MnterhaltmigsblaSt des Vorwärts Nr. 199. Donnerstag, den 12. Oktober. 190? (Nachdruck verboten.) 17] Das Duell. Noman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Romaschow schwieg und blickte auf den mageren, dunklen, aderigen Hals Petersons. Aber Raisa meinte mit der frechen Sicherheit, die sie stets beim Lügen offenbarte: „Iuris Alexejitsch philosophiert fortwährend. Er sagt, das Tanzen hätte sich überlebt und sei dumm und albern." „Er tanzt aber doch selbst," meinte Peterson mit tückischer Gutmütigkeit.„Nun, tanzt, meine Kinder, tanzt; ich störe Euch nicht." 5?aum war er fort, so sagte Raisa mit falscher Gefühls- seligkeit:„Und diesen heiligen, ungewöhnlichen Mann habe ich betrogen!... Und wem zuliebe! O. wenn er wüßte, wenn er es nur wüßte!" „>la?.urkn ß6n6i'ale!" schrie Bobetinski.„Die Herren nehmen die Damen weg!" � Infolge der langen Bewegung heißer Körper und des vom Parkett aufsteigenden Standes war es im Saal schwül geworden, und die Flammen der Lichter hatten sich in gelbe ?!ebelslecke verwandelt. Jetzt tanzten viele Paare, und da der Platz nicht reichte, bewegte sich jedes Paar auf einem beschränkten Räume. Tie Tanzenden drängten und stießen sich gegenseitig. Die Tour, die der Tanzordner angab, be- stand darin, daß ein einzelner Herr irgendein tanzendes Paar verfolgte. Während er sich um dasselbe herumdrehte und gleichzeitig Mazurka tanzte, was sehr lächerlich und im- geschickt aussah, bemühte er sich, den Moment zu erfassen, wo die Dame ihm mit dem Gesicht gegenüberstand. Dann klatschte er schnell in die Hände, was so viel bedeutete wie: er nähme die Dame weg. Ter andere Herr aber bemühte sich, ihn hieran zu hindern, und drehte und zog seine Dame fort- während von einer Seite cmf die andere, während er selbst bald zurückging, bald zur Seite sprang und sogar den freien linken Ellbogen in Aktion setzte und damit nach der Brust des Gegners zielte. Diese Tour veranlaßte im Saal stets ein wüstes, unfeines und unschönes Treiben. „Schauspielerin!" flüsterte Romaschow leise und beugte sich dicht zu Raisa hin.„Lächerlich und traurig, Sie an- zuhören." „Sie scheinen betrrinken!" rief Raisa verächtlich und warf auf Romaschow einen Blick, wie er in Romanen üblich ist und mit dem Heldinnen Bösewichtcr„von Kopf bis zu -Füßen" zu mustern pflegen. „Nein, sagen Sie, warum haben Sie mich betrogen?" rief Romaschow böse.„Sie haben sich mir nur hingegeben, twmit ich Sie nicht verließe. O, wenn Sie es noch ans Liebe getan hätten; wenn nicht aus Liebe, wenigstens aus Sinn- lichkeit. Ich hätte es verstanden. Aber Sie haben es einzig aus llnmoralität, aus niedriger Prahlsncht getan. Schreckt Sie wirklich nicht der Gedanke, wie häßlich wir beide gehandelt haben, als wir uns ohne Liebe aus Langeweile, zur Zerstreuung, sogar ohne Neugierde, nur aus... aus Spielerei angehört haben, wie Dienstmädchen Sonntags Sonnenblumenkerne kauen. Wissen Sie wohl: Das ist schlimmer, als wenn ein Weib sich für Geld hingibt. Das geschieht aus Not, Verführung... Wissen Sie, ich schäme mich und empfinde Ekel, an diese kalte, zwecklose, unverzeih- liche Gemeinheit auch nur zu denken!" Mit kaltem Schweiß auf der Stirn und traurigen, er- loschcnen Augen blickte er aus die Tanzenden. Da segelte, ohne ihren Herrn anzusehen, kaum die Füße aufhebend, mit unbeweglichen Schultern und der beleidigten Miene verdrieß- 'licher llnnahbarkeit die majestätische Talmann, und neben ihr sprang,, vergnügt wie ein Bock, Epifanow. Da war die kleine Lykatschcw, ganz Ponceau mit strahlenden Augen und entblößtem, unschuldigem Mädchcnhals... Da stand Graf Olisar mit dünnen, steifen und wie Schenkel eines Zirkels geraden Beinen. Romaschow blickte hin und hatte Kopf- schmerzen und wollte weinen. Aber neben ihm stand Raisa, blaß vor Wut, und redete mit übermäßigem Theaterpathos. „Reizend! Ein Jnfanterie-Offizier in der Nolle deS keuschen Joseph, des schönen!" „Ja, ja, in der Rolle..." flammte Romaschow ans. „Ich weiß selbst, daß das lächerlich und erbärmlich ist... Aber ich schäme mich nicht, über meine verlorene Reinheit, die einfache körperliche Reinheit zu trauern. Wir beide sind freiwillig in eine Senkgrube hinabgestiegen, und ich fühle, daß ich jetzt nie mehr wagen werde, mich einer guten, keuschen Liebe hinzugeben. Und daran sind Sie schuld � hören Sie wohl: Sie, isie, Sie! Sie sind älter und erfahrener als ich, Sie haben sich in Liebessachen schon hinreichend versucht." Die Peterson erhob sich mit erhabener Unzufriedenheit vom Stuhle. „Genug!" sagte sie in dramatischem Tone.„Sie haben erreicht, was Sie wollten. Ich hasse Sie. Ich hoffe, daß Sie von heute ab Ihre Besuche in unserem Hause einstellen, wo man Sie wie einen Verwandten aufgenommen, Sie ge- speist und getränkt hat, wo Sie sich aber als solch ein Schuft erwiesen haben. Wie tut es mir leid, daß ich meinem Gatten nicht alles entdecken kann; er ist ein Heiliger, ich bete ihn an, und ihm alles offenbaren— hieße ihn töten. Aber glauben Sie mir, er würde die Ehrenkränkung einer wehr- losen Frau zu rächen wissen!" Romaschow stand ihr gegenüber, blinzelte krampfhaft durch seinen Kneifer und blickte auf ihren großen, welken, von Wut verzerrten Mund. Durch das Fenster drang be- täubende Musik; mit verzweifelter Hartnäckigkeit hustete die abscheuliche Posaune, und die zudringlichen Schläge der türkischen Trommel fuhren Romaschow direkt an den Kopf. Er hörte Raisas Worte nur in Bruchstücken und verstand sie nicht. Aber es war ihm, als wenn sie wie die Trommel- schlüge ihn direkt an den Kopf träfen und sein Gehirn er- schlitterten. Raisa klappte geräuschvoll den Fächer zusammen. „O, niederträchtiger Schuft!" flüsterte sie tragisch und ging schnell durch den Saal ins Toilettezimmer. Alles war zu Ende. Aber Romaschow empfand nicht die erwartete Befriedigung; von seinem Herzen fiel nicht, wie er sich früher vorgestellt hatte, eine schmutzige und schwere Last. Nein, jetzt fühlte er, daß er unschön, feige und un- aufrichtig gehandelt hatte, indem er die ganze moralische Schuld auf ein beschränktes, klägliches Weib wälzte; und er malte sich ihre Bitterkeit, Fassungslosigkeit und ohnmächtige Wut aus und dachte an ihre bitteren Tränen und ge- schwollenen. roten Augen dort im Toilettezimmer. „Ich falle, ich falle," dachte er voll Abscheu und Gram. „Was ist das für ein Leben! Wie eng. klein und schmutzig... Dieses unsittliche, unnötige Liebesverhältnis, Sauferei, Lange- weile, tödliche Einförmigkeit des Dienstes... Wenn doch nur ein einziges lebendiges Wort, nur ein Augenblick reiner Friede sich einstellte! Bücher, Musik, Wissenschaft— wo sind die?" Er trat wieder ins Eßzimmer. Hier geleiteten Osadtschi und Romajchows Rottenkamerad. Wetkin, den vollständig trunkenen Lech, der schwach und hülflos den Kopf beugte und versicherte, er sei Bischof, zum Ausgang. Osadtschi predigte mit ernstem Gesicht und rollender Stimme wie ein Proto- diakon. „Gib uns den Segen, allerbeiligster Priester. Die gottesdienstliche Handlung hat begonnen..." Je mehr der Tanzabend sich dem Ende näherte, um so lauter wurde es im Eßzimmer. Die Luft war derart von Tabaksgualm erfüllt, daß die Gäste an den verschiedene» Tischenden sich kaum noch sehen konnten. In einer Ecke wurde gesungen, am Fenster saß nian in dichten Haufen bei- stimmen und erzählte sich unanständige Geschichten, die die gewöhnliche Würze aller Mittags- und Abendmahlzeiten bildeten. Alle diese Geschichten waren gemein, zotig und geistlos, und wie das stets geschieht, hatte die Lacher nur ein Er- zähler, nämlich der sicherste und gemeinste, auf seiner Seite. Wetkin kehrte vom Hofe zurück, wo er Lech in einen Wagen gesetzt hatte, und bat Romaschow, sich zu ihm an den Tisch zu setzen. „Setzen Sie sich, Schorschchen. wir wollen teilen. Ich bin heute reich wie ein Jude. Habe gestern gewonnen und sprenge heute wieder die Bank." Romaschow empsand das Verlangen, sein Herz aus- zuschütten, jemandem seinen Kummer und seinen Lebens- Überdruß mitzuteilen. Er trank ein Glas nach dem anderen, blickte Wetkin mit flehenden Augen an und redete in eindring- lichem, warmem Tone: „Mr alle, Pawel Pawlytsch, haben vergessen, daß es ein anderes Leben gibt. Anderswo, ich weiß nicht wo. leben ganz andere Menschen, und deren Leben ist so wohl, so fröhlich, so wirklich! Anderswo kämpfen die Menschen, leiden, lieben stark und innig... Mein Freund, wie leben wir! Wie leben wir!" „N' ja, Freund, was ist darüber zu sagen, das Leben ist faul," erwiderte Pawel Pawlytsch.„Aber überhaupt... Das ist ja alles Naturphilosophie und Energetik. Verstanden, Freund, was für ein feiner Witz: Energetik?" „O, was tun wir!" geriet Romaschow in Erregung. „Heute saufen wir uns voll, morgen geht's zum Dienst— eins, zwei, rechten, linken— abends wird wieder getrunken, und übermorgen geht's wieder zum Dienst. Ist das das ganze Leben? Nein, so denken Sie doch nur— das ganze, ganze Leben!" Wettin sah ihn mit trüben Augen, wie durch ein Häutchen an, schluchzte und begann vlöblich in d'!"""'n, zitterndem Tenor: „Sie lebte einsam, Still im Walde � Und dreht ihr Spinnrad Tag für Tag... Ich pfeif' auf alles, mein Engel, und bleibe gesund. Von ganzem Kerzen Liebt sie die Spindel." „Wollen spielen, Romaschewitsch— Nomatschkowski, ich borg' Dir einen Roten." „Niemand versteht mich. Ich habe keinen Menschen, der mir nahe steht," dachte Nomaswow traurig. Einen Augen- blick fiel ihm Schurotschka ein, die so stark, so stolz und schön war, und eine matte, süße und hoffnungslose Empfindung zog schmerztiaft durch fein Inneres. Er blieb bis Tagesanbruch i?n Kasino, sah zu, wie man Stoß spielte, und nahm selbst ani Spiel teil, freilich ohne Vergnügen und uninteressiert. Eines Tages hatte er gesehen, wie Artschakowski. der mit zwei Fäbnrirbcn an einem alleinstehenden Tisch saß, ziemlich ungeschickt dir Volte schlug und zwei Karten auf einmal hinwarf RomaHsw wollte sich einmischen und eine Bemerkung machen, er unterließ es aber und dachte gleichgültig:„Ach, das ist ja doch alles eins, Du besserst dadurch nichts." Wetkin, der seine Millionen in fünf Minuten verloren hatte, saß blaß mit aufgesperrtem Munde auf einem Stubl und schlief. Neben Romaschow sah Loschtscken'o verdrießlich dem Spiel zu, und es war schwer dahinterzukommen, welche Macht ihn zwang, hier stundenlang mit diesem bekümmerten Gesichtsausdruck zu sitzen. Es dämmerte. Die fließenden Lichter brannten mit gelben, langen Flammen und flackerten. Die Gesichter der meisten Offiziere waren blaß und schienen erschöpft. Romaschow aber blickte unperwandt tnif die Karten, die Häufchen Silber und Papiere, auf das grüne, mit Kreide beschriebene Tuch und wälzte in seinem schweren, benebelten Kopf immer ein und denselben Gedanken über seinen Fall und das unsaubere, langweilige, einförmige Leben. (Fortsetz-ing folgt.) kleines-femUeton. gl. Das Alliierten._„Na endlich. Liese I Ist man gut, daß Du kommst, ich habe Dich schon mit Schmerzen erwartet." Die lleine rundliche Frau Beyer fiel ihrer Schwester förmlich um den Hals und lachte und stöhnte in einem Atem:„Solch Umzug ist ja gräßlich, eh mau bloß wieder alles in Ordnung hatl Du hilfst mir doch dekorieren, nickt wahr? Du verstehst das so gut. Wo hänge ich blotz die Landschaft hin? Uebers Klavier? „Na, du mein Hüttmel, das werden wir ja sehen. So laß einen doch mal erst raus aus der Pelle!" Frau Liese machte sich lachend frei und legte Hut und Mantel ab.„Also das ist Deine neue Wohnung?" Sie ging durch die Zimmer:„Hübsch ist sie, rmd Du bist ja auch schon ziemlich weit mit dem Einräumen." „Ich danke! Wie steht und liegt noch alles, mein Mann hat ja mich so selten Zeit, zu helfen, na, so bald ziehe ich ja nicht wieder."> „Ihr wäret ja doch auch jetzt nicht gezogen, wenn nicht alles so mit Mutter gekommen wäre." „Ja eben. Na, im Grunde genommen bin ich froh, daß ich hier 6in,# es war mir wirklich zn schrecklich in der Wohnung, wo Mutter gestorben war." Sie brach ab und seufzte leicht. Auch über Frau Lieses Gesicht flog ein Schatten. Frau Beyer wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge und lagte:„Ja. unsere gute Mutter, ich kann mich noch gar nicht drin. finden, daß wir sie verloren haben. Vorhin bekam ich ihr letztes Paar Schuhe in die Hand. Wie mir da zu Mute war! Ich heulte gleich los.„Mein Mann sagt, ich sollte es verbrennen." „Fritz ist wohl verdreht? Solch eine Roheit I" „Er meint, es weckte bloß immer wieder trübselige Er-- innerungeu." „Als ob man sich an seine Mutter nicht immer wieder erinnern kann, als ob einem nicht alles heilig sein müßte, was mit ihr zu- sammenhing." Frau Liese war empört. Ihre Schwester zuckte die Achseln.„Männer sind ja immer so, und es Hilst ja auch nichts, Liese, wir müssen uns drin finden. Also meinst Du, daß ich die Landschaft über das Klavier hänge?" »Hm. die Landschaft." Frau Liese sah prüfend auf das Bill) und auf den vorgeschlagenen Platz.„Paßt die nicht bester über das Sofa?" „Da wollte ich den Regulator aufhängen." „Ach so, na dann kann ja die Landschaft über den Schreibtisch; zum Klavier paßt der braune Rohmen nicht recht. Was hast Du denn sonst noch für Bilder?" Sie trat in die Ofenecke, wo noch ein ganzes Pack Bilder an der Wand lehnte und sah sie durch: „Faust und Grelchen? Nein, die Vereinsphotographie! Na die erst recht nicht!— Aber hier— Mutiers beide Oeldruckbilder— die gehen doch." Sie langte zwei mmkle Bilder mit abgenutzten Gold- rahmen hervor, zwei Ritterftäulein. die mit verschämten Blicken auf die Rosen in ihren„Lilienhänden" holdselig niederlächelten.„Na, Bertchen, die nehme» wir," rief Frau Liese. Allein„Berichen" winkte ab.„Die? Rem, die laß man, mit deueu Hab' ich ganz was anderes vor I" „Art,?" „Die sollst nämlich— Du haben." „Ich?" Frau Liese ließ die Bilder fast auf die Erde fallen. „Ja Du. Liese, als Andenken an Mutter; Du hast ja von ihren Sachen nichts nehmen wollen und.. „Rede doch nicht von den alten Sachen! Wir haben ja, was wir brauchen, und bei Dir ist unsere geliebte Mutter gestorben." „Ja. wenn auch, ein Andenken sollst Du doch haben. Du sollst das haben, was ihr das liebste war. Also nimm nur die Bilder, Du weißr ja, wie sie au den Bildern hing, Vaters erstes Weih- nachlsgcschenk, das war ja ihr größtes Heiligtum, das bekommst jetzt Du." „Nein Berichen, das raube ich Dir nicht, wo Dir jede Kleinigkeit von Mutter heilig ist. Soviel Großmut nehme ich nicht an." „Ach. Lieschen, da von Großmut zu reden! Es wird mir die größte Freude sein, wenn die allen lieben Bilder bei Dir hängen." Nein, nein, auf keinen Fall!" „Ich schicke sie Dir morgen früh mit meinem Mädchen." „Ich werde Dir furchtbar böie, wenn Du Dich so beraubst! Komm' nur. wir hängen sie gleich auf. Hier über das Klavier, ja!" Sie stand schon aus der Leiter und hielt die Bilder an die Wand, nabin sie aber auch im gleichen Moment wieder ab:„Nein, da passen sie nicht hin." Frau Beyer machte ein süßsaures Gesicht:„Die Pasten hier überhaupt nirgends hin." Frau Liese nickte gedankenvoll:„Das stimmt schon." „Also kannst Du sie doch ruhig hinnehmen, Lieschen; häng' sie doch in Euer Speisezimmer." „Menschenskind, Du kannst wohl nicht dafür? In mein modernes Speisezimmer, die alten Dinger! Ich wüßte nicht, wohin damit? Wir sind doch stilvoll eingerichtet!" „Ra, wir doch auch." Sie schwiegen beide und sehen auf die Bilder, plötzlich sagte Liese:„Sie sind eigentlich scheußlich." „Polizeiwidrig scheußlich", platzte Berta heraus. „Ach darum wolltest Tu sie mir anschmieren?" „Und Du sie nicht nehmen?" Sie lachten plötzlich beide hell auf. „Durchschaut, Schwesterchen," sagte Liese.„Aber recht hast Du, cS ist unmöglich, sie aufzuhängen." „Na, das sage ich ja. Ich habe mich schon genug über die Biester geärgert, lvie Mutter sie in der Stube hatte, aber Mutter war ja rein vernarrt in sie. Was macht man denn damit? Der Trödler gibt nicht drei Graschen dafür." „Steck sie in den Ofen." „Ach dafür sind sie zu schade. Ich hav es übrigens, ich schenk sie Käthe?" „Unserer teueren Schwägerin? DaS ist'ne Idee." Ich schicke sie ihr noch heut mit dem Mädchen. Sie hat mich ohnehin um ein Andenken von Muttern gebeten. DaS Schaf ver- steht ja nichts von Bildern, die hält die Biester noch für Gemälde und uns für ungeheuer freigebig. Und weingstens bleiben sie dann in der Familie." „Na eben." Liese nickte. .Vergib aber»icht, ihr klar zu machen, wie lieb und wert Mutter die Bilder hielt, und daß sie eigentlich ihr teuerstes Ver- mächtnis sind.. k. Russische Volkslieder. Eine interessante Arbeit über die Lieder der russischen Bauern wurde kürzlich von der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg veröffentlicht; es ist eine Auswahl von solchen Liedern, die Eugenie Linew mit Hülfe des Phono- graphen gesammelt hat. Sie bilden kein einfaches Melodienalbum, sondern einen kompcndiösen Band und bieten außer der sehr sorg- fältigen Notierung der gesammelten Lieder sehr genaue Angaben. Der Gedanke, die Volkslieder zu sammeln, wurde in Amerika in der Verfasserin angeregt. Sie hielt in mehreren Städten, in New Jork, Boston, Chicago Vorträge und ergänzte sie durch Lieder. Da- bei wurde mehrmals die Frage an sie gestellt:„Singen Sie echte Volkslieder?" Wenn sie dann bejahend antwortete, fühlte sie sich beunruhigt und fragte sich, ob sie wirklich das Recht zu solcher Ant- wort hätte. Was sie bis dahin gesungen, stammte aus den besten Publikationen, aber ihr war noch nie der Gedanke gekommen, selbst bis zu den Quellen vorzudringen. Nach sechs Jahren unermüd- licher Arbeit hat nun Eugenie Lnicw dem Publikum eine Tamm- lung von Originalliedcm vorgelegt, die allen Wünschen, die man daran stellen kann, entspricht. Die Lieder sind sehr naiv, viele ge- hören dem Gebiet der Parabel an. So wird z. B. in dem Liedc „Lootchina" dem Birkenholz, das ohne Flamme verbrennt, eine junge Frau verglichen, die ohne Liebe geheiratet worden ist und die nun schmachtend, verfolgt und unverstanden in, der Familie ihres Mannes lebt. Ein zartes kleines Gedicht beginnt init den Worten:, „Singe nicht, kleine Nachtigall". Der Vogel soll nicht singen, weil sein freudiges Lied den Schmerz eines jungen Mannes erhöhen würde, der ihn singen hört, und dessen ungetreue Verlobte in diesem Augenblick am Arm seines Nebenbuhlers in die Kirche geht. In einem anderen melancholischen Liede wird eine Lerche gebeten, einen Gefangenen in seinem finsteren Verließ zu trösten. In einem No krutierungslied:„Das Tal" wird das LoS der Leibeigenen bc- jammert,„deren Leben nur ein langes Leiden ist". Alle russischen Komponisten schöpfen aus derselben Quelle, alle hängen vom Volkse. lied ab, besonders Glinka, der Schöpfer der russischen National- oper, und seine Nachfolger. Spuren des Volksliedes findet man in dcu Kompositionen von VcrtowSky, Serow, Blarembcrg. Selbst die Musik Tschaikowskys ist voller Anklänge an die Volkslieder, ob- gleich der Künstler einmal erklärte, daß er diese Lieder sehr wenig gekannt habe. Harmonisch fügen sich diese russischen Volkslieder sehr schwer den Regeln der modernen Musik. Viele werden im Chor gesungen. Die erste Stimme, gewöhnlich ein Mezzosopran oder ein Alt, bringt zuerst das Thema, und die anderen Stimmen vereinen sich darauf, um es aufzunehmen und Harmonien hinein- znmischen, die oft den Charakter einer Improvisation haben. Natür- lich können nur musikalisch begabte Personen so phantasieren, die anderen folgen im Glcichklang oder in der Oktave. Tie Spinncrinnenlieder und die im Hanse zur Begleitung kleiner häus- lieber Arbeiten gesungenen Lieder haben gewöhnlich ein lebhafteres Tempo und werden mit weicher Stimme kunstvoll vorgetragen.— — Angeborene Wortblindheit, lieber diese Erscheinung(ver- gleiche llnterhaltungsblatt Nr, 183) wird der„Fr. Deutsch. Presse" von einem Lehrer geschrieben: Ich möchte folgenden Fall aus meiner Praxis über angeborene Wortblindheit mitteilen, denn ich glaube, daß diese Abnormität häufiger vorkommt, ohne daß der Fall eine sachverständige Beurteilung und Behandlung erfährt. Als Lehrer einer mehrklassigen Volksschule einer größeren Provinzialstadt sollte ich die Kinder zum Michaelistcrmin aufnehmen und weiterführen, welche die Unterstufe ein Jahr lang mit Erfolg besucht hatten. Unter diesen befand sich ein Knabe Sch., der, wie mir sein früherer Lehrer mitteilte, bereits zwei Jahre in einer Grundstufe Unterricht empfangen hatte. Er konnte aber kein Wort lesen, obwohl er ungewöhnlich begabt war. Der Knabe kam zu mir. Ich sehe den kleinen Kerl mit den klugen Augen noch heute nach 24 Jahren klar im Geiste vor mir stehen. Der dicke Kopf saß aus einem untersetzten Körper, aber die Gesichtsfarbe war blaß, und ein schwermütiger, leidender Zug gab dem Knaben das Aussehen eines Erwachsenen.„Sage einmal, lieber Junge, ist es denn tvirklich wahr, daß Du gar nicht lesen kannst?" Ein paar große Tränen liefen über das Gesicht und eine volle Stimme antwortete:„Nein, ich kann wirklich nicht lesen und kann es auch nicht lernen."„Wie kommt das? Magst Du es nicht erlernen?"„Ja, ich will es sehr gern, gebe mir mich große Mühe, meine Eltern ebenfalls; aber ich lerne eS nicht."„Mein Junge," sagte ich,„wenn es Herr H. gestattet, nehme ich Dich doch in meine Klasse." Ein Blick voll Dank- barkcit und ein Druck einer kleinen, welken Hand waren eine Bc- lohnung für mich, wie ich je kaum wieder erhalten habe. So war P. S. mein Schüler und junger Freund. Am ersten Schultage erhielt ich wieder einen Händedruck— diesmal sehr zaghaft.„Was willst Du, mein Junge?"„Ach, bitte, lassen Sie mich nicht in der Reihe lesen, dann lachen die anderen und ich muß weinen."„Gut, mein Junge, die anderen Knaben werden nicht über Dich lachen." Nun habe ich einen so begabten Schüler nie gehabt, obwohl die ganze Klasse vorzüglich gedieh und mir nur Freude gemacht hat. P. S. hatte einen ausgebildeten Verstarad, wie wenige Menschen; fürs Rechnen war er ein„Hellseher", der jede Zahlenoperation im Kopfe löste, ohne daß es ihn auch nur an- strengte. Oft fragte ich ihn:„Junge, wie machst Tu das?"„Das weiß ich nicht; aber soviel kommt heraus." Jedoch lesen konnte et nicht. Ich schickte ihn zum Arzt.„Ja," sagte er,„der Doktor weiß auch nicht, was mir fehlt. Zunächst will er mich auf„Würmer" behandeln, dann das. dann das usw." So mochte fast ein Jahr vergangen sein; meine Knaben waren mein Stolz und meine Freude. Plötzlich sagte P. S.:„Herr N., lassen Sie mich, bitte, einmal lesen." Es geschah. S. las deutsche und lateinische Druckschristen in jedem Buche, Schreibschrift i» Heften und Briefen und sein Ge» ficht glänzte vor Freude.„Junge." sagte ich,„wie hast Du das gelernt?"„Ich weiß es nicht, aber ich kann'sl" Was aus dem Knaben später geworden ist, weiß ich nicht.— ab. Die Temperenzler in den Vereinigten Staaten von Nordamerika führen einen verzweifelten Komps gegen den Teufel Alkohol, der ihren Bestrebungen mit immer neuer, ungeahnter Satanstückc entgegentritt. Sie bekriegen ihn in jeglicher Gestalt, ob er als fröhlicher BaechuS, als würdiger Gambriuus oder als echter, rechter Schnapsteufel auftritt. Sie bekriege» ihn wohl, aber sie besiegen ihn nicht. Wo sie die Macht haben, das heißt die Majorität in der Gemeinde, da dulden sie keinen Ausschank, wenigstens keinen össeittlichen. Nur der Apotheker besitzt ein wohl» assortiertes Lager von Whiskey und Brandy, von Wein und Porter und Ale, als Stärkung natürlich nur und als Heilmittel. Kommt ein Fremder in eine solche„trockene" Gegend und es ist gerade Sonntag, so kann er selbst für teures Geld nirgends sein schlimmes Gelüste nach einem Gläschen befriedigen. Mit heimtückischem Lächeln verlangt der Apotheker nach einem ärztlichen Attest, welches bezeugt, daß der Mensch manchmal sogar am Sonntag ein Schnäpschcn not- wendig braucht. Freilich. wer einen guten Freund im Städtchen hat, der kann lachen, denn daheim im stillen Kämmerlein— heißa, juchhe I Der.ausländige" Amerikaner fürchtet den Temperenzler wie ein armer, geängstiater Sünder den Pfaffen, vor dem er sich als Schuldigen fühlt. Er liebt seinen Whiskey, aber es ist ihm peinlich, wenn es jemand merkt. Und die Temperenzler passen auf I Keine Nachsicht wird geübt; be- sonders die Weiber find fanatisch. Carric Nation ist ja weltbekannt geworden, wie sie vor einigen Jahren mit ihrem Beil durch Kansas zog, die kostbarsten Bareinrichtungen beschädigte, Spiegel und Gläser zerschlug; und man mußte sie gewähren lassen, denn sie halte eine Männergarde hinter sich, die zum äußersten bereit war. Ein Schankwirt ist den Temperenzlern ein fürchterlicher Mensch, eine Art Verbrecher, der auf keinerlei Achtung Anspruch erheben darf. Sie machen ihm das Leben sauer, wenn sie ihm die Existenz nicht untergraben können. Wer einen Ausschank betreiben will, muß dazu eine Lizenz erwerben. Die Lizenz kostet viel Geld und ist um so teurer, je mehr die Temperenzler in einem Gemeindcrate, der die Höhe bestimmt, ein Wörtchen mitzureden haben. Ja großen Städten überwiegt der Eüislnß der Gastwirte mit ihrem Anhang und ihren Hintermänuem, den Brauereien und Brennereien, alle Temverenzbestrebimgen,»nd die Lizenz beträgt nur etwa 100— 200 Dollar pro Jahr. In kleinen Ortschaften da- gegen ist es den Temperenzlern oft gelungen, eine unerschivingliche Höhe festzusetzen. Da werden 300, 500, 300 Dollar und darüber verlangt. Der Alkoholkonsum läßt deswegen nicht nach, wohl aber leidet die Güte der Getränke sehr stark darunter, so daß mitunter ein scheußlicher, giftiger Stoff als Whisky zum Ausschank kommt. Im Staate Süd-Karolina sind vor einigen Jahren„Staats- kneipen" eingcfübrt morden, um gute Ware zum Ausschank zu bringen und zwischen Temperenz und Unmäßigkeit zu vermitteln. Der Spirittiosenvcrkauf wurde verstaatlicht, der Verlauf fand in Laden- geichäften statt, wo inan nur kaufe», aber nicht trinken konnte. Die Bar wurde abgeschafft. Das war die Temperenzidee von Tillmann, dein Senator von Süd-Karolina Das„Philadelphia Tageblatt" schreibt dazu und über die Verhältnisse in Süd-Karolina: �„Till» mann ist nicht gegen einen Schnaps, wenn er gut ist. aber er ist gegen das Brsaufen. Tillmann bildet sich nicht ein, daß die Bürger seines Staates zu Abstinenzlern gemacht werden können. Das ist gegen die menschliche Ratur in Süd-Karolina und meistens auch audenvärtS. Zudem handelt es sich dort noch um interessante Nebenumstände. In den Bergen von Süd-Karolina gehen keine Eisenbahnen und die Bergbauern können ihren Mais nicht auf den Markt bringen. Folglich verwandeln sie ihn in Schnaps, wozu sie keine Lizenz haben. Dafür stehen sie in ewigem Krieg mit den Steuerbeamten Onkel Sams und mancher brave Mamt ans den Appalomschcn Bergen ist darob in seinen Stiefeln gestorben. Wer dort Schnaps haben will, hängt des Nachts den„Butterkessel" aus und tut einen Vicrteldollar hinein. Am anderen Morgen ist derVierteldollar weg und der Kessel voll „Bergtau". Bei solchen landesüblichen Sitten ist Prohibition oder Temperenz ein leerer Wahn. Ein Staatsmann wie Tillmann mußte einsehen, daß damit nichts auszurichten war." Nun, man zollte dem neuen System in der ersten Zeit viel Lob, dann wurde allerlei gemunkelt, bis schließlich durch eine Unter- suchung eine große Korruption in der Verwaltung festgestellt wurde. Das war wieder Wasser auf die Mühle der stritten Temperenzler, aber gegen den„Bergtau" war alle Mühe umsonst.— Medizinisches. t. Die Nadel in der Lunge. Operationen der Lunge gehören zu den allerschwicriostcn Aufgaben der Chirurgie und werden daher nur mit großer Vorsicht dann vorgenommen, wenn ein Ein- griff unvermeidlich geworden ist. Einen merkwürdigen Fall dieser Art veröffentlicht Dr. Russell im Londoner„Lancct". Er betrifft einen Knaben von zwölf Jahren, der eines TageS ins Krankenhaus gebracht wurde. Fünf Wochen zuvor batte er auf einem Schaukel- stuhl gesessen, während er in seinem Munde eine große IMj Zentimeter lange Tuchnadcl mit schwarzem Knopf hielt. Der Stuhl kippte plötzlich nach hinten, und bei der Anstrengung, sich aufzu- richten, verschluckte der Knabe die Nadel, die ohne Husten oder Krampf des Zäpfchens hinunterglitt, und zwar nickt in die Speise- röhre, sondern in die Luftröhre. Zunächst stellten sich auch keinerlei Folge-Erscheinungen ein, bis eine Woche später ein störender Husten begann und dann nach einer weiteren Woche ein blutiger Auswurf. Man schritt zu der fürs erste wichtigen Maßnahme, den Verbleib des Fremdkörpers durch Röntgenstrahlen festzustellen, und entdeckte die Nadel im linken Ast der Luftröhre etwa 5 Zentimeter unter deren Gabelung. Der untersuchende Arzt riet einen Versuch zur Herauszichung der Nadel mit einem Elektromagneten zu machen, den er selbst konstruieren wollte, zu dessen Anwendung jedoch die vor- ausgehende Ausführung des Luftröhrenschnitts als notwendig er- achtet wurde. Eine zlveite Durchstrahlung lehrte jedoch, daß die Nadel nnttlerwcile bereits in die Lunge eingetreten war, so daß keine Aussicht darauf mehr bestand, ihrer durch die Luftröhre hin- durch habhaft zu werden. Noch immer litt der Knabe wenig, und auch die Temperatur war nur schivach gesteigert. Da jedoch voraus- zusehen war, daß die durch die Nadel in der Lunge verursachten Verletzungen immer bedeutender und bedenklicher werden würden, wurde die Operation beschlossen. Angesichts der großen Gefähr- lichkeit des Eingriffes unternahm der Arzt zuvor Versuche mit der Lunge eines toten Körpers, in die er eine Nadel etwa in gleicher Lage wie bei dem Patienten hineingebracht hatte. Die Sache ver- lief möglichst günstig, indem sich nur ein kleiner Einschnitt in die Lunge als nötig erwies, worauf die Nadel mit einer Zange gefaßt werden konnte, ohne daß eine starke Blutung eintrat. Daß die Operation nottvendig und unaufschiebbar gewesen war, bewies die Tatsache, daß sich bereits etwas Eiter in der Umgebung der Nadel gebildet hatte, der nun selbstverständlich beseitigt wurde. Nach der Operation litt der Patient an großer Aufregung, dann noch an etivas Atemnot und allgemeiner Ucbelkeit, aber nur mäßigem Fieber. Die Operationswunde war nicht völlig geschlossen worden, so daß der Zustand der Lunge an der betreffenden Stelle noch weiter beobachtet werden konnte. Nach vier Tagen trat eine wesentliche Besserung ein, und schon zwölf Tage nach der Operation konnte der Knabe das Krankenhaus bei völliger Gesundheit verlassen. Be- sonders merkwürdig an diesem Bericht ist der Umstand, daß der sehr kleine Einschnitt in der Lunge überhaupt nicht vernäht wurde, son- dern sich von selbst wieder schloß. Uebrigens zeigt der Fall wieder mit großer Deutlichkeit den unschätzbaren Wert der Röntgenstrahlen für die Feststellung von Fremdkörpern im Innern des Menschen- körpcrs.— Ans dem Tierleben. — Schwalben in Not. Aus der Pfalz wird der .Franks. Ztg." geschrieben: Die Natur ist oft grausam gegen ihre Kinder. Schon seit dem 20. September herrscht hier in der Pfalz— jedenfalls wird es in anderen Gegenden nicht besser sein— eine äußerst rauhe Witterung. Bei einer Temperatur von 7—8 Grad gehen Tag für Tag die heftigsten Regenschauer nieder. Wohl noch seilen hat die Traubenlese bei einer so ungünstigen Witterung statt- gefunden wie in biescni Jahre. Besonders leiden die Schwalben unter diesem rauhen Wetler. All die Mückenschwänne, die sonst die warme Herbstluft bevölkerten und den jagdlustigen Schwalben reickliche Beute und Nahrung darböte», fehlen schon seit ctlva zwei Wochen vollständig. Die Schwalben sind darob in große Not ge- raten. Ihr frohes Gezwitscher ist verstummt. Bis zum Tode er- mattet, fliegen sie dicht über die Erde hin, fallen zu Dutzenden er- schöpft nieder, und bald schließt sich das müde Auge für immer. Merkivürdig ist es, daß sich die im Felde umherschlvcifenden Schwalben fast stets in der Nähe der Traubenleser halten, diese bald dicht umschwärmen, bald mitten durch die Schar der Winzerinnen hinstreichcn, bald sich in ihrer unmittelbaren Nähe auf die Weinberg- pfähle und-Drähte zum Ausruhen niedersetzen. Diese auffallende Tatsache, die ich jetzt schon tagelang zu beobachten Gelegenheit hatte, gibt dem Bogelfteund zu denken. Was treibt die Schwalben in ganzen Scharen so dicht an die Menschen heran? Suchen sie etwa in ihrer großen Not, in die sie der Hunger gebracht, Hülfe bei den Menschen? Oder ist es die von den rastlos arbeitenden Trauben- lesecn ausgestrahlte Wärme, die sie anzieht? Oder halten sich viel- leicht hier in menschlicher Nähe noch die letzten Mücken auf, denen sie nachjagen? Auf welche Weise sich auch diese eigenartige Er- scheinung erklären mag, ihr Benehmc» muß jedenfalls einen ganz besonderen Grund haben, da im heißen Sommer dergleichen niemals beobachtet wird. Nach den tot aufgefundenen Exemplaren zu ur- teilen, sind es fast ausschließlich junge Schwalben, die noch hier zurückgcbliebeu sind. Falls die rauhe Witterung noch einige Tage anhält, wird leine von ihnen den warmen Süden erreichen, da ihnen zu dieser Reise die Kräfte fehlen.— Technisches. — Feuerfeste Gefäße aus Magnesia. Einer der feuerfestesten Körper, die wir kennen, die reine Magnesia, ist zu physikalischen Arbeiten bei sehr hoher Temperatur wohl schon be- nutzt worden, aber nur in kleinem Maßstabe, da es nicht gelang, der Magnesia die für größere Gefäße erforderlich« Festigkeit zu verleihen. Erst durch die ausgedehnten Versuche im Betriebs- laboratorium der Porzellanmanufaktur in Berlin ist es möglich geworden, technische Gegenstände auch in größeren Abmeffungen berzu stellen. So können jetzt Rohre bis 80 Zentimeter Länge und 7 Zentimeter Durchmesser bei einer Wandstärke von 7,8 Millimeter, sowie Tiegel bis 50 Zentimeter Höhe von beliebigem Durchmesser und jeder Wandstärke hergestellt werden. Die damit angestellten Versuche bezüglich der Haltbarkeit ergaben, daß sie auch bei Plötz- lichcm Erhitzen im Gebläse nicht sprangen und keinerlei Form- Veränderungen erlitten. Aus dieser Magnesia hergestellte Rohre zeigten sogar bis zu einer Temperatur von 1750 Grad im clektri- schen Ofen erhitzt, keinerlei Schwindungserscheinungen, und was das wesentlichste ist, keine Spur von Elektrolyse. Das?lussehcn dieser nur aus reiner Magnesia bestehenden Gegenstände ist dem des ver- glühten Porzellans ähnlich. Die Versuche werden fortgesetzt, und es soll später über die Verwendbarkeit, sobald Gutachten wissen- schaftlicher Institute und aus der Technik vorliegen, berichtet werden.—(„Techn. Rundsch.")/ Humoristisches. — D i e Kuttelfleck. Zwei wandernde Scholaren sprachen im Hause eines Rabbiners vor, um dort nach traditioneller Ge- pflogenhcit eine Gratismahlzeit zu erbitten. Da die Frau gerade mit Aufräumen beschäftigt ist, weist sie die Bittsteller in die Küche: „Geht nor hinein, da steht e Schüssel mit Kuttelfleck(Gekröse); aber eßt se nischt ganz auf, denn es kommen vielleicht noch andere, daß die auch noch eppeS finden." Die beiden Hungrigen machen sich über die Schüssel her und vertiefen sich dermaßen in die Kuttelfleck, daß diese binnen fünf Minuten bis auf den letzten Rest vertilgt sind.„Großartig hat's geschmeckt!" sagt der eine.„Au weih," sagt der andere,„wir haben doch der Rebbezin(Rabbinerin) versprochen, was übrig zu lassen!" Große Verlegenheit. Endlich öffnet sich ein Ausweg: der eine ent- schließt sich ein Stück seiner Lederhose zu opfeni; etwas Sauce ist zum Glück noch vorhanden, und mit dem zerschnittenen Leder vernnscht, sieht die Geschichte genau aus lvie Kuttelfleck. Kaum haben sie das HauS verlassen, als sich zwei andere Scholaren einstelle». Die Frau überzeugt sich, daß noch ein an- sehnlicher Rest des Gerichts in der Sauce duftet, und weist die neuen Ankömmlinge an die Schüssel. Die fangen an zu essen und sich die Zähne auszubrechen. „E bissele hart is es", meint der eine, worauf der andere bemerkt: „Hart mög es sein, aber der Schlag soll se treffen, de Rebbezin, was näht se noch K u v P P' an de Kuttelfleck!"— („Lustige Blätter".) Notizen. — Neue Zeitschriften. Unter dem Titel„Wege nach Weimar" erscheint seit Anfang Oktober im Verlage von Grcincr u. Pfeifer in Stuttgart ein neues Literaturblatt. Herausgeber ist Fritz Lienhard. Das Blatt wird jeden Monat in einer Stärke von drei Bogen ausgegeben. Alle wesentlichen Artikel schreibt der Herausgeber selbst. Preis vierteljährig 1 M. 50 Pf.— In Berlin ist dieser Tage die erste Nummer einer illustrierten Wochenschrift erauSgekommen.„Das Leben"(Herausgeber Artur Kirchhoff) ehandelt soziale, biologische, philosophische und künstlerische Fragen. Zahlreiche Illustrationen auf Kunstdruckpapicr sind beigegeben.— „Die Muskete", eine humoristische Wochenschrift, hat in Wien zu erscheinen begonnen. Unter den Mitarbeitern wird der Zeichner Hans Schließmann genannt.— Gerhart Hauptmann hat, wie die„B. Z. am Mittag" erfährt, sein neuestes Werk„Die ledigen Jungfrauen von Bischofsberg" vom Lessing-Theatcr zurückgezogen, um ihm eine neue Fassung zu geben.— — Tausend Theater st ücke sind in den letzten drei Jahren bei der Direktion des G ö r l i tz e r Stadttbcaters ein- gereicht ivorden.— — N i n o n von L e n c l o S, ein einaktiges Drama von Ernst Hardt hatte bei der Erstaufführung im alten Stadtthcater zu Köln einen großen Erfolg.— — Im Hörsaal des Kunstgewerbemuseums, Prinz Albrechtstr. 7—8, wird Dr. Peter Jessen für Angehörige des Buchgewerbes acht Borträge über die B u ch k u n st der alten M e i st e r halten. Die Borträge finden ani Montag abends 8'/g bis gl/z Uhr statt. Beginn: Montag, 30. Oktober.— — Die zur Erforschung der Synagogenruinen Galiläas von der Deutschen Oricntgesellschaft und dem Palästina- verein ausgesandte Expedition, aus den Archäologen und Architekten Hiller, Kohl und Watzinger bestehend, ist vor kurzem heimgekehrt. Man hat eine sehr reiche Beute angetroffen, nicht nur an altjüdischen. sondern auch an klassischen und islamitischen Baudenkmälern, und gedenkt die Ergebnisse bald zu veröffentlichen.— — Ein dreijähriges Pferd, das über Sommer auf der Pferdewcide bei W e l s ch n e u d o r f(Wcsterivald) gewesen war, wurde vor kurzem nach Niederzenzheim zurückgebracht. In einer der folgenden Nächte entkam das Tier ans seinem heimatlichen Stalle und fand den etwa 30 Kilometer langen schwierigen Rückweg zu seiner liebgewonnenen Weide. Es durchbrach von außen die Um- zäunung und wurde morgens bei seiner Herde wieder angetroffen.— Verantwortl.tllcdakteur: Paul Büttuer, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer öcCo..BerUn L W.