Anttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 204. Donnerstag, den 19� Oktobe: 1905 22] Das Duell. (Nachdruck vcrbole») Roman von A. K u p r i n. Einzig mitorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Sie trennten sich. Aber gleich darauf rief Wetkin den Kameraden zurück. Romaschow wandte sich um. „Menagerie besehen?" fragte Wetkin listig und deutete mit dem Mittelfinger über die Schulter auf Rafalskis Haus. Romaschow nickte mit dem Kopf und sagte im Tone tiefster Ueberzeugung: „Brehm ist ein Prächtiger Mensch. Ein lieber Kerl!" „Stimmt!" pflichtete Wetkin ihm bei.„Rur— der Gestank!" 13. Als Romaschow gegen fünf Uhr an das von NikolajcwS bewohnte Haus heranfuhr, fühlte er mit Erstaunen, daß seine zuversichtliche Morgenstimnning verschwunden und an ihre Stelle eine sonderbare, ganz grundlose Unruhe getreten war. Er fühlte, daß diese Empfindung nicht auf einmal und nicht eben seht, sondern schon weit früher sich eingestellt hatte', offenbar war die Unruhe in seinem Innern allmählich und unmerklich gewachsen und hatte schon früher begonnen. Was konnte das sein? Aehnliche Erscheinungen hatte er schon als Kind wahrgenommen, und er wußte, daß er, um sich zu be- ruhigen, den Grund dieser unklaren, unruhigen Stimmung herausfinden mußte. Als er sich eines TageS auf diese Weise einen ganzen Tag herunigequält hatte, fiel ihm erst gegen Abend ein, daß er mittags beim Ueberschreiten von Eisenbahn- schienen durch das plötzliche Pfeifen einer Lokomotive betäubt und erschreckt war, und daß sich dann unbemerkt diese ver- zweifelte Stimmung eingestellt hatte: sobald er sich dessen aber erinnerte, wurde ihm sofort leicht und sogar fröhlich zumute. lind nun machte er sich daran, in Gedanken schnell alle Eindrücke des Tages in umgekehrter Reihenfolge wieder durch- zugehen. Der Laden Swiderskis: das Parfüm; dann hatte er den Kutscher Leib gemietet, der fuhr ausgezeichnet; war zur Post gegangen, hatte sich nach der Uhr erkundigt; war ein herrlicher Morgen. Stephan... Sollte Stephan der Grund fein? Aber nein— für den hatte er einen Rubel beiseite gesteckt. Aber was war es denn? Was war es eigentlich? Am Zaun standen schon drei zweispännige Eguipagen, zwei Burschen hielten gesattelte Pferde am Zügel: den dunkel- braunen alten Wallach Olisars, den dieser kürzlich als Kavallerieausschußpferd gekauft hatte, und die häbsch ge- Wachsens, ungeduldige Fuchsstute Bek-AgamalowS mit bösem Feuer in den Augen. „Ach— der Brief!" tauchte plötzlich eine Erinnerung in Romaschow auf.„Diese sonderbare Bemerkung: Trotz allemundallem, und zwar unterstrichen... daS heißt, da ist etwas nicht in Ordnung. Bielleicht zürnt Nikolajew mir! Ist eifersüchtig? Vielleicht ein Geschwätz? Nikolajew ttwr die letzten Tage so kühl mit mir. Nein, nein, ich fahre vorüber!" „Weiter!" schrie er dem Kutscher zu. Aber im selben Augenblick fühlte er— hörte nicht etwa und sah nicht, sondern fühlte � wie die Haustür sich öffnete— er fühlte es am süßen, stürmischen Schlagen seines Herzens. „Romotschka! Wohin wollen Sie?" ertönte hinter ihm die fröhliche helle Stimme Alexandra PetrownaS. Er zog den Kutscher Leib am Gurt und sprang aus dem Wagen. Schurotschka stand im schwarzen Rahmen der offenen Tür. Sie trug ein glatt anliegendes weißes 5tleid mit roten Blumen am Gürtel an der rechten Seite; dieselben Blumen leuchteten hell und warm in ihrem Haar. Sonderbar: Romaschow wußte ganz sicher, daß s i e es war, und erkannte sie dennoch gleichsam nicht. Er bemerkte an ihr etwas Neues, Festtägliches und Strahlende?. Während Romaschow seinen Glückwunsch murmelte, nötigte sie ihn, ohne seine Hände aus den ihrigen zu lassen, mit zarter, vertraulicher Gewalt, gleichzeitig mit ihr in den dunklen Flur zu treten, und dabei sprach sie schnell und halblaut: „Danke Ihnen, Romotschka. daß Sie gekommen sind. Ach, ich war so bange, daß Sie absagen würden. Hören Sic: seien Sie heute lieb und lustig, achten Sie auf nichts. Sie sind so lächerlich. Man braucht Sie nur leicht zu berühren, sa ziehen Sie sich zurück wie eine schamhafte Mimose." „Alexandra Petrowna, Ihr Brief heute hat mich so beunruhigt, da steht ein Satz.. „Lieber. Lieber, nicht doch!.. Sie ergriff seine beiden Hände, drückte sie fest und blickte ihm direkt in die Augen. In diesem Blick lag wieder etwas für Romaschow ganz NeueS — eine Art schmeichelnder Zärtlichkeit und angestrengter Auf- merksamkeit, sowie Unruhe, und weiter lag in der rätselhaften Tiefe ihrer blauen Augen ein sonderbarer, nnverständlicher, eine geheime, dunkle Seelensprache redender Ausdruck... „Bitte, nicht doch. Denken Sie heute nicht daran... Sind Sie wirklich nicht zufrieden damit, daß ich die ganze Zeit aufgepaßt habe, bis Sie vorbeikamen? Ich weiß ja, was Sie für ein Hasenfuß sind.— Wagen Sie nicht, mich wieder so anzusetzen!" Sie lachte verwirrt und befreite ihre Hände. „Nun genug... Romotschka, Taps, wieder küssen Sie die Hand nicht! So. Jetzt die aiidere. So. Schlaukopf. Kommen Sie. Vergessen Sie aber nichr," sagte sie mit schnellem, heißem Flüstertone,„heute ist unser Tag, Königin Alexandra und ihr getreuer Ritter Georgii. Verstanden?! Kommen Sie." „Hier, bitte schön... eine bescheidene Gabe..." „WaS ist daS? Parfüm? Was machen Sie für Dumm» beitenl Nein, ich scherze. Tanke Ihnen, lieber Romotschka. Wolodja!" sagte sie laut und ungezwungen beim Eintritt ins Gastzimmer.„Da haben wir noch einen Teilnchiner an» Picknick, und noch dazu auch ein Geburtstagskind." Im Gastzimmer ging es laut und unordentlich her, wie stets vor einem allgemeinen Aufbruch. Der dichte Tabak?» gualm erschien dort, wo die schrägen vom Fenster ausgehenden Garben der Frühlingssonne ihn durchschnitten, hellblau. Mitten im Zimmer standen in lebhafter Unterhaltung sieben oder acht Offiziere, und am allerlautesten schrie unter unauf- hörlichem Husten mit seiner heiseren Stimme der lange Tal- mann. Da waren: Hauptmann Osadtschi und die unzer- trennlichen Adjutanten Olisar und Bek-Agamalow, und Leutnant Andrusewitsch, ein kleiner, unternehmender junger Mann mit sckarfem Rattenschnäuzchen, und noch jemand, den Romaschow nicht gleich sah. Sofja Pawlowna Talmann saß lachend, gevudert und geschminkt, gleich einer großen heraus- geputzten Puppe, mit zwei Schwestern des Leutnant Michin auf dem Sofa. Beide jungen Damen trugen gleiche, einfache, selbstgemachte hübsche weiße Kleider mit grünen Bändern; beide waren rosiz schwarzhaarig, dunkeläugig und sommer- sprossig: beide hatten blendend weiße, aber unregelmäßige Zätzne, die ihrem Mund ei,en besonderen, eigenartigen Reiz verliehen; beide waren hübsch und lustig. Waren einander und gleichzeitig ihrem sehr wenig hübschen Bruder sehr ähnlich. Bon den Regimentsdamen waren noch die Frau Leutnant Andrusewitsch, eine kleine, dicke, dumme und komische Dame mit weißem Gesiiht. eingeladen, die alle möglichen zweideutigen Geschichten und schmutzige Anekdoten kolportierte; endlich waren da noch die hübschen, redseligen, lispelnden Fräulein LykatschewS. Wie stets in Offiziersgesellschaften, hielten sich die Damen separat von den Herren in einer Ecke. Neben ihnen saß, nachlässig und geckenhaft in einen Stuhl hingepflanzt, der Stabshauptmann Diez. Dieser infolge seiner geschnürten Figur und seines abgenutzten und selbstsicheren Gesichts- ausdruckes einem preußischen Leutnant— wie er in deutschen Witzblättern karikiert wird— ähnliche Offizier war wegen einer dunklen Skandalaffäre aus der Garde in das Linien- regiment versetzt worden. Er zeichnete sich durch uncrschütter- liche Sicherheit im Verkehr mit Männern und freche Zudring- lichkeit im Verkehr mit Damen aus. Er spielte sehr viel und stets glücklich, aber nickt im Offizierskasino, sondern in Bürger- klubs, im Hause städtischer Beamter und polnischer Gutsbesitzer der Umgegend. In, Regiment liebte nian ihn nicht; alle hatten gleVhsam die unbestimmte Erwartung, daß in Zukunft irgend eine schmutzige Geschichte mit ihm passieren würde. Es hieß. er hätte ein Verhältnis mit der jungen Frau de? verlebten Brigadekommandeurs, der in derselben Stadt wohnte. Ferner 1 waren seine nahen Beziehungen zu Frau Talmanu stadtkundig. Ihretwegen lud man ihn meistens ein— das verlangten die eigenartigen Gebote der Höflichkeit und Aufmerksamkeit, wie sie im Regiment üblich waren. „Das freut mich sehr, freut mich sehr," sagte Nikolajew Romaschow entgegengehend.„Warum sind Sie heute morgen nicht zum Geburtstagskuchen gekommen?" Er sagte das vergnügt mit freundlichem Lächeln, aber in seiner Stimme und in seinem Blick nahm Romaschow deutlich wieder denselben entfremdenden, gemachten und kalten Ausdruck wahr, den er die ganze letzte Zeit bei jedem Zu- sammentreffen mit Nikolajew fast unbewußt empfunden hatte. „Er mag mich nicht," entschied Romaschow schnell für sich.„Was hat er, ist er böse? Eifersüchtig? Langweile ich ihn?" „Wissen Sie... Wir haben in der Rotte Gewehr- besichtigung," log Romaschow dreist.„Außerdem rüsten wir uns zur Parade: da gibt es nicht mal feiertags Ruhe... Aber ich bin ganz konfus... Ich habe nicht gewußt, daß Sie ein Picknick unternehmen, und nun kommt es so daß ich mich aufdränge. Wirklich, ich geniere mich..." Nikolajew lachte breit und klopfte Romaschow mit be- leidigender Vertraulichkeit auf die Schulter. „O nein, was reden Sie da, mein Lieber... Je mehr Leute— um so interessanter wird es! Was sind das für chinesische Zeremonien!... Nur weiß ich nicht, wie es mit den Wagenplätzen wird. Nun, ich werde schon irgendwie Platz finden." „Ich habe einen Wagen," beruhigte Romaschow ihn und wich mit der Schulter ganz unmerklich von Nikolajews Hand zurück.„Im Gegenteil, ich stelle Ihnen den Wagen mit Ver- gnügen zur Verfügung." Er sah sich um und begegnete Schurotschkas Blicken. „Dank, Lieber!" sagte ihr warmer, wie vorhin sonderbarer, aufmerksamer Blick.—„Wie ist sie heute wunderbar!" dachte Romaschow. „Nun, das ist famos." Nikolajew sah nach der Uhr. „Wie ist's, meine Herren," sagte er fragend,„kann man jetzt wohl fahren?" „Laß fahren, laß fahren! sagte der Papagei, als der Kater Waska ihn am Schwänze aus dem Käfig zog," rief Olisar scherzend. Alle erhoben sich unter Ausrufen und Gelächter: die Damen suchten ihre Hüte und Sonnenschirme und zogen die Handschuhe an: Talmann, der an Bronchitis litt, schrie durchs ganze Zimmer, daß man warme Tücher nicht vergessen sollte; so entstand ein bunter Wirrwarr. Der kleine Michin führte Romaschow auf die Seite. „Jurij Alexejitsch. ich habe eine Bitte an Sie," sagte er. „Ich bitte Sie dringend, fahren Sie doch mit meinen Schwestern, sonst sitzt Diez bei ihnen, und das ist mir außer- ordentlich unangenehm. Der sagt den Mädchen stets solche Gemeinheiten, daß sie direkt weinen müssen. Ich bin wirklich kein Freund von Gewalttätigkeiten, aber dem haue ich bei Gott noch eins über die Schnauze!..." Romaschow wollte gern mit Schurotschka fahren, aber da Michin ihm stets angenehm war, und die reinen, klaren Augen dieses prächtigen jungen Mannes mit flehendem Ausdruck dreinblickten, und auch, weil Romaschows Herz in diesem Augenblick von einer großen Freude ganz und gar erfüllt war, konnte er nicht nein sagen und willigte ein. Das Einsteigen an der Treppe dauerte geraume Zeit und ging unter vielem Lärm vor sich. Romaschow nahm bei den beiden Fräulein Michin Platz. Zwischen den Wagen schritt mit dem gewöhnlichen betrübten, hoffnungslos-verzweifelten Gesicht Stabshauptmann Leschtschenko, den Romaschow früher nicht bemerkt hatte und den niemand zu sich in den Wagen nehmen wollte, auf und ab. Romaschow rief ihn an und bot ihm den Platz neben sich auf dem Vordersitz an. Leschtschenko blickte den Leuwant mit feuchten, ergebenen, guten Augen an und kletterte mit einem tiefen Seufzer in den Wagen. Endlich hatten alle Platz genommen. Vorne trieb Olisar Unsinn, sprengte auf seinem alten, trägen Wallach hin und her und sang dazu aus einer Operette: „Setzen wir uns in die Postkutsche, Ätzen wir uns in die Po— ostkutsche." „Trab, vorwärts, marsch!" kommandierte Ofodtschi mit Donnerstimme. Die Equipagen rollten dahin.• 14. Das Picknick fiel weniger lustig als laut und unordentlich, tuniultuarisch aus. Man fuhr drei Werst nach Dubetschnaja. s So hieß ein kleines, fünfzehn Teßjätinen großes Gehölz, Las � an einem langen, schrägen Abhang lag und dessen unterer > Rand von einem schmalen hellen Bächlein umspült wurde. Das Gehölz bestand aus wenigen, aber schönen, mächtigen hundertjährigen Eichen, zu deren Füßen dichtes Gebüsch wuchs. Hier und da waren aber freie Plätze, reizende Flächen, mit zartem, Hellem ersten Grün bedeckte Wiesen. Auf einem solchen Fleck warteten die vorausgeschickten Burschen mit Samowaren und Körben. Die Tischtücher wurden direkt auf dem Boden aus- gebreitet, und man setzte sich. Die Damen stellten Imbiß und Teller hin, die Herren halfen ihnen mit scherzhafter, über- mäßiger Liebenswürdigkeit. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) l>as acronaiitlfche Observatorium in Lindenberg. Lange Zeit begnügten sich die Meteorologen dmuit. die Luft, ihre Zustände und Eigenschaften in den niedrigsten, die Erdoberfläche unmittelbar berührenden Schichten zu erforschen; endlich, im Laufe ihrer Studien selbst, erkannten sie, daß dies zu einer wahren Kenntnis der Luft nicht ausreicht. In den höheren Schichten der Lust spielen sich gewaltige Prozesse ab. die von der Erde aus sich durchaus nicht beobachten lassen, die man aber um so mehr kennen lernen mup, als sie einen sehr großen Einfluß auf die Zustände am Grunde des Lustmeeres ausüben, und ohne ihre Entfernung jedes Ver- ständnis für das Eintreten sonst unbegreiflicher Wetter- erscheinungen ausgeschlossen ist. Als man nun die Erforschung der Luft in höheren Schichten für notwendig besimden halte, dauerte es wiederum lange Zeit, bis die praktische Möglichkeit geschaffen war. sie durchzuführen; denn Beobachtungsstationen auf hohen Bergen reichen bei weitem nicht hoch genug in die Luft hinein, und die Luft in ihrer Umgebung hat immer noch Berührung mit der Erde, wodurch ihre Bewegungen und sonstigen Verhältnisse in- folge von Reibung, Wärmeleitung und ähnlichen Ursachen stark beeinflußt werden. Man trieb dann bei gelegentlichen Ball oniahrten auch meteorologische Studien, und wenn diese auch viele neue Tat- fachen lehrten, so konnten sie doch schon wegen des Kostenbetrages nur selten unternommen werden, so daß sie als genügendes Mittel zur wirklichen Durchforschung der höheren Almospbären- schichten in keiner Weise zu betrachten waren. In dieser Verlegenheit kamen geniale Meteorologen auf die Idee, zwei als Kinderspielzeug längst bekannte kleine Luftfahrzeuge, natürlich unter entsprechender Vergrößerung und notwendiger Formänderung, in der Wissenschaft zu veriverten: Es ist der Drachen und der Kinderballon aus Gummi- stoff: beide sind jetzt in der Tat die Grundsäulen unserer Luft- forschung geworden, und erst nach ihrer Einführung in die Forschung wurde es möglich. Stationen zu errichten, von denen aus tägliche Beobachtungen der oberen Lust ausgeführt werden konnten, gerade wie an der Erdoberfläche selbst. Allerdings kann die Zahl der ersteren Stationen, wiederuni schon wegen der Kosten, dann aber auch aus mehreren praktischen Rücksichten, nur gering sein; aber dieser Umstand macht sich glücklicherweise weniger störend bemerkbar, als man vielleicht meinen dürfte. Denn in großen Höhen voll- ziehe» sich die Erscheinungen großzügiger als an der Erde, wo jede kleine Verschiedenheit im Erdprofil, jede Ab- wechselung von Hügel und Tal, von Wasser und festem Land, von bebautem und nacktem Terrain, wo jede größere An- sammlung von Hänsern die Zustände in der Luft, und damit auch die Witterung beeinflußt. Für die hohen Schichten genügen einige wenige Beobachtungsstationen, und wenn es auch wünschenswert ist, daß ihrer mehr gegründet werden, als jetzt bestehen, so leisten doch schon die jetzigen wenigen ganz Bedeutendes, und sie haben uns Vorgänge in der Luft kennen gelehrt, von deren Vorbandensein man noch vor kurzer Zeit keine Ahnung hatte. So haben die täglichen Drachenaufftiege, um nur ein wichtiges Beispiel anzuführen, zu der Erkenntnis geführt, daß die Lustwärme mit der Hohe nicht gleich- mäßig abnimmt, sondern daß bei etwa 13 000 Meter über dem Meeresspiegel die ruhig nach oben ihre Wärme in den Weltenraum ausstrahlende Lust durch einen warmen Luststrom unterbrochen wird, der regelmäßig daherzieht und daher rührt, daß die am Aequator von der heiß strahlenden Sonne erwärmte Lust sich ausdehnt, in die Höhe steigt und oben einen Abfluß nach Norden, wie nach Süden sucht; aus diesem nach Norden gerichteten Abfluß wird sie also bis zu uns, ja noch weiter nördlich getragen und macht sich erst in jenen gewaltigen Höhen unmittelbar bemerklich, in die wir mit dem bemannten Ballon niemals hätten eindringen können. War doch die berühmte Luft- fahrt vom 3t. Juli ISOt, auf der B e r s o n und S ü r i n g vom Berliner meteorologischen Institut in die höchste von Menschen je erreichte Höhe, etwas über 10 Kilometer, gelangten, mit der schwersten Lebensgefahr für die beiden kühnen Forscher verbunden. Mittelbar, wenn auch bisher nicht direkt meßbar, macht sich jener Warme ßuftfirom uns dadurch VemerMch, daß er misern Gegenden eme höhere Temperatur verleiht, als sie nach ihrer geographischen Lage eigentlich zu beanspruchen hätten. Von jenen für die meteorologische Wissenschast und Praxis also so wichtigen und nützlichen Stationen für das Studium der höheren Luftschichien, von aeronautischen Observatorien, besitzt Preußen jetzt auch eins, und zwar eins mit allen wünschenswerten und notwendigen Einrichtungen versehenes, die der gegenwärtige Stand der Technik und Wissenschaft anzuwenden gestatten. Bisher interimistisch bei Tegel untergebracht, wo auch die Militärluftschifinhrt ihren UebungSplatz hat, von dem sie einen Teil eben für jene wissen- schastliche Station gegen Miete abgegeben hatte, ist das Preußische aeronautische Observatorium jetzt d. h. seit dem 1. April 1905. auf einem, steilich von Berlin etwas entfernten— diese Entfernung beträgt ungefähr 75 Kilometer— aber sonst vorzüglich gelegenen, von jeder Störung durch elektrische Bahnen und elektrische Kraft« stationen für absehbare Zeit sicheren Gelände untergebracht, wo jede Baumanpflanzung mit ihren die Aufftiege der Luftfahrzeuge ge- fährdenden Zweigen fehlt, während das hügelig ansteigende Land die Aufstiege erleichtert und fördert. Dieser günstige Punkt liegt beim Dorfe Lindenberg, südöstlich von Berlin, zwischen Beeskow und Storkow, am Scharmützel-See. Bon den auf dem einige tausend Morgen großen Terrain an- brachten Jnstitutionsgebäuden ist das wichtigste natürlich die Ballon- Halle. Hier sind die vorher erwähnten Drachen und Gummi- ballonS, die in der Aeronantik den Namen Sondenballons bekommen haben, in genügender Zahl untergebracht. Die Drachen sehen nun freilich doch eiwas anders aus, als die Kinderdrachen; es sind etwas über einen Meter hohe, etwa einen halben Meter lange und breite kastenförmige Nahmen aus einem Holz, das leicht genug ist, um einen großen Austrieb, also große Erhebungsfähigkeit in die Lust zu ermöglichen, und dennoch so fest, daß es dem oft sehr starken Seiten- druck des Windes genügend widersteht, um kein Zerbrechen des Drachen herbeizuführen. Vier von den sechs ftlächen des Rahmens find mit derbem Papier oder festem Seidenstoff ausgekleidet, und in der Mitte dieiesKastens ist das wichtigste befestigt, nämliw die Apparate, die uns Mitteilung bringen sollen von der Wärme, dem Druck, der sfcuchtig- keit der Luft, die der Drachen durchfährt. Auf einem Papierstreifen, der von einem Uhrwerk gleichmäßig abgerollt wird, zeichnet ein mit einem Schreibstift verfebenes Thermometer— in dieser Zusammenstellung Thermograph, Wärmeschreiber, genannt— die Temperatur der Lust auf, ein Barograph den Luftdruck und ein Hygrograph die Feuchtigkeit. Es war nicht ganz leicht, eine geeignete Schreib- einrichtung zu wählen, denn jede Tinte gestiert dort oben un- wcigerlich: die Instrumente gelangten sogar schon in Höhen, in denen sie 85 Celsiusgrade Kälte verzeichneten! Man ist unter diesen Umständen dazu übergegangen, das Schreibpapier über einer rußenden Flanime zu berußen, und in diesem dunklen Ueberzug markieren einfache Metallfedern die Angaben der Apparate mit genügender Deutlichkeit. Aber früher gaben die Apparate nicht an, wie warm oder feucht die durchfahrene Lust ist, sondern nur, wie warm und feucht die Instrumente selbst waren, und das ist ein ganz bedeutender Unterschied; jetzt ist die Aßmannsche Aspirationsvorrichtung angebraciu, die durch Ansaugen den Instrumenten die umgebende Luft so zuführt, daß in der Tat ihre Zustände gemessen und aufgezeichnet weiden. Trotz aller dieser wichtigen und nötigen Komplikationen wiegen die Apparate nur wenige Kilogramm, denn möglichst geringe Belastung ist innner die Hauptbedingung, wenn das Lustschisf recht hoch steigen soll. Die so «usgerüsteten Dracben werden dann an einem Stahldraht be- festigt und aufgeschickt.— Die eben beschriebenen selbst- registrierenden wissenschaftlichen Apparate werden natürlich nicht nur den Drachen mitgegeben. sondern auch allen anderen vom Observatorium entsandten Luftschisien. Hierzu gehören Fesselballons. die man steigen läßt, wenn die Windverhältnisse für Drachen ganz ungünstig sind, die aber auch nicht so hoch kommen wie die Drachen; denn diese haben schon die Höhe von sechs Kilometern überstiegen. Am höchsten freilich kommen die ungefesselten S o n d e n b a l l o n s. die iencn kleinen Ballons nachgebildet sind, mit denen sich die Kinder bei schönem Wetter so lange unterhalten, bis unversehens der Faden losgelassen wird und zum Jammer der Kleinen der Ballon in un- erreichbare Höhen davonschwebt; bei den wisicnschaftlichen Sonden- ballons allerdings ist dies Fortschweben der angestrebte Zweck. Aus leichtem Gummistoff beftehend, ein bis zwei Meter im Durchinesser haltend, mit dem leichten Wasserstosigas gefüllt, tragen die Sondenballons nur die wissenschaftlichen Instrumente, und diese geringe Last ermöglicht es, daß sie. einmal entlassen, un- gemein hoch fliegen; 24 Kilometer Höhe sind schon überstiegen worden I Die Höhe wird nach den Angaben des Barographen be- rechnet, da nach den der Wissenschaft bekannten Regelmäßigkeiten der mittlere Luftdruck mit der Höhe abnimmt. In jenen großen Höhen nun ist dieser Luftdruck, der aus dem Ballon lastet, so gering, daß daö Bestreben des in diesem befindlichen GaseS, sich aus- zudebnen, nur einen äußerst schwachen Widerstand findet, es dehnt sich unter diesen Umständen innner weiter aus. bis endlich der Gummistoff platzt; in diesem Augenblick löst sich infolge einer sinnreichen Einrichtung die Aufhängevorrichtung der Kapicl, die die wisienschaftlichen Apparate trägt, die Kapsel fällt zur Erde, und zwar infolge der Wirkung eines an ihr angebrachten Fallschirmes so sanft, daß sie beim Aufprallen auf den Erdboden nicht zertrümmert wird. In den allermeisten Fallen wird die wichtige und wertvolle Kapsel dann von Menschen gefunden und an das Institut eingeliefert. Freiballons, die im Korbe Menschen emportragen, werden nu zu ganz besonderen Zwecken noch entsandt, so z. B. wenn man solche Elektrizitätsmessungen in der Lust machen will, die nur von Menschenhand vorgenommen werden können, oder wenn eS sich um physiologische Untersuchungen handelt, also um die Erforschung der Einwirkung großer Höhen auf den Puls, Blutdruck, Atmung u. dergl. von Menschen oder Tieren. Wir verlassen die Ballonhalle und wenden uns zum Winden- haus. Bon hier werden die Drachen und Fesselballons ausgelassen. und zwar an einem 1 Millimeter dicken Draht, der von einer clektrsich betriebenen Winde oder Spule abgehaspelt wird. Da der Drachen nicht senkrecht emporsteigt, sondern schräg, ist die Länge deS Drahtseiles viel größer als die erreichte senkrechte Höhe; bei OOOO Meter Höhe war die riesige Menge von 12 Kilometer Draht abzu- haspeln! Beim Auflasien und Einholen werden in jeder Sekunde 3—4 Meter Draht abgehaspelt, in Notfällen steilich. wenn ein Plötz- licher sehr starker Windstoß den Drachen abzureißen droht, kann man auch 15 Meter pro Sekunde abhaspeln. Der Druck, den der Drachen vom Winde erleidet, überträgt sich durch den Draht auf die Spule und ist manchmal so stark, daß die gußeiserne Spule einige Male barst l Die neue Spule in Lindeuberg hat deshalb eine Vorlage, die den auf sie übertragenen Druck auf den vierten Teil des ursprünglichen herabmindert. Mittels dieser Winde werden also täglich die Drachen- aufstiege veranstaltet, zu denen bei besonderen Gelegenheiten noch mehrere hinzukommen; gelegentlich der Sonnenfinsternis am 30. August d. I. wurden am 29., 30. und 31. August zusammen 20 Drachen entsandt, außerdem gelangten an jenen drei Tagen die Sondenballons in Höhen von 23 000, 20 000 und 17 000 Meier. Uebrigens gingen an denselben Tagen auch bemannte Ballons auf. Alle im Institut notwendigen mechanischen Bewegungen werden von der im M a s ch i n e n h a u s aufgestellten großen Gaskraft- Maschine geleistet, die zunächst einen Elektromotor betätigt, der auch die elektrische Beleuchtung der ganzen Anlage besorgt. In diesem Hause ist auch eine große galvanische Batterie angebracht, die durch Wasserzersetzung den zur Ballonfüllung nötigen Wasserstoff beschafft, der dann in einen besonderen Gasometer geht, während der dabei ebenfalls entstehende Sauerstoff in die Luft entweicht. Ferner ist im Maschinenhaus untergebracht eine mechanische Werkstatt, uni die not- wendigen Reparaturen auch an den feinsten Instrumenten gleich im Haus vornehmen zu können; eine Uhrmacherwerkstott, damit die von Kälte, Feuchtigkeit und anderen schädlichen Einflüssen leicht leidenden feinen Uhrwerke der re- gistrierenden Apparate sofort ausgebessert werden können; ein« Eismaschine, um festzustellen, ob die Thermoineter, in Eis gelegt, auch den richtigen Gefrierpunkt angeben; eine Windmaschine, um zu erkennen, ob die Instrumente zur Bestimmung der Luftgeschwindig» keit richtig arbeiten—, es ist also wirklich alles irgend Notivendize vorgesehen. Bald soll auch ein Motorboot auf dem Schannützelses schwimmen, damit man durch Drachenaufstiege auf fahrendem Schiff die Luflverhältnisse über einem Gewässer studieren kann, die von denen über festem Land wesentlich verschieden sind. Die beiden Wohn» gcbäude für die Beamten und Angestellten enthalten auch die not» wendigen Arbeits-, Bureau- und Bibliothekräume und vollenden die mustergültige Einrichtung des aeronautischen Instituts, von dem Wissen» Ichast und Praxis große und dauernde Förderung erwarten dürfen, so daß sowohl das aufgewandte Geld— die Anlage kostet em« halbe Million Mark, ihr Unterhalt erfordert jährlich 90 000 M.— gut angebracht ist, als auch dir mühevolle Arbeit der Wissenschaft» lichen und technischen Beamten, die eine große Selbstlosigkeit an den Tag legen, wenn sie sich im Interesse der Wissenschaft an einen von allen Wissenschafts- und Kulturzentren immerhin recht«ntsernten Ort begeben.— IL Kleines feinlleton» gr. Baklon-Photographie. Ucber Ballon-Photographie(richtiger Photographic vom Luftballon aus) hielt Hauptmann Hildebrandt vom Luftschisfer-Bataillon einen Vortrag in der letzten Versamm» lung der Gesellschaft von Freunden der Photographie. Die Ballon» Photographie ist fast so alt wie die Photographie selbst. Gleich nach Erfindung des Luftballons setzten denn auch die ersten photographi» schen Aufnahmeversuche vom Ballon aus ein. Für kriegerische Zwecke wurden zuerst gelegentlich der Schlacht von Solserino im Juni 1859 photographische Aufnahmen von, Ballon aus gemacht, die ganz gute Resultate geliefert haben sollen. Während des amerikanischen Bürgerkrieges wurde die Ballon-Photographie von dem General Mac Clellan verwertet. Dieser ließ von einem Fesielballon aus photographische Aufnahmen von dem Gelände machen, aus dem am folgenden Tage die Schlacht stattfinden sollte. Umfangreiche An- Wendung hat allerdings die Ballon-Photographie erst gesunde», nach» dem die Luftschiffervereine ihre Tätigkeit entfaltet haben. Man unterscheidet bei der Ballon-Photographie Ausnahmen vom Fesselballon aus und solche vom Freiballon. Beim Fesselballon machen drei Arten der Bewegung des Ballons die Aufnahmen schwer. Der Fesselballon bewegt sich zunächst fortgesetzt in die Höhe und nach unten, er pendelt vor- und rückwärts und außerdem kommt noch die Drehbewegung in Betracht. Die Pendelbewegung stört die Ballonaufnahmcn am meistcm Werden vom Ballon avs KI einer Entfernung von 10 000 Metern SCufnoTjmen gemacht, so ruft die Pendelbewegung des Luftschiffes in der Größe von 1 Meter pro Sekunde eine Verzerrung der Aufnahme um 0,01 Millimeter hervor. Auch durch die Drehbewegung des Fesselballons werde» die Auf- nahmen leicht unscharf Die durch den Auf- und Abstieg des Ballons her- vorgerufene Bewegung kommt weniger in Betracht. Sollen nun gute Resultate bei photographischen Aufnahmen vom Fesselballon aus erzielt werde», so müssen die Momente der Ruhelage des Ballons abgewartet werden. Ter Photograph muh also den Moment zur Aufnahme wählen, in dem der Ballon sich anschickt, aus der einen Bewegung in die andere umzukehren. Uebung und Erfahrung lehren den photographiereuden Lustschiffer denn auch sehr bald, die Augen- blicke der Ruhelage des Fesselballons auszunutzen. Für die Auf- nahmen vom Ballon selbst genügt gewöhnlich eine Erpositionszeit von'/» Sekunde. Bei Freifahrten wird da? Photographieren dadurch erleichert, daß die Drehbewegung des Ballonkorbes fortfällt, während die durch den Einfluß der Sonne bewirkte Drehung des ganzen Luftfahr- Zeuges weniger in Betracht kommt. Tie Bilder werden also um so schärfer, je weniger sich der Ballon bewegt. Die Kunst des Photo- grapyen im Ballon besteht nun hauptsächlich darin, den Äpparar zur Aufnahme im Moment der größten Ruhe des LuftschifseZ möglichst ruhig zu halten. Wenn eS auch wohl einfach erscheint, im Korb des Ballons ein Loch zu lassen und so durch dieses hindurch die Aufnahmen zu machen, so ist das doch in der Praxis nicht durch- führbar. Der Raum im Ballonkorb ist nämlich so beschränkt, daß es sicb als diel zweckmäßiger erwiesen hat, die photographische Camera zum Ballon hinaus zu halten und so die Aufnahmen zu bewirken. Äm nicht einen Teil des Korbes bei dieser Austiahmeart mit zu photographieren, bedient man sich im Ballon zum HinMlZhilten der Camera einer Vorrichtung, die eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Gewehrschaft hat. Da die Camera namentlich beim Landen oft ziemlich erhebliche Stöße auSzuhalten hat, so werden meist gute Auf. nahmeapparate aus festem Holz benutzt, bei denen Schlitzverschluß zu empfehlen ist. So gern man auch bei der Ballon-Photographie Films schon wegen ihres geringen Gewicht? verwenden würde, so sind doch Glasplatten für die Aufnahmen zweckmäßiger, da man damit bessere Resultate erzielt. Wechselkassetten sind darum un. zweckmäßig, weil beim Versagen meist keine Zeit ist, den Apparat wieder in Ordnung zu bringen. Auch beim Landen gehen die Auf- nahmen in Wechselkassetten leicht entzwei. Der Luftschiffer hat bei seinen Aufnahmen sehr darauf zu achten, ob er durch die Bewegung des Ballon? bei Freifahrten durch Fallen in warme Luftschichten kommt. Dann beschlägt da» Objektiv sofort, und die schönsten Auf- nahmen sind unbrauchbar. Während man früher, um den blauen Dunst der Wolken auf den Ballon-Aufnahmen möglichst herab- zumindern, gern recht langsam arbeitende Standentwickler ver- wendete, benutzt man jetzt auf Grund der gewonnenen Erfahrungen gerade umgekehrt starke Entwickler mit bestem Erfolge. Der Vortrag wurde durch eine große Anzahl von Projektions- bildern erläutert, die zeigten, daß sich die Ballon-Photographie zu einer hohen Vollkommenheit entwickelt hat.— Theater. L u st s p i e l h a u S. Der Herr Haushofmeister. Komödie in 4 Akten von I. M. B a r r i e. Die Komödie de» eng- tischen Verfassers, die in seinem Heimatland große? Aufsehen er- regte, fand im Lustspielhause freundliche Aufnahme. Der Premieren- erfolg, wenn man die Stärke des Beifall? als Maßstab anlegen will, trwr stärker als bei BarrieS ungleich feiner ziseliertem„Stillen Gäßchen", da? vor ein paar Jahren im Schauspielhause seine Ber- liner Erstaufführung erlebte und sich dann auf dem Repertoire ge- halten hat. Das dürfte dem neuen Werke, so witzig treffend seine satyrische Grundidee, kaum beschieden sein. ES ist eben bei der Idee geblieben, in den originellen unmittelbar mit ihr zusammen gegebenen Umriß der Qaitbtvmg stad allerlei gottverlassene Platt- heiten hinein gezeichnet. Kontur und Ausführung des Bilde? stechen in ihrem Werte so kr«ß von einander aib, daß sie beinahe von zwei verschiedenen Menschen herzustammen scheinen. Nicht daß wir an dem Possenhaft-BurleSken Anstoß nehmen würden— dies ist in der Idee, in der Art der Kontrastwirkiingen, die sie verlangt, be- gründet— aber luftig, übermütig, farbenreich und spannend in leichtem Scherz, doch voller Ausblicke ins Tiefe und Weite müßte die Posse sein. Bei Barrie ist sie pedantisch, doktrinär, erfindungsarm, sozusagen mit Zirkel und Lineal gearbeitet. Statt daß ein freies, in sich selbst interessantes Phantasiespiel zu der Idee in Beziehung gesetzt wäre, sie reizvoll absichtslos hindurchschimmern ließe, sind die Szenen und Figuren jedes Eigenlebens bar, mit trockenem Verstände aus der Idee gewissermaßen deduziert. Man hat den Eindruck, als sei da? Stück mit der Ueberleguu.� geschrieben, wie der Autor da?, was er zum Thema zu sagen hätte, mit dem mindest möglichen Phantasieaufwand am schnellsten und deutlichsten illustrieren könne. Kein Mensch spricht hier seine eigene Sprache, von Anfang bis zum Ende hört man immer nur den Autor und als Akkompagnement sein stille?:„Das bedeutet nämlich.." Die allergröbsten Mittel sind ihm recht. Will man bei guter Laune bleiben, muß man sich ans Bedeuten-Sollen halten, an dem Amüsanten des Gedanken? sich für die Gehaltlosigkeit der künstlerischen Formung entschädigen. Barrie zieht für ein Weilchen seinen Leuten die Kleider, die die einen zu LordS und LadhS, die anderen zu Bedienten und Küchen- mädchen machen, auS, und frägt dann boshaft, was denn aus dieser erbeigentümlichen Rangordnung wohl werden möchte, wenn die Sippe, auf eine einsame Insel verschlagen, gemeinsam den Kampf ums Dasein führen würde, und jeder nur nach seiner Leistung gälte. Daheim war der Herr Haushofmeister des Hochgeborenen Carl von Loam das Muster devoten Lakaientums. In seiner Ver- ehrung blauen Blutes empfand er schon die Teeabende, zu denen sein Herr, in der Phrase ein Verehrer der allgemeinen Menschengleich- heil, die Dienerschaft allmonatlich versammelte, als eine unwürdige Herablassung: und die Drohung des Lords, den drei Töchtern künftig nur eine Kammerjungfer zu bewilligen, traf ihn wie eine persönliche Ehrenkränkung. Nur ans Respekt vor dem rasseechten Hochmut der Damen hat er die Kündigung zurückgezogen und die Familie auf ihrer Seereise begleitet. Und diese Sklavenseele, dieser Verehrer der„natürlichen Autorität", das ist die feine ironische Pointe Barries, wird nach dem Schiffbruch unter der kleinen aristokratischen Karawane, die sich auf die Insel gerettet, Führer und Herr— nicht durch Gewalt, sondern ganz einfach durch den Zwang der Ver- Hältnisse. Er hat starke Arme und einen hellen Kopf, er arbeitet, während die anderen, die alten Traditionen so lange als möglich fortsetzend, müßig umherlungern. Und mit der Arbeit fällt ihm die Macht zu; unwillkürlich ordnet man sich ihm unter, und eine um- gekehrte natürlich-gerechtere Welt, in der der Lord und sein Neffe sehr schätzenswerte Dieneranlagen entwickeln, etabliert sich. Jetzt müssen sie nach dem Befehl des ehemaligen Dieners springen, der, in einem selbstgezimmerten sehr komfortablen Blockhause wohneni, mit Lordmauieren als Leiter die Arbeit dirigiert. Und die hoch- mütigste der Ladvs, nun eine tüchtige Jägerin, die er, immer korrekt, eines HeiratSantrageS würdigt, ist hoch entzückt von der Ehre, kann sich der Püffe ihrer eifersüchtigen Schivestern kaum erwehren. Schade darum, daß all dieses hübsch Gedachte durch die triviale Aus- malung so sebr an Wirkung einbüßt. Der Schlußakt spielt in Eng- land, unmittelbar nach der Rückkehr der Gestrandeten. Mit den gewobnten Kleidern ist auch alles andere wieder in sein gewohntes Geleise gekommen. Ter Lakai krümmt wieder demütig den Rücke«. die Lady verlobt sich standesgemäß, und der trottelhafte Neffe des Lord! läßt in den Zeitungen Reklame machen für seine Helden- und Führertaten auf der Insel. Das Stück bot bei der Puppenhaftigkeit der Figuren keine schau- spielerischen Aufgaben. Munter waren Tilly Waldegg und Marie Mendt in ihren weiblichen Rollen. Herr Schünfeld in der Hauptrolle ützertrieb die feierliche Lakaiensteifheit.— cit. Humoristisches. — Ursache und Wirkung.„Sonderbar I" seufzte ber Pantoffelheld, als er um ein Uhr heimkam,„ich trink' s Bier und meine Frau wird redselig."— — Gefährliche Zeit. Huthändlerin:„Wieviel be- trägt den« ihre Kopfweite?" Gebirgler:„Ja, jetzt, während der K i r ch w e i h ist da? sehr verschieden."—(„Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Nach der„Meraner Z." hat sich ein Arbeitsausschuß für Erhaltung und Pflege de? deutschen Volksliedes in Tirol und Vorarlberg gebildet. An der Spitze steht der Universitätsprofessor Dr. E. Wackeniell in Innsbruck.— — Die Begriinduug de» Breslau er S ch i ll e r-TheaterS ist gescheitert. Dem Gründer, Paul Vlumeureich-Berliu, gelang es nicht, daS nötige Geld aufzutreiben.— — Sven Hedin hat eine neue Forschungsreise, nach In dien nnd Tibet, augetreten.— — Graf v. Kalkreuth hat seine Professur an der Statt- garter Akademie der bildenden Künste niedergelegt. An seine Stelle soll der Münchener Maler Freiherr V. Habermann treten.— — Seit der Gründung de?„Zentral-Domban-VereinS"(14. Februar 1842) sind für den Kölner Dombnu 21 Millionen Mark verwendet worden. Davon entfallen 10 Millionen auf die eigeut- liche Kirche. 11 Millionen auf da» Westportal mit den beiden Türmen. Die Freilegung des Dome? hat außerdem 5 vlillionen erfordert.— — Etwa 200 Zentner Plötze wurden, den„Neuen Weftpr. Mitt." zufolge, in der Nacht zum 10. Ottober im Wiek bei Kußfeld von Fischern in einem Zuge gefangen: infolge dessen ivurden diese Fische in Putzig mit 20 Pf. daS Pfund verkauft.— — ES war der Versuch gemacht worden, den Moschus- ochsen in Skandinavien einzubürgern. Der Versuch miß- lang. Jetzt will man das Experiment auf Island wieder- holen. � c. Wie ber Bison verschwindet auch ber Alligator in Nord- amerika. Er wird getötet, weil man seine Haut zu allerhand Schmuckgegeuständen, besonders Futteralen, verarbeitet, und zwar in solchem Umfange, daß es heute nur noch etiva 2 Proz. von der vor 25 Jahren vorhandenen Zahl gibt. In dieser Zeft sind in Florida 2Va Millionen ausgerottet worden.— verautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Vorlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Siugec LcCo..Berlin L1V.