NnterhaltungMatl des Vorwärts Nr. 167. Dienstag, den 29. August. 1905 (Nachdruck verboten.) 12] Daniel Junt. Roman von Hermann Stegemann. Am Todestage der Frau gingen alle nach La Motte hinab zur Messe; der März war lind, und acht Tage darauf trieb der Sepple das Vieh auf den Hof. Tie Fermen standen noch leer. die Weide gab noch kein Gras, aber die Kühe rannten, daß der Knecht mit seinem krummen Fuß ihnen kaum folgen konnte. Ungern traten sie in den niedrigen, alten Stall, wo die beiden Winterlinge unruhig mit den Ketten klirrten, als die Stände sich stillten und die Eimer klapperten. Acht Tage später kam der Melker cms Labaroche, und die Sommermagd stellte sich ein. Daniel hatte in Türkheim zwei Maurer gedungen, die begannen die schadhafte Hauswand zu flicken, und Floslo half ihnen den Brei rühren. Tie Weide sproßte, in hellen Nächten tönte die Luft von Vogelrufen, und als Palmsonntag kam, war auch Floslo bereit zur Reise. Das Nettele fuhr aufgeregt und verstohlen sich die Augen wischend im Hause umher, als gälte es einen ewigen Abschied. Der Katherine hatte in der Nacht auf den Sonntag von Hühnern geträumt, das bedeutete Glück, und das erzählte sie dem Kind am Morgen der Fahrt. Als Daniel dazukam, wurde sie still und blickte nur scheu, mit einem einfältig glücklichen Gesicht nach ihm hin. Er hatte sich städtisch angekleidet und sah aus wie ein nobler Herr. „Vorwärts, Floslo," sagte er und hieß sie vorausgehen. Nettele brachte den L6on noch einmal herbei, der frisch und rosig auf dem Arme der Alten saß und ihr mit den Beinen gegen den mageren Leib trommelte. Er hatte blaue Augen wie seine Mutter und lachte wie ein Schelm. Da fing Floflo an zu weinen. Ohne zu wollen, ohne eine Miene zu verziehen, die Tränen liefen in hellen Kiigelchen über ihre Backen. „Aber, Florence, so ein großes Maidle und greinen," sagte Nanette, und dabei wischte sie ihr schnell über das Gesicht mit dem Schürzenzipfel, der noch von ihren eigenen Tränen feucht war. Floslo erwiderte nichts, sondern wühlte den Kopf in L6ons Schoß. Der fuhr ihr mit den Fäusten in die lockigen, schwarzen Haare, die sich nur ungern in einen Zopf hatten siechten lassen, und als Nanette eine halbe Stunde später allein war mit ihm, zog sie ihm noch ein Dutzend feiner Haare aus den Fingern, die er der Schwester ausgerupft hatte. „Schau mal her, Katherine, der Bub hat dem Kind aus Liebe die Haar ausgerissen," rief sie zwischen Rührung und Aerger schwankend. Und als sie die Härchen in ein Strähnchen gefaßt fallen lassen wollte, griff die Magd hastig danach und sagte: „Gebt acht, Mamsell Nanette, daß sie an einen rechten Ort kommen. Nicht ins Futter, sonst kranket das Vieh, nicht ins Feuer, sonst kranket der Mensch, nicht ins Wasser, sonst gespenstet's des Nachts." „So eine Albernheit!" antwortete das Nettele.„Wohin muß man denn mit den ausgestrählten Haaren?" „Ausgestrählt ist nicht ausgerupft, und wenn man die in ein Vogelnest legt, hernach, hernach"— Sie brach plötzlich ab und rieb sich verlegen den nackten, roten Ellbogen. „Was denn?" „Hernach bekommt man den, wo man gern hat," vollendete sie endlich. Da lachte Nanette. „Katherine. jetzt bist Du bald fünf Jahr auf dem Hof, aber man lernt bei Dir nicht aus, das Kind hat noch weit bis zur Liebe." „Ja, so mein' ich's nicht. Von den eigenen muß man in ein brütig's Nest tun, dann hilft's gewiß. Und das Maidle. daß Jhr's nur wißt, das ist geschwinder zeitig, als ich und Jhr's gewesen sind." Das Nettele war wieder ernst geworden. „Sell ist nicht so lätz, Katherine, das Kind ist voran wie die Wälschen, wo als von der Schlucht heraufgekommm sind, beim Straßenbau die Jtalienermaidle, weiß Du noch? Aber sonst ist's noch ein rechtes, ein ärgeres Kind als die im Dorf. Das macht der Berg. Jetzt wird's das g'schwind aus- wachsen." Und mit einem Seufzer blickte sie durch die Scheiben in das Gewirr der Täler, die inchläulichen Schatten lagen. Floflo war schon auf der �zfahrt durch den Tannenwald, in dem das frische Harz duftete und die Anemonen in weißen Büscheln blühten. 5. Als Daniel in dem Pensionat der Schwestern vom guten Hirten Flo zum letztenmal mahnte, recht zu tun und couragiert zu sein, wenn das Heimweh an ihm zupfe, da empfand er eine starke, väterliche Zuneigung zu dem blassen Kind, das ihn mit fremden Augen ansah und vor Herzweh nicht antworten konnte. Er war schon cm der Tür, da rief es ihm nach. „Vatterle, Batterie," klang's dünn und schluchzend, und Schwester Amalie, die es beschwichstgt hatte, ließ es gewähren und dem Vater nachschießen. Wie der Wind war es hinter ihm her und warf sich wild gegen ihn, strebte an ihm empor und küßte ihn. Daniel hatte ein Zucken in den Armen verspürt, als die geschmeidigen, jungen Glieder sich gegen ihn drängten, und er, der dem Maidle nie zärtlich begegnet war, küßte es wie ein rechter Vater auf die Backen, drückte es fest an sich und stellte es dann vorsichtig auf den Boden. „Da, nehmt es, Schwester, und haltet es gut." Er rückte den Hut in die Stirn, ging den hallenden Flur hinab in den Garten, den Hof und durch das Tor auf die Gasse. Die lag einsam, das buckelige Pflaster schimmerte� grün- lich in der Frühlingssonne. Und straßenweit kein Mensch, die Verlassenheit einer Totenstadt. Er kam am Gymnasium vorüber, wo er sechs Jahre die Bänke gedrückt hatte. Seine Mutter hätte gern einen Priester aus ihm gemacht, aber ihn kratzte die Kutte, noch ehe er sie auf dem Leib hatte, und als er eines Tages mit dem Professor Dubail, einem spitzfindigen Burgunder, der die Elsässer nicht leiden konnte, grob zusammenstieß, da fuhr er des Nachts wie ein Fuchs aus dem Bau, stahl sich aus dem Schlafsaal, kletterte über die Mauer und rannte den Bergen zu. Erst durch die dunklen Straßen, an einem Brigadier der Gendarmen vorüber, der mit seinem Zweispitz daherkam, anzusehen wie der gehörnte Leibhaftige im grauen Dämmerlicht, dann am Logelbach hin, das Münstertal hinauf. Und endlich lief er durch die Rebgärten die Berge hinan, den Wäldern, den Matten zu. Stundenlang, höher hinauf, immer weiter in den Tag hinein, bis die dunklen Tannenwälder hinter ihm� zurückblieben, die Rebhügel, die Waldberge unter ihm grün und schwarz dahockten, klein und kümmerlich, und vor ihm die Weiden sich dehnten, die roten Kühe, die gefleckten Rinder nach ihm glotzten und der junge Muni, den sie dem Vater in Straß- bürg auf der Ackerbau-Ausstellung prämiiert hatten, schnaubend und röchelnd auf ihn zukam. Er hatte dem Stier eins auf die feuchte Nase versetzt und ihn angeschrien: „He, Coco, kennst Du mich nicht mehr?" Dann war er an dem blöd stehenbleibenden Vieh vorbei- gerannt, über die Kälbermatte durch den Kiefernbusch, auf die Höhe, wo der Wind wehte, wo er zu oberst stand zwischen den Steinen, und er war den Mönchsfelsen hinaufgestiegen. dort reckte er sich hoch über den Bergen, den buckligen, die im Tal hockten, den klumpigen, die dalagen wie hingeworfen von einer Riesenhand, hoch über dem stolzen Grat, der das ganze Gebirge entlanglies, ein himmelhoher Rücken zwischm dem Frankreich und dem Elsaß. Und weit unten in der Tiefe, da hatte er die Stadt gi> sehen, ein Haufen von Dächern, ein paar Türme, ein Dreck das Ganze. „Du bekommst den Dani nimmer," hatte jw hinuntergeschrien und sich mit der flachen Hand auf das Hinterteil ga» patscht, als müßte er der Stadt, dem Gymnasium, dem Pro- fessor Dubail und allem seine Verachtung bezeigen auf der Kuppe des Mönchsfelsen hoch oben auf dem Florimont, WS sie daheim waren und Herren und Meister, die Junt, Die Mutter ging mit der Käseschaufel auf ihn los, daß der rauchende weiße Brei ihm um die Ohren spritzte, als er in die Ferme trat, wo der große Kessel über dem Feuer stand, aber der Vater sagte: „Zum Geistlichen ist er verdorben. Die Junt sollen nicht herab von ihrem Berg." Und der Alte hatte reckst gehabt, der Berg hielt die Junt fest und sie ihn. Herrgott, der Alte, der Vater selig! Ein Zucken ging durch Daniels Leib. Er war auf einmal wieder bei sich und sah, daß er die Korngasse hinunter und die Vaubanstraße hinausgelaufen war, ohne es zu wissen. Ein Umweg. Er wußte doch, wohin er wollte, wohin er mußte. Und er ging hin. Daniel schritt weiter, die Hände in den Taschen. Vom stumpfen Münsterturm läuteten die Vesperglocken über der leeren Stadt. In der Judengasse begegneten Daniel Zuerst ein paar blauröckige Dragoner, die mit dem Stampfen ihrer schweren Tritte und mit dem Klirren von Säbel und Sporen einen Lärm machten, daß die ganze Gasse davon widerhallte. Dann kam ein Geistlicher lang und schwarz, lautlos, mit der Soutane fast das Pflaster fegend. Und dann niemand mehr. Die Haustüren lagen fest im Schloß, die Fenster waren wie blind, so dickst hingen die Gardinen. Am Haustor Grosjeans funkelte das blanke Messing- schild mit der Aufschrift: „Der Goldadler. Feuerversicherungs-Gesellschaft. General- Vertreter für den Ober-Rhei» I. I. Grosjean." Unheimlich laut klang die Glocke in denr Iveitläufigen Gebäude, es war, als grinste die Fratze im Schlußstein des Torbogens wehleidig bei dem ungewohnten Geräusch. Daniels Schritte hallten im gewölbten Flur und scheuchten die Sperlinge auf. die im Hofgärtlein zwischen den Buchssträuchern und gelben Krokus geschrien hatten und nun zu den Holzlauben hinauf flüchteten. Im zweiten Stockwerke lagen Grosjeans Bureau und die Wohnung. Als Daniel hinaufstieg, ging oben die Türe, die von dem Treppenabsatz auf die Holzgalerie führte, und als er aus dem Halbdunkel des Stiegenhauses ins Helle trat, stand eine schlanke, schwarze Gestalt vor ihm, die eben die Glastüre zur Wohnung öffnete. „Fräulein Berthe, Verzeihung— Frau." stieß Daniel überrascht hervor und knüllte den Filzhut zusammen. Einen Augenblick hatte Berthe gestutzt, dann lief ein roter Schein über das zarte Gesicht. „Ihr, Herr Daniel, Herr-- Junt!" Auch sie hatte sich verbessert, und als er ihr die Hand reichte, stumm, nnt einem heißen Blick, da ließ sie ihm ihre kalten Finger. Aber kaum hatten sie in seiner warmen, kräftigen Faust gelegen, so machte sich Berthe frei, murmelte: „Mein Vater ist da," wies mit einer scheuen, müden Be- wegung auf die Türe des Bureaus und ging hastig den Korridor hinunter. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Zur Sonnenfinsternis am so. Hucfuft. Wie uns die Astronomen versichern, wird am 30. August piinkt- lich um 1 Uhr 10 Minuten eine allmählich fortschreitende Verdunkelung der Sonne eintreten, die einen immer größer und größer werdenden Teil der Sonne verdeckt und um ViS Uhr soweit vorgeschritten ist, daß die Sonne nur noch als eine schmale Sichel erscheint, die wenig mehr als ein Dritteil der ganzen Sonnciischeibe ausmacht. Dann aber wird das Auslöschen des Sonnenlichtes, die Ver- dunkelung der Scheibe nicht weiter fortschreiten, sondern allmählich wieder abnehmen, und bald»ach Uhr. genau um 3 Uhr 23 Minuten, wird die Sonne wieder in voller Klarheit am Himmel stehen und ihr Licht auf die Erde herabsenden. Wohl memand zweifelt, daß diese Erscheinung, die man eine partielle Sonnenfinsternis nennt, in der uns angekündigten Art und Weise programmäßig vor sich gehen wird, und wenn wir hören, daß in anderen Gegenden der Erde, weiter nach Süden hin, die Ver- dunkelung der Sonne eine größere sein, ja daß im südlichen Europa und im nördlichen Afrika das Sonnenlicht für einige Minuten voll- ständig ausgelöscht werden wird, so fällt eS auch wohl niemand ein, irgend eilten Zweifel darein zu setzen. Während in früheren, barbarischen Zeiten das Eintreten einer Sonneltfinsternis vom Volke als etwas Ungeheuerliches betrachtet wurde, eine Auslöschung des segenspendenden Lichtes, von dem alles Leben auf der Erde abhängt, Furcht und Grauen erweckte, weiß heutzutage fast jeder, der auch nur einen sehr dürftigen Schulunterricht genossen hat, daß eS sich um ein Ereignis handelt, das in keiner Weise geeignet ist. einen nachhaltigen Einfluß auf die Erde auszuüben. Wir wissen, daß die Sonne eine ungeheure Kugel ist, etwa 8/4 Millioneu mal so groß als die Erde, und daß die Erde iit einer Entfernung von 20 Millionen Meilen um diese glühende Gaskugel sich herum- bewegt. Um die Erde aber bewegt sich in nur dem 400. Teile dieser Entfernung ein anderes Gestirn, der Mond, der zwar scheinbar fast ebenso groß ist wie die Sonne, dessen Größe aber in Wirklichkeit noch nicht einmal den SO. Teil der Größe der Erde ausmacht. Dieser Mond nun ist ein duilkler Körper, der nur im erborgten Sonnenlicht schimmert, und deshalb auch, je nachdem er uns einen größeren oder kleineren Teil seiner beleuchteten Seite zuwendet, bald als Vollmond, bald als Viertelmond, oder auch als schmale Sichel oder gar nicht, als Neumond, erscheint. Zur Zeit deS Neumondes steht der Mond gerade zwischen Erde und Sonne, und wie alle beleuchteten Körper wirst er einen Schatten hinter sich. Die Länge seines Schatten? hängt von seiner Größe und der Entfernung von der Lichtquelle ab. Wenn nun der Mond in seiner Stellung zwischen Sonne und Erde sich befindet, kann sein Schatten die Erde treffen, und in demjenigen Teile, über welchen der Mondschatten hinzieht, wird also für kurze Zeit die Sonne verdunkelt. Würden die Bewegungen der Erde um die Sonne, des Mondes um die Erde in vollkommen regelmäßigen Kreisbahnen in derselben Ebene erfolgen, so müßte bei jedem Neumond eine totale Sonnen- finsternis eintreten. Die Bahnen der Gestirne sind aber nicht ganz kreisförmig, und außerdem ist die Ebene der Mondbahn gegen die Ebene der Erdbahn, die sogenannte Ekliptik, geneigt, so daß der Schatten des Mondes bald über, bald unter der ErbeJ hinzieht, und eine Sonnenfinsternis im Vergleich zur Altzahl der Neumonde eine verhältnismäßig seltene Erscheinung ist. Ueber die allgemeine Ursache der Finsternis, nämlich darüber. daß der Mond zwischen Erde und Sonne tritt und seinen Schatten auf die Erde wirst, die Sonne also den Erdbewohnern verdeckt, ist sich heute fast jedermann klar; und in bezug auf die Berechnung der Einzelheiten verläßt man sich auf die Astronomen, deren Voraus- sagen sich ja stets bis auf Bruchteile von Sekunden genau erfüllen. Deshalb stehen wir heute einem solchen Ereignis ruhig, vielfach geradezu teilnahnilos gegenüber. Wir betrachten es als eine zwar nicht alltägliche Erscheinung, aber doch als eine Erscheinung, die in ihrem Verlaufe erkannt und der Rechnung unterworfen ist und uns nicht mit Furcht und Sorgen zu erfüllen braucht. In diesem Unterschiede den heimlichen Erscheinungen gegen- über zeigt sich ein gut Teil der erreichten Kulturhöhc. Früher Furcht und Angst und Grausen, heute gleichsam ein Achselzucken und die Bemerkung:„Der Mond zieht zwischen der Sonne und der Erde vorbei". Wahrlich eine treffliche Illustration, wie die in der Natur wirkenden Kräfte vom Menschen erkannt und beherrscht werden, und dadurch alles Furchterregende verlieren. Auch an wissenschaftlichem Interesse, sollte man meinen, haben die Sonnenfinsternisse verloren, nachdem ihre Ursache vollständig erkannt ist, ihr Verlauf bis auf Bruchteile von Sekunden vorher bestimmt und berechnet wird. Dem ist aber nicht ganz so, sondern in wissen- schaftlichen Kreisen wird dem Ereignis einer totalen Verfinsterung der Sonne noch immer ein derartig starkes Interesse entgegen- gebracht, daß von fast allen zivilisierten Staaten mit großen Geld- Mitteln Expeditionen»ach denjenigen Gegenden ausgerüstet werden, wo die Verfinsterung eine totale rst. Die Linie der Totalität zieht sich diesmal vom nördlichen Spanien über die Insel Mallorka nach Algier, Aegypten und Arabien hin, und nicht nur spanische, sondern auch italienische, französische, englische, deutsche und amerikanische Forscher weilen seit einigen Wochen in jenen Gegenden, um alle Bor- bereitungen zur Beobachtung des Ereignisses, dessen Dauer nur wenige Minuten beträgt, zu tteffen. Es müssen also doch wohl während der wenigen Minuten der totalen Verdunkelung der Sonne merkwürdige Dinge an ihr zu sehen seilt, deren genauere Erforschung geeignet er- scheint, uns weiteren Aufschluß über die Natur der Sonne selbst zu geben. In der Geschichte der Sonnenfinsternisse ist bedeutsam die Finsternis vom 8. Juli 1842. Dainals bemerkten zuerst mehrere Beobachter an verschiedenen Orten, daß während- der Totalität (Dauer der vollen Verdunkelui.g) scheinbar am Rande der dunkelen Mondscheibe zwei oder drei rötlich gefärbte Hervorragungen sichtbar wurden; ein Beobachter verglich sie mit zackigen Bergen, ein andrer mit geröteten Eismassen, wieder andere mit gezahnten roten Flam- mcn. Spätere Beobachtungen von Sonnenfinsternissen ergaben. daß diese sogenannten Protuberanzen nicht dem Monde, sondern ganz unzweifelhaft der Sonne angehören. Ihre Beobachtung und nähere Erforschung wurde in der Folge eine der Hauptaufgaben der Astronomen bei Sonnenfinsternissen. Zufolge' der Spektralanalyse— dieselbe wurde 1860 von Kirchhoff und Bimsen erfunden— nahmen die Anschauungen über die Natur der Sonne feste Gestalt an; die Sonne erschien als eine glühende, feurig« flüssige Masse, über deren Oberfläche, der leuchtenden Photo- s p h ä r e, sich eine an Dichte und Helligkeit beständig abnehmende, gasige Atmosphäre aus verschiedenen Dämpfen erhebt. Die unterste Schicht dieser gasigen Atmosphäre bildet die sogenannte Chjromo- s p h ä r e, aus welcher die Protuberanzen, die mit Hülfe der Spektral- aualyse im wesentlichen als glühender Wasserstoff erkannt wurden, hervorzubrechen scheinen. Die Geschwindigkeiten, mit welcher diese Wasscrstoffmassen in wenigen Sekunden viele Tausende von Kilometern hoch emporgeschleudert werden, sind ganz erstaunlich, und bieten unserer Vorstellung fast unüberwindliche Schwierigkeiten, weil diese Gasmassen bei ihrem Aufsteigen in der Sonnenatmosphäre sehr erheblichen Widerstand finden müssen. Im Jahre 1868 gelang es im Anschluß an die Beobachtungen bei einer totalen Sonnenfinsternis deni Engländer L o ck y e r und dem Franzosen Janssen gleichzeitig, den Spektralapparat so zu gestalten, daß die Protuberanzen auch unabhängig von einer Ver» finsterung der Sonne jederzeit beobachtet werden können. Daher kann ihnen allein das besondere Studium der Astronomen bei einer Verfinsterung heute nicht mehr gelten. Tatsächlich beobachtet man bei einer Sonnenfinsternis noch eine andere rätselhafte Erscheinung, die bisher nur bei den seltenen Gelegenheiten eines solchen Schmispiels fichtbar wurde. Es ist das ein rings um die Sonne ausgebreiteter strahlenförmiger Lichtschimmer, die sogenannte Korona. AuS dem Altenum sind über sie so wenig wie über die Protuberanzen Nachrichten über- mittelt, und man hat deshalb mehrfach angenommen, daß sie da- mal? auch gar nicht vorhanden war. Doch ist dies wenig wahr- scheinlich; vielmehr mag das Eigentümliche und Erschreckende der Verfinsterung Ursache gewesen sein, auf die weniger hervorstechenden Einzelheiten nicht besonders zu achten. Beispielsweise hat Herr Archenhold, der Direktor der Treptow-Sternwarte. welcher am 28. Mai 1906 die totale Sonnenfinsternis in Algier beobachtete, sieben eingeborene Kabylen nach den Wahrnehnmngcn, die fie während der Verfinsterung machten, gefragt. Sie beschrieben sämtlich die von ihnen während der Finsternis erblickten Sterne recht gut, aber kein einziger hatte die Korona erwähnt. Ausdrücklich auf diesen Lichtschimmer um die verdunkelte Sonne hin- gewiesen, antwortete jeder einzelne, er habe diesen nebeligen Schein wohl bemerkt, aber nicht für etwas Besonderes gehalten. So mag er wohl auch früher der Aufmerksamkeit entgangen sein. llebrigens ist die Korona sehr veränderlich, fie umgibt die Sonne nicht als gleichmäßiger Lichtschimmer, sondern hat einen un- regelmäßigen Umriß. An einzelnen Stellen erscheint sie heller und höher als an anderen, zuweilen erstrecken fich ihre Hervorragungen strahlenartig, wie zarte Wolken weit in den Raum hinaus; bis über 1'/, Millionen Meilen von der Sonne sind fie noch gesehen worden.' Die eigentliche Natur des Stoffes, aus dem sie besteht, ist noch vollkommen unerklärt. Es liegt nabe, in ihr die letzten Ausläufer der Sonncnatmosphäre zu erblicken, womit freilich ihre eigentümliche Strahlcnbildung nicht erklärt wäre. Aber dieser Annahme wider- spricht z. B. die Tatsache, daß im Jahre 1843 ein großer Komet dicht an der Oberfläche der Sonne vorbei ging, wobei er mitten durch die Korona hindurch laufen mußte. Wäre sie eine Atmosphäre, so hätten die Meteore, die den Kometen bilden, wohl vollständig zerstört werden müssen, zum mindesten hätte der Komet eine starke Beeinflussung gezeigt. Er durchsauste mit einer Geschwindigkeit von 570 Kilometer in der Sekunde mindestens 500 000 Kilometer der Korona, verließ aber vollkommen unversehrt, ohne jede Stönmg und Veränderung, die scheinbar so gefährliche Nähe der Sonne. Auch die Spektralanalyse hat bisher keine Aufklärung über das Koronarätsel geschaffen, freilich deutet ihr Spektrum auf ein schwach leuchtendes, auf der Erde nicht bekanntes Gas hin, daS�nan als K o r o n i u m bezeichnet hat. Aber andererseits zeigt das Spektrum auch deutlich, daß die Korona der Hauptsache nach aus festen Körpern bestehen muß, die von der Sonne beleuchtet werden und im reflek- tiertcn Sonnenlichte so milde erglänzen. Wie sich feste Körper in solcher Höhe erhalten können, ohne sofort auf die Sonne zu stürzen, ist noch unerklärt. Manche denken an elektrische Abstotzungskrüfte, andere wieder glauben, daß ein Meteoritenschwarm die Sonne in nächster Nähe umkreise. Die Beobachtung der Korona wird also noch sehnlichst erstrebt, es ist aber bisher nicht gelungen, diese Er- scheiming anders als bei einer totalen Verfinsterung der Sonne zu sehen. Auch andere Fragen harren noch ihrer Erledigung. Zum Beispiel die Frage. ob innerhalb der Bahn des Merkur ein weiterer Planet die Sonne umkreise, wie mehrfach aus gewissen Störungen der Bewegung des Merkur vermutet worden ist. � Und, abgesehen von den rein astronomischen Fragen, ist die Erforschung des Einflusses, welchen die Verfinsterung auf die Teinperatur und die Winde ausübt, von hohem Interesse. Merkwürdige meteoro- logische Erscheinungen treten auf. Wir erinnern nur an die noch unerklärten Schattcnstrcifen, die immittelbar vor und nach der Ver- finsterung rasch über die Landschaft hinziehen. Auf lange hinaus bieten die Sonnenfinsternisse dem Erkcnntnisdrange noch reiche An- regung. Hoffen wir, daß die vielen Expeditionen, die zur Be- obachtung auSgeriistet find, von heiterem Wetter begünstigt tverden, daß die Arbeit, die dort geleistet wird, beiträgt zur Erweiterung unserer Einsicht in den Zusammenhang des Weltenbaues.— Dr. Bt. Kleines feinlleton. — Wiistentod. Der„Köln. Ztg." wird geschrieben: Seit der Entdeckung der außerordentlich reichen Goldfelder von Tonopah, GoldfieldS, Bullfrog und ihren Nachbärgebieten in der Wüste Nevadas sind wieder häufiger Fälle berichtet worden, daß Gold- sucher und andere Wanderer einen elenden Tod durch Verschmachten gefunden haben. Das Große Becken, das aus dem Nevada-Platea». dem Utah-Becken, dem Nevada-Becken und dem Mohave-Bccken be» steht und 600 000 Quadratkilometer einnimmt, wird ja mit Recht von Deckert in dem neuesten Werk über Nordamerika als fast in allen seinen Teilen Wüstenhaft geschildert, und wenn dort ferner hervorgehoben wird, daß der„nordamerikanischc Glutofen" im süd, lichen Teil des Beckens mit 37,7 Grad als höchstem Julimittel für Volcano Springs, 37,5 Grad für Salton an der Südpazifikbahn und 36,1 Grad für Maricopa das Julimittel des berüchtigten„afri- kanischen Glutofens" am Roten Meer(Assab 35,3 Grad und Massaua 34,8 Grad) noch bedeutend übersteigt, wobei das vermutlich noch wesentlich heißere südkalifornische Todestal wegen Datenmangels nicht einmal berücksichtigt ist, so erhalten wir die Grundlage für die folgenden Schilderungen. Uehrigens gehören zu den Schrecken auch der amerikanischen Wüste wie der Sahara die Sandstürme, von denen z. B. einer im Juli 1902. der drei Tage lang bei 52 Grad Zelsius wütete, die künstlich bewässerte Oase Indio an der südlichen Pazafikbahn völlig zerstörte und einen Schaden von einer Million Dollar stiftete. Die Wüste bedarf aber gar nicht dieses Kraft- aufwandes, um ihre Opfer zu verschlingen, die ihr Hitze und Wasser» niangel zuführen. Wenn nun schon Hunderte am Wege liegen bleiben, die die Wüste möglichst schnell zu durchqueren suchen, so wird die Totenliste der Goldsucher, die sich absichtlich auf Wochen und über nie betretene Pfade in den Rachen der Wüste begeben und darin umkommen, ein ewiges Geheimnis bleiben. Tonopah und die Schatzorte, die Abdallahs Auge in der Tiefe erschaute, werden wahrlich nicht durch Zufall entdeckt, sondern durch die an Wahnsinn grenzende Methode der Goldsucher, die Meile um Meile und Tal um Tal abstreifen und tausendmal zwischen den Steinen am Wege stochern, ob nicht ein schwarzer oder goldener Schimmer Hoffnungen erregen will. Es war kein Zufall, der dem verrückten Kuhhirten und Goldsucher Walter Scott in dem fürchterlichen Todcstal eine außer- ordentlich reiche Goldmine in die Hand spielte. Scotty, wie er schon in ganz Amerika heißt, kam freilich glücklicherweise nicht um, sondern er belud ein Maultier mit dem Erz, das er in wenigen Wochen er- raffen konnte, und ehe er an die wirkliche Ausbeute seines geheim, gehaltenen Fundes ging, stürzte er sich noch einmal auf einige Wochen in die Zivilisation, schuf eine Sensation, indem er am 10. und 11. Juli d. I. mit seinem Sonderzug auf der Santafcbahn den Schnelligkeitsrekord zwischen der Pazafikküste und Chicago schlug. was ein Lumpcngeld von 22 000 M. kostete, verschleuderte sein Letztes in New Uork und fuhr im bescheidenen Pullmanwagen wieder wcst- wärts. Aber wie viele sind neben diesem Glücklichen den Geiern zum Raub geworden? Der weite Westen ist voll von Geschichten „verlorener Goldminen", deren Entdecker schmählich umkamen, ehe sie ihr Geheimnis preisgaben. Als im vorigen Sommer Shorty Harris den grünschimmernden Bullfrogfelsen entdeckte, wurde dies vielfach für die vor über 40 Jahren zuerst von einem alten Deutschen namens Breivogel aufgefundene, aber von ihm wieder spurlos ver- lorene fabelhaft reiche Mine gehalten. Breivogel starb im Irrsinn an einer Kopfwunde, aber anderen ergeht es noch schlimmer. So wurde im Februar 1904 gemeldet, 20— 30 Mann, die vorher an der neuen San Pedro- und Salt Lakebahn gearbeitet hatten, seien von dem damaligen Endpunkt der Bahn in der Moapa Indianer» rcservation, 50 Kilometer nördlich vom großen Kolorado'nie, auf- gebrochen, um in südwestlicher Richtung über Las Vegas die Santafebahn bei Manvel, etwa 140 Kilometer entfernt, zu erreichen, und seien später von den Bahnvcrmesscrn auf halbem Wege ver- durstet aufgefunden worden: im Wahnsinn, der der Verdurstung so oft vorausgeht, hatten sie sich aller Gewänder entledigt, und ihre Leichname wurden nackt in der Nähe eines ungenießbaren Wassers entdeckt, der verrufenen Totcmannquclle. Es hieß, die Zahl derer, die die tolle Reise wagen, habe sich in jüngster Zeit stark vermehrt. und nur ein Drittel erreiche lebend die andere Seite. Nicht weit von dieser Gegend, am Kingston Peak, halbwegs zwischen Mojabe am Kolorado-Uebcrgang und dem Todcstal, fanden im Juni 1904 H. De Long und H. Goldbcrg fünf Goldsucher(Prospektors, wie sie in Amerika heißen) in Delirien und retteten sie nach dem Jvanpah- tal, einer kleinen Oase gegen Südosten. Aus Los Angeles kam im Juli d. I. die Nachricht, binnen drei Wochen seien neun Mann in der Nevadawüstc umgekommen, zwei Unbekannte tobsüchtig im Todes- tal gefunden worden, zwei Goldsucher, selber dem Tode nahe, hätten das Skelett eines anderen entdeckt, und ein Wanderer sei irrsinnig auf einem Bahnglcise aufgelesen worden. Das Thermometer habe während dieser Zeit bis zu 60 Grad gemessen. Aehnliche Er- Zählungen kamen im Juli aus Goldfields wie auch aus Arizona. Der bekannte Amerikanist Prof. Mc Gee, der den Sommer in Tinajas Alias an der Grenze von Arizona und Mexiko, am Rande der Uumawüste, zubringt, wo die Natur eine Reihe natürlicher Wasscrkufen— daher der Name— in dem engen Felsental ge- schaffen hat, schreibt in seinen Briefen von den entsetzlichen Aben- teuern, denen dort die Wüsteuwanderer ausgesetzt sind. Er kennt das Leben der Wüste und hat im Jahre 1898 in der Atlantic Monthly eine realistische Beschreibung von den fünf Stadien dcS VcrdurstungStodcS gegeben. Er schildert, wie im dritten Stadium die steife, wie mit Kollodium überzogene Zunge gegen die Zähne schlägt, die Lippen sich verzerren, der Kopf wie in Eisenreifen ge- spannt ist, Nacken und Rückgrat wie zusammengepreßte Geschwüre schmerzen, der Herzschlag gleich Donner durch den Körper rollt, die Augenlider sich nicht mehr bewegen; wie im vierten Stadigm die Zunge aufbricht, sich in das Fleisch des Mundes wühlt. Fliegen sich darein nisten, dickes Blut und Serum ausfließen, Blut geschwitzt wird und das Gefühl des Ertrinkens sich einstellt, und wie im fünften Stadium die Deliricnkranken unter Austritt des Blutes einfach austrocknen und den Geiern zum Fraß fallen.— Mufik. Um vier Jahre jünger als Mozart, doch erst 51 Jahre nach ihm gestorben, gilt L. Cherubini(1760— 1842) für uns als ein zweiter Mozart. Für damals scheint er ein Ueber-Mozart gewesen zu sein; und die vielen Zurücksetzungen, die seine lange Wirksamkeit störten, gingen wohl auch auf den, damals sehr stark erscheinenden, dramatischen Zug seiner Opern zurück. Heute hören wir ihn mit jenem Bewußtsein an, das uns auch an den Klassikern das vorüber- gehende ZeiUiche erkennen läßt. Hat man sich bei ihm einmal damit abgesunden, so ist des Entzückens über seine Melodik nicht allein, sondern auch über seine sonstige Kompositionskraft kaum ein Ende. Das im Französischen„Die zwei Tage" betitelte, uns als.Der Wasserträger" bekannte Opernwerk kam zuerst 1806 heraus und hielt sich noch erfolgreicher als einige andere Opern Cherubiins auf dem Spielplane deutscher Opernbühnen. In Berlin war es seit längerem verschollen. Um so verdienstvoller ist das Vorgehen der Sommeroper von Benno Koebkc bei Kroll, die uns am ver- gangcnen Sonnabende das freundliche Werk in neuer Einstudierung brachte. Der Inhalt des Stückes ist für heute zwar etwas mehr als harmlos, hält aber selbst unsereinen noch in Spannung. Unter dem französischen Könige Ludwig XIV, in der von 1643— 1651 dauernden Regentschaft, zumal im Jahre 1648, hatte der Führer der Regent- schaft, Kardinal Mazarin, mit einer politischen Fronde zu tun. Die von ihm Verfolgten machen verschiedcntliche Schicksale durch, und eines davon ist im Opcrntexte die Errettung eines Paares durch einen Wasserträger von Paris, dessen Bemühungen solange ge- lingcn, bis schließlich doch nur eine Gnade vom Hofe das Unheil zu einem glücklichen Finale führt. Oberregisseur Hermann Gura und Kapellmeister Ernst K u n w a l d würden unter günstigeren Verhältnissen wohl noch Besseres zustande bringen, als es diese Aufführung ohnehin schon war. Am meisten fehlte das Zusammeiipasscn der Klangfarben von den verschiedenen Singstimmen. Einige Gesangskräfte störten durch etwas Hartes in ihren Stimmen aus recht unangenehme Weise. Von solchen Einschränkungen abgesehen, konnte man jedoch mahrlich voll des Lobes sein. Wir nennen der Kürze halber von den nicht wenigen verdienstvollen Mitwirkenden die Namen ebensowenig, wie die Namen der weniger Verdienstvollen. Jedenfalls darf der Leitung jener Sommeropcr für diesen gut künstlerischen Abschluß ihrer vcr- schiedentlichen Taten lebhafte Anerkennung gespendet werden. Wir sind in Berlin an solche Sommcrleistungen nicht eben gewöhnt. Selbst der Maßstab von Winterleistungen könnte hier angelegt werden. Allerdings gehört zu diesem Maßstab auch eine resignierte Bescheidung gegenüber der Pflicht, eine mustergültige Stilechthcit von Aufführungen endlich auch den leichteren Opern der vor- Wagnerschen Zeit zuzuwenden.—-z. Geologisches. t. Die Eiszeit in den Rhein landen. In der Rhein- Provinz finden sich häufig in den von früheren Flußläufen abge« lagerten KieSmassen und auch noch in den jetzigen Flußbetten auf« fallend große Gestcinsblöcke, die im Rhein selbst bei niedrigem Wasserstand für die Schiffahrt recht lästig werden können. Auf sie ist wohl der bei der dortigen Bevölkerung weit verbreitete Glaube zurückzuführen, daß es auch in diesem Teil Deutschlands erratische Blöcke aus der Eiszeit gebe. Mit diesem Punkt beschäftigt sich Dr. Pohlig aus Voim in einem Aussatz über die Eiszeit in den Rheinlanden, der in den Monatsberichten der Deutschen Geologischen Gesellschaft ver» öffenilicht worden ist. Er weist darauf hin, daß jene einzelnen großen Steine nicht als erratische Blöcke zu betrachten sind, aller» dings aber als eine Art von Wanderblvcken, die nicht vom Gletschereis an ihre jetzige Lage geschafft worden sind, sondern durch das Grund» eis des Stromes. Das Grundeis bildet sich, wie der Rame sagt. am Boden des Flußbettes und steigt dann in die Höhe, so daß e« in die Lage kommt, auch größere Steinmasien, wenn fie eingefroren sind, emporzuheben. Dann schwimmt daS Eis mit einer solchen Be» lastung stromabwärts; daher kann es kommen, daß Gesteine aus dein Oberlauf des Rheins anf ziemlich erhebliche Entfernungen auf diesem Wege verschleppt werden. Roch häufiger haben die fälschlich als erratische Blöcke betrachteten Steine überhaupt einen lokalen Ursprung. Das trifft auf die kieseligen„Knollensteine" zu. die aus der in Norddeutschland weitverbreiteten Braunkohlenbildung stainmen und z. B. in Sachsen und Thüringen auch unter den wirk- lichen errattschen Blöcken zu finden sind. Im Rheinland liegen fie fast inimer noch ungefähr an derselben Stelle, wo sie„gewachsen" sind. Sie find eben nur infolge ihrer größeren Härte und ihres Gewichtes erhalten geblieben, während die weiche Braunkohlen» lagertmg, in die sie ursprünglich eingebettet waren, durch Ber» Witterung oder Flutwasser zerstört worden ist. Bor der Kapelle auf dem Krcuzberg bei Bonn liegen eimge derarttge Knollensteine von seltener Größe. Echte Wanderblöcke skandinavischer Herkunft, wie man sie in der norddeutschen Tiefebene allenthalben antrifft, find in der Rheinprovinz nicht vorhanden, sondern man findet sie erst im westfälischen Münstcrland mrd im östlichen Holland. Ganz anders liegen die Verhältnisse am sogenannten Oberrhein, in dem Gebier des Schwarzwaldes und der Vogesen. Dort in den süddeutschen Rheinlanden kann man die Spuren einer ehemaligen Gletscherbedeckmig von örtlicher EntWickelung in ausgezeichneter Weise studieren. Im Schwarzwald sind fie noch vergleichsweise gering und finden sich augenfällig nur in der Bildung des kleinen FeldseeS unterhalb des Feldberggipfels. Ungemein großartig dagegen sind die Zeugen einer früheren Vereisung in den Hochvogesen. wo die jetzt längst hinweggeschmolzenen Eissttöme noch die Spuren ihrer unmittelbaren Einwirkung auf den Gesteinsarund hinterlassen haben. Es fehlt weder die Abschweifung der Felsen noch auch die eigentümliche Erscheinung der Gletschertöpfe, wie man fie im Ge- biet der nordischen Vergletschermig in Rüdersdorf bei Berlin und in dem der alpinen im Gletschergarten von Luzern und an anderen Stellen in Augenschein nehmen kann. Pohlig weist aber mit großem Recht darauf hin, daß die Ver» gletscherung der Hochvogesen auch für die unteren Rheinlande eine ganz außerordentliche Bedeutung gewonnen hat durch die aus den Schmelzwässern der damaligen Gletscher gebildeten Ströme. So verdankt daS Moseltal seine imposante Ausbildung dem Umstand. daß ihre Ouelle» damals von einem fast 40 Kilometer langen Eis- ström herleiteten, der vom Ballon de Servance ausging und als Moselgletscher bezeichnet werden kann. Pohlig sagt von dem Seen- gebiet der Hochvogesen, daß es mit Bezug anf die Spuren früherer Vergletscherung in der Welt nicht seinesgleichen besitze. Nirgends biete sich eine so große Zahl ansckanlichstcr Eisspuren, prächtigster Glacialseen, Karbildungen, Rundhöcker und Wälle von Moräneisichitt auf so engem Räume und als so einheitliches Ganzes vereinigt. Zur Beranlchaulichung dieser Tatsachen hat Dr. Pohlig mit großer Sorgfalt ein Modell dieses wichtigsten Teiles der Hochvogesen her- gestellt, das ein Bild gewährt, wie eS etwa aus einem hoch über der Gebirgskette schwebenden Luftballon bei NachmittagSbeleuchtung zu erhalten sein würde. Im zweiten Teil seiner Untersuchungen kommt Pohlig auf die mittelbaren Spuren der großen Eiszeit in den Gebieten des Rhein- stromeS zu sprechen, die damals selbst nicht von Eis bedeckt ge- Wesen sind. Auch in den preußischen Rhcinlanden sind sie reichhaltig vorhanden und überall verbreitet. Die ältesten Zeugnisse der Eisz«. t auf der Erde sind durch das Studium der Tierverbreitung erbracht lvorden. Wer sicki ein wenig mit der Geologie des norddeutschen Flachlandes beschäftigt hat, wird davon gehört haben, daß sich in manchen Tonablagerimgen die Reste arktischer Muscheln vorfinden, deren Vorhandensein in diesen Gegenden nur durch die Annahme einer damaligen Bedeckung mit einem sehr kalten Meer erklärt werden kann. AchnlicheS gill von allen anderen Gebieten Nord- und Mitteleuropas. In den Rheinlanden hat Pohlig eine Schicht entdeckt, die durch große Süßwasser- Fluten ent- standen sein muß und aus Sauden besteht, die nach ihrer Gesteins- Zusammensetzung besondere Eigentümlichkeiten ausweisen. Außerdem erhalten sie aber vereinzelte Reste von ausgestorbenen Lebewesen, die noch auS der Kreide- oder gar noch aus der Juraformation stammen. Ein Unterschied zwischen diesen alten Ueberschwcnrmungen des Rheinlandes mrd allen späteren be- steht dann, daß fie nicht in der Richtring des RheinstromeS erfolgt sind, sondern entweder von Norden nach Süden oder allenfalls von Westen nach Osten. Ueber diesen Sanden lagern stellenweise grobe Flnßkiese mit größeren Geschiebcblöcken, die vielleicht noch der Tertiärperrode angehöre», aber bisher keine Ueberblcibsel auS- gestorbener Tiere oder Pflanzen geliefert haben, wonach sich ihr Alter init größerer Sicherheit bestimmen ließe. gür_ die eigentliche Eiszeil gilt hinsichtlich der Rheinprovinz �der Satz, daß die ältesten Absätze des Rheines, d. h. die Hauptmasse der ersten Fluß- schotter aus der Hochebene an den höheren Gehängen mrd in den Senken mit der Zeit des Höhepunktes der alpinen Vergletschermig zusamirrengefallen sind. Gleichzeitig hat auch die größte Arbeit in der Schaffung des eigentlichen lllheintales damals stattgefunden. Die gewaltigen Gletschermäntel der Alpen, der Vogesen und des Schwarzwaldes lieferten eben während der kurzen heißen Sommer der Eiszeit ungeheuere Waffen von Schmelzwasser, die mit außerordcirtlich viel Schutt und Geröll be- laden und so zur Ausgrabung tiefer Täler besonders geeignet waren. Die mächttgen Flußgerölle jener Zeit findet man jetzt auf den Hoch» flächen überall fast in der Richtung der heutigen Flußläufe und auch als Ausfüllung von Talsenken, wovon jetzt nur nock vereinzelte Schutvirassen in den Böden und an den Rändern der Täler übrig geblieben sind. Die sogenannte Jntcrglacialzeit, eine Epoche milderen KlimaS zwischen den beiden Abschnitten der eigentlichen Eiszeit, ist in der Rheinprovinz vertreten durch Schichten mit Resten des Mammut, des UrnashornS, des brcitstiriiigcn ElchS. des eigenarfigen Riesentiers Elasmotherium, daS vermutlich Anlaß zur Fabel vom Einhorn gegeben hat, und anderer großer jetzt ausgestorbener Säugetiere.' In diese Jntcrglacialzeit fiel auch die vulkanische Tättg- keit im Gebiet der Eiset, also die Bildung der dortigen jetzt von Seen eingenommenen Krater, der Tuffe, vulkanischer Bomben usw. Die Periode der letzten großen Vergleffcherung in Europa wird in der Rheiuprovinz vertreten durch Flußschotter in den Talbödcn und durch den Löß oder die Hochflutablagerungen der damaligen Schmelz» Wasser.— verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».Verlagsanstalt Paul Singer LlCo., Berlin L V.