Mittwoch, den 11. Oktober. 1905 (Nachdruck verboten.) 16] Das Duell Roman von A. K u p r i n. ' Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Roinaschow trat näher. Sie drückte, während ihre Pupillen plötzlich außerordentlich klein und scharf geworden wareil, fest seine Hand.„Ich habe Jhmi auf Ihre Bitte die dritte Quadrille reserviert. Hoffentlich haben Sie es nicht vergessen?" Romaschow machte eine Verbeugung. „Wie sind Sie unliebenSwürdig," siihr die Petersen fort, Gesichter zu schneiden.„Sie müßten sagen: Ich bin entzückt, Madame. Graf, nicht wahr, er ist ein Plumpsack?" „Was denn... Ich weiß wohl," brummte Romaschow unsicher.„Danke für die Ehre." Bobetiniki eignete sich wenig dazu, den Abend lebhaft zu gestalten. Er dirigierte mit blasiertein und müde-gönnerhaftem Aussehen, als wenn er eine für ihn schrecklich lang- weilige, fiir alle anderen aber wichtige Pflicht erfüllte. Vor der dritten Quadrille aber wurde er lebhafter, flog mit schnellen, kleinen Schritten durch den Saal, wie mit Schlitt- schuhen auf dem Eise, und rief besonders laut: „(Zuuclrille— monstre! Cavaliers, engagez voa Dames!" Romaschow stand mit Rais« Alerandrowna dicht beim Musikantenfensier und hatte als Visavis Michin und Frau Leschtschenko, die ihrem Herrn kaum bis an die Schultern reichte. An der dritten Quadrille beteiligten sich bedeutend mehr Tanzende, so daß die Paare sich an der Wand entlang und quer aufstellen mußten. Tie einen wie die anderen mußten der Reihe nach tanzen, deshalb wurde jede Tour zweimal gespielt. „Ich muß mich erklären, muß ein Ende machen," dachte Romaschow, der vom Donner der Trommel und der durch daS Fenster hereindringenden Blechmusik wie betäubt war. „Genug!"„Auf seinem Gesicht lag unerbittliche Ent- schlossenheit." Lei den Regimentstanzordnern hatten sich längst einige besondere Gewohnheiten und liebe«cherze eingebürgert. So hielt man es in der dritten Quadrille stets für unumgänglich, Konfusion anzurichten und beim Kommando wie unabsichtlich amüsante Fehler zu macheu, die stets denselben Tumult und Gelächter hervorriefen. Auch Bobetinski, der die Monstre- Quadrille unerwartet mit der zweiten Tour begonnen hatte, ließ bald„Cavalmr seul" tanzen, ließ dann die Herreu, wie sich verbessernd, zu ihren Damen zurückkehren, bald kom- mandierte er„Grando ronde", änderte das Kommando und ließ die Herren ihre Damen wieder suchen. „Mos Dames, arancez... Pardon, reculoz! Davalier seul! Pardon, zurück, balancez arec vos Dames, zurück doch!" Naisa Alerandrowna sprach unterdessen in gistigeni Tone, vor Bosheit schwer atmend, dabei mit einem Lächeln, als wenn die Unterhaltung die lustigsten und angenehnisten Tinge zum Gegenstand hätte� „Ich erlaube nicht, so mit mir umzugehen. Verstanden? Ich bin kerne junge Gans. Ja. lind anständige Menschen handeln nicht so. Ja." „Wir wollen uns nicht zanken, Naisa Alexandrowna," bat Romaschow eindringlich und weich. „O, zuviel Ehre— zanken! Ich kann Sie nur ver- achten. Aber sich über mich lustig machen, erlaube ich niemandem. Warum haben Sie nicht einmal auf meinen Brief geantwortet?" „Aber Ihr Brief hat mich nicht zu Hause getroffen, schwöre ich Ihnen." „Ah, Sie wollen mir esivas weismachen! Als wenn ich nicht wüßte, wo Sie Verkehren... Aber seien Sie über- zeugt..." „Eavaliers on avant! Rocde des Cavaliers. A gauche! Links, links! Nach links doch, meine Herren. Ach, die verstehen auch gar nichts! Plus de la vie, Messieurs," schrie Bobetinski, die Tänzer in schnellen! Kreisen fortziehend und verzweifelt mit den Füßen stampfende „Ich kenne alle Intrigen dieses Frauenzimmers, dieser Liliputaneriu," fuhr Raisa fort, als Romaschow an seinen Platz zurückgekehrt war.„Sie bildet sich wirklich umsonst so viel ein! Diese Tochter eines diebischen Notars..." „Ick möchte doch bitten, sich in meiner Gegenwart nicht derart über meine Bekannten zu äußern," erwiderte Roma- schow finster. Jetzt erfolgte eine rohe Szene. Die Peterson richtete eine wahre Flut Von Schmähworten an Schurotschkas Adresse. Das künstliche Lächeln hatte sie bereits vergessen und bemühte sich jetzt, ganz bunt vor Erregung, die Musik mit ihrer Schuupfenstimme zu überschreien. Romaschow errötete bis zu Tränen infolge seiner Schwäche und Fassungslosigkeit und aus Schmerz über die Schnrotschka zugefügten Beleidi- gungen sowie deshalb, weil es ihm bei dem betäubenden Lärm nicht möglich war, auch nur ein Wort vorzubringen, und hauptsächlich endlich, weil man bereits auf sie aufmerksam geworden war. „Ja, ja, ihr Vater hat gestohlen, sie braucht die Nase nicht so hoch zu tragen," schrie die Peterson.„Sagen Sie ihr bitte, daß sie sich etwas rarer macht. Wir wissen auch von ihr allerhand! Ja!" „Ich bitte Sie," stammelte Romaschow. „Warten Sie, ich werden Ihnen beiden schon die Zähne zeigen. Ich öffne dem Schafskopf Nikolajew, den sie nicht einmal im dritten Jahr auf die Akademie bringen kann, die Augen. Was soll aus dem armen Tropf werden, der nicht einmal sieht, was ihm dicht vor der Nase geschieht. Sie hat auch einen Liebhaber!" „Mazurlla g�nörale! Promenade!" schrie Bobetinski und glitt, ganz vornübergebeugt, in der Pose eines fliegenden Engels durch den Saal. Unter dem schweren Gestampf der Schritte zitterte und schwankte der Fußboden im Takt; die Anhängsel am Kronleuchter klirrten und spielten in bunten Farben, während die Tüllgardinen ain Fenster sich mäßig hin und her bewegten. „Warum wollen wir uns nicht friedlich trennen?" fragte Romaschow sanft. Er fühlte in: Innern, daß dieses Weib ihm außer Abscheu eine häßliche, aber unbezwingbare Feig- heit einflößte.„Sie lieben mich nicht mehr... Lassen Sie uns als gute Freunde scheiden." „Ah! Sie wollen mir auf den Zahn fühlen? Seien Sie unbesorgt, mein Lieber"— sie sagte:„Bein Bieber"—„ich gehöre nicht zu denen, die man verläßt, ich verlasse andere, wenn ich will, aber ich kann mich wirklich nicht genug über Ihre Niedrigkeit wundern." „Wir wollen doch schnell enden," sagte Romaschow un- geduldig in dumpfein. Tone und biß die Zähne zusammen. „Entreakt fünf Minuten. Cavaliers, oeenpez vos dames!" rief der Tanzordner. „Ja, wenn ich es will. Sie haben mich gemein betrogen. Ich habe Ihnen alles geopfert, alles gegeben, was ein an- ständiges Weib geben kann... Ich kann meinem Gatten, diesen: idealen, schönen Mann nicht in die Augen sehen. Ihretwegen habe ich meine Weibes- und Mutterpflichten ver- nachlässigt. O, warum bin ich ihm nicht treu geblieben!" „Mag ja alles sein!" Romaschow konnte sich eines Lächelns iiicht enthalten. Ihre zahllosen Romane mit allen eben erst in den Dienst getretenen jungen Ofsizieren waren im Regiment ebenso gut bekannt, wie alle anderen Liebes- geschichten, die sich zwischen sämtlichen fünfundsiebzig Offizieren iind ihren Frauen und Verwandten abspielten. Ihm fielen jetzt Ausdrücke ein, wie: �Mein Schafskopf",„Dieses Ekel von einem Mann",„Dieser Schwätzer, der ewig herum- lungert" und andere nicht weniger kräftige Ausdrücke, die Raisa in Briefen und mündlich au ihren Mann verschwendet hatte. „Ah! Sie haben die Frechheit, noch zu lachen! Gut!" flammte Raisa auf.—„Wir müssen anfangen!" fiel ihr Plötz- lieh ein. Sie ergriff die Hand ihres Kavaliers, trippelte vor- wärts, wiegte den Oberkörper graziös in den Hüften und lächelte krampfhaft. Als sie die Tour beendet hatten, nahm ihr Gesicht plötzlich wieder einen bösen Ausdruck an.„Wie bei einem wütenden Insekt," dachte Romaschow. - 790 „Ich verzeihe Ihnen das nicht.'Hören Sie wohl, nie Mals! Ich weiß, warum Sic so gemein, so niedrig von mir los wollen. Aber was Sie da im Schilde führen, geschieht nicht, nie, nie, nie! Statt offen und ehrlich zu sagen, daß Sie mich nicht mehr lieben, haben Sie mich lieber betrogen und mich als Weib benutzt... für alle Fälle, wenn es dort nicht glückt. Ha— ho— ha!" „Nun gut, lassen Sie uns offen reden," begann Roma schow mit verhaltener Wut. Er wurde immer blasser und biß sich auf die Lippen.„Sie selbst haben es gewollt. Ja. es ist wahr: ich liebe Sie nicht." „Ach! Sagen Sie, wie mich das kränkt!" „Ich habe Sie nic geliebt. Wie Sie mich auch nicht. Wir beide haben ein häßliches, falsches, schmutziges Spiel ge trieben, eine gemeine Liebesfarce. Ich verstehe Sie aus gezeichnet, Naisa Alexandrowna. Sie brauchten keine Zärt lichkeit, keine Liebe, keine einfache Anhänglichkeit. Dazu sind Sie zu seicht und unbedeutend, denn"— Romaschow fielen plötzlich die Worte Nasanskis ein—„denn lieben können nur auserwählte, nur verfeinerte Naturen!" „Ha— ha, natürlich sind Sie so eine verfeinerte Natur?" Wieder ertönte die Musik. Romaschow blickte neidisch durch das Fenster auf den glänzenden Kupferrachen der Posaune, die mit wilder Gleichgültigkeit brüllende und röchelnde Töne gleichsam in den Saal hineinspuckte. Und der Soldat, der mit aufgeblasenen Backen, die verglasten Augen rollend, und blau vor Anstrengung die Posaune blies, wurde von ihm beneidet. „Wir wollen uns nicht zanken. Vielleicht habe ich wahre Liebe nicht verdient aber darauf kommt es nicht an. Es handelt sich darum, daß Sie mit Ihren beschränkten, pro vinzialen Ansichten und Ihrem kleinstädtischen Ehrgeiz un bedingt jemanden haben müssen, der Ihnen den Hof macht, so daß andere es sehen. Oder glauben Sie, ich habe den Sinn dieser Ihrer Vertraulichkeiten mit mir auf den Abenden, dieser zärtliwen Blicke, dieses gebietenden und intimen Tones zu einer Zeit, wo andere uns beobachten, nicht verstanden? Ja, ja, sicher, sie sollten es sehen! Sonst hat Ihr ganzes Spiel keinen Sinn. Sie brauchten nicht meine Liebe, sondern wollten nur, daß alle Welt Sie wieder einmal kompromittiert sähe." „Dazu hätte rch einen Besseren und Jnteresiantcren wählen können als Sie," erwiderte die Peterjon mit ge schwollcnem Stolze. „Beunruhigen Sie sich nicht, damit kränken Sie mich Nicht. Ja, ich wiederhole: Sie mußten nur jemanden haben der als Ihr Sklave, als neuer Sklave Ihrer Launen galt. Aber die Zeit vergeht und die Sklaven werden immer seltener. und um den letzten Anbeter nicht zu verlieren, bringen Sie kaltes, leidenschaftsloses Wesen, sowohl Ihre Familien pflichten, wie auch die vor dem Altar gelobte Treue zum Opfer." „O, Sie sollen noch von mir hören," flüsterte Raisa böse und bedeutungsvoll. Durch den ganzen Saal, bisweilen zurücktretend und den tanzenden Paaren ausweichend, trat Raisas Gatte, Haup- mann Peterson, zu ihnen. Er war ein magerer, schwind- süchtiger Herr mit kahlem, gelbem Schädel und schwarzen, feuchten, schmeichelnden, gleichzeitig aber in heimlicher Bos heit leuchtenden Augen. Es hieß, er sei wahnsinnig in seine Frau verliebt, dermaßen verliebt, daß er zärtliche, süßliche, falsche Freundschaft mit all ihren Verehren? unterhielt. Ja, es war fogar bekannt, daß er, sobald diese Anbeter erleichtert Und fröhlich seine Frau verließen, an ihnen mit Haß, Treu- bruch und allen möglichen dienstlichen Gemeinheiten Ver- gelwng übte. Er lächelte schon von ferne unnatürlich mit seinen blauen, rings um den Mund geklebten Lippen. „Nun, tanzt Du, Raetschka? Guten Tag, lieber George. Sie habeil sich ja lange nicht sehen lassen? Wir haben uns so an Sie gewöhnt, daß wir uns ohne Sie wirklich schon langweilen." „So... Ja.., Die viele Beschäffigring," brummte Romaschow. „Wir kennen Ihre Beschäftigung," drohte Peterson mit dem Finger und lachte winselnd. Aber seine schwarzen Augen mit gelblichem Weiß liefe» forschend und unruhig über das /Gesicht seiner Frau und Romaschows. „Ich muß sagen, ich habe geglaubt, Sie zankten sich. Als ich Hinblicke, sitzen Sie da und ereifern sich über etwas. Was haben Sie?" (Iortsctzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Helegrapdenftangen. Die in der Reichs-Telegraphenverwaltung zum Zwecke der ober- irdischen Leitungssührung benutzten Stangen werden in bezug auf ihre Herstellung und Verwendung auf Grund besonders erlassener telegi aphciibaulechnischer Vorschriften behandelt. Diese Vorschriften, die namentlich im Hinblick auf die Unbill der Witterung, auf die Art des zu bebauenden Terrains und die Länge der Banstrecke, auf die Art der oberirdischen Leitungen sowie deren Höhe zc. erlasien worden sind, haben nun eine Menge interessanter Vorgänge zur Folge, von denen wohl in erster Linie die Imprägnierung der Stangen zu nennen sein dürfte., Die steilen Träger der eisernen, kupfernen oder bronzenen Leitungsdrähte werden in der Regel von den Stammenden der Kiefer genommen, obgleich auch noch andere Hölzer, wie die Fichte, die Weiß- oder Edeltanne, die Lärche und die Eiche gebrauchsfähig find. Bei der Benutzung der vier letztgenannten Hölzer bedarf es jedock einer besonderen Genehmigung der obersten Telegraphenbehörde: des Reichspostamts. Eichenhölzer gelangen nur in rohem Zustande zur Aufstellung, während die Nadelhölzer vor ihrer Verwendung imprägniert, d. h. mit einer Flüssigkeit gesättigt werden, um die in ihnen wohnenden Keini- und Fäulnisstoffe, die eine ftiihzeitige Vernichtung der Stangen bewirken würden, zu verdrängen. In neuerer Zeit wird zur Tränkung der Hölzer fast nur noch in Wasser ausgelöstes K..pfer- Vitriol benutzt. Die Tränkung der Stangen geht folgendermaßen vor sich: Die gefällten Hölzer werden auf einfachen, nicht zu hohen Holz- gerüsten, die auf einem den Verhältnissen angemessenen freien Platz hergerichtet worden sind, derart gelegt, daß die Zopfenden dem Erd- boden zuneigen, um das Ausfangen der austretenden Flüssigkeit zu erleichtern. Am Stammende find die Stangen glatt abzuschneiden, damit auf die Schnittfläche eine sogenannte Trense aus Hanf gelegt werden kann, auf die wieder ein zirka 5 Zentimeter starkes, vier- kamiges Brett mittels eiserner Verschlußhaken gepreßt wird. Diese Haken sind an dem einen Ende mit einer Spitze ver- sehen, die sich in das Holz eintreiben läßt und greifen an dem anderen Ende, das mit Schraubengewinde und Mutter verschen ist, durch entsprechende Ausschnitte des Holzdeckels, so daß dieser durch etwaiges Anziehen der Schraubenmutter ganz beliebig gegen den Stamm gedrückt werden kaim. Um nun die Tränkungsflüssigkeit, bestehend aus 1>/z Gewichts- teilcn Kupfervitriol und 100 Gewichtsteilen Wasser, in den sich zwischen Holzdeckel und Stanmiende naturgemäß bildenden Hohl- räum gelangen zu lassen, damit sie von hier iveiter durch das Holz dringen kann, ist durch den Deckel ein hölzerner, durchbohrter Zapfen— Pipe— getrieben. Die Knpservitriollösung selbst wird in einem auf dein Erdboden stehenden Bonich— Mischboitich genannt— zubereitet und von hier in einen zlveiien Botlich geleitet oder gepumpt, von wo aus der Tränkungsprozeß vor sich geht. Das Eintreiben der Jniprägnierungsflüssigkeit erfolgt auf zwei- fache Art und Weise. In nenerer Zeit wird hauptsächlich das Ver- fahren mittels Dampidruck eingeschlagen, während im Gegensatze hierzu noch ein hydrostatisches Druckverfahren vorgeseben ist. Letzleres ist das kompliziertere von beiden und soll zuerst beschrieben werden. Nachdem hier die Flüssigkeit in den bereits erwähnten, auf einem zehn Meter hohen Holzgerüsl untergebrachten sogenannten Druckbottich gepumpt worden ist, gelangt dieselbe durch ein von diesem senkrecht nach unten führendes Rohr— Abfallrohr genannt— in ein wage- rechteö, vor den Stammenden entlanglaufendes, aus Blei oder Kupfer bestehendes Rohr, das Streckenrohr. Dieses Rohr ist mit zirka 15 Millimeter Welten Seiicnstützen versehen, auf die das eine Ende eines paffenden Gummischlauches gezogen wird, während das andere Ende in ein in die Holzpipen des Verschlußdeckels passendes, zu- gespitztes Holzrohr mündet. Hierdurch wird das Streckenrohr mit der Stange in Verbindung gebracht. Die Flüssigkeit läuft von dem Streckenrohr durch den Schlauch in das Spitzrohr und von diesen durch die Holzpipen in den Hohlrauin, uni von dort weiter durch das Holz zu dringen. Das Dampfdruckrerfahreir geht in ähnlicher Weise vor sich. Hierbei wird ebenfalls die Flüssigkeit aus dem Mischbottich in einen zweiten Bottich geleitet, jedoch von diesem durch Elevatoren(Dainpf- strahlpumpen) unmittelbar in die Streckenrohre gepreßt. Diese find in Abständen von je 50 Zentimeter an Stelle der Seitenstützen mit kleinen Stopsbüchfenbähnen versehen, welche zum Einlaffen der Flüssigkeit in den Hohlraum dienen. Die Tränkung erfolgt wieder in der Weise, daß die Kupfer- vitriollösnng durch das Rohrsystem und die auch hieran angebrachten Gummischläuche in den Hohlraum gelangt, von hier durch die Stange dringt, um am Zopfende wieder abzufließen. Die so getränkten Stangen werden darauf an der Lust getrocknet und dann entrindet. Der durch die Elevatoren in den Streckenrohren hervorgerufene Dampfdruck darf jedoch höchstens 2—21/t Atmosphären betragen. Um die Höhe des Druckes kontrollieren zu können, hat man in den Streckenrohren einen Gradmesser angebracht. Die Stangen haben, je nachdem sie auf Haupt- oder� Neben» linien verwendet werden, verschiedene Längen und Durchmesser. Die auf Hauptlinien benutzten Stangen belügen über einen Durchmesser fam Zopfende) von 15 Zentimeter und eine Länge von 8.5 Meter, 10 Meter und 12 Meter. Diese Größen sind deshalb vorgeschrieben, weil die Telegraphenleitungen nicht immer auf gerader Landstraße, sondern auch an Eisenbahnen, über Gewässer, durch Tunnels usw. geführt werden müssen und infolgedessen den jeweiligen Ortsver- Hältnissen anzupassen sind. Die für Nebenlinien benutzten Stangen haben 12 Zentimeter Durchmesser und 7 Meter Länge. Der Abstand zwischen den einzelnen Stangen ist ebenfalls ver- schieden. Unter gewöhnlichen Verhältnissen und bei geraden Linien betragen die Stangenabstände sowohl an Eisenbahnen, wie auch auf Landstraßen 75 Meter. Bei Nebenlinien ist ein Abstand von hundert Meter gestattet. Die bei der Herstellung von Fernsprechverbindungs- anlagen aufzustellenden Stangen erhalten jedoch, sofern ihre Auf- stcllung in gerader Linie geschehen kann, nur Abstände von zirka 60 Meter. Um feststellen zu können, wann die Stangen imprägniert und wann fie zur Verwendung gelangt sind, werden die betreffenden Jahreszahlen in das Holz eingebrannt dergestalt, daß die obere Zahl das Zubereitungsjahr, die untere das Jahr der Verwendung angibt, lieber diesen Zahlen kommt das Zeichen T. Y.(Telegraphen- Verwaltung) zu stehen und unter demselben der Buchstabe B, der angeben soll, mittels welcher Flüssigkeit die Stange imprägniert worden ist. B ist der Anfangsbuchstabe des Dr. Bui'cheri, eines Arztes, der die Tränkung der Stangen mittels Kupfervitriol er- funden hat. An älteren Stangen findet man auch statt des B ein C oder ein Qu. Letztere Zeichen geben an, daß die Imprägnierung mittels creosothaltiger Teeröle bezw. mittels Oueckfilbersublimat er- folgt ist, zwei Verfahren, die in früherer Zeit in Anwendung kamen, heutigentags jedoch der Erfindung des Dr. Buscheri geivichen sind. Die Telegraphenstangen werden aber nicht allein als Träger der Leitungsdrähte benutzt, sondern sie finden auch vielfach als Schutzvorrichtung eigentlicher Telegraphenstangen Verwendung. Infolge des Witterungseinflusies und des Druckes, den die Leitungsdrähte auf die Stangen ausüben, werden dieselben oftmals nach einer Seite hingebogen und laufen daher Gefahr, im Laufe der Zeit umzufallen. Um der hierdurch entstehenden Betriebsstörung vorzubeugen, hat man einer solchen Stange einen Stützpunkt— Strebe— gegeben. Eine solche Strebe ist nichts weiter als eine Telegraphenstange, die, um einen sicheren Stützpunkt abzugeben, in einem spitzen Winkel zu der eigentlichen Trägerin des Leitungsdrahtes angebracht worden ist. Als fernere Schutzvorrichtungen kommen auch noch die Prell- pfähle und Scheuerböcke in Betracht. Erstere Vorrichtung dient zum Schutze der Stangen gegen das Anfahren eines Last- oder sonstigen Wagens und besteht darin, daß vor der zu schützenden Telegraphenstange ein Holzpfahl aufgestellt wird, der einen etwaigen Anprall zurückwirft. Ein solcher Pfahl hat höchstens eine Größe von 2— 3 Meter. Die sogenannten Scheuer- böcke dagegen, die ähnlich eingerichtet worden find, beugen dem Bestreben verschiedener Ti«rgattu»gen, namentlich Schafe k., vor, fich an den Telegraphenstangen das Fell zu scheuern. Endlich wären noch die Doppelständer und gekuppelten Stangen zu nennen, die lediglich als Verstärkimgsmittel dienen sollen. Beide Einrichtungen findet man nur da vor, wo viele Leitungen vorbei- geführt werden müssen, und eine einzige Stange der Last und der Spannung der Drähte nicht genügend Widerstand leisten kann. Zu diesem Zwecke werden entiveder an die eine Telegraphen- stange noch an beiden Seiten zwei andere Stangen an- gekuppelt sgekuppelte Stange»), oder es erhalten zwei, ungefähr ein Meter von einander— natürlich nicht in Längs-, sondern in Seitenrichtung— stehende Telegraphcnstangen einen an den Hirn- stächen angebrachten Querträger, der beide Stangen verbindet und naturgemäß fest zusammenhält. Eine derartige Vorrichtung nennt man Doppclständer.— Robert Zieme. kleines Feuilleton. Ii. Farbengärten. Auf dem Gebiete der Gartenkunst macht sich ein Wandel bemerkbar. Seit den Tagen, da der Architekt und Ver- treter der schönen Künste sich auch an Gartenanlagcn heranwagte, md mit dem Gartcnkünstler bezw. Landschaftsgärtner in Wettbewerb .rat, ist ein heißer Streit entbrannt: auf der einen Seite der Äärtncr, der zähe an der Ueberliefcrung festhalt und den sogenannten andschastlichen oder englischen Gartenstil als das Ideal einer Iartenanlage betrachtet, aus der anderen Seite der Künstler', der )en Garten architektonisch behandeln will. Dem Anschein nach wird ■«r Künster mit der architektonischen Behandlung des Gartens durchdringen, denn schon mehren sich auch unter den Gärtnern die Stimmen, die für diesen Garten eintreten. Was man seither von icuen Gartenanlagen sah, die vollständig nach architektonischen Grundsätzen behandelt worden waren, kann zwar immer nur noch rls fühlender Versuch angesehen werden, aber zweifellos zeigte sich in diesen Versuchen schon manch gesunder Kern, und ohne Frage werden sich manche Ideen der Gärten dieser Art, welche es voriges Jahr auf der Düsseldorfer und dieses Jahr auf der Darmstädter Gartenbau-Ausstellung zu schauen gab, weiter ausbauen lassen, so daß man mit Recht sagen kann: der architektonische Garten wird in absehbarer Zeit dem landschaftlichen Garten ein merklicher Kon» kurrent geworden sein. Der Unterschied zwischen beiden Gartcnformen ist leicht ge» zeigt. Der architektonische Garten ist in seiner Wegeanlage durch. aus regelmäßig und meistens geradlinig gehalten, während dem landschaftlichen Garten eine gebogene Wcgeführung bei unrcgel» mätziger Verteilung der BePflanzung eigen ist. Als weiterer Unterschied mag noch betont werden, daß in Gärten der crstercn Art den Kunstwerken ein größerer und bedeutungsvollerer Raum gewährt wird als in letzteren. Die diesjährige Tarmstädter Gartenbau-Ausstellung hat dem architektonischen Garten gewissermaßen noch einen neuen Stempel aufgedrückt; dort waren von Professor Olbrich drei Gärten ge- schaffen worden, die der rote, der gelbe und der blaue Garten ge- nannt wurden. Die Bezeichnung rührte von der jeweiligen Farbe der betreffenden Blumen; so war der rote Garten nur mit roten Blumen besetzt usw. Als etwas absolut Neues vermag man diese farbigen Gärten zwar nicht zu bezeichnen, denn man hat schon früher gelegentlich Gärten gesehen, die in einer bestimmten Farbe gehalten wurden. Doch die Art und Weise, wie Olbrich seine farbigen Gärten vorführte, bedeutete gewiß ein neues Moment für die Garten- kunst. Diese Gärten waren als besondere Schmuckstücke eines aus, gedehnten Parks gedacht. Sie lagen vertieft und waren von Mauern umgeben, so daß der im Park Lustwandelnde erst im letzten Augen- blick, wenn er unmittelbar vor einem der Gärten stand, auf den- selben aufmerksam wurde, lleberrascht mußte dann der Blick auf das Farbenbild fallen. Bei entsprechender Beleuchtung kann ein solcher Garten bei dem in einem der Laubengänge Ruhenden ge- wiß Stimmung erzeugen; allein man wird sich an derartig archi- tektonisch behandelten Farbengärten gewiß recht bald satt sehen — immer und ewig nur eine Farbe vor Augen zu haben, das mutz auf die Dauer ermüden; darum sind solche Gärten,.als für sich bestehend, wohl kaum haltbar. In großen Parks mögen sie immerhin hingenommen werden. Somit wird dieser farbige Garten höchstens eine beschränkte Bedeutung erlangen. Hinzu kommt noch, daß es mit großen Kosten verknüpft ist, einen derartigen Garten stets in seiner Farbe zu erhalten, denn die Pflanzen müßten wiederholt im Jahre gewechselt werden, und zudeni darf nie übersehen werden, daß die Pflanze kein lebloses Material ist, welches sich wie der Stein vom Bildhauer bc- arbeiten läßt. Die Pflanze, ein lebendes Wesen, will im Garten ganz anders behandelt sein als der Rohstoff des bildenden Künstlers. Sie läßt sich nicht immer nach Wunsch in der Form halten und ebensowenig erscheinen die Blumen auf Hervorrus. Recht bemerkenswert sind die Kritiken, welche Olbrichs Farben- gärten in der Fachwelt hervorgerufen haben; während sie einerseits durchaus verworfen, ja der Lächerlichkeit preisgegeben werden, fehlt es andererseits auch nicht an solchen Leuten, die die Gärten nicht himmelhoch genug loben können. Aber nur gering sind jene Stimmen, die, den Standpunkt des Schöpfers dieser Gärten ein- nehmend, diese Gärten verstanden haben und ihnen eine beschränkte Berechtigung zusprechen. Und gerade bei diesen Stimmen scheint die Wahrheit zu liegen.— Kulturgeschichtliches. a. Waaderzwang und Meisterstück. Nur wenige Ge- werbe des Mittelalters verzichteten auf den Wanderzwang ihrer Gesellen. Es waren dann solche Handwerke, denen daran lag, die lokale lkunstfertigkeit ihres Gewerbes nicht durch Wanderzwang in alle Winde zu zerstreuen. So die Acbat- und Steinschleifer des Nahctales und des Schwarzwaldes, die Bijouterie- Arbeiter in und um Pforzheim, die Glasbläser und andere mehr. Für die meisten Handwerke aber war der Wanderzivang eines der notwendigsten Requisite zur Erhaltung der sclbstherr, lichen Monopolstellung, welche die Zunftmeister in dem mittel- alterlichen Wirtschaftsleben einnahmen. Und in der Tat brachte der Wanderzivang der Gesellen den Meistern einen dreifachen Vor- teil. Er schützte sie erstens vor allzu großer und allzu schneller Konkurrenz, indem er den jungen Handwerksgesellen ans der Sladt, in der er gelernt und in der öder in deren Nähe er geboren und aufgewachsen ist, deren Verhältnisse er dnrchans leimt, auf Jahre hinaus in die Fremde treibt. Er sicherte den Meistern aber auch eine genügende Gesellenreserve; denn aus dem hohen Prozentsatze der auf den Straßen des Deutschen Reiches walzender oder in den Herbergen hernmliegcnder HandwerlSgeselleir konnte jederzeit ein Mehrbedarf an Gesellenhänden gedeckt! Verden. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß trotz aller Schutzmaßregeln, welche das Handwerk gegen zu schnelles Anwachsen der Hnndiuerts- genossen durch beschränkte Lehrlingsausbildung, verschärfte Aufnahme der Lehrlinge usw. getroffen hatte, das Mittel- alter doch an einer Uebcrproduktion von Handwerksgenoffen litt. Vor allen Dingen aber erzog erst die Wanderschaft den Meistern brauchbare Gesellen, Der damalige Lehrling hatte trotz der üblichen vier- bis sechsjährigen Lehrzeit während dieser seiner Lehrzeit in den weitaus meisten Fällen erbärmlich wenig gelernt. Er war das Ausbcutungsobjekt des Meisters, das Haus- und Kindermädchen der Meisterin, der Laufbursche und Sviekball der Gesellen gewesen. Mochte er nun auf der Wanderschaft was lernen und sehen, wie er fortkomme. Und so verlangten in Winter» thur die Mehrzahl der Gewerbe für die auSgelernten Lehrlinge einen sechsjährigen Wanderrwang,„dainit sie zu rechten Meistern und nicht zu Pfuschern werden". Eine nndcivuhte Selbsteinschätzung' dessen, ivas die Lehrlinge wohl gelernt haben mochten oder in Winterthnr über- Haupt lernen konnten. So jagte man denn unter dein heuchlerischen Vorgeben:„wer nichts getragen, lernt nichts ertragen", die jungen Leute zwangsweise auf lange Jahre au-Z ihrer Hemmt. Denn beim Wandern bildeten eine 5— 6jährige Frist die Regel. Mitunter kommt ' es vor, das; ein oder das andere Handwerk gegen Zahlung einer bestimmten Summe ein oder mehrere Wanderjahre erläßt. So Würzburg, wo die übliche Wandcrzeit bei de» meisten Handwerken fünf Jahre betrug, doch unter besonderen Umständen gegen Zahlung von sechs Gulden perJahr ein oder mehrere Wanderjahre erlassen »verde,» konnten. Nur ganz vereinzelt finden sich kürzere Wander- fristen. So hatten die Bäcker in Ansbach z. B. nur zwei Jahre zu wanden,. Wesentlich kürzer Ivar der Wanderzlvang anch bei den Meistersöhnen. Wie sie mit allein günstiger gestellt waren, so hatten sie auch meistens nur die Hälfte der Zeil in der Fremde zu bleiben, »vclche für die übrigen Gesellen vorgeichrieben war. Daß die jungen Handwerksgesellen ihre Wanderzeit tüchtig aus- nutzten, bedarf gar keiner Frage. Deutsche Handwerksgesellen fand man im Mntelalter in Nischni-Nowgorod wie in Byzanz. in Italien, Frankreich, England, kurz es gch* kein Kulturland, wo solche »licht zu treffen waren. Johann v. Leyden durchzog England, Portugal, Frankreich, Deutschland. Belgien und Holland. Hans Sachs war in Tyrol, Genua, Rom, Lübeck, in Leipzig und im Thüringischen. Mil reichen Erfahrungen und Kenntnissen kehrte die Mehrzahl der forrgcwandcrten Gesellen lvieder heim. Und doch nützten ihnen alle ihre Kenntnisse zunächst wenig zu ihrem ferneren Fortkommen. Sie erleichterten ihnen durchaus nicht die Seßhastmachung und die Erlangung der Meisterwürde. Dazu gehörte vor allen Dingen Geld, und der Egoismus der mittelalterlichen Handwerks- »neister, denen an einem neuen Iveitgercisten Mitmeister so gar nichts lag, hatte gar wohl dafür gesorgt, daß die verlangten und not- wendigen Geldsummen so große waren, daß nur wenige der Gesellen an die Erlangung der Meisterschaft denken konnten. War der Geselle nicht von Haus aus vennögend oder kam ihm nicht ein besonderer Glückszufall zu Hülfe, so konnte er alt und grau werden, ehe er von seinem Lohne sich die nötigen Gelder zusammengespart hatte. Ein raffiniert ersonnencs System, das als erstes Geld, als ztvcites Geld und als drittes Geld erforderte, sperrte dem Armen ein- ftir allemal den Eingang znr Selbständigkeit. Da war vor allen Dingen der Unfug der Meisterstücke. Nicht daß der Geselle zeigen sollte, lvas er könne, daS hätte sich viel billiger und leichter erreichen lassen, sondern die Wer- ursachung unerschwinglicher und nutzloser Ausgaben war ihr ans- gesprochener Zweck. War es»ficht eine an den Haaren herbei- gezogene Verschwendung, wenn die Eßlingcr Schneiderzunft 1Sö7 folgende Meisterstücke verlangte: Rock, Hose, Wams, Kappe imd Klagemaittel ftir einen Adligen. Eine Hußecke und auSgeschnitteire Schaube für eine Edelfrau. Einen purpurcrianischen Rock, Hosen und damastenes Wams für einen Bürger. Eine Bursatin-Hußecke und eine schamlottene ausgeschnittene Schande, und einen Augustiner von AtlaS für eine ledige Tochter. Einen langen Nock von Schamlot und ein kleines Bursatinröcklein für einen Docktor. Hosen, Nock und Wams für einen Handwercksman. Einen AtlaS- uiantel und einen Unterrock ftir eine Bürgersfrau. Einen Leibrock, Hosen und Wams von Zwilch für einen Bauer. Einen Mantel von rheinischem Tuch und ebensolchen Unterrock für eine Bürgersfrau. Was sollte nun mit den teuren und nutzlos angefertigten Sachen geschehen? Die Anfertigung eines StaatskleidcS ivar damals, wo die Elle halbwegs guten Tuches B/z Gulden kostete, auch für den wohlhabenden Bürgcrstand eine derartig große Ausgabe wld»vichtige Sache, daß sich nicht leicht jemand dazu hergab, das Risiko des Meisterstückes zu tragen und seine Kleidungsstücke obendrein von vielerlei Menschen prüfen, befühlen, betasten und hcrumschmicren zu lassen. Also war der größte Teil der teuren Auslagen zum Fenster hinausgeworfen. Die bayrische Schusterordnung auS dem fünfzehnten Jahrhundert verlangte als Meisterstück aus einer Kuhhaut fünf Paar verschiedene Sliefet. Mcisrcrsöhne oder solche, die in das Handwerk einheirateten, brauchten nur die Hälfte dieser fünf Meisterstücke zu liefeu. Ein Meister, der auf dem Lande bleiben wollte, brauchte nur ein Paar Flügelichuhe auzuscrtigcn. Wollte ein solcher Landschuster aber die Märkte beziehen,»nutzte er die vollen fünf Meisterstücke machen. Zu diesen Summe», welche die Aufertigung der Meisterstücke verschlangen, kamen die Unkosteit, die so nebenher liefen. Während der ganzen Zeit der Anfertigung der Meisterstücke stand der Meister- kandidat iiiiler der Aufsicht der Handwerlsschaumeistcr. Anch das war naturgemäß nicht billig, die Herren ivolltcn gefüttert sein. In Gera verlangten 1651 die vier Schnstergeschworeneit während der 14 Tage, während welcher die Meisterstücke fertig sein sollte», nicht nur frei Bier, sondern auch das Essen. Jedoch sollten nicht mehr tvie acht Gulden verzehrt werden. War der Meisterkandidat auf Grund der gelieferten Meisterstücke für würdig gefunden worden, in die ehrsame Zunft aufgenonime» zu werden, dann hieß es abermals in den Beutel greifen, um das teure Meisteresien, die Aiisi»ahinelostcn und ivas drum und dran hing, zu be- zahlen. Für gelvöhiilich handelte cS sich dabei»in Gelder für die Ober- meister, für die Schaumeistcr, die Handwerksgeschworencn, Geld für die Bcgräbuislassc, für die Eiuschreibcgebühr, für ein paar Pfund Wachs für den Zunstaltar und als Hauptsache die Einzahlung in die HmidwerkSlade. In Würzburg kostete das Meistcrrecht, das heißt die Zahlung an die Handwerkslade einem zünftigen Meistersohne sechs Gulden, einem, der eine Meisterswitwe oder Tochter heiratet acht Gulden, eincm in der Stadt Geborenen fünfzehn Gulden, dem auf dein Laudgebiet Geborenen zehn Gulden. Der Ausländer, der das Meisterrecht in der Stadt erwerben wollte, zahlte 26 Gulden, für Landmeisterrecht 12 Gulden. Landmeister kainen überhaupt billiger weg. Die bayrische Schusterordimng verlangte von einem Land- »neister 3 Gulden, daneben hatte er Vi Wein und den vier Hand» werkSgcfchworencn eine Mahlzeit zu geben. 1655 berechnete man im Gebiete von Schleswig-Holstein bei den Schustern die Kosten der Meisterwürde, iminer ohne Bürgergeld und die Auslagen für die Meisterstücke, auf insgesaint 2V Taler, wozu noch die Lieferung eines ledernen FcnereimerS an die jeweilige Gemeinde kani. In Ansbach betrug das Meistergeld bei den Bäckern in die Lade 3 Gulden, außerdem 4 Gulden Verehrung an die Geschworenen. Meistersöhne, oder»ver Meisterstöchter oder Witwen heiratete, die zahlten nur die Hälfte. Auch die Zeitzer Schuhmacherordnung von 1666 begünstigt die Männer von Meistertöchtern und Witwen. Es heißt da:„Wenn die Meisterstöchter oder Witlven sich mit einem Schuhmacherge'ellen verehelichen, soll derjenige, der sie zur Frau nimint, ein Jahr mit der Mutung zu dreien verschiedenen Morgen- sprachen zubringen. Bei der ersten Mutung, gleich anderen, seine» Geburts- und Lehrbrief vorlegen und um das Meisterrecht bitten. Alsdann vor Bekennung des Meistsrrechts 3 Fl. in die� Lade, 6 Groschen zu Bier.- Vs Fl- zum Leichentuch, 3 Groschen für ein Pstmd Wachs nnd 1 Groschen dem Schreiber geben, alsdann eine leidliche Collation den 4 Aeltcrmeistern ausrichten". Beim sogenannten„Meisteressen" durste sich der neue Meister auch nicht lumpen lassen. Sonst hätte er es von vornherein mir der ganzen Sippschaft verdorben. Das übliche war da 1 Tonne starkes Bier, einige Kannen Rheinwein, Suppe, genügend Rindfleisch in Rosinen nnd Mandelbrühe, ein oder mehrere Schinken, ein Gericht Fische, der notivendige Braten und hinterher Butter und Käse. Reich- lich mußte alles sein, da die Gäste gewohnt»varen, sich ein oder mehrere Bratenstücke mit nach Hause zu nehmen, auch für die Armen mußte noch übrig bleibe»», Dainit ivar denn endgültig der Eintritt in das Meistcrparadies erkaust. Um die vielen Ausgaben lvieder herauszuholen, machke dann der neue Meister cS lvie die anderen. Er überteuerte die Konsu- meuteii, knappste seinen Gesellen die Löhne und ließ sie solange>v»e nur irgend möglich arbeiten.— Hnn»oristischeS. — Erklärung.„Ich möchte nur lvissen, weshalb der Tenor ein so klägliches Gesicht schneidet." „Nun, er hört sich doch anch singen."— — Schöner Gedanke. Förster sin einem natnrgeschicht- lichcn Werke Abbildungen der vorzeitlichen Riesennngchener be- trachtend):„Donncrivetter, lvenn solche Viecher henke noch in unseren Wäldern lebten, ivas für Jagdabenteuer könnte man da— a m S t a n» n» t i s ch erzähle>»." — Zutreffend.„Kinder, vertragt Euch doch! Friede ernährt— Unfriede verzehrt," Schwiegersohn(Rechtsanwalt):„Mama, ich bin ganz der gegenteiligen Meinun g."— („Rkeggendorfer-Vläiter.") Notizen. — S u d er m a u u s Schauspiel„Stein unterSteincn" ist bei Cotta, Stuttgart, in Buchform erschienen. Preis 2 M.— — H e r m a n n Bahr hatte den Antrag erhalten, als Re- gisscur an das Deutsche Theater zugehen. Bahr hat ab- gelehnt.— —„ B e l s a z a r ein: sinfonische Dichtung von Paul E r t e l, hatte bei der 1'.aufführung in Bielefeld starken Erfolg.— — Das Münchener Staim»Orchester übersiedelt in» nächsten Frühjahr»ach M a n n h e i in.— — Der erste Verbanbstag der deutschen Vereine für Volks- kunöe fand in der vergangenen Woche in Hamburg statt. Es lvurde beschlossen, eine Bibliographie der Volkskunde zu schaffen »md eine wisienschaftlicheii Ansprüche»! genügende Sammlung der deutschen Volkslieder zu veranstalten. Die Vorarbeiten»vurdcn einer Kommission übertragen.— c. Riesen zigarren sind aus Havana in London ein- getroffen. Jede Zigarre ist Ill'/z Zoll lang und hat einen Umfang von 6 Zoll. Eine jede»viegt ein viertel Pfund und erfordert einen Zoll von 1,56 M. Der Herstellungspreis beträgt für 1666 Stück 26 606 M.— Vcraniwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSaustaltPaul Singer LcCo., Berlin 51V.