Zlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 169. Donnerstag, den 31. August. 1905 lNachdruck verboten.) 19 Daniel Junt. Roman von Hermann S t e g e nr a n n. Am anderen Tage wußten sie es in La Motte und so weit sich Kunde schickeir läßt von Jerme zu Ferme, daß auf dem Florimont keine Kilbe sei. Am Freitag vor dem Feste kam der Bürgermeister auf den Berg. ..Guten Tag, Daniel. Ich komm expreß von unten heraus. Ihr wisset warum." Daniel saß ihm gegenüber am langen Wirtstisch. „Nein, sell weiß ich nicht, aber weil Ihr just da seid: ich Hab die Assekuranz gekündet." „Was? Die Assekuranz aufgekündct!" schrie der Maire. „Ja. sie steht mir nicht mehr an. Wenn die Gemeind will, daß der Goldadler weiternistet da oben, so soll sie ihn selber füttern. Ich zahl keine einzige Prämie mehr." Ter Wiesbauer krampfte die Fäuste zusammen. „Tie Gemeind zahlt keinen Son dran." „Auch gut, Herr Bürgermeister, dann sind wir quitt." Nach einer Pause, die beiden gleich lang vorkam, sagte der Maire mit scheinbarer Gelassenheit: „Ihr haltet ans Euer Sach, nicht wahr?" Daniel füllte ihm das Glas und sprach dabei: „Ihr fraget wie der Pfarrer ini Beichtstuhl." „Und Ihr bleibt bei dem, was Ihr gesagt habt?" „Gesagt? Aber was denn?" „Spielt nicht den Dummen, Daniel. Also frank heraus: ja oder nein?" „Alsdann— nein!" antwortete Daniel ruhig. Da schrie der Maire auf einmal wild über den Tisch: „Ihr haltet keinen Tanz ab?" Daniel blieb ruhig. Er lehnte sich zurück, stemmte die Fäuste gegen die Tischkante und erwiderte: „Hängt Ihr denn dran?" Ter Maire war aufgestanden. „Daß ich nicht mit den Mägden auf den Tanzboden geh und hinter dem Hag lieg, das greift ein Blinder. Aber wir halten auf unsere Sach, und seit Jahr und Tag wird am Pfingstmontag auf dem Florimont tanzt, da hat der Wirt dazu zu stehen. Also!" „Ihr täuscht Euch, Herr Bürgermeister. Das haltet der Wirt, wie er will." „Ah, bläst der Wind aus dem Loch! Wegen dem Gc- meinderatsspruch bockt der Fernster? Ich sag Euch, Junt. macht den Buckel grad, sonst seid Ihr zum letzten auf dem Hof gewesen!" Jetzt stand auch Daniel aus, langsam, ein böses Licht in den Augen. Sie waren allein in der Stube, nur hinter dem Schenkvorschlage hockte die Katherine und duckte sich, damit keiner auf sie achte. Sie war wie gelähmt vor Angst, aber als der Maire drohend auf den Tisch geschlagen hatte, da wäre sie beinahe aufgesprungen, dein Daniel zu Hülfe. Ter Klang seiner Stimme scheuchte sie wieder tief unter die leere Bierpumpe. Jedes Wort fiel wie ein Stein aus seinem Munde. „Herr Maire, ich will Euch etwas sagen: Der Spruch der Genieind ist so wenig in meiner Weigerung wie Wasser in meinem Wein. Ich hab's geschworen vor einem Jahr, wo sie tmr den Grenzaufseher über den Haufen gestochen haben, daß hier nimmer getanzt wird. Bei dem bleibt's." Einen Augenblick blieb der Maire stumm, dann nahm er die Kappe vom Tisch. „Gut. so schick ich Euch mit dem Waibel und vom Tribunal den Befehl. Und wenn am Montag nicht getanzt wird, hernach seid Ihr um die Pacht." „Probiert's, aber ich Hab die Schrift im Kopf, es steht � nichts drin vom Pfingsttanz. Mein Vater selig hat die erste' Kilbe gehalten, sellinals, wo die Gemeind den ersten Preis bekommen hat auf der Exposition zu Straßburg, und so ist's dann geblieben. Em Recht daran bat die G'mcind nicht." Der Maire war stutzig geworden, aber er faßte sich. „Gut, spielt nur den König und bestimmt, wie Jhr's haben wollt. Ihr seid feist geworden ans dem Hof, jetzt meint Ihr, die Gemeind muß Euch die Hemder waschen." „Feist worden?! Ihr seid für keinen Sou in unserm Speck, Ihr zu La Motte! Wer hat den Weg gekarrt und die Weid gerodet seit bald hundert Jahren! Die Stein gesprengt und den Zins gezahlt und die Versicherung obendrein! Ja„ jetzt ist's ein warmes Nest hier oben, da möcht mancher drein sitzen, aber Anno dreißig und vierzig, da ist der Pächter hier gehockt als ein Aussätziger. Da find die Schratzen aus dem Moor gestiegen, daß kein Knecht und keine Magd geblieben ist� weil sie ihnen des Nachts auf die Brust gesessen sind und das Fieber ins Gebein gehext haben. Bis das Wasser aus dem Loch getrieben war und kein Frosch in ehr darin geplärrt hat. Meine Mutter selig ist noch am Schleimfieber gestorben, aber jetzt, wo wir's herausgeschafft haben, wo der Florimont die fetteste Weid hat bis zum weißen See hin. jetzt kommt die Gemeind und will dem Junt einen Tritt geben vor den Hintern. Gut. Herr Maire! Lüpft nur den Fuß, aber gebt acht, daß Ihr nicht hinterzn in den Mist fliegt, wenn Ihr den Schuh streckt. Den Bau habt Ihr mir abgesprochen, das ist ein Schlag gegen mein Recht—" „Was Recht! Ein Dreck ist's!" blitzte der Wiesbauer gereizt. „Ja, gegen mein Recht, wie ich's versteh," donnerte Daniel nach,„denn ich hab's mit meinen: Schaffen und Werken verdient, ich erstick in der Baracke und hätt Euch und der Gc- meind zum Nutz gebaut— na! Aber das andere, daS, mit dem Ihr heut kommt, sell ist ein Spritz auf meine Ehr, und Gott verdamm' mich, wenn ich das hocken laß." „Das Gericht wird seinen Spruch tun, der Pfingsttanz kostet Euch die Pacht." Ohne einen Gruß verließ der Bürgermeister das Hau?. Der Wein nxtr in den Gläsern stelzen geblieben. Daniel goß die Neige seines Glases ans die Dielen und murmelte: „Jetzt ist's heraus, was mich gewürgt hat die ganze Zeit. Geh's. wie's will, ich steh dazu." Mehr tot als lebendig kauerte die Magd hinter dem Schenktisch und schielte durch ein Astloch, und als sie allein war, schlich sie davon, das?lettele zu suchen. „Jesus Maria, so Hab' ich den Herrn nicht gesehen, seit sellmals. wo die Leitkuh über den Hag in den Schlotten hin- unter ist und das Kind nicht heimkam. Da war der blutige Pfingsttag ein G'spaß dagegen." Nanette strich dem zahnenden L6on. der wild an ihren Röcken riß, über-den heißen Kopf. „Ja, ja, er brennt wnnderselten auf, aber dann lüpft er auch gleich das Dach ab. Das glostet bei den Junt und frißt sich langsam durch, und auf eins fahren sie los, und wer ihnen dann in den Weg komnit, was es sie kostet, sie gehen mit dem Kopf durch die Wand. So hat's der Vater selig gehabt, so hat's der Daniel und der da, der wird kein Haar anders." Sie hob den Knaben in die Höhe. j'katherine aber fuhr fort: „Gewettert hat's, sag ich Euch, daß dem Maire die Flöh vom Leib gesprungen sind vor lauter Angst, lind wie er da- gestanden ist. der Herr, so schön gelb im Gesicht wie ein MuttergotteSbild. und die Augen haben gezündet! Es hat einen grad hingeweht, so hat er ausgeschaut. Mir ist es kalt und heiß über den Buckel gelaufen." Da lachte das Nettele und sagte mit einem mitleidigen und doch spöttischen Blick: „Tatine gib acht, wenn der Herr cii: Zuckerstcngel war. hättest Du ihn schon lang aufgefressen vor lauter Liebe." Einen Augenblick stand die Katherine blaß, dann schoß ihr das rote Blut in den Kopf, daß ihr die Ohren brausten. Sie stieß einen leisen Schrei aus, schlug die Hände vors Gesicht und rannte heulend aus dem Zimmer, die Stiege hinauf und in die Dachkammer, wo sie mit der Sommermagd und der Köchin zusammenschlief, warf sich der Länge nach auf das Bett und drückte das Gesicht in die Kissen. Dabei stieß sie der Bock, daß ihr das Herzwasser kam:»nd sie bis; in den bunten Kattun und fühlte, wie ihr heiße und kalte Schauer über den Leib strichen, und das Herz tvild hin- und hcrsprang in der starken Brust. „Daniel,'Herr Daniel," wimmerte sie zwischen Schluchzen und Schneuzen, und jedesmal, wenn sie den Namen ins Kissen bröselte, zuckten ihre Glieder in brünstigem Weh. Das Nettele hatte ihr nnt seinem Spott das Herz auf» geschlagen, und nun wußte sie, was darin war. Allmählich wurde ihr freier zumut, sie wälzte sich herum, das blank- geweinte Gesicht wurde von einem Sonnenstrahl vergoldet, der durch die Dachluke prallte und sie unter der Nase kitzelte. Wie ein Schnauzbart, akkurat wie Herrn Daniel sein Schnauz kribbelte der Sonnenfinger. Catherine lächelte, ihre Augen schwammen in Zärtlichkeit, und ganz glücklich atmete sie auf einmal tief auf, daß die Brüste schier die Haften sprengten, die das Leibchen hielten. Sie setzte sich, und als sie im Hof Daniels Stimme hörte, der nach dem Melker rief, da lachte sie laut und frei und rannte die Stiege hinunter, um ihm zur Hand zu sein, wenn's eine Magd schaffen konnte. (Fortsetzung folgt.) . I�alTaUes f amiUenbncfc. (Schluß.) In den Beziehungen zur Familie entfaltet Lassalle alle die Züge seines Wesens, mit denen er auch in der großen Welt wirkte. Sein Gefühl beugte und lähmte niemals seinen Willen. 1847 in den Anfängen des Hatzfeld-Handels hat er ans-dem Gefängnis heraus den Vater gebeten, der mittellosen Gräfin einige hundert Taler zur Verfügung zu stellen. Das scheint nicht gleich geschehen zu sein. Und nun richtet er die scltsaniste drohendste Beschwörung an den Vater. Er fordert ihn auf, bis.morgen früh bereits" mindestens 300 Taler bar zur Disposition zu stellen: „Ein Mensch, ein Sohn in einer Lage wie der meinigen, hat das Recht, zu verlangen, daß die, welche ihn lieben, daß sein Vater ein Verlangen, das er äußert, gewährt, wenn es irgend in der Möglichkeit liegt. Ich liebe Dich sehr, und will gewiß nicht hart mit Dir sein, aber ich bin wahr, schonungslos währ, wie dies ein Zug meines Charakters ist. Ich will auch mit Dir wahr sein.— Nun wohl, wenn Du mir nicht noch heute antwortest, daß Du bis- her bloß aus Nachlässigkeit meinen Wunsch nicht erfüllt hast, und daß Du jetzt unmittelbar(spätestens morgen früh) meinem Ver- langen(das mäßig und gerecht ist) nachkommen wirst— so kannst Du gewiß sein— auf meine E h r e! I— ich könnte noch vier Mo- nate hier im Gefängnis sein, ohne daß Du j e wieder den Genuß hättest, daß Dein einziger Sohn eine Bitte an Dich richtete, und tönntest Du mir mit einem Kreuzer das Leben retten I" Mit derselben Eindringlichkeit beschlvört er einmal später(2. Mai 50) seine Schwester, materiell für die Eltern zu sorgen. Je mehr Lassalle in seiner EntWickelung über die Eltern hinaus- rückt, umso milder und nachgiebiger wird er. Die Eltern werden ihm ein symbolisches Asyl seiner Unrast. Und ebenso echt wie seine schroffen Erziehungsversuche, seine rücksichtslosen Beeinflussungen, seine geschäftliche Vertraulichkeit, ist der feurige Hymnus auf die Eltern, die qualvolle Beichte, die er einmal in„unvernünftiger" Laune sich von der Seele schreibt. Ein Geburtstagsbricf an die Seinigen, in der er sein Dasein als Dramatiker gestaltet: „Hart geh' ich durchs Leben; alle weicheren Regungen des Herzens unterdrückend, führt mich mein Pfad von Felsgeröll zu Klippe und Gestein, und mit der Axt muß ich den Weg mir bahnen. In stetem Kampfe, der um mich tobt, und stets bereite.Kraft ver- langt, müssen des Herzens sanfte Regungen, muß jede süßere Weh- mut schweigen I Dafür verlangt mich mehr noch als die anderen von Zeit zu Zeit, in langem Zwischenraum, und sei's des Jahr's einmal, im Ozean der Liebe mich zu baden, unterzutauchen in die heiligen reinen Wogen und neue Kraft und neue Unverwundbarkeit aus ihnen mir zu schöpfen____ Es stelle einer sich, so stark er will— diese Gewißheit braucht er doch: geliebt zu werden! sonst ist die Quelle seiner Kraft versiegt und leicht verbraucht ist der erworbene Vor- rat l— Das seid Ihr mir! An Eurer schrankenlosen Liebe, Eurem Selbstanfgeben, Eurer Weichheit erweicht sich mein versteinert Wesen, dringt neue Wärme, neue Glut aus ihm!" Den Kampf gegen jegliche Halbheit und Unentschlossenheit führt Lassalle auch nnt den Seinigen. Aus einem gut preußischen loyalen Judenhaus erwachsen erstattet die Schwester des Revolutionärs(1847) die Denunziation wegen eines angeblich auf den König geplanten Attentats. Der Bruder entrüstet sich weniger über die Angeberei als über die schwächliche Art, wie sie die Angelegenheit betrieben:„Nachdem Du Dich soweit avanciert hattest, durftest Du wiederum nicht den weichlichen und matschen Rückzug nehmen.... Du hast die Sache behandelt, als wenn es ein galantes Abenteuer wäre, mit derselben Unbesonnen- hcit, Gedankenlosigkeit usw. Erstens ist die Sache gehässig und schmutzig, und zweitens ist sie ein enormes Ridicul, in dem man keine Spur von Geist erblickt".„Ich werde schon durchgreifen. Du hast Dich gewiß wieder äußerst schwach benommen."(An den Vater 18. 12. 50.)„Du siehst, daß es mit der ganzen Frechheit immer besser geht, als mit der halben".(24. 2. öl.) Und indem er den jüdischen Ausdruck für Dreistigkeit anwendet, schreibt er nach dem Erfolg seines„Heraklit":„Ihr seht..., daß ich nicht bloß Chutzpe habe, sondern daß auch was dahinter steckt"— in scherz- hafter Formel eine ernsthafte getreue Selbstcharakteristik. In dieser Unbeugsamkeit des Willens nimmt er den Erfolg wie etwas Natur- notwendiges voraus:„Ich gedenke einen namenlosen Triumph zu feiern", schreibt er am Vorabend des Kassettenprozesses, und der Triumph stellt sich ein l„Wie der fernhintreffende Apollo will ich meine Lanzen werfen, und ich habe im voraus Mitleid mit dem Aermsten, der die klägliche Aufgabe haben wird, diese spaßhafte und verbrecherische Anklage mir gegenüber zu verteidigen", höhnt Lassalle im Februar 1849 in einsm Brief an die Mutter, als er sich auf seine„Assisenrede" vorbereitet. Zwischen Entschluß und Ausführung gibt es ftir Lassalle keinen Wall. Daher die Unbedenklichkeit seiner Mittel. Er muß trotz des Polizeiverbots nach Berlin, koste es ivas es koste, und so setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, und scheut auch vor Eingaben bei Hinckeldey und dem Kartätscheuprinzen nicht zurück. Mit dieser zähen Kühnheit des Willens hängt nun auch das, was man Lassalles Eitelkeit nennt, zusammen, die aber, wenn nicht seit jeher, so doch in ihrer entwickelten reifen Form, nichts als das enthusiastische kraftvolle Selbstbewußtsein des Sieges der Sache ist. In den Familienbriefen vergißt Lassalle keinen seiner Erfolge mitzuteilen, ob es eine Auszeichnung in der Handelsschule ist, ob es sich um glänzende Anerkennungen seiner Schriften durch Autoritäten, um publizistische Schlager, Triuniphe vor dem Tribunal oder die Erfolge in der Arbeiterbewegung handelt. Anfangs geberdet sich diese Be- richterstattung über seine Anerkennungen ganz als harmlos eitler Jubel. Je mehr aber sein inneres Kraftgefühl sich festigt, um so mehr sieht man, daß ihm an dem äußeren Erfolg aar nichts liegt. In der Sache lebt und jauchzt er. Daneben haben diese breiten Schilderungen seiner Triumphe offenbar noch einen anderen Zweck: Der Sohn aus wohlanständiger Familie, der ewig durch Gefängnis und Prozesse geschleppt' wird, der daS Stigma des anrüchigen Subjekts trägt, will aus Liebe zum Vater, aus'Rücksicht für ihn beweisen, ivie er dennoch bürgerliche Reputierlich- keit besitze und bei den besten Männern in Hohem Ruhme stehe. Lassalle ist überhaupt kein Hans der Träumer, der den Bedingungen der bürgerlichen Existenz zu entschweben trachtet. Die eigene Oekonomie behandelt er, trotz aller Noblesie, nach allen Regeln kaufniännischer Geschäftsgcwandtheit. Mit der Gräfin Hatzfeldt vereinbart er für den Fall der siegreichen Durchführung des Prozesses eine lebenslängliche Rente. Aber diese materielle Seite des Handels wird wie etwas Selbst- verständliches geregelt, ohne daß sie irgend einen bestimmenden Einfluß auf sein Verhalten ausübt. Die einmal begonnene Sache lockt und treibt ihn, und so opfert er ihr Arbeit und Existenz auch danir noch, als er an den Erfolg längst nicht mehr glaubt.„Die Sache der Gräfin... sieht fast ihrem sicheren Ruin entgegen. Unter diesen Umständen ist cS meine Ehrenpflicht, eine geschlagene Sache nicht im Stich zu lassen."(Brief an die Schwester vonr 2. Mai 1830.) Im Herbst 1861 unternahm Lassallc eine Reise nach Italien. Er verkehrte mit den Führern der revolutionären Einheitsbewegung, wie Garibaldi, er erfuhr ihre Pläne und hatte nun die Ueberzeugung gewonnen, daß im Jahre 1862 die europäische Krisis ausbrechen würde. In den Familienbriefen findet man eine bedenkliche Rück- Wirkung dieser Informationen. Nach Deutschland zurückgekehrt, schreibt er— Januar 1862— an seinen Vater, der auch sein Ver- mögen verwaltete: „Ich bitte Dich, ftir mich per moäio März 4000 Oberschlesier Litt. A. und 6000 Rthlr. Köln-Mindener in Blanko zu verkaufen. Ich kann Dir mit großer Bestimmtheit sagen, daß die Kurse vielleicht schon im Laufe des Februar, spätestens aber Mitte März weit niedriger stehen werden als jetzt. Dies ist s o gewiß, daß ich auch eine fünfmal größere Summe verkaufen könnte. Aber daS will ich nicht; ich will nicht auf einmal reich werden... Ich bitte Dich auch dringend, schon von dieser Mitteilung und diesen: Auftrag keinem Menschen ein Wortzn sage n." Kein Zweifel, daß ein revolutionärer Führer, von dem eine solche persönliche Ausbeutung der Konjunktur bekannt würde, von der öffentlichen Moral und noch gründlicher von der öffentlichen Heuchelei totgeschlagen, unmöglich gemacht würde. Jedes Reptil eines Ministers, der selbst spekuliert, würde sich entrüsten: Dazu schürt der Mann die Revolution, um erfolg- reiche Tcrnnnspekulationen zu betreiben! Aber für Lassalle waren derartige Anpassungen an die bürgerlichen Existenzbedingungen wie die Ver- richtung notwendiger physiologischer Bedürfnisse, über deren Moral man nicht philosophiert, wie ekel sie immer sein mögen, die aber freilich auch das große, innerliche Wesen des Menschen nicht, auch nicht in schwächstem Maße irgendwie bestimmen. Lassalle wäre am Tage, da der Ausbruch einer von ihm vorbereiteten Revolution ihn als glücklichen Börsenspekulanten zum Millionär gemacht hätte, ohne sich zu besinnen, auf die Straße gegangen, un: mit seinem Werke zu siegen oder zu fallenl Denn dies erhebt Lassalle über alle seine Menschlichkeiten: Der großen Sache schlug zeitlebens sein Herz. Schon der Knabe, dem kein Knabenlaster fremd ist, schreibt mitten unter die Kindereien und Lausbübereicn seines Tagebuchs feierlich pathetisch:„Ich könnte wie jeuer Jude in Bulwcrs„Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen." Die revolutionäre Leidenschaft, die unbedingte Hingabe an die Sache bricht auch in den Familienbriefen überall hervor. Selbst unter der Gefängniszensur fühlt man das Klopfen seines Herzens, wenn er dem Vater in einem mit dem Gefängnis- Visum versehenen Briefe über die Februar-Revolution schreibt:„Endlich wird die schmutzige Politik Guizots zu schänden. In zwei Tagen das Resultat der 18jährigen Arbeit Louis Philippes dahingerafft! Die Forts, welche auf immer die Zwingburgen bilden sollten, die Hauptstadt danieder zu halten, die imposanten Forts mit ihren Basteien— ruhige Zuschauer der königlichen Flucht. Welche Lehre!" Und im Jahre 1849, als er wie alle unsere großen Sozia- listen, den Wiederaufftand der Revolution erhoffte, berauscht er sich prophetisch:„Entweder kehrt Deutschland wirklich wieder und für immer in die Nacht der alten Zustände zurück— und dann ist alle Wissenschaft eine Lüge, alle Philosophie ein bloßes Spiel der Geister, Hegel ein dem Irrenhaus entlaufener Narr, und es gibt keinen Gc- danken in dem Zufall der Geschichte— oder die Revolution wird bald einen neuen und entscheidenden Triumph feiern.... Das wird ein Krachen geben I Diesen Frühling steht Europa in Feuer und Flammen. Wer das nicht sieht, ist ein Tor. Gnade Gott dann unserer preußischen Wirtschaft. sAus dem Gefängnis an die Mutter, 26. 2. 49.)„Der europäische Gelox infernale— mit dem immer die Pariser Maskenbälle schließen— will beginnen.... Es dauert nicht lange, so wirst Du sämtliche walzenden Paare mit gebrochenen Rippen auf dem Boden liegen sehen, daß es eine Freude und Lust sein wird."(An den„geliebten, guten, schwarz-weißen Papa", November 1860.) Alles Menschliche vereinigt sich schließlich auch in Lassalles Liebes- leben: Die physische Sinnlichkeit, die nüchtern trinkt, ohne zu philo- sophieren; der in ästhetischem Reiz gebändigte Kultus dessen, was die Pfaffen als Wollust verleumden; die Mischung aus Idee und Trieb; die schweifende nach Abwechselungen und Schönheit in leichtem Spiel sich auslösende Unrast des gehetzten Mannes bis hinauf zu der romantisch-ehrfürchtigen, aben- feuernden Sehnsucht nach dem vollendeten Weibe, das seine die Einheit vollendende Ergänzung bilden möchte, wie in der platonischen Fabel,— alles das treibt sein Leben und spiegelt sich auch in Bekenntnissen dieser Briefe. Der junge Swdcnt sendet der Schwester eine Abbildung von Correggios Berliner Jo indem er die erhabene Sinnlichkeit dieses Bildes fein schildert, vermählt er sie nach der Philosophie seiner Zeit mit der geschichtsich-philosophischen Idee:„Der Geist auf seinen Ucbergang vom Katholizismus zur Reformation hält an zur Selbstbeschauung, und diese zur Gegen- ständlichkeit, zum Sein herausgerungene Selbstanschauung sind die Lenden der Venus(Tizians), der rückwärts im Vergehen des Be- wußtseins gebogene Kopf der Jo, die hingebend geöffneten Schenkel der in ein seliges Lächeln erstorbenen Leda". Mit der Schwester tauscht er(1864) vertrauliche Aussprache über seine Heiratspläne. Die erwählte Dame übe lediglich auf seine sinnliche Phantasie„ein großes, immenses Entrainement" ans. Er überlasse sich„der siimlichen Berauschung, welche ihr Anblick, ihr Auge, ihr Odem auf mich ausüben I" In demselben Briefe belehrt er scherzend seine Schwester, sie dürfe nicht ohne weiteres eine ehemalige Tänzerin, Frau v. C. eine Courtisane nennen; darunter sei immer nur die Beziehung auf Geld zu verstehen:„Ist sie nicht interessiert, fondern bloß uninteressiert liederlich, so ist das sehr anzuerkennen und etwas ganz anderes I" In Wien bestellt er sich bei der Schwester„einen Kreis schöner Damen":„Ich habe einen Erholungsdurst nach schönen Frauenzimmern, wie ein Oger nach Menschenfleisöh". Und während er einer Verwandten den Rat gibt, sich nicht von ihrem Manne scheiden zu lassen, sofern der Un- getreue nur aus„Schioeinerei" ohne innere Teilnahme mit deni Dienstmädchen Ehebruch getrieben, findet er in einem— im Anhang auszüglich mitgeteilten Briefe— schlvärmerisch idealistische Töne für die Frau als Freund und das Weib als Geliebte. Siehe, ein Mensch— das ist der Endeindruck dieser wertvollen Zeugnisse für LassalleS Wesen— und wir befestigen uns in der Ueberzeugung: daß ein vielfach irrender und abschweifender Mensch dennoch nicht nur ein großer, sondern auch im höchsten Sinne, ein guter Mensch sein könne, wenn nur innere Wahrhaftigkeit, ein tapfer entschlossener Wille und die Hingabe an eine bedeutende Sache die Leitung seines Wesens fest und sicher beherrschen. Ir o. Nachdruck verboten.) HUnnuö f)offmann. Von Karl Busse. (Schluß.) Hoffmann blieb, wohl absichtlich etwas gravitätisch, stehen und sah mich an. Und es war mir plötzlich kein Zweifel, daß Albinus in einer früheren Entwickelungsperiode nichts anderes gewesen war. als ein Hausstorch. Vielleicht stammte daher auch seine Vorliebe für alles, was flog. Zivar hielt er sich nie einen Vogel im Käsig, aber er kannte alle, machte im Frühjahr Nistkästchcn an, streute im Winter Futter, und wenn man mit ihm spazieren ging, faßte er einen wohl am Arm:„Hörst Du den Regenpfeifer?" Oder er horchte in die Dämmerung:„Die Wasserrallen sind schon munter und pfeifen." Einst— wir waren nach der Prima versetzt und das Schul- jähr hatte noch nicht lange begonnen— holte er mich zu ganz un- gewohnter Stunde zum Spaziergang ab. Er sagte nur:„Komm," und schritt schweigend neben mir. Ich hatl- ihn nie so bedrückt und traurig gesehen. Stärker als sonst stieß seil«. Kopf bei jedem Schritte vor, trotzdem er bemüht war, in seiner alten, steifen und würdigen Art dahinzuwandeln. Draußen erfuhr ich es dann. Er mußte abgehen, das Gym- nasium verlassen. Nach dem„Einjährigen" war der Gedanke schon erwogen worden, denn sein Vater fühlte sich krank. Nun hatte ihn der Schlag getroffen, es würden stets Lähmungserscheinungen zurückbleiben, die jedes Fortführen des Geschäftes unmöglich machten, und da kein Vermögen vorhanden war, fiel dem Sohne die Pflicht zu, für den Unterhalt zu sorgen. In Berlin lebte ein Onkel, der ihn irgendwo unterbringen wollte; das Geschäft, das doch niemand kaufen würde, wurde aufgelöst— mit Schülerlust und Schülerleid war es vorbei. Frühling war es, als er mir das erzählte. Und ich fand keinen Trost für ihn, der mich so oft getröstet hatte. Wir gingen über Wiesen, wir gingen auf Landwegen durch die große polnische Ebene, und immer schwerer wurde auch mir das Herz. Eine Klasse ohne Albinus Hoffmann war keine Klasse mehr— jetzt, wo er scheiden sollte, drang es mit aller Stärke auf das Herz ein„ was er uns allen gewesen war und wieviel eigene Fröhlichkeit er uns mit- geteilt hatte. Er mußte wohl merken, daß es mir naheging, denn ob er auch nicht sprach,— er schob doch seinen Arm in meinen. Und so gingen wir— gingen— gingen. Plötzlich sah ich links auf den Wiesen einen Storch. Und dieser Storch wandelte aufrecht, gemessen, den Kopf ab und zu etwas vorstoßend, mit seinen langen Stelzbeinen dahin, gerade als wollt' er Albinus Hoffmann kopieren. Lachen und Weinen lag damals so nahe beisammen— ich platzte heraus, ich stieß den Langen an. Auch über sein Gesicht flog ein Zucken und Schimmern. Er blieb stehen. Der Storch, der plötzlich bemerkte, daß man ihn beobachtete, auch. Er begann, als wäre er ärgerlich, zu klappern.„So?" sagte Albinus.„Wenn's nur das ist, Freundchen—I" Und er machte ihm nach, so gut, wie ich's nie wieder gehört habe, wenn auch nicht vollendet.„Denn," meinte er,„eher kriegst Du den Gesang der Nachtigall raus, als das Klappern." Vetter Adebar drüben aber stutzte. Die Sache schien ihm nicht geheuer. Er machte ein paar ungeschickte Sprünge und erhob sich in die Luft. Darüber wurde das Gesicht des Langen heller.„Es ist ein seltsamer Vogel," sagte er. Und nun begann er, was er sonst stets tat und was er heut noch nicht getan, auch aus andere Flieger zu achten.„Hup... puh... hup.,. hup," tönte es herüber. „Das ist der Wiedehopf," erklärte er. Und mit einem Male: „Weißt Du denn, wie der Wiedehopf auf lateinisch heißt? Upupa epopsl U-pu-pa cpopsl Ist das nicht zum Heulen? Kommt mir das nur so schrecklich komisch vor oder ist es so? Upupa cpovsi" Wunderlich, wie da die Fältchen über sein noch so ernstes und trauriges Gesicht spielten! Und als er die lateinischen Worte mit gediegenem Pathos vor sich hersagte, schienen sie auch mir plötzlich ungeheuer komisch, und wir lachten erst still, dann immer lauter, bis uns die Tränen kamen und bis wir Seitenstiche kriegten, und immer, wenn sich der eine etwas beruhigt hatte, sagte der andere dumpf:„Uvupa epops"— da begann die Freude von neuem. So endete der traurige Spaziergang fröhlich und doch mit einem Tröste für Albinus.Hoffmann. Und mit einer tiefen Spannung in der Brust denk' ich noch heut' manchmal daran zurück, wie wir Kinder, die doch durchaus schon die Erwachsenen spielten, danials so über nichts und wieder nichts haben lachen können'und so über eine Lcbenscntscheidung hinwegkamen. Viele Jahre später traf ich Albinus Hoffmann in dem großen Berlin wieder, das Menschen aller Sorten beherbergt. Man konnte ihn nicht verkennen. Er stieß noch immer mit dem Kopse vor, nur trug er jetzt einen merkwürdig langen grauen Gehrock, wie er vor vielen Jahren Mode gewesen war. Er war insofern praktisch, als er die unendlich langen Beine ziemlich weit verdeckte. Albinus war erst ein wenig verlegen, einsilbig und gedrückt. Erst allmählich taute er auf. „Ja, Ihr anderen... Ihr seid doch nun alles mögliche geworden, Offiziere und Doktoren und ivas weiß ich. Na, und ich — ach, ich Hab' ja'ne sehr feine Stellung, aber die Herren Aka- demiker.. Da kamen die Fältchen, da mußt' ich ihn„Albine" nennen, da dachten wir an Upupa epops, und hatten uns wieder. Und da hört' ich auch Näheres über die„feine Stellung" und sein Leben und Treiben. Sein Onkel hatte ihn damals, vor vielen Jahren, im Bureau einer großen Versicherungsgesellschaft untergebracht. Es gab fünf- undsiebzig Mark monatlich, aber das Gehalt stieg. Es war im Laufe der Jahre auf neunzig, hundert, hundertfünfundzwanzig Mark„und so weiter" gestiegen. Ueber das„und so weiter" ließ sich Albinus nicht näher aus. Dafür erzählte er, daß er in einiger Zeit pensionsberechtigt sein würde und daß er außerordentlich zu- frieden wäre. Man würde dem bescheidenen Menschen dasjruch ohne weiteres geglaubt haben, wenn er nicht doch einen gedrückten Eindruck ge» macht hätte. Er rückte schließlich auch mit seinen Sorgen heraus. Die Sache war die. daß er und fein jetzt völlig gelähmter Vater Mit dem Gelde auch auskamen. BedürfmsloZ waren sie ja beide. Aber er— Albiuus Hoffmann— der lange Elpe, or— er war verlobt. Ganz verschämt sagte er das. Er hatte sich in dem un- geheueren Berlin so vereinsamt gefühlt; seine einzige Freude waren die Spatzen gewesen, die genau so aussahen, wie zu Hause. Da war er in den Freistunden und an den Sonntagen hinausgefahren in die Vororte, wo es doch noch Wiesen, Felder und Wälder, wo es vor allem noch Vögel gab. Und dabei hatte er dann ein Mädchen getroffen, das auch ein Landkind und von Berlin ganz benommen war, eine Waise, und sie hatten sich als ehrliche, stille Menschen erkannt und sich gefunden. Im holden Leichtsinn der Jugend hatten sie sich verlobt, aber da sie alle beide nur ihre Herzen und Hände einzusetzen hatten, doch keinen Pfennig Geld, so mußten sie warten. Und nun warteten sie noch immer, denn Albinus mußte feinen alten Vater ernähren und konnte schwerlich vor seinem Hinscheiden an die Heirat denken. Aus dem Warten in Freudigkeit war all- mählich eins in Ergebung geworden. Die Braut war noch immer im Geschäft und verblühte schon leise, klagte aber nicht. Durch die langen Jahre des Brautstandes jedoch war der Schmelz, der leuchtende, zitternde, heiße, von ihrer Liebe gestreift. Und Albinus litt darunter. Es war ihm, als täte er Unrecht an dem Mädchen, das durch ihn um die Jugend kam, aber was sollt' er tun? Da war sein armer, gelähmter Vater, auf den er schon als Schüler nichts hatte kommen lassen und um dcsscntwillcn der Lehrer damals von dem Pythiastuhl hatte rutschen müssen. Könnt' er ihn auf die Straße setzen? Und die langen Jahre des Rechnens und Wartens hatten ihm den frischen Mut zermürbt: vielleicht hätt' er heut' schon lvagen können, zu heiraten und den alten Herrn bei sich zu behalten. Es wäre vielleicht gegangen. Aber loenn es dann doch nicht ging? Und so trug Albinus Hoffmann eine schwere Last, und wie da- mals beim Spaziergang sprachen wir nicht, hatten schwere Herzen, und ich dachte, wie schade es sei, daß nicht auch hier ein Storch uns die alte Fröhlichkeit wiedergeben könne. Das Hab' ich dann wohl auch laut ausgesprochen, denn seine Züge belebten sich, gleichsam in freudiger Erinnerung. „Ja, der Storch," sagte er.„Man kann ihn nicht ausstudieren, Ich Hab' viel über ihn gelesen und mir in den Bibliotheken alles über ihn geben lassen, was ich kriegen konnte. Nun glaub' ich selber ganz bestimnit, daß ich früher mal einer war," Als ich ihn verwundert ansah, lächelte er gutmütig ergeben vor sich hin, „Weißt Tu, was Aelian sagt?" Nein, das wüßt' ich nicht, hatte den Namen dieses Mannes auch noch niemals gehört, „Sich, sich, der Herr Akademiker I Claudius AclianuS, mein Junge, stammte aus Präncste, lebte im dritten Jahrhundert nach Christi und schrieb ein Werk:„De natura animalium". Darin heißt es, daß die Störche, wenn sie zu Jahren gekommen sind, nach fernen, seligen Inseln ziehen und dort zu Menschen werden. Da Hab' ich mich drein vcrdröselt in diesen hübschen Gedanken, lind wenn ich ganz, ganz weit zurückdenk', dann ist mir das doch wahr- haftig auch so, als ob ich auf den Inseln war. Weißt Du noch: ich kann ja sogar noch ein bißchen klappern. Und dann gibt es noch viele andere Geschichten von den Störchen, Früher Hab' ich doch heimlich Not und Ungeduld wegen meines alten Herrn gehabt. Da Hab' ich irgendwo zitiert gefunden, was Albertus Magnus erzählt. „Die jungen Störche," erzählt er,„füttern ihre graugcwordenen Eltern so lange, als sie selbst von ihnen genährt worden sind," Dunncrlichting, das ging mir durch alle Glieder, Man muß sich mit seinen schlechten Gedanken vor solchem Tier ordentlich schämen. Na,'überhaupt die Störche I Ich bin allmählich auf meine Stelzen fast stolz geworden," Er sagte das alles in wunderlichem Ton. Halb mit seinem würdigen und nachdenklichen Ernst, halb mit einem durchschimmern- den, hinterhältigen, sich nicht trauenden Humor, Es schien bei- nahe, als hätte er Furcht, ich würde zu irgend einer Gelvaltmaß- regel raten und als wolle er dem vorbeugen. Später lernte ich auch seine ewige Braut kennen, die er um mehrere Haupteslängen überragte. Es vergingen noch Jahre, che der Vater starb und ehe er sie heimführen konnte. Das heiße, goldene, schimmernde Glück der Jugend war ihnen vorübergcflogen, aber sie wickelten sich fest in ein freundliches und silbcrgraues, das Wohl, wie mich bedünken will, auch besser für sie paßte, und das Albinus Hoffmann mit seinem ruhigen Herzen festhalten wird, bis er von neuem nach den„fernen seligen Inseln" des Claudius Aelianus zieht,— Kleines feuiUeton, co. Ueber die erste Besicdelnng der Salzburgrr Alpe» und ihrer Nachbargebiete sprach auf dem in Salzburg tagenden Deutsch- ö st crr eichischen Anthropologen- Kongreß Dr. M. M u ch aus Wien, Er entrollte in seinen Auseinandersetzungen ein fesselndes Bild von dem kühnen Wagemut des prähistorischen Menschen, welcher unerschrocken und allen Gefahren trotzend schon vor mehr als 3000 Jahren in die unzugänglichsten östlichen Hoch- alpentäler eindrang. An den Ufern der Salzach fand der Stein» zeitmensch das bearbeitungsfähige Kalk- und Fliesgestein, das für ihn allerdings ein nicht so günstiges Material abgab, als es die Feuersteine der norddeutschen Tiefebene bieten. Der Steinzeitmensch drang zur Gewinnung des Stcinmatcrials weit in das Salzachtal hinauf, um die Orte des natürlichen Vorkommens der betreffenden Gesteinsarten aufzusuchen und vielleicht schon an Ort und Stelle zu bearbeiten. Alle Spuren beweisen, daß wir es mit einem un- ermüdlichen und mit Spürsinn ausgestatteten Menschen zu tun haben. Denn noch unzugänglicher als das Salzachtal ist das Tal nicht die Steine allein vcranlaßtcn den Neolithiker(jüngeren Stein- zeitmenschcnk, in das Innere der Alpentäler einzudringen, sondern auch das Salz muß auf ihn eine mächtige Anziehungskraft ausgeübt haben. Denn noch unzulänglicher als das Salzachtal ist das Tal der Traun, Dennoch findet man im innersten Winkel des Hall- stättcr Sees und am Hallstätter Berg die berühmten Hallstattwerk- zeuge. Diese Leute sind also wohl lediglich hierher vorgedrungen, um zu den Salzquellen zu gelange» und sich des dort lagernden Salzes zu bemächtigen. Sie haben zur Erreichung dieses Zieles offenbar jeden Winkel dieses gefahrstrotzenden Gebirges abgesucht. Es setzt dies eine Seelenstärke und einen Unternehmungsgeist vor- aus, wie diese sich nur bei hoch veranlagten Völkern finden. Dieser Invasion nach den Hallstattcr Salzquellen ging aller- dings voraus die Bearbeitung der Salzlager von Hallein und Reichenhall. Diese müssen später in der Bronzezeit in einem geradezu staunenswerten Umfange ausgebeutet worden sein. Wie weit aber auch schon die Neolithiker vordrangen, zeigt die Auffindung eines mittelgroßen Scrpentilbeiles auf dem schroffen Abhänge des Schafbergcs zum Mondsee. Es war also alles in allem für das Vordringen des Menschen nicht der Wunsch nach Ausschließung von Ackerland und Wcidegrund maßgebend, sondern das Streben nach der Ausbeutung der vorhandenen Mineralien. Bei den Mitterberger Erzlagern zeigen alle hintcrlassencn Spuren, daß die Menschen schon vor 3000 Jahren in diese unzugängliche und gcfahrstrotzcnde Wildnis eingedrungen sind und die Kupfererze ausgebeutet und ausgcschmolzcn haben. Jahrhundertelang haben hier etwa 200 bis 300 Menschen bergmännisch gearbeitet, und 2000 Jahre ruhten da- nach die hier verborgenen Mineralschätze, che ihr Abbau von neuem in Angriff genommen lourdc. Ein ähnliches Bild von der Tätigkeit des vorgeschichtlichen Menschen dieses Gebietes zeigen auch die übrigen Spuren des prähistorischen Minenbaucs in den Alpen. Ueberall handelt es sich dabei um hochgelegene, zumeist auch noch heute schwer zugängliche Orte, an denen von Ackerbau oder Viehzucht nicht die Rede seip-Tann. Daß die Besicdclung der östlichen Alpen des Salz- kammcrgutes wirklich zu jener frühen Zeit erfolgte, ergibt sich schon daraus, daß der Tätigkeitsdrang nicht zur Ruhe kam, sondern weiter- hin auf die Ausbeutung anderer Minerale, wie Blei und Gold Bedacht nahm. So machten sich die Erzeuger des berühmten norischen Eisens die vorhandsiien Bleierze zunutze.— Theater. oe. Das Thalia-Theater ist am Dienstag mit einem neuen Schwank,„Bis f r ü h u m f ü n f e". eröffnet worden. Die Firma der Autoren hat eine Aendcrung erfahren; während früher jahrlang Kren und Schönfcld gezeichnet wurde, heißt es diesmal Kren und L i p p s ch i tz. Für die Ocffcntlichkcit im weiteren Sinne ist das wichtigste an dem neuen Stück, daß cS einen zukunftsreichen Gassenhauer in sich birgt:„Der Schutzmann hat'ncn Pickel auf der Nas', sonst ist er nett, das kleine Aas". Noch einige andere Schlager enthält das Stück, die gefällig, aber nicht so geistreich sind. Die von Paul Lincke zu diesen Einlagen geschriebene Musik ver- leugnet ihren Ursprung nicht, hat aber den schätzenswerten Vorzug, daß sie nirgendwo in sentimentales Geleier ausartet. Für das Theater und sein Publikum ist wesentlich, daß der Schwank gefallen hat. Nach diesem Geständnis bleibt der Kritik nichts weiter zu tun übrig. Denn den Inhalt so eines Schwankes aufzuzählen wäre zwecklos, da unter den vorliegenden Umständen nicht die Handlung, sondern allerhand Beiwerk erst den Erfolg ausmacht, und an diesem Beiwerk nur rühmend hervorzuheben ist, daß nicht die Schneider- sirma Baruch, sondern ein Mann der Feder, vermutlich der Sänvank- dichter Lippschitz, es geliefert hat. Nicht durch die ruhmreiche Armee der Waden, sondern durch ein Schnellfeuer von Blödsinn wirkt das Stück. Freilich darf uicht verkannt werden, daß auch von diesem Blödsinn das meiste wirkungslos verpuffen würde, wenn Guido Tielscher nicht sein Prophet wäre. Mag dieser Komiker im ersten Akt, der im Kabaret zum Wolkcnfetzen spielt, einen von der Zunft der Elf Scharfrichter zur Verzweiflung bringen, mag er in den beiden folgenden Akten in der Uniform eines Zollinspektors einem stupiden Vorgesetzten erzählen, daß sein Schwiegervater einst in Paris mit der Bettlerin vom Pont des Arts ein Verhältnis gehabt habe, mag er aus Verehrung für seine Schwiegermutter den siamc- fischen Amoklauf mimen—■ immer weiß er auch daS Verrückteste erträglich zu machen. Auch sonst klappte alles; und wen»>vir von den Mitwirkenden nur die Damen Wannowius, Ballot und Junker- Schatz und die Herren OlferS und Bartels nennen, so soll gern noch konstatiert werden, daß auch die kleinste Rolle ansprechend besetzt war. Alles in allem darf man wohl annehmen, daß das Thalia- Theater für einige Monate ausgesorgt hat.— Lerantwortl, Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Verlin LlV.