Anterhaltnngsblatt des Borwärtv Nr. 189. Donnerstag, den 23. September. 1903 (Nachdruck verboten.) 7t Das Duell. Roman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. 5.. Romaschow trat auf die Treppe hinaus. Die Nacht schien noch dichter, noch schwärzer und wärmer. Der Leutnant ging tastend den Zaun entlang, hielt sich mit den Händen an ihm fest und wartete, bis sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt haben würden. In diesem Augenblicke öffnete sich plötzlich die Tür zu Nikolajews Küche und warf für einen Äugenblick einen breiten Streifen trüben, gelben Lichtes in die Dunkelheit. Jemand klatschte in dem Schmutz, und Romaschow hörte die böse, tiefe Stimme Stephans, des Burschen bei Nikolajews: „Der kommt und kommt jeden Tag. Und weshalb er kommt, das mag der Teufel wissen!.. Und eine andere Soldatenstimme, die der Leutnant nicht kannte, erwiderte mit langem faulen Gähnen gleichgültig: „Sind das Sachen, Frerind... kann von Glück sagen. Nun leb wohl, Stephan." „Leb Wohl, Banlin, komm mal wieder." Romaschow stand wie angewachsen am Zaun. Er er- rötete vor Schani, trotz der Finsternis; sein ganzer Körper bedeckte sich plötzlich mit Schweiß, und es war, als wenn tausend Nadeln ihn an den Füßen und im Rücken stachen. „Natürlich! Sogar die Burschen machen sich darüber lustig," dachte er verzweifelt. Und alsbald fiel ibin der ganze heutige Abend wieder ein, und in verschiedenen Worten, im Ton der Rede, in den Blicken, die die Wirte miteinander getauscht hatten, entdeckte er mit einem Mal eine ganze Menge von ihm früher nicht bemerkter kleiner Züge, die, wie ihm jetzt schien, ein deutlicher Beweis für die Nachlässigkeit, den Spott und die ungeduldige Erregung der beiden über den langweiligen Gast waren. „Diese Schande! Diese Schande!" flüsterte der Leutnant, ohne sich von der Stelle zu bewegen.„Mußte es so weit kommen, daß man dich kaum duldet, wenn du kommst... Nein, es ist genug. Ich weiß jetzt bestimmt, es ist genug!" In Nikolajews Gastzimmer erlosch das Licht.„Jetzt sind sie schon im Schlafzimnicr," dachte Romaschow und stellte sich mit ungewöhnlicher Klarheit vor, wie Nikolajews sich schlafen legten, sich mit der Gleichgültigkeit und Ungeniertheit längst verheirateter Leute vor einander auskleideten und von ihm sprachen. Sie saß im bloßen Rock vor dem Spiegel und kämmte sich ihr Haar für die Nacht aus. Wladimir Jefimitsch saß im Unterzeug auf dem Bett, zog die Stiefel ans und sprach, rot vor Anstrengung, böse und schläfrig:„Weißt Du, Schurotschka, Dein Romaschow hat mich nächstens auch genug gelangweilt. Ich wundere mich, daß Du Dich mit ihm so hast?" Schurotschka aber antwortete ihm, ohne die Haarnadel aus dem Mund zu nehmen und ohne sich umzuwenden, inl Spiegel, in unzufriedenem Ton:„Er ist überhaupt nicht mein, sondern Dein Bekannter!..." Es vergingen noch fünf Minuten, bis Romaschow, von qualvollen und bitteren Gedanken gepeinigt, weiterzugehen beschloß. Den ganzen langen Zaun an Nikolajews Hause entlaug ging er verstohlen, vorsichtig die Füße aus dein Schmutz ziehend, als tvenn man ihn hören und über etwas Böfem ertappen könnte. Nach Hause wollte er nicht: Es war ihm schon quälend und widerwärtig, an sein schmales, langes, einfcnstriges Zimnier mit all den bis zum Abschen überdrüssigen Gegenständen zu denken.„Nun gerade geh ich ihr zum Trotz zu Nasanski," entschied er Plötzlich iind empfand gleichzeitig in diesem Entschluß eine Art wollüstiger Rache. „Sie hat mich wegen der Freundschaft mit Nasanski gescholten, nun also gerade! Erst recht!..." Er erhob die Augen zum Himmel, drückte fest die Hand gegen die Brust und sprach inbrünstig für sich:„Ich schwöre, ich schwöre, daß ich zum letzten Mal zu ihnen gegangen bin. Ich will nicht mehr diese Erniedrigung erdulden. Das schwöre ich!" Und sogleich fügte er seiner Gewohnheit gemäß hinzu: „Seine ausdrucksvollen schwarzen Augen glänzten voll Entschlossenheit und Verachtung!" Obgleich er gar keine schwarze Augen, sondern ganz ge- wöhnlich gelbliche mit grünem Rand hatte. Nasanski hatte bei seinem Kameraden, Leutnant Segrsht, gemietet. Dieser Segrsht war wahrscheinlich der älteste Leutnant in der ganzen russischen Armee, trotz tadelloser dienstlicher Führung und Teilnahme am türkischen Feldzuge. Durch ein unerklärliches Verhängnis war er dienstlich nicht befördert worden. Er war Witwer, hatte vier kleine Kinder, half sich aber dennoch mit seiner Achtundvierzig Nubel-Gage durch. Er hatte eine große Wohnung gemietet und gab Zimmer an unverheiratete Offiziere ab, hielt Pensionäre, züchtete Hühner und Truthühner und verstand ganz besonders billig lind rechtzeitig Holz einzukaufen. Seine Kinder badete er selbst in einem kleineu Backtrog, kurierte sie aus einer Hausapotheke, nähte ihnen auf der Nähmaschine Jäckchen, Höschen und Hemdcheu. Schon vor seiner Verheiratung be- schäftigte sich Segrsht, wie sehr viele ledige Offiziere, sehr gern niit weiblichen Handarbeiten; jetzt zwang ihn bittere Not dazu. Böse Zungen behaupteten, er schickte seine Handarbeiten heimlich irgendwohin zum Verkauf. Aber all diese kleinen, wirtschaftlichen Kniffe und Listen halfen Segrsht wenig. Das Federvieh ging au fortwährenden Krankheiten ein; die Zimmer standen leer; die Kostgänger schimpften über schlechtes Essen und bezahlten nicht. Und regelmäßig viermal im Jahre konnte man sehen, wie der magere, lange, bärtige Segrsht mit schweißigem Gesicht in der Stadt umherirrte und verzweifelt Geld aufzutreiben suchte. wobei seine pfannkuchenförmige Mütze mit dem Schirm nach der Seite saß und sein breiter, schon vor dem Kriege her- gestellter Nikolai-Mantel schlotterte und ihm flügelähnlich um die Schultern wehte. Jetzt glänzte Licht in seinem Zimmer, und Romaschow, der an ein Fenster trat, erblickte Segrsht selbst. Er saß an einem runden Tisch unter einer Hängelampe, hatte seinen Glatzkopf mit verwaschenem runzligen und schüchterneu Gesicht tief gebeugt und stickte eine Art Lcinencinsatz auf rotem Papier, wahrscheinlich das Bruststück eines kleinrussischen Hemdes. Romaschow trommelte gegen die Scheibe. Segrsht schrak zu- sammen, legte die Arbeit beiseite und trat zum Fenster. „Ich bin es, Adam Jwanitsch. Ocffnen Sie einen Augen« blick," sagte Romaschow. Segrsht kletterte auf das Fensterbrett und schob seine kahle Stirn und den auf einer Seite verfilzten Bart durch das Klappfenster. „Sie sind's, Leutnant Romaschow? Was gibt's?" „Ist Nasanski zu Hause?" „Ja ja. Wohin soll er gehen? Ach Gott—" Scgrshts Bart zitterte am Klappfenster—„Ihr Nasanski hat mich schön hereingelegt. Schon zwei Monate lang schicke ich ihm Essen, und er verspricht immer nur, zu bezahlen. Als er ein- zog, habe ich ihn, zur Vermeidung von Mißverständnissen, in- ständig gebeten..." „Ja ja ja... das ist... in der Tat..." unterbrach Romaschow ihn zerstreut.„Aber sagen Sie, wie geht's ihm? Kann man ihn sehen?" „Ich denke, ja... er geht imnier im Zimnier auf und ab." Segrsht horchte einen Augenblick,„er geht auch jetzt. wieder. Verstehen Sie, ich habe ihm klar und deutlich gesagt: llm Mißverständnisse zu vermeiden, machen wir ab, daß die Bezahlung..." „Entschuldigen Sie, Adam Jwanitsch, ich muß gleich../ unterbrach ihn Romaschow,„wenn Sie erlauben, komme ich ein andermal wieder. Ich habe es sehr eilig..." Er ging weiter und wandte sich um die Ecke. In der Tiefe des Gärtchens brannte bei Nasanski Licht. Ein Fenster war sperrweit geöffnet. Nasanski selbst ging ohne Ueberrock, im Unterzeug, das am Kragen aufgeknöpft war, mit schnellen Schritten im Zimmer ans und ab; seine weiße Gestalt und sein goldhaariger Kopf leuchteten bald im hellen Schein der Fenster, bald verschwanden sie. hinter der Zwischenwand. Romaschow kletterte über den Zaun und. rief ihn an. „Wer ist da?" fragte Nasanski rnhig, als hätte er den Anruf erwartet, und lehnte sich zum Fenster hinaus. Sie sind's, Georgij Alexejitsch? Warten Sie: Durch die Tür ist zu weit und dunkel. Steigen Sie durch's Fenster. Geben Sie Ihre Hand." Nasanskis Zimmer war noch ärmlicher als Romaschows. An der Wand am Fenster stand ein schmales, niedriges, ganz eingebogenes Bett, das so mager aussah, als wenn auf den Eisenstangen nur die eine rosa Pikeedecke läge; an der anderen Wand stand ein einfach angestrichener Tisch und zwei rohe Holzböcke. In einer Zimmerecke hing, dicht an der Wand, in der Art eines Heiligenschreins ein schmales hölzernes Wandschränkchen. Am Fußende des Bettes ein rötlicher Leder- koffer, über und über mit Frachtzetteln beklebt. Außer diesen Gegenständen und der Lampe auf dem Tisch war im Zimmer rein gar nichts. „Guten Tag, mein Freund," sagte Nasanski, drückte und schüttelte Romaschow fest die Hand und blickte ihm mit nach- denklichen, schönen blauen Augen gerade ins Gesicht.„Setzen Sie sich hier aufs Bett. Haben Sie gehört, daß ich mich krank gemeldet habe?" „Ja. Nikolajew hat mir eben davon erzählt." Wieder fiel Romaschow das schreckliche Wort des Burschen Stephan ein, und sein Gesicht verzog sich schmerzlich. „Ah! Sie waren bei Nikolajews?" fragte Nasanski (plötzlich lebhaft und mit augenscheinlichem Interesse.„Sind Sie häufig bei ihnen?" Ein unklares, instinktives Gefühl der Vorsicht, das durch den ungewöhnlichen Ton der Frage hervorgerufen war, ver- anlaßte Romaschow, zu lügen, und er erwiderte nachlässig: „Nein, durchaus nicht oft, ich war zufällig da." Nasanski, der im Zimmer hin und her ging, blieb vor dem Wandschrank stehen und öffnete ihn. Da stand auf dem Word eine Karaffe mit Wodka und lag ein gleichmäßig in Scheiben zerschnittener Apfel. Mit dem Rücken dem Gast zu- gewandt, goß er sich schnell ein Gläschen ein und trank es aus. Romaschow sah, wie sein Rücken unter dem dünnen Leinen- Hemde krampfhaft zitterte. „Wollen Sie nicht auch?" deutete Nasanski auf das Schränkchen.„Kein üppiger Imbiß— aber wenn Sie wollen, können wir Eierkuchen backen. Unserm„Adam" etwas zugute tun." „Danke. Später." Nasanski wanderte weiter im Zimmer auf und ab, die Hände in den Hosentaschen. Nachdem er einige Schritte ge- tan, begann er, gleichsam eine eben unterbrochene Unterhaltung fortsetzend: „Ja. So denke ich denn immer. Und glauben Sie mir, Ronmschow, ich bin glücklich. Im Regiment werden morgen alle sagen, ich hätte einen Rausch. Nun, das ist vielleicht richtig, aber doch nicht so ganz. Ich bin jetzt glücklich, aber burchaus nicht krank und leide nicht. Für gewöhnlich sind »nein Verstand und mein Wille unterdrückt. Ich verschmelze dann mit dem hungrigen, feigen Haufen und bin albern, verdrießlich über mich selbst, höchst vernünftig und überlegend. Ich hasse zum Beispiel den Militärdienst, bin aber selbst Militär. Warum bin ich das? Das mag der Teufel wissen, warum! Einfach, weil man mir von klein auf immer vor- gebetet hat und jetzt wieder alle behaupten, die Hauptsache im Leben sei— dienen, satt werden lind gut gekleidet sein. Philosophie, sagen die Leute, ist Unsinn, ist gut für den, dem Mütterchen ein gutes Erbteil hinterlassen hat... Und da tue ich dann Dinge, zu denen mich mein Herz durchaus nicht treibt, führe aus tierischer Furcht für mein Leben Befehle aus, die mir bald grausam, bald unsinnig erscheinen. Meine Existenz ist einförmig wie ein Zaun. Und grau wie Soldaten- tuch. Ich wage nicht, über Liebe, Schönheit, meine Be- Ziehungen zur Menschheit, über die Natur, die Gleichheit und das Glück der Menschen, über Poesie und Gott mir Gedanken zci machen. Die Leute lachen: Ha— ha— ha: das ist ja alles Philosophie?... Wie darf ein kaiserlicher Infanterie- Offizier über höhere Dinge nachdenken?! Das ist lachhaft, toll und unerlaubt! Diese Philosophie, hol sie der Teufel, ist lauter Unsinn, müßiges, albernes Geschwätz!" „Dabei ist es— die Hauptsache im Leben," meinte Romaschow nachdenklich. „Und nun kommt für mich die Zeit, die jene mit einem so grausamen Namen belegen," fuhr Nasanski, ohne ihn an- zuhören, fort. Er ging fortwährend auf und ab und machte bisweilen eindringliche Gesten, bei denen er sich übrigens nicht an Romaschow, fondern an die beiden gegenüberliegenden jZimmerecken wandte, zwischen denen er hin und her ging. (Fortsetzung folgt.) OJ! nch druck verboten.) Weinlese. Von Max Bittrich(Freiburg i. B.) Wenige Geschäfte sieht der Fernstehende noch heutigentags so uneingesdhränkt im Lichte poetischer Verklärung, wie das Herbsten, die Weinlese. Wer freilich beobachtet, wie man„Träubele schneidet", kennt auch hier die Schattenseiten. Denn von dem erwarteten Jubel und Trubel in den Bergen selber ist in manchen großen Weinbau treibenden Bezirken nur wenig zu merken; daß dagegen die Zeit der Traubenernte fast alle die heimeligen, von Rebbergen umgebenen Dörfer und Städte in einen weinseligen Zustand versetzt, daS wird ihnen jeglicher Neid lassen.' Die Tage des Einheimsens in den Bergen, wie sie sich der Fernstehende vorstellt, haben für den Beteiligten schon etwas Wermut- geschmack durch die harte Arbeit. Ja, es heißt da stir viele Leute so schwer schaffen, daß die Lust, dabei zu jauchzen, zu tollen und zu tanzen, selbstverständlich vergeht. Meint es gar der Himmel nicht gut mit den Emtetagen, so gehört das Herbsten sogar zu den unangenehmsten Arbeiten. „Denn beim Regenwetter", so hat ein Rebmann im Badischen dem Professor Elard Hugo Meyer(dem Verfasser des„Badischen Volkslebens im 19. Jahrhundert") gesagt,„beim Regenwetter— nein, die Sauerei!" Das Wasser und noch mehr laufe in di Stiefel, und das sei kein Wunder bei dem schuhhohen Gras, den nassen Rebstecken und den engen Rebschwellen.„Und dabei soll man noch die Beeren vom Boden zusammenlesen. Abends hat man das Kreuzweh vom vielen Bücken„und an Durst fehlts auch nicht, denn zum Kochen nimmt man sich keine Zeit. Wurst und Schwartenmagen(und Herbstkäs) ist das Feldgeschrei." Kinder und große Leute schneiden die Trauben ab.„Ist ein Oergili(kleiner Behälter) voll, so leert es der Büchtiträger in Büchti, das ihm, Wenns gefüllt ist, zwei auf den Rücken lupfen. Seinen Büchtistecken muß er fest einstoßen, daß er nicht schlüpft, wenn er über einen Rain hinab muß. Endlich steigt er am Wagen auf das Leiterli und schüttelt die Trauben in die Blüte". Jedenfalls erfordert der Weinbau in Deutschland fast ununter- brochcne Tätigkeit vom Frühjahr an bis in den Herbst, und da werden denn lelbstverständlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, nicht nur zu ernten, sondern die Weinlese auch reichlich zu gestalten. Früher zogen süddeutsche Chorsänger am Tage des Weinheilsgen Urban vor das Besitztum der Rebbesitzer und sangen zu Ehren St. Urbans, und die Prozessionen zugunsten einer gesegneten Wein« ernte haben auch heutzutage nicht aufgehört. Andere Nöte als der deutsche Weinbauer hat noch der Erntende in südlicheren Gegenden, in denen der Weinstock nach Landessitte nicht an den bei uns zumeist üblichen niedrigen Rebstecken gezogen wird. Da schlingt sich z. B. in der lombardstchen Ebene die frucht- behangene Rebgirlande von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum, und in Campanien soll eS einst sogar Winzers Brauch gewesen sein, sich einen Begräbnisplatz auszubcdingen, ehe er die Trauben auf den höchsten Baumwipfeln auffuchte. Das fröhlichste, uns Deutsche anheimelndste Leben bei der Ernte in den Bergen hat neben dem Rheingau wohl das Elsaß. Die un- verkennbar günstigere Lage der Weinbauern seit dem deutsch- fran- zösischen Kriege hat zu diesem großen Herzensjubel beigetragen und das Gefiihl für die Arbeitslast mit der Erinnerung an politische Wetter abgeschwächt. Auch im Süden, in dem man ja vielfach körper- lich härter arbeitet als bei uns, lvird man ein derartiges allgemeines und doch grobe Ausschreitungen vermeidendes Ueberschäumen der Lebenslust oft vergebens suchen. Die Stimmung in den Bergen hängt eben nicht allein von der gerade vor sich gehenden, sondern auch von der noch zu leistenden Arbeit ab. Muß man fchon bei uns die bedeutende, in hölzernem Behälter auf dem Rücken ruhende Last vielfach von sehr steilen Höhen herunterschleppcn, so kann man im Rhonetal beobachten, wie die Bewohner bereits um Mitternacht ihre Maultiere den entfernten Bergen entgegentreiben. Die Trauben werden, in ledernen Säcken, auf stundenlangen beschwerlichen Wegen heimwärts geschleppt. Aber wenn endlich der Saft in den durch schlauchförmige Keller förmlich unterminierten Dörfchen reist, dann steigt freilich auch hier das Barometer der Fröhlichkeit höher und zeigt auch den Mitmenschen der Winzer sonnige Tage an: warten die großen und kleinen Geschäftsleute in weinbautreibenden Gegenden doch nicht selten von Herbst zu Herbst auf Bezahlung. Das ganze Jahr über herrscht der Kredit; die Ernte soll den Ausgleich aller Forderungen bringen. Wohl solchem Gebiete, wenn die Hoffnungen nicht getrügt haben I Da wird dann der Geruch des aus allen Keltern und Trollen fließenden frischen Saftes behaglicher eingesogen als der schönste Blumenduft. Er erstellt Nase und Zunge und ist voll Verheißung für Magen und Herz und— in der Welt der nüchternen Wirklichkeit auch nicht zu verachten— zugleich für den Geldbeutel. Lauter als in dem beschwerlichsten Walliser Gebiet des Muskat und Malvoisier geht die Weinlese schon in der Gegend des Zürich- seeS vor sich. Pistolen und Gewehre knallen öfter in den Bergen. Die Hauptfeier folgt jedoch auch hier am Abend. Da kommt man zum Krähhahnen, zur Schlußfeier, zusammen. Dem guten alten Flüssigen wird alle Ehre angetan und die Familiennmtter hat reich- lich vorgesorgt auch für festere, zwischen die Zähne zu schiebende Genüsse. Vielleicht erklingt die Harmonika, und wer noch leichte Beine hat, hebt ste zum Tänzchen— und hinter der Fröhlichkeit Winkt bereits neue Arbeit: die an der Kelter. Im alten Weinlande Hellas, wo man ein himmelhohes Jauchzen während der Weinlese erwarten könnte, ist übergroßer Lebenslust schon durch die Zurückhaltung des schönen Geschlechts eine starke Grenze gezogen. Einige besonders malerische Bilder sind den Tagen der Weinlese immerhin beschieden. Wenn möglich rollt der Wirt den Vorrat an Fässern zur Meeresküste und spült sie dort auS für den neuen Jahrgang. Die Nacht hallt wieder von dem Knarren der Karren, auf denen der Most sin Schläuchen) lastet. In nächtlicher Stunde, auch beim Lampen- licht, wird dem neuen Jahrgang der Weg bereitet aus den Leder- beuteln durch Schläuche in die Fässer, und nach ebenso altem Brauch findet sich manchmal der Nachbar ein und ersehnt eine frei- willige Spende des Rebensaftes in die mitgebrachte Kanne. Wenn auch mehrere solcher Proben des Wohltuns beieinander Platz finden: zu einer besonderen Speise verarbeitet, wandern sie in buntem Gemisch in den Magen. Die Anpassungsfähigkeit tut auch auf diesem Gebiet Wunder, wie ja ein wendischer Bauerninagen es fertig bringt, die in einem Topf gesainmelten Reste der berühmten gewaltigen Bauernhochzeits-Mähler noch einige Tage nach der Feier aufzunehmen und zu verdauen. Eine an die ausgelassensten Stunden am Rhein und im Elsaß erinnernde mehr lokale Weinlesefeier hat sich die ehemalige freie Reichsstadt Schweinfurt erhalten. Da schließen sogar noch die Fabriken. Alles strömt dem für die Ernte bestimmten Wagen nach aus der Stadt. Auf den rebbcwachsenen Höhen aber steht die Straße entlang das junge weibliche Volk und ist ausgerüstet mit Schwärmern, Fröschen usw. und erschreckt alles, was es lieb und nicht lieb hat, mit den Geschossen des Uebcrmutes und der Zuneigung. Wie in ernsteren Kämpfen, wird auch hier nicht nur von einer Seite geschossen, und so gibt eS Stunden ausgelassenster Lebensfreude.' Daß die weißen Schürzen der Schönen Brandlöcher aufweisen, was schadets! Jedes derartige Kriegsdenkmal ist ja doch ein Zeichen tiefer Verehrung, und so werden denn diese Kriegs- erinnerungen mit ftommer Scheu aufbewahrt, als Zeugen jugcnd- licher Sieghastigkeit, bis in das späteste Alter. Erst bei Sonnen- Untergang zieht man heimwärts aus den Bergen, und(woran sonst immer der Frühling schuld sein soll), an der Bezwingung und Ver- einigimg zweier Herzen.— das bringen in so sonnigen Zeiten gewiß auch einmal die herbstlichen Tage fertig, in denen die reifen Früchte auch von Aepfcl- und Nußbäumen fallen.— Ein besonderes Kapitel nehmen die mit der Weinlese ver- bundenen Erntegebräuche ein. Sie sind wohl in unseren Tagen, in denen auf dem Lande>vie in der Stadt das Wort:«Zeit ist Geld!" viel lauter ertönt, schon inannigfach der Gleichförmigkeit unter- legen; immerhin hängt noch manch althergebrachter Brauch an der Schließung der Rebberge von der Zeit der Traubenreife an bis zum Schlüsse des mitunter durch Glockengeläute eingeläuteten Träubeleschneidens. Mir sind zur Zeit des Herbstens ein heller herber Abend und eine Mondnacht in einem der an die Weinberge gelagerten Oertchen immer so poetisch erschienen wie eine der Volkssitten draußen zwischen den Rebstccken. Da rückten sie bis um Mitternacht mit lautem Schellengeklingel heran, die oft mit vier klobigen Rossen bespannten massigen Lastwagen. Neben den Pferden, die eine Georgine oder ein paar knallrote Nelken hinter dem Ohr baumeln haben, geht im blauen Kittel der Kutscher und weiß gar nicht recht, ob Sonne oder Mond zur Fahrt leuchten, und auch die vier oder fünf auf dem Wagen liegenden riesigen„Faß" tragen ein Blumen- sträußchen in der Oeffnung, durch die fortwährend der Duft des gärenden Saftes entweicht. Und hinter dem großen Fuhrwerk torkelt wohl ein kleines Fahrzeuglein hin und her wie das winzige Rettungsboot am riesigen Schiffskolvß. und bringt einen Rest des am heutigen Tage gewonnenen„flüssigen Sonnenscheins' heran. Morgen in früher Dämmerstunde schon werden Schläuche über das Trotloir in den Keller führen, der ungeberdige junge Wein wird in die uralten eichenen Fässer rinnen und darin reifen zu stolzer Ruhe. Drinnen in den alten gemütlichen Schank- stätten weilen an solchen Tagen des Einheimsens die seßhaften Feinschmecker länger als sonst, erzählen von ftüheren guten Wein- jähren, spotten der nördlicheren Zonen, mummeln die ersten frischen Nüffe(wie sich's für den Weinkenner gehört) und leeren dazu ein paar Flaschen mehr als sonst. Der Neue, meinen sie, scheine„ein Kaib' zu Iverden, ein ganz toller Bruder, der„ganz änderst" durch die Adern zu rinnen verspreche. Und wenn sie heimgekommen find, die trinkbaren Mannen, so kann dem und jenem trotz der vielen Uebung in den Freuden vortrefflicher Herbste doch wohl noch Aehnliches geschehen wie jenem Glöckner, der erst nach Mitternacht schlafen ging und doch plötzlich angesichts einer hellen Gasse und eines fröhlichen Treibens der Leute zum Turme rannte und das Morgenglöcklein zog und erst zu spät einsah, daß er Sonne und Mond verwechselt und die Bewohnerschaft aus den Federn gerufen hatte, in die sie in solch fideler Herbstnacht— morgens gegen 3 Uhr— noch gar nicht gekrochen war. DaS ist eben doch nur im„Herbscht" möglich— bi Gott)— kleines femlleton. bt. Die 77. Bersaminluug deutscher Naturforscher und Aerzte wurde am Montagvormittag in Meran, dem überaus lieblich gelegenen Tiroler Luftkurort, eröffnet. Die Organisation dieser ältesten und angesehensten wissenschaftlichen Wanderversammlung ist so, daß in einigen Hauptverjammlungen, sogenannten all- gemeinen Sitzungen, Vorträge von allgemeinerem Jntereffe gehalten werden, während in den 30 einzelnen Ab- tcilungen spezielle fachwissenschaftliche Fragen zur Erörterung gestellt werden. Außerdem werden Gesamtsitzungen der»atur- wissenschaftlichen und der medizinischen Gruppen stattfinden, in welchen über die VerelcndungStheorie, über die Pellagra usw. ver- handelt werden soll. In der Eröffnungssitzung wurden zwei Vorträge gehalten: zu- nächst sprach Professor Wien aus Würzburg:„lieber Elektronen". Unter Elektronen versteht man kleine elektrische Elementarteilchen. die eine ähnliche Rolle spielen, wie die unteilbaren Atome der wäg- baren Masse, die man daher gewissermaßen als elektrische Atome be- zeichnen kann. Die Lehre von den Elektronen, die noch jungen Datums ist, scheint in unseren Anschauungen über die Grundelcmente der Welt eine vollständige Umwälzung hervorzubringen, indem es nicht aussichtslos erscheint, auch die wägbare Masse als aus Elektronen bestehend anzusehen, also zusammengesetzt aus kleinsten elektrischen Teilchen. Abgeschlossen ist diese Lehre selbstverständlich noch nicht, speziell die Erklärung der Schwerkraft ist in einwandfreier Weise bisher nicht gelungen; sie bedeutet aber zweifellos einen nicht unbedeutenden Fortschritt auf dein Wege, ein einheitliches Bild von der Natur und den Vorgängen in ihr zu gewinnen. Es folgte dann ein Vortrag von Dr. Nacht- Hamburg:„Hebet Tropenkrankheiten", der von Dr. Neumann verlesen wurde. Er schilderte die Fortschritte, die in der Erkenntnis und Bekämpfting vieler Tropenkrankheiten in den letzten Jahren gemacht wurden. Der Vortragende unterschied drei Gruppen von Tropenkrankheiten: Die durch das Klima verursachten(Sonnenstich, gewisse nervöse Störungen u. a.), die tropischen Infektionskrankheiten, vor allein die Malaria, und drittens solche von noch unbekannter Ursache, wie die Beriberikrankheit. Bezüglich der Infektionskrankheiten sind viele Versuche gemacht worden, gegen sie zu immunisieren(widerstandsfähig gegen An- steckung zu machen), zumal die Eingeborenen tatsächlich iminun zu sein scheinen. Doch liegen die Verhältniffe hier sehr kompliziert. Die Immunität der Eingeborenen ist keineswegs angeboren, sondern beruht darauf, daß die Leute bereits in der Kindheit von den be- treffenden Krankheiten befallen wurden und durch ihr Uebcrstehen immun gegen sie geworden sind. Diese Immunität ist also mit einer außerordentlichen Kindersterblichkeit und einem ständigen Rückgang der Bevölkerungsziffer verknüpft. Bei manchen Tropenkrankheiten bleiben nach der Genesung die Krankheitserreger im Organismus noch jahrelang, so daß die gesund Gewordenen selbst immun sind, aber eine ständige Ansteckungsgefahr für ihre Umgebung bilden. Auch bei der Malaria sind solche Be- trachtungen gemacht worden. Für die Viehhaltung sind derartige Verhältnisse sehr zu be- achten: immerhin wird es doch vielleicht möglich sei», durch spstema- tische Behandlung mit regelrechter Durchimpfung wirtschaftlich brauch- bare Resultate zu erzielen.— Theater. ' Kleines Theater. Hidalla. Schauspiel in fünf Akten von Frank Wedekind.— Es ist Tatsache, die fünf Akte der Hidalla wurden mit ungewöhnlich starkem ja demonstrativem Beifall aufgenommen. Wedekind hat seit Jahren eine Gemeinde, die seine paradox unruhige zerrissene Manier des Denkens und der Darstellung als Offenbarung eines durchaus eigenartigen Künftlergeistes empfindet oder zu empfinden behauptet. Da» Sprung- und Launenhafte seiner dramatischen Kompositionen, die Willkür und Gewaltsamkeit in der Erfindung soll nach der hier herrschenden Anficht nicht ein Zeichen mangelnder Ge- staltungskraft, sondern einer inneren Fülle sein, die genialisch jede hergebrachte Form durchbricht, einen neuen Stil und neue unerhörte Stimmungsreize schafft. Der Gewalthaufc der Demoiistricrendeu wird sich aus dem Kreis der Eingeschworencn und den Mitläufern zusammensetzen, die keine Gelegenheit, Modernität zu markieren, verabsäumen, aber die Wirkung schien doch über diese Grenzen hinauszugehen. Daß Wedekind de» Helden seines Stückes, deu huckligen Verkünder des Schönheitskultus, selbst spielte, daß man auS den Worten Hetnianns so gleichsam unmittelbar ein persönliches Bekenntnis des Dichters herauszuhören glaubte, das war es, was die Spannung festhielt und den Erfolg, der sonst ganz unbegreiflich ge» Wesen wäre, entschied. Man fühlte eS in dem Wedekindschen Spiele, daß an der Gestalt und damit auch am Stücke Herzblut klebt. In WcdekindS Seele mischt sich höhnisch verzweifelter ZhniSmus und eine unbestimmte Sehnsucht. In dem Drama„So ist das Leben" zeigt er einen vertriebenen König, der sein Brot damit ver» dient, daß er auf bretternem Schaugerüst vor der lachenden Menge in Königsrollen auftritt. Die Leute halten, was er da agiert, für eine höchst lustige Parodie, ihm aber ist es bitterer Ernst damit. Der Dichter sieht in diesem Bilde— er deutet mit Nachdruck darauf hin— em Symbol des eigenen Schick sals. Man jubele seinen Spähen zu"und ahne nicht das innere Wesen, das hinter solcher Masle sich verbirgt. Aus dem Drange, den Kontrast zwischen romantischer Sehnsucht, die in der Seele lebt, und dem gleichgültig spöttischem Gelächter, das die Welt dem schwärnierischen Träumer entgegensetzt, sym- bolisiereud zu gestalten, ist offensichtlich auch das neue Schauspiel entstanden. In der Anlage des ersten Altes scheint es auf eine ironisierende Tragikomödie abgesehen, aber die Don Duixotesche Komik, die in dem WeltverbesserungSplan des unscheinbaren Helden steckt, wird in dem Verlauf der Handlung und Charakteristik kaum irgendwo wirksam entwickelt, der tragische Akzent herrscht in den späteren Akten vor, verpufft aber bei der Schemen- hastigkeit der Figuren und der drolligen Absurdität der Voraus- setzuugcn ohne Nachhall. Die Idee des kleinen verwachsenen Het- mmim einen Verein zur Züchtung von Rassemenschen zu gründen, dessen Mitglieder, aus den schönsten Damen und Herren der zivilisierten Welt rekrutiert, sich verpflichten, einander keine Gunstbezeugung zu verweigern, kann doch nicht anders denn als witzige Persiflage auf allcrhaiid verstiegene Nassentheorien und auf Nietzsches.Pflanzet euch nicht fort, pflanzet euch hinauf" aufgefaßt werden. Man schmunzelt beim Erscheinen des von Hetmann als Grohineister des Schönheitsbundes eingesetzten Jdealmenschen, eines blond gelockten unausstehlich faden Gecken und hofft, das Hetmannsche Zukunftsreich in einem tollen satirischen Karneval vorüberziehen zu sehen. Das Grundthema, die Dissonanz von Traum und Realität, auch der Fanattsmus, mit welchem der Prophet, der Welt zum Trotz, an seinem Glauben festhält, hätten auch bei solcher Ausführung mit voller Kraft hervortreten können. Statt dessen wird der Vereinsstifter mit groteskem Ernst behandelt. Die schönste Dame, die er Knall und Fall im ersten Akt für seinen Bund gewinnt, verliebt sich sterblich in ihn. Es ist gewiß ein hübscher Einfall, durch diese Wendung den Helden in Verlegenheit zu bringen. Seine Lehre stempelt die Liebe zwischen Häßlichen und Schönen als Frevel wider das Gesetz der Schönheit, und getreu nach seinem Katechismus weist er daS Fräulein, zu dein es ihn so mächtig hinzieht, von sich. Der Konflikt dient asto nur dazu, den Heroismus des Apostels heller strahlen zu lassen und wir sollen mitfühlend womöglich die Thränen, die Fanny Kettler in Bewunde- rung des unerreichbaren Geliebten vergießt, für echt halten I Dabei hat Wedekind verabsäumt, durch irgend einen weiter greifenden Ideengehalt, der mit der Züchtungsschrulle versöhnen könnte, das geistige Niveau Hetmanns zu heben, ihn unserem Interesse näher zu bringen. Der Vortrag, den er im dritten Akte vor einem jungen Anhänger, späteren Privatdozcnten, über die Quintessenz seiner Doktrinen hält, verstärkt nur noch den Eindruck des Abstrusen. Drei Lebensformen gelte eS, zu überwinden, das Elend des Dirnentums, der einsamen Altjungfernschaft und die aus unsittlichster Selbst- und Natur- Verachtung geborene Verehrung der Jungfräulichkeit! Sechs Monate muß er für einen Artikel, in dem er seine Anschauungen propagiert, sitzen. Als er herauskommt, hat ihn die Menge, die sich eben für die neue Sensation zu interessieren anfing, schon vergessen. Zweifel an seinem Verstände steigen in ihm auf; der abtrünnige Großmeister der Schönheit, der inzwischen eine reiche Braut gekapert, hetzt die Versammlung, in der Hetmann zum letztenmal sprechen soll, gegen ihn auf, man möge ihn nicht hören, der Mann sei ja Wahn- sinnig, und nur mit knapper Not entgeht der Arme den� Tot- geprügcltwcrden. Zuletzt will ihn ein Kommissionär als„dummen August" ftir den Zirkus engagieren. Da geht er hin und hängt sich auf. Seinen Nachlaß„Hidalla oder das Reich der<�hönheit" wird ein spitzbübischer Verleger publizieren. Die barocken Pointen sind hart und unvernrittelt, ohne jeden Ansatz von dichterischer Illusion, nebeneinander gestellt. Man sieht ganz unverhüllt die Drähte, an denen die Puppen dieses Marionettenspiels zappeln. W e d e k i n d war ausgezeichnet in der Haupttolle. Das in sich Gekehrte, die weltstemde Naivetät, der bis zur Pedanterie getriebene unerschütterliche Ernst des Träumers kam in seinem schlichten Spiele so überzeugend heraus, daß mau darüber auf Augenblicke die Un- Möglichkeit des Ganzen vergessen konnte. In dem Ensemble ttaten Klein- Roh den, der den Verleger, und Licho, der den jungen Adepten der Hetmannschen Lehre gab, durch feine und markante Nüanciernng ihrer Rollen hervor.— cht. Kunst. vZ. Das Charlottenburger Rathaus bringt in das architektonische Bild CharlottenburgS eine Abwechselung. Es ragt als ein Mittelpunkt iir der Berlinerstraße aus dem Gewirr der alten Häuser, an denen die Stadt reich ist, empor, und zieht durch seine auffallende Gestaltung die Blicke auf sich. Der hohe Turm, der auS den Untergeschossen hoch emporsteigt, ist von allen Teilen der Stadt zu sehen. Die architektonische Anlage ist einfach. Zu beiden Seiten des Turmes Seitenfronten, die von einem breit abfallenden Dach gekrönt sind. So sondert sich das Haus ab von der Sttaße, ohne das Straßenbild zu stören. Riesenhafte Blöcke sind in künstlich un- geregeltem Bau geschichtet. Das Gebäude erhält dadurch einen massigen, entschiedenen Charakter, der zu dem monumentalen Ausbau gut paßt und einheitlich dem ganzem zu einem großen Ein- druck verHilst. Soweit wäre nichts einzuivenden. Leider aber hat der Architekt diese Größe der Auffassung nicht immer innegehalten. An der Vorderfront begegnen wir einer störenden Ueberfülle an Schmuck. Da sind Gestalten und Wappen und Embleme, die den einheitlichen Eindruck zerstören. Und auch der schöne hochragende Turm erhält eine kleinliche Betonung, die die sonst harten und entschiedenen Linien seines Aufbaues nicht er- gänzt, sondern abbricht. Was die Ausstattung der Jnnenräume anlangt, so hat der Architekt sich hier beschränkt, nnt dem Raum verschwenderisch umzugehen. Da sind Korridore von überraschenden Dimensionen. Die Stuben find hoch und licht. Durch diese oft übertriebene Verschwendung ttitt schon jetzt ein Mangel an benutzbaren Räumlichkeiten ein, und man nimmt in Aussicht, das daneben liegende Häuschen niederzureißen. Dann aber verschiebt sich der Grundriß, und der im Mittelpunkt gedachte Turm steht dann an der Seite. Was tun? Vielleicht errichtet man dann an der entsprechenden Seite noch einen gleichen Turm, was wieder für den Gesamtcindruck nicht glücklich wäre. Auch ist das Treppenhaus im Verhältnis zu der sonstigen verschwenderischen Raumgestaltung klein und notdürftig. Die Glasfenster de? Treppen- Hauses sind bunt, weiter nichts. Künstlerisches Gepräge haben sie nicht. Hat so der Architekt eigentlich nur äußerlich den Raun: benutzt und ihn nicht gestaltet, so ist die Innenausstattung gänzlich dem Tapezier überlassen. Kein Künstler wurde herangezogen. Die Sitzungssäle— ein Fehler des Architekten— liegen zum Teil im Dunkeln und müssen sich, so anspruchsvoll sie auftteten, mit einer mangelhaften Beleuchtung begnügen. Im übrigen wird mit der üblichen Holzverkleidung überreich gewirtschaftet. Materialver- schwendung, keine Kunst! Nirgends eine praktische Gestaltung eines Jnnenraumes, nirgends eine aparte Farbigkeit. Nach bestehendem Schema angelegt, soll das Material imponieren. Eine unkultivierte, primitive Kunstauffassung, die antiquiert wirft in einer Zeit, die über namhafte Künstler verftigt, die einen Raum würdig zu ge- stalten wissen. Ans dem Tierleben. — Die Hornringe der Kuh. Während das Horn der Rinder durchweg gleichmäßig glatt und eben ist, zeigen die Hörner der Kühe je nach dem Alter derselben in geringen Abständen Ein- schnürungen und wulstförmige Erhebungen, die als Hornringe be- zeichnet werden und gemeinhin auch zur Altersbestimmung der Kühe wertvolle Anhaltspunkte geben. Dem jungen Rinde fehlen diese Hornringe, die sich während der Trächtig- kcit der Tiere ausbilden. Das Horn wächst, so lange ihm gleichmäßig viel und genügende Nahrung zufließt, gleich stark fort und behält eine glatte Oberfläche. Während der Trächtigkeit wird die Nahrungszufuhr nach dem Horn aber geringer: infolgedessen wird der während der Zeit der Trächtigkeit(280 bis 283 Tage) zuwachsende kleine Hornabschnitt etwas dünner, weil die zufließende Nahrung Awar noch für ein geringes Längenwachstum, aber nicht mehr für die Ausbildung in der gleichen Dicke ausreicht — das Horn schnürt sich ein. Nach der Geburt des Kalbes fließt wieder die volle Nahrung zu, und das Horn erhält nun durch die ganze Strecke, die es bis zur nächsten Trächtigkeitsperiode wächst, wieder die frühere Dicke. Die Zahl der Ringe zeigt sonach die Anzahl der Geburten einer Kuh an, und folgen diese regelmäßig nach einander, so zeigt sich dies auch an den gleich- maßigen Abständen der Hornringe. Hat die Kuh hingegen nicht in jedem Jahre ein Kalb gehabt, so zeigt sich das durch einen größeren Abstand zwischen zwei Hornringen an. Bei Feststellung des Alters Pflegt man zu der Zahl der Ringe zwei(als Lebensalter der Kuh bei der ersten Geburt) zu addieren: dazu wären alsdann noch eventuelle Galtzeiten zuzuzählen, falls solche durch Lücken zwischen den Horuringen angezeigt sind. Nur ausnahmsweise finden sich auch an den Hörnern der Ochsen solche Ringe, die in solchen Fällen entstanden, wenn die Tiere periodisch oder längere Zeit über ihre Kräfte angestrengt waren oder schlecht ernährt wurden, so daß sie nicht mehr in der Lage waren, die zur Bildung der Hornsubstanz erforderlichen überschüssigen Nährstoffe herzugeben.— („Prometheus") Notizen. — Gerhart Hauptmann hat sein neues Stück„Die fröhlichen Jungfrauen von Bischofsberg" in„Die ledigen Mädchen von Bischofsberg" umgetauft.— —„Die K u n st, z u heiraten", ein Possenspiel von Max Kretzer, hatte bei der Aufführung im Mainzer Stadttheater Erfolg.— — Ein vogtländisches Städtebuud-Theater, und zwar für die Städte Auerbach, Falkenstcin, Lengcnfeld und Treuen, Ivill der Regisseur Fischer-Achten gründen.— o. Mark Twains lustige Skizze„Wie ich eine land- wirtschaftliche Zeitung redigierte" wird von Gabriel Timmory in ein Theaterstück umgemodelt. Das Stück soll den Titel„Der Landwirt von Chicago" führen.— — DaS berühmte Musikhi st arische Museum.des Herrn de W i t in Leipzig ist von einem Privatmann augekauft worden. Das Museum, das zahlreiche Arten von Justrumenten enthält, wird dem Kölner Konservatorium als Geschenk zufallen.— lverantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LrCo.. Berlin LlV.