Anterhaltungsblatl des Horivnrts Nr. 176/ Sonntag, den 10. September. 1903 (Nachdruck verboten.) 211 Dame! Junt. Roman von Hermann S t e g e m a n n. „Nun, Floflo, kennst Du Mamsell Berthe nicht mehr?" fragte Daniel brüsk. Floflos Wangen überzogen sich mit einer flüchtigen Röte. „Guten Tag, Fräulein Berthe," sprach sie leise, ohne sie anzublicken. Berthe wußte nicht, was sie antworten sollte, Daniel aber legte Floflo die Hand auf die Schulter. „Ter Leon geht mit dem Nettele zu Madame Berthe. llnd er bleibt bei ihr bis ins Frühjahr. Auf Ostern kommen sie dann heim auf den Berg, alle drei, und Madame Berthe bleibt auf dem Florimont. Verstehst Du?" Floflos Schultern bebten, sie sah immer geradeaus, ohne es zu wissen. Ihr Herz klopfte ganz schnell, sie mußte immer den Mund aufniacheu, wenn sie so geschwind ging wie jcht. Als das 5tind keine Antwort gab, zog Daniel die Brauen zusammen. „Alsdann, Flo, gib jetzt der Madame Berthe die Hand," stieß er heftig hervor. Florence drückre die rechte Hand tief in die Falten ihres Kleides und ging hastig weiter. Sie war wieder blaß ge- worden, ihre Nasenflügel zitterten bei jedem Atemzug. Da sagte Berthe leise: „Laß daS Kind, Daniel, das kommandiert sich nicht." Daniel aber blieb stehen, nütten auf der Straße, vor ihnen lag der Bahnhof unter dem gelbroten Himmel, an dem die Sonne einen blutigen Brand entzündet hatte, und er faßte Floflos Arm, zog die kalten, feuchten Finger aus den Kleider- falten und fiigte sie in die ihm schnell entgegengereichte Hand Berthes. „So, und jetzt vorwärts, in drei Minuten kommt der Zug!" Er ging voraus, uin die Karten zu besorgen. „Kennst Du inich denn nicht mehr, Floflo?" fragte Berthe leise und mitleidig. FlorenceS Lippen zuckten, sie antwortete nicht. Jetzt waren sie auf dem Perron. Auf einer Bank saß das Nettele und hielt den schlafenden Leon auf dem Schoß. Da schoß Floflo auf einmal auf die beiden zu und erstickte sie fast mit Lieb- kosungeu. Ter Leon, aus dem Schlaf geschreckt, brüllte aus Leibeskräften, und als gerade der Zug fauchend und spuckend in die Halle donnerte, brüllte er noch lauter. „Nanette, laß mir den Leon da," schluchzte Floflo und wollte den Strampeler nicht loslassen. Daniel machte dem ein Ende. Sie stiegen ein. Schon gellte die Glocke rind schmetterten die Schaffner die Coupätürcn zu, da sprang Daniel noch auf den Wagentritt: „Auf Wiedersehen, Berthe! Halt ihn niir gut, den Buben, und Du weißt, im Frühjahr"— „Abfahren!" schnarrte der Diensttuende, und die Signal- pfeife schrillte. Der Schaffner zerrte Daniel herab. Berthe gab keine Antwort mehr. Der Pfiff der Lokomotive und das Kreisen der Räder erstickten Floflos letzten Schrei nach dem Leon und dem Nettele. Berthes schwarzer Schleier wehte im Luftzug, und nun klemmte sich noch eine runzelige Hand über ihrer Schulter aus dem Fenster und hielt ein weißes Nastuch straff im Winde. Als der Zug über die Weichen fuhr und nur noch der letzte Wagen sichtbar war, wandte sich Daniel ab: „Komm, Floflo! Jetzt gehen wir zum Doktor, der soll Dir ein Zertifikat geben, daß Du ein paar Wochen heim darfst, und hernach fahren wir auf den Berg." Florence wischte noch an den Tränen, aber es schmiegte jetzt seine Hand in Daniels Finger und sagte: „Schau, Vatterle, es gibt ein Wetter." Braunrotes Gewölk mit weißglitzernden Rändern stieg über den Vogesen empor. Wo der Florimont seinen runden Rücken über die Waldberge in die Höhe krümmte, quollen dick wanstige Untiere über den Saum des Himmels und wälzten sich ins Tal. „Heiliger Sankt Florian, heb die Hand auf, das gibt ein Mordswetter, wenn's der Hohnack nicht stellt," antwortete Daniel. Er hatte den Heiligen gegen Feuersgefahr kaum an- gerufen, wie er's gewohnt war und ohne weiter nachzudenken, so biß er sich auf die Zunge. Ein Gedanke fraß ihm am Herzen. Wenn einer von den Blitzen dort oben zündete! Aber schon packte ihn die Angst um Leut und Vieh, und er trieb zur Eile. Tie Wolken hockten in einem schwarzen Klumpen auf den Bergen und saugten alle Dünste an sich, so daß die Sonne wieder hervorkam, aber sie war blutig gefärbt. Und als würde sie angezogen von dem Wolkenpsiihl, den gähnenden Rachen und tastend nach ihr langenden Fangarmen, die aus dem Knäuel aufwuchsen, sank sie erst langsam, dann schnell und schneller den Bergen zu. Die Schwüle brannte auf den Backen, Pflaster? Mauern und Dächer glühten, kein Hauch in der Luft, tot und regungslos alles, nur die nervösen Blätter der Pappeln am schwarzen Kanalwasser flirrten, und aus den Wolkenleibern kam ein unheimliches Grunzen, das lief durch die Täler und verlor sich über der Stadt. Es war, als freuten sich die Untiere dort oben mit den gierig sich blähenden Kröpfen über die feiste Beute, die blutige Sonne, die immer größer und glänzender anschwoll, immer schneller den aufgesperrten Rachen 'ich näherte. Als Daniel mit Floflo in der leeren Postkutsche saß, liefen die Gäule mit schaudernden Flanken vor dem gelben Kasten, und der alte Postillon, der sonst schlaftrunken mit dem 5kopfe wackelte, hielt sie heute fest in den Zügeln. So ging's zwischen den Reben hin in die Gewitternacht hinein. Gerade waren sie im Trab durch Ingersheim gefahren, da wurde die Sonne von den Wolken verschlungen, und zugleich rissen sich die schwarzen Ungetünie von dem Gipfel des Hohnack los, fielen brüllend übereinander her und wälzten sich über die Berge ins Tal. Floflo drückte sich an den Vater. Mit glänzenden Augen starrte sie in das Wetter. Hin und her schleuderten die ge- ängstigten Gäule den schweren Wagen. Daniel legte den Arm um das Kind. „Nur keine Angst, Maidle, strenge Wetter regieren nicht lang." Er fühlte trotz der Erschütterung der Postkutsche ihr Herz klopfen. Der Doktor hatte ein bedenkliches Gesicht gemacht und wollte wissen, ob er oder seine Frau mit dem Herzen zn schaffen hatten. Da hatte er ihm sagen müssen, daß es ein angenommenes Kind sei. „Das ist etwas anderes!" erwiderte der Arzt, und als. ob er nun den Vater weniger schonen müßte, hatte er brutal gesagt: „Wenn Ihr es uoch eine Zeitlang behalten wollt, so müßt Ihr Sorg haben zu ihni. llnd auf dem Florimont erst recht. Da schafft das Herz noch geschwinder als sonst." Der Florimont! Daniel preßte Floflo noch fester an sich und hob cS auf den Schoß, als ein greller Blitz um die Hügel zischte und ein 5krach und ein Schlag in die Reben fuhr, daß die Fenster klirrten, llnd dann brauste eine Staubwolke an ihnen vor- über, wild sich überstürzend auf der weißen, vom schwefligen Licht geisterhaft erhellten Chaussee. Die Postgäule waren in einen Gcißengalopp gefallen, der dem alten Männlein aus dem Kntschbock die Zügel fast aus den Händen drehte. Wieder ein Blitz. Purpurblau, kugelig geballt, platzte er mit einem Knall links oben im Neb- berg, kein Donner danach, nur trockenes Splittern und Brechen der getroffenen Rebpfähle, und mit einem Ruck standen die Gäule wie festgewurzelt. Der Schaum lief ihnen aus dem Maul. Ihre Flanken schlugen, und ein Windwirbcl riß sie an den Mähnen, fuhr ins Kabriolett und sprang durch die berstenden Scheiben ins Innere und zu dem Wagcnfenster. wieder hinaus. Mit einem leisen Schrei verbarg Floflo den Kopf an Daniels Brust. Es war ganz dunkel geworden, der Himmel versunken, schwarze Wolkenherdcn jagten stöhnend in die Ebene hinaus. Aus Daniels Slirn stand der helle Schweiß, und er- stickend, quollen immer neue Ströme backofenheißer Luft in den. Wagen. Der Postillon schrie mit heiserer Stimme und drehte ven Gäulen die Kinnladen ab, aber sie standen wie verhext. Da nahm Daniel das Kind in die Arme und rief ihm ins Ohr: „Geh, Floflo, herzhaft, Maidle. Sitz still und grein nicht wegen so einem Gewitterle." „Batterie!" Es klammerte sich an ihn: „Batterie, die armen Seelen fahren aus der Holl!" „Herrgott Sakrament, das haben sie Dir in der Nonnen- schul einbrennt," schrie er wild.„Sitz still und laß mich hinaus." Er stieß die Tür auf und drückte sie hinter sich zu. Einen Augenblick holte er Atem, ehe er aus dem Wagenschutz her- aussprang und zu den Gäulen rannte. Die schwere Postrutsche stand schräg dem Sturm zugekehrt. Der Donner brüllte zwischen den Bergen, und jetzt kam von Ammenschweier her die Martinsglocke als Notzeichen. Es war kein Läuten, nur ein Beiern am Rande der Glocke, das klang gar seltsam, ein- tönig, unaufhörlich; spitz und dünn drang es durch Sturm und Wetter. Daniel war an den Köpfen der Pferde. Er riß sie herum, der Ebene zu. Da gehorchten sie, und nun voltigierte er über Radnabe und Deichsel auf den Kutschersitz, griff dem alten Postillon in die Zügel und schnellte sie in die Höhe. Da schnaubten die Gäule laut auf und zogen an. Aber kaum hatten sie sich in die Kette gelegt, drehte Daniel die blind zurückstrebenden nach der anderen Seite im Halbkreis, so hart auf dem Fleck, daß das eine Hinterrad über den Straßengraben ins Leere griff, und trieb sie mit schrillem Ruf, mit mächtigem Peitschenhieb talauf, dem Wetter entgegen. Er stand breit- beinig über den ängstlich Zusammengeschrumpften Kutscher gebückt und sperrte sich gegen den Sturm. Jetzt schlug ihm ein schwerer Tropfen auf die Stirn, talergroße Spritzen fleckten den Staub, brannten auf den Pferderücken, auf Gesicht und Händen, ein paar Schloßen platzten dazwischen, ein Blitz weiter oben, ein Schnitt mit goldenem Messer quer durch, und mit dem Donner quoll aus dem klaffenden Wolkenbauch blutwarmcr, strömender Regen. Ein einziger, schwemmender, unendlicher Guß. Und durch die laue, quirlende Flut rasten die Gäule und zischten die Räder. Im leeren Wagen das blasse Kind war auf die Lederpolster geklettert, und preßte die Stirn an die eine beilgebliebene vordere Scheibe. Es sah nicht viel, denn das Wasser schoß in Strömen über das Glas, aber es hörte das Traben der Pferde und dann und wann einen sausenden Peitschenschwung und die herrische, helle Stimme des Vaters. Da verging seine letzte Angst, es atmete tief die feuchte Luft, und auf einmal begann es zu singen, wild, mit schweiß- gebadeten Haaren und in jauchzenden, atemlosen Tönen: „Halli, hallo! Herzhaft, Floflo! Der Batterie zwingt Den himmlischen Wind. Und jetzt fahren wir heim Auf den Florimont. Halli, hallo, Herzhaft, Floflo!" Ter Regen prasselt, laut klirren die Scheiben, weithin rollt, sich selbst besänftigend, der grollende Donner und in die Rheinebene zieht, fernhin versprengt, die wilde Jagd am niederen Himmel. Floflo singt immer schneller und kühner aus voller Brust ihren kindlichen Triumph in die taube, dampfende Welt hinaus. „Halli, hallo," jauchzte es, jauchzte mit keuchender, schmer- zender Brust, in der das Herz hin und her sprang, wie die Gäule vor dem Wagen. 10._ Herbstnebel wogten in den Tälern, auf den Höhen war Sonne. Wo das Wetter niedergegangen war, liefen steinige Rinnen, Geröll lag bloß, und in dem Tälchen, das den Stau- weiher fassen sollte, saß Wasser im moorigen Grund. Ueber dem Florimont war das Gewitter nur mit einem Zipfel hin- gefahren, der ein paar verlorene Blitze ausgestreut und einen Schwall schnell verrauschenden Regens über die Matten gejagt hatte. Weiter drüben, gegen die Seen zu, waren zwei Kühe gefallen, die eine war blind über die Weidmauer gestürzt und abgetan worden, die andere in den strudelnden Weißbach ge- raten und ersoffen. Das Vergwirtshaus sah keine Gäste mehr. Der kühle, herbstliche Hauch, der nach dem Abschiedsgeivitter des Sommexs über die Kuppen flog, hatte alles ins Tal geweht. Der zweite Knecht, die Köchin und die Zimmermagd traten am fünfzehnten aus dem Dienst, Daniel legte jedem einen Fünflivre auf den Lohn und wartete mit heimlicher, verbissener Ungeduld, bis sie aus dem Haus waren. Floflo strich über die Weide und um die Steine, aber nicht wie früher, sondern unruhig, suchend, als ob es etwas verloren hätte. Der Leon und das Nettele fehlten, und nur die Catherine war noch da und der lahme Sepple. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdmck verboten.) JVIoral Von E r n st P r e c z a n g. „Ah, da sind Sie ja, Herr Pollmann. Und unser junge Eleve auch." Kaufmann Schnicbcl reichte die Hände über den Ladentisch. „Bitte, treten Sie ins Zimmer." Pollmann und Sohn drängten sich an den Ztoiebelsäcken vorbei. „Bitte, nehmen Sie Platz. Eine Zigarre? Bitte sehr." Schniebel gab Feuer hinüber und zündete sich selber eine an.„Ja, also mein lieber Herr Pollmann, heute solls losgehen, nicht wahr? Wir werden den jungen Mann da in die Geheimnisse des Handels einweihen." „Ich hoffe, Herr Schniebel, daß Sie einen tüchtigen Kaufmann aus Karl machen. Die Anlagen, glaube ich, die nötigen Vorkenntnisse sind da." „Ich habe selten so gute Schulzeugnisse gesehen", gestand Schniebel.„Besonders freut es mich, daß nach der Beurteilung seiner Lehrer auch die Charaktereigenschaften nichts zu wünschen übrig lassen. Nämlich auch die sind von wesentlicher Bedeutung, Herr Pollmann. Ein Kaufmann von heute muß in allem seinen Mann stehen. Mianchcrlei Versuchungen treten an ihn heran. Da heißt's denn: nie die Treue vergessen, die Aufrichtigkeit und un- bedingte Ehrlichkeit. Ihr Vertrauen zu mir muß unerschütterlich sein, junger Mann. Und andererseits muß ich mich auf Sie wie auf mich selbst verlassen können." „Das dürfen Sic." Pollmann drückte ihm die Hände.„Es freut mich außerordentlich, Herr Schniebel, daß Sie gerade auf diesen Punkt besonderes Gewicht zu legen scheinen." „Unter Ehrenmännern," sagte Herr Schniebel,„ist das selbst- verständlich, Herr Pollmann. Leider— die Erfahrungen, o, sehr leidige Erfahrungen,— zwingen dazu, die jungen Leute noch be- sonders darauf hinzuweisen. Ihnen nicht nur die Ausbildung der Fähigkeiten, sondern auch die Stärkung des Charakters ans Herz zu legen." „Die Erziehung meiner Kinder ging immer nach diqer Richtung." „Ich bezweifle es nicht, Herr Pollmann. Sonst würde ich Ihrem Sohne keinen Platz in meinem Geschäft geben. Immerhin: in der Praxis stellen die Dinge sich leicht anders. Gefahren, Ver- suchungen lauern überall, in einem Geschäft wie dem meinigen be- sonders. Mit dem Kandis fängts an-— ," Schniebel zuckte lachend die Achseln,„ja, er schmeckt süß, es läßt sich nicht leugnen. Schoko- lade, Bonbons, Pflaumenmus und andere schöne Dinge stehen und liegen umher. Es gehört schon eine gewisse Festigkeit dazu, sie un- probiert liegen zu lassen." „O," Karl wurde rot,„aus Süßigkeiten mache ich mir gar nichts, Herr Schniebel." „Nein." Pollmann bestätigte es.„Karl war immer mehr fürs Herbe." „Desto besser." Schniebel lächelte fein.„Llber es mangelt in meinem Laden auch nicht an herben Delikatessen. Lachs, Wurst, Schinken und dergleichen. Vielleicht rauchen Sie auch schon?" Karl sah mit glühendem Gesickit aus seinen Vater. Der wurde ärgerlich:„Entschuldigen Sie, Herr Schniebel, aber—" Schniebel fiel ihm in die Rede:„Mißverstehen Sie mich nicht, .Herr Pollmann! Ich spreche natürlich nur in der Hypothese. Ge- rade, Iveil Sie dabei sind, glaube ich Ihren Sohn darauf aufmerksam machen zu sollen, damit er die Versuchungen mit Bewußtsein vermeide. Wir wollen das Kind doch nicht erst in den Brunnen fallen lassen. Nachher ist das Unglück da! Wir erleben es doch Tag für Tag, daß junge Leute sich in ihrer Dummheit zu Handlungen hin- reißen lassen, die von schwerwiegendster Bedeutung fürs ganze Leben werden. Da ist die Kasse— der Chef steht nicht immer dabei— ein jGriff und—" „Genug!" Pollmann erhob sich. Schniebel drückte ihn lächelnd nieder.„Mein lieber Herr Poll- mann! Ich bin selbstverständlich überzeugt, daß derartige Zwischen- fälle bei Ihrem Sohne gänzlich ausgeschlossen sind." „Ich stehle dock nicht und ich betrüge doch nicht!" rief Karl mit flammendem Gesichr. Schniebel nickte ihm lächelnd zu. Dann drückte er beiden btc Hände.„Ich sehe, ich habe nichts zu befürchten. Aber es uiuß gesagt werden. Man hat ja schon schwer zu kämpfen, Herr Poll- mann. Und wenn einem der Profit noch aus solche Weise ge- schmälert wird— I Na, Punkt dahinter!" SchnieM erhob sich. „Karl wird ein ehrlicher und braver Mann werden und ein Kauf- mann, wie er im Buch« steht. Vergessen Sie niemals: Treue und Rechtlichkeit lohnen sich selber." „Gewiß", Pollmann stand auf.„Bewahre Dir Dein empfindliches Gewissen, mein Junge."' Er nahm Abschied und ging. Schniebel trat mit seinem Lehrling in den Laden. „Zunächst werde ich Ihnen zeigen, wo die gangbarsten Artikel liegen. Prägen Sie sichs ein." Zehn Minuten später trat eine Frau in den Laden und forderte ein Pfund Butter. „Nun passen Sie aufl" ermähnte Schniebel leise seinen Lehr- ling. Dann tauchte er die gerippte Butterschaufel tief in ein mit Wasser gefülltes Gefäß, stach in die Butter, klatschte sie aufs Papier, tauchte noch cinnral die Schaufel ins Wasser, knetete die Butter und warf sie auf die Wage.„Uebergewicht, sehen Sie?" Die Schaufel stach eine Ecke ab und drückte gleichzeitig die Schals nieder. Sie geriet in eins schaukelnde Bewegung. Schniebel beobachtete einen Moment und nahm die Butter schnell herab, als die Gewichtsschale hochschnellte und die Warenschale auf den Ladentisch schlug.„Reich- /ich. Bitte. Sonst noch etwas?" „Tanke." Die Frau zahlte und ging.. Schniebel lächelte selbstgefällig:„Haben Sie gesehen?" Karl war sich nicht klar. „Na," sein Prinzipal klopfte ihm auf die Schulter.„Das lernt sich. Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Nur flinkl Immer flink! Hahahal" Ein junger Mann trat ein:„Haben Sie frische Bücklinge?" „Prima. Heute morgen aus Kiel gekommen." „Heute morgen?" Es war ein Mißtrauischer.«Die Kiste ist ja nahezu leer." Schniebel lächelte:„Es ist die zweite. Sie gehen wie warme Semmeln, lverter Herr. Meine Kundschaft reißt sich danach. Heute Abend würden Sie vergebens kommen." „Also sechs Stück, bitte." „Bitte." Die Fische lagen schon im Papier.„Die Frau, die eben hinausging— Sie sahen wohl— die hat gleich ein Dutzend genommen. Schöne westfälische Schinkenwurst kann ich Ihnen empfehlen. Vor einer Stunde angelangt. Nicht? Vielleicht einen Ramadour?" „Danke. Adieu!" „Adieu! Empfehle mich. Auf Wiedersehen."— Zum Lehrling:„Haben Sie bemerkt?" Karl sah scheu auf:„Es war ja gar nicht wahr." „Was?" „Die Frau hatte keine Bücklinge gekauft." Schallendes Gelächter.„Nein. Natürlich nicht. Die hätte erst drangerochen. Berstehen Sie. Die Frauen sind überhaupt schwerer zu behandeln. Da muß man reden. Ueberhaupt, merken Sie sichs: keine Worte sparen! Lieber ein paar zuviel. Zum Beispiel: Sie sehen aber gut aus, Frau Müller, oder die Bluse kleidet Sie vor- trefflich, Frau Schulz. Dafür ziehen Sie einige Gramm am Gewicht ab." Karl wurde dunkelrot. Dann sagte er leise:„Das lverde ich nie tun, Herr Schniebel." „Was?" Schniebel sank fast um. „Nein. Es wäre Betrug." „Betrug?" Schniebel lachte laut, aber verlegen.„Sie sind wohl nicht bei Trost, junger Mann. Wie können Sie solche Worte gebrauchen?" Karl atmete schwer:„Mein Vater hat gesagt—" „W a s hat Ihr Vater gesagt?— Na, gut, ich gehe heute Abend zu ihm. Vor einer halben Stunde haben wir erst von der Treue gesprochen, die Sie Ihrem Chef schuldig sind— jetzt machen Sie gleich solche Sachen? Nein, mein Lieber, da müssen Sie sich noch gewaltig ändern!" Karl kam am anderen Tage nicht wieder.<— Kleines feuiUeton. dg. Das Tcmpclhofer Feld. Eine öde Grassteppe, den lang- weiligstcn Platz Berlins, nennen es die, die es nicht kennen; und es hat doch seine eigenen Reize, und wenn man es genau studiert und mit offenen Augen darüber wandert, gewinnt man es förm- lich lieb. Eine öde Grasfläche, ja, aber sie hat ihre Stimmungen, die Stimmung des Weiten, des Unbeengten, die Stimmung der Heide oder auch der See. Wie die See hat sie das ewig Wechselnde; sie ist anders am Morgen, anders am Abend, anders in schwüler Mittagsglut, anders in der Dämmerung des Septcmbertages. Oh, die Morgenstunden auf dem Tempelhofer Felde, wie sind sie schön! Eine köstliche Frische liegt über dem weitem Land. Ueber der Hasenheide konimt die Sonne herauf. Hell und glänzend steht sie über dem Walde. Seine Baumrcihen heben sich scharf von einander ab. Zwischen dem dunklen Grün der Nadeln leuchten die helleren Töne verstreuter Birken. Und ein feiner Dust liegt über allem, und auf den Gräsern blinkt der Tau, und linkshin und geradeaus, wo die Dörfer liegen, webt ein blasser Dunst und hüllt die Türme und Dächer, die Bäume und Gärten in zarte, flatternde Schleier. Und die Luft ist rein und frisch, da hebt sich die Brust, weit wird das Herz. Das ist der Sonnenmorgen. Aber wenn de* Sturm weht und der Regen fällt, grau und leer dehnt dann sich das Feld ins Weite hinaus, das Bild der Einsamkeit. Die Wolken jagen vom Winde getrieben. Wo in Berlin sieht man noch so di� Wollen jagen wie hier, wo der Himmel sich fast ohne Ende spannt!. Wildzerrissen stürmen sie dahin, ballen sich zusammen und zer- flattern, drohen schwarz und finster und hängen weiß wie lange wehende Schleier in fahlem Grau auf das Feld herab. Und die Bäume der Chaussee biegen sich im Winde, und der Richtungsbaum auf dem Felde rauscht, ein ewig gleichmäßiges, ein- töniges Rauschen, und die Krähen fliegen auf und schreien. Aber der Abend ist vielleicht das Allerschönste. Du mußt hinausgehen, wenn die Sonne sinken will. Drüben über Schönebergs Dächern geht sie unter. Wie ein großer glutroter Ball hängt sie zwischen den Wolkenschleiern, und plötzlich fängt der Himmel an zu brennen. Zwischen schwarzen Wollen lodert es auf; in langen roten Streifen, in purpurflammenden Strahlengarbcn; sie schießen nach rechts und links, sie breiten sich über den ganzen Himmel aus. Der ganze Himmel brennt. Die weißen Wolkengipfel leuchten wie Schneeberge im Alpenglühen. Alle Wollenzacken und Wollen- linien werden glänzend und treten scharf hervor, bis in die fernsten Wollenlager schiebt sich ein sanftes Rosenrot. Und alle Fenster strahlen im Widerschein dieser Flammenglut. Und dann auf einmal ist alles fort. Das Licht erlischt, hier noch ein letztes Schimmern, da ein verlorenes Leuchten— Nacht. Ueber Schönebergs Dächern liegt die schivarze Wolkenwand wie ein Riesenungeheuer, ein Krake, der' seine Fänge ausstreckt. Sie wachsen und wachsen.... Ja, das alles sieht und erlebt man auf der ödesten Stelle Berlins, auf dem kahlen Tempelhofer Felde. Und noch viel mehr erlebt man da. Es gibt ja auch noch Menschen hier. Ein Herbstmorgen, ganz in der Frühe, ein Morgen voll Glanz und Pracht, aber frisch, schon mehr kalt. Auf der Chaussee wogt das Leben bereits auf und ab. Milchwagcn, Gcmüsewagen, Auto- mobile, Radfahrer, elektrische Bahnen, Spaziergänger, elegante Herren und Damen, die ihre Hunde spazieren führen oder Km- Promenaden machen. Das Feld ist leer. Man bekommt ja nasse Füße, wenn man so früh ins taufeuchte Gras geht. Es wagt sich niemand hinein. Oder doch? Ja, da in der Vertiefung ein schwarzer Fleck. Ein Manu ist's, lang ausgestreckt liegt er im nassen Grase, den Arm als Kopfkissen untergeschoben, den Hut über das Gesicht gerückt, er schläft. Er hat schon die ganze Nacht da geschlafen, ein Obdachloser, der Weltstadt Elend mitten in der lichten Morgenpracht. Es schlafen viel Obdachlose hier herum!... Die eleganten Herreu und Damen auf dem Promenadenwegs schaudern und denken fröstelnd an die warmen Betten, denen sie kaum entstiegen sind. Am Nachmittage Ivird es lusttger auf dem Felde, da kommen die Kinder, mit Bällen und Drachen kommen sie, mit Puppenwagen und Sandspielzeug, und die Mütter bringen ihre Klappstühlcheir und ihr Nähzeug und als allerwichtigstes die Futtertasche mit. Das Feld kribbelt und Wibbelt wie ein Ameisenhaufen, überall schwarze Punkte, die durcheinander rennen, springen und tanzen. Auf der Schöneberger Seite haben die Sportklubs ihr Domizil. Da flattern die Fähnchen der Fußballspieler, da herrscht der Sportjargon. Die Nixdorfer Seite ist mehr Familienfeld. Ueberall kleine Wig- wams unter aufgespannten Regenschirmen, im Schatten der Kinder- wagen oder hängender Plaids. Und die Bälle fliegen, und die Drachen steigen, alte Kinderlieder klingen durch die Luft. Kinder- jubel, Kinderlachen von allen Ecken und Enden. Und da sagen sie, du sollst öde sein, du mein liebes Tempel- hofer Feld!... os. Die„Alisstellung fürs Kind", die im Warenhaus T i e tz zw sehen ist, steht unter künstlerischer Leitung der Geschwister K l e i n h e m p e l in Dresden, die durch künstlerische Arbeiten auf dem Gebiete des Spielzeuges bekannt geworden sind. Die Ans- stellung ist mit Glück arrangiert und gibt auf kleinem Raum eine reiche Auswahl. Besonders interessant ist natürlich das Verhalten der Kinder zu den Sachen; sie bestaunen alles, üben aber auch Krittk. Eine kurze Schrift tmterrichtet über das Wesen des Spielzeugs. Es soll nicht dem Kinde etwas Fertiges geboten werden. Damit ist es schnell am Ende, legt es weg und wendet sich irgend welchen ein- fachen Gegenständen zu, die seine Phantasie anregen, bei denen es mitarbeitet. Gerade diese mitschaffende Tätigkeit soll angeregt, tze- nährt werden. Denn es gilt nicht, das Kind zu verblüffen. Schlme- rige Konstruktionen einer komplizierten Maschine, allzu prunkvoll aufgeputzte Arrangements Ivecken wohl ein Ah der Betvundcrung, aber die Wirkung hält nicht nach. Denn es ist alles in so reichem Maß vorhanden, daß das Kind nichts hinzutun kann. Ganz ein- fache Stücke sind seine Lieblinge, zu ihnen kehrt es zurück, es legt Gefühl und Seele und Empfinden in sie hinein und belebt die toten Gegenstände. Nach diesem Prinzip ,st der Plan der Ausstellung �Der Inhalt läßt sich in drei gesonderte Gebiete einteilen. Erstens sehen wir die üblichen Erzeugnisse der teurcir Spielwareitindustrio» jene minuttös nachgebildeten elektrischen und sonstigen Maschinell die auf mechanischem Wege in Tätigkeit treten und dann dem staunenden Kinde irgend einen Lärm bormachen, ein Musikstück herunterrasseln und dergleichen. Das ist die nicht vorbildliche Seite der Ausstellung. Wo solche Stücke gegeben werden, sollen sie beut- lich den Stempel eines Lehrmittels tragen, wie es die Ausstellung auch zeigt, Aquarien, Terrarien, Schmetterlingssamiulungen. Was soll z. B. ein Kind mit einem Kanarienvogel anfangen, der täuschend singt? Es staunt, aber es ist nicht gefesselt. Dann loinrnen die primitiven Schnitzereien fremder Völker. Die japanischen Puppen und Nippsachen zeigen eigenartige Farben und Formen. Die Hinneigung zur grotesken Gestaltung, dabei doch eine Feinheit der Auffassung im ganzen, ein lustiger Humor kommt auch in den nicht sonderlich guten Stücken zur Darstellung, die, für den europäischen Export gearbeitet, hier zumeist vertreten sind. Auch Rußland zeigt eine derbe Farbigkeit, die besonders den Figuren zu- gute kommt, die meist bäuerlich kostümierte Typen darstellen. Ein schönes Beispiel eines passenden Kinderspielzeugcs gibt eine orien- talische Arbeit, ein Schiff aus Holz, Papier und Metallteilen grob zusammengefügt. Hier sieht man schon die Berührungspunkte mit der modernen Kunst. Die Künstler knüpfen an solche primitiven Vorbilder an und überwinden so die geistlose Mache. Ein naives, frisches Beispiel, das ans ein Kind sehr anregend wirken wird, ist das alte Dorf, das von Banrat Gräbner aus Streichholzschachteln und Streichhölzern zusammengefügt und übermalt ist. Auch Ungarn gibt branchbare farbige Motive. Dieser primitiven Kunst steht bei uns in Deutschland eine ähnliche Gruppe gegenüber: die Bauern- schnitzercien. Speziell Bayern ist das Land, das hier noch Tradition besitzt. Die Schnitzschulen von Oberammergau und Bachtesgaden zeichnen sich aus durch feine und solide Arbeit. Namentlich die Tiernachbildungen sind lebendig und natürlich. Die reiche Kostüm« trachr der Tiroler Bezirke hat die Künstler angeregt, nach Vorbildern Puppen in alten Kostümen anfertigen zu lassen. Der Hagenbund in Wien hat einen ganzen Schrank solcher Kostümstudien ausgestellt. Den ivahrcn Wert würdigt allerdings bewußt erst der Erwachsene. Auch die Nymphenbnrger Pnppenköpfe gehören in das Gebiet, lind eine ganze Reihe von Dörfern und Städten in Oberbayern pflegen diesen Sonderzweig bildnerischer Kunst, die das Wissen des Kindes bereichert, ohne daß es etwas davon ahnt. Dahin gehören auch die Nachbildungen von Bauernhäusern in dem jeweils geprägten Typus, die Gruppierung ganzer Dörfer in ihrer charakteristischen Eigenart, Holsteiner Bauernhans, Tiroler Dorf w. Die Arbeiten der modernen Künstler, die die dritte Gruppe bilden, zeigen übereinstimmend die Betonung der aus den primitiven Schöpflingen obengenannter Art gewonnenen Anregungen. Und speziell sind es die Kleinhenipelschen Stücke, die diese Art innehalten. Be- tonnng des Farbigen, Derben, Weglassen verwischender Nuancen, die nur flau oder süßlich wirken. Damit stellt sich unwillkürlich ein Hang zu derber Komik ein. Das Charakteristische einer Erscheinung wird betont. Eine gewisse Unerschrockenheit er- freut das t'lnge. Meist wird das bäuerische Milieu bevorzugt. Dörfer sehen wir, ländliche Feste, Hochzeitszüge, Schützenfeste. Aber auch die modernen Errungenschaften erfahren künstlerisch-d-rbe Ge- staltuug: wir sehen Automobile, Radfahrer, Eisenbahnzüge, Lokomotiven, ein sinnreiches Theater mit beweglichen Figuren, einen Zirkus mit Zuschauern, das alles in Holz derb geschnitzt und malerisch kräftig. Das Kind baut so nicht nur auf, sondern kann im Spiel jeweils die Situationen nach Gutdünken verändern nnd be- leben. Auch der Pfefferkuchen zeigt in Zuckerguß dieselben derben Figuren und Typen. Da die Arbeiten alle solide hergestellt sind, so eignen sie sich auch in dieser Hinsicht sür da» Kind, das gern kräftig zupackt. Die Masscnware ist ja auf diesem Gebiete so schlecht gearbeitet, daß ein Entgegenarbeiten direkt notwendig ist. Die Arbeiten sind jedoch, da der Ausschlag für die Künstler hinznkonunt, unverhältnismäßig teuer. Aber die Fabrikanten lverden sich diese Anregungen zunutze machen, und dann lverden die Sachen billiger werden. Den Küustler» wird das keine Freude machen. Der Wert der Ausstellung liegt in dieser Richtung. Die Masscnware soll besser, solider und künstlerischer werden.— ie. Tie Wissenschaft vom Schlucken. Ter Schlucken ist eine im allgemeinen als lächerlich betrachtete Erscheinung, für die man im Volk eine ganz bestimmte oberflächliche Erklärung hat, indem man mit Bezug darauf zu sagen pflegt: Der Magen bedankt sich. Man bringt ihn danach mit einer Ucbcrfüllnng des Magens in Verbindung oder betrachtet ihn mindestens als Zeichen einer genügenden Sätti- gung. Der Mechanismus, durch den der Schlucken zustande kommt, ist der nämliche, der das Schreien Epileptischer gelegentlich eines An- falls oder das sogenannte Bellen von Wut- oder Starrkrampfkranken, endlich auch das letzte Röcheln des Sterbenden hervorruft. Er ist gleichzeitig dem Mechanismus des Seufzens und dem des Gähnens ähnlich und unterscheidet sich von diesen Unterbrechungen der gewöhn- lichen Atmung hauptsächlich dadurch, daß er in hohem Grade vom Einfluß des Willens unabhängig ist. Das Geräusch des Schluckens entsteht durch einen schnellzuckenden Krampf des Zwerchfells, der das Einatmen der Luft beschleunigt, während gleichzeitig die Wände der Stimmritze sich nicht weit genug auseinandcrtun, um die Luft ruhig in die Luftröhre eintreten zu lassen. Zieht sich das Zwerchfell sehr heftig zusammen, so kommt es zum Würgen und Erbrechen. Ein Mit- arbeiter des„Lancet" macht darauf aufmerksam, daß der Eintritt oder das Fehlen von Schlucken gelegentlich dem Arzt ein wertvoller Finger- zeig für die Behandlung von Patienten sein kann, die an Ver- dauungsstörungen leiden Es wird daran erinnert, daß die Unfähig» keit, den regelmäßigen Rhythmus des Atmens durch Aufwand von Willenskraft ausrecht zu erhalten, gewöhnlich der Zustand ist, der dem Eintritt der Seekrankheit vorausgeht, und daß die Entstehung des Schluckens überhaupt eine Erklärung für die physiologische Wirkung von Brechmitteln zu geben vermag. Selbstverständlich spielen die Nerven dabei eine große Rolle, und zwar zunächst eben die des Zwerchfells, die wieder von anderen Nerven beeinflußt werden, so daß der Schlucken zuweilen, wenn auch selten, die Folge von nervösen Störungen sein kann. Am häufigsten kommt die Reizung der Zwerch- fellnerven von unten her, also entweder vom Bauchfell oder vom Magen oder Darm. Daher kann der zu reichliche Genuß von Alto- hol und von rotem Pfeffer oder das Vorhandensein von Blähungen Erbrechen hervorrufen. Acnßerst lästige chronische Anfälle von Schlucken werden verursacht durch örtliche Reizung des Schlundes oder durch mechanischen Druck einer Adcrgeschwulst oder einer Wuche- rung auf die Nerven. Sind diese Nerven bereits gelähmt, so kann eine solche Wirkung begreiflicherweise nicht entstehen. Es ist klar, daß aus diesem Zusammenhange der Arzt manches entnehmen kann. Von allen Mitteln zur Hemmung des Schluckens wird das Niesen als eines der wirksamsten empfohlen,»nd es ist auch sicher eines der ältesten, denn bereits Plato berichtet uns, daß es bei Aristophanes, als er von einem chronischen Schlucken befallen war, Erfolg hatte, als alle anderen Mittel zur Beruhigung des quälenden Anfalls versagt hatten.— Humoristisches. — Das Schlimmere.„... Mir hat sie ewige Treue ge- schworen— und sie hat ihr Wort gebrochen!" „Na, trösten Sie sich!— Mir ist s noch schlimmer gegangen I Mir hat Eine ewige Treue geschworen und— sie hat ihr Wort gehalten!"— — Aus einer Besch Werdeschrift.„... Warum zeigt man mich wegen jeder Kleinigkeit an und warum hat, als mein Nachbar aus Fahrlässigkeit sein Haus angezündet, kein Auge des Ge- setzes danach gekräht?"— — Von der Seknndärbahn. Auf dem Bahnhof kommt ein vierzig Mann starker Verein an.„Na", sagt der Vor« stand desselben,„was ist denn das? Laut Fahrplan sind noch fünf Minuten Zeit bis„zum Abgang des Zuges, und dort führt er schon hinaus!"—„Ja", antwortet der Stationsdiener,„als der Lokomotiv- führer den Haufen Lent' kommen sah, hat er Aug st flricgt und ist ausgerissen!"— („Fliegende Blätter'.) Notizen. — Kants„Kritik der reinen Vernunft" erscheint im Verlage von C. F. Thienemann in Gotha in einem f a k s i m i- Herten Nachdruck nach der ersten Rigaer Auflage von 1781.— — Die Sammlungen für die Schweizerische Schiller- Stiftung haben 100 000 Franken ergeben. Mit dem Bundes- beitrag beträgt der Grundstock der Stiftung also 100000 Franken. Die Zinsen sollen vom nächsten Jahre ab zur Verteilung kommen.— — Die chinesische Zeitung„T s i n g P a o", das älteste Blatt der Welt, feiert in nächster Zeit das Jubiläum ihrer vor 1400 Jahren erfolgten Gründung.— — Maxi in G o r k i hat ein neues Werk,„Die Barbaren", vollendet. DaS Stück ist aus dem Leben der Intelligenz ge- griffen und behandelt die politischen Ereignisse aus jüngster Zeit.— — Theater Nachrichten. Blum enthals neues Lust» spiel„Der Schivnr der Treue" gelangt am 23. September im Schauspielhause zur ersten Aufführung.— Angenommen sind:„Die R o s e n t e m p l e r" ein neues Schanspiel von Rudolf Lothar vom Deutschen Volkstheater in Wien; Ludwig Hunas Drama„Der Herr auf Bone- Walde" vom Wiener Rai in und-Theater.— — Heute wird im K ü n st l e r h a u s e eine A u s st e l l u n g hervorragender Werke der Wiener Schule eröffnet. Vertreten sind: Alt, Makart, Pettenkofen, Rumpler, Ruß, Schwaiger u. a.— — Professor Marschall, dessen Ernennung zum Professor an der Wiener Kunstakademie seinerzeit Konflikte und die Sistierung der Vorlesungen verursachte, ist ans der Akademie ge- schieden. Die Regierung hat ihn zum Leiter einer neugeschaffenen Graveur- und Medailleurschule ernannt.— — Von der Wirkung der Sonnenfinsternis auf die Magnetnadel berichtete Mascart in der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Naturwissenschaften ans Grund von Unter» suchungen, die Monreaux angestellt hatte. Er stellte seine Apparate in einem Brunnen, zwanzig Meter unter der Erdoberfläche, auf, wo er also keinerlei Temperaturwcchsel zu befürchten hatte, und beobachtete nun, wie während der Sonnenfinsternis die Magnetnadel um vier Minuten abwich. Er konnte auch durch Messungen die er an den verschiedenen Orten über der Erde vornahm, fest« stellen, daß die Lnftwärnie während der Verfinsterung um 1% Grad abnahm.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstaltPaulSmger LeCo., Berlin