Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 173. Mittinoch, den 6. September. 1903 (Nachdruck verboten.) IS] Daniel Junt. Roman von Hermann Stege mann. Die Mamsell trat zu dem Wirk. „Herr Daniel, da ist der Zettel für den Spezereihändler." Daniel nahm Nanette das Papier ab und rechnete die Posten zusammen. Die Vorräte mußten erneuert werden. Er ging ins Bureau und setzte die Bestellung auf. Dann starrte er lange auf das Briefblatt, ohne Blick für das Ge- schriebene. Nene Bestellungen, und doch kam die Zeit nicht vom Fleck. Der August stand vor der Tür. Daniel char's, als hätten die Tage Blei unter den Sohlen, so schlichen die Wochen. Und jeder Tag stieß ihn an und drängte ihn vorwärts, langsam Schritt für Schritt. Tie Bläß war krepiert, über Nacht war auf einmal das Hinterbein, wo die alte übelheilende Wunde sich verkleisterte, rot angelaufen, daß die Adern blau durch die Haut traten. Er hatte sie anseilen, einen Sack unter ihr durch- ziehen und sie darin hochheben lassen. So hing sie mehr als sie stand in dem leeren Stall. Der Sepple hockte neben ihr und tatschte ihr Wasser mit abgesottenen Hcublumen auf den Rist. Am anderen Morgen hing ihr die Zunge aus dem Maul. In La Motte machten sie ein großes Wesen um den Kadaver, bis der Veterinär aus Türkheim kam und erklärte, es wäre keine S ernste. Auch keine Vernachlässigung. Schlechte Heilung, eine Infektion, kurz, der Stall war nicht verseucht, die Weide nicht in Gefahr. Aber Daniel nahm's als ein Zeichen. In dem alten Gemäuer hockte ein böses Gift. Es war nur noch gut, verbranirt zu werden, wie die Betten, in denen ein Blatternkranker gestorben ist. „In ein Paar Jährcheu, da haben Sie hier oben ein Hotel ersten Ranges. Lassen Sie nur erst mal den Weiher- fertig rurd die Straße gebaut sein. Müßte ja nüt dem Deubel zugehen, wenn da nicht ein spekulativer Kopf ein Berghotel hinsetzte, mitten rinn in die herrliche Gebirgswelt." So hatte Herr Piastorf zu ihm gesagt, als sie auf dem Grat standen und in das Tälchcn sahen, wo die?lrbeiter mit den roten Mcßstangen und den blitzenden Instrumenten hantierten. „Das wagt keiner," hatte Daniel zwischen de» Zähnen hervorgestoßen. „Erlauben Sie mal, Herr Junt! So ein großes Wagnis ist das nicht. Sie erleben's noch, daß Engländer und Berliner hier Sommerfrische halten. Bei Ihnen nicht, das ist denen nicht dekorativ genug, überhaupt eine Mottenkiste Ihre Bude, wenn auch riesig nett, so alte, deutsche Art, aber wenn da unten einer in der Sonne baut, dicht am Wald und ein bißchen Reklame macht, dann regnen ihm die Taler durch den Schorn- stein. Mit dem nötigen patriotischen Empfinden natürlich. Kein Protestler-Wirt, der lieber die Zimmer lce'- läßt, ehe er einen Preußen beherbergte." Daniel hatte die Zähne zusammengebissen und geschwiegen. Da war dem Bamneister ein Gedanke gekommen. „Wissen Sie was, bauen S i e doch. Sind ja prädestiniert dazu. Ihre alte Klitsche ist den Abbruch wert." „Man baut nicht in den Tag hinein," hatte er kurz er- widert und war mit einem„Guten Tag" weitergegangen, so daß auch Mastorf sich achselzuckend entfernt hatte. Daniels Mißtrauen war damals rege geworden. Was wollte der Preuße? Ihn aushorchen, ihm einen Floh ins Ohr setzen? Tort, wo er mit dem Finger hingezeigt hatte, war die Kälbermatte und die Ferme Hirth: er kannte die schwarze Spur, die dort ins Alpgras getreten war vom Sträß- lein her. Dahinter flieg der Herreuwald nach La Motte hin- ab. Wußte Herr Mastorf, daß er auf dem Gemeindeland saß, als Pächter? Das ging den Fremden einen Dreck an. Daß er nur der Pächter war, das rieben sie ihm unter die Nase, die Buben, die ihm den Pfingsttanz abtrotzen, der Gemeindcrat, der ihm die Weid sperren wollte. An den gemeinen Weidgrund hatte er kein anderes Recht als die im Dorf, aber das Haus und das Gartenland und soweit sein Hag lief über die Matte, von den krummen Kiefern bis zu den schwarzen Steinen, das war sein. Hundert Jahre sind drei Geschlechter wert, und drei Geschlechter hatten aus der alten Ferme, wo ein Unterstand aber keine Herberge gewesen war, aus dem abwärts moorigen, zum Grat hin steinigen dürren Boden, das gemacht, was sie heute waren. Wenn das kein Recht war, hernach hatte auch der Herrgott kein Recht an der Welt, die er selber gemacht hatte. „Das ist's, justament, das ist's." Er schlug mit der flachen Hand auf das Blatt Papier. Die Tinte war schon lange getrocknet. Ja, das war's. Er tat einen tiefen Atemzug, der hob ihm die Brust so frei, als wär auf einmal Luft geworden darin für alle Zeit. Da klopfte es an der Tür. „Herein!" „Guten Tag, Herr Daniel, Euer Sepple fahrt ins Dorf, wollt Ihr mir eine Kommission besorgen?" Die Fermiöre von der Ferme Hirth stand vor ihm und' lachte ihn freundlich an. Sie hatte ihr Aermelleibchen an, aber ihre Brust ging hoch, ihr runder weißer Hals stach hell aus dem schwarzen Samt, und die roten Lippeil ihres kräftigen Mundes waren feucht wie frische Beeren. Das braune Haar lag schwer lim ihre Schläfen, über den großen glänzenden Augen bewegten sich die dunklen Brauen in heimlichem Spiel. Dailiel hatte sich aufgerichtet. „Sagt dem Sepple Bescheid, Madame Hirth. Er wird Euere Bestellungen ausrichten wie sonst." Seine Stimme klang trocken. „Wie ehemals! Wahr, Daniel, sehr wahr!" Sie war dicht an ihn herangetreteil. Ihre Hände tasteten nach den seinen, und mit einer wilden Bewegung warf sie sich an seine Brust. „Warum kominst Du nicht mehr? Lassen Dir Deine Gäste keine Zeit? Warum? Red Daniel!" Er entwand ihr seine Hände, aber enger drängte sie sich an ihn. Knie an 5t nie, den ganzen blühenden Leib an ihn lehnend, daß ihr Herzschlag an seine Rippen stieß und sein Blut sich an ihrem entzündete. „Lalie, mcnagier Dich ein wenig," erwiderte er rauh und machte sich frei. „Daniel!" Ihre Brust stürmte. Röte und Blässe jagten sich in ihrem Gesicht. „Alsdann, was willst Du?" fragte er und ging die Tür schließen. „Was ich will, Daniel? Die Heirat, Du weißt es!" Er hatte die Hände in die Taschen geschoben und rundete die Schultern, als er antwortete: „Die Heirat,.Eulalia? Hat Dir wer das Heiraten ver» sprachen?" Sie wich zurück bis au die Tür. Ihre Lippen bebten. „Nein, aber ich frag' Dich drum, Daniel." „Nach zwei Jahren?" „Dli hältst schlechte Rechnung, Daniel," sprach sie mit unterdrückter, zitternde'- Stimme.„Das Leidjahr ist lim, meine Ferme und das Anwesen in La Motte bring ich mit. Ich Hab keine Freundschaft und keine Kinder." „Geh, Lalie, biet Dich nicht selber feil," unterbrach er sie. „Daniel, es hat alles ein End," stieß die Fermidre leiden- schaftlich hervor, und in ihrem weiß gewordenen Gesicht brannten die Augen. Er antwortete nicht, sondern starrte finster durch die Scheiben ins Freie. Da trat sie dicht vor ihn hin, vergaß ihr leidenschaftliches Drohen und bettelte: „Ich weiß, daß Du nicht bist wie die anderen, aber das sag ich Dir: ich bin's auch nicht. Ich bin dem Förster sein Kind, den die Wilderer vor zwanzig Jahren erschossen haben. Ich bin im„Guten Hirten" gewesen in Kolmar, bis der Kronen- Wirt auf„drei Nehren"—" „Genug, Lalie. Ich weiß alles. Wie der Fernster Dich vom Kontor der„Krone" geholt und geheiratet hat. Und die Chasseurs, die Fabrikherren und die 51olmarer Dragoner, die bei der schönen Fermiäre im„Rebstöckle" in La Motte Fuchs, Reh und Rebhühner vergessen haben.*" — 690 Er riß die Hände aus den Taschen und trat ans Fenster. Er schluckte herunter, was er noch Bitteres auf der Zunge ge- habt hatte. Wohl, ja, er war bei ihr gewesen, früher, als die Frau noch gelebt hatte, er war zu ihr in die Käsekammer ge schlichen, und am Morgen vor dem Tau wieder heraus- gekommen. Und später, das letzte Jahr— Teufel, ja. Auch da einnial, im Zorn, als es über ihn gekommen, als er das Dahocken und die Arme-nicht-rühren-können nicht mehr aus- gehalten hatte. Er war des Abends von La Motte herauf- gestiegen. An der Weidgrenze war sie ihm begegnet und hatte ihn angeredet. Und der Teufel hatte ihn im Seil, er war mit ihr in die Kammer gegangen. Aber heiraten wegen der Ferme und dem abgedorrten„Rebstock", der nach dem Tod des Jacqui Hirth nicht mehr konzessioniert worden war und das Tavernenrecht verloren hatte, die Lalie heiraten! Nein, um alles nicht! Und wenn ihm die Nieren vom Leib gefault wären! „Daniel, es stößt mir das Herz ab. Ich Hab gewartet auf Dich Tag und Nacht. Sie gönnen mir's Leben nicht im Torf. Ich gehör nicht zu ihnen. Und Du, der Großpächter der Gemeind, der Daniel, Du kannst es auch machen ohne sie. Wir zwei, Daniel! Ich verkomm auf dem Berg. Daniel, ich bitte Dich... ich Hab noch keinen gern gehabt als Dich. Und wenn Du bei mir gewesen und fortgegangen bist— Daniel, ich kann nicht sein ohne Dich." Sie wagte nicht, ihn noch einmal zu umfassen, aber sie streckte die Hände aus nach seiner abgewendeten Gestalt, und die Worte kamen leise als heiße, abgebrochene Laute über ihre Lippen und zitterten brünstig zu ihm hinüber, daß heimliche Schauer über seinen Nacken gingen. Er preßte die Stirn ans Fensterkreuz. Unten spannte der Sepple den Joli ein. Jetzt trat eine schlanke, schwarze Gestalt aus dem Haus, die den kleinen L6on auf den Armen trug. Es war Berthe. Berthe, an die er eben gedacht hatte. „Daniel?" Es war eine Frage, die hinter ihm klang. Er drehte sich um und antwortete ruhig und entschieden: „Plag mich nicht, Lalie. Du weißt, wie ich's mein'." Sic strich mechanisch die Haare glatt mit den Handflächen. Unter den Augen traten bläuliche Schatten hervor, und ihr Mund war trocken heiß. „Ich Hab kein Recht auf Dich. Das stimmt. Aber ich Hab gemeint. Du tätest mir eins geben. Weil ich Dich gern Hab. Aber eins versprichst Du mir: Keine andere! Verstehst Du, Daniel? Keine!" Da stampfte er mit dem Fuß auf. „Und jetzt sag ich Dir: Du hast kein Recht an mich, weil mein Weg über kein Versprechen gegangen ist. So wenig als der Kuckuck eins gibt, wenn er Dir hundert Jahr ansagt. Aber das sag icb Dir: Was ich sonst tu, das ich mein Sach." „Du bist versprochen, Du heiratest?" Sie schrie es ihm entgegen und hatte plötzlich alle Er- mattung vergessen. Unwillkürlich hob sie die Hand wie zum Schlage. Da packte er ihr Handgelenk und riß den Arm herab. „Das ist mein Sach, Lalie, mein Sach!" Er sah ihr mit herrischen Blicken fest in die Augen, die Zähne blitzten unter dem Schnurrbart, als er die Worte her- vorstieß, und er fühlte, wie ihr Arm erschlaffte; ihre Augen- sterne wurden kleiner, ein Zittern schüttelte ihre Schultern. „Laß mich, Daniel," sprach sie nach einer Weile mit ton- loser Stimme, und er gab ihr Handgelenk frei. An der Tür wandte sie noch einmal den Kopf: „Gut— leb wohl." „Adieu," antivortete er und blieb aufrecht stehen, den Blick auf die Tür geheftet, bis sie gegangen war. Die Ferme Hirth, der„Rebstock", an denen lag ihm nichts. Und die Fermidre! Wenn nur der Sommer erst zu Ende war! Und das Berthele, das dort seinen L6on auf dem Arm trug! Er hatte sie auch auf dem Mönchsfelsen stehen sehen. Sie langweilte sich am Ende auf dem Berg. Mit dem L6on, da konnte sie es gut. Als ob ihr so ein Baby gefehlt hätte! Es>oar drollig, das kleine Männle, aber anfangen konnte man nichts mit ihm. Später, dann kam's vielleicht. Wenn sie ihn als Geschenk gewollt hätte, er hätte ihn ihr geschenkt. Später, wenn der Nesthocker in die ersten Hose gefahren war, dann war er ihr schon wieder feil. Aber hier, in der Budike sollte der nicht hocken und mit dem Kopf an die Decke stoßen! Sein Vater stieß sich schon den Schädel ein daran. Der Bub Vicht, da wax er gut dafiirl Cr tat's keinem zu Unrecht. Sem Sach tvar's, und wenn das Berthele mit ihm hausen wollte unter dem neuen Dach, er wollte es warm halten und ihm die Hände unter die Füße legen. So ein zartes Maidle, wie das Berthele war, da wär das kurze Ehejahr drübergegangen, ohne eine Spur zu lassen. So liefen auf einmal die Gedanken in seinem Hirn, als der rote Rock der Fermidre aus der Tür gegangen war. Er nahm den Brief für den Kaufmann vom Tisch und ging hin- unter. Berthe war mit dem Kinde über die Matte gelaufen und saß mit ihm unter der Arve, die als Wächter vor den Hochwald gestellt war. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdruck verboten.) Cm Drama im Cisenbalm-Maggon. Von H. d e l a R o c q u e. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Dr. I o s e p h s o h n. DaS Polizeikommissariat des Pariser Westbahnhofs.— Zwei Individuen, von denen sich das eine im Besitz eines KofferS und einer Reisedecke befindet, betreten daS Bureau, eskortiert von zwei Schutzleuten und einem Dutzend Reugieriger. Der Kommissar läßt die letzteren entfernen und schreitet sofort zur Untersuchung des „Falles". Der Kommissar(sich an den Herrn mit dem Koffer wendend):»Sie wollen sich über Ihren Reisegefährten beschweren?" Der Herr mit den, Koffer:„Ich? Durchaus nicht l Im Gegenteil, der Herr hier(er zeigt auf das zweite Individuum, dessen verstörte Mienen und schreckensbleiches Gesicht eine starke Ge- mütsbewegung verraten), der Herr hier hält mich für einen Ver- brecher und behauptet, ich hätte jemand erniordet." Der Kommissar:„Schön I(Sich an den zweiten Reisenden wendend.) Also Sie behaupten, dieser Herr habe jemand ermordet?" Der zweite Reisende:„Jawohl, Herr Kommissar, und ich halte meine Behauptung auftecht. Dieser Herr(er zeigt auf seinen Reisegefährten) hat zweifelsohne einige Minuten bevor ich sein Abteil betrat, ein schreckliches Verbrechen begangen, und wenn ich beim Anblick seiner Galgenphysiognomie nicht sofort Verdacht ge- schöpft und auf meiner Hut gewesen wäre, würde ich jetzt ganz gewiß nicht mehr hier fem." Der Herr mit dem Koffer:„Wenn Sie nicht solch ein Hasenfuß wären, würden wir ganz gewiß beide nicht hier sein, weder Sie noch ich. niein Verehrtestcr I" Der Kommissar:„Schweigen Sie I(zum zweiten Reisenden) Zunächst einmal: Wie heißen Sie?" Der zlveite Reisende:„Taupanel, Herr Kommissar." Der Kommissar:„Schön! Also, Herr Taupanel, erzählen Sie uns zunächst, was Sie beobachtet haben!" Taupanel:„Sehr gerne. Die Sache ist in zwei Worten folgende, Herr Kommissar. In geschäftlichen Angelegenheiten— ich bin Fabrikaul von imitierten Perlmutterknöpfen— genötigt, nach Paris zu reise», verließ ich heute nachmittag meine Wohnung, um micki zum Bahnhof zu begeben. Sie wissen, wie es häufig geht: man glaubt immer noch Zeit zu haben und kommt schließlich erst im letzten Augenblick zur Bahn. So ging es auch mir. Ich betrat den Wartesaal, als der Zug aus Lyon gerade in die Halle einfuhr. Ich hatte just noch Zeit, ein Billett zu lösen und ins erste beste Coupö zu springen, ohne darauf achten zu können, mit wem ich zusammen reisen sollte. Ich bedauere das unendlich, denn wenn ich meiner Reisegesellschaft beim Einsteigen mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, würde ich sicherlich ein anderes Vis-a-vis als dieses Jndi- viduum gewählt haben." Der Kommissar:„Zur Sache! Zur Sache I" T a u p a n e l:„Es ist unbedingt notwendig. Herr Kommissar, daß Sie die Angelegenheit von Anfang an genau kennen lernen... Ich fahre fort. Mein plötzliches Erscheinen im CoupS, gerade als der Zug sich bereits wieder in Bewegung setzte, erschreckte meinen Reisegefährten außerordentlicki. Er zuckte zusammen und schloß hastig den Koffer, den er geöffnet auf den Knieen hielt, den näm- lichcu Koffer, welchen er noch in diesem Augenblick in der Hand hält. Aber so lebhaft seine Bewegung auch gewesen war, ich hatte dennoch Zeit gehabt, etwas zu sehen, was mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Was ich gesehen hatte und was Sie Ihrer- seits sehen iverden, Herr Kommissar, war ein Kopf, ein Menschen- köpf, augenscheinlich erst soeben vom Rumpf getrennt, denn die um- hüllenden Lappen und Zeitunasblätter waren stark blutgetränkt. Ihnen die seelischen Qualen schildern zu wollen, welche ich von Laroche bis Paris ausstand, wäre verlorene Liebesmühe. Ich würde mich nicht ivundern, wenn mein Haar infolge des ausgestandenen Schrecks plötzlich weih geworden wäre. Nun werden Sie mir gewiß vorhalten, ich hätte um Hülfe rufen, die Notbremse ziehen, an die Scheibe des Nachbarcoupes klopfen, kurz, die Aufmerksamkeit auf mich lenken müssen. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Bevor ich mir zunächst über die Situation, in der ich mich be- fand, ganz klar geworden war, hatte der Zug bereits eine beträcht- liche Strecke zurückgelegt— es war ein Schnellzug— und der Bahnhof lag schon fern. Dann enthielt das NachbarcoupZ, ich sah eS durch die kleine Scheide, keine Menschenseele, und schließlich hatte mein Reisegefährte— wahrscheinlich in guter Absicht— sich gerade unter die Notbremse gesetzt." Der Kommissar(zum Angeschuldigten):„Was haben Sie darauf zu erwidern?" Der Herr mit dem Koffer(spöttisch):„Lassen Sie, bitte, den Herrn weiter erzählen. Ich bin begierig zu erfahren, wieweit menschliche Dumniheit gehen kann." Der Kommissar:„Verschlimmern Sie nicht Ihre Situation durch übelangebrachte Späßel Man wird Ihren Koffer unter- suchen, und wenn sich in der Tat ein Menschenkopf darin finden sollte, werden Sie die Herkunft dieses Leichenteiles zu erklären haben." Der Herr mit den: Koffer:„Einen Augenblick I Einen Augenblick! Sie können meinen Koffer nachher untersuchen. Ich bin zunächst neugierig, die weiteren Beobachtungen des Herrn Taupanel kennen zu lernen." Taupanel(der sich zu erholen beginnt):„Sie besitzen eine gehörige Dosis Zynismus, das mutz ich sagen I Er dreht ihm den Rücken und fährt, sich an den Kommisiar wendend, fort:„Mein Reisegefährte hatte sich also gerade unter die Notbremse gesetzt. Aber da er sich gleichzeitig unter der Lampe befand, konnte ich ihn ausinerksain beobachten, und ich entdeckte sehr bald, datz er Blut- flecke an den Händen hatte, und datz ein gleichfalls mit Blut beflecktes Tuch aus dem schlechtgeschlossenen Koffer hervorguckte. Sie werden mir zugeben, Herr Kommisiar, datz auch der Tapferste bei dieser Entdeckung eine Anwandlung von Furcht nicht würde haben luiterdrücken können, umsomehr, als der Mann mich beständig mit schrecklichen Blicken matz.(Heiterkeit des Angeschuldigten.) Jawohl, mit schrecklichen Blicken I Ich halte es aufrecht. Und wenn ich während der ganzen Fahrt— und es ist eine lange Strecke von Laroche bis Paris— mich nicht schlafend gestellt hätte, ich weitz nicht, was mir passiert wäre. Zum Glück täuschte ihn meine scheinbare Ruhe. Ich besah Seelenstärke genug, die entsetzliche zu Angst verbergen, welche ich empfand, und als wir hier in den Bahnhof einfuhren und der Mörder Miene niachte, das Coups zu verlassen und zu entwischen. rief ich zwei Schutzleute herbei. Diese Herren waren, nachdem ich sie kurz von dem Sachverhalt unterrichtet hatte, sofort bereit, mir bewaffneten Beistand zu leisten. Und so hat die Justiz jetzt dank mir einen wahrscheinlich höchst gefährlichen Verbrecher in Händen. Ich bin glücklich, mit nieinen schwachen Kräften dazu beigetragen zu haben, einen.. Der Kommissar(den PanegyrikuS Taupanels kurz unter- brechend):„Das genügt. Da Sie Ihre Behauptung auffecht er- halten, werden wir jetzt den Koffer dieses Individuums unter- suchen." Auf einen Wink des Vorgesetzten stürzt ein Schutzmann her- bei. Das verdächtige Individuum reicht ihm bereitwilligst den Schlüssel. „Bitte, nicht aufbrechen, mein Lieber. Ich möchte ihn auch noch später gebrauchen." Der geheimnisvolle Koffer ist geöffnet. Er enthält in der Tat blutgetränkte Lappen und Zeitungen. Instinktiv weicht jedermann zurück, und die beiden Schutzleute packen das gefährliche Individuum fester, um ihn: jede Fluchtmöglichkeit zu rauben. Nur noch eine Hülle ist zu enffernen und der Leichenteil wird zum Vorschein kommen. Tanpanel ist einer Ohnmacht nahe: der Kommissar und sein Sekretär, welche doch oft genug ähnlichen Scenen beigewohnt haben, fühlen einen leichten Schweiß auf ihrer Stirn perlen; der Schutzmann, der das schreckliche Paket enthüllt, zittert wie Espenlaub. Just in diesem feierlichen Moment bricht der Angeschuldigte in ein homerisches Gelächter aus. Alle Blicke richten sich auf ihn. Der Kommissar macht Miene, seiner Entrüstung über dieses skandalöse Benehmen Ausdruck zu geben, aber plötzlich verstummt er mit halboffenem Munde. Der schreckliche Leichenteil ist enthüllt: es ist— ein harmloser Schweinskopf, ganz frisch abgeschnitten, wodurch das reichlich vcr- gossene Blut erklärt wird, aber banal und harmlos trotzdem, sogar mit einem leichtspöttischen Lächeln um die geschlossene Schnauze. Die Schutzleute und der Sekretär können nicht länger an sich halten. Sie brechen ebenfalls in Lachen aus. Nur zwei Personen bleiben ernst: Taupanel und der Kommisiar. Beschämt und verwirrt würde der erstere sich am liebsten in irgend ein Mauseloch verkriechen. Der Kommisiar, böse darüber, daß er so gefoppt worden ist, will seinem Zorn freien Lauf lassen, als er das fassungslose Gesicht des unglücklichen Perlmutterknopf- fabrikanten bemerkt. D e r K o m m i s s a r(zu Taupanel):„Von rechtswegen verdienten Sie, datz ich Sie diese Nacht ins Depot sperrte, damit Sie lernen, erst nachzudenken, bevor Sie den geheiligten Apparat der Justiz in Bewegung setzen. Wenn ich es nicht tue, geschieht es einzig und allein aus dem Grunde, weil ich annehme, datz Sie in gutem Glauben gehandelt haben, und weil Sie durch die schreckliche Angst, die Sie während der Eisenbahnfahrt ausgestanden haben, hinlänglich bestrast sind. „Sie dagegen," fährt der Beamte fort, sich an den Besitzer des mysteriösen Koffers wendend,„Sie scheinen mir ein ganz gerissener Spatzvogel zu sein. Aber Sie haben Glück. Ich kann nicht daS kleinste Strafmandat gegen Sie erlassen; sonst sollten Sie ma? etwas erleben!... Gehen Sie jetzt und hüten Sie sich, mir nöch einmal in die Hände zu fallen I" Die beiden Männer verlassen inmitten einer dichten Menge Neugieriger, welche draußen das Resultat des Verhörs erwartet hat. den Bahnhof. Der Pseudomörder entfernt sich hassig, ohne sich noch einmal nach seinem Opfer umzuwenden. Schon hat er die Ausgangspforte erreicht und schickt sich an, die große Treppe herabzusteigen, als eine gebieterische Ssimme ihn plötzlich zurückruft: „Heda, Herr! Haben Sie nichts zu versteuern?" Taupanel ist gerächt. Er hat dem Steuerbeansien verraten, datz sein Reisegefährte einen Schweinskopf in seinem Koffer mit sich führt, und der Beamte tritt in Funktion. Neue Auflegung; neuer Kreis von Gaffern; Protokoll gegen den Delinguenten, der die Stadt Paris um die beträchtliche Summe von 85 Censimes für sechs Kilogramm unverzollten Speck hat betrügen wollen.— Kleines feuilleton. a. Znnftregicrnngcn in Italien. Viel früher als in Deutsch- land entwickelte sich der Kampf der Zünfte mit den Geschlechtern um die Anteilnahme am städtischen Regiment« in den oberitalicnischen Städten. Ter Kampf der Welsen mit den Ghibellinen wäre dort lange nicht so blutig und andauernd gewesen, wenn die Streitig, leiten der Geschlechter mit den Zünften dabei nicht eine so ver» hängnisvolle Rolle gespielt hätten. Und doch brachten alle diese schweren Kämpfe nie einen vollen Entscheid. Wenigstens gelang es den Zünften, mit Ausnahme einer kurzen Frist in Florenz, nie.. die Macht der Geschlechter auf die Dauer und endgültig zu brechend Im Gegenteil, es scheint, als ob die Zünfte sich selbst nicht die Kraft zugetraut hätten, die Herrschaft und das Regiment in den Städten zu führen. Immer wieder stellten sie sich nach ihren Siegen frei- willig mehr oder weniger unter die Vormundschaft des Adels. Und doch hätten sie alle Ursache gehabt, ihre adligen Peiniger zu fassen- Bis 12i0 zahlten die Adligen in Mailand überhaupt deine Steuern und büßten den Todschlag eines Handwerkers nur mit einer lächerlich geringen Geldsumme. Trotzdem übertrugen die Zünfte immer wieder einem Adligen die höchste Amtswürde. In Bologna führte ein sogenannter Potestas als höchste Amtsperson das Stadtregiment, Er war ein Adliger. Wohl suchten sich die Zünfte durch peinlich ausgeklügelte Rtaßregeln vor etwaigen Uebergriffen ihres adligen Stadtoberhauptes zu schützen, aber es war und blieb Flick- und Stückiverk. Ter Potestas mutzte ein Fremder sein und durchaus keine örtlichen Familienverbindungen haben, noch im Stadtgebiets irgendwie ansässig sein. Seine Güter mutzten mindestens 60 Meilen von Bologna entfernt liegen. Weder ihm selbst, noch seinem Dienst- gefolge von Richtern und Rittern dursten die Frauen folgen. Auch Söhne über 15 Jahren durften nicht anwesend sein, außer wenn sis in Bologna die hohe Schule besuchten. Von der Dienerschaft durfte niemand in den letzten drei Jahren in der Stadt gewohnt odev daselbst in Diensten gestanden haben. Den Bürgern war jeder Ver- kehr mit der Dienerschaft untersagt. Die Wahl geschah von vierzig Bürgern, je zehn aus den vier Stadtteilen, die Bologna hatt� Diese vierzig Wahlmänner ihrerseits wurden wiederum von der Ge» samtzahl aller Bürger in den vier Stadtteilen durch das Los ge- wählt. Jeder Stadtteil wählte seine zehn Mann gesondert. In eine Urne wurden die Namen aller Bürger, in eine andere ebenso viele leere Zettel, von denen nur zehn die Aufschrist„Wahlmänner'� trugen, getan. Zwei Knaben zogen. Wessen Namen zugleich mit einem Wahlmannzettel gezogen wurde, war gewählt. Auf ebensolchs Weise wurden die Wahlmänner für den großen, wie auch den kleinen Rat gezogen. Die Zahl der Mitglieder für den kleinen, wie auch den großen Rat war nach unserer Meinung ungeheuer groß. 125g nach dem Siege der Zünfte stieg der kleine Rat auf 866, unter Zu» zichung des Landes der große auf 2400 Mitglieder, die aber 1292 auf 2000 beschränkt wurden. Die Wahlmänner nun wurden in die Stiftskirche eingeschlossen, von Beamten beivacht und durften vov geschehener Wahl die Kirche nicht wieder verlassen. Die Wahl er, folgte mit 27 Stimmen, d. h. ztoei Drittel Majorität und durfts der Gewählte mit niemand der Wähler bis zum dritten Grade vertvandt sein. Ter Potestas mußte mindestens 35 Jahre alt sein. Die AmtSdauer war kurz, nämlich nur ein halbes Jahr, brachte aber in Bologna sechshundert Pfund bolognesischer Währung ein. Dazu kamen 25 Pfund für Wachs und Siegelgebühren, außerdem hohe Tagegelder für Geschäftsreisen. In Verona wurden gar 3000 Pfund für das halbe Jahr dem Potestas gezahlt. Was wir in Preußen». Teutschland heute noch nicht haben, nämlich eine Beamtenverant- wortlichkeit, hatte mmi damals schon in den italienischen Städten, Der Potestas war zur Rechnungslegung und zum Amtsbericht ver, pflichtet, bevor ihm der Syndaeus der Stadt nicht Decharge erteilt; durfte er die Stadt nicht verlassen. Das hatte nun manchmal seineu Haken. 1289 wurde in Bologna ein Potestas bei der Rechnungs« ablegung gesteinigt, 1315 ein solcher zu hundert Pfund Geldstrafe verurteilt. Recht ungemütlich wurden 1257 die Mailänder mit ihrem Potestas. Sie verurteilten ihn zu 12 000 Pfund Geldstrafe, und da er diese ungeheure Summe natürlich nicht aufbringen konnte; richteten sie ihn und verscharrten seinen Leichnam im Stadtgraben, Die höchste Gerichtsbarkeit lag in den Händen des KotestaI, WZ 692— Mchtcr brachte jedesmal der Potestas mit. Von diesen auswärtigen Nichtern mutzten jedoch mindestens zwei die höchsten Rechtsgrade an den Hochschulen von Bologna, Padua, Peongia oder Pavia er- langt haben. Aber wie bei einiacr Klugheit sich ohne weiteres hatte voraussehen lassen, hielt der Pokestas es in allen sich entwickelnden Streitigkeiten mit den Geschlechtern. Die Zünfte glaubten daher Wunder!vas für einen klugen Streich zu tun, als sie später die Herr- schaft des Potestas teilten und ihm als Mitregentcn einen von den Zünften gewählten Volkshauptmann mit gleichen Rechten an die Seite setzten. Unter dem Volkshauptmann standen dann als Auf- sichtsbehördc die Zunftmeister und die Fahncnführer der Waffen- Genossenschaften, d. h. dir Anführer und Befehlshaber der be- waffncten Zünfte. Aber auch der Volkshauptmann, dessen Dienst- zeit ebenfalls sechs Monate betrug, mutzte wie der Potestas mindestens seit fünfzig Jahren dem Adel angehören, und aus einer Gegend stammen, die mindestens fünfzig Meilen von der Stadt lag. Seit fünf Jahren durfte er nicht in Diensten von Bologna gestanden, noch in der Stadt gewohnt haben. Weder er noch einer seiner Ler- wandten durfte bis zum vierten Grade mit denjenigen verwandt vder verschwägert sein, die in den letzten drei Jahren Potestas oder Volkshauptmann in der Stadt gewesen, noch in eines solchen Diensten �gestanden haben. Ter Volkshauptmann mutzte mindestens vierzig Jahre alt sein, weder eine Frau noch dienende Mädchen mitbringen. !Den Bürgern war jeder autzeramtliche Verkehr mit dem Bolkshaupt- mann oder seinen Leuten untersagt. Sein Hülfspersonal brachte sich auch der Volkshauptmann von auswärts mit. Es bestand aus einem Stellvertreter, einem Juristen von mindestens 35 Jahren, der die höchsten Rechtsgrade an einer der vier juristischen Hochschulen Oberitaliens erworben haben mutzte, autzerdcm aus zwei Rittern, die nicht unter 30 Jahre zählen durften. Der Volkshauptmann mit feinen Begleitern, einer Anzahl Notarien und Schreiber nebst fünfzig uniformierten bewaffneten Dienstleuten wohnten nn Anitsgebäudc. Das Gehalt war für die sechs Monate, wohl infolge verschlechterter Münzverhältnisse bei Einführung der Volkshauptinannschast, 2500 Pfund, nebst fünfzehn Pfund Schreib- und Siegelgelder und freier Verpslegnng von acht Pferden. Während der Dienstzeit wurden ihm zwei Tritel seines Gehaltes ausgezahlt, ein Drittel musstc als Kaution stehen bleiben. Der Volkshauptmann teilte mit dem Potestas die peinliche Strafgcwalt. je nachdem bei einem Verbrechen eine der beiden Dienststellen zuerst Anzeige davon erhielt. Volks- Hauptmann und Potestas fungierten gegeneinander als höchste Tis- ziplinarrichter. Alleiniger Untersuchungs-, Urteils- und Voll- streckungsrichter blieb der Potestas nur in Rentkammergefällsachen. Alle anderen Disziplinen und Gerichl-Zvorfälle teilte er mit dem Volkshauptmann. Dagegen lietz der Potestas alle gefällten Urteile durch einen Gerichtsfahnenführer, die vor allen Dingen die Blut- fahnc führten, vollstrecken. Zur Sicherheit für die Bürger standen jedoch neben den Gerichtsfahnenführern noch acht Stadtälteste, aus jedem Stadtteile zwei, als oberste Behörde. Volkshauprmann, Fahnenführer und Stadtältestc waren während ihrer Amtsdauer frei von Lasten und unverletzlich. Tod stand auf Verletzung einer dieser Personen mit den Waffen, war kein Blut geflossen, Gefängnis und hohe Geldstrafen. Diese Unvcrletzlichkeit erstreckte sich auch auf die Verwandten genannter Personen. Wer in ihrer Gegentvart die Waffen zückte, verlor die Hand. Im Gegensatz zu den übrigen Bürgern durften sie Waffen tragen. Während ihrer Aintsdauer lvar ihr Eigentum unangreifbar, alle ihre sonstigen Geschäfte erhielten während dieser Zeit ein Moratorium. Die Befreiung von allen städtischen Lasten dauerte noch ein Jahr über ihre Amtsdauer hinaus. In ihren Amtswohnungen, auch nicht auf den Vorplätzen durften Schuldner verhaftet werden. Für ihre Amtsführung ivarcn Volks- Hauptmann wie die übrigen alle verantwortlich. Dem Syndacus der Stadt waren sie haftbar. Trotz aller dieser Vorsichtsmatzregeln dauerten die Streitigkeiten in Bologna zwischen Zünften und Geschlechter» fort, sodatz 1360 die Stadt unter päpstliche Herrschaft kam. Die von den Zünften getroffenen Einrichtungen, Potestas und Volkshauptmann, dauerten dabei fort.— Ans dem Pflanzenleben. ie. H e r b st l i ch c Blätter. Die Entstehung der Farben der Herbstblätter ist vor mehr als 30 Jahren durch Sorbh erforscht worden, dessen Untersuchungen noch heute in Ehren stehen Er unter- schied nicht weniger als 20 verschiedene Farbstoffe, die er in Gruppen teilte, je nachdem sie grüne, gelbe, goldene, rote oder brcnme Farben hervorbrachten. Die dunkelbraune Färbung des Heidekrarits z. B. entsteht durch denselben Farbstoff, der in den Blättern der Blutbuche wirksam ist, und in beiden Fällen stellt die Färbung einen Versuch seitens der Pflanze dar, sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen; beim Heidekraut kann man leicht sehen, datz die Seite am stärksten ge- färbt ist, die der Sonne am meisten ausgesetzt ist. Die hellgelben oder orangcnen Tinten von Herbstblättcrn stammen selbstverständlich von einem anderen Farbstoff her, übrigens dem nämlichen, der die Karotten gelb färbt. Die rote Farbe i dem scheckigen Blatt des Storchichnabels ist die gleiche, wie in der Blüte dieser Pflanze, und die Purpurfarbe des Rübenvlatts stimmt dem Ursprung nach über- ein mit der Farbe der Gartenlevkoje. Viele»der im Herbst hervor- tretenden Farben entstehen gar nicht erst in dieser Jahreszeit. sondern sie tverden nur jetzt sichtbar, weil der grüne Farbstoff in den Blättern verschwindet oder sich wenigstens vermindert, der sie bis- her überdeckt hat. Im Herbst vollzieht sich mit der Verminderung der Lebenskraft der Pflanze eine Wanderung aller Stoffe, die der Pflanze für die Zukunft noch von Nutzen sein können, von den Blättern in den Stamm hinein. Die in den Blättern zurück- bleibenden Stoffe, denen die Herbstfarben hauptsächlich zuzuschreiben sind, haben eben keinen weiteren Nutzen für die Pflanze, es ist im Gegenteil ein Vorteil für sie, sich ihrer zu entledigen. Das ist ein besonderer Grund, warum die Pflanz« die Blätter schliehlich ganz abwirft. Würden die Bäume auch bei uns ihre Blätter im Winter behalten, so würde ein starker Schneefall sie in große Gefahr bringen, denn mancher Ast würde unter der Last brechen. Vielleicht haben auch aus diesem Grunde die immergrünen Bäume ganz glatte, un- behaarte Blätter, damit deren Gewicht möglichst wenig durch Körper, die sich daran heften wollten, vermehrt wird. Das Abfallen der Blätter im Herbst ist eine, der weisesten Einrichtungen der Natur, die zuerst von dem deutschen Botaniker Hugo v. Mohl vor fast einem Jahrhundert beobachtet wurde. Frost und Wind spielen beim Ab- streifen der Blätter eine weit geringere Rolle, als im allgemeinen angenommen ivird. Es ist auch fiir den Baum weit vorteilhafter, daß das Abfallen von selbst, ohne Mitwirkung deS Windes, geschieht, damit das Lcnib sich in der Umgebung des Stammes ansammelt und dort den Boden zu Nutzen des Baumes düngt. Wenn der Herbst naht, so bildet sich an der Blattbasis nach dem Ansatz des Blatt- stengels eine Ouerschicht von Zellen, die durch ihr Gewicht auf die Ablösung des Blattstiels hinwirkt, so datz dieser schließlich nur noch durch eine ganz dünne Scheibe mit dem Ast zusammenhängt. Man kann diese©cbeibe oft mit bloßem Auge sehen. Ter endgültige Ritz mag dann vielleicht mit Hülfe des Windes geschehen, häufiger aber jedenfalls durch das Getvicht des Blattes selbst. Endlich kann das Abbrechen der Blätter auch durch den Frost veranlaßt werden. Wenn strenge Kälte eingetreten ist, so friert die Flüssigkeit in der erwähnten Scheibe, dehnt sich aus und trennt dadurch den Blatt» stengel vom Ast. Beide bleiben zunächst noch durch eine dünne Eis» sckncht in Verbindung, nach deren Abschmelzen das Blatt dann zur Erde fällt. Manches an den herbstlichen Farben der Blätter kommt freilich nicht von innen, sondern wird durch äußere Ursachen bewirkt. Die Flecke auf den Eichenblättcrn werden bekanntlich durch die auf der Unterseite sitzenden flachen rötlichen Galläpfel hervorgerufen. Eine ähnliche Erscheinung ist an den Blättern der Esche zu beobachten, die andere, bloße Farben auch durch verschiedene Pilze erwerben können. Tie Pilze sind überhaupt an erster Stelle zu nennen, wenn von der Zerstörung und Verfärbung der Blätter die Rede ist. Uebrigens beginnen manche Bäume mit dem Abwerfen ihrer Blätter von oben, andere von unten. Eine Esche oder Buche färbt ihre Blätter an der Spitze rot oder golden, wenn der untere Teil noch ganz grün ist. während bei der Linde, der Pappel und anderen Bäumen umgekehrt die Verfärbung von unten nach oben fort- schreitet.— Humoristisches. — Mit Reserve.„Du, Fritzi, unsere Freundin sagt, ihr Geliebter ssei ein Tugendspiegcl." „Ja, aber ein zerbrochener—."— — Persönliche Auffassung-„Merkwürdige Begriffs- Verwirrung! Das nennt sich nun eine Wohltätigkeits lotterte und dabei ist der Hariptgewinn— ein Klavier!"— — Im Zweifel. Rechtsanwalt:.... Ich weiß nicht. aus Ihnen werde ich nicht klug I" Bauer:„Ja, wenn S' erst aus mir klug wer'n woll n... nacha is g'fchlt!"—(„Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Brockhaus kleines Konversations-Lexikon beginnt in fünfter, völlig neubearbeiteter Auflage am 15. Ottober in Heften zu erscheinen.— — Fritz Mastckhner legt, wie der„Börsen-C." erfahrt, daS Amt eines Theaterkritikers nieder und übersiedelt nach Frei- bürg i. Br. Er will sich dort in Ruhe größeren wissenschaftlichen Arheiten widmen.— — Josef Lauffs neuer Roman führt den Titel„Frau Aleit".— —„Die Bonbonniere", eine neue vieraktige Operette von Bertram Sänger geht im Laufe dieser Spielzeit im Wiener Karl-Theater zum erstenmal in Szene.— — DaS Kunstgewerbemuseum in K r i st i a n i a eröffnete eine Ausstellung„Deutsche Buchku n st", zu der der deutsche Buch» gewerbeverein in Leipzig das von ihm auf der Weltausstellung in St. Louis vorgeführte Material zur Verfügung stellte.— — ZurHerstellnng vonSau er st off ausflüssiger Luft(Verfahren Pictet), wurde in Wilmersdorf eine Fabrik er- richtet.— — Vom 9. bis 16. September findet in Innsbruck eine Zusammenkunft der Direktoren aller größeren meteorologischen I n st i t u t e der Welt statt. Neber 60 Verhandlungspunkte kommen zur Sprache.— Lergultvortl. Redakteur: Paul Bütluer. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L W.