AnterhaltungMatt des Horwärts Nr. 197. Dienstag, den Iii Oktober. 1905 (Nachdruck verboten.) 15J Das Duell. Roman von A. Kuprin. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Hetz. „Heda... Wart mal... Wart mal einen Augenblick," unterbrach ihn der alte, betrunkene Oberstleutnant Lech, der in einer Hand das Schnapsglas hielt und mit der anderen schwache Bewegungen in der Lust machte.„Weitzt Du auch, was die Ehre der Uniform bedeutet? He, Bruderherz, ist das eine Sache!... Die Ehre, die... ich erinnere mich, wie bei uns im Temrjukischen Regiment im Jahre 1862 ein Fall passierte..." „Na, wissen Sie, Ihre„Fälle" hört man ja doch nicht an," unterbrach Artschakowski ihn ungeniert.„Erzählen ja doch nur, was zu Olims Zeiten war!" „Ei, Bruderherz... Ach, was bist Du frech... Du bist ja noch ein Jüngelchen, während ich... Also, ich sage, da ist ein Fall passiert..." „Nur mit Blut können Beleidigungen abgewaschen werden," ließ Leutnant Bobetinski in aufgeblasenem Tone einfließen, und schob die Schultern hah'-.u.lätzig in die Höhe. „Da war ein Fähnrich Soluch," uemühte sich Lech fort- zufahren. An den Tisch trat vom Büfett her der Kommandeur der ersten Rotte, Hauptmann Osadtschi. „Ich höre, daß Sie sich über Duelle unterhalten. Jnter- essant zu hören," sagte er in tiefem, vollein Baß, der mit einem Male alle Stimnien deckte.„Grüße Sie, Herr Oberst- lentnaut, guten Tag, meine Herren." „Ah, der Koloß von Rhodos," begrüßte Lech ihn freund- lich.„He... Setz Dich zu mir. Du Standbild... Trinkst ein Gläschen niit mir?" „Aber sehr," antwortete Osadtschi eine Oktave tiefer. Dieser Offizier machte stets einen sonderbar be- unruhigenden Eindruck auf Romaschow und erregte in ihm ein Gefühl, das aus Furcht und Neugierde zusammengesetzt war. Osadtschi war, wie Oberst Schulgowitsch, nicht nur im Re- gimeirt, sondern in der ganzen Division durch seine ungewöhn- liche, umfangreiche und schöne Stimme und ebenso durch seine ungewöhnliche Größe und furchtbare Körperkraft be- rühmt. Er war auch durch seine hervorragenden Dienst- kenntnisse bekannt. Er wurde bisweilen aus dienstlichen Gründen aus einer Roste in die andere versetzt und verstand es, binnen einem halben Jahre aus den undiszipliniertesten, heruntergekommensten Abteilungen eine Art großer Maschine zu machen, die in bezug auf Ordnung und Erakthcit ihres' gleichen suchte; und das brachte er ausschließlich durch niv menschliche Furcht vor dem Kommando zuwege. Sein zauber hafter Einfluß und seine Macht waren den Kanieraden um so rmverständlicher, als er nicht nur nienials schlug, sondern auch nur äußerst selten schimpfte. Auf Romaschow machte sein schönes, finsteres Gesicht, dessen Blässe von schwarzen, fast blauen Haaren noch mehr hervorgehoben wurde, stets einen starken, verhaltenen und grausamen Eindruck» und er hatte vor ihm ein Gefühl nicht wie vor einem Menschen, sondern wie vor einem ungeheueren starken Tiere. Oft, wenn Romaschow ihn aus der Ferne beobachtete, malte er sich aus, wie dieser Mensch im Zorn sein müsse, und bei diesem Gedanken wurde er blaß vor Schreck und preßte seine kalten Finger zusammen. Und jetzt sah er, wie dieser zuversichtlich auf sich selbst vertrauende starke Mensch ruhig auf einem ihm in zuvor- komniender Weise angebotenen Stuhl an der Wand saß. Osadtschi trank Wodtka, zernagte knirschend ein Radieschen und fragte gleichgültig: „Nun. zu welchcin Ergebnisse sind die verehrten Herren gekommen?" „He, Bruderherz, ich erzähle es Dir gleich... Wir hatten einen Fall, als ich im Temrjukischen Regiincnt diente. Leutnant von Soon— die Soldaten nannten ihn stets„Pod Swonn"— der kam eines Tages ins Kasino..." Aber Lipski unterbrach ihn. ein vierzigjähriger, dicker, roter Stabshauptmann, der trotz seiner Jahre in der Offiziers- gesellschaft den Spaßmacher darstellte, und sich den sonder- baren, lächerlichen Ton eines verzogenen, aber von allen ge- liebten komischen Jungen aus irgendeinem Gmnde angeeignet hatte. „Erlauben, Herr Hauptmann, ich mache das kürzer. Leutnant Artschakowski sagt. Duelle seien Unsinn.„Einen ins Genick, wie in der Schule, und fertig ist die Sache." Tann hat Leutnant Bobetinski plädiert; der fordert Blut. Dann hat Herr Oberstleutnant umsonst versucht, einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen, ist damit aber bis jetzt nicht zu Stuhl gekommen. Dann hat am Anfang der Unterhaltung Unterleutnant Michin unter allgemeinem Lärm seine eigene Ansicht mitgeteilt, die aber infolge ungenügender Stimmittel und der ihm eigenen bescheidenen Zurückhaltung nicht zu Gehör gelangt ist." Unterleutnant Michin, ein kleiner, schwachbrüstiger Jüngling mit braunem, buntem pockennarbigen Gesicht, aus dem schüchterne, fast erschreckte, zärtliche dunkle Augen blickten, errötete plötzlich bis zu Tränen. „Ich wollte nur. meine Herren... Meine Herren, viel- leicht irre ich mich," begann er stotternd und fuhr sich ver- wirrt mit den Händen in sein bartloses Gesicht.„Aber, meiner Meinung nach, das heißt, ich meine nur so, aber... man muß in jedem Einzelfalle unterscheiden. Bisweilen ist ein Duell nützlich. Das ist ganz sicher, und jeder von uns wird schließlich an die Barriere treten. Unbedingt. Aber bisweilen wissen Sie... beruht die höchste Ehre vielleicht darauf, daß... man... unbedingt verzeiht... Ich weiß nicht, welche Fälle noch eintreten können... da..." „Ach, Sie Dekadent, Jwanowitsch," wehrte Artschakowski ihn grob mit der Hand ab.„Sollten am Lutschbeutel saugen." „He, Freunde, laßt mich doch einmal zu Worte kommen!" Plötzlich begann Osadtschi, der wieder alle Stimmen mit seinem mächtigen Baß deckte, zu reden. „Ein Duell muß unbedingt einen schweren Ausgang haben, sonst ist es absurd! Sonst wird es eine klägliche Albernheit, feige Nachgiebigkeit, eine Farce. Fünfzehn Schritte Distanz: einer feuert nach dem anderen. Ich sage Ihnen: Die Folgen sind erbärmliche, in der Art französischer Duelle, über die wir in den Zeitungen lesen. Da beschießt nian sich aus Pistolen, und dann wird in den Zeitungen das Protokoll des Zweikampfes mitgeteilt:„Das Duell ist zum Glück unblutig verlaufen. Die Gegner haben Schüsse ge- wechselt, ohne sich zu beschädigen, haben dabei ausgezeichneten Mut bewiesen. Beim Frühstück drückten die früheren Feinde sich freundschaftlich die Hand." Ein solches Duell, meine Herren, ist Blödsinn. Und irgendwie bessernd kann es auf unsere Gesellschaft nicht wirken." Ihm antworteten auf einmal mehrere Stimmen. Lech, der im Verlaufe seiner Rede mehrmals seine Erzählung zu Ende zu fuhren versucht hatte, begann wieder:„He, ich, Freunde... So hört doch, Ihr Hengste!" Aber man hörte ihn nicht, und seine Augen liefen wie früher von einem Offizier zum anderen und suchten teilnehmende Blicke. Alle wandten sich nachlässig von ihm ab, da der Disput sie fesselte. und er schüttelte traurig den schweren Kopf. Endlich erfaßten seine Blicke Romaschow. Der junge Offizier wußte aus Er- fahrung, wie schwer solche Minuten sind, in denen Worte. die man schon hänfig wiederholt hat, gleichsam ohne jede Stütze in der Luft schweben, während brennende Scham einen zwingt, immer wieder ohne jede Hoffnung auf sie zurück- zukommen. Deswegen wich er dem Oberstleutnant �inch nicht aus, und dieser zog ihn erfreut am Acrmel an den Tisch. „He... Hör' Tu mich wenigstens an, Fähnrich," sagte Lech traurig.„Setz Dich, trink ein Gläschen... Die anderen, Bruderherz, sind lauter Strolche." Lech deutete schwach mit der Hand auf die sich streitenden Offiziere.„Lauter Gekläff, Gekläff, Gekläff, aber keine Erfahrung. Ich wollte erzählen. wie bei uns ein Fall passierte..." In der einen Hand das Glas, mit der anderen aber gestikulierend, als wenn er einen Chor dirigierte, und dabei den gesenkten Kopf schüttelnd, begann Leck) eine seiner zahl- losen Geschichten zu erzählem mit denen er vollgestopft war tüte eine Wurst mit Geschlinge und die er infolge seines ewigen Abschweifens, seiner Einschiebsel, Vergleiche, Fragen, niemals zu Ende bringen fonnte. Seine jetzige Geschichte bestand darin, daß ein Offizier einen anderen— natürlich war das in unvordenklicher Zeit geschehen— zu einem amerikanischen Duett gefordert hatte, wobei als Los die gerade und ungerade Zahl aus einem Rubelschein dienten. Hierbei der- übte einer von ihnen— es war schwer dahinter zu kommen, wer eigentlich— von Soon oder Soluch— eine Gemeinheit: „He, Bruderherz, er nahm zwei Scheine, klebte sie zusammen und so kam es, daß aus einer die gerade und auf der anderen die ungerade Zahl war. Dann zogen sie... er sagte dann gu dem anderen..." Aber auch dieses Mal konnte der Oberstleutnant, wie gewöhnlich, seine Geschichte nicht zu Ende bringen, weil Raisa Alexandrowna Peterson zum Zimmer hereintänzelte. In der Tür des Eßzimmers stehend, aber nicht eintretend(was nicht üblich war) rief sie in lusttgem, kapriziösem Tone, wie ein mutwilliges, aber von allen gern gesehenes Mädchen: „Aber, meine Herren, was ist denn das?! Die Damen sind schon längst da, und Sie sitzen hier und lassen es sich gut schmecken! Wir wollen tanzen!" Zwei, drei junge Offiziere standen auf, um in den Saal zu gehen; die anderen blieben sitzen, rauchten und unter- hielten sich weiter, ohne aus die kokette Dame irgendwelche Aufmerksamkeit zu verwenden; dafür ging der alte Lech mit schiefen, kleinen Schritten auf sie zu, kreuzte die Hönde. begoß sich die Brust mit Schnaps, und rief in trunkener Rührung: „Göttliche! Wie darf man mit einer Schönheit also scherzen! Die Hand her!... Küssen!.. „Jurij Alexejitsch," zwitscherte die Peterson weiter.„Sie sind heute ja wohl Tanzordner? Ein schöner Dirigent, muß man sagen!" „Bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau. C'est ma kaute!... Ist meine Schuld!" rief Bobetinski und flog zu ihr hin. Im Gange schurrte er mit den Füßen, knickste, balancierte mit dem Oberkörper und schwang die herab- hängenden Hände so, daß es aussah, als wollte er ein lustiges Ballett in Szene setzen.„Ihre Hand. Votre main, Madam. Meine Herren, in den Saal, in den Saal!" Er ging stolz erhobenen Hauptes mit der Peterson am Arme, und jetzt klang seine, wie er sich einbildete, groß- artige Dirigentenstimme schon aus dem Nebenzimmer: „Messieurs, fordern Sie die Damen zum Walzer auf! Musikanten. Walzer!" „Verzeihung, Herr Oberstleutnant, meine Pflichten rufen mich," sagte Romaschow. „Ach, Bruderherz," nickte Lech zähneknirschend mit dem Kopfe.„Du bist eben solch ein Pfefferkorn wie alle anderen... Heda... Warte, warte, Fähnrich... Hast Du die Ge- schichte von Mostke gehört? Von dem großen Schweiger und Feldmarschall... He... Vom Strategen Moltke?" „Herr Oberstleutnant, ich muß wirklich.. „Bist doch kein Kind... Ist eine ganz kurze Ge- schichte... Der große Schweiger besuchte das Offiziers- kasino, und wenn er aß, so... He... legte er vor sich ans den Tisch eine mit Geld gefüllte Börse.. Er hatte beschlossen, diese Börse dem Offizier zu geben, von dem er im Kasino nur ein einzigesmal ein gescheites Wort hören würde. Aber der Alte starb, nachdem er neunzig Jahre gelebt, und seine Börse. Bruderherz blieb unberührt. Was? Kannst die Nuß knacken? Nun, jetzt geh schon, Freund, geh, geh, geh, mein Spatz... und hüpfe.. 9. In dem Saal, der von betäubenden Walzerklängen zu zittern schien, drehten sich zwei Paare im Tanz. Bobetinski hatte die Ellbogen wie Flügel ausgebreitet und trippelte mit kleinen Schritten um die hohe Talmann, die mit der er- habenen Ruhe eines Steinbildes tanzte. Der große, zottige Artschakowski drehte die kleine, rosige, jüngste Lykatschew. beugte sich leicht auf sie herab und blickte auf ihren Scheitel; er machte keinen Pas, sondern stellte nur nachlässig und faul die Füße hin und her, wie man mit Kindern zu tanzen pflegt. Fünfzehn andere Damen saßen an der Wand in völliger Ein- samkeit und bemühten sich, zu tun, als wenn ihnen das ganz egal wäre. Wie stets auf Regimentsbällen waren viermal weniger Herren da als Damen, und der Anfang des Abends versprach höchst langweilig zu werden. Die Peterson hatte soeben den Ball eröffnet, was stets vis ein besonderer Anlaß zum Stplz für die Damen diente. Jetzt tanzte sie mit dem feinen, hübsch gewachsenen Olisar, Er hielt ihre Hand wie mit Stecknadeln angeheftet an seiner linken Hüfte; sie aber stützte matt ihr Kinn auf die andere Hand, die auf seiner Schulter lag, und wandte den Kopf in manirierter und unnatürlicher Haltung rückwärts in den Saal. Nach Beendigung der Tour setzte sie sich absichtlich in die Nähe Romaschows, der in der Tür des Damenzimmers stand. Sie bewegte schnell den Fächer hin und her und meinte, mit einem Blick auf den sich vor ihr verbeugenden Olisar in singendem, mattem Tone: „Nun. sagen Sie, Graf, warum ist mir immer so heiß?. Ich bitte Sie, sagen Sie es!..." Olisar machte eine leichte Verbeugung, klirrte mit den Sporen und fuhr mit der Hand nach beiden Richtungen über seinen Schnurrbart. „Gnädige Frau, das dürste nicht so leicht zu konstatieren sein." Da Olisar in diesem Augenblick auf ihren flachen de- kolletierten Busen sah, begann sie schnell und auffällig tief zu atmen. „Ach, ich habe immer eine so hohe Temperatur," fuhr Raisa Alexandrowna fort und deutete durch Lächeln an, daß hinter ihren Worten ein besonderer, unanständiger Sinn ver- borgen sei.„Ich habe solch heißes Temperament!!" Olisar wieherte kurz und unbestimmt. Romaschow, der von der Seite nach der Peterson hin- blickte, dachte voll Abscheu:„O. wie ist sie widerwärtig!" Und der Gedanke der früheren körperlichen Nähe mit diesem Weibe verursachte ihm eine Empfindung, als wenn er sich mehrere Monate nicht gewaschen und die Wäsche nicht gewechselt hätte. „Ja, ja, lachen Sie nicht, Graf. Sie wissen nicht, daß meine Mutter eine Griechin ist!" „Dabei spricht sie so widerwärtig," dachte Romaschow; „sonderbar, daß ich das bis jetzt nicht bemerkt habe, sie spricht, als hätte sie einen chronischen Schnupfen oder einen Polypen in der Nase:„Beine Butter eine Griechin ist"." In diesem Augenblick wandte sich die Peterson zu Romaschow um und blickte ihn mit Augenbsinzeln heraus- fordernd an. Romaschow sagte, wie gewöhnlich, in Gedanken: „Sein Gesicht wurde undurchdringlich wie eine Maske." „Guten Tag, Jurij Alexejitsch! Warum kommen Sie nicht, um mich zu begrüßen?" sang Raisa Alexandrowna. (Fortsetzung folgt.) „Stein unter Steinen". Messing-Theater.) SudermannS mit Svannung erwartete Premiere erzielte in der glänzenden Aufführung des Leffing-Theatcrs nach den Schlußszenen des ersten Aktes, deren siegreiche Kraft das Ermüdende des Anfanges fast vergessen ließ, einen starken, in den beiden mittleren Akten stürmischen Beifall. Durchaus mit gutem Rechte. Es fehlte nicht an manchen mituaterlaufenden melodramatisch- unwahren Entgleisungen, aber gegenüber dem lebendig bewegten Bühneneindrucke des Ganzen fielen sie nicht schwer in Gewicht. Leider läßt sich das Gleiche vom letzten Aufzuge nicht berichten. Da kehrt sich das Verhältnis um: die Er- fiiidungskraft, die dem angesponnenen Konflikt eine innerlich über- zeugende und zugleich äußerlich theaterwirksame Lösung hätte geben tollen, versagt. und Sudermann. in der Verlegenheit, überhaupt irgend ein Ende, den Schein eines Abschlusses hcrbeizuzwingön. sucht seine Zuschauer hier durch Theatralik im bösesten Sinne, durch krasseste, der Anlage des Stückes fremde Gewalteffekte zu betäuben. Das interessante Schauspiel läuft als leeres Melodram auS. Ein Teil des Publikums demonstrierte am Schluß durch Zischen, das aber gegen den Applaus der Mehrheit nicht durchdrang. Immer wieder wurde der Verfasser und Bassermarm, der geniale Darsteller der Hauptfigur. der nach der Tradition der Brahmschen Truppe fteilich nicht vor dem Vorbang erscheinen durfte, gerufen. An' dem Niveau der heutigen Theaterschriftstellerei gemessen verdient das Werk, so sehr es ihm an künstlerischer Rundung fehlt, doch alle Beachtung. Wenn sich die Szenen nicht in die Linie einer organisch aufsteigenden und folgerecht in ein abschließendes Resultat ausmündenden Handlung fügen, so bringen sie in den mittleren Partien des Stückes eine Fülle geschickt aufgebauter anschaulicher und eigenartiger Situationen, die durch ihre gemein- same Beziehung zu einem ernsthasten sozialen Problem eine erhöhte, über den augenblicklichen Eindruck fortwirkende Bedeutsamkeit er- halten. DaS Drama ist Tendenz-, Ideendrama, in dem aber das Allgemeine,„die Idee", nicht in abstrattcnt Reden gepredigt wird, sondern in den Begebenheiten, in der Art der Milieuschilderung und der Charakteristik sich vielgestaltig oft mit spannendem Reize entfaltet. Nichts mehr von den gespreizten, selbstgefälligen Heullletonsentenzen, durch die der selige Graf Trost in der„Ehre" brillierte, keine Pose, keine Koketterie mit Gedanken. Man spurte eS, diesmal war es dem Dichter ernst mit der Idee; er wollte Mit- gefühl erwecken, das er selbst im Herzen empfunden. Und so gelang eS ihm in den entscheidenden, das heißt den für den Ausdruck der dee entscheidenden Mischen Szenen. Das ist der Kern, und darin egt trotz allem der Wert des Stuckes. Die Rückkehr eines aus dem Zuchthause entlassenen Verbrechers in die Gesellschaft ist Gegenstand des Dramas. Mit gutem Vorbedacht hat Sudermann darauf verzichtet, aus dem Geächteten eine irgendwie hervor- stechende Persönlichkeit, etwa einen Verbrecher aus verlorener Ehre, «wen Rächer der Unbill, mit dessen Tat wir sympathisieren könnten, zu machen. Das Typische des Falles wäre dadurch getrübt. Der Steinmetzgeselle Jakob Biegler ist nicht besser, aber auch nicht schlechter als irgend einer der Dutzendmenschen, die sich vor ihm bekreuzigen. Nicht ohne Verfehlung leidet er, aber was ihn ins Zuchthaus geführt hat, ist nicht die Verfehlung selbst, sondern ein unseliger Zufall. Als Schlafbursche bei einem Schuster eingemietet, hat er sich von den dreisten Lockungen des WeibeS seines Quartier- gebers leicht fangen lassen. Der Ehemann überraschte die beiden und zückte das Messer, um Biegler niederzustechen. Da griff der Bedrohte zu dem schweren Schusterstein und schleuderte ihn be- finnungslos im blinden Instinkt der Selbsterhaltung gegen den An- greiser, der tot zusammenbrach. Irgend eine kleine unbewußte Ab- weichung in der blitzschnellen Muskelbewegung des Armes, und das Furchtbare, das er nicht gewollt, für das ihn aber das Gericht die volle Verantwortung zuwälzt, lväre ungeschehen geblieben. So wandert er, durch den Spruch der Geschworenen, die den mildern- den Umstand der Notwehr ihm nicht zuerkennen, als Mörder gebrand- markt, ins Zuchthaus. Und die Gesellschaft tut alles, um den endlich Entlassenen, der irgendwo in ehrlicher Arbei sein Stückchen Brot verdienen will, durch Demütigungen und Hungerpein der völligen Verzweiflung, dem Selbstmord oder dem Ver- brecherünn der Straße zuzutreiben. Wenn man ihn auf einer Arbeitsstelle annimmt, sofort erscheint die Polizei, seine Zuchthausstrafe wird ruchbar, und man hetzt ihn weiter wie ein räudiges Tier. Stein unter Steinen fühlt er sich. Doch in der höchsten Not, als er an die Türe des Steinsetzmeisters Zarnke klopft, streckt sich ihm rettend eine Hand entgegen. Dieser Alte mit seiner milden alles verstehenden Menschlichkeit, mit dem warmen nach so viel üblen Erfahrungen doch immer wieder hülssbereitcn Herzen, das er hinter einem kaustisch trockenen Humor verbirgt, ist, wie Sauer ihn spielte, eine der besten Gestalten Sudermanns: Organ der humanen Tendenz, die der Dichter verkündet, aber zugleich durchaus in jeder Wendung individuelle Persönlichkeit. Wie das scheue, mißtrauisch verstockte Wesen des ehemaligen Straf- lings, der die dargebotene Speise mit tierischem Hunger, zur Wand gewendet, verschlingt, unter dem ruhig fteundlichen Zuipruch des Alten sich allmählich löst, wie die Bewegung den Armen übermannt und Zarnke dann mit väterlichem Du den Schluchzenden aufrichtet, das wirkte in seiner schlichten Einfachheit, getragen von der vollendeten Darstellung Sauers und Bassermans, erschütternd. Nicht als Steinmetz, als Wcrkplatzwächter und einfacher Arbeiter tritt Biegler in den neuen Dienst. Vorzüglich sind die wechselvollen Szenen auf dem Arbeitshof. Neben Biegler und Zarnke tritt da eine dritte Figur, der Hülfsarbeitcr Struwe, ein verichmitzter Spitz- bube. au-Z dem Rittner ein wahres Kabinettsstück drastischer Charakter- komik schuf, in den Vordergrund. Während Biegler verstört und menschenscheu immer in der Angst, die anderen könnten seine Schande erraten, einherschleicht, tut sich Struwe in der Frühstückspause vor den Kameraden voll guter Laune mit seine absolvierten Gefängnisstrafen groß. Kriminalisten würden dem unverbesserlichen Taugenichts bielleicht unter die gc- borencn Verbrecher klassifizieren; und dennoch kann man dem lustigen Burschen mit der unbezwinglichen Diebslust nicht gram sein. Man hat, lvie sein Beschützer Zarnke, dessen Magaziuräumen er einen nächtlichen Einbruchsbesuch gewidmet hat, eine Art ästhetischer Freude an ihm. Die Kontrastierung dieses sorglosen Lumpazius, in dem bei aller Gutmütigkeit dennoch durch kein moralisches Mittel, keine Wohltat und kein Ver- trauen ein Funke Ehrgefühl zu wecken ist, mit dem schwerblütigen unverdorbenen Biegler ist sicher konsequent, doch ohne Aufdringlichkeit im Stücke durchgeführt. Schon scheint es, als wollten die Hülfsarbeiter, arme Teufel, die beim Essen nicht mit den Steinmctzgescllen, den Aristokraten der Werkstatt, zusammen- sitzen dürfen, sich mit dem seltsamen Neuling, der für jedes kleinste Zeichen menschlicher Teilnahme so dankbar ist, anfteunden, da er- scheint an Zarnkes Seite der Kriminalkommissar, um Struwe über den Einbruch zu vernehmen. Und dieser feudal-joviale Vertreter der Gerechtigkeit, dem Struwe, von Zarnke wohlwollend assistiert, eine Nase dreht, gratuliert dem Prinzipal mit boshafter Schaden- ftcude laut, so daß es alle hören müssen, zu der Acquifition eines leibhaftigen Mörders. Biegler ist von neuem geächtet, die Genossen wenden ihm voll Abscheu den Rücken.— Nach einem mißratenen Intermezzo, das mit der farblosen verworrenen Liebesgeschichte der Wirtstochter in der Fabrikkantine zusammenhängt, hebt sich das Drama noch ein- mal zu starker Theaterwirluug. Biegler, der dem mitleidigen Mädchen die Geschichte seines Verbrechens erzählt, will, ehe die Arbeiter zur Feierstunde in die Wirtsstub' strömen, auf und davon. Auf ihre Bitte bleibt er und läßt stumm die Hohnworte der Konimenden über sich ergehen. Aber wie der freche Verführer deS Mädchens, eine grundbrutale, Ivirttiche Berbrcchernatur— Herr Marr brachte die Rolle sehr gut zur Geltung— sie in ausgesucht gemeiner Bosheit beleidigt, da springt der Zitternde auf, die Empörung gibt ihm Kraft, er ruft ihm Schuft zu. Der Raufbold zieht sein Sttlet und Biegler faßt mit beiden Händen, wie damals in der Stunde des Unglücks, einen mächtigen Stein und, ihn drohend über dem Haupte schwingend, jagt er den Elenden hinaus.— Der Schluß fällt, wie gesagt, ganz aus dem Rahmen. Der rachsüchtige Besiegte und der ewig betrunkene Kantinenwirt(Herr Reicher) lösen einen am Krahn befestigten Steinblock, der Biegler, wenn er beim Wachdienst die Treppe empor steigt, niederstürzend zerschmettern soll. Damit ist für Spannung gesorgt I Nichtig poltert denn auch der Block herunter, aber ohne den Mann zu treffen. Alles schlägt plötzlich zu Nutz und Frommen des ungerecht Verfolgten aus. Die Arbeiter, denen BieglerS Mut- probe imponiert hat, wollen ihn aufnehmen in ihren Kreis, und das dankbare Kantinenfräulein reicht ihm die Hand zum Ehebunde. Conrad Schmidt. kleines feuilleton. Kl. Englisches Scemannsleben vor hundert Jahren schilderr John Masefield in einem soeben in London erschienenen Buche. Es kann nicht nachdrücklich genug betont werden, erklärt der Verfasser» wie brutal, grausam und entsetzlich das Leben auf See am Ende des 18. Jahrhunderts war, eine Form des Lebens, die nun wohl glücklich für immer verschwunden ist; ein Leben, wie es heutzutage niemand auch für den schwersten Verbrecher gut genug finden würde. Da herrschte eine barbarische Manneszucht, schlechte Bezahlung und schlechtes Essen gab es, die Stunden verflossen in harter Arbeit, man befand sich unter dem Auswurf der Menschheit und hatte keine Hoffnung auf bessere Tage. An Land zu gehen ward nicht gestattet, bis das Schiff außer Dienst gestellt wurde oder bis der Frieden er- klärt war. Die Löhnung war in den besten Zeiten gering, aber meistens war sie, wenn sie den Matrosen ausgezahlt wurde, bis auf ein Drittel oder die Hälfte des wirklichen Betrages zusammen- geschrumpft. Wohl konnte man sich damals wundern, weshalb die Leute aufs Schiff gingen, da es doch Kerker auch auf dem Laude gäbe. Aber die Mehrzahl der Matrosen verpflichtete sich nicht freiwillig zum Seedicnst. Eine gewisse Anzahl kam schon in früher Jugend aufs Schiff und verblieb während des ganzen Lebens in der Marine, einmal weil es sehr schwer war, vom Schiffsdicnst wieder loszu- kommen, dann weil einer, der erst einmal Seemann ist, es auch immer bleibt; das Leben machte sie zu jedem anderen Berufe un- geschickt. Eine große Menge kam wohl auch zur Marine, weil jugendliche Begeisterung sie trieb; aber wie bitter bereuten sie ihre Narrheit schon nach einer Woche. Einige kamen von Kauffahrtei- schiffen, durch die hohen Belohnungen und Prämien gelockt, die Frei- willigen in Aussicht gestellt wurden; andere wieder wurden durch die Plakate in den Hafenplätzcn angezogen, auf denen Leuten, die Dienst in der Marine nehmen wollten, große Geldsummen und Grog in- Hülle und Fülle versprochen wurden. � Der größte Teil aller Matrosen aber wurde gezwungen in die Schiffsjacke gesteckt, durch die Annahme von Handgeld überlistet oder sonst mit Gewalt fort- geschleppt. Verbrecher, die von dem Gerichtshof verurteilt waren, wurde der Seedienst als einzige Rettung hingestellt, und infolge- dessen wurde das Kanoncndeck der Kriegsschiffe zum Sammelplatz des gemeinsten Gesindels. Es war festgesetzt worden, daß ein Drittel der Mannschaft auf jedem Schiff aus angeworbenen Landratten bc- stehen dürfte und daß ein Achtel unter allen Leuten in der Marine Ausländer sein durften. Man suchte also zunächst, seetüchtige Leute zu erlangen; wenn aber eine bestimmte Anzahl von diesem für den Dienst verpflichtet waren, so nahm man dann, wen man cinfa.ngcn konnte. Schneider, kleine Krämer, Landstreicher und Müssiggänger, das war alles ein guter Fang. Einmal an Bord, waren die Leute einer ganzen Schar von Tyrannen unterworfen; nicht nur die Offiziere, sondern auch die Bootsleute und selbst die Kadetten ließen sie ihre Macht fühlen. Sie lebten in einer verpesteten Atmosphäre. Trotz aller Räucherungen wichen schlechte Gerüche nicht ans dein Schiff. Der dumpfige Gestank der Trockenfäule, die faulig« Luft des Kielwassers vermischten sich mit den Ausdünstungen schlecht gewordener Waren und in Verwesung übergegangener Ratten. Ventilation konnte nur bei gutem Wetter stattfinden; meistens waren die Lucken fest verschallt, so daß die Leute kaum atmen konnten. Die Nahrung war fast immer schlecht und manchmal menschenunwürdig. Die Speisen waren so hart wie Stein, faserig, zusammengeschrumpft, vertrocknet, knorpelig oder mit Salz zu Klumpen zusammengefrorcn; ein Stück Salzfleisch sah ans und fühlte sich an lvie ein Stück Mahagoniholz. Das einzige, was reich- lich und gut war, waren die Spirituosen; aber was nützte es dem armen Teufel, der Grog im Ucbermaß erhielt, wenn jede Spur von Trunkenheit auf das grausamste bestraft wurde. Die gewöhnliche Form der Strafe war die Züchtigung mit der Peitsche, die einzige Art,„wie man mit solchen Leuten, wie sie die Mannschaften der königlichen Marine bildeten, fertig werden konnte". Schon bei den geringsten Anlässen wurden Züchtigungsstrafen verhängt Sechs Schläge hinterließen bereits auf dem Rücken deutliche Spuren« bei zwölf war er mit blutigen Striemen bedeckt. Trohdem waren drei Dutzend Schläge eine ganz gewöhnliche Bestrafung, und auch sechs Dutzend zählten noch nicht besonders. Dreihundert Hiebe wurden nicht selten verabreicht. Die furchtbarste Strafe war das„Kiel- holen", das an Deserteuren und Widersetzlichen vollzogen wurde. Wer diese Strafe überlebte, war cur gebrochener Mensch, der nur noch kurze Zeit sich mühsam hinschleppte. Bei Krankheiten war in- folge der ungünstigen Lebensbedingungen und der Untüchtigkeit der Acrzte nur selten Rettung möglich.— en. Tie Juwelen der Pflanzenwelt können die Diatomeen genannt werden. Der Vergleich stützt sich auf die strahlende Er- schcinung dieser Pflänzchcn, aber er hinkt, wie jeder Vergleich, in mehrfacher Hinsicht. Vor allem sind die Diatomeen von so winziger Größe wie nicht einmal die künstlichen Diamanten, die doch gleich- falls nicht mehr zu den verwertbaren Edelsteinen gerechnet werden können. Unter den etwa 40lK) Arten von Diatomeen gibt es eine, die als ein wahrer Goliath unter den Geschwistern zu bezeichnen ist und daher auch den Beinamen Rex erhalten hat, aber auch sie ist noch nicht einmal so groß wie der Kopf einer gewöhnlichen Steck- nadel. Selbst die größeren Formen unter den übrigen Diatomeen können nur allenfalls noch mit der Spitze einer Stecknadel ver- glichen werden, und die meisten sind so klein, daß die Einzelheiten ihres Körperbaues nur unter den stärksten Vergrößerungen des Mikroskopcs studiert werden können. Wie prachtvoll aber dieser Bau beschaffen ist, lehrt eine Reihe von herrlichen Abbildungen, die jetzt Dr. Albert Mann nebst einem begleitenden Text in den Samm- lungcn der„Smithsonian Institution" veröffentlicht hat. Die Diaiomccn gehören zn den Algen, jenen primitiven blütenlosen Wasscrpflänzchcn, die sich nahezu überall finden, wo das flüssige Element in etwas größerer Ansammlung vorhanden ist. Die Ver- brcitung der Diatomeen insbesondere erstreckt sich gleichfalls auf die ganze Welt. Sie beleben alle Gewässer, heiße, warine und kalte, süße, salzige und brackische, stehende und fließende. Es gibt kaum einen Tümpel, einen Sumpf, einen Teich, einen See, einen Fluß oder gar ein Meer auf der Erde, in dem sich nicht Diatomeen auf- spüren ließen, es sei denn, daß das Wasser durch irgend welche giftige Stoffe so verunreinigt ist, daß sich überhaupt kein Leben darin halten kann. Die größten und schönsten Formen der Diatomeen wohnen, wie es mit den Tieren und Pflanzen überhaupt der Fall zu sein pflegt, in tropischen Gegenden, aber die erstaun- lichsten Mengen sind gerade im arktischen Gebiete zu finden. An der äußersten Nordgrcnze seiner Polarfahrt entdeckte Nansen noch eine unverminderte Fülle von Diatomeen. Was nun die Erscheinung der meisten Diatomeen für das mit dem Mikroskop bewaffnete Auge so anziehend macht, ist der Bau des Gehäuses, innerhalb dessen daS eigentliche Pflänzchcn lebt. Jede Diatomec scheidet nämlich ein Skelett aus klarer und sehr fester Kieselsäure aus, das aus zwei Schalen besteht, deren eine über die andere greift, wie ein Deckel über die dazu gehörige Schachtel. Diese Gehäuse sind nun von fast unbegreiflicher Mannigfaltigkeit, bald wie ein Halbmond, bald wie ein steil gestaltet. Dieser verblüffende Wechsel der Gestalt muß das Studium der Diatomeen bereits fesselnd erscheinen lassen. Dazu kommt nun aber noch eine ganz unerhörte Vielseitigkeit und Fülle der Verzierungen an diesen winzigen Kicselliäusern. Man kann kaum eine Art unserer Ornamentik erdenken, die nicht zu der Ver« fchönerung dieser kleinen Bauwerke der Natur verwertet Ware. Da sind polierte perlartige Knöpfchcn von verschiedener Größe, in slrahlcnartigcn oder konzentrischen Reihen angeordnet, da sind glänzende Stäbchen, Dornen und Hörner, ferner erhabene Leisten von wellenförmigem Verlauf, zart ausgcfräste Linien, oft in quadratisch verschlungenem Netzwerk, dessen Zwischenräume wieder noch wundersani verziert sind, feinste Arabesken, kurz ein Reichtum und eine Schönheit der Verzierungen, die diese Pflanzen zu den bcstgeschmücktcn aller Lebewesen erheben. Wer ein Mikroskop sein eigen nennt, kann durch dieses dem Auge kaum einen größeren Genuß gcioähren, als durch die Betrachtung eines Diatoinccnskclctts unter stärkster Vergrößerung. Es sei noch erwähnt, daß der Name Diatomeen aus dem Griechischen stammt und darauf Bezug nimmt, daß die Fortpflanzung dieser Lebewesen durch Teilung erfolgt, in- dein sich ein Individuum in der Längsrichtung in zwei zerlegt.— Geschichtliches. — Vom W a l I c n st e i n. Uebcr die Frage, mit lvas Wallen- stein die großen Güter bezahlte, die er nach der Schlacht am Weißen Berge zusammenkaufte, stellt Dr. Chr. Meyer in der offiziellen „Wiener Zeitung" eine neue Hvpothcse auf. Er schreibt:„Eine Gelegenheit zur Erweiterung und Arrondicrung seines Grund- bcsitzcs, ivic sie besser nicht gedacht werden konnte, bot sich Waldstein, als der Kaiser nach dem unglücklichen Ausgange der Schlacht am Weißen Berge die Güter der böhmischen Rebellen einzog. 1622 kaufte Waldstcin aus dcu konfiszierten Besitzungen für sich Güter im Werte von 711266 Gulden, in den folgenden zwei Jahren solche im Werte von 2 453 726 Gulden und 660116 Gulden. Woher nahm er diese Sumnien. da hierfür das von seiner ersten Frau ererbte Vermögen natürlich nicht ausreichte? Aus einem mit dem Fürsten Liechtenstein im Namen des Kaisers abgeschlossenen Vertrage ist. ersichtlich, daß er im Jahre 1623 den Betrag von zwei Millionen für die übcrlassencn Güter zahlte und sich in der Tat mit den geleisteten Zahlungen auswies. Allerdings, wenn man die Rechnungen ein- sieht, kommen da einzelne sonderbare Posten bor: so 637 966 Gulden, die er an Sold für sein Regiment in den Jahren 1626 und 1621 verwendet haben soll, wobei nach den damaligen Preisen der Kaiser mindestens um ein Drittel übervorteilt worden sein dürfte; so die Summe von 182 276 Gulden, auf die er seinen Schaden auf seinen mährischen Besitzungen zurzeit des Aufstandes berechnete und die er nun dem Kaiser in Rechnung brachte. Allein, wenn man noch so streng die Rechnungen sichtet, so ist doch gewiß, daß er dem Kaiser im Laufe der Jahre 1621 bis 1623 mindestens eine Million in Barem zahlte. Eine Million in barem Gelde besaß aber damals kaum ein Fürst in Europa; einige wenige englische und französische Kaufleute geboten vielleicht annähernd über eine solche Summe, aber gewiß nicht ein böhmischer Edelmann, dessen Gesamterbschaft nach dem Tode seiner ersten Frau sich nur auf einige Güter erstreckte. Für die Erklärung dieses fabelhaften Reichtums Waldsteins haben wir nur eine Vermutung, die allerdings einen schweren Vorwurf be- deutet: er benutzte seine Stellung als Statthalter von Böhmen dazu, um mit Hülfe des Juden Bassevi Silbergeld von minderem Gehalte ausprägen zu lassen, als worauf der Nennwert deutete. Aus dem Silbcrquantum, aus welchem nach kaiserlicher Verordnung4�. Gulden geprägt werden sollten, wurden 111� Gulden geprägt und diese als vollwichtig verausgabt. Da Waldstein in engen Beziehungen zu den mit der Münzprägung betrauten Per- soncn, namentlich zu dem Genannten stand, so sind wir überzeugt, daß auch er von dem Vorgange in der Münzstätte wußte und daraus seinen Vorteil zog. Unsere Vermutung wird dadurch begründet, daß er sich vom Kaiser im Jahre 1625 ein Privilegium ausstellen ließ, wonach er nie zu Nachzahlungen wegen des schlechten Geldes an- gehalten werden solle, mit dem er die gekauften Güter bezahlt habe. Auf diese Weise brachte es Wallenstein zuwege, daß er auch nach dem Jahre 1624 seine Güterkäufe fortsetzen, dazu noch Sagau und Mecklenburg kaufen konnte, daß er sich einen glänzenden Palast in Prag baute und einen Haushalt führte, der den kaiserlichen an Pracht und Glanz überstrahlte. Allerdings boten ihm jetzt seine Einkünfte aus seinem riesigen Besitze, sein Einkommen als Anführer des kaiserlichen Heeres und als Oberproviantmeister des- selben die hierzu nötigen Millionen. Doch unterließ es Waldstein auch jetzt nicht, bei den jeweiligen Abrechnungen mit dem Kaiser in geschickter Weise seinen Vorteil zu wahren. Gewiß hat der letzter. für die an Waldstein verkauften böhmischen Güter, die nach einer äußerst niedrigen Schätzung auf fünf Millionen bewertet wurden, kaum 1 bis IV2 Millionen Gulden in echter Münze erhalten; um den Nest des 51aufschillings wurde er einfach übervorteilt. Nichts charakterisiert auch besser die Lässigkeit, mit welcher der damalige Hof seiner eigenen Beraubung zusah, als der Umstand, daß er sich im Jahre 1623 766 666 Gulden von Waldstein auslich und dieselben mit 6 Proz. verzinste, während er doch gleichzeitig ein Guthaben von 1 266 666 Gulden bei Waldstcin hatte, von dem dieser keine Zinsen zahlte."— Diese Darstellung ist, was den Wiener Hof betrifft, augenscheinlich gefärbt. Wallenstein war damals der„Retter", dem man vieles hingehen ließ. Als man ihn nicht mehr brauchte, war er schnell um die Ecke gebracht.— HnmoristischeS. — Der Schimmel. Auf das Polizeiamt einer wcstprcußischen Mittelstadt kommt ein Herr, um sich behufs Abhebung einer Ver- sicherunaSsmnme eine Bescheinigung darüber ausstellen zu lassen, daß er am Tage vorher noch gelebt habe. Der diensttuende Polizeisergeant betrachtet da? ihm überreichte Formular eine Zeitlang, wirft' einen mißbilligenden Blick auf den Abreißkalender und gibt schließlich das Formular dem Herrn köpf- schüttelnd mit den Worten zurück:„Nee, das jeht nich! I Warum sind Se nich pünktlich jewesen und haben's sich jeftern bescheinigen lassen?"— v — Ermahnung. R i t t m e i st e r:„Wen ich heute in der Vorinstruktion frage, springt auf. steht stramm, reißt's Maul auf und antwortet laut und deutlich. Was, is ganz schnuppe, und lvcun's Bibelverse sind!"—(„©irnpl.") Notizen. — DaS britische M n f e u m enthält gegenwärtig 3 566 666 Bücher und Broschüren.— —„Der Berg de- A erger nisseS", ein neues fünf- aktiges Drama von Heinrich Lilienfein, wurde vom Stadt- theatcr in B reinen erworben.— — G 0 r k i s neues Bühnenwerk„D i e K i n d e r d e r S 0 n n e" ist von der russischen Zensur freigegeben worden. Es soll in nächster Zeit in Petersburg zur Darstellung gelangen.— Max Negers großes Orchesterwerk ,. S i n f 0 n i e t t a" hatte bei der Uraufführung in Essen starken Erfolg.— —„Die Schützenliesel", eine neue Operette von Edmund E y§ l e r, wurde mit großem Erfolge im Karl« Theater zu Wien zun» ersteninal aufgeführt.— — In den.Landecker N a ch r i ch t e»»" vom 36. September macht eiucr bekannt:„Achtung I Diejenigen Leute in Bad Lan- deck, die sich über»nich so aufgeregt und von»nir so viel Gerede gemacht haben, möchten sich lieber für 16 Pfennige ein Heftvflaster auf den Mund legen, denn ein jeder nehme sich lieber selber bei der Nase."— Veramwortl. Redakteur: waul Büttner Berlin— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanitaltPaulSingcrL:Co.,BerlinL1V.