UnterHaltungsblatt dcs Horwärls Nr. 179. Donnerstag, den 14. September. 1905 (Rachdruck verboten.) 2i] Daniel Junt. Noman von Hermann Stegemann. Der rechte Flügel des Bergwirtshauses brannte lichterloh, und ein Wirbel glühenden Rauchs drehte sich über dem grünen Dach. Die Fenster des Tanzfaales lagen noch dunkel, nur der Widerschein spiegelte sich in den Scheiben, daß sie aufglänzten, wie verstört blickende Augen. Aus der Ferme Hirth, der Ferme Kalblin und der großen Käserei Hüß kam die erste Hülfe. Vom Laufbrunnen bildeten sie eine Kette und schwenkten die Melkeimer, aber die Glut fraß das Wasser und spie es als Dampf wieder aus. Jetzt sprang die Flamme auf den Stall. Schreiend stoben die Hühner aus den Luken, eines flatterte blind mitten m die Brunst. Da warf Daniel plötzlich den Eimer beiseite. Seine Schriften! Seine Papiere, Geld und Wertpapiere! Er hatte sie vergessen. Und mit einem Satz sprang er über die Schwelle und hinein in den Funkenregen. Sein weißes Hemd glänzte einen Augenblick im roten Qualm, dann war er hinweg. „Daniel!" Ein Weib schrie den Namen gellend in das Gcbrausc der Vnmst und das Lärmen der Helfer und rannte auf die Tür zu, aus der der braune Schwaden quoll. „He, Madame Hirth, Ihr wollt doch nicht!" Sie rissen sie zurück. Totenblaß und stumm starrte die schöne Lalie auf die Feuerstätte und zu den Saalfenstern hin- auf. Da huschte eine schmächtige, weiße Gestalt zwischen den Männern hindurch und verschwand im Flur. „Haltet sie, hallet sie," jammerte die Catherine und taumelte dem Kind nach, brach in die Kniee lind schrie und schluchzte zum Erbarmen. Wirr rannten die Männer durch- einander. Im selben Augenblick splittert oben ein Fenster und Daniel Jtint gleitet an den Jalousieläden herab, ein Sprung, er strauchelt, fällt und schnellt wieder in die Höhe. Da schreit ihm die Magd entgegen: „Ich kann nichts dafür, es ist mir aus den Händen ge- schlüpft, sie ist drin, sie ist Euch nach." Er ahnte mehr, als er verstand, ließ Schriften und Geldkasten fallen: „Da, heb's aus," riß sich los von der Fermidre, die sich an ihn hing, schleuderte die anderen beiseite und sprang init angehaltenem Atem zurück ins Haus. Dicht hinter der Tür, am Fuß der Treppe stolperte er über etwas Weiches. Er griff danach. Er wollte sie aufheben, da fühlte er. wie ihm die Kraft aus den Armen schwand und ein glühender Hauch das Haar sträubte. Ein Funkenschwarm um ihn her, die Flamnien schössen die Stiege herab. Glocken, donnernde Glocken läuteten in seinem Hirn, die Beine schmolzen unter ihm weg. Aber noch einmal zwang er den Leib zu einem letzten Dienst und kroch wie ein Tier, das Kind, das die Arme krampfhaft um seinen Hals geschlagen hatte, mit sich schleppend, zur Türe. Hinter ihnen stürzte die Treppe, das Dach des Stalles krachte zu- sammcn, ein wilder Schwann feurigen Hafers stieg singend in die Luft. Daniel fühlte die steinerne Schwelle unter den Händen, ein Atemzug drang in die versengte Lunge.„Nun- dedie" röchelte er trotzig, warf Arme und Beine um den nackten, im zerfetzten Hemd an ihm hangenden Kinderleib und wälzte sich über die Vortreppe hinab, hinaus ins Freie. Ein Jauchzer aus rauhen Kehlen übertönte die Feuers- brunst. Und ehe die Melker noch bei ihm waren, raffte sich der Daniel in die Höhe. Das Hemd hing ihm brandig zerfetzt um die Schultern, das Haar war versengt, ein blutiger Schmarren lief über die weiße Schulter und färbte die behaarte Brust. „Floflo!" Er wühlte das Gesicht in das lockige Haar und taunielte weiter über das Sträßlein zum Brunnen hin. „Vatterle, liebs Batterie!" Es war ein Hauch gewesen, er hatte ihn mehr geträumt als gehört. ,„Gib mir das Kind, Daniel!" i Eine bebende Frauenstimme. „Nein!" .„Daniel, jetzt ist schon alles andere eins..Gib's mir. Es. vergeht Dir in den Armen." Da gab er der Eulalie Hirth das schmächtige Kind, und sie schlug ihren Oberrock um die nackten Glieder und trug es im Schöße davon wie eine Katze. „Und jetzt ist's an uns, Buben! Wer tanzt mit mir im Daniel seinem Saal heut uacht die Pfingstkilbc?" Das war der Lavier von der Ferme Kalblin, dem er da- mals die Flinte auf die Rippen gesetzt hatte. Sie hatten Leitern herbeigeschafft und rannten jauchzend die Sprossen hin- an. Die Scheiben krachten und klirrten, in den dunklen, nur vom Flackerschein der nebenan wütenden Brunst erfüllten Saal sprangen sie, und die Eimer flogen in die Glut, die den rechten Flügel des Hauses ausgezehrt hatte. Und da klang in der Ferne eine helle Glocke, schrill und laut, ein Fackellicht wehte durch die Nacht, tutende Hörner und stampfende Hufe, die Feuerspritze von der großen welschen Narcarie de la Belbrioche jagte über den Berg und die neue Grenze und rasselte vor das brennende Haus. Tie Trompete schmetterte und im Hui waren die Gäule abgesträngt, die Schläuche gelegt bis zum Quellbach im Grund, und gurgelnd, zischend, knatternd sprang der Strahl aus denk gelben Rohr. Und all das brach so auf eins herein, daß von dem Augen- blick an, da Daniel zum ersten Mal ins breruiendc Halls gestürzt war, noch keine Minute vergangen schien. „Herr Daniel, jetzt ist alles gut," schluchzte die Eathcrim: an seiner Seite. Es war ein Augenblick der Erstarrung gewesen, er stand noch dort, wo ihm die Lalie das Kind abgenommen hatte. Seine Zähne waren aufeinandergeschmiedet, ein Krampf saß in seinen Kiefern, mit starren Augen blickte er in die wilde Glut, die schwelend zusammensank, vom Wind:iach Osten ge- weht, daß die Käshütte verschont blieb. Alis einmal löste sich der Krampf, er stöhnte wild, wandte sich und schaute hinunter, über den massigen Wald hinweg, der schwarz aus der Nacht stach in der zuckenden Brunst, hob lang- sam die geballte Faust und schüttelte sie in der Richtung, wo. in der Senkung vergraben La Motte schlief, und röchelte: „Tie sind's schuld, und's hat müssen sein. Und wenik ich dran krepier!" Jetzt wußte er auf einmal wieder, daß der Brand gelegt war, daß e r ihn gelegt hatte. Laßt brennen, wollte er den Nachbarn zurufen, aber er brachte nichts mehr über die Lippen, sein Hirn war wie ausgeräumt, als hätte ihm das Feuer allcS ausgefressen da drinnen, als wäre das der letzte Funken ge- Wesen, den er nach La Motte hinabgeschleudert hatte. „Und wenn ich dran krepier!" 11, In der Ferme Hirth war Florence mit Oel gesalbt unk» ins Bett der Fermidrc gelegt worden. An den Beinen und an der Brust hatte das Kind schwere Brandwunden. Der Arzt kam am andern Morgen von Kaysersberg herauf und sagte zur Lalie: „Wüst sieht's aus, aber zum Sterben ist das nicht. Wenn nur mehr Leben in dem Kind wäre!" Er horchte an ihm herum und rieb sich immer wieder das. stachliche Kinn.- „Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit," bat die Lalie, Da stieß er mit den Fingern die Brille fester auf die Nase und antwortete: „Die Erschütterung war zu groß. Es hat ein heillos schwaches Herz. Man tut, was man kann—- aber laßt den Vater holen." „Jesus Maria," hauchte die Frau und sandte einen mit- leidigen angstvollen Blick zu dem teilnahmlos daliegenden Kind. Sie flüsterten an der Türe, nebenan im großen Käsraum wurde gekäst, der scharfe Geruch drang durch alle Ritzen. „Das entscheidet sich bald, man muß das Herz anblasen wie ein Feuer, versteht Ihr, Madame Hirth?" Er sah mit Wohlgefallen auf das stattliche Weib, dessen volle Brust sich fessellos hob und senkte. „Fa, schreibt nur auf, ivaZ es braucht, d'er Bub holt's vuf der Stelle." „Gut, gut, Ihr seid ein Muster von einer Nachbarin," entgegnete der Landdoktor und lächelte sauersüß, als sie einen Schritt zurücktrat, um seinen indiskreten Blicken auszuweichen. Sie begleitete ihn durch die Ferme hinaus auf den Pfad und ein Stück weit bis zum Schlittweg, wo sein Wägelchen wartete. Der Arzt war schon eine Weile bergab gefahren, Eulalie stand noch auf der Matte. Bon hier aus konnte sie die Brand- statt sehen, stinkender Rauch schwelte noch um die Trümmer und strich im Regenwind über die Höhe. Gestalten bewegten sich dort oben, der Dam, den sie nicht wiedergesehen hatte seit Stunden und das dumme Huhn, die Catherine. Daniel war nicht ans den Schüben gekommen. Er hatte das Vieh zusammentreiben und melken lassen, jetzt stieg der Melker mit ihm nach La Motte ab, acht Tage vor der Tal- fahrt der anderen. Die Catherine schaffte in der Käshütts, als wär nichts geschehen, ihr nichts verbrannt in der Dach- kammer, und dabei hatte sie kein eigenes Kamisol auf dem Leib und fremde Holzschuhe an den nackten Mßen. Die Lalie sah ihren roten Unterrock an der Weißen Giebelmauer auf- leuchten, die noch aufrecht stand. Auch der Tanzsaal, die eine Hälfte der Ferme war im Lot geblieben, nur die rechte Hälfte ausgebrannt bis auf die Mauern, und das Dach nach rechts herabgestürzt und zerschellt. Das schwarze Gebälk starrte in die silbergraue Luft. Einen Augenblick noch blickte die Fermiöre angestrengt hinauf, aber sie sah den Daniel nicht und ging zurück zu seinem still hindämmernden Kind, das mit seinen verbundenen Händen unruhig über die Decke strich. Daniel Junt hatte in der Frühe schon dem Gendarmen Rede gestanden, der nach dem Ausbruch des Feuers gefragt hatte; kurz, einsilbig, den Blick trotzig auf das Gesicht des Be- omten geheftet. Wo es ausgekommen sei, das Feuer, fragte jener, Im Erdgeschoß, in der Küche oder nebenzu. Wann oder wie er es entdeckt habe. Er sei in seiner Kammer gewesen, als er es gehört und geschmeckt habe, und dann habe auch schon das Kind nach ihm gerufen, und das Haus sei voll Rauch und Stank gewesen. Das war alles. Der eine fragte knapp, der andere ant- wortete just, was er gefragt wurde und verbrannte sich die Zunge mit keiner Lüge. Aber eine Scham würgte ihn, daß er sich immer wieder selbst den Stachel ins Fleisch stoßen und zu- rufen mußte: Die da unten sind schuld daran, und es hat Müssen sein. Er stand auf dem verwüsteten Hof. Das Vieh zottelte schon nach La Motte hinunter, in der Käshütte rührte die Catherine mit der Handschaufel in der gerinnenden Milch und rüstete zum letzten Mal das Tuch, um den Käse zu seihen. In einer Ecke der Küche waren angebraunte Reste des Hausrats, versengte Matratzen und anderer Krempel aufgespeichert. Die Hühner rannten verstört zwischen dem Schutt und suchten nach Futter. Von den nassen, verkohlten Balken stieg ein beizender Gestank auf. Daniel ging mit den Händen im Sack um die Reste. Tort, unter dem Haufen des verbrannten Dachswhls, glühte es noch. Rote Augen stierten ihn an aus dem glimmenden Holz, zitterten und schlössen sich langsam. Weiße Aschenlider sanken über die glühenden Sterne, und dann spann sich ein blauer Rauchfadcn ab vom erloschenen Brand und strich in die Weite. Dem Daniel brannte das Herz. Unklar und übernächtig war ihm, wie einem, der aus einem schweren Rausch erwacht. Eine Glut fraß in ihm, jetzt züngelte ein wilder Triumph in ihm auf, dann schwoll ein dumpfer Grimm durch alle Adern, und er biß die Zähne zusammen, um ein Stöhnen zurückzu- würgen, das ihm die Kehle sprengte. Aber am stärksten war doch immer wieder das eine: sein Sach war's, und es hatte müssen sein! Und jetzt liegt der Krempel, jetzt baut die Geineind! Durch den dampfenden Schutt stieg er ins Innere. Tie Wirtsstube war nur ausgebrannt, die Balkendecke, auf der der Saal ruhte, hielt noch. Auch der Weinkeller darunter war unversehrt. Aber die Stiege war weggefressen; auf einer Leiter kroch er hinauf, vom Flur waren die Dielen verbraunt, das Balkengerippe trug noch. Er balancierte darüber hinweg in den Saal und ging der Außenwand nach zur Tür seines Bureaus. Hier toar der Plafond eingestürzt, die Innenwand weggebrannt, nur die Zwischenwand und die Außenmauern Kes Eckzimmers hielten noch stand. Der Tag sah durch den Dachboden herein, der Schreibtisch war unker der Last zu- sammengebrochen und hatte seine Laden ausgeschüttet. Das Wasser war durch alles hindurchgedrungen. An der Wand hing noch der Sturm auf den Malakoff, nur das Glas war zer- schmettert, und in der einen Ecke lehnte noch die Flinte. Dem Ledersessel hatte der Deckensturz das Polster herausgerissen, und eine letzte Flamme war in dem Roßhaar satt geworden. Daniel starrte lange auf die Verwüstung, dann bückte er sich und hob die silberne Uhrkette der Louise auf, die aus einer zerbrochenen Lade heraushing, ergriff die Flinte, wog sie mit einem trotzigen Lächeln in den Händen, zog den Hahn und ließ ihn vorsichtig wieder herah, packte das Gewehr dann mit hartem Griff und ging langsam über die Balken und die Leiter zurück. Unten erwartete ihn die Catherine. Der Doktor sei unten beim Kind, berichte dem Vetter Antoine sein Jakob, der mit dem Tag auf den Berg gerannt war, und der Bürgermeister käm auch noch vor Mittag. Er nickte und ging über die Matten der Ferme Hirth zu. Die Magd sah ihm nach, wie er schwerfällig, die Flinte in der Hand, über das kurze glatte Gras schritt, barhaupt, in einer alten Jacke, die in der Käshütte gehangen hatte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ver 8dnffbnidnge. Erzählung von W. W. I a c o b s Frau Hinrich Kröger stand in der Tür des Ladens, die Hände über der Schürze gefaltet. Der kurze Tag ging seinem Ende zu, und man begann in dem kleinen Hafenplatz die Lampen anzuzünden. Eine Zeitlang lauschte sie auf den regelmäßigen Wellenschlag, der sich vom Meeresstrandc her hören ließ, und begab sich dann, leise erschauernd, in den Laden zurück und schloß die Tür. Der kleine Laden mi' seinen weithalsigen Bonbongläsern gehörte zu ihren frühesten Erinnerungen. Bis zu ihrer Verheiratung hatte sie kein anderes Heim gekannt, und als ihr Mann mit dem„Nord» stern" untergegangen war, vor nunmehr drei Jahren, gab sie ihre Wohnung in Hamburg auf und kam nach Hause zurück, um ihrer Mutter im Geschäft zu helfen. Sie war in unruhiger Stimmung und legte eine Näharbeit, die sie vorgenommen hatte, nach ein oder zlvei Minuten wieder weg. Ein Blick durch die Scheibe der Tür, welche in das kleine Wohnzimmer führte, zeigte ihr Frau Rogcubuck, die mit einem roten Schal um ihre Schultern in ihrem Lehnstuhl eingeschlafen war. Frau Kröger wandte sich beim Klange der Ladcnklingcl um, stieß einen lauten Schrei aus und starrte die Gestalt eines Mannes an, der in der Tür stand. Er war klein und bärtig, mit seltsam ge- formten Schultern und einem linken Bein, das nicht recht zum rechten paßte; aber im nächsten Augenblick lag Frau Kröger, gleichzeitig lachend und lveineud, in seinen Armen. Frau Rogenbuck, deren Nerven noch infolge der Plötzlichkeit, mit der sie aus dem Schlafe geschreckt war, zitterten, kam in den Laden. Herr Kröger machte einen Arm frei, schlang ihn um ihre Taille und küßte sie zärtlich auf das Kinn. „Er ist wieder dal" schrie Frau Kröger aufgeregt. „Dem Himmel sei Dank," sagte Frau Rogenbuck nach kurzem Zögern. „Er lebtl" schrie Frau Kröger.„Er lcbtl" Halb zog sie ihn, halb führte sie ihn in das kleine Wohnzimmer, drückte ihn da in den Lehnstuhl, den Frau Rogenbuck eben verlassen hatte, und setzte sich auf seine Knie, ohne in ihrer Aufregung darauf zu achten, daß ihre Mutter mit auffälliger Sorgfalt den unbequemsten Stuhl im Zimmer wählte. „Denk' doch bloß mal, daß er noch wiederkommt!" sagte Frau Kröger, ihre Augen trocknend.„Wie bist Tu gerettet worden, Hinrich? Wo bist Du gewesen? Erzähl mal alles." Herr Kröger seufzte.„Das würde'nc lange Geschichte sein, wenn ich die Gabe hätte, sie richtig zu erzählen," sagte er langsam, „aber ich will es für heute kurz machen. Als der„Nordstern" in der Südsee unterging, retteten sich die meisten von der Mannschaft in die Boote, aber ich kam zu spät. Ich kriegte dieses Loch in den Kopf, weil mir was von oben darauf fiel. Guck mal, hier!" Er beugte den Kopf. Frau Kröger schob mit ihren Fingern die Stoppeln auseinander und stieß einen Ruf voll Bedauern und Be- sorgnis aus, als sie die Größe der Narbe sah. Auch Frau Rogenbuck steckte den Kopf vor und gab einen Ton von sich, der alles bedeuten konnte— selbst Bedauern. „Als ich wieder zur Besiimung kam," fuhr Herr Kröger fort, „war das Schiff im Sinken, und ich kam gerade wieder auf die Beine, als es unterging und mich mit sich riß. Wie ich am Leben blieb, weiß ich nicht. Es schien niir, als wenn ich jahrelang Wasser schluckte und nach Atem rang. Und dann fand ich mich auf dem Meere schwimmend und nrich fest an ein Holzgitter anklammernd. Ich hing die ganze Nacht daran, und am folgenden Tage wurde ich von einem Eingeborenen aufgegriffen, der in einem Kanoe hcrumruderte, und nach einer Insel gebracht, wo ich über zwei Jahre lang lebte. Die Insel lag ganz aus dem Kurse der Schiffe, aber schließlich wurde ich doch von einem Küftenschooner, die„Pearl", die in Sydney beheimatet war, mitgenommen und dahin gebracht. In Sydney musterte ich an Bord von den„Marston Towers" an, einem englischen Dampfer, und landete heute morgen in Hamburg." „Armer Hinrich," sagte seine Frau, die immer noch in seinen Armen lag.„Was mußt Du gelitten haben!" „Ja das ist wahr," sagte Herr Kröger.„Hat Mutter sich er- kältet?" fragte er, mit einem Blick auf diese Dame. „Nein, durchaus nicht," sagte Frau Rogenbuck, selbst für sich antwortend.„Warum hast Du nicht geschrieben, als Du in Sydney ankamst?" „Ich wußte nicht, wo ich hinschreiben sollte," antwortete Herr Kröger, sie groß anblickend.„Ich wußte nicht, wo Beta hinge- gangen war." „Du hättest ja hierher schreiben können," sagte Frau Rogenbuck. „Daran Hab' ich damals gar nicht gedacht," sagte Herr Kröger. „Ein Grund ist wohl, daß ich in Sydney mich viel nach einem Schiff umgehört habe. Na, jetzt bin ich ja auch wieder da." „Ich hatte immer das Gefühl, daß Du eines schönen Tages wieder auftauchen würdest," sagte Frau Rogenbuck.„Das stand ganz fest bei mir. Beta war sicher, daß Du tot wärest, aber ich sagte„nein, ich wüßte es besser." Es lag etwas iu Frau Rogenbucks Ton beim Sprechen, das einen unangenehmen Eindruck auf ihre Zuhörer machte. Dieser Eindruck wurde noch vertieft, als sie, nach einem kurzen, trockenen Lachen ohne ersichtlichen Grund, wieder schnaufte— dreimal. „Na, es hat sich gezeigt, daß Du Recht hattest," sagte Herr Kröger kurz. „Das ist gewöhnlich so," war die Entgegnung:„es gibt wenig Leute, die mich reinlegen können." Sie schnaufte wieder. „Waren die Eingeborenen nett zu Dir?" fragte Frau Kröger hastig, sich an ihren Gatten wendend. „Sehr nett," sagte der.„Ach! Du hättest die Insel sehen sollen. Schöner gelber Sand und Palmenbäume: die Kokosnüsse brauchte man nur herabzunchmen, und den ganzen Tag nichts zu tun, als in der Sonne herumzuliegen und in der See zu schwimmen." „Waren auch Wirtshäuser da?" fragte Frau Rogenbuck. „Natürlich nicht," sagte ihr Schwiegersohn.„Es war doch'ne Insel— eine von den kleinen Inseln in der Südsee." „Was sagtest Du, wie hieß der Schooner?" fragte Frau Rogenbuck. „Pearl", sagte Herr Kröger mit der Miene eines empfindlichen Zeugen unter Kreuzverhör. „Und wie hieß der Kapitän?" sagte Frau Rogenbuck. „Thomas— Henry— Walter— Smith," sagte Herr Kröger mit etwas ungemütlicher Emphase. „Und der Stuermann?" „John Brown," war die Antwort. „Gewöhnliche Namen," bemerkte Frau Rogenbuck,„ganz ge- wöhnliche. Aber ich wußte, Du würdest schon wieder zurückkehren— i ch bin nie darum in Sorge gewesen.„Der ist wohl und munter, mein Kind," sagte ich,„der wird schon wieder zurückkommen, wenn die Zeit da ist." „Was meinst Du damir?" fragte der empfindliche Herr Kröger. „Ich bin zurückgekommen, so früh, als ich konnte." „Du weißt ganz gut, daß Du auch in Sorge warst, Mutter," warf ihre Tochter ein.„Du hast sogar nicht eher nachgelassen, als bis wir den alten Herrn Liebcrmann deswegen aufgesucht haben." „Ach! Aber ich war nachher nicht mebr unruhig oder ängstlich," sagte Frau Rogenbuck und kniff ihre Lippen zusammen. „Wer ist der alte Herr Liebermann und was sollte der davon wissen?" fragte Herr Kröger. „Das ist ein Wahrsager," antwortete seine Frau. „Liest in den Sternen," sagte seine Schwiegermutter. Herr Kröger lachte— ein recht herzliches Lachen.„Was hat er Euch gesagt?" fragte er. „Nichts," sagte seine Frau schnell. „Ah!" sagte Herr Kröger schalkhaft,„das war schlau von ihm. Auf diese Weise können wohl die meisten von uns wahrsagen." „Das ist nicht wahr," sagte Frau Rogenbuck scharf zu ihrer Tochter.„Recht muß Recht bleiben, und was wahr ist, ist wahr. Er sagte, er wüßte über Hinrich von allem Bescheid, und was er getan hätte, aber er wollte es uns nicht sagen, aus Furcht, unsere Gefühle zu verletzen und Unheil anzurichten." „Hör' mal," sagte Herr Kröger aufspringend;„jetzt Hab' ich aber genug davon. Warum sagst Du nicht gerade heraus, was Du meinst? Ich will ihn„Unheil anrichten", den alten Humbug. Alter Spitzbube!" „Quäl' Dich nicht darum, Hinrich," sagte seine Frau und legte ihre Hand auf seinen Arm.„Jetzt bist Du wohl und munter hier, und was den alten Herrn Licbermann anbetrifft, so gibt eS'ne Masse Leute, die nicht an ihn glauben." „Ah! Das ist auch gar nicht nötig," sagte Frau Rogenbuck hartnäckig.„Aber vergiß nicht, daß er letzten Winter meinen Husten vorhersagte." „Na, hör' mal zu," sagte Herr Kröger und verdrehte seine kurze stumpfe Nase, so gut eS ging, zu einer Imitation eines höhnischen Grinsens,„ich Hab' Dir meine Geschichte erzählt, und ich Hab' meine Leute, die sie bezeugen können. Du kannst an den Kapitän von dem „Marston Towers" schreiben, wenn Du Lust hast, und auch an andere Leute. Na, gut denn; laß uns hingehen und Deinen famosen alten Wahrsager besuchen. Du brauchst nicht zu sagen, wer ich bin; sag' einfach, ich wär' ein Freund, und sag' ihm, er soll' sich nicht darum quälen, ob er Unheil anrichtete, sondern gerade heraus sagen, wo ich bin und was ich all' diese Zeit getan habe. Ich hoffe» daß Dich das von Deinem Aberglauben heilen wird." „Wir wollen herumgehen, wenn wir zugemacht haben, Mutter," sagte Frau Kröger.„Wir wollen erst ein bißchen Abendbrot essen und früh weggehen." Frau Rogenbuck zauderte. Es ist niemals angenehm, seinen Aberglauben der Probe eines Ungläubigen zu unterwerfen, aber nach der Stellung, die sie zu der Frage genommen hatte, war sie entschieden abgeneigt, ihrem Schwiegersohn einen Triumph zu gönnen. „Na, ist einerlei, wir wollen nicht mehr davon reden," sagte sie gezwungen,„aber ich habe meine eigenen Gedanken." „Das glaub' ich," sagte Herr Kröger;„aber Du hast Angst, daß wir zu Deinem alten Wahrsager hingehen. Das würde auch ein schöner Reinfall für ihn werden." „Das hat gar keinen Zweck, daß Du versuchst, mich zu ärgern, Hinrich Kröger; das bringst Du doch nicht fertig," sagte Frau Rogenbuck mit vor Aufregung zitternder Stimme. „Natürlich, wenn Leute gern betrogen sein wollen, muß man ihnen ihren Willen lassen," sagte Herr Kröger,„wir wollen alle leben, und wenn wir alle unseren Verstand beisammen hätten» würden es die Wahrsager nicht können. Sagte er aus dem Kaffee- satz wahr oder aus der Farbe Deiner Augen?" „Lach' nur zu, Hinrich Kröger," sagte Frau Rogenbuck eisig; „aber ich würd' jetzt nicht mehr am Leben sein, wenn mich Herr Liebermann nicht gewarnt hätte." „Mutter blieb die ersten zehn Tage im Juli im Bett liegen," erklärte Frau Kröger,„um zu vermeiden, daß sie von einem tollen Hunde gebissen würde." „Tchie— tchie— tchic," machte der unglückliche Herr Kröger, hielt seine Hand vor den Mund und machte die größten An- strengungcn, sich zusammen zu nehmen;„tchie— tchie—" „Ich glaub'. Tu würdest noch mehr gelacht haben, wenn ich gebissen worden wäre?" sagte Frau Rogenbuck mit einem durch- bohrenden Blick. „Na, wen hat der Hund denn schließlich gebissen?" fragte Herr Kröger, wieder zu sich kommend. „Du verstehst das nicht," antwortete Frau Rogenbuck bedauernd, „wo ich so sicher im Bett lag und die Tür zu war, ließ sich über- Haupt kein toller Hund sehen, denn jetzt hatte es ja keinen Zweck mehr." „Na," sagte Herr Kröger,„ich und Beta werden nach dem Abendbrot'rumgehen und den alten Schwindclmeier mal aufsuchen, ob Du mitkommst oder nicht. Beta soll ihm sagen, ich wäre ein Freund von ihr, und er möchte ihr mal.alles über ihren Mann er» zählen. Kein Mensch kennt mich hier, und ich und Beta werden recht zärtlich mit einander tun und ihm zu verstehen geben, daß wir gern heiraten wollen. Dann wird es ihm nicht darauf ankommen, Unheil anzurichten." „Du solltest ihn lieber zufrieden lassen," sagte Frau Rogenbuck. Herr Kröger schüttelte den Kopf.„Ich Hab' immer gern'n bißchen Spaß gemacht," sagte er langsam.„Ich möcht' gern sein Gesicht sehen, wenn er merkt, wer ich bin." Frau Rogenbuck gab keine Antwort; sie sah sich nach ihrem Marktkorbc um, und als sie ihn gefunden hatte, überließ sie es dem wiedervereinigten Paar, das Haus zu hüten, während sie sich auf» machte, um ein Abendbrot einzukaufen, das, in den Augen ihrer Tochter, der Gelegenheit würdig sein sollte. Sie ging erst zur Hauptstraße und machte ihre Einkäufe und war auf dem Rückwege, als sie beim Passieren einer kleinen Seiten- allce einem plötzlichen Impulse folgte und in dieselbe einbog und an der Tür des Sterndeuters klingelte. Langsam näherkommende, schleppende Schritte ließen sich als Antwort hören, und der Astrolog, der in seinem Besuche eine seine» treuesten und gläubigsten Klientinnen erkannte, lud sie ein, herein zu kommen. Frau Rogenbuck tat dieses und blickte, auf einem Stuhle Platz nehmend, auf den ehrwürdigen Weißen Bart und die kleinen, rot geränderten Augen ihres Freundes, in einiger Per, lcgcnheit, wie sie beginnen solle. „Meine Tochter wird gleich herumkommen und Sie besuchen," sagte sie endlich. Der Sterndeuter nick'e. „Sie— sie will Sie über ihren Mann befragen," stammelte Frau Rogenbuck;„sie will einen Freund mit sich bringen— einen Mann, der nicht an Ihre Kenntnisse glaubt. Er— er weiß von allem über meiner Tochter Mann Bescheid, und er will nun mal sehen, was Sie sagen, daß S i e von ihm wissen." Der Alte setzte sich eine mächtige Hornbrille auf und betrachtetq sie aufmerksam. „Sie halten mit etwas zurück." sagte er schließlich;„das beste ist, Sie sagen mir alles." Frau Rogenbuck schüttelte den Kopf. „Da schwebt Gefahr über Ihrem Haupte," fuhr Herr Lieber- mann mit leiser, zitternder Stimme fort;„eine Gefahr, die mit Ihrem Schwiegersohn zusammenhängt. Da"— er schwenkte sei»H magere, runzelige Arnud vorwärts und rückwärts, wie wenn er ein«! Nebel zerteile, und blickte in die Ferne—,-da ballt sich etwas ütM Ihrem Haupte zusammen. Sie— oder jemand ander?— verbergen mir etwas." Frau Rogcnbuck, ganz bestürzt über solche Allwissenheit, sank in ihrem Stuhl zurück. .Reden Sie/ sagte der Alte freundlich;„es ist kein Grund vorhanden, warum Sie sich für andere opfern sollten." Frau Rogenbuck war derselben Meinung und haspelte eiligst die Erlebnisse des Abends herunter. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und so ging keine Einzelheit verloren. „Seltsam, seltsam," sagte der ehrwürdige Herr Liebermann, als sie fertig war.„Er ist ein geistreicher Mann." „Ist es nicht wahr?" fragte seine Zuhörerin.„Er sagt, er kann es beweisen. Und er will herausfinden, was Sie damit meinten, daß Sie sagten, Sie wären bange, Unheil anzurichten. Er macht sich über Ihre Kräfte lustig." „Etwas davon kann er beweisen," sagte der Alte, boshaft mit den Augen blinkernd.„Das kann ich garantieren." „Aber das hätte doch kein Unheil angerichtet, wenn Sie uns das erzählt hätten," wagte Frau Rogenbuck zu beme.rken.„Dafür kann doch kein Mensch was, daß er Schiffbruch leidet." „Sehr wahr," sagte der Sterndeuter langsam;„sehr wahr. Aber lassen Sie sie nur kommen und mich fragen; und in Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen, lassen Sic auf keinen Fall jemand merken, daß Sie hier gewesen sind. Tun Sie's doch, so werden Sie in eine solch schreckliche Gefahr geraten, daß selbst ich nicht imstande sein werde, Ihnen zu helfen." Frau Rogenbuck schauderte und ging dann langsam, mehr denn se unter dem Eindrucke seiner geheimnisvollen Macht, nach Hause, wo sie den ahnungslosen Herrn Kröger dabei antraf, wie er mit vielem Gusto seine Abenteuer einem Ehepaar von nebenan erzählte. (Schluß folgt.) kleines feiriUeron. — Die Verminderung der Wachteln behandelt Baltz im„Wcid- nanu"(Blätter für Jäger und Jagdfreunde; Braunschweig, Albert Limbach) nach einer Studie des Zoologen Prof. Dr. Eckstein- Eberswalde. Es kann hiernach keinem Zweifel unterliegen, daß die Wachtel in einzelnen Gegenden sich vermindert hat, ohne daß überall die Gründe der Abnahme klargestellt sind; namentlilv fehlte es aber an Beobachtungen, die, auf sicherem Grunde aufgebaut, sichere Schlußfolgerungen zuließe». Eckstein hat das Resultat seiner Studien in einer Abhandlung: Warum wird in Deutschland die Wachtel immer seltener 1 in dem Juliheft der„Raturwissenschastlicken Zeitschrift für Land- und Forstwirtschaft" niedergelegt. In der Einleitiuig weist der Verfasser darauf hin, daß die Vvgclivclt einer Gegend immer Ver- änderuugen unterworfen ist. die am letzten Ende in der Einwirkung der menschlichen Kulturarbeit zu suchen sind, da die heutige Wald- Wirtschaft die für die Nistgelegenheiten und Ernährung maß- gebenden Bedingungen ändert und anch die Feldwirtschaft nicht ohne Einfluß sein kann, Eckstein geht von der richtigen Voraus- setzung aus, daß die Wachtel sich in den letzte» fünfzig Jahren ver- mmdcrt hat, und sucht diese Vermiitderimg, entgegen anderen Annahmen, die den Wachtclfang an der ägyptischen und nordafrika- nischen Küste verantworlich machen, einzig mid allein in den ver- änderten Knlturverhältmsseir Deutschlands, die namentlich durch die dem Wandel der Zeit unterworfene Methode und da? Ziel der Landwirtschast, die auch auf die Fauna von Einfluß sein müssen, bedingt werden. Kartoffel- und Zuckerrübenbau haben zu tlugunsteii des sonstigen Ackerlandes zugenommen, ebenso bessere Wiesen und Weiden. Die immer intensivere Wirtschaft führte zur Aufgabe der Brache, da die Verwendung künstlicher Düngemittel eS hellte gestattet, die ganze vorhandene Fläche zu bebauen. Brache mid Hack- frucht haben die bodenbcssernde Wirkung gemeinsam, verhalten sich aber hinsichtlich des Unkrautwuchses verschieden, in dem Sinne, daß Brache diesen fördert, der Hackstuchtbau ihn bckänlpst. Die Wachtel silcht bei ihrem Eintreffen im(Rai die Wiesen, junges Wintergctreide, Linsen, Erbsen und auch Wicken ans, in denen sie nistet, während da? Männchen Getreidefelder vorzieht. Später sucht sie andere schutzspendende Ocrtlichkeiten ans, während sie Sturzäcker meidet. Räch Naumann ist es das stuchtbare Feld, das sie anzieht, wo der üppige Boden viel andere Pflanzen zwischen den Saaten hervorbringt. Die Nahrung besteht aus Sämereien und Kleintieren, während grüne Pflanzenteile zu den Ausnahmen gehören. Schnecken, Insekten uud Larven, Tausendfüßer, Spinnen und Würmer nimmt sie auf und die Sämereien von Wachtelweizen, Augentrost, Hanf- neffel, Kilöterich, Mohn, doldenblütige Spurre, Miere, Ackerhornkraut, Ackerspargel, Hirse, Lolch- und Bromnsarten. Es ist zwischen Wachteln zu»mterscheiden, die entweder in bestimmten Gegenden zur Zugzeit alle verschwinden, während sie in anderen wieder in Brut- und Zugwachteln zerfallen, und schließlich kommen noch diejenigen Orte n Frage, von welchen die Wachteln zum Teil fortziehen, zum Teil überwintern. Der europäische Zug ist südlich gerichtet und findet des Nachts statt, wärend der Tag zur Befriedigung des Ruhe- und Nahrllngsbedl'irfnijses dient. Beeinflußt wird der Zug durch die Höhengliederimg des Landes. Quer vorgelagerte Gebirgsketten meidet die Wachtel, und so wird sie cm die sudeuropäischen Halbinseln gedrängt, deren Küsten sie folgt, um das Mittelmeer zu überfliegen, Verantwortl. Redakteur: Panl Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Für die Wachteln Deutschlands, Belgiens, der Niederlande und Frank» reichs ergibt sich eine Zugstratze, dre der West- und Ostküste der PyrenSenhalbinsel entlang geht, vielleicht zum Teil auch die Balearcn berührt. Die jährliche Zahl der Wachteln schwankt, mid Jahren der Abnahme folgen auch wieder solche der Vermehrung,— Die Haupt- konsumenten der Wachteln sind die Engländer, Ein Durchfuhrverbot für diese am Mittelmecr erbeuteten Wachteln besteht für Frankreich, die Schweiz und Deutschland, während in Elsaß- Lothringen eine solche von: 23, August bis 2. Februar gestattet ist, so daß noch im Jahre 1901/02 auf den Bahnen Elsaß-Lothringens über 4SOOO Kilogramm Wachteln befördert wurden. Aus zahlenmäßigen Feststellungen, die hier nicht wiedergegeben werden können, kommt Eckstein zu dem Schluß, daß die an der afrikanischen Küste von Aegypten bis Tunis erbeuteten Wachteln aus den östlich oder südlich von Deutschland gelegenen Ländergebieten stammen und somit der ägyptische Fang, der gewöhnlich ffir den Rückgang der Wachteln bei uns verantwortlich gemacht wird, für uns nicht in Betracht kommt, und daß die Abnahme nur ans die Acnderungen zurückzuführen ist, welche durch unsere intensive land- wirtschaftliche Kultur bedingt werden.— Medizinisches. st r. Die U e b e r f ü t t e r u n g der Kinder, Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, daß menschliche Schmerzäußerungcn die verschiedensten Ursachen haben können. Und doch ist es unend- lich schwer, den meisten Müttern diese Tatsache klar zu machen, wenn es sich um ihre kleinen Sprößlinge handelt. Wenn ein Säugling schreit, dann hat er Hunger. Diese Anschauung ist ebenso falsch, wie sie häufig ausgesprochen wird. Ein Säugling schreit auch, weil er naß liegt, er schreit, weil man ihm durch Wickclbänder seine Glieder gehemmt hat, er schreit, weil er zu warm eingepackt ist und er schreit auch häufig genug, weil man ihm Magen und Dann überladen hat. Deshalb heißt es schon in frühester Jugend Maß halten. Die Kinder sollen im ersten Lebensjahre, wenn sie gesund sind, nickt häufiger als alle 3 Stunden Rahnmg erhalten und nachts mindestens 8 Stunden ohne Nahrung bleiben. Werden sie mit der Flasche großgezogen, so soll ihre tägliche Flüssigkeitsaufnahme nicht 1 Liter übersteigen. Die schädlichen Folgen der Ueberfntterung auch durch allzu frühes Verabreichen von Brei(d. h. vor dem ö. bis 7. Monat) sind zunächst direkte auf Magen und Darm. Sie werden überdehnt und übermäßig beansprucht, so daß die Absonderung der Verdaunngsflüssigkeit leidet. Die Verdauung leidet not und trotz oder gerade wegen der zu großen Nahrungszufuhr nehmen manche Kinder schlecht zu. Die mittelbaren Folgen der Ueberfütterung sind andere und noch schwerere. Der Stoffwechsel wird träge und der Knochenaufbau leidet. Rachitis, d. h. englische Krankheit, ist leider mu allzu oft Folge der Ueberfütterung. In neuester Zeit ist be- sonders von Pros. Czerny, dem Dozenten der Kinderheilkunde in Breslau, dargetan worden, daß auch chronische Hautausschläge, vor allem der Kopfgrind der Säuglinge, als eine Folge der Ueberfütte- rnng tuifzufassen ist. Tatsächlich heilt auch diese Krankheit ost ledig« lich durch Einschräukluig der Nahrungszufuhr.— Notizen. — Albert Sergel wurde für sein im vorigen Jahre erschienenes Gedichtbuch„Sehnen und Suchen" von der „Deutschen Schillerstiftung" eine Ehrengabe im Bettage von 300 M. zuerkannt.— — Seit mehreren Jahren geht der Absatz französischer Bücher im In- und Ausland mit geringen Schivanknngen erheblich zurück. 1399 wurden abgesetzt für 10 338 000 Fr., 1900 für 14130000 Fr., 1901 für 11567 000 Fr. Die Zahl der Pariser Ber- leger hat sich in den letzten dreißig Jahren verzehnfacht.— — Franz Adam Beyerlein hat ein Banerndrama„Der Großknecht" geschrieben. Das Stück wird im Laufe de? Winters an einem Berliner Theater zur Aufführung gelangen.— —„Der getreue©darbt", ein neues Drama von I. I. David, ist vom Wiener Bolkstheater erworben worden.— —„Der Rebell", eine dreiaktige Operette von Rudolf Bernauer, Musik von Leo Fall, erlebt am Theater an der Wien die erste Aufführung.— — Zum Sekretär der Akademie derKünste ist Dr. Ludwig Jnsti ernannt ivordcn. Jnsti war seit einem Jahre Leiter des Städelschcn Kunstiiistitttts in Frankfurt a. M.— — Der Hamburger„Kitn st Halle" sind von einem Privatmann 200 000 M. zur Anschaffung von Kunstwerken zur Ver- fügnng gestellt worden. Die Dircktton verwendet den Betrag in der Weise, daß sie von namhaften Künstlern in Hamburg Porträts von in der Oeffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten und Landschaften der Hamburger Gegend malen läßt. Aufträge haben bisher er- halten: Trübner, Slevogt, Kalkreuth, Liebermaiin.— — Das Institut für Infektionskrankheiten zu Berlin wird vom 2. Oktober ab einen dreimonatigen praktischen Kursus der Bakteriologie und bakteriologisch-hygicnischcn Methodik für praktische und beamtete Aerzte veranslaltcu. Besondere Berück- sichttgung soll dabei die Bekämpfung einheimischer und tropischer Seuchen, sowie die Lehre von der Immunität und spezifischen Heilung der Infektionskrankheiten erfahren.— Vorwärts Buchdruckerei u.Berlag»anftalt Paul Singer s-Co.. Berlin LW.