Nnterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 203. Mittwoch, den 18. Oktober. 1903 211 Das Duell. (Nachdruck verboten.) Roma» von A. K u P r i n. Einzig autorisierte Nebersetzung von Adolf Heß. Hauptmann Duvernois? Die Soldaten hatten ihm den Spitznamen gegeben: Doverni— noga(Zieh' die Beine nach).„Nein, Duvernois ist geizig rmd liebt mich nicht— das weiß ich..." So ging er alle Rottenkommandeure von der ersten bis zur sechzehnten Rotte durch und schloß selbst die nicht zur Linie gehörige Trainrotte mit ein; dann machte er sich seufzend an die jüngeren Offiziere. Er hatte die Hoffnung auf Erfolg noch nicht verloren, wurde im Innern aber doch schon etwas un- ruhig, als ihn, plötzlich ein Name in den Kopf kam:„Oberst- lcutnant Rafalski!" „Rafalski. Und da zerbreche ich mir den Kopf:„Hainau! Rock, Handschuhe, Mantel— flink!" Oberstleutnant Rafalski, Kommandeur des vierten Ba- taillons, war ein alter, wunderlicher Junggeselle, der als großer Tierfreund im Regiment schcrzhafterweise, natürlich nicht ins Gesicht, Oberst„Brehm" genannt wurde. Er ver- kehrte mit keinem Kameraden, machte nur die offiziellen Oster» und Neujahrvisiten und war im Dienst so nachlässig, daß er beim Exerzieren und im Rapport stets Verweise und arge Wischer bekam. Seine ganze Zeit, alle Mühen und die ganze unausgesetzte Fähigkeit seines Herzens zur Liebe und An- hänglichkeit widmete er seinen lieben Tieren, den Vögeln, Mischen und Vierfüßlern, deren er eine ganze große, originelle Menagerie besaß. Tie Regimentsdamen, die sich im Grunde ihrer Seele über seine Gleichgültigkeit gegen sie gekränkt fühlten, sagten, sie verständen nicht, wie man es bei Rafalski ausbalten könne: das wäre einfach fürchterlich mit den Tieren! „Und dann, verzeihen Sie den Ausdruck— aber der Gestank! Pfui!" Alle seine Ersparnisse gab Oberst„Brehm" für Tiere aus. Der Sonderling beschränkte seine persönlichen Bedürfnisse auf das unumgänglichste; trug Mantel und Uniform aus Gott weiß welcher Zeit, schlief wie es ging, aß Soldatenessen der fünfzehnten Rotte: schrieb aber für das Soldatenessen trotz- dem eine Summe an, die mehr als bedeutend war. Kameraden, namentlich jüngeren Offizieren, schlug er. wenn er bei Geld war, selten kleine Gefälligkeiten ab. Die Gerechfigkeit ver- langt hinzuzufügen, daß es nicht üblich war, sogar als lächer- lich galt, ihin geborgtes Geld zurückzugeben— dafür war er eben der Sonderling, Oberst„Brehm". Wenn lockere Fähnriche in der Art Lbows ihn um.pM Rubel anpumpen wollten, sagten sie:„Ich möchte gern Ihre Menagerie sehen". Das war nämlich der Weg zuin Herzen und zum Geldbeutel des alten Junggesellen.„Iwan An- tomtsch, haben Sie keine neuen Tiere? Bitte, zeigen Sie sie mir. Sic verstehen daS alles so interessant zu erzählen..." Romaschow war ebenfalls häufig bei ihm gewesen, bis dahin aber ohne eigenniitzige Absichten: er liebte Tiere in der Tat niit ganz besonderer Zärtlichkeit. Als Kadett und später als Junker in Moskau ging er weil lieber in den Zirkus als in das Theater, noch lieber in den Zoologischen Garten und in die Menagerie. Ter Traum seiner Kindheit war, einen Bernhardiner zu besitzen, jetzt träumte er davon, Bataillonsadjutant zu werden, um ein Pferd zu bekommen. Aber beiden Träumen war die Verwirklichung versagt: Dem Traum der Kindheit wegen der Armut, in der seine Familie lebte, und dein Adjutantentraum, weil man ihn wegeil seiner wenig repräsentablen Figur kaum zum Adjutanteil ernennei, würde. Er ging aus dem Hause. Warme Frühlingsluft strich zart schineichclnd uin seine Wangen; der nach dem letzten Regen aufgetrocknete Boden federte elastisch unter seinen Tritten. Die weißen Mützen der Traubenkirschen und die blauen der Syringeil hingen dicht und niedrig hinter dem Zaun hervor auf die Straße. I�n Romaschows Innern dehnte sich plötzlich etwas niit ungewöhnlicher Macht, als wenil er fliegen wollte. Er blickte sich ringsum uild zog. als er sah, daß niemand auf der«traße war, Schurotschkas Brief aus der Tasche, durchlas ihn lind preßte die Lippen fest aus die Unter- schrift. „Mein lieber Himmel! Liebe Bäume!" flüsterte er mit felichten Augen. Oberst„Brehm" wohnte in einem mit besonders hohem, grünenl Zaun umgebeilen Hofe. Auf der Pforte stand die kurze Inschrift:„Nicht ohne Klingeln eintreten. Hunde!!" Romaschow klingelte. Aus der Pforte trat ein träger, zcr» zaustcr, verschlafener Offiziersbursche: „Herr Oberstleutnant zu Hause?" „Bitte, Herr Leutnant!" „Geh', meld' mich." „Nein, bitte so," der Bursche scheuerte sich träge den Schenkel.„Herr Oberst liebeil nicht, daß man anmeldet.. Romaschow trat auf dem Backsteinwege ins Haus. Hinter der Hausecke sprangen zwei riesige junge mäusefarbene Doggeil mit gestutzten Ohren hervor. Einer von ihnen bellte laut, aber gutmütig. Romaschow schnalzte mit den Fingern, und die Dogge tappste munter mit den Vorderbeinen bald rechts, bald links, und bellte noch lauter. Der andere Hund ging hinter dein Leutnant her und schnüffelte init ausgestreckter Schnauze neugierig an seinen Mantclschößen heruin. Im Hintergründe des Hofes stand im grünen Gras ein kleiner Esel; er träumte friedlich in der Frühlingssonne, blinzelte mit de» Augen und bewegte vor Vergnügen die Ohren. Hier wiinmclte es von Hühnern und bunten Hähnen, Enten und chinesischen Gänsen mit einem Auswuchs am Schnabel; Perlhühner schrien durch» dringend, und ein majestätischer Truthahn umkreiste mit ausgebreitetem Schweife und niit den Flügeln den Boden streifend hochmiitig und wollüstig die zarten Truthühner. Sieben einem Troge lag mit der Seite ans der Erde ein riesiges rosa Nor!» shire-Schwein. Oberst„Brehm" stand in einer schwedischen Lederjoppe, niit dein Rücken der Tür zugewandt, am Fenster lind bemerkte nicht, wie Roinaschow eintrat. Er war an einem Aquarium beschäftigt und hatte die Hand bis an den Ellbogen hinein- getaucht. Romaschow mußte sich zweimal räuspern, bis „Brehm" sein inageres, langes, bärtiges Gesicht init altein Schildpattkneifcr umwandte. „A— a, Unterleutnant Romaschow! Seien Sie will- kommen.. sagte Rafalski höflich.„Verzeiheil Sie, daß ich Ihnen nicht die Hand gebe— sie ist naß. Ich setze da gewisser» maßeli einen neucir Syphon ein, habe den früheren vereinsacht lind was Hübsches zustande gebracht. Wollen Sie Tee?" „Danke ergebenst. Habe schon getrunken. Ich bin ge« kommen, Herr Oberstleutnant..." Roinaschow faßte sich ein Herz. „Iwan Alitonitsch, ich habe eine große, große Bitte an Sie..." „Geld?" „Ja, ich geniere mich, Sie zu belästigen. Ich brauche wenig, zehn Rubel. Baldige Rückzahlung verspreche ich nicht, aber..." Iwan Autonitsch zog die Hände aus dem Wasser und' trocknete sie an einem Handtuch ab. „Zehn kann ich Ihnen geben. Mehr habe ich ilicht, aber zehn mit Vergnügen. Sie inachen doch keiue Dummheiten? Nu, nu, nu, ich mache ja Scherz. Kommen Sie." Er fiihrte ihn durch die ganze Wohnung, die aus fünf, sechs Zimmern bestand. Es waren weder Möbel noch Vor- hänge darin. Die Luft war von einem scharfeil Geruch erfüllt, wie in der Behausung kleiner Raubtiere. Die Fußbödeil waren derart beschmiert, daß die Füße ausglitten. In allen Ecken waren kleine Höhleil und Lagerstätten aus Baumstümpfen, Fässern ohne Boden, wie kleine Häuschen an- gebracht. In zwei Zimmern standen Bäume mit vieleil Aesten, — einer für Vögel, der andere für Marder und Eichhörnchen mit künstlichen Höhlungen nnd Nester». Aus der Art, wie diese tierische Brutstätten eingerichtet waren, ging fleißiges Nachdenken, Liebe zu den Tieren und große Beobachtlmgsgabe hervor. Der Oberstleutnant hatte Romaschows Bitte anscheinend' ganz vergessen. Er führte ihn von einer Höhle zur anderen, zeigte ihm seine Lieblinge und sprach von ihnen mit solcher Begeisterung und solcher Anhänglichkeit, solch eingehender Kenntnis ihrer Gewohnheiten und Eigenschaften, als wenn es sich um gute, liebe Vekalintc handelte. In der Tat hatte er eine für einen in dieser öden kleinen Stadt lebenden Lieh« sehr ansehnliche Sammlung: Weiße Mäuse, Kan'-'cheu, Meerschweinchen, Igel, Murmeltiere, einige Giftschlange.: in Glasgefäßen, mehrere Arten Eidechsen, zwei kleine Affen, einen australischen schwarzen Hasen und ein seltenes, schönes Exem- Plar einer Angorakatze. „Hübsch, nicht wahr?" fragte Rafalski, auf die Katze deutend.„Ist die nicht in der Tat reizend? Ich gebe aber nicht viel drum. Sie ist dumm. Dümmer als alle anderen Katzen. Da haben Sie es wieder!" wurde er plötzlich lebhaft. „Wieder ein Beweis, wie wenig wir uns für die Psyche unserer Haustiere interessieren. Was wissen wir von der Katze? Pom Pferde? Von der Kuh? Von Schweinen? Wissen Sie, daß die Schweine hervorragend klnge Tiere sind? Ja ja, lachen Sie nicht"— Romaschow dachte gar nicht daran, zu lachen— „Schweine sind sehr klug. Ein Eber hat mir voriges Jahr folgenden Streich gespielt: Ich bekam Schlampe aus der Zuckerfabrik, gleichzeitig für den Garten und für die Schweine. Da reichte dem Tier die Geduld nicht. Als der Fuhrmann zu meinem Burschen ging, riß es mit den Zähnen den Stöpsel aus dem Faß. Die Schlampe floß aus und das Schwein delektierte sich dran. Ja. noch mehr: Einmal zog es nicht nur den Stöpsel heraus, sondern schleppte ihn in den Garten und vergrub ihn auf einem Beet. Da haben Sie die Schweine! Ich muß bemerken"— Rafalski blinzelte mit einem Auge und niachte ein schlaues Gesicht—„ich schreibe über meine Schweine einen kleinen Artikel... Aber sch— ich— scht!... Das ist Geheinmis... niemand verraten! Das paßt nicht recht, daß ein Oberstleutnant der ruhnwollcn russischen Armee sich mit— Schweinen beschäftigt. Jetzt habe ich die Dork- shires. Haben Sie die gesehen? Wollen wir hingehen? Ich habe da noch aus dem Hofe einen jungen Dachs, ein reizendes Tierchen..* Wollen wir gehen?" „Verzeihen Sie, Iwan Antonitsch," lachte Romaschow. „Ich würde gern hingehen, habe aber weiß Gott keine Zeit." Rafalski schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ach, lieber Freund! Entschuldigen Sie, bitte. Ich bin wieder mal ins Schwatzen gekomincn... Nu, nu, ini, kommen Sic schnell." Sie traten in ein kleines, kahles Zimmer, in dem buch- stäblich nichts war als ein niedriges Feldbett, dessen Boden wie der eines Kahns eingebogen war, ein Nachttisch und Schemel. Rafalski zog die Schublade auf und»ahm Geld heraus. „Freue mich sehr, Ihnen gefällig zu sein, Unterleutnant. Nun, was wollen Sie... Was ist da zu danken!... Bagatelle ... Ich freue mich... Kommen Sie, wenn Sie Zeit haben, dann plaudern wir miteinander." Als Romaschow auf die Straße trat, stieß er sofort mit Wetkin zusammen. Pawel Pawlitschs Schnurrbart war auf- gewirbelt, uud die Mütze niit an den Seiten platt gedrückten Rändern saß verwegen auf einem Ohr. „A— a! Prinz Hamlet!" rief Wetkin fröhlich.„Woher, wohin? Weiß der Kuckuck, Sie strahlen ja, als wenn Sie Geburtstag hätten!" „Habe ich auch," lachte Romaschow. „So? Das ist herrlich. Erlauben Sie, daß ich Sie um- ürmele!" Und die beiden küßten sich mitten auf der Straße. „Vielleicht gehen wir aus diesen: Anlaß ins Kasino? Nur einen„heben"— wie unser feiner Freund Artfchakowski sagt!" meinte Wetkin. „Ich kann nicht. Pawel Pawlitsch. Hab's eilig. Uebrigens haben Sie heute wobl schon jemand erleichtert?" „O— o— o!" Wetkin warf vielsagend und stolz dei: Kopf hintenüber.„Ich habe heute eine Erfindung gemacht, daß ein Finanzminister vor Neid die Krämpfe kriegt." „Das wäre?" Die Erfindung WetkinS war sehr einfach, aber nicht ohne Scharfsinn ausgedacht, uud der Hauptbeteiligte dabei war der Regimcntsschneider Chaim. Er hatte von Wetkin eine Empfangsbescheinigung über einen llniformanzug erhalten; in Wirklichkeit hatte der crfiiwerische Pawel Pawlitsch nicht eine Uniform, sondern dreißig Rubel bar Geld bekommen. „Schließlich sind wir beide mit dem Geschäft zufrieden," sagte Wetkin frohlockend.„Ter Jude ist zufrieden, weil er statt seiner dreißig Rubel aus der Kleiderkasse fünfundvierzig be- kommt, und ich bin zufrieden, weil ich heute im Kasino alle Spieler hochnehme. Fein gedeichselt, was?" „Fein!" stimmte Romaschow ihm bei.„Werde mir fiir's nächstemal merken. Aber, leben Sie wohl, Pawel Pawlytsch. Wünsche Glück beim Spiel." l Fortsetzung folgt.) tNachdnicl«ervotOU) Dritter Kunfterziebungstag in Damburg. Man könnte den Bericht mit. bei billigen Phrase anfangen: Ter dritte Kunsterziehungstag schloß sich seinen Vorgängern würdig an. Aber es wäre nur Phrase. Tenn in Wahrheit: die Berhand- lungen des Hamburger Tages standen gegen Dresden und Weimar stark zurück. Wären die gehaltvollen Vorträge des dritten Tages über„Musikalische Kultur" von Batrka-Prag und„Die Bedeutung der Leibesübung in der ästhetischen Erziehung" von Karl Moller- Altona nicht gewesen, härte Max Dessoir-Berlin am ersten Tage nicht geradezu vorbildlich klar über„Die ästhetische Seite des musikalischen Genießens" sich ausgelassen, so wäre die Erinnerung an die Hamburger Tage geradezu trübe. Selten nur hob sich die Debatte über direktes Fachgcschwätz und in dieser Befangenheit im engsten Stoffgebiete bewegte sich auch eine Reche der Referate. Schuld daran mag z. T. sein, daß mau zwei Kunstdisziplinen zu- sammcngestellt hatte, deren Verwandtschaftsgrad außerordentlich gering ist. Die Musik ist die Kunst des Gefühls, die Gymnastik die anschaulichen Lebens. Nur auf einem ganz kleinen Gebiete treffen sich die beiden, nämlich im Reigen und im Tanz, was beides wieder nur zwei verschiedene Ausdrucksformen für dieselbe Sache sind. Auf dem zweiten Kunsterziehungstage zu Weimar wies Lickstwark- Hamburg, cincr der treibenden Männer der ganzen Kniistcrzichungs- bcwegung, darauf hin, daß die Verteilung des Stoffes: bildende Kunst auf den: ersten Tage, Dichtkunst auf dem zweiten, Musik und Gymnastik auf dem dritten Tage zu behandeln, von vornherein im Plane der Veranstaltung gelegen hätte. Dies macht den Fehler der Planung um so auffallender. Denn lvcnn Gymnastik mit einer der als solche anerkannten Künste zusammen genannt lverdcn muß, so ist dies die bildende Kunst. Bildnerisches Gefühl muß die Gym- nastit beherrsche::, auf Erzielung schöner Formen geht ihr Streben, aber musikalische Acsthctik kann mit ihr nicht vereint werden. Die Teilnehmer am Hamburger Tag schieden sich in zwei Professionen: hie die Musiker— hie die Turner. Tie Musik litt wciiigcr unter diesen Verhältnissen, als die Gymnastik. Das schreibt sich daher, daß die Musik eine für uns alte Kulturkunst ist, während die Gym- nastit seit den Tagen der Griechen ruhte und erst jetzt wieder als Mimst" geltend gemacht lverdcn soll. Die Vertreter dieser neuen Kunst sind aber zum überwiegenden Teile nicht Gymnastiker, sondern Turnlehrer, und sie können sich nur sehr schwer gewöhnen, an ihr Fach dieselben ästhetischen Ansprüche zu stellen, die die Vertreter der alten Künste als etlvas selbstverständliches ansehen. Daß die Musik ästhetische Ziele hat, bestreitet kein Musiker. Aber einer der höchsten Turnbeamten Preußens, der Mann, dem die Heranbildung der Turnlehrer anvertraut ist, Dr. Diebow-Berlin, konnte sagen: nicht das ästhetische Interesse steht im Mittclpunlle der turnerischen Er- zichung, sondern die Entwickclung einer harmonischen Persönlich- kcit. Ter letzte Ausdruck ist nicht etloa ein phrascnreiches Gebilde, unter dem sich der Hörer nichts denken soll, sondern bildet die Um- schreibung des Begriffes des„guten Staatsbürgers". Es ist zuzu- geben, daß die nicht von lvcitcm Gesichtspunkte zeugenden Aus- führungen des Direktors der königl. preußischen Turnlehrer- Bildungsanstalt zu Berlin bei einem großen Teile der Versammlung ans energischen Widerspruch stieß, aber andererseits fand Dr. Diebow auch wieder die gebührende Zustimmung. Dc»n er gab ja dem nur Ausdruck, was so und so viele Turnlehrer über Bedeutung uud Ziele ihres Faches denken. Was haben wir alles hören müssen am Sonnabend, dem gymnastischen Debattiertag I Turnen ist Gesund- heit, Turnen ist Sittlichkeit. Turnen ist Fröblichkeit, Turnen ist Freude, und„Vater Faha" flog nur so hin und her. Das, lvoraus es ankam, wagte sich spärlicher hervor: nämlich die Forderung Gykmiastik ist Knnsrausübung. Es ist Gepflogenheit der Kunsterziehungstage gclvesen, keine Beschlüsse zu fassen, sondern nur Anregungen zu geben. Sehe jeder, wie er damit fertig wird! Iii Dresden und Weimar waren die Anregungen ganz besonders fruchtbar, der Nachhall der Ham- bnrgcr Tage dürfte kaum so intensiv wirken. In Dresden und Weimar hatten die führenden Geister der Kunsterziehung das Wort, i» Hamburg fehlte dagegen sogar eine Anzahl der Einberufer. Das mußte lähmend aus den Geist der Verhandlungen wirken. Immer- hin muß gesagt werden, daß die Debatte über musikalische Fragen Iveitgehcndes Härte zutage fördern können, lvcnn sie in genügender Weise stattgefunden hätte. Aber da gab es am ersten Tage offizielle Begrüßungsrede», und die damit verbrachte Zeit mußte am wickitig- sten, lvas ein solcher Kongreß aufweisen tann, der gcgenseirigen Aussprache, verkürzt werden. Dazu kam, daß die Referenten in ihren Erörterungen sehr in die Breite gingen. Manches>var nicht nötig. So z. B. die Propaganda für das.Harmonium als Haus- Musikinstrument, die man ruhig der seinetwegen gegründeten Zeit- f'rift hätte überlassen können, so z. B. der Abriß der Musikgeschichte, der das Referat über die Jugendkonzerte einleitete. Statt dessen härten andere Fragen, die z. T. nur gestreift, z. T. gar nicht er- wähnt wurden, eher eine gewissenhafte Besprechung verdient. Räch meiner Meinung war die Frage der musikalischen ästhetischen Er- ziehung des Menschen überhaupt zu lose gefaßt. Wir hörten Re- ferate über Hausmusik, Schulgesang und die Jugendkonzerte. Damit ist aber gerade der Kern der Sache nicht berührt. Auf dem dresdener Tage, der sich mit den bildenden Künsten befaßte, ging man dem Thema energisch zu Leibe. Man begann nicht mit dem Zeichenunterricht in der Schule, sondern spürte den ersten zeichnerischen Aeutzerungen des Kindes, den K ritze! versuchen nach. Tbc» so war in Weimar die Kindersprache ein Feld für bedeutsame ifeußerungcn. Die ersten kindlichen Versuche auf dem Gebiete der Musik zu erörtern, fiel jedoch auf dem Hamburger Tage weg. Und doch hat das Kind eine ihm immanente musikalische Sprache, die ge- pflegt werden sollte. Wie oft können wir wahrnehmen, das; ein .Kind, das sich unbeobachtet wähnt, zu Hause oder auf der Straße seinem Gefühle in irgend welchem regellosen Singen Ausdruck gibt. Ganz wie bei den Kritzelversuchen sind es Aeutzerungen einfachsten Gefühls. Aber wir können darauf wetten, daß in hundert Fällen hundert Familien dem Singsang des oder der Kleinen keine Be- achtung schenken. Höchstens empfindet man die musikalische Laut- äußerung des Sprößlings als unangenehm. Darum heißt es mög- lichst früh, das Kind singen lehren. Und das Kind bekommt schöne Liedchen eingedrillt: Kommt ein Bogel geflogen, oder: Fuchs, Tu hast die Gaus gestohlen. Und lernt das Kleine zu Hause diese Sachen nicht, so kann man sicher sein, daß es auf der Straße vcr-. derben wird und eines schönen Tages seinem musikalischen Gefühle in den Tönen vom kleinen Kohn Ausdruck gibt. Verdorben ist das Kind in seiner musikalischen Anlage jedenfalls schon, che es in die Schule kommt. Und hier lernt es auch nichts Gescheites hinzu. Die Wünsche für eine bessere Ausgestaltung des Schulgcsanges kamen, wie schon erwähnt, auf dem dritten Kunstcrziehungstage zur Verhandlung. Ein eingehendes und sachdienliches Referat er- stattete ein praktischer Musiker, Heinrich Johannsen-Kicl. Und selbstverständlich stießen seine die Schäden des jetzt üblichen Schul- gcsanges aufdeckenden Erörterungen den anwesenden Schulgesang- lehrcrn gründlich vor den Kopf. Die sämtlichen Ansichten der berufsmäßigen Pcrtreter des Schulgeserngsfaches kamen leider infolge starker Verkürzung der Debatte>— zuletzt wurde jedem Redner nur noch zwei Minuten(I) Redezeit bewilligt— nicht zu Gehör. Ein von einer Gruppe Gestniglehrer unterzeichneter und am zweiten Tage eingereichter Antrag, die Debatte wieder aufzunehmen, wurde aus Gründen der Geschäftsordnung zurückgewiesen. Johannseus Ausführungen gipfelten in folgendem: Der Schulgesang ist nicht nach intellektuellen, sondern nach ästhetischen Gesichtspunkten ein- zurichten. Diese Kunst muß Gemeingut aller Volksschichten sein; gerade für die 5tinder der unbemittelten Klassen, deren Eltern ihnen keinen privaten Musikunterricht zukomnien lassen können, denen musikalische Veranstaltungen, wie z. B. Konzerte, verschlossen sind, ist eine ästhetische Pflege des Schulgesanges unerläßlich.(Sollte man glauben, daß sogar dieses, beinahe theoretische Eintreten für die Kinder der breiten Volksschichten Widerspruch in der Vcrsamm- lung fand?) Ilm ein Mittel zur künstlerischen Hebung zu werden, müßte allerdings dem Schulgesang, vor allem auf der untersten Stufe, mehr Zeit als die jetzt üblichen zwei Stunden in der Woche eingeräumt werden. Vielleicht könnte auch beim Literaturunter- richt, zumal in der Lyrik, der Gesang sich nützlich erwcistn. Ein kunstgerechter Gesang im höheren Sinne soll der Schulgcsang nicht sein.(Auch diese vernünftige Forderung fand merkwürdigerweise Widerspruch.) Aber der Ausbildung der Sprache, zumal der Kon- sonanten, ist Sorgfalt zuzuwenden. Alles Halbe, alles Minder- Ivcrtigc soll aus den» Gesangsunterricht ausgeschieden sein. Nur Meisterwerke sind zu singen, und zwar ist, unserer heutigen Kultur- stufe entsprechend, eine einfache, harmonische Begleitung des einstimmig zu singenden Liedes auf dem Klavier dem üblichen Ein- pauken mit der Geige vorzuziehen. Kirchenlieder und patriotische Lieder sind künstlerisch zu unbedeutend, um Gegenstand des Unter- richts zu sein. Dagegen sollen dem Kinde Volkslieder— auch in einfachem zweistimmigen Satze— und das Kunstlied von Bach bis Brahms gegeben werden. Auch Lieder erotischen Inhalts sollen ge- sunzen werden. Es liegt kein Grund vor, dem Kinde das gesunde, einfache Liebeslied vorzuenthalten. Alles, was gesund und natür- lich ist, sollen wir dem Kinde offenbaren. Wir bedürfen eines billigen Liederbuches, das unsere besten Lieder in einstimmigem Satze mit angedeuteter Begleitung bringt. Die jetzige Gesangstunde macht den Kindern keine Freude. Schuld daran sind die Chorübungen. Denn, lvas hat ein Kind davon, wenn es jahrelang nur Bxgleit- stimme zu singen hat. Oeffcntliche Chorausführuugen der Schule sind unbedingt zu verwerfen. Sic sind nur Dekoration, und die auf sie Vertvandtc Zeit und Mühe steht in keinem Verhältnis zu dem Resultat. Und dann müsse auch die Vorbildung der Gesang- lchrcr eine bessere werden. Dem Gesanglehrer sei das köstliche Gut der menschlichen Stimme anvertraut: er sei dessen bewußt I WaS hier die Gesanglchrer am Freitag zu hören bekamen, be- kamen die Turnlehrer am Sonnabend zu schmecken. Den Reigen der Ankläger eröffnete Dr. Schmidt-Vonn. Er führte die Entwicke- lung des menschlichen Körpers vom Kindesalter bis zuin Erwachsenen vor und zeigte, wie wenig das heutige Turnen geeignet ist, ickese natürliche Entwickelung auszubilden. Vor allem daS übennäßige Geräteturnen sei der Feind der natürlichen und daruni schönen Ent- Wickelung des Skeletts und der Muskulatur des Menschen. Grund- läge aller menschlichen Bewegungsformen sei das aufrechte Gehen auf der vollen Sohle. nicht aber das Hängen und Kopfstehen, wie eS durch das Geräteturnen beirieben werde. Die natürliche Bewegungsfonn soll den ganzen Turn» Unterricht beherrschen. Beim Kinde kommt das natürliche Bewegungs- spiel in Frage, die Spiele im Freien zuinal. Beim Turnunterricht in den Irnglingsjahren müsse berücksichtigt werden, wieweit der Beruf das typische i-vchönheitsbild des Körpers verändere, lieber« mäßige Kraflanstrengungen sind unter allen Umstünden zi, ver- meiden, besonders die Uebungen mit schweren Hanteln und Ge- Wichten seien schädlich.— In dieselbe Kerbe hieb Sparbier, ein Hamburger Lehrer, der über Spiele und volkstümliche Uebungen referierte. Unter allen Umständen müsse das Turnen aufhören schulmäßig, d. h. in einem festgestellten Lehrplan betrieben zu werden. Mehr Individualität, weniger Zwang müsse herrschen. Das jetzige Turnen sei keine Volkskunst, denn eine solche soll einfach sein. Wie man sieht, ist in diesen Ausführungen, so groß ihr er- zieherischer Wert auch ist, der Kern der Sache auch nicht getroffen. So gut wie der Klavierspieler, der Klavierlehrer, oft den Begriff Klavicrspiel mit dem Begriff Musik verwechselt, ebenso gut ver- wechselt hier der Turnlehrer, der Arzt den Begriff gymuastisch-gut mit künstlerisch-schön. Die Frage steht so: Was können wir von her Gymnastik für die künstlerische Erziehung des Menschen erhoffen? Und die Antwort lautet: die Gymnastik soll UNS sehend machen für die Schönheit des menschlichen Leibes, sie soll uns wieder lehren, daß wir, wie einst die alten Griechen, unseren Körper als Kunstwerk bewachten. Sie soll uns die wahre Schönheit, die des nackten menschlichen Körpers, wieder empfinden lassen. Was natürlich ist, ist gut: was gut ist, ist schön. Darum sollen wir unseren Körper wieder auf natürliche Weise pflegen, sollen ihn naturgemäß sich entwickeln und entfalten lassen. Wie schon eingangs betont, steht die Gymnastik hierdurch sowie auch durcti die Be- kämpfung der Prüderie, des falschen Schamgefühls in inniger Bcr- schwisterung mit den bildenden Künsten, vor allem der Plastik. Und es wäre wünschenswert gewesen, daß der bildende Künstler zur Klärung mancher Fragen sich Gehör geschafft hätte. Lichtwark hielt ja einen einleitenden Vortrag am ersten Tage, das ist richtig. Aber über allgemeine Leitsätze kam er nicht hinaus. Und im einzelnen waren seine Behauptungen teilweise auch anfechtbar. So hörten wir denn ani zweiten Tage, dem eigentlichen Gymnastiktage, immer um die Hauptsache heruniredcn— auch der Schwimmunterricht ivurde u. a. als Mittel zum Zweck empfohlen—, und wie der Gymnastik so ging es auch dem Tanze. Georg Fuchs-Müncheu hatte ein Referat darüber eingesandt. Doch das wahre Wesen des Tanzes als eine Aeußerung gesteigerten Lustgefühls erkannte er nicht. Daß heute keine Tänze, sondern nur Tanzkombinationcn er- funden werden, ist richtig. Aber der Grund liegt darin, daß das Volk zum Ausleben seiner selbst nicht kommt. Neue Formen des Lebens lassen sich überhaupt nicht erfinden, sondern cntivickcln sich von selbst. Und so wird es auch beim Tauz sein. Wir brauchen nicht verzweifeln oder auf die Schaubühne der Zukunft unsere Hoff- nung zu setzen Ivie Fuchs, unser Volk muß sich nur neue Lebens- Möglichkeiten erschließen, dann wird eine neue Form des TauzeS an Stelle der jetzigen Konventionstänze und des Balletts gewisse maßen als Kulturerscheinung von selbst kommen, Dann wird auch die Frage der musikalischen Bildung sich tiefer fassen lassen, als es in unserer Zeit des Konzertbetriebes möglich ist. Was wir heute vorschlagen, sind ja doch nur Palliative gegenüber einer wahren musikalischen Reform, als Grundlage für ästhetiich-musikalisches Empfinden. DaS zeigt sich allerwegen. Battka-Prag hat dort Haus» musikabendc eingerichtet, doch der Erfolg war nicht so tvic gehofft. Die Teilnehmer an den Abenden suchten immer ein Konzert dahinter. Aeußerlichkeiten, rein auswendiger Vortrag, möglichst virtuose Leistungen gingen ihnen über den Kern der Sache: ein ver- innerlichstes Musizieren, lind was Battka zur Abhülfe noch empfiehlt. nicht nur das Klavier, sondern auch andere Instrumente zu pflegen, kommt nur für Bemittelte in Betracht. Der Arbeiter kann seinem Kinde nur in seltenen Fällen das Lernen eines Musikinstruments ermöglichen, und die Zukmist unserer Kultur ruht doch zum lvescnt- lichen auf den breiten Massen des arbeitenden Volkes. Man hat daS auch schon längst erkannt und war auf Abhülfe bedacht. Volkskonzertc, Jugendkonzerte sind zur musikalischen Er- ziehung des Volkes veranstaltet worden. Auch hierüber wurde gesprochen. Barth- Hamburg referierte über die von ihm geleiteten Jugendkonzcrte. Der Erfolg soll sehr gut sein. Nicht nur die Schüler der oberen Volksschulklassen, sondern auch schon Schulentlassene können daran teilnehmen. Die Besucher des Kunst- erziehungStages konnten sich von dem Verlause eines solchen Jugend- konzertss selbst überzeugen. Es fand am Sountagnachmittag statt, dauerte nur eine gute Stunde und enthielt Jnstrumcntalstücke, die durch eine jedesmalige kurze Rede des Dirigenten den Kindern näher gebracht wurden, und Liedervorträge des Hamburger Lehrergesang- Vereins. Außer dieser musikalischen Darbietung wurden auch Turn-, Schwimm- und Spielübungen der Hamburger Jugend vorgeführt. Sie sollten zeigen, wie die Hamburger Lehrerschaft die Kunst- erziehungsbestrcbungen in die Praxis überführt, und in der Tat waren bei den Turn- und Schlvimmübungeu beachtenswerte Resultate zu sehen. Die Vertreter der verschiedenen Regierungen und Stadt- gemeinden werden hoffentlich dafür sorgen, daß die Anregungen recht weit getragen werden.— EugenTharr. lNachdmck verboten) Golämmen im Samenkanäel. (Schluß.) Dem Hhbridistcn sind Verschiedene Wege bekannt, um eine ge- tdünschte Farbe der Blüten zu erzielen. Handelt es sich bloß für den Augenblick, d. h. wünscht irgend ein Gcldmonarch z. B. seine Palasträumlichkciten und Speisesäle für ein bestimmtes Fest mit meistens nur rot, blau, heliotrop blühenden Gewäckisen oder ab- geschnittenen Blumen zu dekorieren, so wird der Htibridist die Erde der Blumentöpfe oder das Wasser der Blumenkaraffen mit gewissen Chemikalien durchtränken, die in ihrer Wechselwirkung auf dem Wege der Saftzirkulation das Zellgewebe der schon vorhandenen Blüten mit dem gewünschten Farbstoff durchtränken. Wenngleich auf solche Weise oft wundervolle Farbencffekte erzielt werden, sind dieselbe» doch immer nur vorübergehender Natur, die also ver- gewaltigte Blüte gibt bei Kreuzbefruchtimg usw. nur immer wieder die Mutterform der Farbe. Richtige, d. h. echte Farbenncuhciten, lassen sich natürlich ebenso wie neue Wuchs- oder Dimensionsformen nur auf natür- lichem Wege erzielen. Zu diesem Zwecke Ivcrdcn die betreffenden Pflanzen den besten Lebensbedingungen unterworfen. Ter Boden ivird zunächst vorsichtig unter wissenschaftlicher Beaufsichtigung vor- bereitet, denn da aus seinen besonderen chemischen Bestandteilen mit Hülfe der Saftzirkulation auf den Organisationsbau der Wc- wüchse ganz bestimmte Einwirkungen erhofft tverden, so ist die Be- fchaffcnhcit des Bodens gleichsam die Diät, mit welcher die Er- nährung der betreffenden Gewächse reguliert wird. Nicht minder strengt ist die Beaufsichtigung der Luft- und Bodcntcinperatur. Ilm nun z. B. eine gewisse Farbe der Blüten zu erzielen, erwähl! sich der Hybridist solche Gewächse der betreffenden Pflauzcnsorte aus, deren bisherige Blütcnfarbe schwache Anzeichen des gewünschten Zieles zeigte. Denn die Fertilisation der Blumen beruht hauptsächlich darauf, daß sich der Hybridist solche Blütcnfarbcn zeigende Pflanzen ans- erwählt, die er zu vereinigen gedenkt, und dann selbst jene Arbeit verrichtet, welch' draußen in der Natur auf ge'vöhnlichm Wege die blütenbefruchtendcn Insekten und andere Blumenfertilisations- faktoren. wie z. B. der Wind usw., vollbringen. Wie jeder Leser weiß, haben auch die Blumen ihre Geschlechter und der Hybridist verrichtet im Grunde genommen nur die Tätigkeit einer Kuppel- muttcr, indem er die einzelnen Geschlechter so miteinander ver- bindet, daß die Folgen seinen Wünsch» entspreche». Die erhaltenen Samen werden sorgfältig gesammelt, die besten, d. h. kräftigsten, ausgewählt und zur Aussaat gebracht. Mit Argus- äugen bewacht der Hybridist das Keimen seiner Pfleglinge, auch hierbei uunachsichtlich alle Schwächlinge entfernend. Nach monate- langem Warten und vieler Mühe sind aus den Sämlingen endlich blütcnansetzendc Pflanzen geworden. Jetzt beim Aufbrcchn der Knospen muß es sich zeigen, ob der„große Wurf" mit einem Male gelungen, d. h. ob die Blüten die erwünschte Farbe zeigen werden. Aufmerksam verfolgt der Hybridist mit der Lupe alle Tage die weitere Knospenentwickelung— vielleicht, daß er mir Hülse des Bcrgrößerungsglaseö schon im voraus Anzeichen entdecken kann, die auf einen Erfolg hoffen lassen. Da endlich öffnet sich eines Tages die erste Blüte— aber, o weh. sie zeigt nur die alte Mutter- stammfarbc. Nach und nach öffnen sich auch die anderen Blüten und einige von ihnen zeigen schwache Farbennuancen des er- wünschten Farbentons. Sosort werden alle anderen Blüten ver- uichtct und auf die volle Cutwickelung der Auserkorenen die volle Saftzirkulation der Pflanze geleitet, sorgfältig die Befruchtung vorgenommen und der Samcnbildung so weit als möglich Porschub geleistet. Endlich ist die Blütezeit vorüber und neuer Samen ge- Wonnen, lind abermals beginnt die Auslese der Samenkörner und der Kreislauf der Erzeugung neuer Pflanzen aus der Aussaat. Abermals werden nur die kräftigsten Sämlnige zur Entwickelung gebracht und den knospenden Blüten die gewisse Aufmerksamkeit gewidmet. Aber auch in dieser zweiten Saison läßt sich keine Blüte sehen, deren Blumenblätter die geioünschte Farbe zeigten, ivohl aber sind schon einige vorhanden, wo der neue Farbcnton später zmn Ausdruck konunt. Ihre Saiiicn werden das Saatgut für das nächstjährige Experiment und sofort, bis endlich nach langer Mühe das gewünschte Resultat erzielt ist! ES braucht nicht selten sechs oder mehr Jahre, bis die ansgefuchtc Barietät als„Neuheit" auf den Markt kommt. So wird zum Beispiel der Smnenhandel im Jahre 1V06 eine neue Tabakpflanze in Ikmlauf bringen, die als Blütenpflanzc mit ihren wundervoll gefärbten Blumen- blättern alles, was man bisher ans diesem Gebiete kannte, in den Schatten stellen wird. Die farbig-blnmigen Eltern dieser neuen Tabakshybriden stammen ans Brasilien, wo sie ein für die Londoner Firma Sanders& San tätiger Orchideenjäger während der Orchidcenjagd im Urwald borfand. Man brachte iüx Eltcrnform nach England und kreuzte sie mit der volkstümlichen Sorte nicotiana allinis und hatte das Glück, nach Ivenigeu Jahren schon eine Tabakspflanzc zu erhalten, die nicht bloß all die allbekannten Qualitäten der Affinis zeigte, sondern auch die brillant gefärbten Blumen der brasilianischen Findlinge, und es ist nur zu lvünschen, daß auch die neuen Hybriden den wimdervollcn Blumenduft be- sitzen, der die Blumen der AffiniS so besonders auszeichnet. Aber noch ist diese nette Form ntchk auf dem Marli zu haben— zlvei Jahre nämlich brauchte die Firma Sanders nur, um aus ihrer Neuheit soviel Exemplare zu züchten, daß die winzig vorhandenen Samenquanten soweit vermehrt werden konnten, um an Verkauf überhaupt zu denken—, und schon find die Hybridisten an_ der Arbeit, die neuen Hybriden noch weiter zu verbessern. Der Tabak gehört nämlich zu denjenigen Blütengewächfen, die nur des Abends ihre Blüten öffnen, weil die Insekten, welche die Befruchtung ver- Mitteln, Dämmerschwärmer sind. Ans diesem Grunde hängen die Tabaksblüten während des TagcL immer wie platt gedrückt ans den Blattivinkeln herunter. Zwar entschädigen sie die Ungeduld des Menschen am Abend nachher durch Ausströmen eines lieblich duftenden Aromas, aber der egoistische Mensch ist damit nicht zu- frieden, er will mich am Tage die Blüte voll geöffnet sehen, und diesen Wunsch zu erfüllen, ist die nächste Arbeit der Tanderschen Tabakhybridisten I Aber der Hybridist und Züchter von Pslanzcnneuhciten ist nicht bloß eine Kuppelmutter, er ist auch ein barmherziger Samariter, der manches bisher als verachtetes Unkraut kümmerlich rirn seine Erisrenz kämpfende Pflänzkein dem Kampf ums Dasein entreißt, tinter Glas sorgsam aufzieht, mit den besten Happen füttert und im Laufe einiger Jahre dadurch aus einem winzigen, kaum beachteten Schwächling eine saftige Pflanze zur Entwickelung bringt, die auch nicht im geringsteit mehr an die einstige miserable Mutterform erinnert. Eine Idee, lva» in dieser Beziehung von Blumenzüchtern ge- leistet wurde, gibt z. B. die heute überall so bekannte und beliebte chinesische Primel. Als die Stammform im Jahre 1820 zum ersten Mal in England eingeführt wurde, war die Pflanze so unansehnlich. daß tatsächlich kaum ein Gärtner an ihre„Bcsserungsfähigkeit" glaubte. Aber Ausdauer tat auch hier Wunder und nachdem erst einmal die ersten Erfolge vorhanden! waren, zeigte sich bald die Unersättlichkeit der gärtnerischen Wünsche, und die Primel wurde schließlich zu einem der viclgeplagtcstcn„Bersnchskarnickel" der Hybridisten. Dabei stellte sich in der ersten Zeit heraus, daß bunte Blüten mir an solchen Pflanzen hervorgebracht tverden tonnten, die dunkle Stengel und Blätter hatten. Das war eine Widersetzlichkeit gegen die Wünsche der Priinclzüchter, die beseitigt werden mußte. In der Tat gelang das»ach vielen Versuchen nicht bloß, sondern die Hybridisten kamen so tveit, auch die herrlichsten weiße» Blüten an Pslanzcit zur Entwickelung zu bringen, deren Belaubung das tiefste Dunkel zeigt. Zwar gelang es bisher immer noch mein, den umgekehrten Prozeß zur Entwickelung zu bringen, die dunkelsten Blüten an hellgefärbten Stengeln»nd Belaubtmg zu erzwingen. aber der Hybridist läßt sich nicht abschrecken, und in der Tat ist eS ihm schon gelungen, eine vergißmeinnichtblaue Blüte an absolut hell- grün gefärbten Pflanzen zu erzeugen. Was aber hier von der Primel gilt, das trifft auch auf Dutzende von anderen Blütengewächscn zu, die, toie z. B. die Gloxinia. die Calcialarie, die gefüllte Begonia usiv. heute als Schmuckpflanzen die Schaufenster unserer Blumenläden zieren und dir ehemals bei ihrer Einführung in Europa erbärmliche Pflanzenschwächlinge waren. Doch es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, eine Geschichte der Pflanzenhybridisation zu schreiben, jedenfalls wird es jedem Laien einleuchten, daß die jeweilig für die Anzucht einer Blütenpflanze verwendete Arbeit und Muße auf den Preis des Saatgutes von ausschlaggebender Bedeutung sein nmß. Ztvar ist es das Bestreben der sogenannten Blumenliebhaber, immer so billig als nützlich ihr Saatgut einzukansen, und die Smncnhändler haben mit der Ein- führung der Groschenpakcte dieses Bedürfnis zu befriedigen ver- sucht, aber der Fachmann keimt seine Pappenheimer, er weiß, daß absolut zuverlässige keimfähige und sortcnechie Sämereien nicht für billiges Geld zu haben sind. Schon der Marktpreis guten Sticf- mntterchensamens ist zirka t!l>— 03 M. die Unze, und es gibt in der Tat Sämereien, die höheren Marktwert besitzen, �als ihr Gewicht in Gold. So beträgt der Preis einer Unze Ealccolariensamen 230 M., der Preis einer Unze gewisser sortenechter Gloxinien 280 M. im Großhandel, während eine Unze Samen doppelblütiger sortcncchtcr Begonien sogar 1173 M. betragen kann, denn nur die gewöhnlichen Qualitäten sind für 312 M. per Unze im Engros- handel'zn haben. Da sich die Kosten für das gewöhnliche kaufende Publikum aber durch den Zwischenhandel ungefähr verdreifachen. so erscheint die Ucberschrist für diese Arbeit nur zu gerechtsertigt. Jedoch darf dabei die Tatsache nicht vergessen werden, daß eine einzige Unze doppelter Bcgonicnsamen zirka 200 000 cinzcknc Samenkörner enthält._ Wo es sich um solch kostbare und siaubkleinc Sämereien handelt, ist es mir selbstverständlich, wenn beim Verpacken derselben ganz besondere Vorkehrungen getroffen werden. Ein einziger Luftzug könnte hier viele Tausend Mark werte Ware im wahrsten Sinne des Wortes vom Tische blasen. Der Packtisch ist deshalb von GlaS umschlossen, und un, die winzigen Samen einzeln in die Pakete zählen zu können, benutzt die mit dem Packen betraute Person speziell konstruierte Augengläser.— A. G. Graut. Vcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.—Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPanl Singer SlTo..BerlinL>V.