr, so die Verbindung zwischen Rohr und Kopf herstellend. Hierauf nimmt er die Pfeife aus�der Form, beseitigt mit einem krummen Eisen, dem sogenannten Schcnker, die aus den Formfugen herausgetretenen Tonteije, die Naht, schneidet mit dem am Schenker befindlichen Messer das Rohr ab und zieht den Draht heraus. Jetzt wandert die Pfeife zum Abschneider, der den beim Formen des Kopfes übergetretenen Tonrand, den sogenannten Bart beseitigt, mit dem Trimmesser die Naht des Kopfes verputzt, und dann die Pfeifen auf ein Brett zum Trocknen legt. Während dieser Arbeit sind Form und Stopfer stets geölt, um ein Anhaften des Tones zu verhüten. Sobald die Pfeifen genügend trocken sind, werden sie von dem vierten Arbeiter poliert oder glatt gemacht. Dazu bedient er sich der sogenannten Glattsteine, eines dem Hufeisenmagnet ähnlichen Werk» zcugcs, dessen rundgebogener Teil als Griff dient, während bis beiden Pole in zwei Agatsteine endigen. Hiermit sind die Pfeifen fertig zum Brennen. Sie werden in einer Anzahl von je 466 bis 566 Stück in längliche, viereckige, feuer» feste Tonkasten gelegt und diese neben und übereinander in den Ofen gesetzt, der ihrer 20 bis 36, also 8 bis 15 Tausend Pfeifen auf» nehmen kann. Die Feuerung geschieht durch Holz oder Steinkohle. Ilm die angegebenen Mengen zn backen, braucht man ungefähr drei bis viereinhalb Kubikmeter Holz. In England geschieht vielfach das Brennen in einer zylindrischen tönernen Kapsel, die in der Mitte des Ofens steht. Die Pfeifen werden etagenlveise in schräg angelehnter Stellung in die Kapsel eingesetzt, und zwar 7666 bis 8666 Stück zu jedem Brande, der etwa acht bis neun Stunden dauert. Ilm den Pfeifen ein besseres Ansehen zn geben und zu erzielen, daß sie weniger stark an den Lippen festkleben, taucht man sie, nachdem sie vollständig abgekühlt sind, in eine Lösung von Wasser, Gummi, Seife und weißem Wachs. Nachdem sie abermals trocken geworden sind, werden sie mit einem weichen Tuche, am liebsten mit Flanell, abgerieben. Vielfach werden die Tonpfeifen, insbesondere Pfeifen köpft allein, ans farbigem bezw. sich farbig brcnnnendem Ton hergestellt, nanientlich aus rotem oder schwarzem Ton, wovon z. B. große Mengen in Ungarn fabriziert werden: auch im Rheiirland, bei Coblenz und in der Rheinpfalz werden solche Pfeifen hergestellt. Die schwarzen Tonpfeifen find aber auch aus weißem Ton gebrannt; die schwarze Farbe wird durch Brennen zwischen Kohlenstaub in geschlossenen Gefäßen erzielt.— Kleines f euilleton» t{j. Bekanntschaft. Alles schwitzte. Auch Krabinski, der junge Maschinenbauer. Deshalb bog er heute auf seinem Nachhausewege in den Wald ab, ans Wasser. Hier ging ein frischer Lustzug. Anden Nferabhängen lagerten hunderte, die Kühle durstig einzusaugen. Aus der Badeanstalt scholl vergnügtes Lachen und eiftiges Plätschern. Das lockte Krabinski. Er trat hinein, warf seine Arbeitskleidung ab, befeuchtete sich am inneren Bassin nur Stirn und Brust und stieg auf den Turm. Mit einem gewaltigen Kopfsprung schoß er in den See. Gleich darauf ruderten die Arme und Beine in sickeren Bewegungen, in kraftvollen Stößen. Dort drüben war das Ziel: an der kleinen grünen Insel, die den Umfang einer großen Stube hatte. Der Schwimmer sah als unverrückbares Zielzeichen nur die Krone eines Baumes, des einzigen, den das winzige Eiland trug.„Station Sonnenbad" hieß die Insel im Munde der Schwimmer, Ruderer und Segler. Wer's aushielt bis hierher, der legte sich behaglich zu einer langen Ruhepause ins Gras und ließ sich die Haut bräunen. Mancher Schwimmer, der die Entfernung unter-- schätzte oder die eigene Kraft zu hoch taxierte, mußte seinen Ehrgeiz mit dem Leben bezahlen. Eben noch ein dunkler Punkt auf dem Wasser, vom Ufer gesehen, ging er lautlos unter. Schloß die Bade- anstatt am Abend, dann fand man in einer Zelle noch Klcidungs- stücke, zu denen der Mann fehlte.... Krabinski dachte nicht daran. Er war seiner Kraft sicher, hatte sie oft ausprobiert— und näherte sich eben wieder dem letzten Viertel des Wasserweges zur„Station Sonnenbad" ohne sonderliche Er- inüdung. Aber einem anderen mochten Todesgedanken durch den Kopf schießen— einem schwarzen Kopf mit heller' Katze, der da plötzlich eine Strecke vor Krabinski auftauchte. Em gewaltiges Prusten, Schütteln und Aechzen ging von ihm aus. Unregelmäßig ruderten die Arme, krampfhaft zappelten die Beine. Und zuweilen sah man nur noch die Glatze über dem Wasser. Skrabinski griff aus. Mit einigen schnellen Stößen war er neben dem Kämpfenden.„Geht's nicht mehr?" Ein dickes, vor Erregung feuerrotes Gesicht loandte sich ihm mühsam zu:„Helfen Sie mir! Ich ertrinke! Gott, ach Gott, ich schaff's nicht mehr. Ich geh' unter!" „Ruhe, vor allen Dingen Ruhe", mahnte Krabinski.„Wir haben nicht mehr weit. Legen Sie sich auf den Rücken. Halten Sie sich an meiner Badehose fest. Ich nehm' Sie ins Schlepptau." Der andere folgte der Weisung und ward ruhiger. Zwar schluckte er zuweilen Wasser, aber es ging vorwärts. Nach wenigen Minuten sanken beide erschöpft ins Gras der Insel. „Station Sonnenbad!" Krabinski lachte, aber keuchend qina die Brust. Der Gerettete spuckte und ächzte.„Teufel noch mal. Jetzt Hab' ich wahrhaftig schon die Engel im Himmel pfeifen hören. Ohne Sie hätt' ich jetzt den Bauch voll Wasser, glaub' ich." „Ich glaub's kaum." Krabinski lag auf dein Rücken, die Hände unter dem Kopf gefaltet und blickte gleichmütig in den blauen Himmel.„Weit war's ja nicht mehr. Sie hätten sich schon noch bis hier heran gezappelt." „Wer weiß." Der andere sah nachdenklich aus.„Und denken Sie mal: Drüben am Ufer sitzen meine Frau und die Kinder. Wenn ich nu—" er schüttelte sich entsetzt.„Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet." Und richtete sich halb auf:„Veilchenfeld ist mein Name. Kaufmann. Das Haus da drüben— dort— Sie müssen auch die Bäume sehen— das mit dem blauen Schieferturm— das ist meine Villa. Und Sie— wenn ich fragen darf—" „Krabinski. Meine Villa ist von hier aus nicht sichtbar." Veilchenfeld bemerkte den scherzhaft-ironischen Ton nicht. „Hoffentlich geben Sie mir mal die Ehre. Würd' mich sehr freuen. Auch meine Frau. Und Lucie,— meine älteste Tochter—" Krabinski schwieg. Er beobachtete einige kleine Wölkchen, die mit großer Schnelle über die blaue Himinelsfläche segelten. „Zu großem Dank bin ich Ihnen verpflichtet, Herr Krabinski. Zu riesigem Dank. Meine Familie hätt' keinen Ernährer mehr, wenn—" Er weinte fast. Krabtnski rührte sich nicht und dachte: Hört der Mann denn gar nicht auf? Nein, Veilchenfeld hörte nicht auf. Er war weich gelvorden. Streckte ihm die Hand hin:„Herr Krabinski, lassen Sie mich Ihre Hand drücken. Sie sind'n edler Mensch. Das Leben haben Sie mir gerettet. Das vergess' ich Ihnen nie!" „Unsinn", knurrte Krabinski mit verdrießlichem Gesicht.„Was war'n dabei." „O", Veilchenfeld sah mit nassen Augen vor sich hin.„Hat man schon mal gehört, daß zwei auf solche Weise Bekanntschaft ge- macht haben? Wie'n Roman ist's. Nicht? WaS wird meine Lucie dazu sagen? Meine Aelteste. Das Kind ist die reine Poesie, müssen Sie wissen. Verehren wird sie Sie— verehren!" Krabinski stand auf.„Ich schwimme'rüber und schicke Ihnen ein Boot her. Oder—?" „Ich komm' mit Ihnen. Es geht, eS geht, wenn Sie nebe» mir bleiben. Ich kriegte vorhin bloß plötzlich einen Angstanfall." „Wir haben übrigens auch eine ganze Weile festen Boden hier. Waten wir also, so lange wie's geht." Sie marschierten im Wasser, bis es an den Hals reichte. Dann schwammen sie. Veilchenfeld war sehr aufgeräumt und erzählte in einem fort. Ewige Freundschaft— bald mal besuchen— Frau und Kinder kennen lernen— Fläschchen zusammen leeren— anstoßen auf langes Leben-- „Sparen Sie Ihren Atem. Sie brauchen ihn noch." Aber sie kamen glücklich hinüber. Veilchenfeld verschwand erlig in seiner Zelle, während Krabinski sich noch inr Bassin abseifte und sich dann langsam ankleidete— in der stillen Hoffnung, Herr Veilchenfeld werde sich schleunigst drücken. Nein, Veilchenfeld drückte sich nicht. Vor dem Eingange der Badeanstalt stand er mit Frau und Kindern, seinen Retter zu erwarten. Der kam. Sie erkannten sich kaum. Veilchenfeld im eleganten Sommeranzug— Krabinski in seiner Arbeitskleidung— „Sie sind'S?" Veilchenfeld zögerte einen Moment. „Rebekka. Lucie. Kinder— hier stelle ich Euch Herrn Krabinski vor. Ohne ihn wäre ich nicht mehr. Vielleicht nicht mehr. Mög» licherweise hätte ich mich zwar doch noch herangezappelt. Immerhin — wir sind ihm zu großem Danke verpflichtet." „Wir danken Ihnen sehr," sagte Rebekka. „Wir danken Ihnen sehr," echote Lucie. „Und nun wollten wir eigentlich ein Fläschchen auf die glück- liche Rettung trinken." Veilchenfeld sagte es mit unsicherem Blick auf die Seinen.„Was meint Ihr dazu?" „Danke." Krabinski ward's unbehaglich.„Hab' wenig Zeit. Und's war auch weiter kein Kunststück." „Ja, wenn Sie keine Zeit haben," nieinte Rebekka. „Schade," bedauerte Lucie. „Sehr schade. Aber— Veilchenfeld zog das Portemonnaie. „'n Abend!" Das klang schroff. Krabinski ging. „Den Ivolltest Du einladen, Papa?" fragte Lucie. „Gedanke I" Rebekka warf dem Gatten einen niederschmetternden Blick zu. „Aber, Kinder!" Veilchenfeld machte eine unglückliche Figur. „Ich bin ja selber ganz baff I N a ck t sah der Mcnsch ganz anständig ans. Wirklich!"— gc. Badclcben in Anatolien. Außer Böhmen und den Rhein- landen gibt es wohl wenige Gegenden der Erde, die so reich an heißen, seit altersher zu Heilzwecken benutzten Quellen sind, wie ein Strich Kleinasiens, in den sich einst Phrygier und Bithhnier teilten, und der jetzt fast ganz in den Bereich des türkischen Vilajets Brussa fällt.„Phrygia salutaris", das heilkräftige Phrygicn, nannten die Römer diesen Bezirk, und diesem Namen macht er noch heute Ehre. Ein echt türkisches Bad ist Jlidscha-Hamam in einem Waldtal, 25 Kilometer von Kutaja entfernt. Von einer Kurtaxe oder einer Bezahlung der Bäder ist keine Rede, nur wer eins der kleinen Häuser mietet, zahlt dafür 75 Pf. für die Nacht an den Tscherkessenbey, der andererseits die Instandhaltung des Bades als eine Ehrenpflicht betrachtet. Mit hochgepackten Wagen kommen die Familien an, schlagen ihre Zelte auf, wo es einem jeden beliebt, holen sich Reisig, so viel als sie brauchen, aus dem Walde, und Hausen drei, vier Wochen in der vollen Freiheit des Nomaden. Schlechterdings alles bringen die Badegäste von Hause mit, Decken und Kissen, Töpfe und Teller, Mehl, Reis, Butter, Salz, Kaffee, Zucker, Eier, manche selbst Hühner. Nur die Milch und das Fleisch liefert'das nahe Tscherkesscngehöft. Auch das Brot bäckt jede Familie selbst in dem Backofen eines spekulativen Griechen aus Kutaja, der dafür fünf Pfennige von jedem Brote erhebt. Den Besuch dieses Bades schildert ein Schriftsteller wie folgt:„Am frühen Morgen mit Sonnenaufgang weckte mich mein freundlicher Wirt zu einem gemeinschaftlichen Besuch des gegenüberliegenden Bades. Wir traten zuerst in eine nach Osten geöffnete Bogenhalle, wohl noch seldschukischen Ursprungs, die als Auskleideraum diente. Dann ging es wenige Schritte über die Steinplatten eines kleinen Hofes, ein paar Stufen hinab in das Badgewölbe, aus dem uns eine dichte Dampfwotte cntgcgenquoll. Der niedrige Raum ist nur zum Teil mit einer gemauerten Wölbung bedeckt, zum anderen Teil ist er eine natürliche Höhle, und so ist auch das Bassin teils in den Felsen geschnitten, teils gemauert. Es war erst schwer, in dem dampf. erfüllten Räume, der von dem eintönigen Gesang der Badenden widerhallte, das geringste zu unterscheiden, aber bald gewöhnte sich mein Auge' daran und ich wagte mich in die 43 Grad Celsius warme, für europäische Begriffe also überheitze Flut. Die Türken lieben so hohe Temperaturen. Auch in den 46 Grad warmen Bädern von Eskeischehir, die den meisten Europäern zunächst ganz unerträglich scheinen, bleiben Kinder und Männer jeden Atters 26 bis 36 Minuten anscheinend ohne Anstrengung. Wohl in wenig Bädern wird man das heilkräftige Wasser so aus erster Hand genießen, wie hier in Jlidscha; einen halben Meter über dem Bassin bricht die Haupt- quelle in einen Strahl von der Stärke eines Biannesschenkels aus dem Fels und fällt brausend herab. Unter ihrem Strahl zu stehen, ist der Hauptrciz des Bades, und dieser Platz ist beständig besetzt. Andere Quellen dringen aus den Seitenwänden eines mehrere Meter langen Stollens, der nur gerade die Höhe hat, daß man bis an den Hals im Wasser aufrecht darin stehen kann; hier ist Dampf und Hitze ganz unerträglich. Von früh bis spät ist das Bad über» füllt, gewisse Stunden sind den Männern, andere den Frauen zu- gewiesen.— hl. Stratzenbilder aus der Hauptstadt der Mandschurei. Wie piltoresk und vielfarbig sich die Stratzenszenen und Bolksgebräuche in M u k d e n darstellen, zeigen hübsch die Schilderungen, die der bei der japanischen Armee in der Mandschurei befindliche Oberarzt L. Matignon in„Le- Tour du Monde" entwirft. In Mukden ist fortwährend Markt, hier und da an der Mauer sind Läden und Buden aufgeschlagen, und ein buntes Bild des Lebens breitet sich aus. Lumpensammler, Bettler, fliegende Händler laufen umher und rufen laut ihre Waren aus oder bitten um eine Gabe. Daneben befindet sich eine große Pfütze schwärzlich-grünen Wassers, in der- sicb die Schweine wälzen und ihr vergnügtes Quieken in das Schreien und Lärmen mischen, lim einen Straßenerzähler hat sich ein dichter Kreis von Zuhörern gebildet, die aus voller Kehle über seine derben Witze lachen. Diese öffentlichen Erzähler verfügen über eine außerordentliche Tarstellungskraft in Wort und Gebärde, und fie vermögen die sonst so phlegmatischen Chinesen bis zu dem hohen Grade hinzureißen, daß sie einen seltenen Griff in den Geld- bentcl tun. So vermag ein tüchtiger Erzähler trotz der Sparsamkeit des chinesischen Volkes einen recht hübschen Gewinn zu erlangen. Nickt weit von ihm hockt ein Händler vor seinem ärmlichen Ber- kaufsstand, von den allerverfchiedenartigsten Dingen umgeben. Da liegen alte Schuhe, zerbrochene Pfeifenköpft, beschädigte Räder, zerrissenes Reitzeug und lauter gebrauchte und scheinbar wertlose Dinge, für die man nicht einen Pfennig ausgeben möchte, und die doch ihren Mann ernähren muffen. Unter freiem Himmel wird auch die Kunst des NeSrulap ausgeübt, wenngleich freilich diese Kunst eine höchst primitive ist. Der eine Heilkundige ist ein Spezialist für Punktieren. Jegliche Krankheit heilt er auf diese Weift. Er hat ein paar europäische Zeichmtngen vor feinem Stande auf- gestellt, die eine Muskelfigur und den Blutkreislauf darstellen. Ein 5t ranker kommt heran und klagt über einen Schmerz in der Schulter. Der Arzt fährt blitzschnell mit der Hand über die kranke Stelle, versenkt dann drei lange Nadeln sehr sicher tief in das Fleisch und zieht sie nach zwanzig Sekunden heraus; der Patient zahlt einige Sapeken und zieht befriedigt, wenn auch nicht geheilt, ab. Solch ein in den Straßen praktizierender Arzt hat nicht die leiseste Ahnung von Anatomie und Medizin, er kann nur seine langen Nadeln in die verschiedensten Teile des Körpers stoßen, mag jemand Schnupfen oder Schwindsucht haben. Die Aerzte, die einen festen Wohnsitz haben, unterscheiden sich von den umherziehenden Hcitkünstlern nur dadurch, daß sie im Besitze eines Hauses sind und au ihrer Tür die Dankschreiben glücklich geheilter Patienten an- schlagen. Da kann man denn Lobeserhebungen lesen, wie diese: „Seine geschickte Hand ließ einen neuen Frühling mir hervor- blühen" oder:„Jammerschade, daß ein so geschickter Mensch nicht Minister ist!" Sehr häufig kann man auf der Straße Hühner- augcnoperationen vollzogen sehen. Hühneraugen sind die spezifisch chinesische Krankheit; durch die engen Schuhe, die ein jeder tragen muß, werden diese Verunstaltungen der Haut hervorgerufen, aber dafür ist man auch in China äußerst geschickt, sie wieder zu entfernen. Auch der Friseur nimmt seine Verschönerungskünste unter freiem Himmel bor; der Chinese legt auf die würdevolle Gestaltung seines Zopfts, und wenn er einen Bart besitzt, auch aus diesen großen Wert, doch zumeist geht er glattrasiert, weil dadurch am besten die gleichgültige Heiterkeit und die stumpfe Zufriedenheit seines Gesichts zum Ausdruck kommt. An die Läden und Verkaufsstänt« schließen sich die kleinen Marionettentheater, die Dioramen, die mit außer- ordentlich krassem Realismus merkwürdige Begebenheiten vor- führen, und die Schaustellungen verschiedenster Art. Der Chinese liebt besonders Akrobaten und Jongleure und gerät bei schwierigen Produktionen in eine wirkliche, bei ihm sonst seltene Begeisterung; dennoch müssen die Jongleure im Reden und Anpreisen mindestens ebenso geschickt sein wie im Seiltanzen und Kugelspielen, um die stets festgeschkossenen Börsen der Zuschauer zu öffnen. Zahlreich ist die Schar der Wundertäter und Zauberer aller Art, denen man großes Vertrauen entgegenbringt. Da der Chinese sehr abergläubisch ist und an geheime Kräfte glaubt, so läßt er sich aus alle Arten die Zukunft voraussagen. Wenn auch das Betrachten des Kaffeesatzes oder das Abzählen der Knöpfe gerade nicht angewandt wird, so sind doch die Prozeduren, die man anwendet, nicht viel sinnvoller und die Resultate nicht viel sicherer. Bettler vermögen, auch wenn sie die furchtbarsten Mißbildungen und Verunstaltungen ausweisen, nur schlechte Geschäfte zu machen, da Mitleid und Mildtätigkeit nicht zu den Eigenschaften des Chinesen zählen. Zu Beginn des Früh- jahrs herrscht unter � den Mauern Mukdens besonders lebhaftes Treiben, und an schönen, sonnigen Nachmittagen versammeln sich da die Bürger zu einem seltsamen Sport. Sie bringen Käfige heraus, in denen sich Vögel von einer unserer Wachtel ähnlichen Art befinden, gruppieren sich zu zehn oder zwanzig und warten dann schweigend und würdig stundenlang, bis die Vögel schlagen. Dieser Wehkampf erregt allgemeine Aufregung und großes Interesse. Be- sonders wichtig sind die großen Pferdcmärkte in Mukden, auf denen die Chinesen als geborene Pferdehändler sich in den gewagtesten Betrügereien überbieten.— Technisches. — Der Plan einer großen Wasserkra ftanlage in den bayerischen Alpen liegt zurzeit dem Verkehrs- Ministerium zur Prüfung vor. Es handelt sich um die Ausnutzung des 303 Meter über dem Meere liegenden Walchensees. Dieser 6 Kilometer lange und 5 Kilometer breite See liegt dicht am Rande des Gebirges, und zwar gerade an einer Stelle, wo dieses unver« mittelt mehrere hundert Meter abstürzt. Unten liegt nun, kaum 2 Kilometer Luftlinie entfernt, der K o ch e l s e e, 601 Meter über dem Meere, und es ist ein für den Ingenieur sehr verlockender Gedanke, das sich zwischen beiden Seen er- gebende Gefälle von 202 Meter zur Krafterzeugung auszu- nutzen. Aber der Wasserzufluß zum Walcheusee ist so gering, daß die verfügbaren Wassermengen, trotz des hohen Gefälles, die Schaffung eines künstlichen Abflusses vom Walchensee zum Kochelsee nicht lohnen würden. Nun fließt aber südlich des Walchen- sees, nur durch einen hohen Bergrücken von diesem getrennt, die stets wasierreiche Isar, deren Wafferspiegel in diesem Teile ihres Laufe? noch einige Meter höher liegt als der deS Walchensees. Um nun diesem See größere Wassermengen aus der Isar zuzuführen beziehungsiveise um den Walchensee als von der Natur geschaffenes, riesiges Staubecken für die Wasser der Isar zu benutzen, müßte man entweder durch den trennenden Bergrücken einen vec- hältnismätzig kurzen Tunnel bohren, oder aber man könnte von einer weiter entfernten weniger gebirgigen Stelle aus einen längeren Kanal von der Isar zum See graben. Beides ist mit den Hülfs- Mitteln der modernen Technik unschwer möglich, und beides wird gar nicht übermäßig teuer, wenn man bedenkt, daß das Staubecken, welche? bei anderen Talsperren ungeheuere Kosten verursacht, im Walchensee kostenlos gegeben ist. Die von den aus dem See über 200 Meter herabstürzenden Wassermaffen geleistete Arbeit soll, in elektrische Energie umgesetzt, entweder nach München geleitet werden, oder sie soll für den größten Teil der oberbayerischen Staatsbahnen die Einführung des elektrischen Betriebes ermöglichen.— (.Prometheus".) Notizen. —„Berg des Aergernisses", eine fünfaktige Tragödie von Heinrich Lilienfein, dem Verfasser des Dramas „Maria Friedhammer", wird im Stadt-Theater zu Bremen zum erstenmal in Szene gehen.— — Unsere gestrige Notiz.Ringelbäume" war der„Tägl. Rundsch." entnommen.— — Das hessische Ministerium des Innern hat eine Ver« fügung erlassen, die mit Rücksicht ans die Hamsterplage den Bürger« meistereien die Herbeiführung einer einheirlichen und durchgreifenden Bekämpfung der Hamster dringend anrät. Das' noch viel- fach übliche Ausgraben der Hamster Ivird als verfehlt und wirkimgs- los bezeichnet, dagegen die Anwendung von Schwefelkohlen- st off empfohlen.— — D i e größte Tanne Deutschlands, der sogenannte Hölzlekönig, steht in der Nähe der Stadt Villingen auf württcm» bergischem Gebiet. Die Höhe beträgt 42 Meter, der Kubikinhalt 68 Feftmeter.— t. Eine neue Quelle für Gummi a r a b i k u m ist der Sudan geworden. Der Gummi wird in den Wäldern gesammelt und dann nach Omdurman gebracht, Ivo er verpackt, gewogen und nach Kairo oder einem der Seehäfen geschafft wird. Die Ausfuhr aus Aegypten beträgt jetzt über 20 Millionen Pfund jährlich.— — Wie schweizer Blätter berichten, bestehen gegenwärtig in der Schweiz 2000 Hotels, die zusammen 110000 Betten zur Verfügung halten. Der Gesamtwert der Hotels beläuft sich nach amtlicher Schätzung auf 600000000 Frank, der Umsatz im Jahre auf 125 000 000 Frank.— n. Eine E i s e n b a h n st a d t. Auch bei uns finden sich genug Beispiele für Ortschaften, die ihren Aufschwung während der jüngsten Zeit lediglich dem Zufall verdanken, daß fie zu einem Knotenpunkt von Eisenbahnlinien gewählt wurden Innerhalb Deutschlands braucht man nur an Plätze wie Kreuz in Posen, Bebra in Hessen,.Kreiensen in Braunschweig und ähnliche zu denken. Immerhin find diese Ansiedelimgen auch jetzt noch als solche ver- hältnismäßig unbedeutend. Wichtigere Beispiele von Eisenbahn« städten lassen sich in den Vereinigten Staaten finden. Besonders auffallend aber ist die EntWickelung der Ortschaft Crewe in Eng- land. Von diesem Orte, der vor einem halben Jahundert vier Häuser auswies, strahlen jetzt sechs Eisenbahnlinien aus, die den Verkehr zwischen den Großstädten London, Manchester Liverpool, Ehester usw. vermitteln. Aus dem winzigen Flecken ist seitdem eine Stadt von 42 000 Einwohnern geworden, und zwar auch insofern eine echte Eisenbahnstadt, als sich die Bevölkerung fast ausschließlich aus Eisenbahnbeamten zusammensetzt, abgesehen von den Geschäftsleuten, die zur Lieferung des Lebensunterhalts für die Reisenden und die Einwohner erforderlich find. Im Jahre 1843 wurde in Crewe die erste Bau- und Reparawrwerkstätte der Eisenbahn gegründet, und jetzt befindet sich dort daS größte Eisenbahndepot der ganzen Welt, wie im„Cosmos" behauptet wird. Besitzerin ist die Gesellschaft der London- und Nordweft-Eisenbahn, die dort 800 Häuser für ihre Ingenieure und Arbeiter hat erbauen lassen. Die Eisenbahnwerkstätten nehmen eine Fläche von 700 000 Quadratmetern ein und beschäftigen 3500 Arbeiter.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin S W.