Nnterhaltnngsblatt dcs Worwärts Nr. 200. Freitag, den 13. Oktober. IgOZ (Nachdruck verboten.) 18] Das DuelU Roman von A. K n p r i n. Einzig antorisierte Ucbersetzung von Adolf Heß. 10. Es war ein goldiger, aber kalter richtiger Frühlings- morgen. Die Traubenkirschen blühten. Romaschow. der bis jetzt nicht gelernt hatte, mit seinem jungen Schlaf auszukommen, kain wie gewöhnlich zu spät zum Dienst und ging mit dem unangenehmen Gefühl von Scham und Unruhe zum Exerzierplatz, auf dein seine Rotte übte. In diesein ihm bereits vertrauteit Gefühle lag stets viel Erniedrigendes für den jungen Offizier, und der Rotten- kommandeur. Hauptmann Sliwa, verstand jene Empfindung noch schärfer und kränkender zu machen. Dieser Mann bildete ein rohes und schweres Ueber- bleibsel einer in das Reich der Ueberlieferung entrückten Zeit grausamer Disziplin mit ewigem Geschimpfe, kleinlichem Formelkram, Marschieren in drei Tempi»nd Faustschlägen. Selbst in unserem Regiment, das sich infolge des wüsten Provinzlebens nicht gerade durch besondere Humanität aus- zeichnete, erschien Slitoa als ein rarer Repräsentant jenes grimmigen militärischen Zeitalters, und man erzählte sich von ihm eine ganze Menge kuriose, fast unglaubliche Geschichten. Was über Frontdienst. Dienstreglement und seine Rotte hinausging, existierte einfach nicht für ihn und wurde als Blödsinn und Schwindel bezeichnet. Er, der durch das ganze Leben die schweren Dienstpflichten mit sich herumschleppte, las kein Buch und keine Zeitung außer dem offiziellen Teil der militärischen Zeitschrift:„Der Invalide". Alle Zer- streuungen, alles Tanzen, Liebhaberaufführungen und so weiter verachtete er ini tiefsten Grunde seiner verhärteten Seele, und es gab keinen noch so schmutzigen und gemeinen Ausdruck, den er nicht aus seinem soldatischen Schiinpfwörtcr- buch gelegentlich angewandt hätte. Man erzählte von ihm— und die Geschichte konnte wahr sein—, daß einst, als er in einer herrlichen Frühlingsnacht am offenen Fenster gesessen und militärische Rechnungen durchgesehen hatte, in einem Gebüsch vor ihm eine Nachtigall sang. Sliwa hörte und hörte hin und rief plötzlich seinem Burschen zu:„Tachartschuk, jag mal den Bogel mit einem Stein weg. Er stört inich..." Dieser welke, verkommene Mensch war mit den Soldaten schrecklich strenge und erlaubte nicht nur den Unteroffizieren zu schlagen, sondern schlug auch selbst grausam bis aufs Blut, bis der Betreffende unter seinen Hieberi� zu Boden stürzte. Dafür war er den Bedürfnissen der Soldaten gegenüber peinlich aufmerksam: Geld behielt er niemals zurück und probierte persönlich jeden Tag das Soldatenessen. Nur in einer Rotte, in der fünften, sahen die Leute wohlgenährter und vergnügter aus als in seiner. Aber die jungen Offiziere schalt und zwiebelte Sliwa nach Noten und wandte dabei ganz ungeniert die einfachste Methode an, der sein angeborener kleinrussischer Humor noch eine ganz besondere Schärfe verlieh. Wenn zum Beispiel beim Exerzieren ein Subalternoffizier aus dem Tritt kam, schrie er, leicht mit der Zunge anstoßend, gewöhnlich: „Nu sag' einer! Tie ga— ganze Rotte, soll sie der Deubel holen, ma— marschiert nicht im Tritt. Nnr der Herr Leut- nant ge— geht im Tritt." Bisweilen, wenn er die ganze Rotte niit den gemeinsten Schimpfworteu schmähte, fügte er schnell mit beißendem Spott hinzu: „Ati— mit Ausnahme de— der Herren Offiziere und de— des Fähnrichs." Besonders grausam und geradezu vernichtend war er in Fällen, wo ein jüngerer Offizier zu spät zum Dieust kam, und das hatte am häufigsten Romaschow an sich erfahren. Sliwa, der den Leutnant schon von weitem bemerkt hatte, kommandierte:„Stillgestanden!" gleichsam als bereitete er dem Zuspätkommenden ironischerweife einen ehrenvollen Empfang: er selbst aber beobachtete unbeweglich, mit der Uhr in der Hand, wie Romaschow, vor Scham in Schweiß gebadet, sich in der Säbelkoppel verwickelte und lange seinen Platz nicht finden konnte. Bisweilen fragte er mit grimmiger Höflichkeit, ohne auf die Anwesenheit der Gemeinen Rücksicht zu nehmen:„Ich de— denke, Herr Leutnant, Sie haben nichts dagegen, wenn wir fortfahren?" Das nächste Mal erkundigte er sich mit größter Zuvorkommenheit, aber absichtlich laut, wie der Herr Leritnant geschlafen und wie er geträumt hätte. Und erst nachdem einer dieser Scherze vom Stapel gelassen war, führte er Romaschow beiseite und erteilte ihm, während seine runden Fischaugen ihn fast berührten, einen groben Verweis. „Ach, nur ist alles egal!" dachte Romaschow verzweifelt, während er an seine Rotte herantrat.„Hier geht's schlecht und dort geht's schlecht— ist alles eins. Mein Leben ist verpfuscht!"„ Der Rottenkommandeur, Leutnant Wetkin, Lbow und der Feldwebel standen mitten auf dem Platz, und alle wandten sich gleichzeitig- nach dem herankommenden Roniaschow um. Die Soldaten drehten ebenfalls die Köpfe nach ihm herum. In diesem Augenblick sah Romaschow sich selbst, wie er ver- wirrt und ungeschickt unter den auf ihn gerichteten Blicken dahinging, und ihm wurde noch unangenehmer zumute. „Aber vielleicht ist das gar nicht so schimpflich?" versuchte er sich nach Art vieler in Verlegenheit geratener Leute in Gedanken zu trösten.„Vielleicht scheint mir das nur so schlimm, ist anderen aber ganz egal. Nun, ich stelle mir einfach vor, daß ich nicht zu spät gekommen bin, sondern Lbow, und daß ich auf den: Platze stehe und zusehe, wie er herankommt. Dabei ist gar nichts Besonderes: Lbow— geht wie innner... alles Unsinn," schloß er endlich in Ge- danken und wurde mit einemmal ruhig.„Angenommen, ich schäme mich... Aber das dauert keinen Monat, keine Woche, keinen Tag. Auch ist das ganze Leben ja so kurz, daß man alles in ihm vergißt." Gegen seine Gewohnheit verwandte Sliwa fast gar keine Aufmerksam, eit auf ihn und ließ nicht einen seiner Scherze los. Erst als Romaschow einen Schritt von ihm entfernt stehen blieb, ehrerbietig die Hand an die Mütze legte und die Hacken zusammenschloß, sagte er, ihm gleichzeitig feine schlappen fünf kalten, zicschenähnlichen Finger hinstreckend: „Bitte, merken Sic sich, Herr Leutnant, daß Sie fünf � Minuten vor Erscheinen des ältesten Subalternoffiziers uud zehn vor dem Rottenkominandeur zugegen sein müssen." „Entschuldigen Herr Hauptmann," erwiderte Romaschow nrit hölzerner Stimme. „Entschuldigen!... Sie schlafen immer. Im Schlaf können Sie nicht exerzieren. Bitte die Herren Offiziere, zu Ihren Zügen zu treten." Die ganze Rotte war m Abteilungen über den Platz zerstreut. Es wurden zugweise Freiübungen gemacht. Die Soldaten standen iil Reihen mit einein Schritt Abstand von- einander und hatten, um die Bewegungen zu erleichtern, die Uniform aufgeknöpft. Der gewandte llnteroffizier Bobylew aus Romaschows Halbrotte schielte ehrerbietig nach dem herankominendeu Offizier hin und kommandierte laut- schallend, wobei er den Unterkiefer vorschob und schiefe Augen niachte: „Auf die Fußspitzen und langsame Kniebeuge. Hände auf Hüften— stützt!" Dann zog er singend in tiefen Tönen in die Länge: „Knie beugt!" „Eins!" sangen die Soldaten gleichzeitig und hockten nieder: Bobylew aber, der ebenfalls in Kniebeuge dasaß, überflog die Reihen mit einem strengen, forschen Blick. Nebenan schrie der kleine, guecksilbrige Gefreite Sjeroschtan niit dünner, scharfer, abgerissener Stimme wie ein junger Hahn: „Ausfall rechts und links seitwärts, mit gleichzeitigem Seitwärtsstoßen der entsprechenden Hand. Fertig! Los! At— eins, at— Zwei." Und ein Dutzend junger, gesunder Stimmen schrien abgerisseii iind krampfhaft:„Hau. hau, hau, hau!" �. „Halt!" schrie Sjeroschtan durchdringend.„Lapschin! Was haust Du denn da immer. Du Schafskopf? Stößt mit den Fäusten wie ein altes Weib: Chau, chgu!... Mach mir die Bewegung sauber, verdammtes Aas!" Dann fiihrten die Unteroffiziere ihre Züge im Laufschritt zu den Turngeräten, die an verschiedenen Enden des Platzes standen. Unterfähnrich Lbow, ein starker, geschickter Bursche und ausgezeichneter Turner, legte schnell Mantel und Uniformrock ab und lief, nur im blauen Kattunhemd, als erster zum Barren. Er sprang am Barrenende zum Stüh, schwang dreimal vor- und rückwärts, beschrieb mit dem ganzen Körper einen Kreis, so daß sich einen Augenblick seine Füße direkt über dem Kopf befanden, stieß sich kräftig vom Barren ab, flog in elastischem Bogen anderthalb Schritt vorwärts, über- fchlug sich in der Luft und kam geschickt wie eine Katze auf den Boden zu stehen. „Unterfähnrich Lbow, machen Sie wieder Faxen!" rief Sliwa mit verstellter Strenge. Der„alte Bruder" hegte im Grunde seines Herzens eine besondere Borliebe für den Unterfähnrich, der ein ausgezeichneter Soldat und vorzüg- licher Kenner des Dienstes war.„Zeigen Sie, was in der Instruktion verlangt wird. Hier ist keine Ostermesse und kein Zirkus." „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" krächzte Lbow vergnügt. „Zu Befehl, fällt mir gar nicht ein," zwinkerte er Roma- schow zu. Die vierte Korporalschaft übte an der schrägen Leiter. Die Soldaten traten nacheinander heran, hängten sich mit gestreckten Armen an eine Sprosse, machten Klimmzug und kletterten mit den Händen in die Höhe. Unteroffizier Schapo- walenko stand unten und machte Bemerkungen: „Nicht mit den Beinen baumeln. Fußspitzen nach oben!" Die Reihe kam an den Gemeinen vom linken Flügel. Chlebnikow, der der ganzen Rotte zum Spott diente. Roma- schow wunderte sich oft, wenn er ihn ansah, wie man diesen kümmerlichen, verhungerten Menschen, fast einen Zwerg mit schmutzigem, bartlosem, schiefem Gesicht, zum Soldaten hatte machen können. Und wenn der Leutnant seinem blödsinnigen Blick begegnete, in dem ein für allemal vom Tagt der Geburt an stumpfsinnige, ergebene Furcht gleichsam geronnen war, so rührten sich in Romaschows Herzen ein sonderbar trauriges Gefühl und Gewissensbisse... Chlebnikow hing unförmlich und plump wie ein Ge- hängter an der Leiter. „Aufziehen, Hundeschnauze, aufziehen!" schrie der Unter- offizier.„Nun, wird's bald!" Chlebnikow machte Anstrengungen, hoch zu kommen, zappelte aber nur hilflos mit den Beinen und baumelte mit ihnen hin und her. Eine Sekunde wandte er sein kleines, graues, von einer aufgestülpten Nase kläglich überragtes Ge- ficht zur Seite und nach unten. Und plötzlich riß er von der Sprosse los und fiel wie ein Sack auf den Boden. „A— a! Machst wohl nicht gern jemnastijche Uebungen!" brüllte der Unteroffizier.„Du Schuft, verdirbst mir den ganzen Zug! Ich werd' Dich!" „Schapowalenko, untersteh Dich nicht, zu schlagen!" rief Romaschow vor Scham und Zorn aufflammend.„Untersteh Dich niemals zu schlagen!" rief er, lief zum Unteroffizier und packte ihn an der Schulter. Schapowalenko stand stramm und legte die Hand an den Mützenschirm. Nur in seinen Augen, die, mit einemmal foldatenmäßig, jeden Ausdruck verloren hatten, zitterte ein kaum bemerkbares, spöttfiches Lächeln. „Zu Befehl, Herr Leutnant. Nur gestatten Sie: Ist ganz unmöglich, mit dem fertig zu werden." Chlebnikow stand in krummer Haltung daneben; er blickte stumpfsinnig auf den Offizier und rieb sich mit dem Handrücken die Nase. Mit einem Gefühl heftigen, ver- geblichen Mitleids wandte Romaschow sich von ihm ab und trat zum dritten Zuge. Nach dem Turnen, als die Leute zehn Minuten Er- holungspause hatten, traten die Offiziere wieder mitten auf dem Platz am Barren zusammen. Die Unterhaltung hatte sofort die bevorstehende Maiparade zum Gegenstände: „Ich sage Euch, jeder General hat seine Rücken," sagte Sliwa mit besonderer Handbewegung und ließ seine wässe- rigen Augen erstaunt umhermarschieren.„Ich weiß noch, wir hatten einen Generalleutnant Ljwowitsch als Korps- kommandanten. Er war von der Genietruppe zu uns ge- kommen. Und da beschäftigten wir uns denn bei ihm nur mit Graben. Dienstreglement, Tenipo, Exerzieren— alles Nebensache. Vom Morgen bis Abend wurden alle möglichen Schützengräben aufgeworfen, bis zum Verrecken! Im Sommer aus Erde, im Winter aus Schnee. Das ganze Regiment war von Kopf bis zu Füßen mit Lehm beschmiert. Der Kom- mandeur der zehnten Rotte, Hauptmann Aleinikow, Gott Hab' ihn selig, wurde für den Annenorden vorgeschlagen, weil er in zwei Stunden eine Lünette oder Barbette gegraben hatte." „Großartig!" flocht Lbow ein. „Dann— das war schon zu Ihrer Zeit. Pawel Pawlitsch, das Schießen unter General Aragonski." „Ah. das„Gerüstschießen.,? lachte Wetkin. „Was heißt das?" fragte Romaschow. Sliwa machte eine verächtliche Handbewegung. „Das heißt, daß wir damals nur Sinn für die Schieß- instruktion hatten. Der Soldat antwortete bei der Besichfi- gung mit so unfehlbarer Sicherheit, daß er zum Beispiel statt „Geschützriesen"—„Gerüstschießen" sagte,— so waren allen die Köpfer vernagelt! Der Zeigefinger hieß nicht Zeige- finger» sondern Drückfinger; das rechte Auge war das„Ziel- auge"." „Wissen Sie noch, Athanasius Kyrillitsch, wie damals theoretisch geochst wurde?" sagte Wetkin.„Ballisfische Linie, Derivation... Weiß Gott, ich habe es selbst niemals ver- standen. Es kam vor, daß man den Soldaten sagte:„Da hast Du ein Gewehr, sieh in die Mündung. Was siehst Du?" „Ich sehe eine e m m a t s ch i näre Linie, die Laufachse heißt." Dafür schössen wir aber! Wissen Sie noch,?lthanasius Kyrillitsch?" „Nun natürlich. Wegen ihrer Schießleistungen kam unsere Division in die ausländischen Zeitungen. Zehn Prozent über ausgezeichnet— nun sag' einer! Das haben wir aber gedeichselt, liebe Leute! Die besten Schützen wurden von einem Regiment ins andere übernommen. Und wenn eine Rotte mal für sich schoß, so knallten die jüngeren Offiziere aus Revolvern hinter der Anzeigerdeckung. Eine Rotte zeichnete sich so aus, daß man nachzählte; da saßen in der Scheibe fünf Kugeln melir, als abgefeuert waren. Hundert- undfünf Prozent Treffer, der Feldwebel konnte mit dem Kleistertopf kaum mitkommen!" „Und unter Slessarew die Schrebersche Gymnastik, wissen Sie noch?" „Wie sollte ich nicht, sitzt heute noch bei mir. Haben geradezu Ballett getanzt. Was da nicht alles die Generale machten, hol's de? Kuckuck! Aber ich sage Ihnen, meine Herren, im Vergleich mit den jetzigen Zuständen ist doch alles Unsinn und fauler Zauber. Jetzt heißt es einfach— so nehmt denn Abschied, Brüder; jetzt kann man nur einpacken! Früher wußte man wenigstens, was gefragt wurde, aber jetzt? Ach, sei so gut, lieber Soldat— mein„Nächster", man muß human sein!— Hauen muß man die Kerls! Ach, dieses „Entwickeln der geistigen Fähigkeiten",„Gewandtheiten" und„Kombinationsgabe". Suworow-Soldaten! Man weiß jetzt gar nicht mehr, was man den Kerls beibringen soll. Da hat man wieder einen neuen Scherz ausgedacht, die durch- gehende Attacke..." „Ja, das ist keine Schokolade!" nickte Wetkin mit- fühlend. lFortsetzrmg folgt.) sNachdruik verVoten.) Islänäifcke lVringsfifcKerei. Der Heringsfang ist zum Teil beendet, zum Teil geht er seiner Beendigung für dieses Jahr entgegen. Während die Fischer� der Nordsee vielfacb über schlechten Fang klagen, ist in den isländischen Gewässern auch heuer der Heringsfang ein außerordentlich ergiebiger gewesen. Was die Natur der Insel Island nämlich an Boden- Produkten versagt hat, hat sie in reicher Fülle ihren Flüssen und Seen, besonders aber den sie umgebenden Gewässern des Meeres, gespendet. Diese sind reich an Fischen der verschiedensten Art, und so wird Fischfang aus Lachse, Stockfische, Heringe, Haie und Wale von den Isländern mit vielem Eifer, obwohl mit wechselndem Er- folge betrieben. Am Hcringsfange sind die eingeborenen Isländer allerdings, trotzdem auch hier in den letzten Jahren Fortschritte zu verzeichnen gewesen sind, doch weniger beteiligt als andere Nationen. Die Norweger haben einen großen Teil der Heringsfanges in den isländischen Gewässern in den Händen. Das ist stets seit langer Zeit so gewesen. Vielleicht kommt das daher, daß der Norweger, wie die Beioohner des nördlichen Europa überhaupt, große Kenner und Liebhaber von Heringen sind, während bei den Isländern dieser Fisch als Nahrungsmittel niemals recht eingeführt gewesen ist und auch heute noch nicht genügend gewürdigt wird. Wahrscheinlich ist der Grund hierfür die Abneigung des Isländers gegen Salz, weil er den Skorbut so sehr fürchtet. Alle ihre präservierten Nahrungs- mittel werden nämlich entweder durch Trocknen und Räuchern süß oder durch Sauergärung sauer haltbar gemacht; den Hering aber kann man wegen seines hohen Gehaltes an Tran nicht ohne Sab» haltbar machen. Bekanntlich macht der Hering häufige und bielfache Wanderungen und nach verschiedenen Teilen der Küste; zuweilen verläßt er die Küste eines Landes für eine Zeitlang ganz, wie es vor Jahren an den norwegischen Fjorden der Fall war. Irgend ein derartiger Vor- fall mag in der Tat auch die erste Veranlassung gegeben haben, daß die Norweger in den isländischen Gewässern auf den Fischfang gingen, obwohl der genaue Zeitpunkt, in dem damit begonnen wurde, nicht mehr ermittelt werden kann. Die Norweger konnten dort fischen wie in ihren eigenen Fjorden,„denn sie fangen die Fische, wenn sie ihnen bis vor die Türe kommen, als bäten sie ordentlich, daß man sie fangen solle"; aber sie haben nicht den Unternehmung»- geist der schottischen Fischer, die sich weit in die' See hinauswagen, um dort unter großen Gefahren bei jeder Witterung die Fische auf- zusuchen. Allein trotzdem sind die Norweger kühne und tüchtige See- leute. Die Heringe der isländischen Gewässer werden alle in den Fjorden, nicht auf hoher See gefangen. Die nach Island kommenden norwegischen Fahrzeuge sind meistens Schoner, die die nötige Aus- rüstung an Salz und Fäßchen an Bord haben. Nach ihrer Ankunft werden sie teilweise abgetakelt und vor Anker gelegt, nachdem man zuerst das Material zum Einpökeln an die verschiedenen Stationen gebracht hat. Diese Stationen sind einfache hölzerne Schuppen, die man am Strande erbaut hat und die teilweise ins Wasser hinein- ragen, mit einer Plattform oder Anlände an der Seeseite, um die Fischerboote ausladen zu können. Sie liegen immer an Stellen, wo das tiefe Wasser bis dicht an die Küste heranreicht, so daß die Fahr- zeuge mittels einer Laufbrücke von der Anlände aus und noch immer schwimmend geladen werden können, da das Steigen und Fallen der Flut im Norden und Osten von Island nur drei Fuß beträgt. Die aus Norwegen kommenden Fischerboote sind kleiner als die an den britischen Küsten üblichen, aber größer als diejenigen der Isländer; sie sind mit Mast. Spritsegel und Klüver versehen und sehr leicht, da man mit ihnen kein sehr schweres Wetter zu bestehen beabsichtigt. Das Netz ist aus einem Stück, ein Schlagnetz, mit dem die Heringe nach der Küste gefegt werden. Sollte es mehr Heringe enthalten, als die Boote tragen können, so werden die Enden des Netzes am Strande verankert und die Boote mit so vielen als sie nur tragen können, aus dem Innern des Schlagnetzes heraus mittels Sacknetzen an langen Stangen beladen. Die übrigen Fische bleiben dann, wohlbehalten und alle lebend, tagelang in dem großen Netze eingeschlossen, bis man ihrer bedarf, oder bis der Inhalt des letzteren erschöpft ist. Die Netze sind von verschiedener Größe, von Lg Faden lang und fünf Faden breit, bis zu 150 Faden lang und 20 Faden breit, und werden je nach Maßgabe der Tiefe des Wassers an der Küste, an der man fischt, gebraucht. Die Maschen der Netze find nur einen halben Zoll weit und werden in Norwegen für Sprotten und Heringe gleicherweise gebraucht. Wenn man die Fische geladen hat, werden sie sogleich ganz, d. h. ohne daß man die Eingeweide herausgenommen hat, mit Salz in die Tönnchen eingepökelt und nicht erst ausgeweidet, wie dies in Schottland geschieht. Obwohl dies Einpökeln nicht so gut ist wie das schottländische und holländische, so verursacht das Verfahren doch weniger Arbeit und weniger Behandlung des Fisches, wodurch weniger beschädigt werden. Die Norweger beschäftigen dabei viele Isländer, aber nur als Tagelöhner, sowohl in den Booten wie beim Laden der Fahrzeuge auf den Stationen. Der Zeitpunkt der Ankunft und die Richtung des isländischen Heringszuges scheinen mit denjenigen des schottischen ganz identisch zu sein, nämlich vom Mai und Juni bis September und Oktober, und von der Westküste um den Norden herum bis nach der Ostküste. Der nördliche Teil des Zuges führt zuzeiten innerhalb, zuzeiten außerhalb des Polarkreises hin. Die Heringe scheinen diejenigen Fjorde ganz zu vermeiden, die entweder einen allmählich sich vcr- flachenden Strand oder Hindernisse in Gestalt von Sandbänken, Felsen oder Eilanden haben. Ihr Lieblingsaufenthalt sind Fjorde, die bis an die Küste heran einen klaren Strich tiefen Wassers haben. Zur ersten gemiedenen Klasse gehören Hrutafjord, Skagafjord und Eyafjord im Norden, an dem sich keine Fischerstationen befinden; doch liegt im Hrutafjord die Handelsstation Bordeyri(nach der der Fjord zuweilen benannt wird), und hier sah Kapitän John Coghill, der reisende Agent für das Handelshaus Slimon von Leith, das einen höchst ausgedehnten Handelsverkehr zwischen Groß- britannien und Island hergestellt hat, vor einigen Jahren bei einer Gelegenheit den Strand des Fjordes meilenweit mit toten Heringen bedeckt. Die Fische waren von Walen den Fjord hinaufgetrieben worden, hatten sich in ihrer Angst dem Lande zugedrängt und waren dabei zu Tausenden umgekommen. Die Heringe erscheinen zuerst im Mai oder Juni auf der Höhe von Jsafjord im Nordwesten von Island, allein die Zeit wechselt in den verschiedenen Jahren. Der Zug nähert sich dann der Insel und streicht an der Nordküstc hin, biegt um Langanaes(Langnase), die nordöstliche Spitze von Island, herum und zieht an der Ostküste herab, berührt aber niemals die südlichen und südwestlichen Küsten. Bisweilen finden sich die Heringe schon Ende August, dagegen im September immer, beinahe in allen östlichen Fjorden, besonders im Eskifjord und Seydisfjord. Sehdisfjord ist'/>— 1% engl. Meilen breit, verläuft auf 10— 12 engl. Meilen westlich, wendet sich in seinem Schöße oder obersten Teil südlich und ist auf dem ganzen Wege zu beiden Seiten von steil abstürzenden Bergen von 2500—"000 Fr.ß Höbe eingeschlossen, mit tiefem Wasser bi» dicht an die Kir'.an,, genommen an seinem landwärts gekehrten Ende und seiner nordwestlichen Ecke, wo die Küste sich etwas verflacht, weil die aus den Bergen herunter- kommenden Flüsse hier ihren Schutt abgelagert haben. Die ruhigen, die steilen Berghänge widerspiegelnden Gewässer zeigen auf den ersten Blick kaum eine Spur von Leben in ihnen. Nur da und dort ein Flug weißer Mecresvögel oder das gelegentliche Lärmen einiger Heringwale, die nicht sehr hoch spritzen, ist alles. was darauf hindeutet, daß das Wasser von Fischen aller Art wimmelt. Man sieht keine Scharen von Booten, die am Abend aus- oder am Morgen einlaufen, man hört kein Geschrei oder Ge- lächter an den Landungsplätzen; kein Hasten und Schreien, keine Eile der Fischer, denn die Beute ist in ihrer Hand, und sie können ihre Arbeit nach Belieben regeln— sie können die Netze einziehen. die Fische pökeln, die Tönnchen verschiffen, ganz wie es ihnen paßt, alles sehr ruhig, mit großem Fleiße, aber ohne Lärm und Eile. Das Wasser wimmelt von Heringen, und dort, wo jene Meeresvögel ge- mächlich fischen, da stehen die Fische im Wasser, eingeschlossen von den ungeheueren Netzen, die 150 Faden lang und 20 Faden breit sind. Die Fischer haben alle ihre großen Netze ausgesetzt und suchen die Zahl derselben noch zu vermehren, indem sie einige von den kleinen zusammennähen; allein diese sind nur fünf Faden breit und reichen nicht tief genug hinab, um auf den Grund zu gehen, und sind daher von keinem sonderlichen Nutzen. Die isländischen Heringe sind sehr groß, 13—14 Zoll lang und je 12— 14 Unzen englisch wiegend. Die Möven haben einige Mühe, um sie zu packen und zu verschlingen. Wenn sie sie beim Kopf er- fassen können, so ist es gut, allein sie haben selbst dann noch Not, sie hinunterzuwürgen. Man findet oft Fische, denen von den Schnäbeln der Vögel die ganze Haut vom Rücken gestreift worden ist, bei dem vergeblichen Versuch, sie zu verschlingen.— I. Wiese, Klcince feuitteton. es. Da? renovierte Berliner Theater. Zur Besichtigung waren am Mittwoch Einladungen an die Presse ergangen, aber es war nicht recht ersichtlich, zu welchem Zwecke man sich und anderen diese Mühe gemacht hatte. Es gab nicht viel zu besichtigen. Wer die Einladung las, konnte der Meinung sein, es handle sich um eine neue Innendekoration der alleit Räume, eine künstlerische Neu- schöpfung, wie die modernen Theater jetzt dahin streben, die neuen, dekorativen Grundsätze der modernen Kunst sich zunutze zu machen. Es sülll auch nicht schwer, einen Künstler dafür zu engagieren, denn es finden sich genug Architekten, die dafür Sinn und Verständnis haben, und den öffentlichen Instituten— das Theater ist doch ein solche?— erwächst eigentlich die Verpflichtung, diesen Schritt der Entwickelung mitzumachen. Allerdings ist es ein übleS Ding, ein so alteS, ausgedientes Theater auffrischen zu wollen. Die Ausschmückung eines solchen Raumes, der einem bestimmten Zwecke ausschließlich dient, muß organisch sein, d. h. es muß alles aus den Bedingungen heraus wachsen, notlvendige Beziehungen des Materials unterstreichen, und so muß sich der Jnnenraum unter der künstlerisch besonnen und maßvoll arbeitenden Hand des Architekten gewissermaßen von selbst aufbauen. Er muß ruhig und groß wirken, d. h. er darf keinen überladenen Schmuck haben, denn bei den großen Entfernungen, die ein Theaterraum bietet, verwischen sich die allzu kleinen Formen zu einem charakterlosen Ge- mengsel, und jedes Zuviel an Linien zerreißt die Raum- Wirkung, wirkt kitittrig, kleinlich. Zudem wirkt die Masse der Zu- schauer von selbst so unruhig, daß da» Auge es als angenehm empfindet, wenn diesem schwarzen und bunten Gewimmel in den Fonnen der Architektur ein Gegengewicht geboten wird. Gerade das moderne Theater bietet dem modernen Architekten große Aufgaben. Bisher haben wir unsere Theater meist mit einem spielerischen, prunkenden Aufloand an Ornamenten, in Stuck, mit Gold übcnnalt, geschmückt. Das großzügig gebaute, im Innern ruhig und ernst ge- staltete Theater haben wir erst noch zu erwarteit. Freilich müssen wir da auch erst eine andere ernste und große Theaterkunst haben, so daß das Theater wieder ein Sammelpunkt großgeistiger Interessen ist, an dem alle gleichen Anteil haben. Das Theater an sich, so ivie es jetzt ist, ist ein getreues Abbild einer zerfahrenen Kultur, die sich mit fremdem Flitterkram schmückt, mit Ornamenten aus vergangeilen Stilen; und die Gold- und Stuckprotzerei redet von einem Bar- barismns des Geschmacks. Wir haben in Deutschland bisher nur ein künstlerisch aus einem Guß gestaltetes Theater, das ist das Münchener Schauspielhaus, eine Schöpfung des Münchener Architekten Richard Riemerichniied. Das Berliner Theater ist ein Beispiel, wie es nicht gemacht werden darf. Die Theaterfirma Hugo Baruch u. Co. hat die Aus- statlung besorgt. Sie hat dem alten Bau ein neues Mäntclchen umgehängt. Die alten roten Wände sehen aber hindurch durch die neue Pracht. Das Ganze macht den Eindruck einer Theater- dekoration Reichliche Verwendung von Weiß, dem sich ein Grau- grün imitierten Marmors gesellt, dazu ein mattes Rosa in den Stühlen des Parkettraums, das sind die Farben, auf die der Raum gestimmt ist. Abgesehen davon, daß das Alte lind Neue nicht zu- iammengeht, ist die Dekoration an sich nicht gut. Das Un- persönliche, Schematische der Gestaltung zeigt sich überall offen. Und das ärgert auf die Dauer. Man will so tun, als Hütte man sich die Eigenheiten des modernen Dekorationsstils zu eigen gemacht. Man hat aber nur gewisse Aeußerlichkeiteu übcrnomnicn, die unter dem Namen.Jugendstil" jedem glitcn Ge- schmack ctit Greuel sind. Entweder läßt man ein altes Theater wie es war, oder man überträgt seine Umgestaltung einem Künstler, der fozchem Raum ein persönliches Gepräge geben kann. Eine„Firma" wird immer in eine Schablone verfallen. Vielleicht aber hat das Berliner Theater gar nicht diesen großen Ehrgeiz. Es war immer ein gutbürgerliches Famlientheater und will es vielleicht bleiben. Dazu patzt dann die Talinidekoration ganz gut. Und auch das panoptiknmartige Entree mit den bis ins Unendliche spiegelnden Wänden patzt dazu.— t. Die Phonokarte scheint sich jetzt zunächst in Frankreich als größte postalische Neuheit einzubürgern. Zur Herstellung dieser phonographischen Poilkarten dient das Phonopostal, ein Apparat. der die menschliche S"ittme auf einem Stück Pappe aufzeichnet, das in der Form einer Po«karte gleicht. Schon Jules Verne faßte die Idee, den alten Waaiszylinder der Phonographen durch ein Blatt Papier zu ersetzen, das dann wie ein Brief verschickt werden könnte. Jetzt würde also auch diese Phantasie des einbildungsreichen Franzosen, wie schon so manche andere, in gewissem Grade ihre Verwirklichung gefunden haben. Nach einem Bericht von„English Mechanie" gewährt das Phonopostal zahl- reickie Vorteile. Die Aufzeichnungen werden durch einen gewöhnlichen Phonographen von möglichst einfacher Art mittels eines Griffels mit einer Sapphirspitze gemacht. Diese Spitze macht ihre Eindrücke in eine geeignete Substanz, die auf die Oberfläche der Karte aufgestrichen ist und den Namen Sonorin führt. In der Entdeckung dieses Stoffes, der leicht auf einem Blatt Karton ausgebreitet iverden kann und alle Eigenschaften. eines WachSzhiinders besitzt, beruht das eigentliche Verdienst der Erflndnng. Dazu kommt die freilich ebenso wichtige Erfüllung der Bedingung, daß das Sonorin die Behandlung und den Transport durch die Post verträgt, ohne daß es zerdrückt oder die darauf ein- gegrabenen Zeichen verwischt werden. Die Zeichen iverden nämlich in Form einer Spirale eingeschrieben, die am Autzenrande der Karte beginnt und dann in immer enger werdenden Krümmungen zu einem Kreise ausläuft, der kaum noch den Durchmesser eines Fünfpfennigstückes besitzt. Die Zeichen sind so tief eingegraben, daß beint Stempeln der Postkarte höchstens zwei oder drei Silben ver- loren gehen können. Eine Phonokarte hat Platz für 73 oder 8l) Worte. Man scheint mit der neuen Erfindung der illustrierten Post- karte Konkurrenz machen zu ivollen, auch wird zur Empfehlung her- vorgehoben, daß man auf der Phonokarte weit vertraulicher sein kann als auf einer gewöhnlichen Postkarte.— Aus dem Tierleben. tli. U e b e r einen neuen Fall von Mimikry stellte Dahl interessante Beobachtungen an. Als Mimikry oder Nachäffung bezeichnet man eine im Tierreiche sehr häufig vorkonimende Erscheinung, daß eine Tierart ein anderes Lebewesen in Färbung und Gestalt nachahmt, um sich dadurch der Verfolgung seiner Feinde zu entziehen. Meist ist das nachäffende Tier ein schwaches, wehrloses, viel verfolgte�dGeschöpf, während das nachgeahmte Lebewesen aus irgend einem Grunde, sei es wegen seiner Giftigkeit oder Wehr- haftigkeit gefürchtet wird. Andere Tierarten iviederum, besonders viele Schmetterlinge samt ihren Raupen und manche Heuschrecken, ähneln in ihrem Aussehen täuschend einein trockenen Blatt, einem Stückchen Borke oder einein dürren Zweige und entziehen sich dadurch den Blicken ihrer Verfolger. Während ähnliche Fälle von Nachäffung bei niederen Tieren in großer Häufigkeit auftreten, konnten sie bisher bei Wirbeltieren nur verhältnismäßig selten beobachtet werden, daher dieser, neue Mimikryfall besondere Beachtung erheischt. Im Indischen und Pazifischen Ozean lebt in zahlreichen Exem- platen eine kleine, wegen ihrer Giftigkeit gefürchtete Seeschlange. Bereits seit langen Jahren war das Tier den Forschern infolge seiner merkwürdigen Färbung— der hellblaue Leib wird seiner ganzen Länge nach von tiefschwarzen Querringen umzogen— aufgefallen: es bildete ein Schaustück jeder Sammlung. In denselben Meeresgebieten wurde nun auch ein Fisch entdeckt, dessen Gestalt sich stark von dem gewöhnlichen Aussehen seiner 5tlasse>igenossen unterscheidet. Der ganze Körper des Fisches ist nämlich schlangenartig verlängert und die Flossen bis auf einen schmalen, kaum wahrnehmbaren Saum riick- aebildet. Da sein Leib ebenfalls hell bläuliche Färbung mit tief- schwarzer Ringelung besitzt, ähnelt er genau der kleinen Seeschlange. Die Aehnlichkeit ist eine derart überraschende, daß selbst ein so geübter Forscher wie Dahl daS erste Exemplar des Fisches, welches er zu Gesicht bekam, für die bekannte Schlange hielt und erst genaue Untersuchung und Beobachtung klärte ihn über seinen Irrtum auf. Es ist wohl kaum zweifelhaft, daß es sich hier um einen echten Fall von Mimikry handelt und daß der Fisch infolge dieser auf- fallenden Aehnlichkeit mit der Giftschlange vor räuberischen Ueber- fällen geschützt ist.— Technisches. en. DrahtloseTelegraphiezwischendem Stillen und de in Atlantischen Ozean wird voraussichtlich in einer nahen Zukunft in Betrieb gesetzt werden. Die Regierung der Republik Peru hat nämlich beschlossen, Stationen für drahtlose Telegraphie von der Hauptstadt Linia über das Cordillerengebirge hinweg bis nach I guitos, dem wichtigsten Flußhafen am Amazonen« ström, einzurichten. Bisher hat es zwischen den peruanischen Gebieten östlich und westlich des Küstengebirges überhaupt keine telegraphische Verbindung gegeben, weil man es nicht wagen konnte, in den Urwäldern eine Telegraphenleitung zu legen. Einmal hätte das fast undurchdringliche Dickicht große Hindernisse verursacht außerdem hätte man sich kaum gewöhnlicher Telegraphenstangen be-- dienen können, da sie durch die Feuchtigkeit und durch allerhand Tiere schnell zugrunde gerichtet worden wären. Geradezu zwingend aber war die Rücksicht auf die Eingeborenen dieser Gegend, die in einer abergläubischen Furcht vor jedem elektrischen Draht leben und ihn zu vernichten streben wie einen bösen Geist. Endlich war noch in Anschlag zu bringen, daß die ungeheuren Ströme des Gebiets östlich der Ändeit für eine Luftleitung zu breit und für die Verlegung des Kabels zu reißend gewesen wären. Danach ist es kein Wunder, daß die von der drahtlosen Telegraphie dargebotenen Mittel von der Peruanischen Regierung als eine wahre Erlösung von Schwierigkeiten begrüßt worden sind. Ein Berliner Ingenieur wurde damit beauftragt, sich in Begleitung von vierzig Arbeitern und zahlreichen Eingeborenen, die zum Trans- port von Lebensmitteln und Gerätschaften angeworben waren, ins Innere zu begeben. Diese Expedition war dazu bestimmt, die ge- eigneten Plätze für fünf Stationen auszusuchen, und sie hat trotz der geradezu abenteuerlichen Schwierigkeiten, die der Erfüllung ihres Zwecks entgegenstanden, ihre Ausgabe mit vollem Erfolg durchgeführt. Zum Teil hatte sie Gegenden zu durchreisen, in die noch nie ein Europäer gelangt war. Die deutsche Gesellschaft ftir drahtlose Telegraphie hat darauf ein Monopol zur Ausübung der Telegraphie ohne Draht innerhalb der Republik Peru erhalten. Zwei Ingenieure sind gegen- wärtig im Innern des Landes mit der Einrichtung der Stationen beschäftigt. Die Ortschaft Puerto Bernnidez am östlichen Abhang der Cordilleren, der Endpunkt der gewöhnlichen Telegraphie, ist als Ausgangspunkt für den neuen Telegraphendienst ausersehen. Zwischen diesem Platz und Dguitos liegen noch etwa 1000 Kilometer. Später soll dann die drahtlose Telegraphie bis zur Mündung des Amazonenstroms weitergeführt werden, und zwar natürlich auf brasilianischem Gebiet, zunächst bis nach dem großen Flußhafen Manaos am Amazonas und dann abwärts bis Parä,— Humoristisches. — Stilblüte. Endlich schlug der den Wellen Entrissene die Augen auf. „Nun, wie geht es Ihnen?" fragte Gertrud. „Ich bin ganz naß," entgegnete er trocken.— — Konsultation. Frau Sparmeier kam zum Zahnarzt und wollte sich ein neues Gebiß bestellen. Natürlich frug sie zuerst nach dem Preise.„Ein komplettes Gebiß mit dreijähriger Garantie," sagte der Arzt,„liefere ich Ihnen für hundert Mark".— „Na, da hört aber alles auf!" rief die gute Dame entsetzt.„Ich habe jetzt schon bei so und so viel Aerzten herum gefragt, aber so unverschämt viel hat kein einziger verlangt. Und das allermindeste, was ein anständiger Zahnarzt garantiert, das sind fünf Jahre— keine drei. Aber selbst, wenn Sie mir fünf Jahre garantieren, 100 M., das ist mir viel zu viel, da such' ich mir denn doch lieber einen anderen Arzt." „Das tun Sie nur I" sagte der Zahnarzt ruhig.„DaS ist mir bedeutend lieber. Und wenn ich gelvußt hätte, daß Sie so einen großen Mund haben, dann hätte ich überhaupt 200 Mark verlangt."—(„Lustige Blätter".) Notize». — Ein Theater für Kinder wird in W i e n geplant. Die Darstellung soll durch Berufsschauspieler ausgeführt werden. Spielen ivill man dreimal in der Woche, an schulfreien Nackmiitiagen.— — Int Opernhaus gelangt Ende des Monats neu ein- studiert„Der schlvarze Domino" von A n b e r zur Aufführung.— — Die Eröffnung der Komischen Oper soll am 1. November stattfinden.— — Dämmerungserscheinungen am Abend- Himmel. Nach Ausbrüchen des Krakatau(1833) ivurden jähre- lang sogenannte„leuchtende Wolken" am Abeildhimmel beobachtet; der Ausbruch des Moni Pelve(1902) brachte uns herrliche DäntmerungSerscheinungen. Etwas Aehnliches scheinen die jüngsten Ausbrüche des Vesuv und des Stromboli in Italien verursacht zu haben, denn es sind in letzter Zeit in verschiedenen Gegenden ebenfalls bezeichnende Däminerungserscheinungeit beobachtet worden. So in Wien und am letzten Sonntag in Straßburg. Kurz vor ö llhr begamt, so berichtet die„Straßburger Post", über den Vogesen ein sanft rosafarbener Schein aufzusteigen und die Gestalt einer Pyramide anzunehmen; schließliche Höhe etwa 45 Grad. Bei seinem allmählichen Ab- nehmen verfärbte sich das Rosa mehr und mehr zu einem tieftoten Schein. Die Dauer der ganzen Erscheinung währte etwa 25 Minuten; ihre Ursache schreibt man der Durchleuchtung vulkanischer Auswurf- stoffe zu, die seit den jüngst erfolgten südeuropäischen Ausbrüchen massenhaft in der Lufthülle als vorhanden zu denken sind. Das Beobachten dieser Däinmeriiugserscheinungen ist jedoch während der jüngsten Zeit durch die dichten Wolkendecken verhindert.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LV7.