Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 186. Sonntag, den 24.©enternder. 1905 4J Das Duell (Nachdruck verboten.) Roman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Hainän war von Herknnft eiir Tscheremisse. der Religion nach ein Götzenanbeter. Dieser letzte Umstand schmeichelte aus irgendeinem Grunde Romaschow. Im Regiinent war unter den jungen Offizieren die ziemlich naive, kindliche. lächerliche Gewohnheit verbreitet, den Burschen allerhand wiistc. ungewöhnliche Dinge beizubringen. Wetkin zum Bei- spiel fragte, wenn seine Kameraden bei ihm zum Besuch kamen, gewöhnlich seinen Burschen, einen Moldauer:„Na, Buseskul, haben wir noch Champagner im Keller?" Buseskul ant- wartete darauf vollständig ernst:„Nein, Herr Leutnant haben gestern das letzte Dutzend ausgetrunken."— Ein anderer Offizier. Unterlmwant Epifanow, liebte es, seinem Burschen sehr weise, ihm selbst schwerlich verständliche Fragen vorzulegen. „Wie ist Deine Meinung, mein Lieber," fragte er,„über die Wiederherstellung des inonarchischcn Prinzips im gegen» wärtigen Frankreich?" Und der Bursche erwiderte ohne zu blinzeln:„Sehr wohl, Herr Leutnant, das geht sehr gut."— Leutnant Bobetinski hatte seinem Burschen den Katechismus beigebracht, und nun antwortete der Bursche auf die sonder- barsten, zusammenhanglosesten Fragen stets:„Was gibt oder nützet dieses?"—„Dieses gibt oder nützet nichts/' oder: „Welche Meinung heget hierüber die heilige Kirche?"—„Die heilige Kirche heget hierüber keine Meinung." Derselbe Bursche deklamierte auch mit abgeschmackt tragischen Gesten den Monolog des Pimen aus Boris Godunow. Ferner war die Sitte verbreitet, die Burschen französisch sprechen zu lassen: „Bonschur, Mtlssjeh, bonne Nüit, Mussjeh, wuleh wu dü Tee, Mnssjeh"— und alle diese Albernheiten waren die Folgen der Langeweile, der Beschränktheit eines vollständig abge- schlossenen Lebens und des Fehlens jeglicher anderer Jnter- essen arißer den dienstlichen. Romaschow fragte Hainän oft nach seinen Göttern, von denen der Tscheremisse selbst eine ziemlich dunkle und kümmer- liche Vorstellung hatte, und fragte ihn besonders, wie er den Treueid für Thron und Vaterland geleistet hätte. Diese Eides- leistting war wirklich in sehr origineller Weise vor sich ge- gangen. Während die Eidesformel für die rechtgläubigen Russen der Pope vorsprach, für die Katholiken— ein römisch- katholischer Geistlicher, für die Juden— ein Rabbiner, für die Protestanten in Vertretung eines Pastors— Stabshauptmann Diez und für die Mohammedaner— Leutnant Bek-Agamalow— wurde mit Hainän ganz anders verfahren. Der Regiinentsadjutant reichte ihm und zwei Landsleuten und Glaubensgenossen der Reihe nach ein Stück Brot mit Salz auf der Säbelklinge; dann nahmen die Leute das Brot, ohne es mit den Händen anzufassen, in den Mund und aßen es sofort auf. Die symbolische Bedeutung dieser Zeremonie war wohl folgende: Ich habe Brot und Salz im Dienste des neuen Herrn gegessen— nun soll mich das Eisen strafen, wenn ich untreu bin. Hainän war augenscheinlich auf diese ganz besondere Zeremonie sehr stolz und erinnerte sich ihrer mit Vorliebe. Und da er bei jedem Mal seiner Erzählung immer neue und wieder neue Einzelheiten hinzufügte, so kam schließ- lich eine ganz phantastische, unglaublich abgeschmackte und in der Tat lächerliche Geschichte heraus, die Romaschow und den Offizieren, die ihn besuchten, viel Ergötzen bereitete. Hainikn glaubte auch jetzt, der Leutnant würde alsbald die übliche Unterhaltung über seine Götter und seinen Eid mit ihm beginnen, und blieb deshalb mit schlauem Lächeln erwartungsvoll stehen. Romaschow aber sagte träge: „Nun gut... Geh..." „Soll ich Dir den neuen Nock hinlegen, Herr Leutnant?" fragte Hainän bekiimmert. Romaschow schwieg und zauderte. Er wollte sagen— ja, dann— nein, dann wieder— ja. Er seufzte tief nach Kinderart in Absätzen und erwiderte verdrießlich: „Nein, laß das, Hainün... Wozu denn... Laß sie laufen... Bring' den Samowar, Freund, und dann lauf ins Kasino und hol das Abendessen." „Heut geh ich sicher nicht hin/' dachte er hartnäckig, aber ohne Energie.„Kann doch nicht jeden Tag die Leute langweilen und... Man scheint dort von mir gar nicht erbaut zu sein."� In seinem Verstände erschien ihm dieser Entschluß fest, aber irgendwo, tief verborgen in seiner Seele, regte sich, aller- dings fast ohne in sein Bewußtsein zu dringen, die Uebcr- zeugung, daß er heute wie gestern und wie fast jeden Tag während der letzte drei Monate dennoch zu Nikolajcws gehen würde. Jeden Tag, wenn er um zwölf Uhr nachts von ihnen ging, gab er sich voll Scham und Erregung über seine Charakter« losigkeit das Ehrenwort, eine oder zwei Wochen verstreichen zu lassen, oder seine Besuche bei ihnen gänzlich einzustellen, lind so lange er nach Hause ging, sich ins Bett legte und ein- schlief, glaubte er, daß es ihm keine Schwierigkeit machen wiirde, sein Wort zu halten. Aber die Nacht verging, langsam und verdrießlich schleppte sich der Tag hin, der Abend brach an, und wiederuni zog es ihn krankhaft und unwiderstehlich in jenes reine, helle Haus, in jene gemütlichen Zimmer, zn diesen ruhigen und fröhlichen Leuten und namentlich zu dem siißen Zauber der Schönheit, des Liebreizes und der Koketterie des Weibes. Romaschow saß auf dem Bette. Es wurde dunkel, abev er sah noch gut sein ganzes Zimmer. Ach! Wie langweilig war es doch, jeden Tag dieselben wenigen, dürftigen Gegen- stände seiner„Einrichtung" zu betrachten. Die Lampe mit! rosa Schirm auf dem Schreibtisch neben der runden, schnell! tickenden Weckuhr und den: Tintenfaß in Mopsgestalt; an der Wand beim Bette eine Filzdecke init einem Tiger und einem reitenden Neger mit einer Lanze: eine gebrechliche Etagere mit Büchern in der einen Ecke; in der anderen der sonderbare Umriß eines Violoncellfutterals; tiber dem ein- zigen- Fenster ein aufgerollter Strohvorhang. Nebm der Tür ein Bettuch, daß das Kleidergestcll bedeckte. Jeder ledigs Offizier, jeder Fähnrich besaß unausbleiblich ebeudiese Gegen- stände, mit Ausnahme des Violoncells; Roniaschow hatte cI dem Regimentsorchester entnommen, wo es gar nicht gebraucht wurde, hatte dann aber nicht einmal die Tonleiter gelernt und die Musik vor einem Jahr wieder aufgegeben. Vor etwas über einein Jahr hatte Romaschow, der cbei? erst die Kriegsschule verlassen, sich mit Genuß und Stolz diese alten Dinge angeschafft und sich eingerichtet. Eine eigene Wohnung, eigene Sachen, die Möglichkeit, sich etwas zu kaufen, nach eigener Wahl auszusuchen, sich nach seinem Geschmack! einzurichten— alles das erfüllte den zwanzigjährigen Jungen, der gestern noch auf der Schulbank gesessen hatte und mit den Kameraden in Kolonne zum Tee und Frühstück gegangen war, mit selbstsüchtigem Entzücken. Welche Hoff- nungen und Entwürfe hatten ihn erfüllt, als er sich diese kümmerlichen Dinge kaufte!... Welch strengen Lebensplan hatte er sich vorgezeichnet. Die ersten zwei Jahre— gründliche Bekanntschaft mit den Klassikern, systematische Erlernung der französischen und deutschen Sprache, Beschäftigung mit Musik. Im letzten Jahre Vorbereitung zur Akademie. Es war auch unbedingt nötig, das öffentliche Leben, Literatur und Wissenschaft zu verfolgen; deswegen abonnierte Roma- schow auf eine Zeitung und auf ein monatlich erscheinendes Journal. Zum Selbststudium schaffte er sich die Psychologie von Wundt, die Physiologie von Lewis und die„Lelk-llelp"' von Smiles an. r y. llnd nun lagen die Bücher schon dre, viertel Jahr auf. dem Bort, und Hcinän vergaß den Staub abzuwischen; die Zeitungen trieben sich noch im Streifband unter dem Schreib- tisch herum, das Journal wurde nicht mehr gesandt, weil der Aboimementspreis nicht bezahlt war; Unterleutnant Roma- schow selbst aber trank im Kasino viel Wodka, hatte schon lange ein schmutziges, langweiliges Verhältnis mit einer Regiments- dame, mit der er den schwindsüchtigen und eifersüchtigen Gatten betrog, spielte„Stoß" und fühlte sich immer mehr be- drückt, sowohl durch den Dienst wie durch die Kameraden und sein eigenes Leben. „Entschuldigen. Herr Leutnant!" schrie der plötzlich ge- räuschvoll vom Flur hereinstürmende Bursche; dann begann er aber sofort in ganz anderem, einfachem, gutmüsigem Toner „Hab' vergessen zu sagen. Ist ein Brief von Frau Peterson gekommen. Der Bursche hat ihn gebracht; sollg Antwort schicken," �* Nomaschcw nmzelte die Stirn, zerriß das lange, schmale, rosa Kuvert, auf dessen Ecke eine fliegende Taube mit einem Brief im Schnabel abgebildet war. „Mach Licht, Hainän," befahl er dem Burschen. „Mein lieber, guter, schnurrbärtiger George"— las Romaschow die bekannten, nach unten strebenden', unsauberen Zeilen.—„Tu bist jetzt schon eine ganze Woche lang nicht bei uns gewesen, und ich habe mich so nach Dir gesehnt, daß ich die ganze letzte Nacht geweint habe. Bedenk das eine, daß, wenn Du mich verachtest, ich es nicht ertrage. Ein Schluck aus dem Morphiuinfläschchen, und meine ewigen Leiden sind zu Ende, während Dich Dein Gewissen quält. Komm un- bedingt heute abend siebeneinhalb llhr. E r ist nicht zu Hause; er hat taktische Uebungen, und ich küsse Dich fest, fest, �est, so sehr ich nur kann. Komm doch. Ich küsse Dich 1 000 000 000... mal. Ganz Deine Raisa. I?. S. Weißt Du noch. Liebste, wo die Weide Leis am Flusse gerauscht? Heiße Küsse haben wir beide Dort miteinander getauscht. P. P. P. S. Sie müssen unbedingt, unbedingt nächsten Sonnabend zur Slbendreunion kommen. Ich bitte im voraus um die dritte Quadrille. Das hat was zu bedeuten!!!!!! R. P." iL. Endlich unten auf der vierten Seite stand folgendes: Hier habe ich hingeküßt. (Fortsetzung folgt.) lNachdmck verboten.) Der Meg zum Ruhm» Von E. G. G l ü ck. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Dr. Joseph söhn. JosephinLafrippe, 50 Jahre alt, Direktor der„Folies- Manitou".— Ein jovialer Herr mit breitem Vollmondgesicht und respektablem Bäuchlein. Paschaneigungcn, etwas beschränkte Jntelli- genz, aber im übrigen harmlos. JulicnMartel.Lö Jahre alt, dramatischer, noch nicht auf- geführter Autor. Wenig Talent, aber viel Selbstvertrauen. Das Kabinett von Herrn Josephin Lafrippe. DerTheaterdicner(eintretend und dem Chef eine Karte überreichend):„Der Herr behauptet, Sie hätten ihn bestellt." Lafrippe(erstaunt):„Ich?...(die Karte betrachtend): Uebrigens schon möglich!... Martel? Martel?... Wer kann das sein?... Er soll warten! Ich bin beschäftigt!..." Herr Lafrippe ist in der Tat beschäftigt: er rollt Zigaretten, die er in ein elegantes Etui aus rotem Leder tut. Nachdem das Etui gefüllt ist, schellt Herr Lafrippe und befiehlt, den Besuch hereinzu- führen. Martel(eintretend, etwas verlegen):„Herr Direktor!" Lafrippe:„Ah! Sie sind's?" Martel(verwirrt):„Ja." Lafrippe:„Sie bringen mir ein Stück, wie ich sehe?" „M a r t e l:„Ja, Herr Direktor." Lafrippe:„Sie wissen, Ballissart Hat mir einen Brief ge- schrieben, worin er Ihnen eine bedeutende Zukunft prophezeit." Martel:„Er hat mir allerdings gesagt..." Lafrippe:„Er versichert mir, Sie hätten Talent... (gönnerhaft) und ich bin nicht abgeneigt, auch meinerseits Ihr Talent zu entdecken... Uebrigens— das will ich Ihnen nicht der- heimlichen: ohne die Empfehlung Ballissarts hätte ich Sie noch nicht einmal empfangen!...(wichtig): Mein Theater gehört zu den- jenigen Kunstinstituten, deren Pforten sich nur den vom Erfolg be- günstigten Autoren öffnen." Martel(sich verbeugend):„Ich weiß es." Lafrippe:„Aber Ballissart interessiert sich für Sie— das genügt! Ebenso hoch wie sein Talent, welches ihn zu einem unserer bedeutendsten Schauspieler macht, schätze ich sein stets sicheres Urteil. Ich bin also bereit, Ihr Stück zu lesen und, wenn es sehr gut ist, werde ich es vielleicht auch aufführen... Es ist eine Komödie, nicht wahr?" Martel:„Ja, Herr Direktor, eine Komödie in drei Akten und in Prosa." Lafrippe:„Ausgezeichnet!... Die Prosa, gute Prosa notabene— etwas Besseres gibt's doch nicht l... Kommen Sie mir nicht mit Versstücken I...(achselzuckend) Spricht man denn im Leben/ jemals in Versen?" Martel(lachend):„Allerdings nicht!" Lafrippe:„Hätten Sie mir ein Versdrama gebracht, seien Sie überzeugt, ich hätte um keinen Preis,,." Fräulein Jane Driöre(die allmächtige Favoritin und Star der„Folies-Manitou", wie ein Wirbelwind ins direktoriale Allerheiligste stürmend):„Hör' mal, Josephini...(Martel be» merkend, der sich tief verbeugt) Ah! ich störe Dich!" Lafrippe:„Durchaus nicht!... Was wünschest Du?" Fräulein Driere:„Ich brauche zwei Logen für heute Abend." Lafrippe:„Donnerwetter! Zwei Logen! Das wird nicht..." Fräulein Driere(in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet):„Also abgemacht, nicht wahr?" Lafrippe(gezähmt):„Abgemacht!... Aber sag's dem Kassierer!" Fräulein Driere: Bon!... Auf Wiedersehen!" Lafrippe:„Auf Wiedersehen!" Martel(sich verbeugend):„Madame!" Fräulein Driere(ihn neugierig betrachtend):„Ich möchte wetten, der Herr ist Schriftsteller!" Martel:„Wetten Sie nicht, Madame! Sie würden ge- Winnen!" Lafrippe(vorstellend):„Julien Martel, ein Debütant, den Balissart mir warm empfiehlt... Fräulein Jane Driere." Martel(sich abermals verbeugend):„Mein Fräulein!" Fräulein Driere:„Julien Martel?... Wo habe ich doch?... Wenn ich nicht irre, habe ich Verse gelesen, die mit diesem Namen unterzeichnet waren!" Martel:„Ich habe einige Poesien im„Literarischen Echo" veröffentlicht." Fräulein Driere:„Richtig!— Sehr hübsche Sachen! Mein Kompliment!... Sie sind ein Dichter, der..." Martel(geschmeichelt):„Oh, mein Fräulein!" Lafrippe:„Sagen Sie mal, wie kommt es, daß Balissart mir nichts davon schreibt?...(zu Fräulein Driere) Also er hat Talent?" Fräulein Driere(bestimmt):„Enormes Talent!" Lafrippe(zu Martel):„Warum verschweigen Sie mir, daß Sie Verse...?" Martel(lächelnd):„Ich habe es durchaus nicht verschwiegen, aber da ich sah, daß Sic sich für Verse nicht sonderlich begeistern, hielt ich es für zweckmäßiger..." Fräulein Driere:„Was bringen Sie uns denn da? Ein Stück in Versen, hoffe ich?" Martel:„Nein, Fräulein, drei Akte in Prosa." Fräulein Driere(vorwurfsvoll):„Wie? Sie können reizende Verse machen und bringen uns ein Stück in Prosa!" Martel:„Gott! mein Fräulein, ich..." Fräulein Driere:„Und ich wäre so glücklich, ein schönes Versdrama kreieren zu können!" Martel:„Wenn ich gewußt hätte l... Aber für gewöhnlich werden die Versdichter auf dem Theater so stiefmütterlich behandelt ... Herr Lafrippe rühmte mir noch eben die Ueberlegenheit der Prosa..." Fräulein Driere:„Und er verachtete die Poesie?" Martel:„Er verachtete sie nicht. Er widerriet sie." Fräulein Driere:„Das sieht ihm ähnlich I... Er ist ein Barbar!" Lafrippe:„Na, na!" Fräulein Driere:„Ein dreifacher Barbar!— Wie übrigens alle seine Kollegen!" Lafrippe:„Erstens wußte ich nicht, daß Herr Martel... Ich bestreite durchaus nicht, daß eine Komödie in Versen, in schönen Versen..." Fräulein Driöre:„Wie ist denn Ihr Stück?... Er- zählen Sie mal schnell!... Titel?" Martel:„Liebe!" Fräulein Driere:„Ein banaler Titel!" Lafrippe:„Und sehr alt... So alt wie die Welt!" Fräulein Driere:„Wir werden ihn ändern... Die Szenerie?" Martel:„Im ersten Akt ein Salon mit großer Glaswand, welche den Ausblick auf einen Park gestattet." Fräulein Driere:„Schön I" Martel:„Im zweiten Akt ein in Dämmerung gehüllter Garten." Fräulein Driere:„Sehr schön!" Martel:„Im dritten Akt eine prosaischer: Szenerie:..: Bahnhof." Fräulein Driere:„Ei sieh mal an!" Martel:„In dieser Szeneric, welche viel Bewegung und die Einführung episodischer Figuren gestattet, spielen sich einige heitere Szenen ab, welche das richtige Relief für den Schmerz der Heldin bilden."... Fräulein Driöre:„Nun erzählen Sie uns das Stück!' Lafrippe:„Es wird doch nicht lange dauern?" Martel:„Nein... Andre liebt Lucienne wahnsinnig. Lucienne, welche mit einem Rkann verlobt ist, den sie nicht liebt, bricht mit ihreni Bräutigam, überwirft sich mit ihrer Famlie und geht. Andre soll sie auf dem Bahnhof treffen, um gemeinsam mit ihr in die Freiheit zu ziehen. Aber im letzten Augenblick vermag Andre, der verheiratet sit, sich nicht zu entschließen, seine Frau zu verlassen. Und nun geht Lucienne ohne ein Wort des Vorwurfs gegen ihm, für den sie Bräutigam, Familie, alles, alles geopfert hat, stolz, aber gebrochen, in die Freindc,,, Fertig!" 743 Fräulein D r i e r e:„Sehr schön! Die Rolle Lucienne's ist entzückend!" M et r t e l:„Wirklich?" Fräulein D r i c r e:„Doch Sie müssen Ihr Stück um- schreiben, ein Versdrama daraus machen.. Martel(zögernd):„Ja, aber... eben noch... bekundete Herr Lafrippe eine solche Vorliebe für Prosastücke l... Wenn Sie es so lesen möchten, wie es jetzt..." Lafrippe:„Nein, nein I... Ich bin sicher, daß Ihre Prosa nicht von weit her ist!...(Erstaunen bei Martel) Da sie ein Vers- dichter von Talent sind, können Sie unmöglich ein guter Prosa- schriftsteller sein!" Martel(lächelnd):„Das ist ein Paradoxon!" Lafrippe(sehr ernst):„Es ist die Frucht einer langjährigen Erfahrung!... Ein Beispiel: Rostand ist ein großer Poet, nicht wahr? Nun, schreibt Rostand Prosastücke?" Martel(lächelnd):„Nein." Lafrippe:„Schön!... Hervieu, Paul Hervicu, der uns wenigstens zwei Meisterwerke geschenkt hat, schreibt er Versstücke? ... Nein! Er könnte es nicht!... Sie haben hoffentlich nicht den Ehrgeiz, soviel Talent zu besitzen wie Hervieu und Rostand zu- sammcn?" Martel(verwirrt):„Nein, ganz gewiß nicht!" Lafrippe:„Sie werden sich sofort an die Arbeit machen. Fräulein Driere:„Und uns schnell ein Meisterwerk liefern, das... Ich verspreche Ihnen, Sie sollen nicht lange auf die Premiere zu warten brauchen!" Martel:„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, mein Fräulein!" Lafrippe(ihn zur Tür begleitend):„Ja, mein Lieber, eine gute Komödie in Versen, in schönen Versen— etwas Besseres gibt's doch nicht!" Ganz verwirrt von seinem Glück, kehrt Julian Martel nach Hause zurück. Noch am nämlichen Abend reist er nach Val d'Ajol. einem Keinen, weltentrückten Flecken in den Vogesen, wo seine Großmutter wohnt. Dort vergräbt er sich in die Einsamkeit und schreibt das gewünschte Versdrama. Er geht ganz aus in seinem Werk. Um nur ja durch keine äußeren Eindrücke gestört zu werden, empfängt er keinen Besuch, macht er keinen Besuch, ja nicht einmal eine Zeitung nimmt er während dieser Wochen in die Hand. Drei Monate später. Martel(mit erhobenem Haupt und siegesgewisser Miene das Kabinett von Herrn Lafrippe betretend):„Guten Tag, Herr Direktor!" Lafrippe(kardial):„Sieh' da!... Sie sind's? Wie geht's?" Martel:„Sehr gut!" Lafrippe:«Wo haben Sie denn so lange gesteckt? Bringen Sic etwas?" M a r t e l:„Ich bringe mein Stück!" Lafrippe(erstaunt):„Ihr Stück? Welches Stück?" Martel(verwirrt):„Wie denn— welches Srück? Nun, mein Stück, mein vollkommen umgearbeitetes Stück, welches Sie vor drei Monaten bestellt haben!... Ach! ES war ein hartes Stück Arbeit, aber ich bedauere es nicht!... Mein Versdrama wird..." Lafrippe:„Sagen Sie mal, was erzählen Sie mir da für Sachen? Ein Versdrama für die„Folies-Manitou"?..." Martel(unruhig):„Nun ja.�.. Fräulein Driere und Sie..." Lafrippe:„Fräulein Driere?... Hören Sie, Verehrtestcr. von wo kommen Sie eigentlich?" Martel: Aus Val d'Ajol." Lasrippe:„Gibt's denn dort keine Zeitungen?" Martel:„Doch. Aber ich habe seit drei Monaten kein Blatt in die Hand genommen." Lafrippe:„Das war sehr unrecht!... Wirklich unrecht!... Sie hätten dmm nämlich erfahren, daß die«Folies Manitou" seit 14 Tagen ihr Genre geändert haben." Martel(bestürzt):„Wie?" Lafrippe:„Ja, ich spiele nur noch Operetten. Martel(geknickt):„Ope...". Lafrippe:..... retten... Wenn Sre ein hübsches Libretto haben...?" Martel(sich an eine letzte Hoffnung klammernd):„Und Fräulein Driere?",,... Lafrippe:„In Amerika... Und das ist kein Verlust für- die französische Kunst." Martel(verzweifelt):„Oh!... Ohl... Die ganze Arbeit... die ganze Arbeit umsonst!" Lafrippe:„Ja. sehen Sie. das Theater bereitet einem bis- weilen solche kleinen Ueberraschungen!... Aber was sprechen Sie da von vergeblicher Arbeit? Ich kenne Sie jetzt! Ich weiß, daß sie Talent haben! Das ist immerhin ein Resultat, sollte ich meinen I— kleines feuiUetou. ig. Holzkauf. Bäckermeister Hinrichs stand in seinem Laden, als er einen Wagen hcraiikonrmen hörte. Er trat schnell vor die Tür und spähte die Dorfstraße hinunter. Richtig: Willfried war's. der alte grauköpfige Fuhrmann Saß, die Peitsche in der Hand, auf seinem wackeligen Kastenwagen und lenkie seine mageren Bräunest. Dabei paffte er aus einer kurzen Pfeife. „Na, Willfried. Wohin?" Willfried zügelte die Pferde, wies mit der Peitsche irgendwo hin und brummte mürrisch:„Nach der Stadt." „Hättest wohl Lust, mir was mitzubringen?" Willfried sah ihn von der Seite an:„Was soll'S sein? Vie! Platz Hab' ich auf dem Rückweg nicht." „Holz brauch' ich!" Hinrich zwinkerte mit den Augen.„Und weil Du immer ein Lager hast im Forst—" Willfricd überhörte den letzten Satz:„Hast Holz in der Stadt gekauft? Bei wem?" „Stell' Dich nicht dumm an!" Hinrichs zwinkertr noch'f�« hafter.„Wo kauft man.denn Holz? Keiner gibt's so billig ab toi« der Willfricd."'*■ „Ich?" Der alte Fuhrmann machte ein so erstauntes Gesicht, daß der Bäcker laut lachen muhte. „Komm' in den Laden. Trink' einen Bitteren." Willfried war schon unten. Er hakte einen Strang aus und folgte dem Bäcker. Dann trank er zwei Gläschen, kratzte sich den grauen Kopf und fragte:„Wie viel?" „So viel Du hast. Dein Wagen darf gepackt voll sein. UnÄ weil Du doch durch den Forst mutzt,— es wär' heute eine schöne Nacht dazu. Hast doch noch was lagern?" Der Bäcker zwinkerte wieder. „Gewiß Hab' ich lagern! Aber—" „Mach' keine Geschichten. Es zahlt sich." Eigentlich sollt' ich nicht. Hab' schon dem Krämer versprochen» sein Holz mitzubringen. Das füllt den Wagen." „Ei da! Die Geschäfte geh'n! Was. Willfried?" Willfried tat sehr ehrwürdig und zog eine Holzanwcisung hervor:„Da, beim Förster hat er's gekauft, der Kletter." Es klang vorwurfsvoll. „Der Kletter sst ein Esel, Willfried." Der Bäcker lachte.„Hol's ihm ein andermal. Das darfst ja am Tage riskieren." „Ja," sagte Willfried,„'s ist eigentlich schade um die schöne Nacht. Aber die Grünröcke streichen jetzt herum, man wird seines Lebens nicht froh." „Dann hast den Schein, wenn einer dazukommt. Und sagst; hast Dich in der Nummer geirrt." Willfried stand noch immer nachdenklich:„Es ist so ein Misst trauischer. Denkt leicht was Schlechtes von allen Menschen. Iahst für Jahr räubern die Spitzbuben im Forst, daß es eine Schande ist, sagt er." „Ist's auch." Der Bäcker lachte.„Da, trink' noch einen. Unser Herrgott läßt das Holz für alle wachsen. Ich bin auf in der Nacht. Klopf' nur an die Backstubentür. Wir schmeißen'S auf den Hof." Willfried fuhr davon und dachte: Wenn der Kletter chrltS» Leute um ihr Brot bringt und fein Holz beim Förster kauft, kann ihm ein Denkzettel nicht schaden.— Am anderen Morgen ging Kletter, der Krämeq die Dorfstraße entlang und guckte über alle Zäune. Neben ihm, gemächlich die Pfeife schmauchend, schritt Willfried, der Fuhrmann:„Es ist eine SchaudeP „Und Du bist sicher," sagte Kletter,„das Holz war nicht da?" „Kein Stück. Ein leerer Platz." „Hast Du Dich nicht im Ort geirrt? Ter Wald ist groß." „Ich kenn' ihn. Jagen 15 stand doch auf Deinem Schein, nicht? Nummer 64. Also 63 und 65, die Haufen Hab' ich geseh'n. Aber 64— nein. Der war futsch." „Kreuzmillionen l Was es für Spitzbuben hier gibt." „Mächtig wird geräubert, sagt der Förster." „Aufpassen sollen fiel" schrie Kletter.„Wozu bezahlt man sie! Liegen im Nest in der Nacht. Derweil tragen die Spitzbuben den ganzen Wald fort!" „Es ist schlimm," bestätigte Willfriod. Sie waren vor dem Bäckerladen angelaugt. Hinrichs siaiH schmunzelnd vor der Tür.„So wütig. Kletter?" „Mein Holz haben die Hallunken gemaust! Im Wald!" „Ja, Iva? kaufst es beim Förster!" „Wo kaufst Du's denn? In der Apotheke?" Hinrichs sonnte sich:„Es gibt schon Leute. Ich Hab' das meine'rein." „Laß sehen. Wird schönes Gefaser sein!" Kletter drängte auf den Hof. Willfried wollte ihn zurückhalten:„Gehen wir weiter." Kletter stand schon vor dem Holzstoß und schüttelte den Kopf; „Just wie mein's. Und billig, sagst Du?" Hinrichs lachte:„Halb so teuer wie beim Förster." Willfried gab ihm einen heimliche» Rippenstoß. Kletter betrachtete das Holz von ajkn Seiten:„Aber genau die Art wie das meinige." „Holz ist Holz." sagte Willfried.„Es gibt viel von der Sorte." Ein Stück lag quer auf dem Stoß. Kletter nahm's:„Eins Nummer? Eine— seine Miene erstarrte._ Ein drohender Blich zum Bäcker:„Num— mer vier— und— sech— zig?Il" „Das Stück muß mir einer über den Zaun geworfen haben." Hinrichs sandte Willfried einen vorwurfsvollen Blick zu. „Vielleicht haben sie Dir den ganzen Hänfen über den Zäun geworfen!" Wetter ward höhnisch.»Gestohlen ist'frl — 744 „Du. nimm Dein Maul in acht!" HinrichZ Gesicht wurde feuerrot. Willfried stand, seine Pfeife paffend, ruhig dabei:„Macht doch leinen Lärm um die paar 5iloben." „Paar Kloben? Schaffst D u mir mein Holz?" schrie 5iletter. „Wenn s weiter nichts ist. Eben fällt mir ein— Willfried schlug sich an die Stirn,„da stand noch ein Hansen'an der anderen Wegseite. Genau wie das hier. Die Forstleute mögen auch nicht immer genau nach der Reihe numerieren. Das liwr Tein'sl" „Du," Kletter maß ihn mir misttrauischcm Blick,„von Dir ..tagen ne auch nichts Gutes, die Leute." tTaS Geschwätz!" Willfried paffte gemächlich.„Ich schaff Holz I" '•W.i' iuteichs ward mutig. Er schrie den Kaufmann an:„Na, soll ,ch" anzeigen ober willst Du? Verleumderische Beleidigung, Du! Darauf steht was!" Kletter wankte in seiner Uebcrzcugung.„Ich wart noch bis morgen. Dmni zeigt sich das andere." Er ging. „Ten Kloben mit der Nummer tonntest mir schenken," meinte Willfried zum Bäcker. Der lachte:„Nimm ihn und scher' Dich, Tu Erzhallunkel"— Am Abend fuhr Willfried vorbei. Und am anderen Morgen fand der Krämer einen Holzhaufcn vor der Tür. Obenauf ein Stück mit der Nummer(j4. „Da siehst es," sagte Willfried zu Kletter,„mit der Beleidigung hättest eklig'reinfallen können. Ich bin ja nicht so. Aber der Bäckerl..." Ten bat Kletter um Entschuldigung. Aber einen Vcrsohnungs- trank mutzte er den beiden Beleidigten doch noch spenden.— Theater. L u st s p i e l h a u s.„Jahrmarkt in P u l s n i tz". Scbwank in drei Akten von Walter Harlan. Ungrecht ver- teilt die Gaben ohne Billigkeit das Glück. Während S ervaes' „Jimgfer Ambrosia" neulich unter allgemeiner llnruhe kaum zu Ende gespielt werden konnte, fand Harlans an llnbchülflichkeit und Langcrwcile wahlvcrwandtcr Schwank ein Prcmicrenpublikum, das ohne eine Regung von Widerstand, ja mit Lachen und Applaus alle Unbilden ertrug. Ob dieser merwürdigc„Erfolg" sich bei den späteren Vorstellungen wiederholen wird, darf freilich einstweilen wohl mit Fug bezweifelt werden. Bei einiger humoristischen Erfindungskraft wäre aus der Hauptfigur, dem. reichgewordenen unverheirateten Exfabrikantcn Ätzmann, der den Rest seiner Jahre der„Freude" leben will, sich eine Büste des Dionysos ins gute Zimmer stellt und in Er- mangelung anderer Unterhaltungen die lieben crbschleichenden Ver- wandten verhöhnt, geWitz etwas ganz Amüsantes, Aktuelles zu machen gewesen— ein Philister, der sich an Feuerwein pompöser Nietzsche- Sprüche einen drolligen Rausch getrunken und in dem Löwenfell des Ucbermenscheu feierlich einherstolzieren möchte! Aber Harlan gebt mit geschlossenen Augen an diesem doch so dankbaren und naheliegenden Motiv vorüber. Nicht einmal in Andeutungen weist er darauf hin. Das Gerede voni Dionysos verliert so jede Per- spektive, jeden nwtivierenden Hintergrund. Man versteht nicht, wie Atzmann auf diesen Sport verfällt. Ebenso wie man die Ver- rllcktheiten, auf die die anderen Personen verfallen, nicht versteht. Die Narrheit des Puslnitzer Nabob bleibt uninteressant, schablonen- Haft und dient auch nur als Ständer, ein paar matte, weit hinter dem üblichen Schlvankniveau zurückstehende Situationsspätze daran aufzuhängen. IIni nur recht viel Geld aus dem Fenster zu werfen und damit die Erben zu kränken, läht Harlan seinen Helden auf dem Jahrmarkt eine Negerin und in Berlin einen ägyptischen Mumicnsarg kaufen. Das und ein gereimter Gratulationsvorirag, mit dem die ägyptisch kostümierten Verwandten den Erbonkel bei seiner Rückkehr empfangen, sind ungefähr' die Hauptpointen zur Erzielung von Heiterkeit. Am Schlutz erfolgt dann programmatisch die Bekehrung. Ter frühere Komvagnon Atzmanns hält ihm über den vielberufenen Dionysos einen Vortrag nach dem Konversations- lexikon. Dieser alte Griechengott sei ein Symbol der schaffenden Triebkräfte in der Natur. Im Grunde stünden daher die so- genannten Philister, die da sleitzig bei der Arbeit und beim Sich- Vermehren sind, dein wohlverstandenen Dionysoskult weit näher als ein tatenloses, rästmnierendcS Junggesellentnm. Herr Ahmann nimmt sich das zu Herzen; im Handumdrehen verlobt er sich mit seiner Haushälterin und wird zum Wohl der Welt wie ehemals wieder läiite fabrizieren. Die Aufführung war bedeutend besser, als eS die Aermlichkeit des Stückes verdient hätte. Herr Marx nahm sich mit feiner Kunst der Hauptrolle an und stellte aus den Bruchstücken eine Art von mcnschcnähnlichein Gebilde her. Paulmüller nützte die Figur des Kompagnons zu einer hübschen, humoristischen Porträt- skizze eigener Prägung.— dt. Kunstgewerbe. es. Im Dürer-Haus, Kroncnstratze 18, findet äugen- blicklich eine Ausstellung von Künstlerdrucksachen statt, die diel Lehrreiches und Interessantes bringt. Sie ist von den„Monatsheften für graphisches Kunstgewerbe" arrangiert. Das Material bilden die Entwürfe, die im Laufe von drei Jahren in der genannten Zeitschrift erschienen sind. Diese macht es sich speziell zur Aufgabe, gleichermaßen praktisch und künstlerisch zu sein. Sie will die Vermittlerrolle zwischen dem Künstler, dem Produzenten, und dem Konsumenten, den auftraggcbenden Firmen, übernehmen. Sie verwertet dabei die Erfahrungen, die die in unseren Tagen neu aufblühenden graphischen Künste uns gegeben haben und so, indem sie in gutem Sinne modern ist, bringt sie in das Alltägliche, in das geschäftliche Leben ein bitzchen Kunst, eine reizvolle Linie, eine angenehme Farbe. Ter Prospekt der Ausstellung klingt zwar sehr pessimistisch, und wer die Verhältnisse kennt, mutz den Humor- voll anklagenden Worten recht geben. Die in Frage kommenden Firmen, die Druckaufträgc, sei es für Reklame, für Adressen oder sonst was zu vergeben haben, bleiben mit heiligem Eifer und gött- licher Trägheit beim alten. Wozu auch Neuerungen? Es ist ein- facher und vor allem billiger so. Und allzu eindringlichen Vor- stellungen gegenüber verschanzt sich der Fabrikant hinter den Ein- wand:„Wir können es nicht ändern, das Publikum will es so." So wendet sich die Leitung der„Monatshefte" an das Publikum selbst und hofft so, einen Druck auf die Fabrikation auszuüben. Damit würde zugleich das Ansehen der Leute steigen, die jetzt in ewig gleicher Fabrikarbcit festgehalten werden, der Lithographen, Drucker, die dann vor neue Aufgaben gestellt würden. Die Ausstellung gibt in dieser Hinsicht gute Winke. Sie zeigt, daß die Künstlerschar das Ziel immer im Auge behielt, praktisch und künstlerisch zugleich zu sein. Das erreicht sie oft durch ganz einfache, sinngemätze Anordnungen, durch Weglassen unnötiger Schnörkel, durch verständiges Ausnützen des Materials in Form und Farbe. Jedes Blatt zeigt die vernünftige Anwendung ge- wonnener Lehren und Anschauungen. Da finden wir�z. B. Gratulationskarten der Bäckerjungcn, Milchjungcn und der Schorn- steinfeger. Dann Etiketts für Bierflaschen, für Honig, für Pudding- Pulver. Menükartcn, Einladungsschreiben, Firmcnanzeigen, Wein- karten. Plakate, Ankündigungen, Rechnungen, Kataloge. Kurz— eine reiche Auswahl für die Firmen und die Besteller, denen gezeigt wird, was gut ist, damit sie diese Anregungen benutzen. Und auch den Fernstehenden interessiert diese Nutzbarmachung künstlerischer Ideen für praktische Zwecke. Wir sehen die Künstler die verschiedensten Wege gehen. Sie bleiben rein zeichnerisch und geben in Linien alles. Oder sie ver- werten farbige Reize. Wieder andere stilisieren die Farbe und die Linie und geben sinngemätze, logische Ornamente, die den Text umrahmen. Lehrreich sind die Tafeln des Leiters Knab, in denen Schwank in drei Akten von Walter Harlan. Ungerecht ver- lingsflügcls überträgt für künstlerische Entwürfe, wie er so aus der Natur Anregungen zieht, die er in seinem Sinne verwertet. So liegt von den einfachsten Dingen bis zu komplizierten Erscheinungen ein reiches Material ausgebreitet. Was speziell Druck- fachen anlangt, so sind besonders die Blätter lehrreich, die nur durch eigenartige Anordnung, durch besonders gewähltes farbiges Papier und eine einfache llmrandung künstlerische Physiognomie erhielten. In dieser Hinsicht ist der Prospekt der Ausstellung, der auf gelblich-grauem Papier einfach und zugleich elegant gesetzt, ohne viel Aufwand bemerkenswert. Die Ausstellung dauert bis zum 30. September. Der Eintritt ist frei.— Humoristisches. — Leicht zu helfen.„Glauben Sie, Herr Doktor, daß ich nach der Sachlage den Prozeß gewinnen kann?" „Nach der S ll ch l a g e nicht— aber wir können ja die Sache auch anders legen!"— — Immer Knauser. Mann:„Das falsche Markstück, das ich gestern vereinnahmt habe, kann ich nur gleich zum Fenster hinauswerfen!" Frau:„Wir gehen ja morgen zu der Soiree von Goldbcrgers! Gib's dem Diener als Trinkgeld!" Mann:„Gleich die ganze Mark?!"— Notizen. — Die Londoner„TimeS" haben einen Bücher kl ub er- richtet, ans dem jeder Abonnent, der sich verpflichtet, das Blatt 12 Monate zu halten, kostenlos so viele Bücher entleihen kann, wie er wünscht.— — Im Verlag von Fritz Pfenningstorff, Berlin ist ei» brauch- bares V o g e I h an d b u ch von Wilhelm Schuster erschienen. Behandelt die einheimischen Vogclarten. 70 Textabbildungen. Preis 1 Mark.- — Hermann SudermannS„Stein unter Steinen" geht im L e s s i n g- T h e a t e r am 7. Oktober zum erstenmal in Szene.— —„Der Polizeichef", eine neue dreiaktige Operette von Josef Bayer, gelangt Mitte Oktober im Theater des e st e n s zur ersten Aufführung.— Die Ausstellung des Deutschen Kün st lerbun des (Sezession) bleibt bis Sonntag, den 8. Oktober, abends 7 Uhr, geöffnet.— — Folgende Stilblüte aus dem Aufsatzhefte einer höheren Tochter aus Berlin IV. wird der„B. Z. am Mittag" mitgeteilt: „... und mit übergeschlagenen Beinen hingen die Mädchen am Munde des Lehrers."— Lerantw. Red. Heinrich Wetzl er, Grotz-Lichterfelde. Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcEo., Berlin SiV.