Ilnterhaltungsblatt des �Vorwärts Nr. 187. 5] Dienstag, den 26. September 1905 (Nachdruck Bevfiofw.) Das DuclU Noman von 31. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Der Brief duftete nach bekanntem Parfüm— persische Syringe; Tropfen von diesem Parfüm waren in gelben Flecken auf dem Papier getrocknet, und davon war eine ganze Menge Buchstaben ausgelaufen. Dieser süßliche Geruch samt dem faden, albernen Ton des Briefes und dem gleichzeitig in Romaschows Phantasie auftauchenden rothaarigen, kleinen, falschen Gesicht— erweckten in dem Offizier einen unbezwing- lichen Abscheu. Er riß den Brief mit boshafter Befriedigung mitten durch, legte dann die einzelnen Teile aufeinander, zerriß sie nochmals und abermals, und als er die Fetzen endlich nicht mehr halten konnte, warf er sie unter den Tisch, wobei er die Zähne fest zusammenpreßte und entblößte. Und selbst in diesem 3lngcnblick dachte Romaschow seiner Gewohnheit gemäß über sich selbst in der dritten Person: „Und er schlug eine bittere, verächtliche Lache auf." Gleichzeitig wußte er, daß er heute sicher zu Nikolajews gehen würde.„3lber das war sicher das letzte, allerletzte Mal!" — versuchte er sich selbst zu betrügen, und ihm wurde mit einem Male fröhlich und ruhig. „Hainän, ankleiden!" Er wusch sich ungeduldig, zog den neuen Rock an, par» fümierte ein reines Taschentuch mit Eau de Cologne. 3lls er aber fertig angekleidet sich zum Fortgehen anschickte, hielt Hainän ihn unverinutet an. „Herr Leutnant!" sagte der Tscheremisse ungewöhnlich weich und bittend und hüpfte Plötzlich auf der Stelle hin lind her. Er hüpfte immer so, wenn er stark erregt oder über etwas verwirrt war, streckte bald das eine, bald das andere Linie vor, bewegte die Schultern, reckte und streckte den Hals und spielte nervös mit den herabhängenden Händen. „Was willst Du noch?" „Herr Leutnant, ich will Dich nur um etwas bitten. Schenk' mir den weißen Herrn." „Was denn? Welchen weißen Herrn?" „Den ich wegwerfen soll. Den da..." Er deutete aus den Ofen, wo eine Puschkinbüste stand, die Romaschow einst von einem Hausierer erstanden hatte. Die Büste stellte indessen, trotz der Inschrift, nicht den großen russischen Dichter, sondern einen jüdischen Makler dar, war so abscheulich� gearbeitet, so durch Fliegen beschmutzt und für Romaschow so widerlich anzusehen, daß er wirklich Hainän dieser Tage befohlen hatte, sie wegzuwerfen. „Was willst Du damit?" fragte der Leutnant lachend. „Nimm sie meinetwegen. Ich freue mich darüber. Ich brauche sie uicht. Aber, was willst Du damit?" Hainün schwieg und trat von einem Bein auf das andere. „Na, also gut. Behüt' Dich Gott," sagte Romaschow. „Weißt Du denn auch, wer das ist?" Hainän lächelte freundlich- befangen und tänzelte noch lebhafter als vorher. „Weiß nicht!.. Und er wischte sich die Lippen mit dem Llermel. „Weißt es nicht?— So höre. Das ist Puschkin. Alexander Sergejcwitsch Puschkin. Verstanden? Wiederhole: Lllexander Sergejcwitsch..." „Besijew," wiederholte Hainän bestimmt. „Besijew? Nun, meinetwegen Besijew," sagte Romaschow. „Ich bin aber ausgegangen; wenn von Petersons jemand kommt, so sagst Du, der Leutnant sei ausgegangen, wohin weißt Du nicht. Verstanden? Wenn aber etwas Dienstliches kommt, so holst Du mich von Leutnant Nikolajew. Adieu, Alter!... Kannst Dir mein Abendessen aus dem Kasino holen und es aufessen." Er klatschte dem Tscheremissen freundlich auf die Schulter, und dieser lächelte ihm als Llntwort breit-fröhlich und ver- traulich zu. 4. Draußen herrschte so schwarze, undurchdringliche Nacht, daß Romaschow zunächst wie ein Blinder den Weg durch Tasten suchte. Seine Füße in den ungeheueren Galoschen versanken tief in dem dichten, gleichsam aufgehäuften Schmutz und gaben beim Herausziehen einen eigentiimlich saugenden, schmatzenden Ton von sich. Bisweilen sog sich eine Galosche so fest, daß der Fuß herausglitt, und dann mußte Romaschow, auf einem Fuß balanzierend, mit dem anderen im Dunkel aufs Geratewohl die verschwundene Galosche suchen. Der kleine Ort war wie ausgestorben; nicht einmal Hunde bellten. 3lus den Fenstern der niedrigen weißen Häuser strömte hier und da in trüben geraden Strahlen Licht und legte sich in langen Speichen auf den gelbbraunen, glänzenden Boden. 3lber von den feuchten und schmierigen Zäunen, an denen Romaschow sich die ganze Zeit entlang tastete, von der feuchten Rinde der Pappeln, von dem Schmutz ans dem Wege ging etwas FrühlingSmäßiges, Starkes, Glückliches, un» bemerkt Erheiterndes und Erregendes aus. Selbst der heftige Wind, der schnell ans den Wegen dahineilte, wehte frühlings- mäßig, ungleich, stoßlveise, gleichsam zitternd, sich verwirrend und Mutwillen treibend. Vor dem von Nikolajew bewohnten Hause blieb der Leutnant, von augenblicklicher Schwäche ergriffen, zögernd stehen. Die kleinen Fenster waren mit dichten, zimtfarbencn Vorhängen bedeckt, hinter ihnen aber spürte man gleich- mäßiges helles Licht. 3ln einer Stelle hatte sich der Vorhang umgebogen und bildete eine lange, schmale Ritze. Romaschow lehnte voll Erregung den Kopf gegen die Scheibe und bemühte sich, möglichst leise zu atmen, als wenn man ihn im Zimmer hören könnte. Er sah das Gesicht und die Schultern Alexandra Pe- trownas, die etwas gebückt, ziemlich tief auf dem bekannten grünen Ripssofa saß. Aus ihrer Haltung und den leichten Bewegungen sowie aus dem gesenkten Kopfe konnte man sehen, daß sie mit einer Handarbeit beschäftigt war. Jetzt richtete sie sich plötzlich auf, erhob den Kopf und seufzte tief... Ihre Lippen bewegten sich...„Was sprach sie?" dachte Romaschow;— jetzt— lächelte sie. Wie war das sonderbar— durch die Scheibe einen sprechenden Menschen sehen und ihn nicht hören! Das Lächeln verschwand Plötzlich von 3llexandra Pe- trownas Gesicht, die Stirn verfinsterte sich. Wieder bewegten sich die Lippen schnell mit demselben hartnäckigen Ausdruck, und plötzlich erschien wieder ein mutwilliges, spöttisches Lächeln. Jetzt schüttelte sie langsam den Kopf.„Vielleicht gilt mir das?" dachte Romaschow schüchtern. Etwas Leises, Reines, Ruhig-Unbekümmertes wehte ihn von dieser jungen Frau an, die er jetzt wie auf einem ausdrucksvollen, lieben, längst be- kannten Gemälde deutlich vor sich sah.„Schurotschka!" flüsterte Romaschow zärtlich. Alexandra Petrowna erhob plötzlich das Gesicht von der 3lrbeit und wandte es mit unruhigem Ausdruck zum Fenster. Es schien Romaschow, als wenn sie ihm direkt in die Augen sah. Vor Schreck zog sich sein Herz zusammen und erkaltete, und er trat schnell hinter einen Wandvorsprung zurück. Eine Minute schämte er sich. Er war fast schon im Begriff, nach Hause zurückzukehren, bezwang sich dann aber und trat durch das Pförtchen in die Küche. Während Nikolajews Bursche ihm die schmutzigen Galoschen auszog und die Stiefel mit dem Feudel reinigte, er selbst aber mit dem Taschentuch den in der warmen Luft be- schlagenen Kneifer abrieb und ihn dann sehr dicht an die kurz- sichtigen Augen setzte, ertönte aus dem Gastzimmer die helle Stimme Alexandra Pctrownas: „Stephan, ist ein Regimentsbefehl gekommen?" „Das sagt sie absichtlich!" dachte der Unterleutnant, gleichsam um sich selbst zu trösten.„Sie weiß doch, daß ich immer um diese Zeit komme." „Nein, das bin ich, Lllexandra Petrowna," rief er in freundlichem Tone in die Tür. „Ah! Romotschka! Kommen Sie'rein, kommen Sie 'rein. Was machen Sie da draußen? Wolodja, Romaschow ist da." Romaschow trat befangen und unwillkürlich in krummer Haltung ein und rieb sich ganz unnötig die Hände. „Kann mir denken, wie ich Sie langweile, Alexandra Petrowna." Er sagle SaB tm Glauben, eZ würde lustig und un- gezwungen aus ihm herauskommen; es kam aber ungeschickt und, wie ihm alsbald schien, schrecklich unnatürlich heraus. „Was sind das wieder für Dummheiten!" rief Alexandra Netrowna„Setzen Sie sich, wir wollen Tee trinken." Sie blickte ihm mifmerksam und klar in die Augen und drückte dann, wie gewöhnlich, kräftig mit ihrer klemen, warmen, weichen Hand seine kalte Rechte. Nikolajew saß, ihnen mit dem Rücken zugewandt, an einem Tisch, der mit Büchern, Atlanten und Zeichnungen über- laden war. Er mußte in diesem Jahre sein Examen für die «Generalstabsakademie machen und bereitete sich das ganze Jahr hartnäckig, ohne sich Erholung zu gönnen, darauf vor. Es war das schon das dritte Examen, da er zwei Jahre hinter- einander durchgefallen war. Ohne sich umzuwenden und den Blick von dem vor ihm liegenden,«offenen Buche abzuwenden, streckte Nikolajew Romaschow über der Schulter die Hand hin und sagte mit jeiner ruhigen, tiefen Stimme: „Guten Tag, Jurij Alexejitsch; nichts Neues! Schu- rotschka! Gib' ihm Tee. Mich müssen Sie schon entschuldigen, ich bin beschäftigt." „Natürlich bin ich ungelegen gekommen," dachte Roma- schow wieder verzweifelt.„O, ich Schafskopf!" „Nein, was soll ich Ihnen Neues erzählen... Zentaur hat Oberstleutnant Lech abgeworfen. Er war vollständig be- trunken, wie es heißt. In allen Rotten wird Fechten nach der Puppe verlangt. Epifanow hat Arrest bekommen." „So?" meinte Nikolajew zerstreut.„Nun sagen Sie hoch nur!" „Ich bin auch'reingefallen— mit vier Tagen... Kurz, lauter olle Kamellen." Nomaschow kam es vor, als wenn seine Stimme unnatür- lich und derart gepreßt klänge, als wenn ihm etwas im Halse stecken geblieben wäre.„Wie muß ich doch kläglich erscheinen!" dachte er, beruhigte sich aber alsbald auf die gewöhnliche Art, zu der schüchterne Leute oft ihre Zuflucht nehmen:„Das ist immer so, daß man in der Befangenheit glaubt, alle Leute sehen es einem an; in Wirklichkeit aber merkt man es nur selbst, andere aber nicht." Er setzte sich auf einen Lehnstuhl neben Schurotschka, die eine dünne Nadel schnell rührte und eine Spitze häkelte. Sie saß niemals unbeschäftigt da; alle Tischtücher, Servietten, Lampenschirme und Vorhänge im ganzen Hause waren von ihrer Hand gestickt. Romaschow faßte mit seinen Fingern behutsam den vom Knäuel in ihrer Hand ausgehenden Faden und fragte: „Wie nennt sich diese Arbeit?" „Guipure. Sie haben schon zehnmal danach gefragt." Schurotschka blickte plötzlich schnell und aufmerksam den Unterleutnant an und senkte ebenso schnell den Blick auf die Handarbeit. Dann erhob sie ihn aber sofort wieder und lächelte: »Ja, ja, Jurij Alexejtsch... bleiben Sie nur etwas fitzen und ruhen sich aus. Rührt euch! wie Ihr Kom- mando heißt." Nomaschow seufzte und schielte nach dem mächtigen Halse Nikolajews, der über dem Kragen der blauen Litewka sich scharf abzeichnete. „Glücklicher Wladimir Jefimitsch," sagte er,„fährt im Sommer nach Petersburg... kommt auf die Akademie." „Nun, das müssen wir noch erst sehen!" rief Schurotschka hitzig in bezug auf ihren Mann. „Zweimal sind wir kläglich zum Regiment zurück- gekommen. Jetzt kommt das lctztemal." Nikolajew wandte sich um. Sein militärisches, gutes Gesicht mit dichtem Schnurrbart errötete, und die großen, dunkeln Stieraugen glänzten böse. „Red' keine Dummheiten. Schurotschka! Ich habe gesagt — ich bestehe und— das geschieht." Er schlug fest mit der Handfläche auf den Tisch.„Tu sitzt nur da und prophezeist Unheil. Ich hab's einmal gesagt!" „Hab's einmal gejagt!" äffte seine Frau ihm nach und schlug sich, wie er. mit der kleinen, braunen Haud auf das Knie.�„Sag mir doch lieber: Welchen Anforderungen muß eine Truppe in bezug auf taktische Gliederung genügen? Sie wissen"— lächelte sie Romaschow mit den Augen mutwillig zu—„ich verstehe die Taktik besser als er. Nun also, Wolodja, lGeneralstabsoffizier, welches sind die Anforderungen?" „Dummheit, Schurotschka; hör auf," brummte Nikolajew ärgerlich. Plötzlich aber wandte er sich mitsamt seinem Stuhle zu seiner Frau herum, und in seinen weitgeöffneten, hübschen, aber etwas dummen Augen erschien zerstreute Un, wissenheit, fast Schrecken. „Wart, Kind, ich weiß es in der Tat nicht mehr, taktische Gliederung? Die taktische Gliederung muß derart eingerichtet sein, daß man möglichst wenig Verluste vom feindlichen Feuer hat, daß man gut kommandieren kann.., dann... wart mal..." „Warten kostet Geld," unterbrach Schurotschka ihn triumphierend, und sie begann, wie die erste Schülerin in der Klasse, fast leiernd, die Augen niederschlagend und hin und her schaukelnd: „Die taktische Gliederung soll folgenden Bedingungen entsprechen: Beweglichkeit, Geschmeidigkeit. Lenkbarkeit, be- guemes Kommando, Anpassungsfähigkeit an das Terrain; sie soll möglichst wenig vom feindlichen Feuer leiden, sich leicht konzentrieren und entwickeln und schnell in Marschkolonne formieren lassen... Das ist alles!..." Sie öffnete die Augen, holte mühsam Atem, wandte ihr lachendes, bewegliches Gesicht Romaschow zu und fragte: „Gut so?" „Weiß der Teufel, was die für ein Gedächtnis hat!" meinte Nikolajew neidisch,' aber mit Entzücken, und vertiefte sich in seine Hefte. „Wir machen eben alles zusammen," erklärte Schurotschka, „ich würde sofort das Examen bestehen. Die Hauptsache ist" — sie fuhr mit der Sticknadel durch die Luft—„die Hauptsache ist das System. Unser System ist meine Erfindung, mein Stolz. Wir nehmen täglich, einen größeren Abschnitt Mathematik, etwas Kriegswissenschäft— die Artillerie liegt mir allerdings nicht: all die eklichen Formeln, namentlich in der Ballistik—, dann etwas vom Tienstreglement. Den nächsten Tag beide Sprachen und wieder den nächsten Tag Geographie und Geschichte." „Aber Russisch?" fragte Romaschow aus Höflichkeit. „Russisch? Bagatelle. Tie Rechtschreibung nach Grot haben wir schon binnen. Und die schriftlichen Arbeiten kennt man ja. Sind stets ein und dieselben. Lara pneern, para bellum. Charakteristik Onegins im Zusammenhang mit seiner Epoche." Und plötzlich nahm sie lebhaft dem Leutnant den Faden aus der Hand, als wenn ihn nichts zerstreuen dürfe, und begann leidenschaftlich über das zu reden, was das ganze Interesse und den Hauptinhalt ihres jetzigen Lebens aus- machte. (Fortsetzung folgt.) lRnchdruck verboten,) Sine ruMlcke Republik. In aller Welt hoffen gegenwärtig die Freunde der Freiheit, daß der bluttriefende, kulturwidrige Zarismus über kurz oder lang einer russischen Republik Platz machen werde. Das wäre nicht die erste russische Republik. Vielmehr ist bereits in der Vergangenheit die republikanische Staatsform in Rußland vertreten gelvesen. Frnlich hat sie damals nicht das ganze Land, sondern nur einen Teil um- faßt, insbesondere drei Städte. Jahrhundertelang hat es im Mittel- alter auf russischein Boden drei Städterepubliken gegeben: die Re- publiken Nowgorod, Pskow und Wjätka. Die bedeulendste darunter und die Mutter der beiden anderen war die Republik Nowgorod. Bei diesem Namen darf mau nicht an die Stadt denken, die heute gewöhnlich gemeint ist, wenn schlechtweg von Nowgorod ge- sprochen wird: au Nischnij-Nowgorod an der Wolga. Es handelt sich vielmehr um Nowgorod am Wolchow unweit des Jlmensees, das zum Unterschied von dem anderen� Nowgorod Wjelikij, Groß-Nowgorod heißt. Groß-Nowgorod ist heute eine kleine Landstadt von 25 Ott) Einwohnern und ohne wirtschaftliche Bedeutung. Vor einem halben Jahrtausend dagegen trug es seinen Namen mit Recht; denn es war damals von mehr als 100(XX) Menschen be- wohnt und somit nach mittelalterlichen Begriffe», wie ein fran- zöfiscker Besucher im Jahre 1413 schreibt,«eine ungeheuer große Stadt." Bei den wirtschaftlichen Bedingungen, insbesondere bei den VerkchrSverhältmssen des Mittelalters, konnte sie so groß nur werden, weil sie durch die Gunst der Lage, durch eine direkte Ver- bindung mit dem Meere zu einem Mittelpunkt des überseeischen Handels sich eignete. Die Verbindung mit dem Meere stellte der Fluß Wojchow dar, der in den Ladogasee mündet, von wo dann die Newa zur Oftsee führt. Diese Wasserstraße war für die kleinen Seeschiffe des Mittelalters fahrbar. Sie ist schon im S. Jahrhundert n. Chr. von den Normannen befahren worden. Die normannischen Waräger, die unter Ruriks Führung das erste große Staatswesen in Rußland begründet haben, sind gegen 862 zn� Schiff nach Nowgorod gekonimen, das als„Holmgard" ihre Hauptstadt wurde. Den skandinavischen Abenteurern folgten skandinavische Kaufleute. 747— SBiSBt) auf der Insel Gothland knüpfte mit Nowgorod Handeln Beziehungen an. Durch die Vermittelung des Austausches zwischen dem slavi- schen Osten und dem germanischen Westen war Nowgorod schon eine bedeutende Handelsstadt geworden, als im 13. Jahrhundert die Hansastaaten, insbesondere die Kaufleute von Lübeck an die Stelle derjenigen vonWisby traten. Das hansischeHandelskontor in Nowgorod wurde zur Hauptguelle des Reichstums von Lübeck, aber auch von Nowgorod. Hier verlausten die Hanseaten deutsche Leinen-, Woll- und Metallwaren, Blei, Schwefel, Salz, Wein, Bier, Schiestbedarf ic. und kauften russisches Leder, sibirische Pelze, Wachs, Talg, Hanf, Flachs, Daunen und andere russische Erzeugnisse. Nowgorod trieb auch mit Konstantinopel Handel, aber der Ostseehandel war die Hauptwurzel seiner Blüte und Macht. Macht besaß es nicht nur im rein ökonomischen, sondern auch im politischen Sinn. Seit dem 12. Jahrhundert duldete Nowgorod keinen Herrscher mehr über sich, war es Republik und zwar eine Republik mit ausgedehntem Gebiet, das steilich damals von finnischen Wanderstämmen ganz spärlich bevölkert war. Das Herrschaftsgebiet der Republik Nowgorod dehnte sich nach und nach bis zum finnischen Meerbusen, zum weißen Meer, zum Ural und bis nach Sibirien hinein aus, umfaßte also das ganze nördliche Rußland. Die Macht der blühenden Handelsrepublik galt in Rußland für so unüberwindlich, daß ein Sprichwort sagte:„Wer kann gegen Gott und gegen Groß-Nowgorod". Die russischen Teilfürstentümer, die aus dein Zerfall von Ruriks Reich hervorgegangen waren, konnten jedenfalls nicht dagegen. Alle Versuche benachbarter Knäse, Nowgorod unter ihre Herrschaft zu beugen, blieben vergeblich. Als der Großsürst Swätoslaw von Kiew seinen Sohn der Republik als Fürsten aufnötigen wollte, bekam er den Bescheid:„Schick' ihn nur her, wenn er einen Kopf im Vorrat hat." Duldete die Republik keinen Herrscher über sich, so gab es dagegen immer einen Titularfürsten von Nowgorod aus der einen oder anderen der zahlreichen Fürstenfamilien, die ihren Ursprung auf Rurik zurückführten. Diesen Luxus leistete man sich teilweise wohl aus alter Tradition, hauptsächlich aber, um an der Familie des Fürsten und an ihren? Fürstentum eine militärische Stütze nach außen hin zu haben. Solch ein Fürst von Nowgorod mußte sich.aber hüten, sich mausig zu machen. Sonst warfen ihn die Nowgoroder ohne viel Federlesens zum Tor hinaus. Denn der„Fürst" war gewählt und konnte jederzeit abgesetzt werden, ivenn er unbequem wurde. Das ist einmal im Verlauf von sieben Jahren in fünf Fällen geschehen. Auf ein Jahrhundert kommen 30 Fürsten von Nowgorod. Sie hatten in der Tat bloß einen leeren Titel, wirkliche Macht dagegen viel weniger, als der Possadnik, oder wie die deut- schen Zeilgenossen übersetzen, der„Burgemeistcr" von Nowgorod. Der Possadnik und der ganze Magistrat, ebenso wie der Fürst, der Erzbischof und alle übrigen Beamten der Republik wurden un- mittelbar vom Volte gewählt. Eine Volksvertretung gab es in Nolvgorod nicht, sondern, wie im alten Athen und Rom, übte das Volk' selbst die gesetzgebende Gewalt aus. Wenn die große Glocke in FaroslawS Hof erschallte, so strouiren alle Bürger ohne Unter- schied von Stand und Besitz zur„Wietsche", zur Volksversammlung quf dem Marktplatz zusammen. Hier wurden die Steuern aus- geschrieben, die militärischen Kontingente festgesetzt, Kriegserklärun- gen, Friedensverträge und Bündnisse beschlossen, Gesetze jeder Art gegeben. Die Abstimmungen erfolgten nicht nach dem Mehrheits- Prinzip, sondern nach dem altslawischen Grundsatz der Einstimmig- keit. der sich ja bekanntlich auf den polnischen Reichstagen bis zur Zeit der Teilungen erhalten hat. In der Praxis ging die Sache in Nolvgorod so vor sich, daß geringe Minderheiten in der großen Masse verschwanden, übersehen, überhört, überschrien wurden. War dagegen die Minderheit sehr stark, so wurde die Einstimmigkeit manchmal durch die Gewalt der Waffen hergestellt. Ja, es kam vor, daß die Opposition im Wolchow ertränkt wurde. Das zeugt nun schon genügend für das Vorhandensein heftiger Parteigegensätze, denen hauptsächlich scharfe Klassengegensätze zu- gründe lagen. Es gab in der Stadt ein Patriziat, den Bojaren- adel. Dann waren die reichen Kaufleute vorhanden, weiter Krämer rmd Handwerker, die wohl größtenteils zu den„Hausstellenbesitzern" gehörten, Bauern und schließlich das„schwarze Volk", Proletarier. Indes entsprang der Parteikampf nicht allein aus dem Gegensatz der verschiedenen Klassen, fondern es gab auch unter den oberen Zehntamen d scharfe Gegensätze, die aus widersprechenden wirtschaftlichen Interessen entsprangen. Die einen waren mehr am Handel nach der Wolga und dem Orient, die anderen mehr an dem nach dem Dnjepr »md Konstantmopel beteiligt und wünschten je nachdem eine andere auswärtige Politik. Neben den Gegensätzen innerhalb der Bevölke- rung von Nowgorod gab es auch einen Gegensatz zwischen Nowgo- rodcrn und der Bevölkerung der weiten Gebiete, die zur Republik gehörten. Wie in den antiken Städterepubliken, hatten nur die Ein- wohner der Hauptstadt in der Volksversamuilung Stimmrecht. Die Nowgoroder Demokratie herrschte somit über die ganze übrige Be- völkerung, wenn diese auch das Recht haben mochte, lokale Angelegen- heite» selbst zu ordnen. Den unzivilisicrtcn Finnenstämmen mag das wohl genügt haben. In zwei Pflanzstädten von Nowgorod, die im Laufe der Zeit durch den Handel einen großen Aufschwung nahmen, war dagegen auf die Dauer die Bevölkerung nicht mehr bannt zu- frieden, sich von der Wjetsche m Nowgorod das Gesetz vorschreiben zu lassen. Die beiden Städte Pskow am Peipussee und Wjätka, ein vorgeschobener Posten im östlichen Rußland, strebten nach Selb- stand, gkeit und hatten damit schließlich Erfolg. Im 15. Jahrhundert waren sie unabhängige Republiken, in denen sich die Einrichtungea der Mutterstadt„ach kleinerem Maßstabe wiederholten. Während Nowgorod durch die Loslösung Pskows und Wjätka» geschwächt wurde, erstarkten zwei benachbarte Mächte in höchst be- denklicher Weise: die Großfürstentiimer Litauen nnd Moskau. Hatt» die Republik von den kriegerischen Litauern nichts Gutes zu erwarten, so noch viel Schlimmeres von der rein barbarischen Macht, die sich in den Händen der Großfürsten von Moskau konzentriert hatte, In früheren Jahrhunderten für Nowgorod nicht gefährlicher als die übrigen Teilherrscher, hatten die Moskauer Großfürsten es in der» Zeiten der Tatarenherrschaft, seit der Mitte des 13. Jahr- Hunderts, als untertänige Knechte der Mongoleuchane von der goldenen Horde mit deren Hülfe zn Beginn des letzten Drittels im 15. Jahrhundert allmählich dahin gebracht� daß fast alle Teilfürstentümer mit dem ihrigen vereinigt wurden, daß sie auf einem weit ausgedehnten Gebiete despottsche Gewalt übten.(Schluß folgt.) kleines fanUeton. t. Zur Aufklärung über den menschliche» Magnetismus kann ein Aufsatz von R. Handmann dienen, der sich insbesondere mit dem in letzter Zeit so viel erörterten Kompas-Experiment des Physiologen Professor Harnack in Halle beschäftigt. Das Wichtige, Ausjehen« erregende an den Harnackschcu Versuchen bestand in der Beobachtung. daß die Magnetnadel eines Kompasses, wenn dessen Glasfläche mia der Hand gerieben wird, sowohl in wagerechtem wie in senlrechlen Sinne eine Ablenkung aus ihrer Ruhelage zeigt. Man hat aus dieser Tatsache den Schluß gezogen, daß im menschlichen Körper überhaupt oder wenigstens bei besonders veranlagten Personen eine magnetische Kraft stecken müsse. Ties« Folgerung scheint besonder.' dadurch eine Begünstigung erfahren zu haben, daß nach den Wahr- nchmungcn von Professor Harnack die Fähigiett des Menschen zu Ablenkung der Magnetnadel schwankt und z. B. geringer ist, wenn dis betreffende Ptzrson lange nichts gegessen oder sich kurz vorher durch eine sehr lebhafte Unterhaltung angestrengt hat..Handmann l?at nun eine ganze Reihe von Versuchen angestellt, um die Erfahrungen und Schlüsse von Professor Harnack nachzuprüfen und veröffentlicht seine Ergebnisse jetzt in der Monatsschrift„Natur und Offenbarung". Einmal wurde die Reibung der 0»lasplatte des Kompasses mit der Fingerspitze vorgenommen und aus diese Weise iatsächtich eine Ab» lenkuug der Magnetnadel herbcigcsührt, und zwar in der R ichtun r nach der Stelle, an der die Reibung stattgefunden hatte. Außerder. hob sich die Magnetnadel nach dieser Stelle hin, wurde aber abge- stoßen, wenn der Finger der Stelle wieder genähert wurde. Wenn man mit dem reibenden Finger einen vollständigen Kreis beschrieb, so gelang es wohl auch, die Magnetnadel ganz im Kreise herumzu» führen, und zwar unter Umständen mehr als zehnmal hinterein» ander. Es kam nun daraus an, durch weitere Versuche zu er- Mitteln, ob ähnliche Erscheinungen auch nach einer Reibung de, Glasfläche mit anderen leblosen Gegenständen stattfinden würden. Wurde die Glastafcl mit einem Papierstückchcn gerieben, so fan' die Ablenkung gleichfalls statt, außer wenn das Glas während de- Reibens angehaucht wurde. Wenn man den Finger vor dem Versuch mit einer isolierenden Flüssigkeit, z. B. Petroleum benetzte, fw die Ablenkung stärker aus, bei Befeuchtung mit einer nichtisolierender. Flüssigkeit, z. B. Wasser, sehr viel geringer. Danach ist mit voller Sicherheit anzunehmen, daß nicht ein innerer Magnetismus de» Körpers, sondern die Reibungselektrizität als nächste Ursache für di. darauffolgende Anziehung der Magnetnadel zu bezeichnen ist. Na» mentlich die Tatsache, daß die Magnetnadel bei späterer Annäherun. des Fingers wieder abgestoßen wird, ist nach dieser Richtuncz hu» beweisend. Auch die Körperwärme dürfte jedoch einen gewissen Ein« flutz besitzen, indem sie den elektrischen Effekt vermindert oder ver- stärkt, und daraus wäre auch der verschiedene Erfolg des Experiment? bei verschiedenen Zuständen des menschlichen Körpers zu erkläre- Da beide Pole der Magnetnadel von der geriebenen Stelle dcrselb> Glastafel angezogen und auch beide bei Annäherung des Finge abgestoßen werden können, so kann die Erscheinung auch keine mc. netische, sondern nur eine elektrische sein.— Theater. Schauspielhaus.„Der SchwurderTreu e". Lus spiel in drei Aufzügen von Oskar Blumenthal.— Blumen thal bewirtete sein Publikum im Schauspielhanse zweieinhol Stunden lang mit Schlagsahne und Himbeerlimonade: seine Gast schluckten das Menü mit vielem Behagen. Drei Gänge gabs, i. jedem wurden dieselben Süßigkeiten serviert und doch hielt d» Appetit anscheinend bis zun« Schlüsse vor. Vier oder fünfmal könnt» der Urheber der Genüsse vor dem Vorhang erscheinen und mit dar kender Geberde für den rauschenden Beifall quittieren. D,e derb zufasse» den Prosaschwänke aus Blumenthals früherer Zeit,„Hans Huckebei. der Unglücksrabe".„Das weiße Rößl" und noch manche ander nehmen sich an dem leeren Versgetändel dieses neuen Lusttznel!- g- messen beinahe wie Musterproben lustiger Komodienlaune u,t. theaterkundiger Erfindungskraft aus. Nun soll das Recmgellingc die Einfälle ersetzen. In kleinen epigrammatisch zugespitzt� Plaudereien, in„Abu-Said" und„Wenn wir altern", wirkte d-esp leichte spielerische Verskunst freilich unterhalt, am. Es war da noch - 748— ein Sinn für Proportionen. Im„Schwur der Treue" aber ähnlich wie in der„Fee Caprice" lvird die Rcimgcwondt- heit zum Biofeen Mittel, ein Nichts durch Wortschwall endlos zu dehnen. Eine gewisse pikante Ungewöhnlichkcit der Reime, die sich zuweilen zum Reimwitz steigert, Bildet hier das Gesamttnventar. aus dem Mt für Akt die geistigen Unkosten Be- stritten»erden. Man denke sich die Sache in Prosa üBersetzt und xcin Publikum würde die Dürftigkeit der Situationen und Figuren, die Fadheit der Sentiments mehr ertragen können. Bltnn»nthal kostümiert seine Puppen holländisch und versetzt sie in dn-Z Antwerpen des sieBzehitteu Jahrhunderts. An Veit van Emden, einem Schüler Reinbrandts und Schürzenjäger, über dessen Vcrführungskünste nnt einer Arr bewundernder Sympathie und recht fatalem Kichern in dein Stück gesprochen wird, vollzieht eine reiche schöne Dame ein Bekchrung-Zwerk. Bei seinem Heiratsantrag in die Enge getrieben. Bekennt er,' den Schwur der Treue nicht leisten zn können; alles ändere sich und wechsele in der Welt, Ivie könne da ein Mann gut sagen sür sein Herz. Trotzdem reicht ihm das Fräulein die Hand zum Ehebnnde. Die Kuren, die in zahlreichen Komödien kluge Frauen an ihren ungetreuen Männern vornehmen, uiii sie zur ehelichen Pflicht zurückzulocken, sind allesamt nicht sonderlich glaubwürdig, aber oft doch amüsant— und so leicht wie Blumenthal hat fich's doch kaum ein anderer mit der Erfindung ge- macht. Eine schöne Gräfin, die der zum glücklichen Gatten avanzierte Veit van Emden malt, läd ihn, just während der Onkel der junge» Frau dabeisteht, zn einem Rendezvous am Abend ein. Der Onkel sagt es seiner Nichte, und diese fordert Veit nun selber auf, er solle sich in dem galanten Abenteuer durchaus nicht stören lassen, ihn Binde ja kein Eid. Das Rezept schlägt zum Verwundern aic. Mt dent Reize des Verbotenen verliert die Versuchung fiir Veit van Emden überhaupt jeden Reiz. Er schickt den unter- nehmungslustigen Onkel statt seiner zur Gräfin und will in neu- entflammter Liebe seiner Frau gcbören. Die aber weist ihn— hiermit Beginnt die Nachkur— stolz und unerBittlich zurück. Das hat den Vorteil, einen dritten Akt, in dem wir die endgültige Ver- söhnung miterleben dürfen, zu ermöglichen Ein Freund von Veit Bringt ihm Grüfee von Rcmbrandt und das Bild, auf dem der Meister sich abkonterfeit hat, wie er sein Weibchen auf dem Schofe hält und ftöhlich mit der anderen Hand das Weinglas in die Luft schwenkt. Dies Beispiel, über das der Freund in langer Rede sich verbreitet, verfehlt die Wirkung auf Elaudine nicht. Sie ist gerührt und Veit, der ihre Züge in einem Gemälde voll höchster Kunst vercloigen tvill, sinkt ihr zu Füfeen und schwört überwunden den Schwur der Treue. Die paar Wendungen und Pointen, die Blumenthal dem Thema abgewinnt, hätten zu einein kurz gefafeten Einakter kaum hingereichte Es wurde flott und leicht gespielt. Fräulein A r n st ä d t war eine anmutige Elaudine, Pohl sprach die Onkelrolle ausgezeichnet, und auch Herr Christians als Veit van Emden fand sich in den spielerischen Ton.— ckt. Kulturgeschichtliches. — Eine Hausordnung aus dem 17. Jahr hun dert. In der„Franks. Ztg." wird nach den„Memoiren" des Geschichtsforschers Lang die„Haus- und H o f o r d n u n g' mitgeteilt, die der Statthalter Hildebrant Christoph v. Haiden Berg(1645— 1682) am 10. März 1666 für seine Dienstleute er liefe. Diese Haus- und Hofordnung begann mit der Erklärung an die Diener des Statthalters, dafe sie allzumal grobe, ungehobelte, dumme und unachtsame Kerle wären, denen er nur mit folgenden Lebens- und Sittenregeln väterlich an die Hand gehen wolle. Es heifet da: Wer nichts aus der Predigt behält, soll wie ein Hund, auf der Erde liegend, sein Mittagbrot fressen; wer flucht, eine Stunde lang mit Blofecn Knicen aus einem scharf gehobelten Brett knicen. Wer das heilige Abendmahl, wenn es ihm angesagt wird, dasselbe zu empfangen, versäumt, soll mit schwerem Gewicht belastet auf dem Esel reiten oder auch, nach Umständen, die Peitsche erhalten. Hausdieben wird der Galgen versprochen. Wer in Briefe guckt, wenn sie auch offen daliegen, soll drei Tage hintereinander die Bastonade erhalten und als infam fortgejagt werden. Wer die Zeit verschläft, dem sollen zwei seiner Kameraden die Hosen glatt anziehen und ihm jeder sechs Hiebe geben. Ehe der Statthalter aufsteht, müssen die Kleider rein abgebürstet und in guter Ordnung auf dem Tische liegen. Schuh und Stiefel gereinigt unter der Bank stehen, frisches Wasser und Handtuch bereit sein, Se. Exzellenz beim Aufstehen siiblilstermafeen angekleidet, was sie ablegen, wohl verwahrt werden. Die Speisen sind in guter Ordnung, ohne etwas zu verschütten auf- zutragen, die Schüsseln mit Reverenz wieder abzunehmen. Wer aber nascht, und Nase, Maul und Finger in allen Schüffeln hat, soll gezwungen werden, zur Vertreibung seines Appetits, heifee und brennende Speisen zu fressen. Jeder ist schuldig, auf erhaltenen Befehl mit einer Reverenz hervorzutreten und deutlich und laut das Tischgebet zu sprechen. Wer stockt, empfängt sechs spanische Nasenstüber. So einer mit ungewaschenen Händen aufwartet, soll sich geberden, als wenn er sich wasche, während einer ihm Wasser auf die Hände giefet, ein anderer aber sie ihm mit zwei scharfen Ruthen sc lange abtrocknet, bis sie wohl bluten. Desgleichen wer ungekämmt aufwartet solcher soll im Stall mit der Pferdckampel, in harter Aufsetzung des Hofmeisters tüchtig gekampelt werden. Das Tischtuch ist in einem Wurf überzubreiten, jeder Teller mit einer Serviette zu belegen, das Salzfafe mit reinem Salz zu ver sehen. Wenn es Zeit ist, sind die Lichter aufzusetzen und fleifeig, jedesmal beim Platz des Vornehmsten angefangen, zu schnuppen. Zuletzt wird das Tischtuch manierlich wieder abgenommen, und mit einer Reverenz wieder abgetreten, bei Pön sechs italienischer Nasen- stüber. Wer laut lacht, soll 4 Knipzchen aus die Finger empfangen. Wer ein Glas übervoll einschenkt, und es dann mit seinem eigenen Maule abtrinkt, erhält 20 Hiebe nach der Peitschenordnung. Wer unreine Gläser präsentiert, kann wählen zwischen vier Ohrfeigen oder sechs Nasenstübern. Nach Tisch wird jedem Gaste ein Hand- Wasser und eine reine Handquehle mit Reverenz dargereicht. Die- weil es auch ein schandloses und unleidentliches Werk sei, wo die Bedienten langsam äfeen, so soll denen, die länger als eine Viertel- stunde damit zubringen, das Essen vor dem Maule fortgenommen werden. Wer die vorgesetzten Speisen nicht essen will, fastet dann die folgenden 24 Stunden ganz und gar. Sofern der Statthalter einem Bedienten etwas befiehlt, und dieser läfet sichs bcigehcn, es wieder einem andern zu befehlen, so soll er von dem, welchem er befohlen, vier Ohrfeigen empfangen, dem andern aber für seine Mühe sechs Ohrfeigen wieder werden. Wer mit schmierigen und zerrissenen Kleidern aufwartet, wird Spicferutcn gejagt. Lausige und räudige Kerle sollen ohne Bett und Decke schlafen, am Ende gar davongejagt werden. Haben sich zwei geprügelt, so sollen sie ihr« Sache noch einmal mit Stecken fechtend, in Gegenivart des Hofmeisters ausmachen, und wer den andern schont, Prügel er- halten. Wer ohne Erlaubnis ausgeht, oder gegen den Herrn murrt, hat nach Umständen Peitsche, Kette oder Pfahl zu erwarten. Jedes Spiel ist ganz und gar untersagt. Naturwissenschaftliches. ee. Eine chemische Neuheit ist metall isches Barium in reinem Zustand. Das Barium gehört zu den sehr häufigen Elc- menten, die bis auf die neueste Zeit aller Kunst der Chemie wider- standen haben, wenn es sich darum handelte, sie rein zu gewinnen. Das berühmteste Beispiel ist freilich das Calcium, das im kohlen- sauren Kalk in ungeheurer Verbreitung gesteins- und geradezu ge- birgsbildend auftritt und sich als Element doch erst vor dem Genie Moissans enthüllt hat. Das Verfahren zur Abscheidung reinen Bariums ist von dem französischen Chemiker Guntz erfunden worden und nimmt die Elektrizität zu Hilfe. Ein Amalgam, d. h. eine Ouecksilberverbindung, die 3 v. H. Barium enthält, wird unter 400 Millimeter Druck in einer Atmosphäre von Wasserstoff elektrisch erhitzt, dann über ein eisernes Gefäfe gebracht und über einer Lust- pumpe in einem luftleeren Raum allmählich bis auf 950 Grad er- wärmt. Was darin zurückbleibt, besteht zu 93 v. H. aus Barium und zum verschwindenden Rest aus Eisen und Quecksilber. Auch dies Ergebnis liefert das Barium noch nicht in ganz reinem Zustand, doch kann man über die Eigenschaften des metallischen Elements, das im sogenannten Schwerspat gleichfalls massenhafte Mineralien bildet, jetzt schon genaueres aussagen. Im geschmolzenen Zustand löst es die meisten Metalle leicht auf, von Wasser und Alkohol wird es leicht an- gegriffen. Bei 600 Grad verbindet es sich mit Wasserstoff. Das Metall selbst hat eine graue Farbe, die etwas der des Bleies gleicht.— Hnmoristisches. — Der Vegetarier.„Ich könnte vor Aerger aus der Haut fahren I Diese Nacht träumte mir, ich hätte eine Wurst ge- gessen l" „Nun, dafür können Sie doch nicht!" „Ja— aber geschmeckt hat sie mir I"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Zu der vom Verein des Deutschen Volkstheaters in Wien ausgeschriebenen Preisbe Werbung sind 553 Dramen eingelaufen.— — I o h a n n N e st r o y soll vor dem Karl-Theatcr in Wien ein Denkmal errichtet werden.— — Das Berliner Theater unter Direktion Ferdinand Bonns wird am 5. Oktober mit dein Schauspiel„A n d a l o s i a" von Florian Endli eröffnet.— — Im Theater an der Wien hat die Operette„Prinz Bob" von Eugen HuaSzka grofecn Beifall gefunden.— — Das VariötK-Etablissement R o n a ch er in Wien wird zu einem Thater für Ansstattungsstücke umgebaut.— — Der neue Kunstsalon Fritz Gurlitt, PotSdamerstr. 113, Villa II, wird am 29. September mit einer Kolleftiv-Ausstellung von Werken Hans Thomas eröffnet. Die Ausstellung wird etwa 60 Gemälde ans den Jahren 1860— 1905 enthalten.— e. Ein Altersheim kür Künstler. Ans Paris wird Berichtet: Ebenso wie die Schauspieler, wollen jetzt die Maler. Bild- Hauer und Architekten ihr Altersheim gründen. Tony Robert-Fleury, der Vorsitzende der„Gesellschaft der französischen Künstler", hat den Plan eines derartigen Gebäudes, in dem etwa 20 alte, arbeitS- unfähige und der Not ausgesetzte Künstler aufgenommen werden sollen, entworfen. Die Gesellschaft gedenkt eine Million für den Plan auszuwerfen.— — Ein M a h e r- N e st. In dem hohenzollernschen Dorf essingen, das 465 Einwohner zählt, leben zur Zeit 160 Besitzer dcS Namens Mayer mit ay.— Vcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: VorwärtsBucbdruckerei u.VerlaasanstaltPaulSiiigcrLcCo.,BerlinL1V,