Anterhaltnngsblatt des Vorwärts Nr. 174. Donnerstag, den 7. September. 190Z (Nachdruck verboten.) 10] Daniel Junt. Roman von Hermann Stegemann. Nanette wies Daniel die Gruppe. _„Sie ist ganz vernarrt in das Büble. Eine zweite Mutter, Kenn sie nicht so zart wäre wie ein Mädchen," sagte sie, als sie mit dem Finger auf die schwarze Gestalt zeigte, die unter dem Baume saß. Ein krähendes Jauchzen des L4on drang zu ihnen herüber durch die klare Luft. Daniel erwiderte kein Wort, aber ein starker Zwang kam über ihn, er ging über die Weide, die unter den Schritten schwoll und ihre Düfte in die Sommersonne sandte, auf den Vaum zu. Berthe schlug schnell das Kleid über die Füße, aufstehen konnte sie nicht, denn der L6on kletterte auf ihr herum und trat ihr in den Schoß. „Er quält Euch, der Schelm," sagte Daniel. Sie hielt den Kleinen fest, von dem er sie befreien wollte. „Laßt mir das Vergnügen, Monsieur Daniel, wir sind ja so gute Freunde, der L6on und ich." In ihren Augen tanzte das goldene Fünkchen, ein rosen- roter Schein war über ihr Gesicht gebreitet. Sie trug keinen Hut, und die Finger L�ons hatten in dem feinen blonden Ge- fpinst arg gehaust. Es ringelte sich wild um Stirn und Schläfen. Das eine Ohr war purpurrot, als hätte der L6on es geschulmeistert. Daniel streckte ihr die Hand hin. „Wollt Ihr aufstehen, Berthe?" Das„Madame" brachte er nicht mehr über die Zunge. Und trotzig ließ er es aus, obwohl er sah, daß die kurze, der- traute Anrede sie genierte. Als sie zauderte, nahm er den Lson beim Wickel und schwenkte ihn neben sie ins Heidekraut. Da ergriff sie seine Hand, und er zog sie empor. Aber kaum stand sie aufrecht, so klammerte sich der L6on wieder an sie und wehrte den Vater, der ihn wegziehen wollte, mit Händen und Füßen und mörde- rischem Geschrei ab. Berthe bückte sich, um ihn zu beruhigen, und im Eifer streifte ihr zerzaustes Gelock Daniels Gesicht. Da riß sie den Kleinen plötzlich empor und stammelte: „Laßt mir den Kleinen. Ich bitte Euch, Daniel." Wie ein Schild hielt sie ihn gegen die Brust gedrückt. Daniels Hände glitten von dem Knaben ab. „Er hat Angst vor seinem Vater, der Straßenjunge. Ihr macht mich eifersüchtig, Mamsell Berthe." Ein heißes Leuchten war in seinen Augen, er hätte sie samt dem L6on in die Arme nehmen mögen. Es war ihm, als wär' sie noch das blasse Kind, das vor Jahren auf den Florimont kam, bald still und verträumt auf den Steinen und unter den Brombeeren saß, bald leicht und lustig in dem alten Haus herumstrich. Sie wandte sich zum Gehen. „Berthe," stieß er leidenschaftlich hervor. „Daniel, Monsieur Daniel, laßt mich gehen," bat sie mit erlöschender Stimme. Einen Augenblick noch sperrte er ihr den Weg, dann trat er beiseite, stumm, schwer atmend. Sie drückte das Bübchen an sich und lief über die Wiese, aber das Kind war schwer, sie mußte langsamer gehen, immer langsamer, und die Last zog sie schier zu Boden. Doch sie hielt es fest. „Sitz still, L6on, ich trag Dich. Ja, ja. Du bleibst bei mir," sprach sie ihm zu und küßte ihn mit heißem Mund auf den nackten, blanken Hals, unter das Ohr,, daß er gekitzelt von ihren brennenden Lippen laut auflachte und ihr in das lose gesteckte Haar fahrend, Nadeln und Knoten löste. Schwer fielen ihr die blonden Strähnen in den Nacken und rollten über das schwarze Kleid bis auf die Hüften. Der leichte Wind fing sich darin, die Sonne webte ihre Strahlen hinein, und Daniel schien es, als wallte das goldene Gespinst über die ganze Alpweide und deckte die Gräser, die Steine, die Höhen, den Florimont, so weit er Namen hatte, und ein Duft stieg ans, der machte ihn trunken wie alter Wein. Sie verschwand hinter der Hausecke, mit ihr der goldene Glanz. Windschief und grämlich hockte die Ferme mit dem angebauten Wirtsstock unter dem blauen Himmel und brannte ein schwarzes Loch in den grünen Weidgrund. Und der Daniel sah sie auf einmal, sie, das Berthele, in ein neues, zweistöckiges Gebäu treten, mit blitzenden Fenstern und rotem Dach, mit weißen hohen Mauern, brausend von Schaffen und Leben, ein Haus, sein Haus, eins wie keins auf den Bergen, auf diesem seinem Berg, dem blühenden, gesegneten Florimont. Dann trieb er sich ingrimmig die Faust in die Augen- höhlen, als müßte er das Bild erschlagen da drinnen und ging zu den Kühen. � Dem Berthele zitterte das Herz noch vor Schreck und Scham in der Brust, als es seine Frisur längst wieder in Ordnung gebracht hatte, und so oft es in den nächsten Tagen dem Daniel begegnete, fiel eine heimliche Angst über es, daß es darin flatterte wie in einem Vogelnetz. Am Tisch wagte es kaum aufzusehen, nur zuweilen streifte sie ihn mit den Blicken, und dann sanken ihr die Arme unter der Last der Gabel. Den L6on ließ es nicht mehr von sich. Eines Abends aber gab es kein Entrinnen. Sie waren sich nach dem Nachtessen im Flur begegnet, und Daniel ergriff ihre Hand. „Kommt mit zu den Steinen, da oben am späten Abend, das ist das schönste auf dem Florimont. Das wißt Ihr ja noch, nicht wahr, Mamsell Berthe?" „Sagt Madame," murmelte sie hülflos und folgte ihm hinaus. „Madame? Nein, es gerät mir nicht," erwiderte er heftig. Schweigend gingen sie das Sträßchen entlang und auf die Höhe. Bei jedem Schritt reckten sich die Steine höher aus dem Boden, zuletzt drohte nur noch der Mönchs- felsen über ihnen. Dann waren sie oben und standen auf dem Rücken des Berges, der langgestreckt dalag, das schwarze Haupt im Tannenwalde begraben, mit übereinandergeschlagenen Armen, und schlief. Sie sahen zuerst vom Aufstieg her ins Wälsche, wo blaue Schatten alle Hügel und Täler zudeckten. Ganz hinten zitterte noch ein blutiger Streif am Himmel. Als sie sich umdrehten, kroch die Nacht aus der Rheinebene herauf und löschte alle Zeichen. Ein feiner, weißer Dunst schimmerte noch einen Augenblick aus der Gegend, wo das Münstertal in die Berge schnitt, dann verschluckte die Finsternis den letzten Hauch. Lange standen sie schweigend und um sie strichen die Schatten. „Es macht einem angst da oben," sagte Berthe, und ihre Stimme klang so klein und dünn in der Stille, daß sie noch mehr erschrak. Da kam ein geisterhaftes Läuten vom Mönchsfelsen her« und eine große Gestalt, noch schwärzer als die Finsternis, wandelte an ihnen vorüber. „Mein Gott, Daniel!" Sie warf sich in seine Arme. Er lachte leise und hielt sie fest. „Aber Berthele, das ist ja ein Vieh, das noch umeinand- stoffelt in der Nacht, statt abzuliegen und zu käuen." Und er versetzte der Kuh, die dicht an ihnen vorbeistapfte, einen Schlag mit der flachen Hand. Mit einem drucksenden Schnaufer verschwand sie in der Nacht. Mit dem anderen Arm aber hielt Daniel Berthe fest, so sehr sie sich jetzt auch sträubte, nachdem sie sich beruhigt hatte. „Berthele, lug, dort gehen der Nacht die Augen auf," flüsterte er und zeigte auf die Ferme, in der gelbe Lichter glänzten. Der Höhenwind hatte sich aufgemacht und strich über die grasigen Kuppen der Vogesen, in der Tiefe, wo die Wälder waren, rauschte es leise. Berthe hatte keine Worte bereit, ein Gefühl köstlicher Ermattung und zugleich eine geheime Angst machten sie wehrlos. Da raunte er ihr zu: „Hör', Berthele: Was meinst, tät's Dir gefallen auf dem Florimont? Bei mir, bei dem L6on? Und weißt Du, daß ich Dich das schon lang Hab' fragen wollen?" „Aber Daniel, ich bin im Leid," stammelte sie. „Ich kann warten, Berthele, Hab' ich so lang' gewartet, daß ich schier zu spät gekommen bin, so wart' ich leicht auch noch einen Winter. Und dort, schau'« Berthe, dort kommt spZter ein Gaus hin, groß wie ein Botel, wo's eine Lust ist, o'rin zu schaffen. Dann wird die Straße breit und der Auf- stieg leicht, dann gibt's Leben auf dem Berg. Da drüben im Watschen, da stehen sechzig Kühe zu einer Ferme, warum soll's auf dem Florimont weniger haben! Hab' keine Angst, Berthele, Äü sollst Knecht' und Mägde haben, ich brauch' Dich nicht zum Geschirren und Geschäften. Für sell bin ich da und Du für mich. Für mich allein, Berthele, verstehst Du?" Sie stemmte die Hände gegen seine Brust, aber unwider- stehlich zog er sie an sich. „Daniel, ich schrei um Hüls'," stieß sie endlich hervor; da knickten ihre Arme, und sein Mund brannte auf ihren Lippen. Sie wollte es wahr machen und schreien, aber über seinen wilden Küssen verging ihr die Kraft dazu und mit der Kraft auch der Wille. Nun hing sie in seinem Arm, und das blasse Licht, das vom gestirnten Himmel in die Finsternis sickerte, floß über ihr weißes Gesicht. Sie hatte die Arme um seinen Hals gelegt und wußte nicht, ob ihre Füße sie noch trugen. Erst als er sie noch einmal an sich preßte, stammelte sie abgebrochen: „Du tust mir weh." Er lachte, ein mitleidiges zärtliches Lachen, und ließ sie frei. Aber ihre Hand hielt er fest, und Berthe war froh, ihre Finger in der starken Faust zu fühlen. Daniel schöpfte die Brust tief voll Atem, ein mächtiger Drang war in ihm, am liebsten hätte er in die fülle Bergwelt hinausgeschrieen, daß der Schall über die Weiden geflogen wäre vom Col du Bonhomme bis zum Kahlen Wasen. Tort unten hockten sie im Tal, feige Lichtlein blinzelten von La Motte durch die Nacht, und auf der Allmend, in den Fermen, lagen sie auf dem Ohr und schliefen. Da kamen sie acht Tage vor Pfingsten herauf und zogen auf Michaeli wieder hinab, nutzten die Weid, grasten und butterten und kästen, mieteten ihr Vieh für den Sommer, um es im Winter wieder den Stallbauern da unten heimzu- führen, und er, er war auf dem Berg geboren, saß Sommer und Winter auf der Weide, wenn sie blühte und grünte und rostete und fror, er hatte keine fremde Klaue im Stall und riß feine Kälber selbst auf die Welt. Und die da unten wollten ihn regieren, ihn und den Berg kommandieren! Er lachte dumpf, ein grimmiges Gelächter, vor dem das Berthele zu Tode erschrak. Aber da packte er die schlanke, jüngfcrlich zarte Gestalt plötzlich um den Leib und hob sie in die Höhe. „Siehst Du, Berthele, das alles ist mein, von den Steinen bis hinab zum Wald, hier tanzen die Erdwibele und dort unten, wo der Schlatten sich durch den Wald gefressen hat, haust noch ein Schratzmännle, aber mir tun sie nichts." „Jesus Maria, Daniel, was redest Du da!" unterbrach ste ihn und strebte hinab. Aber er schwang sie noch höher, daß seine Arme ihre Kniee umspannten und sein Ohr an ihrer Brust lag und das ängstliche Pochen ihres Herzens hörte, und fuhr fort: „He, ihr Stein', he, Mönchsfelsen, alter Schächer und ihr andern lahmen Krotten, und ihr, ihr Küh und Kälber, und Wald und Weid, seht ihr sie, die da, sagt ihr, wem ihr seid und wer Herr ist da oben!" Seltsam hallten die Worte in der füllen Nacht. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) ' Tamtmny. Das Wort Tammany ist jedem bekannt, der sich ein wenig um amerikanische Politik kümmert. Es hat eine ominöse Bedeutung ge-- Wonnen und ist meist gleichbedeutend mit Korruption, Cliquen- Wirtschast und allerlei politischen Schwindel. Vom Tammany-Ning spricht man und denkt dabei an den festen Ring von Politikern der demokratischen Partei, der zum Schaden der Stadt New Uork einen maßgebenden Einfluß ausübt. Tammany Hall sagt man wohl auch, und diese Bezeichnung ist in Amerika die gebräuchliche, in Verbindung mit dem großen Gebäude der Klub- halle Tammanys in New Aork. Wenig bekannt ist die interessante Vorgeschichte dieses politischen Klubs mit den indianischeir Namen. Es war ein guter, gesunder Stainm, dessen entarteter Sproß das spätere Tammany wurde. Der große Häuptling vom Stamni der Delawaren hat es sich nicht träumen lassen, daß die verhaßten Blaßgesichter ihre Schandtaten soweit treiben ivürden, daß sein guter Name besudelt dasteht vor der ganzen Welt und bis auf unsere Tage. Unter CoopersJndiancrgeschichtcn, die in mancherKnabenseele helle Begeisterung erweckten und den sehnlichen Wunsch, hinüberzuziehen in die amerikanischen Wälder, die Wigwams der Indianer zu überfallen, auf den Prairien die Büffel zu Zagen und wunderbare Abenteuer zu erleben, haben sich die Lederstrumpf-Erzählungen stets großer Be- liebtheit ersteut. Darin spielt der alte Häuptling Tamanund eine große Rolle, und Cooper hat eine historische Persönlichkeit sich zum Muster genommen. Von Tamanund erzählt die Ueberlieferung im Stamme der Delawaren, daß er ein großer Weiser und gewaltiger Krieger war, ausgestattet mit allen Eigenschaften, die für den Indianer das Ideal eines großen Mannes oder' eines Halbgottes darstellen. Seine größte Ruhmestat war, wie die Sage berichtet, daß er in einem heißen fiirchterlichen Kampfe den„Bösen Geist" bezwungen hatte. Die Weißen, die davon hörten, waren überzeugt, daß dieser böse Geist der Indianer nur der Teufel gewesen sein könne und sie teilten den Respekt der Indianer vor dem alten Häuptling, der unter den amerikanischen Soldaten große Popularität gewann. Das zeigte sich, als die Revolution der dreizehn Kolonien gegen England im Jahre 1775 in hellen Flammen ausbrach. Den englischen Truppen hatte man als besonderen Kirchentrost den heiligen Georg, den Drachentöter, mitgegeben; das war ihr Schutzpatron, den sie um Hülfe anrufen konnten, wenn's Not tat. Die Amerikaner aber suchten nach einem größeren Schutzpatron und erkoren sich jenen alten Häuptling der Delawaren, der sogar den Teufel bezwungen hatte und darum weit mächüger sein mußte als ein Drachentöter. Der neue Heilige erhielt den Namen Sankt Tammany und ein Kalendertag wurde ihm geweiht, nämlich der 12. Mai. Dieser Tag wurde lange zur Erinnerung an den alten Häuptling feierlich be- gangen und ganz den indianischen Gebräuchen gemäß. Wenn der 12. Mai kam, so rüstete man bei den pennsylvamschen Truppen wie zu einem großen Feste. Die Pennsylvanier waren es, die zuerst Sankt Tammany zu ihrem Schutzpatron machten und ihm die größten Ehren erwiesen. Alle Teilnehmer am Feste verkleideten sich als Indianer, die sich malerisch in einem hergerichteten Wigwam lagerten und auf das Erscheinen des Häuptlings Tamanund warteten. Diese Rolle spielte ein besonders prächtig gekleideter Alter, der eine kräftige Ansprache halten mußte, nach deren Schluß alle Krieger sich erhoben und mit wildem Geheul und unter komisch schrecklichen Geberden einen indianischen Kriegstanz aufführten. Es war eine Art Maskenfest und gefiel den Soldaten außer- ordentlich. Es dauerte gar nicht lange, so machten die Pennsylvanier Schule, auch die übrigen Truppenkörpcr hatten am 12. Mai ihre St. Tammany- Feier. Von den Soldaten pflanzte sich der Brauch fort auf die Bürger- kreise. In Philadelphia und in kleineren pennsylvamschen Ortschaften entstanden Tammany-Gesellschasten und übertrugen diese Neuheit auf andere Städte. Indianer zu spielen war ein Hauptvergnügen geworden, aber eS wurde oftmals zu viel Feuerwasser dabei ge- trunken und die Friedenspfeife machte nicht immer so ruhig und würdig die Runde wie in den Wigwams der echten Rothäute. Bei den Soldaten kamen besonders viele Ausschreitungen bor und zuweilen lag es nur an dem Mangel der Geschicklichkeit, daß nicht einer den anderen flalpiert hätte. Das wurde schließlich so toll getrieben, daß das Kriegsministerium im Jahre 1812 ein bestimmtes Verbot der St. Tammany-Feier für die Armee erließ. In den Kreisen der Bürger verlor sich der Brauch, nachdem der Reiz der Neuheit vorbei war, und die Tammany-Gesellschaften lösten sich langsam auf, ausgenommen in New Uork. Dort hatte der im Jahre 1789 von William Mooneh gegründete Columbia-Orden sich des St. Tammany angenommen. Der Patron des Ordens,' Christoph Columbus, mußte dem neuen Heiligen weichen. Damman� Society of the Columbia Order nannte sich der Klub und ließ sich unter diesem Namen später, am 9. April 1805, unter die mit bestimmten Rechten ausgestatteten New Dorker Gesell- schaffen eintragen. Die Grundsätze dieser Vereinigung waren Menschensteundlichkcit und Nächstenliebe. Man verband sich brüderlich zur gegenseitigen Hülfe und Unterstützung im Unglück und war auch für gemein- nützige und edle Zwecke außerhalb des eigenen Kreises stets zu haben. Die Mitglieder konnten sich unbedingt auf einander ver- laffen, das Prinzip der gegenseitigen Förderung, besonders in geschäftlichen Dingen machte die Gesellschaft stark, reich und angesehen. Bald trat der Klub auch öffentlich hervor. Gleich in der ersten Zeit seines Bestehens, im Jahre 1790, fand er eine originelle Gelegenheit, für das Gemeinwohl einzutreten und der jungen, amerikanischen Nation einen großen Dienst zu leisten. Die Regierung befand sich in schlimmer Verlegenheit; es waren Streitigkeiten mit den Creek-Jndianern ausgebrochen, die im Süd- Westen des Landes zahlreich vertreten waren, und die Rothäute drohten, sich auf den Kriegspfad zu begeben. Das war damals noch eine gefährliche Drohung, die einen Todesschrecken in Hunderte von Ansiedelungen trug. Heute wird nur von einem Aufstand oder einer Auflehnung der Indianer gesprochen, und kein Blaßgesicht zittert um seine Farm, um Weib und Kind oder gar um seinen Skalp. Kaum, daß einige Zeitungsleser sich dafür interessieren; es gilt als selbstverständlich, daß die nächste Militärstation den telegraphischen Befehl erhält, einige Kompagnien nach da und dort zu senden und den Aufstand blutig niederzuschlagen. Mancher mächtige Jndianerstamm ist zu- sammengeschmolzen zu einer kleinen Bande, die ini Elend verkommt. Heute gibt es kaum noch eine Viertelmilliou Indianer in den Bereinigten Staaten, und darunter wurden im Zensus vom Jahre 1900 137 000 steuerzahlende aufgeführt. Ein steuerzahlender Indianer— wie weit eS die Kultur doch bringen kann l— Freilich in CooperS Jndianergefchichten hätte selbst der letzte der Mohikaner nicht mit einer Steuerquittung auftreten dürfen; jeder Leser wäre mit seinem Tode am Marterpfahl sofort einver- standen gewesen. Damals, vor mehr als hundert Jahren waren die Indianer noch zu fürchten. Die Regierung bemühte sich sehr um Erhaltung des Friedens, denn man brauchte Ruhe im Lande. Die Häuptlinge des feindlichen Stammes wurden zu Unterhandlungen eingeladen und gebeten, nach New Jork zu kommen. Sie nahmen die Einladung an und machten sich auf die Reise. Als diese Nachricht in New Jork eintraf, war die Aufregung groß. Man wollte alles mögliche tun, um einen recht günstigen Eindruck hervorzurufen. Bei dem eigenartigen ernsten und würdigen Auftreten der Indianer war eine vorsichtige Behandlung geboten, doch galt es, irgend etwas Be- sonderes zu leisten, um ihnen eine wirkliche freundschaftliche Ge- finnung zu beweisen. Da kam die Tammany- Gesellschaft der Re- gierung zu Hülfe und bot sich an, für die Unterhaltung der Gäste zu sorgen. Gern wurde dieser Beistand angenommen und Tammany zeigte sich der selbstgestellten Aufgabe gewachsen. Wie bei der Feier des St. Tammany- Tages, nur noch viel großartiger und dem Ernst der Situation angemessen, wurde ein großes Wigwam aufgeschlagen und alle Mitglieder des Klubs ver- kleideten sich als Indianer. Man bemalte sich die Gesichter nach indianischer Art, setzte große Federhauben auf und legte den besten indianischen Kriegsschmuck an. An glänzenden bunten Gewändern wurde nicht gespart; Tomahawks und Skalpiermesser blitzten; die Friedenspfeifen- lagen in Bereitschaft, und mit großem Pomp und ernster Feierlichkeit, nach allen Regeln indianischer Gastfteundschast wurden die fremden Gäste empfangen. Die Häuptlinge konnten ihre Ueberraschung kaum verbergen, sie fühlten sich geehrt und waren offenbar hoch erfreut über diesen kmpfang. Die Tammany-Leute benahinen sich so taktvoll und klug, ?aß die Häuptlinge sich bald geneigt zeigten, mit einem so liebens- vürdigen Feinde Frieden zu schließen. Durch diesen hübschen Erfolg wurde das Ansehen des Tammany-- Nubs außerordentlich gehoben. Die Feier des Tammany-Tages zlieb für New Jork lange Zeit ein öffentliches Ereignis und gelegent- lich beteiligten sich sogar der Präsident Georg Washington und Mit- zlieder seines Kabinetts an der Feier. Bald galt es in New Uork als eine Ehre und ein Vorzug, Mitglied des Tammany-Klnbs zu sein, und um diese Ehre bewarben sich die besten Männer. Damit wurde der Klub politisch wichtig; ja die Politik wurde bald die erste und größte, später die einzige Aufgabe TammailyS. Nicht nur in städtischen Angelegenheiten, sondern auch im Staate und bei den Nationalwahlen zeigte sich Tammanys wachsender Einfluß. Im Jahre 1300 war Tammanys Wirken von Bedeutung, um Thomas Jefferson zum Präsidenten zu wählen. Aaron Burr, der ein persönlicher Freund von Mooney, dem Führer von Tammany war, wurde Vizepräsident. Tammanys Hauptgebiet blieb die mächtig emporwachsende Stadt New Jork. Der Einfluß des Klubs auf die Stadtverwaltung wurde gesucht und oft durch Bestechungen gewonnen. Es boten sich zahlreiche Gelegenheiten, Handel mit diesem Einfluß zu treiben; die Korruption fraß sich ein, Tammany wurde berüchtigt. Leute wie Willian, Tweed bemächtigten sich der Führerschaft und Tammany warf sich auf New Jork wie ein Tiger, der Blut geleckt hat, auf seine Beute. In den sechziger Jahren bildete sich eine wahre Schreckensherrschaft unter Tammany. Schamlose Ausbeutung und Bereickcrung auf öffentliche Kosten waren an der Tagesordnung. Die Bestechung der Beamten war allgemeine Regel; die Rechte der Bürger wurden mit Füßen getreten, und die Stadt mußte eine kolossale Schuldenlast übernehmen. Gegen diesen Mßbrauch der öffentlichen Gewalt setzte endlich eine starke Gegenströmung ein, im Jahre 1871 wurde Tammanys Macht gebrochen. Tweed selbst mußte ins Zuchthaus wandern, wo er 1378 starb. Die Bürger wählten die Gegner Tamnianys in die Verwaltung. Aber der Klub erholte sich von seiner Niederlage und unter der Führung des geriebenen Politikers Richard Croker nahm er an Bedeutung zu und eroberte sich seine Macht zurück, in welcher er sich mit abwechselndem Glück behauptete. Gegenwärtig steht der Klub unter Charles Murphy wieder mächtig da und bestimmt darüber, wer Bürgermeister dieser Stadt von vier Millionen Ein- wohnern werden soll; er bestimmt darüber, welche Personen die anderen wichtigen Aemter bekleiden sollen. Nur mit größter Mühe kann die Gegenpartei, die republikanische, ihre nicht minder beute- gierigen Kandidaten zum Siege und an die Krippe führen. Im Jahre 1901 gelang es den Republikanern, ihren Kandidaten zun, Bürgermeister zu machen, aber 1903 eroberte sich Tammany die Macht zurück. Tammany herrscht gegenlvärtig, wenn auch seine Machtfülle sich nicht mehr so brutal zeigen darf wie in der„Glanz- oeriode" des Klubs. Nicht umzubringen, zäh wie eine Katze kommt Tammany immer wieder auf die Beine. AIS Katze der gefährlichsten Art, als blutgieriger Tiger wird Tammany in den Zeichnungen der Witzblätter, auf Plakaten zc. dar- zestellt. Bor einigen Jahren wurde während einer Wahlagitation M einem großen Schaufenster am Broadway in New Jork ein lebender Tiger ausgestellt mit einem Hinweis auf Tammany. Neber dem Käfig befand sich ein Plakat, auf dem in weithin sichtbaren Lettern zu lesen war:.Bürger New Aorks, wollt Ihr diesen Tiger auf Euch loslassen?" Natürlich wußte jeder, daß'' Tammany Hall gen, eint war. Die Bürger lassen diesen Tiger immer wieder auf ihre Stadt los und erheben umsonst nachher ein großes Geschrei, wenn er seinen Beutezug unternimmt.— Arthur Baar. kleines feinllcton. k. Straßengeleise im Altertum. Es hat lange gedauert, ehe ???. �€r �uzeit auf die Anlegung von Schienenwegen zur Er- leichterung der Beförderung von Wagen gekommen ist, und ihre be, sondere Bedeutung haben sie nur für die Eisenbahnen und Straßen. bahnen gewonnen. Dagegen hatte man im Altertum schon vielfach auf offentlick�n Straßen, die viel befahren waren, Geleise durch Ein- schnitte in den Boden hergestellt. So fanden sich auf einer römischen «traße in � den Dauphine-Alpcn neuerdings bei dem Tor von Bons-en-Oisans deutliche Spuren solcher Geleise. Aus diesem Anlaß stellt Albert de Rochas in„La Nature" das wichtigste Material! über diese merkwürdige Einrichtung auf antiken Straßen zusammen. Man findet in Griechenland und Sizilien zahlreiche Beispiele dafür, namentlich auch an den Toren von Athen auf dem Wege, der direkt vom Piräus nach der Agora führt, auf der großen Straße von Sparta nach Helos und in der Umgebung von Orchomenos und von Syrakus. Schon Ernst Curtius hat in einer Abhandlung über die Geschichte des Wegebaues bei den Griechen, die er 1895 veröffent- lichte, diese Erscheinung studiert. Wenn der Boden der Straße, so führt« er aus, nackter Fels oder Stein war, über dem nur eins dünne Erdschicht lagerte, so gaben sich die Griechen nicht die Mühe, die Chaussee in ihrer ganzen Breite fahrbar zu machen, sondern sie begnügten sich mit einer oberflächlichen Nivellierung und machten dann für die Räder der Wagen sehr sorgfältig angelegte Einschnitte, so daß der Wagen leicht und sicher in dieser Rinne auf einer völlig glatten Oberfläche lief. War der Boden zwischen den beiden Ein- schnitten zu holperig oder zu ungleich, so streuten sie Sand oder Kies. Auch Guhl und Koncr weisen in ihrem Buch über„Das Leben der Griechen und Römer" darauf hin, daß noch heute Griechen- land von Straßen durchzogen wird, auf denen man die künstlichen Einschnitte, die als Geleise für die Wagen dienten, sieht. Auf diese Art konnten Götterstatuen und Kultgcgenstände bequem von einem Ort zum anderen gebracht werden. Ebenso schreibt der englische Reisende Mure von diesen Einschnitten, die er auf antiken Straßen beobachtet hat:„Wenn ich von Radspuren spreche, sc meine ich damit nicht eine Aushöhlung, die durch lange Benutzung der Straße oder durch Vernachlässigung auf einem ebenen Wege entstanden ist. sondern absichtlich gemachte Einschnitte oder Rinnen, die genau in der Spurcnweitc der Wagen von einander entfernt laufen und den Zweck haben, die Räder in einer bestimmten Richtung zu halten und die Bewegung auf einem felsigen unebenen Boden zu erleichtern. Sie entsprechen durchaus unseren Eisenbahnschienen, so daß man sie sehr wohl als„Stcinschienen" bezeichnen kann." Diese Aehnlichkeit der Vorrichtung mit der Anlage unserer modernen Straßenbahnen wird noch dadurch vervollständigt, daß es Ausweichkurven gab, die» in richtigem Abstand angelegt, das Kreuzen zweier Wagen auf dem einzigen Geleise gestatteren. Man kann dies sehr genau auf dem Wege von Sparta nach Helos beobachten. Man kann sich vorstellen, in welche Verlegenheit die Führer zlveier in entgegengesetzter Richtung fahrender Wagen gerieten, wenn sie sich auf solchen Straßen begegneten, ohne daß Ausweichgeleise vorhanden, oder wenn sie sehr weit entfernt waren, und keiner der Fichrer umkehren wollte. Auf einer griechischen Inschrift finden wir denn auch, daß man einem abreisenden Freunde einen„glücklichen Einschnitt" wünschte, und es Ivar dies durchaus kein überflüssiger Wunsch; denn ein unglücklicher Einschnitt war es ja gewesen, der den tragischen Tod des Laius von der Hand seines Sohnes Oedipus verursacht hatte, so wenigstens interpretiert Caillemer die Tatsache, daß die beiden mit ihren Wagen so aufeinander gerieten daß sie einander nicht ausweichen konnten. Derselbe Gelehrte wies auch darauf hin, daß die griechischen Straßen immer eingeleisig angelegt waren; ein stärkerer Wagen- verkehr, der doppelte Geleise erfordert hätte, war bei den Griechen noch nicht vorhanden, da sie gewöhnlich zu Fuß reisten; glaubten doch auch die an fremde Herrscher geschickten Gesandten von Athen durch- aus nicht, daß es gegen ihre Würde verstieße, wenn sie sich zu Fuß an den Ort ihrer Bestimmung begäben. Dabei waren die Athener sehr freigebig gegen ihre Gesandten, die auf Kosten des Staatsschatzes reisten. Wahrscheinlich war der Abstand der Räder für alle Wagen in den Ländern, die unter griechischem Einfluß standen, gleich. Bis- her waren die Spurweiten der Straßengeleise jedoch noch nicht ge- messen. Auf der jetzt in Frankreich entdeckten römischen Straße betrug die Entfernung der beiden Einschnitte von einander genau 1,44 Meter. — Vom ältesten Kupferhandel. Seit längerer Zeit befanden sich im Museum zu Cagliari auf Sardinien einige eigentümlich ge- staltete Kupferbarren. 72x32 Zentimeter groß im Durch- schnitt und 27 bis 33 Kilogramm wiegend. Auf allen befanden sich lineare Zeichen, die mit dem Meißel eingehauen waren. Düse Narren oder KuHen waren gegossen und bestanden aus reinem Kupfer; ihr Fundort war die Terra Jlixi aus Sardinien— daß sie dort aber ihren Ursprung nicht haben konnten und sehr alt waren, war von vornherein klar. L. Pigorini in Rom hat jetzt in einer Broschüre den Ursprung nachgewiesen und damit zugleich einen Bei- trag zum ältesten Kupfcrhandel geliefert. Da die Barren eine ganz eigentümliche Form haben, so mußte es aufsallen, daß 1896 ein ganz gleiches Stück von 37 Kilogram«! Gewicht zu Enkomi aufgefunden wurde, das den Buchstaben si des cyprischen Mphabetes trug. Dann kamen wieder auf Kreta bei Hagia Triada vor zwei Fahren solche Barren zum Vorschein, alle den sardischcn gleich. Dazu gesellte sich ein identischer Fund aus dem Wdeere bei Euböa, welcher sich im Museum zu Athen befindet. Diese alle von den Ufern des Aegäischen Meeres stammenden Barren enthüllen uns also den Ursprung der sardischen Eremplare, und die Charaktere, welche sie tragen, finden sich wieder am Palaste von Phästos und auf den Inschriften von Hagia Triada(Kreta), die durch die italienische Expedition unter Paribcni bekannt geworden sind. Die Barren gehören dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung an, und ähnliche sind auch dar- gestellt unter den Tributgaben für Thutmes III. in dem Grabe von Rekhmara(Theben).— jt»Globus"). t. Wie eine Epidemie entsteht. Es ist mitunter recht schwierig, den Ursprung einer Epidemie festzustellen. Dabei kommt es selbst- verständlich gar nicht darauf an, welchen Umfang die Seuche an- nimmt, denn schließlich beginnt sie immer mit einem ersten Krank- lheitsfall Müssen sich denn auch die Behörden und Aerzte vor allem darum bekümmern, daß die Epidemien in ihrer Verbreitung be- schränkt werden, sr ist doch die Aufklärung über die Art und den Weg ihrer Einschleppung von größter Wichtigkeit. In dieser Hinsicht ist ein Bericht beachtenswert, den der. englische Major Garner ge- liefert hat, obgleich er sich auf ein Land und eine Krankheit bezieht, die uns beide glücklicherweise ziemlich fern liegen. Anfang Sep- tember vorigen Jahres trat in dem ägyptischen Dorf Seyaffa eine als Pest bezeichnete Seuche auf. Die Sterblichkeitsziffer war, wie nun erst festgestellt wurde, schon seit einigen Wochen im Steigen be- griffen gewesen. Die Aerzte sahen sich durch diese Nachricht in hohem Maße überrascht, weil in dieser Jahreszeit niemand die Ge- fahr einer Pestepidemie ins Auge gefaßt hatte. Es fanden daher besonders gründliche Nachforschungen statt. Zunächst wurde die Zkrankheit dura Vermittelung von Laboratorien untersucht, und die bakteriologischen Sachverständigen gaben das Gutachten ab, daß es sich gar nicht um Pest handeln könnte. Auch der klinische Befund in den Krankenhäusern sprach gegen diesen Verdacht. Die Kranken waren ausschließlick Frauen, sämtlich über 36 Fahre alt, und es fanden sich unter ihnen auch nicht zwei Fälle, die aus demselben Haus oder auch nur aus benachbarten Wohnungen gestammt hätten. Der Tod trat fast immer innerhalb IIb Tagen nach Ausbruch der Krankheit ein. Die Patienten klagten über heftige Schmerzen über dem Brustbein und behielten ihr Bewußtsein bis zum letzten Atem- zug. Einige Tage später kam eine Frau unter ärztliche Behandlung, die an einem bösartigen Geschwür litt, noch zwei Tage später ein Mann mit Milzbrand. Nun entstand der Verdacht, daß auch die anderen Todesfälle auf diese Krankheit zurückzuführen wären, und in der Tat wurde an verschiedenen dem Tode verfallenen Kranken Milzbrand der Lunge festgestellt. Der Milzbrand ist eine Krankheit, die hauptsächlich bei Tieren vorkommt, aber auch auf den Menschen iibertragen loerden kann. Sie ist wohl auch unter dem Namen der sibirischen Pest bekannt und immer sehr gefährlich, obgleich beim Menschen nicht ganz unheilbar. Ein gewisser Fingerzeig auf den Ursprung der Epidemie war also danach gegeben, und man ver- mutete zunächst, daß die Ansteckung durch Rindvieh oder nur durch Häute oder Wolle veranlaßt worden lväre. Da aber in dem frag- lichen Bezirk gleich nach dem ersten Erscheinen der für Pest ge- haltencn Krankheit die größter. Vorsichtsmaßregeln mit Bezug auf Desinfektion, Verbrennung allen Unrats und Beschränkungen des Verkehrs getroffen worden waren, so mußte ein derartiger Zu- sammenhang als geradezu unmöglich betrachtet werden. Man forschte nun weiter"unter den Schafherden in einem Umkreise von 20 Meilen in der Nachbarschaft des betroffenen Dorfs nach einer Milzbrandepidemie, aber auch dadurch wurde das Rätsel nicht ge- löst. Schließlich führte die Leiche eines Esels auf die rechte Spur. Es stellte sich nämlich heraus, daß unter den Eseln eine ungewöhn- liche Sterblichkeit eingetreten war, und von diesen Haustieren hatte sich ohne Zweifel der Krankheitskeim auf die Menschen übertragen. Jetzt erst konnte eine wirksame Bekämpfung der Epidemie einge- leitet werden.—• Technisches. — Geräuschlose Abrichtmaschine. Unter den zahlreichen lärmenden Industrien zeichnet sich die Holzbearbeitung durch ganz besonders laute und unangenehme Geräusche aus. Das Schnarchen, Zischen, Kreischen und Heulen der Drehbänke, Säge- und Hobelmaschinen bildet zu den lautlosen Bewegungen der mit den- selben Aufgaben betrauten Metallbearbeitungsmaschinen einen sehr unerfreulichen Gegensatz. Am auffallendsten ist das fürchterliche Heulen der Abrichtmaschinen, die zum Vorhobeln der Bretter dienen, während die Dicktenhobelmaschincn nach ihnen das Hobeln auf ge- naues Maß besorgen. Die Abrichtmaschine macht mit ihren auf einer Welle sitzenden und sich reißend schnell drehenden Messern ein so starkes Geräusch, daß der arbeitende Mann sein eigenes Wort nicht hören kann, und verursacht mehr Unruhe, als die übrigen Maschinen zusammen. Es ist nun der Holzbearheitungsmaschinenfabrik von I. A. Dörner in Leipzig-Stötteritz gelungen, diesen Uebelstand zu beseitigen, und zwar durch eine ganz einfache Abänderung. Die Er- findung besteht darin, daß die Stahlklappen dicht an der Messer- welle eine Anzahl Oeffnungen erhalten, durch welche die Luft an der einen Seite entweichen kann und an der anderen Seite angesaugt wird; infolge der dadurch erreichten gleichmäßigen Lustbewegung vermindert sich die Vibration und naturgemäß auch der Ton der Maschine, der nur noch ein mäßiges Summen darstellt.— .(„Techn. Rundsch.")) Humoristisches. — Badebekanntschaft.„Na, werden Sie denn nu meine Töchter in Berlin wiedererkennen, Herr Baron?" „Auf der Straße— weiß ich nicht. Auf Hofbällen— ge- wißl— — Auch ein Schlafpulver. Einheimischer Be- k a n n t e r(früh im Hotel):„Wie haben Sie geruht?" Fremder:„Gut— allerdings nach Gebrauch von Schlaf- Pulver." Einheimischer Bekannter:„Chloralhhdrat, Trwnal oder Verona!?" Fremder:„Zacherlin."--(»Lustige Blätter.") Notizen. —„Rosa Margarete", ein neues Märchenspiel von Bodo Wildberg, ist vom P r a g e r Landestheater erworben worden. — Dr. Hans Oberländer errichtet im Kleinen Theater eine Privatschule für dramattschen Unterricht und Rhe- torik. Die Schule wird ausschließlich den Einzelunterricht fördern. Vorgeschrittene Schüler finden Gelegenheit, sich im Ensemble ein- zuspielen.— — Am Wiener Konservatorium wird mit Beginn des Schuljahres 1908/06 eine Chor- und Chordirigenten- Schule ins Leben treten.~ — Die Große Berliner Kunstausstellung wird Sonntag, den 1. Oktober, abends geschlossen.— — Der Magistrat in Frankfurt a. M. beantragt bei der Stadtverordneten-Versammlung, jährlich 10 000 M. in den Etat einzustellen zur Förderung der Malerei und derber- wandten Künste. Es soll eine„Gemälde-Deputation" ge- bildet werden, die für das Geld Kunstwerke kaufen bezw. in Auftrag geben soll.— — Ein Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für die Umgestaltung der städtischen Kuranlagen in Wies- baden ist vom Magistrat zum 6. Dezember d. I. erlassen worden. Es sind drei Preise von 1200, 1000 und 780 M. in Aussicht ge- stellt; ein Ankauf weiterer Entwürfe für je 300 M. ist vorbehalten.— — S o n n e n f i n st e r n i s und Sonnenkringel. Der „N. Zürich. Z." wird von einem Leser geschrieben: Gestatten Sie mir, eine eigentümliche Erscheinung zu erwähnen, die ich bei der letzten Teil-Sonnenfinsternis beobachtete. Es war nach der stärksten Deckung der Sonnenscheibe, etwa 2 Uhr 48 Minuten, als ich in der Bahnhofstraße zu Zürich die Schatten der Lindenbäume in ganz merkwürdiger Form erblickte. Während sonst bei starker Sonnen- beleuchtung die Schatten der Baumblätter wie auch die durchfallenden Lichtflecke scharf gezeichnet auf dem Bürgersteige erscheinen, zeigte sich während des Ausganges der Verfinsterung ein eigentümliches Bild. Statt der hellen Durchsichtflecke des Laubes waren unzählige größere und kleinere helle Sonnensicheln zrl sehen, die in entgegengesetzter Richtung der anr Himmel stehenden Sonneusichel standen. Es war ein eigenartiges, reizvolles Bild, diese vieltausendfachcn. in zitternder Bewegung flimmernden Licht- bilder zu beobachten, bis zur gänzlichen Erhellung der Sonne, wobei dann wie sonst der gewöhnliche Schatten mit Lichtflecken sich wieder einstellte.— — Ueber Vanillevergiftungen schreibt Dr. C o I l a tz in Darmstadt, der Sachverständige für Vergiftungserkrankungen, in der„Darmstädter Zeitung": Der Gifistoff ist nicht in der Vanille selbst enthalten, wie vielfach angenommen wird, sondern bildet sich unter ihrem Einfluß aus den eiweißhaltigen Bestandteilen der Vanillegerichte. Milch, Rahm und Eier, die hier besonders in Betracht kommen, besitzen besonders im Sommer eine große Neigung zur Zersetzung. Die Vanille begünsttgt einerseits die Bildung von Bakterien, andererseits verdeckt sie durch ihren Duft etwaigen schlechten Geruch der Milch. Deshalb sollen Vanillespeisen stets aus frischen Bestandteilen hergestellt werden. Die Gefäße müssen peinlich sauber sein und eine längere Aufbewahrung von Vanillespeisen ist zu ver- meiden. An dem Aufbewahrungsort dürfen auch keineswegs Fleisch, Käse und Sauermilch in der Nähe stehen. Bei allgemeiner Erschlaffung des Körpers sollen Vanillespeisen nur vorsichtig genossen werden, auch nach vielem Trinken und bei überfülltem Magen be- konrmen sie schlecht.— Kerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VerlagSanstalt Paul Singer LrCo., Berlin L1V.