Zlnterhaltungsblatl des Vorwärts Nr. 178. Mittwoch, den 13. September. 1905 (Nachdruck verboten.) 23] Daniel Junt. Roman von Hermann Stegemann. Es ging auf den Abend. Die Ferme legte sich langsam die Schatten um, die von der Nacht aus dem Tal herauf- gebracht wurden. Graue Flöre hiitgeu in den Schluchten, die Dämmerung lief über die Weiden. Das Vieh war gemolken und wieder hinausgetrieben worden. In der Küche war ab- gegessen, der Melker schlurfte in die Kammer, der Schple hockte noch eine Weile auf dem Hackblock im Hof und rieb sich den Buckel an der Stallwand. Drinnen schnaubte der Joli. Floflo huschte die Treppe hinauf, und als die Magd ihm nachrief, antwortete das Kind: „Warte, Catherine, ich muß dem Vater noch Gut Nacht sagen." Und es flog unhörbar, wie eine Fledermaus, durch den dunklen, winkligen Gang und klinkte die Tür auf. „Wer ist da?" Daniel warf die Lade zu und steckte die Patrone in den Sack der Jacke. Vor ihm lag das„Journal de Colmar", das der Bote im Sommer alle zwei Tage auf den Berg brachte. „Ich bin's, Vatterle." Sie schmiegte sich an ihn, hüpfte auf einmal zu ihm auf und preßte ihm die Lippen auf den Schnurrbart. „Du Grashüpfer," murmelte er halb spöttisch, halb zärt- lich. Die Berührung ihrer weichen Lippen war ihm ins Blut gegangen. Als sie schon wieder an der Tür war, rief er sie zurück. „Denkst Du noch an den L6on?" Sie nickte und drückte ihre Backe an die seine. „Und Madame Berthe?" Da antwortete das Kind mit leiser Stimme: „Die Catherine, die hat's mir gesagt, das ist jetzt unsere" — Sie brachte das Wort nicht über die Lippen. Er hörte ihr Herz hämmern. „Eure Mutter," sprach er statt ihrer, kurz und bestimmt. Flo zuckte zusammen und wich von ihm zurück. „Halt, Florence," er faßte sie am Arm,„sie ersetzt Deine erste Mutter. Verstehst Du?" „Ich will keine andere," preßte das Kind noch leise hervor. „Du willst nicht! Langsam, langsam, aber ich will, und wenn ich will, mutzt Du auch wollen." Er faßte ihren Arm fester, als er wußte. Floflo stieß einen einzigen kleinen Schrei aus, einen heiseren, klagenden Ton, wie damals, als die Louise Prajö in Nöten lag und das Kind dem Schlitten in die Quere lief. „Geh schlafen," sagte Daniel rauh und ließ sie los. Aber sie blieb stehen, zitternd, blaß, rote Striemen liefen um ihr Handgelenk. „Marsch, ins Bett," wiederholte er. Das Blut brauste ihm in den Ohren, er fegte mit der Hand über das Journal, als könnte er etwas vom Papier wischen, das ihm in die Augen brannte. Endlich gehorchten Florence die Füße. An der Tür zauderte sie, schluckte und sagte dann mit einem um Verzeihung bittenden Stimnichen, als wäre es ihr furchtbar leid, daß sie nicht anders konnte, daß sie keine zweite Mutter wollte: „Gut Nacht, Vatterle." Daniel bewegte sich nicht, ein Luftzug, die Tür klappte, er war allein. Er hörte die Magd mit dem Kinde reden und wie sie ihn? das Bett zurecht klopfte! dann klapperte sie noch eine Stunde in der Küche. Jetzt stand er auf und ging hinunter. „Mach, daß Du ins Nest kommst," sagte er im Vorbei- gehen und trat unter die Tür. Die Nacht war dunstig, ein warmer Wind kam in Stößen über die Berge, am Himmel war ein Laufen von hellen Wolken, durch die der Mond seine volle Scheibe trieb. Die Catherine blieb mit dem Kerzenstock in der Hand auf der Treppe stehen. Sie wäre gern noch um den Daniel gewesen. Sie hatte ihn allein, seit die anderen alle fort waren. Sie schaffte jetzt allein für ihn, und wenn sie kochte und wischte und bettete und melkte� immer gingen ihre Augen nach ihm. Er achtete nicht darauf. „Gut Nacht, Herr Daniel," sagte die Catherine. Er kehrte sich nicht um. „Gut Nacht." Sie tappte die Stiege hinauf. So hatte sie ihn schon oft stehen sehen, wenn sie schlafen ging. Er ließ dann den Bella in den Hof, schloß die Türe, und alles war still. Das war der Lauf auf dem Florimont. Nun war ihr Tritt oben verhallt. Daniel stand und sah immer noch unverwandt in die Nacht. In der Ferme Hirth erlosch das Licht, das Brausen des Wassers klang lauter aus dem Schlatten, der Laufbrunnen gurgelte am Straßenbord, eine Kuhglocke schlug an, ein einzelner Ton irrte klagend über die Bergweide. In der Wirtsstube hob rasselird die Gewichtuhr aus und schlug elf. Daniel zählte die Schläge, sie tropften, der letzte schwirrte langsam imch, die Gewichte hingen auf die Dielen. Er hatte die Hände m den Hosentaschen vergraben und stand unbeweglich, fest auf beiden Beinen ruhend. Sein Hals war trocken, sonst war er wie immer. Als es auf Mitternacht ging, wandte er sich und zog die Schuhe von den Füßen. Ein warmer Wind hauchte ihm m den Nacken und ging hinter ihm drein die Stiege hinauf. Und doch hatte er die Türe ins Schloß gedrückt. Im Bureau zündete er eine Kerze an und setzte sich an den Schreibtisch. Den Kopf in die Hände gestützt, starrte er auf die Zeitung. Da stand von dem Stauweiher zu lesen. Der Bau war beschlossen. Im Frühjahr begannen die Erd- arbeiten, und da unten war eine Notiz, die meldete, daß die Gemeinde La Motte die sogenannte Kälbermatte, ein Stück Weidland am Herrenwald, verkaufen wolle. Man sage, es sei eine Sozietät Liebhaber für den Grund, die ein Hotel darauf errichten wolle. Die Kerze tropfte im Wind, der vom Fenster herkam. Daniel erhob sich. Er nahm eine Patrone aus dem Sack, riß sie ans und streute das Pulver über die Zeitung. Die Hülse steckte er wieder ein, die Kugel flog zum Fenster hinaus. Dann ballte er das Journal zusammen, nahm es und stieg mit der Kerze die Treppe hinab. Alles war still, nur die Dieleu knarrten. Er ging so sicher und unbewegten Gesichts wie ein Nacht- Wandler. Als er den' schmalen Gang zur Küche durchschritt, knackte iin Oberstock eine Türe. Der trockene Ton drang an sein Ohr. Einen Augenblick zögerte er, dann krampfte sich seine Faust noch fester um den kupfernen Lichtstock, und er ging weiter. In der Küche hüpften gelbe Lichter und schwarze Schatten vor ihm her. Der Zug im Kamin war offen. Die Kerzen- flamme wies mit spitzer Zunge darauf hin. Daniel schob das zerknüllte Papier in den Sack, nahm die Petrolkanne vom Küchenherd und stieß die niedere Tür zum Verschlag auf, wo die Erdäpfel lagen. Da war auch das Reisig, waren Scheit- holz, gelbe Hobelspäne und braune Lohkäse geschichtet, Zwiebel- kränze und alte Körbe hingen an den Wänden des engen, wie ein Kamin in den Oberstock ziehenden Gelasses. Daniel ließ das Petrol über die Späne und die dürre, gepreßte Eichen- rinde laufen. Dann steckte er das mit Pulver gefüllte Zeitungs» Papier mitten hinein. Nun war er fertig. Sein Schatten fegte an den Wänden hin im Schein des gaukelnden Lichtes. Er hielt den Leuchter in die Höhe und sah sich uin. „Mein Sach ist's, die ich verbrenn," murmelte er und stieß die Kerze heftig in die Späne. Mit einem Puffenden Geräusch fing das Papier Feuer. Er lehnte die Tür locker auf die Falle und verließ die Küche. Hinter ihni zischte es, ein Knistern und Flimmern rief ihm nach, aber bald erreichte ihn nichts mehr von dem ge- schäftigen Wesen. Ans der Stiege blies er das Licht aus. Er stieg schwer- fällig hinauf, die Füße waren ihm wie Blei, schwer und gefiihl- los. In seiner Schlafkammer warf er Jacke und Weste ab und setzte sich auf das Bett. Er war im Dunkeln. Nur der fliehende Mond geisterte zuweilen durch die Wolken herunter. Nebenan schlief Florence. Ueber ihm in der Dachkammer Catherine, im Schopf über dem angebauten Stall der Sepple iThS in der Kässtube überm Hof drüben der Melker. Die jEür, die auf den Flur führte, war nur angelehnt. Er horchte, aber nichts regte sich, kein Geräusch, nichts War zu spüren; auch kein Qualm. Jenseits der Treppe lief das Gelaß zwischen den Wänden bis zu den hinteren Kammern. Nichts. Er stemmte die Ellbogen auf die Kniee und legte den Kopf zwischen die gespreizten Hände. Auf seiner Stirn stand ein feuchter Schweiß, der ihm an den Fmgern kleben blieb. Er hatte Feuer gelegt an das alte Haus. Ein dumpfer, heißer Schwall stieg ihm aus der Brust in die Kehle. Wie Blut. Trocken quoll ihm die Zunge hinter den Zähnen. Keine zehntausend Franken war die Baracke wert mit ihrer einzigen Stube und der Küche im Erdgeschoß, den Paar Schlaflammern und dem großen Saal im Oberstock. Und die Ferme, die Käserei, die war ein leeres Dach über einem Backsteinbodeu, der Stall ein Bretterverschlag, an dem er gezimmert hatte seit Jahr und Tag. Morsch alles, schlecht im Gemäuer und faul im Holz. Und irgendwo saß nun der Brand darin. Ein paar Kommoden, ein Paar Kästen voll Wäsche, ein Dutzend Betten, und das war nußtrocken von der Mutter her— er stöhnte leise. Aber wcnn's ihn die rechte Hand dazu gekostet hätte, er hätt' es getan. Die da unten in La Motte, die hatten ihm die Gedanken angeblasen, bis Rauch kam und aus dem Rauch die roten Funken sprangen. Er atmete schwer, hastig zog die gepreßte Brust den Atem ein, und da, er fuhr empor, er hielt die Bettkisscn gepackt, wie etwas Lebendiges, da roch er den Brand. Das Herz schlug ihm dumpf gegen die Rippen. Er tappte vom Bett weg mitten in die Kammer. Immer noch kein Knistern, nichts, gar nichts, nur ein schleichender, den Wänden nachkriechender Geruch. Er schmeckte ihn auf der Zunge. Unter dem Bett standen ein Paar Schaftstiefel. Er bückte sich danach, da schwoll der Brandgeruch stärker zu ihm empor. Wenn er jetzt Fürio rief, war es noch Zeit. Fast ohne es zu wissen, war er tastend in die Schuhe gefahren und horch— jetzt war draußen ein Trippeln, ein Scharren zwischen den Wänden, unter den Dielen, ein leises Pfeifen, ein Huschen und Hasten — die Mäuse fuhren durchs Haus. Und dann auf einmal unten ein Poltern und danach ein Knistern und Knacken, ein Schnarchen und Schlürfen, ein Säuseln, das aus den Wänden kam und dazwischen ein lautes Schmatzen und Schnalzen, jetzt ein Feuerschein, und nun wälzte es sich braun herein, Qualm und Rauch, es brannte. Er stürzte zur Türe. Da rief's in der Kammer nebenan. Das war das Kmd. „Batterie!" Das Kind, das zuerst. In diesem Augenblick wußte er gar nicht mehr, daß er den Brand selbst gestiftet hatte. Er riß die Tür auf und lief über den verqualmten Gang. „Catherine, Catherine, Fürio, es brennt!" schrie er die Bodentreppe hinauf und stürzte zu Floflos Tür. Der Mond lag in der Kammer, und das Kind stand auf- recht in seinem Bett im weißen Hemd. Er warf die Decke um das Kind und riß es auf den Arm. Und da kreischte auch schon oben die Btagd. Ein zuckender Feuer- schein, ein Schlag, wie wenn das Pulver die Felsen sprengt, laut brüllte plötzlich die durchgebrochene Brunst. „Batterie, Batterie, die Erdwibele tanzen, die Schratzeu kommen!" Die kühlen, mageren Arme lagen um seinen Hals, er stürzte zur Treppe. Da rannte ihm die Catherine blind in den Weg. „Daniel, Herr Daniel!" Sie klammerte sich an ihn. „Mach zu!" Ein Stoß mit dem Knie warf sie köpflings die verqualmte Stiege hinab. Und nun heulte im Hof der Hund, ununter- krochen, grausenerweckende Töne quollen aus seinem Nachen. An der Flurwand blätterte das Getäfel, die Stiege fing Feuer. Daniel riß die Magd mit der einen Hand empor, als er unten ankam und zerrte dann an den Riegeln. Schon keuchte die erstickende Lunge, das Kind wimmerte, da sprang dos Schloß, sie taumelten ins Freie. „Da, Catherine, das Kind. Fort mit ihm in die nächste Ferme. Er zeichte ihr Floflo und rannte zum Stall. Der Sepple kam schlaftrunken vom Heuboden herab. Im Dunkel prallten sie aneinander. Aber jetzt zuckte es rot über sie hin. Und va schrie auch drüben der Melker„Fürio",„Fürio" gellte die iEatherine in die Nacht hinaus. .Das Roß aus dem Stallt" Daniel packte den Joli an der Mähne, aber an der Türe warf sich der Gaul schnaubend zurück. In seinen entsetzten Augen spiegelte sich die Glut, er wieherte und drängte zurück in den dunklen Stall. Der Knecht griff zu, sie rissen, sie stießen ihn, der Daniel schlug ihm die Hände über die Augen, jetzt war er über der Schwelle. Aber da donnerte hinter ihnen der Grund von stampfenden Hufen. „Jesus Maria, das Vieh kommt," schrie die Catherine, die«och kein Bein zur Flucht gefunden hatte und mit dem Kind am Hag hockte. Die Leitkuh voran, kamen die geängstigten Tiere mit dumpfem Brüllen und schlagenden Flanken über die Weide. Die Schellenbänder tönten, die Augen glänzten im Feuerschein. Sie kamen, prallten an der Stalltür zurück und rasten wieder davon, die Stangen krachten, hinter ihnen splitterte der Hag. Und der Joli stieß ein Wiehern aus, das klang wie ein Todes- schrei, riß sich los und jagte hinterdrein. Hart vorüber an der Magd ging ihr Weg, und die stürzende Querstange traf sie auf den Kopf, daß sie mit einem Seufzer das Kind aus den Armen ließ und auf den Boden schlug. Daniel rief dem Melker zu, die Melkeimer aus der Ferme zu holen, und der Sepple half ihm, den kleineren Kupferkessel ins Freie schleppen. „Vengel drauf los, was Du magst," schrie er ihm zu und drückte ihm den Feuerhaken in die Hand. Und der Sepple schlug auf das Erz, daß ein dröhnender Hall wie Glockengetön über die aufgeschreckte Weide fuhr. In den Fermen wurde es lebendig, Lichter gaukelten, weiter und weiter klang von einer Melkerei zur anderen der Notruf der Melker, das volle donnernde Echo der kupfernen Kessel. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Winterquartiere unterer Zugvögel. Schon in der letzten Hälfte des Juli, wenn der Wind noch durch reifende Nehren rauscht, regt sich bei vielen Arten unserer heimischen Vögel der Wandertrieb, obwohl der Tisch noch reich- lich für sie gedeckt ist, und die herbstlich rauhen Tage noch in ziemlich weiter Ferne sind. Anfang August beginnt im allgemeinen der Herbstwanderflug aus den nördlichen Breiten. Die Turm- schwalben eröffnen den Neigen, ihnen folgen in mehr oder minder größcrem Abstand die Uferschilfsänger, die Kuckucke, die Pirole, die Störche, die Blaukehlchen, Nachtigallen, Grasmücken, Fliegenfänger u. a. Jni September und Oktober erreicht der Flug nach dem Süden seinen Höhepunkt. Wohin geht die Reise? Bisher hat man auf diese Frage ebenso wenig eine bestimnite Antwort geben können, wie auf die viclumstrittene der Höhe und Schnelligkeit der Wanderschaft durch die Luft. Unzweifelhaft überwintern nicht wenige von unseren ge- fieberten Frühjahrs- und Sommergästen in den Tälern der Schweiz, in Italien, Südfrankrcich und Spanien, aber die weit überwiegende Mehrzahl sucht doch ihre Winterquartiere in Afrika. Es darf als ziemlich sicher gelten, daß im Herbste über das Mittelmeer mehr Zugflögcl fliegen, als über irgend eine andere große Wasserfläche der Welt. Brehm nennt in seinem Buche„Das Leben der Vögel" Aegypten eine der wichtigsten Herbergen für den vom Norden einwandernden Zugvogel. Hier finde er einen Platz, wie er sich ihn nur wünschen könne: schroffe, steile und öde Gebirge, welche sich an blühenden, be> bauten und bewaldeten Ebenen dahinziehen, lachende von sandigen brennenden Ebenen begrenzte Fluren, den mächtigen Nil mit seinen unzähligen Kanälen und die Küste des Mittelmeeres mit ihren Seen und Sümpfen, die vom Meere aus überflutet und vom Nil mit süßem Wasser versehen werden. Es habe den Anschein, fügt Brehm aus eigener Beobachtung binzu, als ob alle Vögel der Erde sich hier ein Stelldichein gegeben hätten; die Menge zu schätzen halte er für unmöglich. Leider läßt jedoch dieser Zufluchtsort für unsere kleinen Afrikareisendcn an Sicherheit schon viel zu wünschen übrig, seitdem alljährlich erholungsbedürftige Fremde zu Tausenden den Winter in Aegypten verbringen, denn unter ihnen gibt es nur zu viele, die sich mit der Büchse in der Hand die Zeit vertreiben. Vor wenigen Jahren veröffentlichte Dr. Quinet in der Zeitschrist„Ornis", dem Organe des internationalen ornithologischen Ausschusses, einen Auf- satz über die Vögel Aegyptens, worin es unter anderem heißt, durch die fremden Jäger sei das Niltal für die Vögel ebenso gefährlich ge- worden, wie Italien, wo bekanntlich Jahr sür Jahr zur Zeit deS Herbstwanderfluges ungezählte Taufende der südländischen Vernich- tungswut zum Opfer fallen. Von der Mündung bis zu den Kata- rakten gäbe es kaum noch einen Fleck, der nicht von den Schüssen der Nimrode aus aller Herren Länder widerhalle. Quinet hielt sich im Winter 1902 in Unter-Aegypten nur zu dem Zweck auf, das dortige Vogelleben zu studieren und lernte aus eigene« Beobachtung, wie Brehm, das Nildelta mit seinen Seen, Inseln, Sümpfen und Teichen als das Winterquartier ungeheurer Scharen von Ufer-, Sumpf- und Wasservögeln kennen. Zu ihnen gesellen sich natürlich zahlreiche Raubvögel, die von der reichen Beute angelockt werden. Die unerbittlichsten Feinde der Enten— fast alle in Deutschland heimischen Arten trifft man dort an— sind die Edel- falken, wie ein Blitz aus heiterem Himmel stürzen sie auf die Opfer, die sie sich ausersehen haben, herab. Von einem gemächlichen Gefühl der Sicherheit kann also für unsere Wasservögel im Lande der Phara- oncn noch weniger die Rede sein, als in der nordischen Heimat. Dazu kommt, daß Eingeborene und Fremde mit einander wetteifern, sie tot oder lebendig in ihre Hände zu bringen. Auf den Märkten Kairos und Alexandrias wimmelt es von Enten, die Eingeborenen fangen sie mit Netzen oder mit der bloßen Hand. Der französische Ornithologe erlegte fast alle in Europa vorkommenden Arten. Hier und dort mag einer unserer gefiederten Sänger sich auf einer Insel der Nilmündung niederlassen, aber es wäre ein großer Jrrtuni, wenn man glaubte, daß das Niltal überhaupt für sie als Winterquartier in irgendwie nennenswertem Grade in Betracht käme. Quinet behauptet sogar, daß die Ruhe der in Theben oder Gizeh schlummernden altägyptischen Könige niemals durch den Gesang einer Nachtigall oder einer Grasmücke gestört werde. Wir haben schon an- gedeutet, daß nicht wenige von unseren Zugvögeln sich in den Alpen- mlern, in Italien, in Südfrankrcich und Spanien zum Winterauf- enthalt niederlassen. In seinem Buche„Tierleben der Alpenwelt" teilt Tschudi mit, daß beim Herbstwanderflua aus dem Norden Wald- nnken, Zeisige, Lein- und gelbschnäbclige Finken, Rot- und Wach- iolderdrosicln, Saat- und Nebelkrähen, Enten, Schwäne, Säger, Steißfüße, Taucher und Möwen zur Ueberwinterung in den Alpen- .'älern zurückbleiben. An den Wänden der Sierra-Nevada über- wintern nach Brehm Tausende von Rotkehlchen, Rotschwänzchen, Goldhähnchen, Wildtauben, Edelfinken, Hänflingen, Drosseln, Amseln und Ringamseln, Rot- und Singdrosseln, Ammern, Gebirgsstelzen, Wiesen- und Wasserpiepern.„Unser liebliches Rotkehlchen ist dort 'o häufig, daß man es buchstäblich in jedem größeren Busche mit Sicherheit vermuten und auffinden kann; in den Waldungen bc- zegnet man zahlreichen Finken- und Drosselscharen, an den rauschen- t>en Wasseradern der Gebirgsstelze und ihrer grauen Verwandten; n den tieferen Tälern treiben sich die Mauersegler und Felsen- chwalben bis tief in den November umher. Am Fuße der Aus- äufer wird die Zahl der nordischen Gäste noch größer.' Waldschnepfe ind Kiebitz, Feld- und Heidelerche, Staar und Wachtel treten zu den benannten, und sicherlich bleiben Plattmönch und Schwarzköpfchen, oi« man im Dezember noch sieht, auch den ganzen Winter hier." Aber wie groß auch die Jndividucnzahl sein mag, die, aus den nördlichen Ländern Europas kommend, in den südlichen überwintert, ■o bedeutet sie doch unzweifelhaft wenig im Vergleich zu den unge- qeuren nach Millionen zählenden Zugvögeln, die im nördlichen, nord- westlichen und inneren Afrika Zuflucht suchen. Bisher hat sich frei- ach nicht viel Bestimmtes über ihre hauptsächlichsten Standquartiere -m dunklen Erdteil feststellen lassen, aber mit fortschreitender Er- iorschung und Kultivierung desselben wird unsere Kenntnis in dieser Hinsicht höchstwahrscheinlich ergänzt werden. Besonders soweit es sich um unsere zutraulichsten Sommergäste, die Schwalben, handelt, Xren eigentliche Winterherberge uns bisher unbekannt geblieben ist. Eine Erklärung dafür, daß wir noch so wenig zuverlässiges über das Leben und Treiben der gefiederten Afrikareisenden jenseits des Mittelmeeres erfahren haben, liegt nicht allein in der unvollkommenen Erforschung jenes Kontinents, sondern auch in der Tatsache, daß unsere Zugvögel' dort viel ruhiger und unauffälliger„auftreten". Das lebhafte Liebesspiel, wie wir es hier im Frühling an ihnen ge- wohnt sind, treiben sie dort nicht, sie bauen auch in der Fremde keine Nester und brüten nicht. Der Gesang ist in ihrer Brust verstummt, und erst dann, wenn die Zeit der Heimkehr herannaht, singen sie wieder ihre hnmatlichen Lieder. Da unsere Zugvögel im Frühling immer dieselben Orte im Norden aufsuchen, wo sie geboren sind und gebrütet haben, so liegt die Annahme nahe, daß es sie im Herbste mit gewaltigem Drange nach einer für jedes Individuum und seine Nachkommen bestimmten Stelle im südlichen Europa oder in Afrika treibt, sobald sie in unseren Breiten die Brutpflichtcn des Sommers erfüllt haben. Nach der Meinung des englischen Ornithologen Dixon sind sie mit dieser Stelle auch durch soziale Instinkte aufs innigste verknüpft. Brehm hat jedenfalls recht, wenn er behauptet, jeder Vogel beziehe in der Fremde Wohnplätzc, die denen entsprächen, die er in seiner Heimat erwähle, und er betreibe dort sein Gewerbe wie daheim. Es ist ja auch ganz natürlich, daß die Raubvögel sich wie bei uns in Wäldern an Flüssen und an Seen ansiedeln, daß Pirole, Kuckucke, Mandelkrähcn, Fliegenfänger, Würger auch im Süden in Wäldern leben. Lerchen und Brachpieper auf Feldern, die Sänger in Büschen und Wäldern, die Tauben in Wäldern und auf Felsen- wänden, Kraniche und Störche beziehen Flüsse, in deren Nähe sie Steppen finden, Sumpf- und Wasservögel Sümpfe und Seen. Von den Nachstellungen durch Raubvögel abgesehen, führen unsere Zug- Vögel im allgemeinen in den Urwäldern und Einöden Afrikas wohl ein sorgenloses Leben; die Ruhe ist ihnen auch nach den anstrengenden Pflichten, die ihnen als Eltern während des Sommers auferlegt waren, und nach den Beschwerlichkeiten und Gefahren der langen Reise zu gönnen. Aber ob sie sich dort besonders wohl fühlen, ist eine andere Frage, die Brehm nach seinen Beobachtungen im Süden ver- neinen zu können glaubt. Aus ihrem ganzen Benehmen in der Fremde hat er die Ueberzeugung gewonnen, daß es ihnen so fern von der nordischen Heimat nicht sonderlich behagt, und daß sie von Sehrt, sucht nach derselben beseelt sind. Für diese Annahme spricht die Taa fache, daß sie es auf ihrem Rückfluge viel eiliger haben, als auf ihrem Hinfluge nach dem Süden, wobei sie sich Zeit lassen und kürzere oder längere Ruhepausen nicht verschmähen.— ___ Fritz Sühring.., (Nachdruck verboten.) Der Oleander, Als Topf- und Kübelpflanze erfreut sich der Oleander seit langer Zeit einer großen Beliebtheit und darum auch einer sehr be, deutenden Verbreitung. Doch wie sieht dieser so schöne, überaus dankbar blühende Strauch häufig infolge ungenügender Pflege ausk Der irrigen Meinung folgend, daß sich der Oleander in jeder Lage wohl befinde, kümmert man sich nicht viel um seine. Pflege und unterläßt das oft so nötige Verpflanzen in bessere Erde, das regel- mäßige Begießen und entzieht ihm die Sonne, der er auch im Winter bedarf. Oft sieht man die Pflanze am ungünstigsten Platze; er wird im Winter in eine Ecke gestellt, wohin sich selten ein Sonnen» strahl verirrt, oder gar in den Keller verbannt, und erst im Früh- jähr, wenn er schon zu treiben beginnt, in die belebende Sonnen- wärme gebracht. Aber wie sieht es bei solchen mißhandelten Exemplaren, selbst wenn sie anscheinend gedeihen, mit der Bildung neuer Knospen aus! Man täuscht sich sehr, wenn man bei der scheinbaren Unempfindlich- keit dieser Allerweltspflanze, wie man sie wohl nennen kann, an- nimmt, der Oleander verlangt nichts Besseres und müsse mit allem zufrieden sein. Um kräftige, mit ansehnlicher dunkelgrüner Belaubung, beson- ders aber mit zahlreichen schönen Blüten versehene Triebe hervor- zubringen, bedarf auch der so genügsame Oleander einer rationellen Pflege zu allen Jahreszeiten; im Sommer viel Wärme, viel Sonnen- licht und hauptsächlich sehr viel Wasser, denn in seiner Heimat und überall dort, wo er ganz im Freien wächst, also im südlichen Europa. im Orient, überhaupt in allen Gegenden mit einem wärmeren Klima als dem unseligen, findet man ihn, gleich unseren Weiden, an den Ufern der Bäche und Flüsse, an Stellen, wo seinen Wurzeln ein' ausgiebige und stetige Befeuchtung zuteil wird. Daß er als Topf. oder Kübelpflanze genügenden Raum für die Ausbreitung seine. Wurzeln, sowie eine gute, kräftige, reichlich mit Nährstoffen ver- sehene Erde haben mutz, darf ebenfalls nicht übersehen werden. Im Winter soll der Oleander ruhen; er darf durch Wärme und Feuchtigkeit zur Unzeit nicht zu verfrühtem Austreiben, zur Er- zeugung schwacher, zum Blühen ungeeigneter Triebe gereizt werden, womit aber nicht gesagt sein soll, daß irgend eine Ecke, ein kalter� dabei dumpfer und dunkler Platz gerade gut genug für ihn sei. Ein zu warmer, dazu noch sehr trockener Standort zu dieser Jahreszeit begünstigt das Entstehen der Schildlaus, eines sehr verderblichen Insekts, das, wenn eS sich einmal in größerer Menge eingenk>ld