Ilnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 195. Fmtng. den 6. Oktober. 1905 13] Das Duell. (Nachdruck oeiOotcn.) Nomon von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Vorher ober, beim Fisch, hatte er sich nicht holten können und Romaschow im Kommandoton angeschrien: �„Unterleutnant! Legen Sie bitte das Messer beiseite. Fische und Frikandellen ißl man ausschließlich mit der Gabel. oft nicht hübsch! Ein Ofsizier muß zu essen verstehen. Jeder Offizier kann zur Allerhöchsten Tafel geladen werden. Merken Sie sich das." Romaschow saß unbequem, geniert bei Tisch; er wußte nicht, wo er mit den Händen bleiben sollte; hielt sie meistens unter dem Tisch und flocht die Fransen des Tischtuches in kleine Zöpfchen. Er war anständiger Familienumgebting längst entwöhnt, kannte keine bequeme und komfortable Häus- lichkeit mehr und keine Ordnung bei Tisch. Die ganze Zeit über quälte ihn ein und derselbe Gedanke:„Das ist doch widerwärtig, ist Schwäche und Feigheit meinerseits, daß ich diese demütigende Einladung weder habe abschlagen können noch gewagt habe, fortzugehen. Aber jetzt stehe ich sofort aus, mache eine Verbeugung tind gehe fort. Mag man denken. was mau will. Wird er mich nicht auffressen? Wird er nicht meine Seele, meine Gedanken, mein Bewußtsern nehmen? Soll ich gehen?" Und wieder fühlte er, wie sein Herz still- stand, wie er vor innerer Erregung blaß wurde, sich über sich selbst ärgerte und ganz genau wußte, daß er das nicht tun würde. Als der Kaffes gebracht wurde, brach schon der Abeitd an. Note, schräge Sonnenstrahlen drangen ins Fenster und spielten in hellen, kupfernen Flecken auf den dunklen Tapeten, dem Tischtuch, den Gläsern und auf den Gesichtern der Speisenden. Alle wurden still und gerieten in einen Zustand trauriger Ver- zauberung infolge der Abendstunde. „Als ich noch Fähnrich war," begann Plötzlich Schulgo- witsch,„war unser Brigadekomniandeur General Fofanow. Ein lieber, guter Alter und tapferer Offizier, nur kein moderner Soldat. Ich weiß noch, wie er einst bei der Bc- sichtigung zun: Trommler tritt— er liebte schrecklich das Trommeln �— und zu ihm sagt:„Na, Freund, min spiel mir mal etwas Trauriges." Ja. So ging dieser General, wenn Gäste bei ihm waren, stets präzise elf Uhr zu Bett. Es kam dann vor. daß er sich an die Gäste wandte und sagte:„Nu, meine Härren, essen Se, trinken Se und amesieren Se sich, ick geh jetzt in Neptuns Arme." Man sagte ihm:„Vielleicht Morpheus, Exzellenz?..."—„Ach, dat is janz ejal: alleS eine Mineralogie." So mache ich es auch, meine Herren"— Schnlgowitsch stand auf und legte die Serviette über die Stuhllehne.„Ich gehe auch in Neptuns Arme. Die Herren Offiziere sind frei." Die Offiziere erhoben sich und standen stramm.„Ein ironisches, bitteres Lächeln umspielte seine Lippen," dachte Romaschow, dachte aber gleichzeitig, warum sein Gesicht in diesem Augenblick kümmerlich, blaß und unschön-unterwürfig wäre? Wieder ging Romaschow nach Hause mit einem Gefühl voll Einsamkeit, voll Gram und gleichsam verloren in einer fremden, dunklen, feindlichen Gegend. Wieder brannte im Westen in blauen, schweren Haufenwolken rötlich-bernstein- farbenes Abendrot, und wieder war es Romaschow, als wenn weit hinter dem schwarzen Horizont, hinter Häusern und Feldern eine schöne. Phantastische Stadt läge, mit einein Leben voll reizenden Glücks und herrlicher.(kuust. Auf den Straßen wurde es schnell dunkel. Die Ehaussee entlang liefen kreischende Judenkinder. Auf einem kleinen Schutthügel am Wege beim Pförtchen klang ein zartes weib- liches Lachen, ununterbrochen und aufregend, mit heißem, lebhaftem, fröhlichem Zittern, wie Mädchen nur im Frühling lachen, lind gleichzeitig mit dem leisen, nachdenklichen Kummer entstanden in Romaschows Inneren sonderbare trübe Er- innerungm und Bedauern über ein nie gewesenes Glück und über frühere, noch weit schönere Frühlingszeiten, und in seinem Herzen rührte sich eine unbestimmte, süße Vorahnung kommender Liebe... Als er nach Hause kam. traf er Hainün in seiner dunklen Kammer vor der Puschkinbüste. Der große Poet war ganz mit Farbe beschmiert, und ein davor brennendes Licht warf glänzende Flecke auf seine Nase, die dicken Lippen und den muskulösen Hals. Hainän selbst aber saß nach türkischer Art auf drei Brettern, die ihm das Bett ersetzten, wiegte sich vor- und rückwärts und murmelte singend etwas Monotones und Langgedehntes vor sich hin. „Hainän!" rief Romaschow ihn an. Der Bursche schrak zusammen, sprang vom Bett auf und stand stramm. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Schreck und Verwirrung. „Allah?" fragte Romaschow freundlich. Der bartlose Knabenmund des Tscheremissen verzog sich zu einem breiten Lächeln, bei dem im Lichtschein seine präch- tigen weißen Zähne blitzten. „Allah, Herr Leutnant!" „Nu, nu, nu... bleib sitzen." Romaschow streichelte dem Burschen freundlich die Schulter.„Macht nichts, Hainnn, Du hast Deinen Allah, ich habe meinen; schließlich haben alle Menschen einen Allah." „Ein prächtiger Kerl, der Hainnn," dachte der Leutnant, als er in sein Zimmer ging,„und ich wage nicht einmal, ihm die Hand zu drücken. Ja, ich kann's nicht, ich wage es nicht. O, zum Teufel, ich muß mich von jetzt ab selbst anziehen und ausziehen; eine Schweinerei, einen fremden Menschen dazu zu zwingen!" An diesem Abend ging er nicht ins Kasino, sondern zog aus der Schublade ein dickes liniierteS Heft, das mit kleinen, ungleichniäßigen Zügen bedeckt war, und schrieb bis in die tiefe Nacht. Dieses Heft war die dritte von Romaschow ver- faßte Novelle, mit dem Titel„Das letzte Schicksalsdebüt". Ter Leutnant schämte sich seiner literarischen Beschäftigung und hätte um keinen Preis der Welt jemand etwas von ihr verraten. 8. Die Kaserne zur Unterbringung des Regiments hatte nian kürzlich am äußersten Ende der Ortschaft an der Eisen- bahn, ans der sogenannten„Trift", zu bauen begonnen; bis zu ihrer Fertigstellung war das Regiment mit allem Zubehör in Privatquartier untergebracht. Das Offizierskasino be- fand sich in einem kleinen, einstöckigen Hause, das die Form eines P hatte: In der Längsseite, die an der Straße lag, befanden sich der Tanzsaal und das Gastzimmer; die kurze Seite aber, die tief in den schmutzigen Hof hineinragte, nahmen das Eßzimmer, Küche und einzelne Räume für fremde Offiziere ein. Diese beiden Hälften waren durch einen schmalen Korridor mit vielen Windungen untereinander ver- bunden; auS jeder Abteilung führten Türen in die Neben- räume, und so erhielt man eine Reihe winzig klein'- Zimmer, die als Büfettränme, Billardzimmer, Kartenzin..». Vorraum und Damentoiletten dienten. Da alle diese Räumlich- keilen, außer dem Eßzimmer, für gewöhnlich unbewohnt waren und niemals gelüftet wurden, so herrschte in ihnen eine feucht-säuerliche Luft, wie in leerstel)enden Wohnungen, und dazu kam noch der eigenartige Geruch von alten Möbel- Überzügen. Romaschow kam um neun Uhr ins Kasino. Fünf bis sechs unverheiratete Offiziere waren bereits zugegen; Damen waren aber noch nicht da. Unter ihnen herrschte seit einiger Zeit ein sonderbarer Wettkampf um den„guten Ton". Und dieser gute Ton ließ es den Damen geradezu schimpflich erscheinen, die erste auf dem Balle zu sein. Die Musikanten saßen schon auf ihren Plätzen in einer Glasgalerie, die durch ein großes Fenster mit vielen Scheiben mit dem Saal ver- bunden war. Im Saal brannten an den Zwischenwänden zwischen den Fenstern dreiarmige Leuchter, und von der Decke hingen Kronleuchter mit zitternden Glasanhängseln herab. Infolge der hellen Beleuchtung erschien dieser große Raum mit kahlen, weiß tapezierten Wänden, mit Rohrstühlen an den Seiten und Tüllgardinen an den Fenstern besonders leer und öde. Im Billardzimmer spielten die beiden Bataillons- adjutanten, Bek-Agamalow und Olisar, den alle im Regiment Graf Olisar nannten, mit fünf Kugeln um Bier. Olisar, ein langer, dünner, wie geleckt pomadisierter junger Greis mit bartlosem, aber von Runzeln über und über durchfurchtem Gesicht, warf fortwährend mit Billardausdrücken um sich. Bek-Agamalow verlor und war böse. Vom Fensterbrett aus sah Stabskapitän Leschtschenko, ein verdrießlicher Herr von sünfundvierzig Jahren, der durch seinen bloßen Anblick Mit- leid erregen konnte, ihren: Spiel zu: in seinem Gesicht und an seiner Gestalt hing alles mit dem Ausdruck trostlosester Melancholie nach unten: so hing, wie eine Erbsjchote, die lange, fleischige, rote, welke Rose nach unten: in zwei dünnen schwarzbraunen Fäden hing der Schnurrbart auf das Kinn herab: die Augenbrauen liefen vom Nasenrücken bis zu den Schläfen abN'ärts und gaben seinen Augen einen ewig weiner- lichen Ausdruck: selbst der altertümliche Rock ichlotterte um seine abschüssigen Schultern und seine eingefallene Brust wie an einem Kleidergestell. Leschtschenko trank nicht, spielte nicht und rauchte nicht einmal. Aber es machte ihm ein sonder- bares, für andere ganz unverständliches Vergnügen, im Karten- oder Billardzimmer oder im Eßzimmer, wenn es dort besonders toll herging, hinter dem Rücken der Beteiligten zuzusehen. Ganze Stunden saß er dann schweigend und ver- drießlich, ohne ein Wort zu sprechen, da. Im Regiment war jedermann hieran gewöhnt, und bei Spiel und Trank fehlte geradezu etwas, wenn der sprachlose Leschtschenko im Kasino nicht zugegen war. Romaschow begrüßte die drei Offiziere und sehte sich neben Leschtschenko, der znvorkommend beiseite rückte, tief auf- seufzte und den jungen Offizier mit traurigen und hündisch ergebenen Blicken ansah. „Wie geht's Marja Biktorowna?" fragte Romaschow in dem ungenierten und absichtlich lauten Tone, in dem man mit tauben und schwer begreifenden Leuten spricht, und den sich Leschtschenko gegenüber im Regiment sogar die Fähnriche angeeignet hattein „Danke, Liebling," erwiderte Leschtschenko mit_ einem schweren Seufzer.„Natürlich ihre Nerven... Ist nun einmal so." „Wamm sind Sie nicht mit Ihrer Gemahlin zusammen? Oder kommt Marja Viktorowna vielleicht heute nicht?" „Nein. Was denn. Sie kommt. Kommt, mein Lieber. Nur sehen Sie, wir haben keinen Platz im Wagen, sie hat nnt Raisa Alexandrowna zusammen einen Wagen genommen. Nu, und da, wissen Sie, sagt man mir:„Du hast so schmutzige Stiefel, Du verdirbst uns unsere Kleider."" „Kreuz in der Mitte! Feiner Schnitt. Nimm die Kugel aus dem Beutel. Bek!" rief Olisar. „Mach erst einen Ball, dann nehme ich sie heraus," er- widerte Bek-Agamalow ärgerlich. Letschschenko nahm die dunkelbraunen Enden seines Schnurrbartes in den Mund und kante hartnäckig darauf. „Ich habe eine Bitte an Sie, Jnrij Alerejitsch," sagte er flebend und stockend.„Sie sind doch heute Tanzordner?" „Ja. Zum Kuckuck. Man hat mich dazu bestimmt. Ich habe mich vor dem Rcgimentsadjntanten aedreht und gc- wunden, wollte mich sogar krank melden. Aber, wie läßt der mit sich reden?! Sagt mir, ich solle ein ärztliches Attest bei- bringen." „Nun, da will ich Sie um ettnas bitten, Liebling," fuhr Leschtschenko fröhlich fort.„Richten Sie es um Gottes willen so ein. daß sie nicht schimmelt. Wissen Sie, ich bitte als guter Kamerad!" „Marja Viktorowna?" „Nun ja. Bitte." (Fortsetzung folgt.) (Nachdnlck v«boten.) JVIakfimö JVachtcncn* Von Roda Roda. Jelka, MakfimS Frau, taucht den Schwingbaum mit dem Eimer tief in den Brunnen und schöpft Wasser. Weiße Kühe mit klugen, dunklen Augen warten schon bedächtig am Trog, um ihren Durst zu löschen. Wenn sie getrunken haben, schreiten sie bedächtig— in Spondäen— ihrem Stall zu, der sie für die Nacht beherbergen wird. Jelka, Mttksims Frau, schöpft noch einmal auf, leert den Eimer in ein Tränkschaff, das sie sich auf den Kopf setzt— und verschwindet, ihre Last mit steifem Nacken balanziercnd, im Schweinekoben. Ihr «ach rennen die Ferkel, stoßen und schieben einander und streiten Grunzend um ihr Abcndfutter. Dicht am Koben, unter dem Vordach eines hundertjährigen Eichenwaldes, steht Maksims Häuschen, aus Balken gefügt, mit Rindenstücken bedeckt, von wildem Hopfen umsponnen. Das Fenster ist offen und daraus tönt ein verzweifeltes Kindergeschrei. Der Kleine in der Wiege meldet sein Erwachen und weint, trotzdem Brüder und Schwestern, um ihn aufzuheitern, einen wilden Tanz um seine Wiege schwingen. Erst als die Mutter ihn mit den sanften Worten ihrer rauhen Sprache anredet, gibt er sich zufrieden. Maksim, der herrschaftliche Heger, hat seine Weidtasche um» gehängt und greift nach dem Beil. Er wird die ganze Nacht im Wald verbringen. Da sind in Grahowtzi einige Kerle, die weiden ihre Schind» mähren alle Nacht in der herrschaftlichen Schonung. Heute ist es so schön draußen, ein linder Hauch nach einem schwülen Tage, da werden sie sicher wieder angeklappert kommen. „Nimm Dein Gewehr mit, Maksim," mahnt die Frau. Ein verächtliches Achselzucken ist die Antwort. „Wer weiß— geh, nimm'sl" „Ah, der Teufel wird mir was tun, dummes Weib," lacht er. „Hab' das Gewehr schon oft genug getragen, wenn es notwendig war, wozu soll ich es noch unnütz schleppen?" Und lachend drückt er die Tür ins Schloß. Auf schmalen Pfaden eilt der Mann tiefer in den Wald hinein. Scharf gerundet sprüht der weißglühende Mond aus einer rauchenden Wolkenesse. Maksim macht sich's an einer trockenen Buche bequem und setzt sich auf die Wurzeln nieder, die ein längst ausgedorrter Waldbach zutage gewaschen hat. Hier sieht er durch leichtes Buschwerk in die Lichtung, das verbotene Weidcparadies, den Neid der Grahowtzer. Nicht umsonst hat Makfim am vorigen Sonntag Hufspuren in dem fetten Grase bemerkt. Fröstelnd zieht er sein Nachtmahl aus der Jagdtasche, und als er das Stück Speck in der Hand hält und betrachtet, überkommt ihn die Lust, es zu rösten. Er kann nicht widerstehen, entfernt vorsichtig das trockene Gras, das Laub und die Aestchen und beginnt ein Feuer zu machen. Bald steckt der Speck an einem Holzstäbchen, und Maksim dreht mit Eifer daran. Jedesmal, wenn ein Tröpfchen Fett in die Kohle fallen will, hält er sein Brot unter, um:a nichts zu ver- lieren.— Der Speck muß ertränkt werden. Und Maksim leert in einem Zuge das Fläschchen Sliwowitz, das er in seiner Tasche getragen hat.— Gesättigt, behaglich wie selten, legt er sich dann ins vorjährige Laub.— Er sieht in die Glut, die sich knisternd regt, mit blauen Flämmchen aufzuckt und so hübsch wärmt. Wenn das Feuerchen im Modcrlaub weitergreifen will, schiebt er's mit dem Beilstock allemal sorglich zurück. So sitzt Maksim und denkt an nichts. Plötzlich— hört er was. Auf leisen, schleichenden Sohlen kommen sie. Unter den unbeschlagenen Hufen raschelt kaum die trockene Waldstrcu. Immer näher und näher! In langem Zuge trappeln fünfzehn Pferde aus Grahowtzi vorüber. Still nimmt der Heger sein Buch aus der Brusttasche und schreibt die Namen auf. Ein Drittel des Strafgeldes wird ja ihm gehören. Je mehr ihrer sind, desto besser. Der Herbst kommt— die Kinder brauchen wieder Schuhe. Indessen hat sich der Himmel umzogen— und Maksim setzt sich näher zu der Glut. Eine stattliche Reihe von Namen steht in seinem Buche. Die Lumpen! Die fette Weide dieser Nacht soll ihney teuer zu stehen kommen! Aber wahrhaftig, da kommt noch einer. Drei kleine, magere Pferdchen, die sich kaum schleppen. Auf einem vierten größeren sitzt ein halbwüchsiger Junge mit dem fröhlichsten Gesichte von der Welt und pfeift sich ein Liedel. Das ist zu viel!—•„He, Jlija, guten Morgen. Bürschchen!" ruft der Heger höhnisch uiid kommt hinter den Büschen hervor. „Wie geht es Dir, Seclchen? So zeitig schon ausgeschlafen? Trab' nur davon, dummer Junge, es hilft Dir doch nichts." Und wieder malt er auf dem Blatt herum.„So; das war der letzte," sagt er befriedigt, wickelt sich in seinen Schafpelz und— ehe fünf Minuten vergangen sind, ist der Wächter eingeschlafen. Jetzt teilt sich ihm zur Seite das Gebüsch und Jlija blickt ver- schmitzt durch. Er winkt zurück, zwei andere erscheinen und nähern sich vorsichtig dem Schläfer. Maksim träumt, es kämen ein paar schwarze Männer, die ihm die Hände binden und ihn dann auf einmal so hoch in die Luft heben, so hoch, daß er in die Sonne fällt und schreckliche Hitze leiden muß. Er windet sich— er schreit auf— er schlägt herum— so gut er s mit den gebundenen Gliedern kann. Zwei, drei Sekunden lang fühlt er den Höllcnschmerz der Kohlen, in die sie ihn gelegt haben. Die Riemen— ach, die Riemen— die zerschneiden ihm die Gelenke! Er brüllt und reißt mit übermenschlicher Kraft die Hand aus der Schlinge, seinem Leib- gurt, daß das blutige Fleisch daran hängen bleibt. Dann stürzt er sinnlos vor Qual davon. Irgend wohin, wo Oel oder Wasser ist zur Linderung seiner Wunden. Ein Wehen hat sich erhoben und fährt aufmunternd in die glühenden Kohlen. Funke auf Funke springt ins dürre Gras, vom frischen Wind getragen. Flämmchen leuchten hier und dort— und lecken an dem Stoße von trockenem Prügelholz, der dicht an Maksims Lager aufgeschichtet ist. Schon glüht ein Scheit und schwitzt am Stirnschnitt. Fauchend fährt der Wind ins Feuer. Es schlägt hoch auf, klettert flink und sprunghaft eine dürre Fichte empor, die gleich wie eine Kerze aufloht. Knallend ergreift's die Aeste— sie flackern auf, brennen zu Asche und eilen mit dem Wind in alle dunllen Weiten. Im Prügelholz braust und saust eine gärende Flamme, die Rinden bersten und fliegen— talergroße Funken flattern aus, prasseln und zünden. Aus dem frischen Bast des Nachbarbaumes kocht die Hitze alles Leben aus und umfängt auch ihn mit gierigen Zungen. Am Morgen liegt eine schwere, stinkende, himmelhohe Wolke überm Wald. Glocken tönen in Dörfern und Pußten. Bauern und Dienstleute strömen herbei— alle Wege sind belebt von ihren Scharen. Wo der rote Hahn gehaust hat, dampft der Boden, und schwarze, dunstende, kahle Baumstümpfe ragen auf wie uralte Obelisken auf dem Friedhof eines ausgestorbenen Riesenvolkes. Da und dort birst mit lautem Schlag ein Stamm. Da und dort stürzt einer krachend und rauchend um und verspritzt die Glut, die er nicht mehr nähren kann. Mit fieberhafter Eile ziehen die Leute einen Graben um das Feuer. Linkerseits sind ihnen die Nachbarn, die Dienerschaft des BaronS Pilen zu Hülfe gekommen. Der junge Verwalter selber leitet sie. RechtS arbeiten die gräflich Boros'schen. Mit eiligen Befehlen, Antrieb und Ermunterung bewegt sich ihr Förster unter ihnen. Sein Gesicht ist rußig und von der strahlenden Hitze gerötet. Er harrt aber aus. Was zu retten ist, muß gerettet werden. „Herr Förster, hoffen Sie noch immer?" „Jal" Und mit kampffreudiger Festigkeit blickt er in den brennenden Wald. Die Luft zittert, der Rauch treibt einem die Tränen in die Augen.— Haushoch schlagen die Flammen empor. Näher als hundert Schritte kommt man nicht heran. Am Abend ist es ein fürchterlich schönes Schauspiel. Die Funkengarben und Raketen stieben zum Himmel, der in Blut ge- taucht ist. Zeitweise zuckt, wie ein glitzerndes Schwert, eine himm- lische Flamme darüber, und alle, die sie sehen, erbeben. Der Kampf ist aussichtslos. Die ermüdeten Leute können nicht» mehr leisten. Nicht einmal die Gendarmen mit dem Bajonett der- mögen sie aufzujagen. Da erbarmen sich ihrer die Götter. Der Himmel öffnet sich und ein Wolkenbruch strömt herab. Zischend und wallend erlöschen die Flammen, nur in den dicksten Stänimen glimmt's noch unter der Borke. Ein unerträglicher Rauch erfüllt die Luft und nach der übergroßen Hitze dringt der Regen eiskalt durch die Kleider. Zu Hause aber heult Maksim in seinen Wunden und verflucht sein Schicksal und die Stunde seiner Geburt.— Kleines feuUleton. es. Der Lesesaal dcS neuen Kunstgewervc-MuseumS, der zugleich mit der Bibliothek seiner Bestimmung übergeben worden ist, präsentiert sich räumlich sehr gut. Hell und licht ist der Gesamt- eindruck. Die Decke weiß und übersichtlich einfach in der Gestaltung. Helles, glänzendes Holz verkleidet den unteren Teil der Wände. Die Stühle sind aus gleichem Material, ebenso die Zeitschriften- ständer und der abgesonderte Raum des Aufsichtsbeamten, der nach oben mit GlaS verkleidet ist. Es ist dem Saal dadurch der sonst übliche düstere Behördencharakter genommen. Etwas Festliches. Leichtes ist ihm eigen, und da die Bibliothek bis abends IV Uhr geöffnet ist und jedermann der Eintritt freisteht, so gewährt auch der abendliche Anblick mit den vielen elektrischen Flammen über den Tischen, an denen die Leser gebengt sitzen, einen großen, freien Eindruck. ES fragt sich aber, ob dieses glatte, spiegelnde Holz, diese Farben auf die Dauer nicht verwirrend, tändelnd, leichtfertig wirken. Es sind zwar große und einfache Farbengcgensätze, aber diese haben keinen Halt an dem Archlleklonilchen. Dasselbe bemerken wir schon an den Eingangs ttiren, dem Treppengeländer, den dunkelrotbraunen Jntarfiatüren, in deren Glanz sich alles spiegelt. Architekt und Raumkünstler arbeiteten nicht Hand in Hand. Ein Kunstgewerbe- museum hätte ein Beispiel moderner Jnnenkunst liefern sollen. Es hätte vorbildliche Räume aus dem Ganzen fürs Ganze schaffen müssen. Früher wäre dnS eine Utopie gewesen. Jetzt, wo am Museum moderne Künstler tätig sind, wäre eS möglich gewesen und es wäre so etwas wie eine Probe und eine dauernde, praktische Belehrung gewesen. Um diese Aufgabe hat sich das hauptstädtische Museum gedrückt. Es hat einen Raum gegeben, der wohl als geschmackvoll hingehen kann, den man als modern ansprechen kann, den man aber auch als altes Muster mit neuer Aliffrischung nehmen kann. Es ist ein Kompromiß. Das Eigenkräftige, das Schöpferische fehlt, und in Anbewacht des UmstandeS, daß dieser Vau so viel gekostet hat und für ansehnliche Jahre sieben soll, bereitet das kein Vergnügen. Die kunstgewerb- liche Entwickelung ist jetzt soweit, daß man vollgülttge Proben verlangen kann. Der Ausbau der Jnnenränme hätte also einem der bekannten Junenkünstler übertragen werden müssen, damit sie endlich vor große Aufgaben gestellt werden. DaS ist min vorbei, und die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. WaS hat es für einen Zweck, Vorträge und Belehningen zu geben, wie es im Kunstgewcrbemuscnm, das unter den öffentlichen BildungSanstalten am fortschrittlichsten sich betättgt, üblich ist, wenn nachher bei der praktischen Probe so zaghast vorgegangen wird. Diese hellen Farben passen vielleicht in ein moderne« Schlaf- Zimmer, in einen aparten Salon; ob sie aber ausreichen für einen großen Raum, erscheint fraglich. Dazu fehlt ihm eben die archi- tektonisch solide Gliederung. Etwas Weichliches, Unentschiedenes, Zerflatterndes hastet ihm an. Die charakteristische Struktur fehlt, die den ganzen Raum zusammenhält. Es erweckt diese Unentschicdeuheit keine günstigen Aussichten für die Ausgestallung der neuen Museums- räume selbst. Und in Anbewacht des Umslaudes, daß wir über eine ganze Reihe von Künstlern verfügen, die auf solche Aufgaben warten, ist es eigentlich eine unverantwortliche Veruachlässignug. Der Raum macht den Eindruck, als wäre er von jemand geschaffen, der auch „modern" sein will, dem aber die schöpferischen Qualitäten man- geln. Solche Talente stoßen nie an, sie geben aber auch nichts Vorbildliches, es find Mitläufer. Wir rühren da an Fragen, die für unser staatliches Kunstleben von schwerwiegender Bedeutung sind. Soll man doch schon von oben remonstriert haben, als einmal das löluieum zu derAnkündigung der üblichen Ausstellung imLichihofeine„moderne" Schrift verwandt hatte. In diesem Milieu kommen dann natürlich nur die Kompromißler hoch, und das ist schädlicher, als wenn strikt nur das Alte gepflegt wird. Wie angedeutet steht das Museum bei der Ausgestaltung der eigentlichen Museumsränme vor einer wichtigen, prinzipiellen Frage, die z. V. in Münckien im dortigen Nationalmuseum von Professor Seidl vorzüglich gelöst wurde. Diese architektonisch reizvolle Schöpfung in München, die alle Räume eigen behandelt und den Besuch zu einem unterhaltenden Spaziergang durch interessant gestaltete Zcitmilieus macht, so daß man ungezwmiget die ganze Entwickelung mitdurchlebt, gab eine Anregung, die ge» wisiciihafte Leute nicht ignorieren dürfen. Bei uns aber huldigt man immer noch dem langweiligen Aufbnuungsprinzip, dem zufolge alle die schönen Dinge der Vergangenheit langweilig und leblos er- scheinen.— a. Ein Femurteil. Von dem weitgreifenden Walten und Wirken der Feme ist nur verhältnismäßig wenig zur Kenntnis der Nachwelt gekonimen. Direkte Aufzeichnungen der Frcigrafen sind gar nickt vorhanden, und die Ausbeute aus den Rats- und Fürstenarchiven ist auch nur eine bescheidene. So sind ansgefertigie Femurteile ziemlich selten. Eines der interessantesten dieser nock vorhandenen Urteile ist dasjenige der Verfcmung des Herzogs Heinrich des Reichen von Bayern. Dieser hatte sich Rechtsnbergriffe gegen den Stallmeister seines Vetters, deS Herzogs Ludwig von Bayern, und gegen diesen selbst erlaubt. Der Stallmeister Kaipar v. Torringer klagte gegen den Herzag Heinrich dem Reichen bei der Feme vor dem Freistnhl zu Limburg. Jodannis 1429 Ivurde dieser denn auch in Anwesenheit vieler Freigrafcn, darunter der Frcigraf von Bochum, vom Dortmunder reigrafen Konrad von Lindenhorst, der den Vorsitz geführt, unl reigraf Albert Swinde verfemt, nachdem festgestellt war, daß der Herzog Heinrich von Bayern ordnungsgemäß dreimal geladen war, und Kaspar Torringer mit sechs Frei- fchöppen die Wahrheit seiner Klage beschworen hatte. Es heißt da in dem ausgefertigten Urteile: ,... so habe ich. Freigraf Albert Swinde, mit den vorgenannten Freigrafen, die mit nur den Stuhl besessen, den obengenannten Heinrich, der sich schreibet Pfalz- gras bei Rhein und Herzog in Bayern, von königlicher Gewalt ge- nommen und verfemt und verurteilt, aus der rechten Zahl in die unrechte Zahl, aus der echten Zahl in die unechte Zahl, aus der oberen Zahl in die niedere Zahl, von allen Rechten abgeschieden und habe ihn gewiesen von den vier Elementen, die Gott den Menschen zum Tröste gegeben habe, daß sein Leichnam nimmer dazu gemenget werden soll, wenn er nicht als missetätiger Mensch dazu gesiihrt werde, und sein Hals und sein Lehen, das er vom heiligen Reiche enipfangen hat, dem heiligen Reiche und dem Könige verfallen, und habe den obengenannten Heinrick, der fick schreibet Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in Bayern von Rechts wegen ver- urteilt als achtlos, rechttos, friedlos, ehrlos, sicherlos. missetättg, sempflichtig. liebeloS, und daß man niit ihm verfahren mag wie mit einem anderen miffetätigen verfemten Manne und ihn noch trefflicher und lästerlicher behandeln soll nach den Gesetzen des Rechtes, weil je höher der Stand, um soviel tiefer und schwerer der Fall, und er soll ferner für nn- würdig gehalten werden und kein Fürst sein nock heißen, noch Ge- richt und Recht besitze», lind wir obengenannten Freigrafen gebieten allen Königen, Fürsten, Edlen, Rittern, Knechten nnd allen denen. die zu dem Reiche gehören und angesessen und Freischöppcn sind und gemeiniglich allen Freischöppcn in der heimlichen Acht bei ihrer Treue und bei ihren Eiden, die sie dem heiligen Reiche und der heimlichen Acht geleistet haben, daß sie dazu helfen und bciständig dazu sind mit aller Macht nach allem ihrem Vermögen und daß sie das nicht lassen um Verwandtschaft, Schwägerschaft, um Liebe und Leid, um Gold und Silber, um Angst, Leben oder Gut, daß über den Vorgenannten Heinrich, der sich Pfalzgraf bei Rhein und Herzog in Bayern schreibt, seinen Leib und sein Gut gerichtet werde, wie eS heiligen Reichs und heimlicher Acht recht ist." Um daS Urteil vollstrecken zu lassen, schreiben die Freigrafen von Lindenhorft und Albert Swinde an den bayerischen Freischöppen Ritter Wolfsteincr,„da wir den Herzog Heinrich nicht hier im Lande zur Hand haben, Ihr aber m seinem Lande wohn- Haft seid, so ermahnen wir Euch bei Eurem Eide, den Ihr der heimlichen Acht geleistet habt, und gebieten Euch nach der un? in dieser Sache befohlenen königlichen Gewalt nnd bei KönigSbann, daß Ihr den Herzog Heinrich nach allem Euren Vermögen verfolget, und auch alle Fürsten, Herren, Ritter um» Knechte und alle diejenigen, die Fretschöppeii sind, ermahnt und auf« fordert, daß sie, wie cS da-Z Recht verlangt, dazu helfen und Euch mit aller Macht Beistand leisten, daß dem verfemten, ehrlosen, rechtlosen Manne nach seinem Rechte geschehe. Denn wenn sie anders �äten, so würden sie unS und dem heimlichen Rechte verfallen sein. ferner befehlen wir Euch mit derselben Macht bei Euren Eiden, daß Ihr auch alle ungcweihtcn Herren, sowohl Geistliche als Weltliche, Grafen, Ritter, 5tncchte, Städte, Märkte, Dörfer, Länder und Be- wohner, die ihm Gehorsam geschworen haben, aufreget und beweget, daß sie von ihreni Gehorsam und Gelübde abfallen und sie ihm in keinerlei Weise mehr holden. Was Ihr in allen diesen Sachen tuen werdet, dazu sollt Ihr von uns volle Macht haben und wollen wir Euch darin vollkommen Beistand und Hülfe leisten, wie sich ge- bührct." An des Herzogs Untertanen erließen die Frcigrafen Ausschreiben, mit der Warnung, ihn nicht zn beherbergen, noch ihm ferner ge- horsam und untänig zu sein. Der Schluß lautet:„Darum gebieten wir Euch, daß Ihr bei Pön Eurer Ehre und Eures Lebens dem Herzog Heinrich weder Schuh noch Hülfe gewährt, noch ihm Gehorsam erweist, noch ihn beherbergt oder in das Haus aufnehmt, und daß Ihr ihn keines menschlichen Trostes genießen laßt. Sollt Ihr aber wider diese Warnung und wider diesen Befehl handeln, so möchte Euch das schwer an Euer Leben und Eure Ehre gehen, das besser verhütet wäre." Völkerkunde. — D i e dekorative Kunst der Naturvölker hat seit etwa 40 Jahren die Aufmerksamkeit der Forscher in hohem Grade angezogen, und wir haben da, seit Laue Fox bahnbrechend auftrat, anerkennenswerte Leistungen, in jüngster Zeit z. B. jene von H. Stolpe und Karl v. d. Steinen, zu verzeichnen, welche namentlich die Stilisierung der Naturvölker verfolgten und uns zeigten, wie die dekorativen Motive von ihnen der Betrachtung von Naturgegenständen, namentlich Tieren, entnommen wurden. Für einen Jndianerstamni Mexikos, die H u i ch o l, hat jetzt Karl Lumholtz in dieser Beziehung zum ersten Male Helles Licht vcr- breitet durch seine mit zahlreichen Abbildungen versehene Schrift „Decorative Art ol the Huichol Indians"(American Museum ol Natural History, vol. III. New York 1904). Ihre Dekorationen finden sich fast ausschließlich auf Kleidungsstücken, die entweder von ihnen gewebt oder bestickt sind. Die Motive sind der Tier- und Pflanzenwelt entnommen, und alle drücken, was sehr beachtenswert, religiöse Ideen aus, sie sind, wie Lumholtz sagt,„pcrinanente Gebete" und überraschen durch ihre Schönheit. Die Gürtel und Bänder mit den Rcgcnschlangen sind Gebete für Regen und dessen Folgen, gute Ernten und Gesundheit. Andere drücken die Beschützung vor Unglück oder die Verehrung einer Gottheit aus, so der vielfach als Dekoration dargestellte Toppelwasserkrug, der die Bitte um Regen ausdrückt. Eine kleine sternförmige weiße Blume, die Toto, die in der nassen Jahreszeit blüht, ist gleichfalls ein Regenshmbol und wird vielfach dekorativ verwendet. Es ist möglich, daß die Dekorationen aus der Pflanzenwelt erst spät durch die Missionare zu den Huichol ge- langten, da bekanntlich Naturvölker fast ausschließlich Tier- und Menschengestalten dekorativ verwenden; sicher ist auch, daß eine Anzahl anderer Motive, wie der heraldische Doppeladler, die Stier- hörner tstw., durch europäischen Einfluß zu den Huichol gelangten. Und auch der Feuerstahl in seiner alten Form, den die Huichol sehr schön stilisieren, gehört hierhin. Verzweifelt ähnlich dem Hahnenornament der Tschechoslawcn sind die Truthähne der Huichol, die hier wie da paarweise und fast identisch gestaltet auftreten, wie- wohl unabhängige Entstehung nicht ausgeschlossen ist. Von Tieren finden wir noch Tauben, Kolibris, Schlangen, Kröten, Krebse, Schmetterlinge, Skorpione vertreten, von Pflanzen Wein, Bananen, Agaven, Palmen usw. Auch die Plejadcn und der Blitz finden Vcr- Wendung. Alle diese sehr schön und graziös verwendeten Dekorations- motive werden mit ihren Namen von den Huichol benannt, auch dann, wenn sie dem uneingeweihten Auge durch fortgesetzte Stilisierung unkenntlich geworden sind. Steine zwei sind einander gleich, und jeder Arbeiter ist in seiner Art ein Künstler, der das Motiv wcchselungsvoll gestaltet. Je mehr der Handel der Mexikaner mit den Huichol zunimmt, je mehr diese bedruckte Stoffe der Weißen kaufen, desto mehr sickert auch jetzt fremder Einfluß in die Dekorationen der Indianer ein, wenn auch noch die größere Menge die alte Ursprünglichkeit bewahrt hat.—(„Globus.") Medizinisches. — Eine„Blute r"familie von außerordentlicher Bc- ständigkeit in der erblicken Uebertragung dieser wenig glücklichen Anlage ist, nach der„Tägl. Rundschau", die Familie Mangel in Kirchheim bei Heidelberg, die seit einiger Zeit Prof. Dr. Lossen genauer untersucht hat. Die Neigung zu gefährlichen Blutungen besteht in ihr mindestens schon seit dem Anfang des 18. Jahr- Hunderts; die erste Untersuchung an einem damit behafteten Mit- glied fand 1827 durch den berühmten Chirurgen von Chclius statt. Auffallend ist dabei, daß von der jetzt insgesamt III Männer und 90 Frauen zählenden Familie immer nur männliche Glieder „Bluter" gewesen sind, während nach einer nie durchbrochenen Regel die weiblichen Angehörigen davon frei waren. Von diesen III männlichen Mitgliedern waren nicht weniger als 33„Bluter", und von diesen wiederum sind nicht weniger als 18, also über die Hälfte, an Blutungen, die von den verschiedensten Körperteilen und -stellen ausgingen, gestorben. Die häufigste Todesursache waren dabei Blutungen unter der Haut, die oft auf sonst ganz unerhebliche Ursachen eintraten. Am meisten waren übrigens durch diese Anlage die jüngeren Lebensalter gefährdet; von den 18 Todesfällen an Blutungen, die in der genannten Zeit in der Familie vorgekommen sind, betrafen 7 Kinder unter drei Jahren, 6 solche zwischen drei und zehn Jahren, 1 ein Familienglied von zehn bis zwanzig, 2 solche von zwanzig bis dreißig, und gleichfalls 2 solche von dreißig und vierzig Jahren. Vom vierzigsten Lebensjahre an nimmt die Neigung zum„Bluten" merklich ab, und es war kein Todesfall daran mehr zu verzeichnen.— Technisches. ie. Riesenkabel. Ein Kabel von ungewöhnlicher Länge ist jüngst quer über die Bucht von Carquiuez zwischen den Orten Selma und Contra Costa in Californien angelegt worden. Es hat eine Spannung von fast Iß'z Kilometer Länge und ruht auf zwei Säulen von gewaltiger Höhe, die an beiden Seiten der schmalen Meeres- straße errichtet sind, während das Kabel an seinem tiefsten Punkt noch 60 Meter über dein Wasser schwebt. Sein Zweck ist, einen elektrischen Strom mit einer Spannung von 40 000 Volt von Colgate nach Oakland zn leiten, das gegenüber San Francisco an der San Francisco-Bai liegt. Diese außer- ordentliche tecbnische Anlage gibt der„Schweizer BauzciNmg" Ge- legeuheit, an ähnliche Ausführungen zu erinnern. Beachtenswert ist eine Telephonleitung zwischen den Orten Murg und Quinten, die mit einem einzigen Bronzedraht von 3 Millimeter Durchmesser 2400 Meter lang quer über den Walensee führt. Bei elektrischen Leitungen dieser Art haben die Kabel nur ihr eigenes Gewichtz zu tragen. Besondere Aufgaben werden aber an sie gestellt, wenn sie zum Transport von Gewichten zu Hunderten und Tausenden von Kilogramm benutzt werden sollen. Früher hatten solche Kabel eine „Seele", die in einem starken Hairfstrick bestand und mit Metall- draht umsponnen war. Die neueren Kabel sind immer ganz aus Metalldrühten von verschiedenem Querschnitt zusammengesetzt, die dicht aneinander liegen und miteinander verschlungen sind. Dadurch Ivird ein größerer Widerstand bei gleichem Gewicht und veränderter Dicke erzielt, außerdem eine langsame Abnutzung, zumal die Ober- fläche durch die Reibung der Lasten eine Politur annimmt und dadurch vor Rost geschützt bleibt. Werden sie dennoch angegriffen, so genügt es, die äußere Drahlichicht durch neues Metall zu ersetzen. Von den dazu verwandten Drähten ivird verlangt, daß sie eine Last von 200 Kilogramm auf das Ouadratmillimeter aushalten, ohne zu reißen. Ein außerordentliches Kabel besitzt auch die Franz Josephs-Brücke in Prag, das 92 Millimeter Durchmesser hat und auf jedes Meter Länge einen Zentner ivicgt. Tragckabel von großer Länge sind auch zum Bau eines italienischen Forts auf dem Mont Genövre verwandt worden, nämlich zwei Drahtseile von 1250 Metern Länge. Auf diesen Kabeln wurden Tragkörbe mit je 400 Kilogramm Belastung in Abständen von 500 Metern befördert, dabei waren sie nur 28 Millimeter dick auf der Leitung für die vollen und nur 22 auf der für die leeren Wagen. Das Zugkabel maß gleichfalls nur 22 Millimeter und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von zwei Metern in der Sekunde. Die zu überwindende Steigung betrug 45> Grad. Eine bedeutende technische Anlage gleicher Art findet sich bei der mexikanischen Ortschaft Mazatlan mit einem Kabel von 1150 Meter Länge für Lasten von dreißig Zentnern.— Notizen. — Gin gutes Wort... Wir wurden um Aufnahme der nachfolgenden Notiz gebeten: Die Berliner Schriftstellerin Dolo- rosa debütierte, nach einer uns zugegangenen Privatmcldung, am Sonntag mit durchschlagendem Erfolg als ntoderne Vortragssoubrette im Varwtö-Wintergarteu in Hannover.— Bittstellerin und Verfasserin der Notiz ist Frau Dolorosa selbst.— —„Sphinx", eine Dichtung von Oskar Wilde, ist soeben in freier Uebertragung von Felix Dörinann im Wiener Verlag erschienen.— — Georg H irsch fe l d s neues Stück.Spätfrühling" wird seine Uraufführung im Wiener Burgtheater erleben.— —„Die neugierigen Frauen" von Wols-Ferrari hatten bei der ersten Aufführung in der Wiener Hofoper durch- schlagenden Erfolg.— — Unter dem Namen Vereinigung ö st e r r e i ch i s ch e r Bildhauer„Rafael Donner" hat sich in Wien ein neuer Künstlerbund gebildet.— — In M.-Gladbach hat man versucht, den Schlamm der Kläranlagen für Gemüsezucht zu verwenden. Die Versuche werden als glänzend gelungen bezeichnet.— t. Der größte Fallhammer der Welt, der sich einer Konstruktion von Reibungsrädern zur Hebung bedient und mit Elektrizität getrieben wird, wird gegenwärtig in einer Maschinen- fabrik in Hartford(Connecticut) gebaut, um nach den Werkstätten der Stahlgesellschaft in Süd-Bethlehem im Staat Pennstflvanien übergeführt zu werden. Der Fallhammer hat ein Gewicht von 2>/z Tonnen und soll bei der Schmiedearbeit für schwere Geschütze benutzt iverden, die von dieser Gesellschaft für die Regierung der Vereinigten Staaten geliefert werden. Das Grundgestell für den Fallhammer wiegt 36 Tonnen, die äußerste Fallhöhe beträgt gegen zwei Bieter.— Berautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsaujtaltPaur'Smger LtCy., Berlin L�V,