Nnterhaltimgsblatt des Horwiirts Nr. 192. Dienstaq� den 3� Oktober 1303 (Nachdruck Dcidoten.) 10] Das Duell. Roman von A. K u P r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Romaschow schritt in seiner grauen, aufgeknöpften Litewka in seinem kleinen Zimmer hin und her, stieß mit dem Fuße gegen die Bettstelle und mit dem Ellbogen gegen die wackelige, staubige Etagere. Zum erstenmal seit ändert- halb Jahren war er, dank eines unglücklichen, zufälligen Umstandes, mit sich selbst allein. Früher waren ihm der Dienst, Dujourpflichten. Kasinoabende, Kartenspiel, Besuche bei der Peterson, Abende bei Nikolajews im Wege gewesen. Bisweilen, wenn eine müßige Stunde kam, lief Romaschow, von Langeweile und Untätigkeit gequält, gleichsam aus Furcht vor sich selbst schnell in den Klub oder zu Bekannten oder einfach auf die Straße, bis er irgendeinen unverheirateten Kameraden traf— die Sache endete dann stets mit einer Sauferei. Jetzt aber dachte er mit Bekümmernis, daß ein ganzer Tag der Einsamkeit vor ihm läge, und sonderbare, unbequeme und überflüssige Gedanken kamen ihm in den Kopf. In der Stadt wurde der Spätgottesdienst eingeläutet. Durch das noch nicht herausgenommene Doppelfenster drangen die zitternden, gleichsam einer aus dem anderen ent- stehenden Klänge der Betglocke zu Romaschow, die bezaubernd traurig in den Frühling hineinläntete. Dicht vor dem Fenster lag der Garten, in dem massenhaft Vogelkirschen wuchsen, deren weiße, runde und krause Blüten wie eine Herde schneeweißer Schafe, wie eine Mädchenschar in weißen Kleidern erschienen. Zwischen ihnen ragten bier und da die schlanken, geraden Pappeln in die Lust mit Zweigen, die himmelan strebten und alte Kastanien, die ihre mächtigen, kuppelförmigen Wipfel weithin ausbreiteten: die Bäume waren noch kahl und schwarz von nackten Zweigen, begannen aber schon, sich mit dem ersten, wolligen, fröhlichen Grün, kaum merklich für das Auge, leicht zu färben. Es war ein heiterer, klarer, feuchter Morgen. Die Bäume zitterten leise und schaukelten sich langsam. Man fühlte, daß ein kühler Morgenwind schmeichelnd zwischen ihnen dahinstrich und sie scherzend und spielend und die Zweige nach unten biegend küßte. AuS dem Fenster rechts konnte man durch den Eingang einen Teil der schwarzen, schmutzigen Straße sehen mit einem Stück Zaun diesseits. An diesem Zaune entlang schritten langsam Passanten, die mit den Füßen vorsichtig trockene Stellen aufsuchten.„Die haben noch den ganzen Tag vor sich," dachte Romaschow und folgte ihnen mit neidischen Blicken,„deswegen beeilen sie sich auch nicht. Einen ganzen freien Tag!" Und er verspürte plötzlich den ungeduldigen, leidenschaft- lichcn Wunsch, sich sofort anzukleiden und so aus dem Zimmer zu gehen. Dieser Wunsch war so heftig, daß er beinahe ge- weint hätte. Es zog ihn nicht wie sonst ins Kasino, sondern einfach auf die Straße, in die frische Luft. Er hatte früher gleichsam den Wert der Freiheit nicht gekannt und wunderte sich jetzt darüber, wieviel Glück in der einfachen Möglichkeit lag, zu gehen, wohin man wollte, ohne an die Folgen zu denken. Diese Möglichkeit erschien ihm plötzlich wie ein großer Feiertag im Innern. Gleichzeitig fiel ihm ein, wie in seiner frühesten Kindheit, noch vor der Schule, die Mutter ihn dadurch bestraft hatte, das; sie ihn mit einem dünnen Faden am Bein ans Bett band und selbst ausging. Und der kleine Romaschow saß gehorsam stundenlang da. Er dachte nicht einen Augenblick daran, den ganzen Tag aus dem Hause zu laufen, wozu er sich aus der zweiten Etage an der Dachrinne herablassen mußte: dagegen entschlüpfte er bei anderer Gelegenheit oft auf diesem Wege, folgte der Militärmusik bis ans andere Ende Moskaus oder lief hinter einem Begräbnis her: er stahl der Muttej: Eingemachtes und Zigaretten für ältere Freunde, aber der Faden! — der Faden übte auf ihn eine' sonderbare, hypnotisierende Wirkung aus. Er fürchtete sich sogar, chn straffer �cnzu- ziehen, damit er nicht etwa zerrisse. Es war das keine Furcht vor Strafe und sicher keine Gewissenhaftigkeit und Reue, sondern eben Hypnose. Eine Art abergläubischer Furcht vor der machtvollen, unerreichbaren Handlungsweise Erwachsener, eine Art ehrfürchtigen Schreckens eines Wilden vor den Zauberkreisen eine Schamanen. „Und nun sitze ich hier, wie ein Schüler, wie ein Knabe, den man am Bein festgebunden hat," dachte Romaschow, durch das Zimmer schlendernd. „Die Tür ist offen. Ich kann gehen, wohin ich will, tun, was ich will, sprechen, lachen— und sitze dennoch am Faden. Das bin ich, der hier sitzt, ich, ich." Die Tür donnerte und Heinän sprang ins Zimmer. Er hüpfte von einem Fuß auf dm andern, und bewegte die Schultern wie beim Tanzen. Dabei rief er: „Herr Leutnant, der Kasinodiener gibt keine Zigaretten melzr. Er sagt, Leutnant Skrjabin hat keine Erlaubnis ge- gebm, dir zu borgen." „Ach Teufel!" entfuhr es Romaschow.„Nun, geh schon, geh... Wie kann ich ohne Zigaretten bleiben?... Ganz egal, du kannst gehen, Heinän." „Woran habe ich doch eben Acdacht?" fragte Romaschow sich selbst, als er wieder allein war. Er hatte den Faden seiner Gedanken verlorm und konnte ihn. da er nicht gewohnt war, konsequent zu denken, nicht gleich wiederfinden.„Woran dachte ich doch? An etwas Wichtiges und Notwendiges... Halt: Ich muß zurückgehen... ich sitze im Arrest... auf der Straße gehen Leute... als ich klein war, hat meine Mutter mich angebunden... mich... ja, ja... also jetzt weiter..." „Ich sitze im Zimmer. Dieses ist nicht verschlossen. Ich will herausgehen und wage es nicht. Warum wage ich es nicht? Habe ich ein Verbrechen begangen? Einen Diebstahl? Mord? Nein! Beim Sprecher, mit einem andern, mir gleich- gültigen Menschen habe ich die Füße nicht zusammengehalten und etwas dabei gesagt. Vielleicht hätte ich die Füße zu-, samnimhalten müssen? Warum? Ist das wirklich vonlöe- deutung? Ist das wirklich— die Hauptsache im Leben? Da vergehen zwanzig bis dreißig Jahre, eine Sekunde gegenüber der Zeit, die bis zu meiner Existenz verstrichen ist und nach ihr verstreichen wird. Eine Sekunde! Mein Ich erlischt wie eine Lampe, deren Docht heruntergedreht ist, aber die Lampe wird wieder angezündet und nochmals und abermals: mein Ich aber existiert nicht mehr. Und es existiert weder dies Zimmer mehr, noch der Himmel, noch das Regiment, noch Militär, noch Sterne, noch der Erdball, noch meine � Hände und Füße... Eben, weil mein Ich nicht mehr da ist..." „Ja, ja... das ist so... Nun gut... wart ein- mal... ich muß allmählich... Also weiter... Ich bin nicht da. Es war dunkel, jemand hat mein Licht angezündet und es sogleich wieder ausgelöscht, und wieder ist es dunkel, fiir immer, für alle Ewigkeit... Was habe ich in dieser winzig kurzen Spanne Zeit getan? Ich habe die Hände an der Hosennaht gehalten, habe aus Leibeskräften geschrien:„Das Gewehr über," habe geschimpft und mich entrüstet wegen eines nicht genügend herangezogenen Kolbens, habe vor hundert Leuten gebebt.... Warum? Diese Wahngebilde, die mit meinem Ich sterben, haben mich gezwungen, hundert unnötige und unangenehme Dinge zu tun, und haben dafür mein Ich gekränkt und erniedrigt: mein Ich!! Warum hat sich mein Ich den Wahngebilden untergeordnet?" Romaschow setzte sich an den Tisch, stützte die Ellbogen auf und preßte den Kopf zwischen den Händen zusammen. Er verweilte mit Mühe bei diesen für ihn ungewöhnlichen, schnell wieder enteilenden Gedanken. „Hm... Hast du denn alles vergessen? Das Vaterland?« Die Wiegen der Kleinen? Die Gebeine der Väter? Die Altäre?.. Und die militärische Ehre und Disziplin? Wer wird dein Vaterland verteidigen, wenn ausländische Feinde in dasselbe einbrechm?... Ja, ich sterbe doch aber, und dann gibt es kein Vaterland, keine Feinde, keine Ehre mehr! Sie leben nur, solange mein Bewußtsein lebt! Nimm aber Vaterland und Ehre, Uniform und alle großmächtigen Worte fort— mein Ich bleibt unberührt. Folglich ist mein Ich doch wichtiger, als alle diese Pflicht-, Ehr- und Liebesbegriffe? Ich diene jetzt... Plötzlich aber sagt mein Jch:� Ich will nicht! Nein— nicht mein Ich, sondern mehr: Eine ganze Million von Ichs, die die Armee bilden, nein— noch mehr — alle Ich, die den Erdball bevölkern, sagen plötzlich: Ich will nicht! Und sofort wird jeder Krieg undenkbar, und niemals wird jemand mehr„Parademarsch" und„halb rechts" machen lassen— einfach, weil kein Bedürfnis dazu Vorliegt. Ja ja ja! Das ist richtig, das ist richtig! rief eine triumphierende Stimme in Romaschows Innern— dieser ganze militärische Glanz, diese Disziplin und Ehrende- zeugungen, die Ehre und Uniform und die ganze Kriegs- Wissenschaft— alles das gründet sich darauf, daß die Mensch- heit das„Jch-will-nicht!" entweder nicht zu sagen versteht, oder nicht zu sagen wagt, oder es nicht sagen will." „Was ist denn eigentlich dieses ganze listig-komplizierte militärische System? Gar nichts, ein hohler Zauber, ein Bau, der in der Lust hängt, nicht einmal nicht auf den drei kurzen Worten„Ich will nicht" gegründet, sondern nur darauf, daß diese Worte aus irgend einem Grunde bis jetzt von den Menschen nicht ausgesprochen sind. Mein Ich wird niemals sagen: Ich will nicht essen, ich will nicht atmen, ich will nicht sehen; wenn man ihm aber vorschlägt, zu sterben, so wird es sicherlich unwillkürlich sagen— ich will nicht. Was ist denn also der Krieg mit seinem unvcrmeidlicken Sterben, und die ganze Kriegskunst, die uns die besten Tötungsmethoden lehrt? Ein Wcltirrtum? Verblendung?" (Fortsetzung folgt.) Vie 77. Versammlung cleutlcker JNfaturforseber und Herzte wurde am 29. September mit einer allgemeinen Sitzung, das ist etwa einer öffentlichen Versammlung aller Teilnehmer, geschlossen. In den Abtcilungssitzungen finden die Aussprachen und wissen- schaftlichcn Erörterungen zwischen den engeren Fachgenossen statt. Wenn hier auch vieles allgemein Interessierende verhandelt wird — wir erwähnen nur WalderholungSstättcn, Strafvollzugsfähigkcit — so verbietet sich eine Berichterstattung allein schtrn durch die Fülle; existieren doch 39 Abteilungen, in denen nicht weniger als 681 Vorträge gehalten wurden, an die sich zum Teil recht lebhafte Diskussionen schlössen. Das große Interesse, das weitere Schichten an der Natur- forscher- Versammlung nehmen, beruht auf den allgemeinen Sitzungen, durch welche der Zusammenhang der verschiedenen Zweige gewahrt und vor allem das Verständnis für die sich ständig entwickelnde und fortschreitende Wissenschaft und die sich weiter aus- bildenden Anschauungen in ihr auch einem größeren Publikum nahe- geführt werden soll. Leider scheinen die Vortragenden in den allgemeinen Sitzungen von Jahr zu Jahr weniger sich dieser Aufgabe bewußt zu werden. Es wird immer allgemeiner Sitte oder viclmeh, Unsitte bei diesen Sitzungen der Naturforscher, daß der betreffende Vortragende seinen Vortrag fein säuberlich als wissenschaftliche oder populär- wissenschaftliche Abhandlung ausarbeitet und dann in der Ver- sammlung einfach— vorliest. Daß hierbei die lebendige Wirkung des Vortrages vollständig verloren gehen muß, daß irgend welche Beziehung zwischen Vortragendem und Zuhörern sich nicht bilden kann, daß er niemals der Wirkung seiner Worte sich bewußt wird und sie bei mangelndem Verständnis der Hörer abändert, einen einmal ausgesprochenen Gedanken wiederholt und erläutert, liegt auf der Hand. Zum Vorlesen von Abhandlungen braucht man nicht den Apparat einer Naturforschcr-Versammlung, die kann man den Teilnehmern gedruckt zusenden, denn das langsame Durchlesen und Durchdenken ist fruchtbarer, als ein Zuhören bei recht schnellem Vorlesen. Die gerügten Mängel traten bei der diesjährigen Tagung der Naturforscher, besonders bei der letzten allgemeinen Sitzung am Freitag, in erschreckendem Maße zutage. Zunächst war schon das Programm ganz ungeschickt aufgestellt: Nicht weniger als vier Vor- träge waren auf die Tagesordnung gesetzt, Prof. M 0 l i s ch:„lieber Lichtcntwickclung in den Pflanzen", Prof. B ü r ck:„lieber die Neri- Beri- Krankheit", Dr. N c i s s e r:„Individualität und Psychose", Ingenieur W i m m e r:„Meckanik der Entwickelung der tierischen Lebewesen". Welcher normale Mensch soll denn das aushalten, welches normal fungierende Gehirn vier Wissenschaft- jlichc Vorträge hintereinander mitdenkend anhören? Aber damit noch nicht genug. Am Mittwoch in einer Gesamt- fitzung dcr� medizinischen Gruppen, in welcher die Frage der Ver- erbung erörtert werden sollte, hatten die Referenten statt einer kurzen Grundlage für die Diskussion ebenfalls lange Wissenschaft- liche Abhandlungen vorgelesen; deshalb war man dort so vernünftig, um(42 Uhr die Sitzung zu schließen, ohne den letzten Referenten zu Worte kommen zu lassen,— und nun verlegte mar sein Referat auch noch auf die allgemeine Sitzung am Freitag. Die Sitzung begann also um 10 Uhr mit der Vorlesung des Prof. Hatschek liber eine neue Theorie der Vererbung. Der Erfolg, vielmehr Mißerfolg konnte nicht ausbleiben. Von den rund 2990 Teilnehmern an der Versammlung hatte sich um l9 Uhr etwa ein Drittel eingefunden; als um 2 Uhr der vierte Referent, Dr. Neisser, der den Mißbrauch am weitesten trieb,— er las fast zwei volle Stunden vor— endlich endigte, waren kaum noch hundert Zuhörer anwesend, und der größere Teil von diesen floh entsetzt, als nun noch der fünfte Referent die Rednertribüne betrat; derselbe begann seine Vorlesung vor 39 bis 49 Personen und soll, wie mir berichtet wurde,— ich selbst gehörte zu den Fliehenden— gegen 4 Uhr vor sage und schreibe neun Personen geschlossen haben. Der einzige Vortragende, der seine Aufgabe richtig auffaßte und in freiem Vortrage eine kurze, anregende Einführung in das betreffende Forschungsgebiet gab, war Prof. M 0 l i s ch aus Prag, der über Lichtcntwickclung in den Pflanzen sprach. Sie ist in der Natur außerordentlich verbreitet; wir kennen zwar nur etwa 39 verschiedene Bakterien und etwa halb so viel andere Pilze, eine verschwindende Anzahl im Vergleich zu sämtlichen Pflanzcnarten, aber sie gehören zu den verbrcitctsten Pflanzen und finden sich in unserer nächsten Nähe, in Eiskellern, Schlachthäusern, Möbclhallen und so weiter; das Leuchten des Fleisches, das vor noch nicht langer Zeit als eine besondere Seltenheit hingestellt wurde, ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Interessant ist auch die Tatsache, daß die verwesenden Blätter verschiedener Pflanzen im Dunkeln leuchten. Molisch beobachtete dies zuerst auf seinen Wanderungen in den Tropen, besonders in Java; er fand aber später, daß auch in unserem heimischen Walde in Mitteleuropa zur Sommerszeit das abgefallene Laub, besonders Buchen- und Eichenblätter, zur Nachtzeit leuchten, weil ihre Verwesung durch einen Leuchtpilz bedingt ist. Hervorgebracht wird das Leuchten durch eine Substanz, welche die Pflanzen bilden, das sog. Photogen(Lichterzeuger), das man vielleicht auch aus den Pflanzenzellen wird abscheiden und außer- halb derselben zum Leuchten wird bringen können. Das Licht des Photogcns wirkt auf die photographische Platte, schon nach einer Drittel Sekunde konnte Molisch bei einer von ihm entdeckten stark leuchtenden Pilzart solche Wirkung nachweisen; auch kann dieses Licht trotz seiner geringen Intensität Heliotropismus(die Eigen- schaft von Pflanzen sich dem Lichte zuzuwenden) hervorrufen, und es ist interessant zu hcobachtcn, wie ein Leuchtpilz eine andere Pflanze zwingt, auf ihn zuzuwachsen; dagegen wirkt dieses Licht nich: auf die Bildung des Ehlorophylls(des grünen Farbstoffs der Pflanzen) ein, und ebenso sind die neu entdeckten geheimnisvollen Strahlenartcn in ihm nicht vorhanden. Man kann noch die Frage auswerfen, ob die Pflanze irgend welchen Nutzen von ihrem Leuchten hat, wie es bei den leuchtenden Tieren unzweifelhaft der Fall ist. Es scheint nicht der Fall zu sein. Das Tier leuchtet zumeist nur auf ganz kurze Zeit auf, blitz- oder explosionsartig, und zwar in Reaktion auf äußere Reize, die Pflanze hingegen leuchtet andauernd, tage-, Wochen-, monate- lang, ia, bei reichlicher Nahrungszufuhr selbst länger als ein Jahr. Das Leuchten fckeint sich bei ihr lediglich als eine Folge deS Stoffwechsels zu ergeben. In letzter Instanz stammt es natürlich, wie alle irdische Energie, von der Sonne; die grüne Pflanze nimmt mit ihren mikroskopisch kleinen Reduktionslaboratorien, mit den Chlorophyllkörnern, Energie der Sonnenstrahlung auf, die sie ver- wandelt und in ihrem Leuchten wieder von sich strahlt. Von dem Inhalt der übrigen Vorträge wollen wir nur er- wähnen, daß Wimmer in der Entwickelung des tierffchen Bc- wcgungsorganismus eine Stufenreihe erblickt, die für die Auf- klärung der Deszendenz der tierischen Lebewesen von besonderer Wichtigkeit ist sowie, daß Prof. Bürck es für iicher hält, daß die Bcri-Beri-Krankheit nicht durch irgend einen spezifischen Erreger, einen tierischen oder pflanzlichen Mikro» Organismus verursacht wird, sondern durch ein unbclchteS Gift. Sehr interessant ist die Abhandlung Neisscrs über Jndividua- lität und Psychose; an der Hand der sogenannten Affektpsycho�n (Melancholie, Manie, chronische Paranoia oder Verrücktheit) weist er nach, wie diese Krankheiten durchaus nicht einer bestimmten Charakteranlage entsprechen, sondern das Bild der von der Krank- heit befallenen Persönlichkeit vollständig verändern; es kann gar keine Rede davon sein, daß diese Krankhcitszustände nur krankhafte Steigerungen schon vorhandener Charaktcranlagen darstellen. Nach dem, was wir anfangs ausgeführt, ist klar, daß im ganzen betrachtet die allgemeinen Sitzungen der diesjährigen Tagung der Naturforscher als ein Mißerfolg zu bezeichnen find, und daß die veranstaltende Gcsellschakt deutscher Naturforscher und Acrztc sehr ernstlich an die Beseirigang der gerügten Mißstände denken muß, wenn sie die Bedeutung ihrer Tagungen nicht herab gedrückt sehen will. Bon den Abteilungen kann man dasselbe nicht sagen; hier soll ja eine streng wissenschaftliche Aussprache zwischen Fachgenoffcn er» folgen, und dies ist in Mcran in ausgiebiger und fruchtbarer Weise geschehen. Daß unter den fast 799 gehaltenen Vorträgen sich manches Minderwertige findet, ist ja selbstverständlich, aber der Nutzen der persönlichen Aussprache bleibt dock bestehen. In der physikalischen Abteilung z. B., deren Sitzungen ich beiwohnte, sind ganz hervor- ragende Leistungen besprochen worden, und sehr wertvoll war die Aussprache mit dem berühmten französischen Physiker Becquerel, dem Entdecker und Erforscher verschiedener neuei Strahlenarten. Aus anderen naturwissenschaftlichen und medizinischen Abteilungen wird ähnliche» berichtet; ganz besonders ist hier die Abteilung für gerichtliche Medizin zu nennen. Nicht nur die Vorträge und ihre Diskussion waren Wichtig und fördernd— wir erwähnen nur Dr. Le p p m an n. Berlin: lieber Strafvollzugsfähigkeit" und Prof. Puppe» Königsberg:„Ueber die Behandlung jugendlicher Verbrecher"—, sondern ein hervorragend wichtiges Ereignis ist die Gründung der„Deutschen Gefells chv ft für gericht- l i ch e Medizin", welche in dieser Abteilnng vollzogen wurde. Die neue Gesellschaft will den Aerzten den entscheidenden Errrflust in unserer Strafrechtspflege erringen, der ihnen gebührt, wenn man nicht Kranke als Verbrecher, und kranke Verbrecher auch als kranke Menschen behandeln will.— Dr. B. B o r ch a rd t. kleines Feuilleton. eg. Ein Spötter. Onkel Joseph wollte auf der Treppe schon wieder unikehren, als er das Klavierspiel hörte, daß aus der Wohnung des Rechnungsrats drang. Daun zog er dock die Klingel, während er dachte: ich werde sie schon zum Aufhören kriegen. Anna nämlich, die klimpernde Tochter des Rates. Im„Salon"— einem kleinen herausgeputzten Zimmer— brannte der Kronleuchter. Auf dem Tische stand eine geleerte Weinflasche nebst vier Gläsern. Anna spielte so begeistert, daß sie den Eintritt ihres Onkels zunächst nicht bemerkte. Der alte Rat grüßte ihn mit feuchten Augen. Frau Rat mit feuchten Augen und einem seligen Lächeln. Und ein junger Mann, den Onkel Joseph hier schon früher zuweilen gesehen hatte, machte eine stolze, stumme Verbeugung; er hielt einen Cylinderhut in der Hand und knöpfte an seinen GlaceeS. „Herrjeh I" Onkel Josephs Blick überflog die feierliche Versamm- lung.„Wie Weihnachten!" „Ja, Joseph! Wie Weihnachten I" Der alte Rat drückte ihm die Hände. „Pßt!" Der junge Mann wandte sich mit strenger Miene um. „Er hat ganz recht," sagte Frau Rat. Nur Onkel Joseph war verwundert:„Hat der auch was zu sagen hier? Habt Ihr'ne Andacht?" „Weihnacku," Frau Rat nickte vielsagend.„Es ist unS ein großes Glück beschert worden, Joseph." „Auf die Bescherung bin ich wirklich neugierig." „Höre nur auf, Anna." mahnte verstimmt Herr Knofel, der junge Mann, und trat— Anna hörte nicht auf— zu Onkel Joseph mit einem nervös beleidigten Lächeln:„O, es ist weiter nichts, Herr Briese. Nur, daß ich mich mit Anna verlobt habe." „Ja, denke Dir nurl" sagte der Rechnungsrat mit glück- lichem Gesicht. „Ich denke." Onkel Joseph hielt sich die Ohren zu.„Wer ich könnte noch besser denken, wenn der Topf dort"— er wies auf's Klavier—„einen Deckel kriegte." „ES ist nur der Hochzeitsmarsch aus„Lohcngrin", unterrichtete mit mitleidigem Lächeln der Bräutigam.„Höre nur auf, Anirchen, Musik ist nur für musikalische Ohren." „Ick, bin'n alter Maim," bat Onkel Joseph um Entschuldigung, „Sie müssen es mir nicht zu hoch anrechnen, Herr Knofel.— Der eine Knopf an Ihrem Handschuh ist noch offen." „Danke," erwiderte Herr Knofel.„Trotzdem eS nicht die billigsten sind." Alma saß noch mit hintenübergelegtem Kopfe, die Hände auf den Tasten, und schien zu schwelgen. „Wie hübsch sie ist," flüsterte Frau Rat dem Bräutigam zu. „AlS ob sie den Haupttreffer mit der Prämie in der preußischen Lotterie gewonnen härte," kalkulierte Onkel Joseph. In diesem Augenblicke sprang Anna auf, umhalste ihren Onkel und rief:„Denke Dir nur, ich Hab mich verlobt! Herr Knofel hat bei Papa und Mama um meine Hand angehatten." „Du bist imnier eine gehorsame Tochter gewesen." „Mein Herz ist im Spiel!" Herr Knofel drückte ihr die Hand.„Mich ruft mein Dienst, Geliebte." „Noch fünf Minuten!" bat Amm. „Schöner kann's im Theater mich nicht sein," flüsterte Joseph. „Dienst ist Dienst, liebes Kind." Herr Knofel entsagte für den Augenblick.„In der Hinsicht—* „Sic haben recht, junger Freund." Der Rat schüttelte ihm die Hand.„Greisen Sie von voniherem durch! Pünktlichkeit ziert den Beamten." „Es schadet sonst auch der Karriere, wiffen Sie?" Herr Knofel sah ihn wichtig an. „Gewöhne Dich, Aennchen," riet mitleidig die Mama.„Es ist das Los der Frauen auf der Erde, ihr Glück hinter die großen Pflichten des Mannes zurückgesetzt zu sehen." „Du," Onkel Joseph meldete sich,„sag daS noch mal." Man beachtete ihn nicht. Herr Knofel verabschiedete sich und spendete Onkel Joseph als letztem nur ein kühles Nicken des stark oomadisicrtcn Hauptes. Anna hing sich in semen Arm und be- gleitete ihn bis zur Trepprntür. Frau Rat ging hinterher als Ehrenwache.— „Ja," der Rat wanderte leise lachend einmal auf und ab und ließ fich dann in einen Sessel fallen.„Soweit wären wir nun glück- lich. Und wenn die Hochzeit vorüber ist— in acht Wochen—, dam» bin ich sozusagen am Ende meiner Lebensaufgabe." „Du Glücklicher!" Frau Rat trat ein und rief triumphierend:„So etwas hast D» nicht erwartet, Joseph!" „Doch. Seit Ihr Fritz, den guten Jungen, habt abblitzen lassen." «Die Frau eines Armenarztes I" Ein hochmütiges Achselzucken. „Er hat's heute noch nicht überwunden— törichterweise. Onkel Joseph drehte gedankenvoll seinen Hut.„Wer es ist ganz famos so. Das wird ihn heilen." Anna stand in der Tür. Blutrot. Daun kam sie näher, un« sicher, tastend:„Gefällt er Dir nicht, Onkelchen?" „Herr Knofel? Hm I Wenn ich mich recht erinnere, nanntest Du ihn früher eiranal— wie war's doch— eine Figur vom Maskenball..." Anna setzte sich mit rotem Kopf an's Klavier. „Er ist von der höheren Postkarriere," bemerkte die Mama. „Pensionsberechtigt natürlich." Anna wandte sich gereizt:„Er braucht gar keine Pension." „Er hat kürzlich eine alle Tante beerbt," lächelte der Rat. „Die Moos angesetzt hatte?" „Viel Moos. Hahaha!" „Er kann die Hälfte seines Gehaltes auf die WohmmgSmiets anwenden. Morgen gehen wir auf die Suche", sagte Frau Rat. „Ich krieg' ein blaues Boudoir I" rief Anna.„Ein blaues Boudoir, einen rosa Salon und ein Schlafzimmer ganz in Weiß." „Diners will er auch geben", warf der Rat ein. „Seinen Vorgesetzten?" „Den Briefträgern wohl nicht!" Mama wurde schroff. „Hör mal, alter Junge", lachte der Rat,„verdirb s nicht mit der Schwiegermutter. Sie kriegt womöglich die Schlüssel zum Weinkeller. Ich hoffe gelegentlich auf ein gutes Glas.— Ach!" er stand auf,„wenn Du wüßtest, wie leicht nur ist. Das kann nur ein Vater fühlen. Allenfalls noch die Mutter." „Ich hatte keine Sorge." behauptete die Rätin.„llebrigenS machen sie eine Hochzeitsreise nach Italien. Ich soll nachlommen. Ach, Italien!" „Was hast Du eigentlich an ihm auszusetzen, Onkel Joseph?" Anna versuchte sich zu wundern.„Er ist doch so— so— tadellos eigentlich." „Geplättet— mit einem Wort," sagte Onkel Joseph. „Ich bin sehr glücklich, Du darfst es glauben," beteuerte Anna und schlang einen Arm un: seinen Hals.„Horche mal, wie mein Herz geht." „Wahrhaftig. Tick sagt's— ein blaues Boudoir, tack— ein weißes Schlafzimmer, tick— ein Rosa-Salon, tack— eine Italien- reife, tick—" „Psitil" Anna stieß ihn von fich und flüchtete weinend in die Arme der Mutter. „Mein armes Kind I" Sie streichelte der Tochter da? Haar. „Laß ihn doch schwatzen, den alten Onkel. Ein Barbar bist Du, Joseph I Verdirbst die ganze Stimmung in: Hause. Hast Du jemals geliebt? Nein I Wie der Frost bist Du— ja, wie der Frost auf— auf junge, liebliche Blüten." Sie wciute auch und entfernte fich mit Anna. Der Rat nickte vorwurfsvoll:„Sie hat recht, Joseph. Von der Liebe und solchen Dingen verstehst Du nichts. Kannst nichts dafür— nein. Bist einmal so'n frostiger, kaller Charakter. Ich bemitleide Dich, Joseph I Die herrlichste» Erhebungen des Menschenherzens gehen Dir verloren. Ja I Nimm's nicht übel. Du bist zu eisig— ein Spötter. Ein ganz prächttger Kerl sonst, aber— kein Herzl Nein, ein Herz hast Du nicht!" Joseph machte ein merkwürdiges Gesicht, attnete ttef auf und nahm seinen Hut:„Geburtsfehler, weißt Du. Dagegen läßt sich nichts machen. Jetzt fällt mir übrigens auch ein, wie Deine Tochter früher den Knofel nannte: ein Harlekin ist'S, sagte sie— ein Fatzke. Damals lebte seine Tante noch."— KI. An der Grenze Perficus. Von unsäglichen Mühen und Be- schwcrden und dielen Leiden berichtet eine englische Mission unter Oberst A. H. Mac Mahon, die 2% Jahre zur Festsetzung der Grenze zwischen dem persischen und afghanischen Gebiet in Seistan zu- gebracht hat und jetzt nach England zurückgekehrt ist. Fünfzig Mit- gliedcr der Mission starben, wie in englischen Blättern berichtet wird, teils infolge von Hitze und Durst, teils durch Erfrieren, Er- trinken und Tollwut, und fast bl)l> Kamele und 120 Pferde gingen zugrunde. Die Mission bestand auS elf britischen Offizieren, einem großen Stab Sachverständiger für Vermessung und Bewässerung einer Eskorte von 200 eingeborenen Infanteristen, 50 Kavalleristen mit einem großen Bedarf an Transportmitteln, darunter das 58. Kamelkorps. Als Basis diente Ouetta, von dem alle Vorräte, außer Getreide und Futter und wenigen an Ort und Stelle erhält, liehen Waren, einen Weg von fast 500 englischen Meilen über eine fast wafferlose Wüste gebracht werden mußten. Zu dem Marsche über das unbewohnte wafferlose Land zwischen Ouetta und Seistan wurden fünf Wochen gebraucht, wobei drei Menschen und eine Anzahl Tiere erfroren. Das Lager wurde in Knhak aufgeschlagen, einem kahlen, wüsten, vom Winde bestrichenen Ort, in dem außcrgewöhn, liche Kälte und Hitze miteinander abwechselten; hier blieb die Mis- sion 2% Sommer. Die höchste Sonnucrtemperatur betrug 49 Grad Celsius im Schatten, und auf dem Rückwege im Mai und Juni stieg die Hitze sogar auf 50 Grad Celsius, sodaß ein Mann und viele Tiere starben. Die Abgrenzungsarbcit war sehr schwer. Südlich des Hilmend lief die Linie auf 9V Meilen durch eine völlig tvasscrlose Wüste, in der die Pfeiler bauenden Parteien sechs Wochen zubringen mutzten; das Wasser, das sie gebrauchten, mutzte ihnen aus weiter Entfernung gebracht werden. Nördlich von diesem Gebiet lief die Grenze durch Ueberschwcmmungsgebiet, in dem massive Pfeiler gebaut werden mutzten; die letzten 20 Meilen liefen durch die wasserloscn Glctscherabhänge des Sia Koh-Bcrgcs. Die Abgrenzung war Ende des vorigen Jahres zu Ende geführt. Ein tragisches Ende fand ein indischer Feldmesser, der in der nie vorher besuchten oder vermessenen Wüste Dascht-i-Margo beschäftigt war. Er wagte sich zu weit vom Wasser fort, konnte aber infolge der intensiven Hitze nicht weiter und vermochte auch nicht zurückzu- Ichren. Er und sieben Leute bezahlten ihren Wagemut mit dem Leben. Einer seiner Leute, der den Feldmesser sterben sah, wollte die Karte retten, um die so viele ihr Leben verloren hatten. Er schnitt sie von dem Mctztisch ab und da er fühlte, datz er nicht lange bei Bewutztsein bleiben würde, band er sich die Karte um seinen Leib. Dann brach er in der Hoffnung, Wasser zu erreichen, aufs Geratewohl nach Norden auf. Vier Leute, die ihn begleiteten, brachen zusammen; er selbst besinnt sich nur darauf, datz er nachts wieder zu sich kam und fand, datz er in einer Wasserlache bei dem Krash-Flutz lag. Hier entdeckte ihn ein wandernder Afghane und trug ihn auf dem Rücken nach einem afghanischen Dorf, wo sein Leben nach sorgfältiger Pflege gerettet wurde. Die Leichen seiner verunglückten Gefährten fand man nachher in ganz mumifiziertem Zustande. Im vorigen Winter wurden die vielen Schakale Seistans aus unbekannter Ursache toll und griffen Menschen und Tiere an. Die Krankheit verbreitete sich auch unter den Wölfen, die grossen Schaden anrichteten. Vier Mitglieder der Mission wurden gebissen; einer starb an Tollwut. Ein toller Wolf griff das Kamcllager an und bitz 70 Kamele und ein Pferd. 48 Kamele sowie das'Pferd verendeten an Tollwut. Noch eines zweiten Angriffs einer Horde toller Wölfe mutzte sich das Lager erwehren. Die Bewobner Seistans waren vom Schreck vor diesen tollen Tieren so über- wältigt, datz sie fast alle Hunde töteten und nur wenige behielten, die ihnen nachts zu ihrem Schutze dienen mutzten. Auch die Winde verursachten viele Leiden. Während des Sommers erreichte der ,.t20-Tagewind" ein« Schnelligkeit bis zu siebzig Meilen in der Stunde; man konnte sich höchstens abends, wenn der Wind sich etwas mätzigte, auf eine Stunde herauswagen. Die Luft war voller Staub und Salz, und man litt Schmerzen bei ihrem Wehen. Im Winter waren schreckliche Blizzards mit starker Kälte etwas Ge- wöhnlicheS. Den letzten hatte man am 29. März dieses Jahres; dabei fiel daS Thermometer auf 15 Grad Celsius, und der Wind hatte eine Stärke von 120 Meilen in der Stunde. Bei diesem lln- Wetter wurden viele Kamele getötet; ihre Kadaver verschwanden in unglaublich kurzer Zeit, da die Bewohner Seistans, die immer auf Fleisch erpicht sind, herbeieilten und sie schnell verzehrten. Seistan ist von einem Ende zum anderen voll von Ruinen; wo sich keine eigentlichen Ruinen mehr befinden, bezeichnen Stücke alter Ziegel uich Topfwarcn die Lage noch älterer Wohnstätten. Viele Ruinen sind von imposanter Grösse und bedecken oft grosse Land- strecken, sodass man daraus den Schlutz ziehen kann, datz das jetzt so unwirtliche Land ehemals dicht bevölkert und sehr reich war. Da viele dieser Orte wohl kaum so bald wieder von Europäern besucht werden, sind die gesammelten Daten von grossem Interesse. Die Mehrzahl der zerstörten Städte ist wahrscheinlich seit 500 Jahren nicht mehr bewohnt worden.— Musik. Zentral-Theater. Als vor einiger Zeit in mehreren deutschen Städten die redenden Künste unter dem Zeichen des so- genannten Ueberbrettls standen, konnte man diesem eine gute Seite auch durch die Hoffnung abgewinnen, datz es für seine Künstler ein Durchgang zu etwas Besserem sein werde. Auch an seinen Berliner Kapellmeister Oskar Straus heftete sich diese Erwartung, be- rechtigt durch mehrfache günstige Eindrücke seiner Kompositionen. Nun kam es zur Probe aufs Exempcl. Sie ist eine drciaktige Operette geworden:.Zur indischen Witwe". Die erste Aufführung fand am vergangenen Sonnabend(30. September) im Zentral- Theater statt. Der Besitzer eines mehr oder minder grotzartigen Hotels in Neapel mutz das Erarbeitete seiner Nichte Rita überlassen, einem aus Aberglauben, Laune sc. zusammengesetzten Bauernmädchen, und ge- winnl auch ihre Hand nicht. Diese gehört vielmehr vorerst einem Maler Paolo. Da dieser jedoch ihrem Eigenwillen den seinigen entgegen- setzt, schafft ihr ein„bengalischer" Gauller. Professor Mnradar, Ersatz in einem entzauberten indischen Prinzen. Der ist ihr aber nun tvieder zu automatisch. Schliesslich hängt sie sich an Mnradar selber, einen Jugendfreund des Paolo. Dieser selbst ist es, den jener als Prinz vorgeführt hat, und dabei verliebt er sich in eine „Bajadere". Der Onkel bekommt eine indische Witwe, und nach ihr wird nun das Hotel benannt, das nun Rita eröffnen will. Dazwischen wird mit den Beinen und mit Kalauern herumgehopst. Für den Text zeichnen zweie, für die Musik auffallcuderwcise nur einer. Sie erhebt sich laum an einer einzigen Stelle(RitaS Gesang, wie ihr künftiger Mann sein soll) zu der— sozusagen— Höhe des seinerzeit vielberusenen„Lustigen Ehemanns" von D. Strauß; an einigen anderen Punkten entfaltet sie ein Geschick, so auszusehen, als wäre sie etwas Besonderes. Im übrigen begeht das Gesanitwerk sogar das hier ani wenigsten zu erwartende Un- geschick, das schlimmste von allen: langweilig zu sein. Nicht einmal das dortige Publikrun war ganz zufrieden; was viel sagen will. Die Gelegenheit-' Künstler zu bedauern, datz sie unter ihrem Niveau arbeiten müssen, war wieder reichlich gegeben. Alma S a c c u r erinnerte uns in der weiblichen Hauptrolle an ihre guten Leistungen in dem traurig entschlafenen.Nationaltheater", wenn auch ihre Gesangskunst hier etwas vernrindert schien. Die zwei Inderinnen wurden von zwei uns noch unbekannten Sängerinnen gegeben: Hanna Simon und Poldi Szakolczay; diese eine anmutige Spielerin, jene eine Sängerin, die verdient, datz man sie in einer gewichtigeren Rolle beurteilen möchte. Neben den be» reits bekannten Sängern und Spielern jenes Theaters ist als neu und als annehmbar Herr Rudolf Senius in der„bengalischen" Rolle zu nennen.— sz. Berliner Volkschor. Joseph Haydn erscheint als eines der wenigen musikalischen und überhaupt künstlerischen Genies. die sich nicht in Widerspruch zu ihrer Zeit gesetzt haben. Vielleicht ist dies mit ein Grund, datz er heule hinter andere von unseren musikalischen Klassikern zurückgesetzt wird, beispielsweise noch immer nicht in einer Gesamtausgabe vorgeführt ist. Um so verdienstlicher ist das Unternehmen des Berliner Volkschores, ihm einen eigenen Abend zu widmen. Die ungünstigen Verhältnisse, unter denen dieser vorgestern(Sonntag) im.Gewerkschaftshause" stattfand, und deren Vermeidung für solche Konzerte recht sehr zu wünschen ist, liehen uns nur die Hälfte des Programms genietzen. Doch schon dies zeigte einen guten Gesanitgeisi und bei mehreren der Mit- wirkenden wertvolle Einzelleistungen, neben denen allerdings auch weniger Wertvolles stand— so würden sich z. B. die Stücke für Violoncello mit Klavier doch wohl lebendiger spielen lassen. Eine besonders glückliche Wahl waren einige der„schottischen Lieder", mit Begleitung eines Jnstrumentaltrios. Chorgesänge, für damals kunstvoll gesetzt, zeigten die treffliche Schulung des Chores, bei der uns namentlich die Abwesenheit von Forcierung der Stimmen gut auffiel. Gemäss dem instruktiven Charakter dieser Veranstaltung ging der Musik ein Vortrag über den Komponisten voraus. Herr Walter Fischer gab da ein gut gerundetes Lebens- bild, ausgehend von der oben vorangestellten Charakterisierung Hahdns. Sie treibt allerdings zu der Annahme, datz das für uns neue an diesem Meister im Kerne bereits vorhanden war, also bei einem oder mehreren Vorgängern zu suchen ist. Datz einer von diesen Johann Stainitz war. und datz auch da? Streich- quartett nicht so unvermittelt aus Hahdns Geist entsprang, wie der Vortragende meinte, würden wir allerdings gern als Vervollständi- gung jenes Vortrage« gehört haben; wie wir andererseits auf eine endliche Einführung von I. Stainitz in das Konzertrepertoire bereits mit Spannung warten.— sz. Notizen. — Hermann Su derma uns neues Schauspiel„Stein unter Steinen" geht am nächsten Sonnabend im L e s s i n g- Theater zum erstenmal in Szene.— � Erfolg hatten bei der Uraufführung: Der erste Teil von Strindbergs Doppeldrama„Totentanz" im Alten Stadt- Theater zu Köln,„Die Sünde Davids", Schauspiel von Stephen Phillips, im Düsseldorfer Stadttheater.— — Erworben wurde vom Karlsruher Hoftheater die ein- aktige Oper„Der fahrende Schüler" von Edgar Jstel.- v. Nach einer neuerdings aufgestellten Statistik gibt es in Paris 101 Theater, darunter die vier staatlich unterstützten Theater, 40 andere Theater, 40 Konzerträume und Cafv-KonzertS und vier grosse Zirkusgebäude.— — Der dritte KunsterziehungStag findet am 13., 14. und 15. Oktober in Hamburg statt.— — Architekten-Honorar. Baurat S e e l i n g- Berlin erhält für die Erbauung des neuen Nürnberger Stadt» theaters 130 000 M., 5 Proz. der Bausumme von 3,72 Millionen. Ans dieser Summe hat der Architekt seine Bureaukostcn zu decken; seine Reisekosten werden ihm besonders vergütet.— — Ein einfaches Verfahren, die reiche Birnenernte eines Baumes auf lange Zeit zu verteilen, beschreibt E. Voigt- Golzern im„Praktischen Ratgeber": Man bewahrt die Früchte an verschiedenen Orten auf, die nicht die gleiche Temperatur haben, legt z. B. eine kleine Menge in die geheizte Stube, einen Teil in einen kalten Raum, einen anderen auf den Hausbodcn, natürlich gut zugedeckt, datz der Frost nicht schadet, und den Rest in den Keller. Herbstbirnen besonders, die man häufig so schnell als möglich weg- essen mutz, weil sie sonst teigig und ungenießbar werden, habe ich so acht Wochen hingehalten. Winterbirnen soll man nicht sobald ins wanne Zimmer bringen, sondern erst, wenn ihre Zeit kommt. Sie welken sonst stets. Dann aber lege man allmählich die Birnen, so» bald sie eine weibliche Färbung annehmen, in ein Schubfach in der geheizten Stube, sie loerden bald genutzreif.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer Lc(So..Berlin SW.