Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 180. Freitag, den 15. September. 1905 25] Daniel?unt. (Nachdruck verboten.) Roman von Hermann Stegemann. Daniel kam zu spät, der Arzt war schon wieder gegangen. Eulalie zog ihn beiseite unter den Schopf, wo das Brennholz lag, und flüsterte: „Daniel, ich kann's Dir nicht versparen, es steht schlecht um Florence." „Schlecht?" Daniel krampfte die Fäuste um den kalten Flintenlauf. „Es Hab' ein schwaches Herz." „Ein schwaches Herz, ja, das hat schon einer gesagt," murmelte er und starrte blicklos über die Matte. Wüst war ihm im Kopf, ein Zucken hob seinen Schnurrbart, daß die Zähne hervorblitzten. „Schau, Daniel"— sie atmete schneller, und ihre Augen hatten wieder den verlangenden Blick—„es ist wegen Dir ins Feuer gerannt, das Kind, komm zu ihm. Wegen Dir ins Feuer, Daniel!" Ihre Lippen brannten, sie tastete nach seinem Arm. Seine Augen hatten den Blick wiedergefunden. Er ließ den Gewehr- kolben auf den Boden gleiten und streckte die Hand aus. „Da, lug hin, da kommen die La Motter!" Drüben auf dem Sträßlein kam ein Trupp Männer und Weiber. Ein paar halbwüchsige Buben rannten vor ihnen her auf die Brandstätte zu. Ein wilder Triumph klang aus Daniels Worten. In seinem fahlen Geficht flammten die düstern Augen, er atmete stark und lüftete unwillkürlich die Jacke über dem ver- sengten Hemd. Ihre heiße Hand, die leise auf seine Finger herab ge- glitten war, weckte ihn. „Ich geh zum Kind," sagte er rauh und ging vor ihr her, ohne sich um sie zu kümmern, ins Haus und in ihre Kammer. Er kannte den Weg. Floflo schien zu schlafen. Leise stellte er die Flinte in eine Ecke und trat zu ihr an das breite Bett, in dem sie fast verschwand. Ihre Wimpern malten breite, schwarze Schatten auf die blassen Backen, durch den geöffneten Mund schlürfte sie hastig, wie ein verängstigtes Vögelchen, den Atem, der das Leintuch über der Brust in Bewegung setzte. »Flo, Floflo, Grashupferle," flüsterte Daniel, und seine Stimme hatte einen zärtlichen Klang. Er bückte sich tief auf das kranke Kind. Da schlug Floflo die schwarzen Augen auf und lächelte, versuchte zu lächeln. Auf einmal aber lief ein wilder Ausdruck des Schreckens über ihr Gesicht. Er hörte ihr Herz klopften, schnelle, krampfhafte Schläge, die durch den Ver- band drangen. „Vatterle, wenn sie Dich plagen! Vatterle, bleib da, Batterie!" Ihre verbundenen Hände tappten über die Decke, sie wollte sich aufrichten. „Lieg still, Floflo," beruhigte er sie, aber dann fragte er leise: „Wer soll mich Plagen, Du Närrle?" „Die Erdwibele, die Schratzen, sie hocken einem auf die Bmst. Sie haben mich auch geplagt. Bleib bei mir, fort, jag sie fort." Erschöpft brach sie ab. Aber ihre Augen hingen flehend an seinem Gesicht. „Das sind Dummheiten, Floflo, sie tun Dir nichts und mir nichts." Das Kind schwieg eine Weile. Plötzlich verlangte es nach seinem Ohr. Er merkte, wie es um sich blickte, ob niemand da sei, und dann sein Ohr näher, ganz nahe an feinem Gesicht haben wollte. Er tat ihm den Willen. Da flüsterte Floflo ihm zu: '„Vater, wo bist Du gewesen in der Nacht, weißt, wo Du die Stiege hinunter bist auf den Strümpfen?" Ein Schlag fuhr durch seinen Leib, das Blut schoß ihm in die Schläfen. „Wer? Ich? Was rodest Du da?" „Ich Hab als nicht schlafen können. And da Hab ich gemeint. Du tätest noch einmal zu mir kommen. Und wo ich gehört Hab, daß Du in der Kammer bist, bin ich aus dem Bett geschlüpft und an die Tür. Aber Du bist schon die Stiege ab, mit der Kerze in der Hand." Er hatte sich gefaßt. „Warum hätt ich noch einmal sollen zu Dir kommen?" fragte er, um ihre Aufmerkfamkeit abzulenken. Da seufzte Floflo, hob den Kopf, daß ihre Gesichter sich berührten und stammelte: „Weil— weil Du so bös mit mir gewesen bist, wegen dem, daß ich Madame Berthe nicht mag." Der Arm, den er auf den Bettrand gestützt hatte, zitterte heftig. „Bös? Ich bin wegen dem nicht bös auf Dich, Floflo, gewiß nicht." Nun lächelte Florence wirklich, aber dann wurde sie wieder ernst, und über ihr Gesicht wischte ein unsichtbarer Finger, daß die Nase spitz aus bläulichen Schatten stach. Sie wollte noch etwas fagen, fragen, so schien es Daniel. Draußen wurden Stimmen laut, schwere Tritte, ein Knöchel schlug an die Tür. Das Kind zuckte zusammen und begann zu wiinmern. „Vatterle, tun sie Dir ebbes?" stieß es hervor, Todesangst in den feuchten großen Augen. Er sah sein Gesicht in den dunkeln Sternen und preßte die Lippen auf ihren heißen Mund. „Mir tut niemand nichts zu leid, dumme Krott, schweig nur und schlaf," antwortete er ruhig, und ein trotziges Lächeln lief über sein Gesicht. Eulalia steckte den Kopf herein. „Daniel, der Maire verlangt nach Dir." Noch einmal strich er dem Kind über das schweißfeuchte Haar, dann ging er hinaus. Floflos Augen hafteten an ihm, bis die Tür zufiel. Als die Fermidre ans Bett trat, begann es sich zu werfen vor Atemnot, und die Lider flirrten wie Schmetterlingsflügel auf und nieder. In der Kässtube wartete der Bürgermeister, aber rings war Schüren und Schaffen, und die Männer sahen, daß sie nicht zum Reden kommen konnten. Sie gingen hinaus und schlugen den Weg zur Brandstätte ein. Nach einem kargen„Guten Tag!" waren sie schweigsam nebeneinander her geschritten. Der Wiesbauer zerbiß einen Grasstengel zwischen den Zähnen. In seinen hellen, blauen Augen, die in dem silbernen Zwielicht blinzelten, war ein heim- liches Forschen. Daniel ging kalten Blutes neben ihm her. Auf der Brandstätt standen die andern in Gruppen, und die Catherine hatte Mühe, den Weibern und Kindern zu wehren, die nach Fundstiicken umherstrichen. Als der Maire mit dem Daniel auf den Hof kam, steckten sie die Köpfe zusammen. Der Maire blieb stehen und lüftete den runden Filzhut, kratzte sich in dem ge- schorenen, graugesprenkelten Haar und sah sich suchend um. Er war schon oben gewesen und war überall herumgekrochen. An seinen Schuhen schleifte er Asche und verkohltes Holz mit, Daniel war es nicht entgangen. „Die Hütte steht noch," sagte Daniel und schritt voraus. Die Catherine hatte Zieger geprügelt in einer alten Pfanne über dem offenen Herd, der in der Ecke aufgemauert war. Jetzt sang der Kaffeehafen in der heißen Asche. Ilm Tisch, wo sonst die Melker den Käs wuschen, rückte Daniel die Bank zum sitzen. Der Maire blieb stehen. „Der Beisitzer ist um den Weg. Warten wir noch," sagte er und sah an Daniel vorüber, als wollte er ihm sein Äuge nicht zeigen. „Der Storkenhans? Braucht's den auch dazu?" fragte Daniel.„Deklariert ist's geschwind, was die Brunst gerichtet hat. Es greift's ein Blinder." „Der Beisitzer soll dabei sein. So ist das Reglement. Und die Deklaratimi gehört zur Kanzlei." Jetzt blickten sie sich an. Der Maire stand vor- geneigt, den Kopf zwischen die breiten Schultern zurückgezogen, die Hände auf dem Rücken. Daniel hatte die Fäuste in den Taschen der Jacke vergraben. „Gut, so warten wir halt," sagte Junt. Einen Augenblick standen sie sich noch gegenüber, dann ging der Bürgermeister an den Tisch und setzte sich, Dainel halte die Tür offengelassen, denn in dem verrußten niedrigen Raum kroch das Licht nur an den Wänden hin an dem trüben Tag. Er stellte sich auf die Schwelle und spähte nach dem ersten Beisitzer der Gemeinde aus. Aber der Hans Matheis Stork hatte den Weg noch nicht gefundm. Da sagte auf einmal die Stimme des Maire hinter ihm: „Ihr seid gut weggekommen bei dem Brand, kein Stück Vieh, ich wett, nicht einmal ein Hühnerei ist dringeblieben." Daniel drehte sich um. „Ich Hab die Hühner noch nicht gezählt. Es langt mit dem andern," antwortete er kurz. »Ja, ja, so geht's, wenn man nicht Sorg hat zur Sach," versetzte der Maire. Draußen lamentierten die Weiber, ein paar Mannen schimpften laut, daß es zur Hütt« herüberdrang, der Maire aber hatte noch keinen Fluch getan, keine Ueberraschung, keine Aufregung an den Tag gelegt, die Worte schlichen aus seinem Mund wie Eidechsen, die scheu aus den Mauerlöchern in die Sonne gieren. Aber in seinen Augen saß eine Drohung, die breiten Finger trommelten Sturm auf der Tischplatte. Daniel war langsam an den Tisch getreten. „Hätt die Gemeind mehr Sorg gehabt zu der Sach, so wär die Herberg neu im Holz und fester im Stein ge- standen." „Das ist der Gemeind ihr Sach." „Mein Sach ist's wie Eure!" Sie starrten sich fest in die Augen, scharf und spitz stießen Red' und Gegenred' aufeinander. „Euer Sach? Ihr seid drauf gelegen, und sie ist Euch unterm Hosenboden wegbrennt, wie wenn man mit dem Ripser drüber wegzündet." Daniel war noch fahler geworden, wachsgelb im Gesicht. Der Maire kniff die Lippen zusammen, als hätte er schon zuviel gesagt. „Grüß Gott miteinander." Der Storkenhans trampte über die Schwelle und wischte die tränenden Augen. Er prustete, und sein dickes, rotes Gesicht glänzte vor Schweiß. Die Bank keuchte, als der schwere Mann sich setzte. Erst sah er sich vergebens nach einem Glas um, dann schlug er schallend auf den Tisch. „Ist das ein Verlust! Jetzt hat die Gemeind nicht ein- mal mehr die Assekuranz dazu. Man könnt bigoscht meinen, der Daniel Hab sie expreß gekündet." „Und ich Hab sie expreß gekündet, damit die Gemeind dafür steht," antwortete Daniel gereizt. Dem Beisitzer schlug die Stimme um, blaurot wulsteten sich die Backen, als er schrie: „Herrgott, Ninive, jetzt hat's geschellt! Meint Ihr, wir bauen Euch ein Schloß auf den Berg? Kein Sou kommt aus der Gemeindskasse. Das Haus ist dem Daniel schon lang zu schlecht gewesen, jetzt ist's ein Dreckhaufen." „Ja, es hat ebbes. Er hat dem Gemeindrat seine Kondi- Ronen schon lang gestellt," schaltete der Maire ein. „Bau Dir selber eins, wie Du's magst, wegen mir ein Kaiserschloß!" tobte der Storkenhans. Daniel stand noch vor ihnen am Tisch. Er schnallte den Hosengurt fester, als gelte es einen Fausthandel. „Storkenhans, das sag' ich Dir, mit Deinem Maul schleckst Du die Tinte nicht ab vom Vertrag, der zwischen mir und der Gemeind Recht spricht. Die Gemeind baut." Er klopfte mit der rechten Hand auf den Tisch, und seine Stimme zitterte in verhaltenem Zorn. Da stand der Maire auf und sagte: „Erst spricht das Gericht. Es ist avisiert, und der Daniel muß ihm Bericht geben vom Brand. Hernach, wenn sich alles ausweist, kann man vom Bauen reden." Der Storkenhans hatte röchelnd nach Lust geschnappt, als ihm der Daniel übers Maul fuhr, jetzt blies er den Atem von sich, um zu antworten. Aber der Maire stieß ihm den Ellbogen in die Rippen im Vorbeigehen. Da schwieg er. Daniels Schläfen hämmerten. Was hatte das Gericht bei ihm zu suchen? Aber trotzig warf er den Kopf zurück. „Hört zu, Herr Bürgermeister: Mein Sach ist hin, sie liegt mit auf dem Haufen. Aber wenn die Gemeind jetzt baut, ich helf ihr dazu. Es bleibt bei dem, was ich vorgeschlagen Hab vor mehr als einem Jahr: Ein rechtes Haus, und ich stell eine eigene Hypothek drauf mit vier, nein mit drei vom Hundert und fünfhundert Franken, sechshundert mehr für die Macht." Der Storkenhans war schneller als der Maire und schnaubte: «Ein Hotel wie auf den Drei Aehren! Teufel noch ein- mal. Las war ein Fressen für die Sau. Gut, so bau eins« stell's auf Gemeindsboden, aber ohne die Gemeind!" Der Maire nahm ihm das Wort aus dem Mund. „Ja, so stimmt's, ohne die Gemeind." Wild lachte Daniel heraus. „Ohne die Gemeind und auf Gemeindsboden. Weil ihr da unten zu borniert seid und den Vorteil nicht greift, den Sou im Sack breit drückt anstatt zu bauen— und wenn's hernach doch soweit ist, da soll der Junt bauen! Auf Ge- meindsbodenl Herrgottsteufel, der Boden ist mein so gut wie Euch allen miteinander. Ich allein Hab mehr Recht dran als ganz La Motte. Und das Haus, wo ich drin versückt bin« das ist mein Haus gewesen, meins einzig und allein." Mit einem Fußtritt warf er die Türe ins Schloß und pflanzte sich breit vor die beiden. Draußen machten sie lange Ohren. „Unser Mieter bist Du. und einer, wo einem noch in die Asche setzt," sprudelte der Storkenhans. Der Maire blinkerte mit den kurzsichtigen Augen und näherte sein Gesicht dem des Gemeindepächters. „Ter Josef Junt hat schon regiert hier oben; der Daniel meint gar, es Hab keiner mehr drein zu reden. Da täuscht er sich. Jetzt redet erst das Gericht. Dem Goldadler kann's gleich sein, wenn das Haus herunterbrennt, der ist aus der Sach, denn der Daniel hat ihm's Nest heruntergeworfen, aber die Gemeind ist's einenweg noch nicht gleich, und wenn die Junt hundert Jahr die Herren spielen auf dem Berg. Der Daniel Junt ist ihr verantwortlich für die Ferme. Und wenn sie verbrennt, so ist er verantwortlich für die Brunst!" „Sehr gut, justament, so ist's," pflichtete der Beisitzer geräuschvoll bei. „Ah, so kalkuliert die Gemeind!" hohnlachte Daniel, und es schüttelte ihn vor Grimm. „Ich bin ihr verantwortlich, sie hockt mir auf, und ich, ich bin für sie da? Ich petitionier, ich zeig ihr's Loch, wo ein Weg geht, und sie kehrt mir den Buckel? Jeder sitzt auf seinem Eigenen da unten, und ich bin da oben nur ein Mieter? Weil die Junt vor bald hundert Jahren sich eingchaust haben auf dem Berg und Ihr derweil im Tal zu Eigenem gekommen seid? Wenn ich bei jedem Tritt, den ich gegen den Grund ge- geben Hab hier oben, gedacht hätt, er ist nicht dein, und in meinem Haus an die Wand geschrieben hätt, es gehört nicht dir, meinet Ihr denn, ich hätt eine Lust gehabt an der Weid und der Ferme? So wahr als ich's Leben Hab, Ihr, der Bürgermeister und der Storkenhans, der Gemeinderat und jeder da unten, Ihr seid m i r verantwortlich und mir ver- pflichtet, wenn ich's Euch bin. Ich komm und sag, die Gemeind muß bauen, ich verstick, mein Stall ist zu klein, das Haus ist zu eng, baut und ich zinse, und Ihr baut nicht! Ja, Kreuz und Blut, wo ist denn da noch ein Recht!" „Just das ist Gesetz und Recht," trotzte der Maire. „Ja, ich weiß, so hat's mir auch der Notari ausgelegt, wie ich in der Stadt war. Aber sell ist kein Recht, ein Dreck ist's. Ihr habt nicht bauen w o l l e n. und ein Wille ist noch kein Recht!" lFortsetzung folgt.) (Sinchduick verboten.) Oer Schiffbrüchige. Erzählung von W. W. Jacobs' lSchlutz.) „Es ist ein Wunder, daß er noch lebt," sagte Herr Detlef Strobel. beim Eintritt der alten Frau ins Zimmer aufblickend; „das klingt wie ein Märchen. Zeigen Sie uns doch die Narbe auf Ihrem Kopf noch mal. Maat." Der liebenswürdige Herr Kröger kam dem Wunsche nach. „Wir wollen nachher, wenn Sie Abendbrot gegessen haben, mit 'rumgehcn," fuhr Herr Strobel fort und erhob sich mit seiner Frau, um Abschied zu nehmen.„Das wird ein großes Vergnügen für mich sein, wenn der alte Liebermann reingelegt wird." Frau Rogenbuck schnaufte und warf einen geringschätzenden Blick auf seine sich entfernende Gestalt. Frau Kröger machte sich, auf die Aufforderung ihres Gatten hin, daran, den Tisch zu decken. Es war eine lange Mahlzeit, woran hauptsächlich Herr Kröger schuld war, aber endlich war sie beendet, und nachdem dieser Herr geholfen hatte, den Laden zu schließen, gesellten sie sich zu den Strobels, die schon vor der Tür warketcn, und machten sich auf den Weg. Der Spaziergang gestaltete sich sehr lebhaft durch Herrn Kröger, der alle zehn Meter Gruselanfälle bekam beim Gedanken an die übernatürlichen Dinge, deren er Zeuge sein sollte, und durch Herrn Strobel, der, um nicht schlechter zu sein, darauf bestand, alle Augenblicke regungslos stehen zu bleiben, bis seine kichernde bessere Hälfte iljm die Versicherung gegeben hatte, daß er nicht in einer Rauchwolke verschwinden solle. Zu der Zeit, da sie Herrn Liebermanns Wohnung erreicht hatten, hatte die Gesellschaft ihre Haltung wiedergewonnen, und mit Aus- nähme eines gewaltigen Erstaunens von feiten des Herrn Kröger, als sein Blick auf ein paar Schädel fiel, die den Tisch des Zauberers zierten, ließ ihr Benehmen nichts zu wünschen übrig. Herr Kröger wurde als ein Freund der Familie aus Hamburg vorgestellt. „Ich will tun, was ich kann," sagte der Alte langsam, als seine Besucher Platz genommen hatten,„aber ich kann nur sagen, was ich sehe. Wenn ich nicht alles sehe oder es nicht deutlich erkennen kann, so läßt sich das nicht ändern." Herr Kröger blinzelte Herrn Strobel an und wurde von diesem verständnisinnig gekniffen; Frau Strobel flüsterte ihncn hitzig zu, sie sollten sich anständig betragen. Die mystischen Vorbereitungen waren bald beendet. Eine kleine Rauchwolke, durch die die wilden roten Augen des Wahrsagers Herrn Kröger scharf anguckten, stieg vom Tische auf. Dann goß er ver- schiedene Flüssigkeiten in eine kleine Porzellanschale und blickte, die Hand hoch erhoben, um Schweigen zu gebieten, aufmerksam da hinein. „Ich sehe Bilder," verkündete er mit tiefer Stimme.„Die Häfen einer großen Stadt; Hamburg. Ich sehe einen mißgestalteten Mann mit einem krummen linken Bein auf Deck eines Schiffes stehen." Herr Strobel, dessen Augen sich vor Erstaunen weit öffneten, stieß Herrn Kröger in die Nippen, aber Herr Kröger, dessen Figur sein wunder Punkt war, gab keine Antwort. «Das Schiff verlätzt den Hafen," fuhr Herr Liebermann fort, der noch immer in die Schale blickte.„Jetzt kann ich den Bug sehen, worauf der Name gemalt ist. Der— der— der—" .„Guck noch mal hin, alter Junge," knurrte Herr Kröger leise. „Der„Nordstern"," sagte der Wahrsager.„Der mißgestaltete Mann steht noch immer auf dem Vorderteil des Schiffes; ich kenne seinen Namen nicht oder wer er ist. Er zieht das Bild einer schönen jungen Frau aus seiner Tasche und betrachtet es ernsthaft." Frau Kröger, die sich keinen Illusionen bezüglich ihres Aussehens hingab, setzte sich aufrecht, als wenn sie gestochen wäre, Herr Strobel, der schon wieder im Begriff war, Herrn Kröger in die Nippen zu stoßen, überlegte sich die Sache und nahm eine Miene reinster Un- schuld an. „Das Bild verschwindet," sagte Herr Liebermann.„Ah? Ich seh' schon, ich seh' schon. Ein Schiff im Sturm auf hoher See. Es ist der„Nordstern"; er ist im Sinken. Ter mißgestaltete Mann »ergießt Tränen und verliert den Kopf. Ich kann den Namen dieses Mannes nicht herausbekommen." Herr Kröger, der verschiedene Male auf dem Sprunge gestanden hatte, die Sache zu unterbrechen, räusperte sich und bemühte sich, unbeteiligt zu erscheinen. „Das Schiff sinkt," fuhr der Sterndeuter mit schauriger Stimme fort.„Ah! Was ist das? Ein Stück von den Schiffstrümmcrn mit einem sich daran klammernden Affen? Nein, nein. Wieder der mißgestaltete Mann. O je?" Seine Zuhörer saßen wie gebannt da. Nur das mühsame und heftige Atmen des Herrn Kröger unterbrach die Stille. „Er ist allein auf dem weiten Meere," fuhr der Scher fort. „Die Nacht senkt sich herab. Der Tag bricht an, und ein Kanoe, von einem schlanken und hübschen, aber dunkelhäutigem Mädchen gc- rudert, näherte sich dem Schiffbrüchigen. Sie hilft ihm in das Kanoe, und sein Haupt sinkt auf ihren Schoß, wie sie mit kräftigen Ruderschlägen das Kanoe einem kleinen mit Palmen besetzten Eiland zulenkt." „Hier, hören Sie mal—" begann der gequälte Herr Krüger. „Sch! Schi" machte der stark interessierte Herr Strobel. „Können Sie nicht ruhig sein?" „Das Bild verblaßt," fuhr der alte Mann fort.„Ich sehe ein neues: eine Eingeborenen-Hochzeit. Es ist das braune Mädchen und der Mann, den sie rettete. Ah! Die Hochzeit wird unterbrochen; ein junger Mann, ein Eingeborener, stürzt sich auf die Gruppe. Er hat ein langes Messer in seiner Hand. Er springt auf den miß- gestalteten Mann zu und verwundet ihn am Kopfe." Unwillkürlich fuhr Herrn Krögers Hand nach der ehrenvollen Narbe und die Köpfe der anderen wandten sich, um einen Blick darauf zu werfen. Der Ausdruck in Frau Krögers Gesicht war schrecklich, aber dasjenige der Frau Rogenbuck trug den Ausdruck betrübten und stillen Triumphes einer Person, die die Männer kennt und sich über nichts mehr wundert, was sie tun. „Die Szene verschwindet," ließ sich die monotome Stimme wieder hören,„und eine neue gestaltet sich. Derselbe Mann steht auf denc Verdeck eines kleinen Schiffes. Der Name am Bug ist „Peer"— nein,„Paris"— nein, nein, nein,„P e a r l". Es verschwindet vom Ufer, wo die braune Maid mit flehentlich aus- gestreckten Armen steht. Der mißgestaltete Mann lächelt und zieht das Bild des jungen und schönen Mädchens aus seiner Tasche." „Hören Sie mal," sagte der wütende Herr Kröger,„ich glaube, wir haben jetzt genug von dem Unsinn gehabt. Ich wenigstens— mehr als genug." „Das wundert mich gar nicht," sagte seine Frau, vor Wut zitternd.„Du kannst gehen, wenn Du willst. Ich werde noch hier» bleiben und alles bis zum Schluß anhören." „Bleiben Sie ruhig sitzen," drängte der mächtig interessierte Herr Strobel.„Er hat doch nicht gesagt, daß Sie das sind; es gibt doch wohl mehr als einen mißgestalteten Mann in der Welt?" „Ich sehe einen englischen Ozeandampfer," sagte der Seher, den anscheinend während dieses Wortwechsels im Trance gewesen war» „Er fährt von Australien nach Deutschland. Ich kann deutlich seinenr Namen sehen:„Marston Towers". Derselbe Mann ist da an Bord Das Schiff kommt in Hamburg an. Die Szene schließt: eine neue bildet sich. Der mißgestaltete Mann sitzt bei einer Frau mit eincnr hübschen Gesicht—- nicht derselben, wie auf der Photographie." „Was die an ihm finden, kann ich nicht begreifen," murmelte Herr Strobel neidisch.„Er ist ein wahres Schrcckbild, und ihn anzusehen—" „Sie sitzen Hand in Hand da," fährt der Wahrsager mit er» hobener Stimme fort.„Sie lächelt ihn an und streichelt zärtlich seinen Kopf; er--" Ein lauter Klaps scholl durch das Zimmer und schreckte die ganze Gesellschaft auf: Frau Kröger, unfähig, länger an sich zu halten. war, ohne von dem guten Beispiel zu profitieren, in das anders Extrem verfallen und ohrfeigte ihren Gatten mit größter Heftigkeit. Herr Kröger sprang wutentbrannt auf die Füße, und in der nun entstehenden Verwirrung verschüttete der Wahrsager zum großen Bedauern Herrn Strobcls den Inhalt der Zauberschale. „Jetzt kann ich nichts mehr sehen," sagte er, schnell in seinen Stuhl hinter dem Tisch sinkend, als Herr Kröger auf ihn eindrang. Frau Rogenbuck schob ihren Schwiegersohn beiseite, legte eins bescheidene Gabe auf den Tisch und nahm dann den Arm ihrer Tochter und führte sie hinaus. Die Strovels folgten ihnen, und Herr Kröger, nach einem unentschlossenen Blick in der Richtung des biederen Herrn Liebcrmann, folgte ebenfalls ihren Schritten und bildete den Nach» trab. Die Vorangehenden setzten eine Zeitlang ihren Weg schweigend fort, bis Herr Strobel, auf den die Sache einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte, sich dahin hören ließ, daß, wenn es nur mehr Wahr» sager in der Welt gäbe, es auch eine Masse mehr bessere Menschen geben würde. Herr Kröger machte sich an seine Frau heran.„Hör' doch mal, Beta, begann er. Red' nicht mit mir," sagte seine Frau und schmiegte sich enger an ihre Mutter,„ich antworte Dir doch nicht." Herr Kröger lachte bitter.„Das ist ja eine reizende Heimlehr," bemerkte er. Er blieb wieder zurück und setzte wütend seinen Weg fort, loobei seine Stimmung durchaus nicht gebessert wurde, als er bemerkte, daß Frau Slrobel, ohne Zweifel weil sie an das Sprichwort„Schlech» tcs Beispiel verdirbt gute Sitten" glaubte, ihren Mann fest beim Arm hielt. Seine Stellung als Verstoßener trat klar zutage, und er knirschte vor Wut mit den Zähnen, als er die tugendhafte Geradheit von Frau Rogenbucks Rücken bemerkte. Als sie das Haus erreichten, befand er sich in einer Verfassung wahnsinniger Sorglosigkeit, die viel weiter vorgeschritten war, als die ihm von dem Sterndeuter an» gedichtete. Seine Frau warf ihm einen solch fragenden Blick zu, als er im Begriff war, ihr ins Haus zu folgen, daß er mit seinem Fuß auf der Schtvelle stehen blieb und sie stumm ansah. „Hast Du drinnen etwas vergessen?" fragte sie. Herr Kröger schüttelte den Kopf.„Ich wollte nur'rcintominm und ein offenes Geständnis ablegen," sagte er mit seltsamer Stimme; „dann will ich gehen." Frau Rogenbuck trat zur Seite, um ihn passieren zu lassen, unk» Herr Strobel konnte es sich nicht versagen, mit seiner schwach pro» testierenden Gattin dicht hinter ihm einzutreten. Sie nahmen rn einer Reihe an der Wand Platz und Herr Kröger, der ihncn wie ein Verbrecher gegenüber saß, warf ihnen in seinem Grimm verächtlichs Blicke zu. „Na, und?" sagte Frau Kröger schließlich. „Alles, was er sagt, stimmt," sagte ihr Gatte trotzig.«Nur hat er bloß die Hälfte erzählt. Im ganzen habe ich drei braune Mädcheu geheiratet." Jeder außer Herrn Strobel schauderte vor Entsetzen. „Dann heiratete ich ein weißes Mädchen in Australien," fiih» Herr Kröger nachdenklich fort.„Ich muß mich wundern, daß der alte Liebermann das nicht in der Schale sehen konnte; das ist mir ein netter Wahrsager I" „Wa« sie bloß an ihm finden!" flüsterte der erstaunte Her? Strobel seiner Frau zu. „Und hast Du auch das hübsche Mädchen auf der Photographia geheiratet?" fragte Frau Kröger mit zitternder Stimme. „Jawohl," sagte ihr Gatte. „Gemeines Frauenzimmer I" schrie Frau Kröger. „Ich heiratete sie," sagte Herr Kröger nochsinnend,—„ich heiratete sie in Bremen, achtzehnhundertdreiundneunzig." „D r e i u n d n e u n z i g l" sagte seine Frau entsetzt.„Aber das ist unmöglich. Du hast mich doch erst vierundneunzig geheiratet. „Was hat das damit zu tun?" fragte das Scheusal ganz ruhig. Frau Kröger erhob sich kreideweiß von ihrem Stuhle, starrt« ihn mit entsetzten Augen an und versuchte vergeblich zu sprechen. „Du Schurke I" schrie Frau Rogenbuck wütend.„Ich Hab' Dir nie getraut!" „Ja, das weiß ich," sagte Herr Kröger ruhig. „Du hast Bigamie begangen?" schrie Frau Rogenbuck. „Wieder und wieder," gab Herr Kröger freudig zu.„Das ,ft das reine Steckenpferd für mich geworden." „Lebte die erste Frau noch, als Du meine Tochter heiratetest?" fragte Frau Rogenbud „Ob sie lebte?" sagte Herr Kröger.„Natürlich lebte sie. Sie lebt noch— Gott sei Dan!." Er lehnt« sich in seinen Stuhl zurück und betrachtete mit höchster Genugtuung die entsetzten Gesichter seiner Gegenüber. „Dafür— dafür sollst Du ins Gefängnis kommen," schrie Frau Rogcnbuck atemlos.„Wie ist die Adresse von Deiner ersten Frau?" „Ich verweigere die Antwort auf diese Frage," sagte ihr Schwiegersohn. „Wi« ist die Adresse von Deiner ersten Frau?" wiederholte Frau Rogenbuck. „Frag' doch den Wahrsager," sagte Herr Kröger mit höhnischem Lächeln.„Und denn las; ihn als Zeugen vorladen, kleine Porzellan- schale und alles. Er kann Dir mehr sagen, als ich." „Ich verlange ihren Namen und Adresse zu wissen," schrie Frau Rogenbuck und legte ihren knöcherigen Arm um die Taille der zitterrrden Frau Kröger. „Und ich weigere mich, sie zu nennen," sagte Herr Kröger mit großer Bestimmtheit.„Ich werde doch nichr selbst so gegen mich arbeiten; außerdem ist es auch gegen das Gesetz, daß man sich selbst eines Verbrechens beschuldigt. Geh man hin und verklag mich wegen Bigamie und gib den alten Rotäugigen als Zeugen an." Frau Rogenbuck blickte ihn sprachlos vor Wut an und beugte sich dann nieder und flüsterte aufgeregt mit Frau Strobcl. Frau Kröger ging zu ihrem Gatten hinüber. „Oh, Hinrich," klagte sie,„sag, daß es nicht wahr ist, sag, daß es nicht wahr ist." Herr Kröger zauderte.„Was hat das für einen Zweck, daß ich was sage?" sagte er mürrisch. „Es ist nicht wahr," beharrte seine Frau.„Sag, daß es nicht wahr ist." „Was ich Dir erzählte, als ich heute abend ins Haus kam, war alles wahr," sagte ihr Gatte langsam.„Und was ich Euch eben er- zählt habe, ist ebenso wahr, wie das, was der alte Lügenbold von Wahrsager Euch erzählt hat. Du kannst es halten, wie Du willst, was Du glauben willst." „Ich glaube Dir, Hinrich," sagte seine Frau. Herrn Krögers Antlitz erhellte sich und er zog sie auf sein Knie. „Das ist recht," sagte er vergnügt.„So lange, als Du mir glaubst, ist es mir egal, was andere Leute denken. Und ehe ich viel älter bin, werde ich schon herausfinden, woher der alte Gauner die Namen der Schiffe wußte, wo ich an Bord war. Es scheint mir, als wenn da jemand geschwatzt hat."— Kleines Feuilleton. — Die Ruinen von Rhodcfia. Der„Franks. Ztg." wird aus London berichtet: In Bulawayo hielt Mr. Raudall Mac Jvcr vor der IMtisb Association einen Vortrag über die geheimnisvollen Ruinen in Rhodesia. Nach des Redners Ansicht sind diese Ruinen keineswegs Ueberreste des alten Ophir und verdienen deshalb nicht die Bezeichnung„König Solomons Minen". Der Redner ging im April im Auftrage der Britisb Association und der Verwalter der Rhodesschen Erbschaft nach Rhodesia, um die Ruinen bei Jnhanga, Kami und anderen Orten sorgfältig zu untersuchen. Die Unter- suchung brachte ihn zu der Ucberzeugung, daß keine der in Süd- Rhodesia vorhandenen Ruinen älter ist, als vier oder fünf Jahr- hunderte. Die Bauwerke sind nach Ansicht des Gelehrten das Werk einer Neger raffe unter einer Dynastie, der man den Namen„Monomotape" gab. Mr. Mac Jver wurde durch nachstehende Tatsachen zn dieser Ansicht veranlaßt: Die Bauwerke tragen denselben Charakterzug wie die Negerbauten der Jetztzeit. Fast in allen Mauern findet man Holz eingc- bettet. Keine der Ruinen zeigt Spuren von Inschriften. Man fand steinerne und eiserne Werkzeuge zusammen. Weder die Bauwerke, noch die sonstigen vorgefundenen Sachen lassen auf frllhorientalischcn oder europäischen Einfluß schließen. Die Entdeckung von weiß und blauem Nankin-Porzellan und von anderen Gegenständen mittel- alterlicher Arbeit, die in den untersten Teilen der Fundamente ein- gebettet waren, berechtigt zu dem Schlüsse, daß diese Dinge vor Er- richtnng der Bauwerke als Handelsartikel dienten. Mac Jver ist der Ansicht, daß man in den Ruinen frühere befestigte Orte zu cr- kennen hat. Diese Orte umschlossen, gewöhnlich in Form einer Ellipse, in der Regel ein Kopse. Die sogenannten Sklavengruben, die als Untergrundwohnungen beschrieben wurden, sind nach Mac Ibers Ansicht die Zitadellen der Befestigung, um die die eigentliche Befestigung in konzentrischen Wällen angelegt lvar.— Theater. L» st s p i e l h a u s.„Jungfer Ambrosia". 3 Bilder vom Rhein von Franz Servae s.— Franz Servacs, der an- gesehene Feuilletonist und Kunstrichter der Wiener„Neuen freien Presse" hat, verführt von einem unheilvollen, anscheinend an dem Bombenerfolg von„Alt-Hcidelberg" entzündeten Schaffcnsdrangc, den Richterstuhl mit dem Armsünderbänkchcn des Angeklagten ver- tauscht Korpsstudenten in vollem Wichs, Komment, Kneiptafcl, sommerliche Rheingegend, die es an erinncrungsreichcm Stimmungs- reiz mit der berühmten Ncckarstadt wohl aufnehmen darf— so erprobten Requisiten, mag er und die Thcaterdirektion gedacht haben, kann doch ein Publikum, das dem Heidelberger Erbprinzen stürmisch zugejubelt, unmöglich widerstehen. Doch diese Rechnung, die ähnlich schon bei Hartlebens„Im grünen Baum zur Nachtigall", einem Stückchen, das, wie matt in der Empfindung, noch immer turmhoch über„Jungfer Ambrosia" steht, sich als verfehlt erwies, wurde gründlich nach Gebühr und Verdienst zuschandcn gemacht. Stand- Haft ertrug man die unsäglichen Breiten des ersten Bildes, nach dem zweiten wurde das obligate Klatschen durch energisches Zischen zur Ruhe verwiesen, beim dritten war die Pein erbitternder Langeweile so hoch gestiegen, daß es um ein Haar zu einem Theaterskandal bei offener Bühne gekommen wäre. Die Schauspieler, die der Unruhe im Zuschauerräume gegenüber wunderbare Kaltblütigkeit bewahrten, waren trotzdem m den letzten Szenen kaum mehr zu verstehen. Die Sitzreihen lichteten sich, man floh von den Plätzen, ehe noch der Vorhang fiel. Es war ein tragischer Saisonbegmu im Lustspiel- hause. Während sonst in den mißlungenen Dramen, die bei der Auf- führung Fiasko machen, meist doch irgend eine Szene oder irgendwo ein Ansatz zur Charakteristik steckt, woraus man ungefähr entnehmen kann, was denn der Autor eigentlich gewollt, was ihn zu seiner Arbeit hingezogen, ihm die Illusion gegeben, er schaffe etwas, versagt hier, wenn man von dem Wunderglauben an die Wirkung der Requi- siten absieht, eine solche psychologische Erklärung völlig. Dieses Fräulein Ambrosius, das einen Komponisten liebt, aus Aerger und Eifersucht sich mit einem banalen Korpsier verloben lassen will und dann bei einem lyichtlichen Kostümfest(Mondschein, Rheinhintergrund!) unter läppischem Gerede sich dem Künstler an den Hals wirft und den Zerrissenen zu wahrhaft deutscher Kunst begeistern wird, bleibt konsequent von Anfang bis zu Ende Schablone; nur daß sie trotz so vieler Anstrengung nicht einmal jenes bescheidene Maß von Munterkeit erreicht, das für solche Figuren im Dutzendlustspiel herkömmlich ist. Um zu veranschaulichen, wie unwiderstehlich ihre kokette Schönheit wirkt, läßt der Dichter extra einen bejahrten Schul- rat, für den sich später in dem Stück durchaus keine Verwendung mehr findet, im ersten„Bilde" aufmarschieren und einen Kniefall vor der Dame riskieren. Der Komponist beweist die Tiefe seines liebenden Gemütes durch trottelhaftes Benehmen und zuweilen auch durch kühneren Schwung der Sprache: Du rührst an Punkte, die zum Heiligsten gehören, was ich besitze usw. Indessen auch dem Fräulein ist die Kraft des poetischen Ausdruckes nicht versagt. Mitten im Geplauder mit einer Freundin wendet sie sich zur Seite, um einen Monolog nach dem Thema: Ach, daß sie ewig grünen bliebe... anzustimmen, und in ihrer Verlobungsfreude sagt sie, gleichfalls nach bcrRhmten Mustern, viel Schönes und Bcherzigens- wertes über eine alte Eiche. Der Ringelrcihn bunt kostümierter Studenten und ihrer Damen vollendet hier den Zauber des Romantisch-Poetischen. Den Gipfel aber alles taktlosen Ungeschmacks enthält die Kneipszene der Korpsier im zweiten„Bilde". Da dringt ein alter Musiker, Gemütsmensch mit roter Nase, in den geschlossenen Kreis, toastet auf den Idealismus der Jugend, und bezecht sich, während die gewichsten Herrchen ihren Spaß mit ihm treiben, sinnlos, bis seine Tochter und Fräulein Ambrosia den Schwankenden abholen. Um nichts und wieder nichts,— denn für die„Handlung" ist der Mann genau so überflüssig wie der knicbereite Schulrat— mutet uns Servacs diesen abstoßend peinlichen Auftritt zu. Wollte er etwa zeigen, daß cr sich wie auf die Poesie ebenso trefflich auf den Naturalismus versteht? Das bißchen eingestreute Satire war simple Kopie, am Oberflächlichsten haftend. Frau M a l l i n g e r spielte die Hauptrolle mit vieler Routine. Sehr nett war WilliWalterals jovialer Rheinländer Sanitäts- rat und der quadratisch Dicke wie aus dem„Simplicissimus" ge- schnittenc Coulcurfuchs.— dt. Notizen. — Von Emil Nicolai erscheint demnächst bei Bial, Freund u. Ko. in Breslau unter dem Titel„Welt und Leben" ein Band Gedichte. Der Autor ist ein invalider Handwerker.— — Die Neue freie Volksbühne hat soeben eine Ge« schichte ihrer Entstehung und bisherigen Tätigkeit in Form einer Broschüre veröffentlicht. Das Büchlein kann durch die Geschäfts- stelle des Vereins(NW. Bremerstr. 59) für 20 Pf. bezogen werden. Die Neue freie Volksbühne hat gegenwärtig über 7000 Mitglieder.— — Die„Jungfrau Ambrosia" ist nach der ersten Ans- führung sofort vom Repertoire des Lustspielhauses abgesetzt worden.— — Im Lessing-Theater geht Kayserliitgs neues Werk. Benigne ns Erlebnis" am 19. September zum ersten« mal in Szene.— — Kinderei. Das Schauspielhaus in Frank- f u r t a. M. will nächstens das Erstlingslverk eines Neunzehnjährigen, „Stürme, das Drama einer Jugend", herausbringen, Das Stück spielt in Schülerkreisen.— — Wolf-Ferraris neue Oper„Die vier Grobiane" lvird im Januar 1906 in München ihre Erstaufführung er- leben.— — Der größte Scheinwerfer der Welt, der sein Licht über 230 Meilen weit erstrahlen läßt, befindet sich auf der so- genannten Pike-Bergkuppe bei Colorado Springs üi den Vereinigten Staaten.— Beranttvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdrucker« u.Verlagzanjtali Paul Singer LtCo..Berlin 2' V.