NnterhaltnngsSlatt des vorwärts Nr. 207. Dienstag, den 24. Oktober. 1905 (Nachdruck verböte».) 25] Das Duell Noman von 21. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Jetzt erhob Romaschow sich höher und sah deutlich ihre schwarzen, großen Augen, die bald kleiner, bald größer wurden, wodurch in der Dunkelheit ihr ganzes ihm so bekanntes und unbekanntes Gesicht sich wunderbar veränderte. Er suchte mit heißen trockenen Lippen ihren Mund, aber sie wich ihm aus, schüttelte leise den Kopf und wiederholte langsam, flüsternd: „Aein, nein, nein... mein Lieber, nein.. „Geliebte...wie bin ich glücklich!... Ich liebe Dich.. wiederholte Romaschow in einer Art entzückten Traums.„Ich liebe Dich. Sieh: Diese Nacht, diese Stille. und niemand außer uns. O, mem Glück, wie ich Dich liebe!" 2lber sie sagte flüsternd„nein, nein" und lag schwer atmend mit dem ganzen Körper auf dein Boden. Endlich sagte sie kaum hörbar, gleichsam mit 2lnstrcngung: „Romotschka, warum sind Sie so... schwach? Ich will es nicht verbergen, es zieht mich zu Ihnen hin, Sie sind mir lieber als alle anderen: wegen Ihrer Unbeholfcnheit, Ihrer Reinheit, Ihrer Zärtlichkeit. Ich will Ihnen nicht sagen, daß ich Sie liebe, aber ich denke immer an Sie, ich sehe Sie im Traum, ich... ich fühle Sie... mich erregt Ihre Nähe und Ihre Berührung. Llber warum sind Sie stets so wehleidig? Ist doch Mitlßid die Schwester der Verachtung. Glauben Sie mir: Ich kann Sie nicht verehren. O, wenn Sie doch stark wären." Sie nahm die Mütze von Romaschows 5!ops und begann sein weiches Haar langsam zu streicheln und zu glätten. „Wenn Sie sich doch einen großen Namen, eine hohe Stellung erobern wollten!..." „Das tue ich, tue ich!" rief Romaschow leise.„Seien Sie nur mein. Kommen Sie zu mir. Ich will Sil� das ganze Leben..." Sie unterbrach ihn mit freundlichem, traurigem Lächeln, das aus ihrer Stimme klang: „Ich glaube, daß Sie das wollen, Liebling, aber Sie tun nichts. Ich weiß, daß Sie nichts tun. O, wenn ich nur ganz wenig auf Sie hoffen könnte, würde ich ja alles hinwerfen und zu Ihnen kommen. 2lch, Romotschka, mein Herrlicher, ich habe ein Märchen gehört, daß Gott alle Menschen zuerst ganz geschaffen, dann aber aus irgendwelchem Grunde jeden in zwei Teile zerschlagen und diese in der Welt zerstreut hätte. Und jetzt sucht die eine Hälfte das ganze Leben lang die andere— und findet sie nicht. Mein Lieber, auch wir beide sind zwei Hälften. Wir haben alles gemeinsam: Was wir lieben und was wir nicht lieben, unsere Gedanken, Träume und Wünsche. Wir verstchen uns durch Blicke und halbe Worte, sogar ohne Worte, allein seelisch. Und nun muß ich Dir entsagen. 2lch, das ist schon das zweitemal in meinem Leben." „Ja, ich weiß." „Hat er zu Dir gesprochen?" fragte Schurotschka schnell. „Nein, das ist zufällig gekommen. Ich weiß eS." Sie schwiegen. Am. Himnrel flaminten als zitternde, grüne Fleckchen die ersten Sterne auf. Von rechts drangen kaum hörbar Stimmen, Gelächter und Gesang herüber. Der übrige Teil des in weiche Finsternis versunkenen Gehölzes war von heiliger nachdenklicher Stille erfüllt. Der Scheiter- Haufen war von hier nicht zu sehen, aber bisweilen lief an den Gipfeln der nächsten Eichen, wie der 2lbglanz eines fernen Wetterleuchtens ,ein rotes, zitterndes Licht entlang. Schu- rotschka streichelte leise Kopf lind Gesicht Romaschows; als er aber mit den Lippen ihre Hand gefunden hatte, drückte sie selbst die Handfläche gegen seinen Mund. „Ich liebe meinen Mann nicht," sagte sie langsam, wie in Gedanken.„Er ist roh, undelikat, ohne jede Einpfindung. 2lch — ich schäme mich, eS zu sagen— aber wir Frauen vergessen nie die erste Gewalt, die man uns antut. Dann ist er so wütend eifersüchtig. Er quält mich jetzt noch immer mit diesen? unglücklichen Nasanski. Stöbert jede Kleinigkeit heraus, stellt so ungeheuerliche 2lnforderungen an mich, pfui!... Forscht mich frech aus. Ach Gott! Es war doch ein unschuldiger, halb kindlicher Roman! Slber er gerät schon von dein bloßen Namen: in Raserei." Als sie sprach, zitterte ihre Stimme und auch ihre Hand, die seinen Kopf streichelte. „Ist Dir kalt?" fragte Romaschow. „Nein, Lieber, mir ist gut," sagte sie sanft. Und plötzlich rief sie mit unerwarteter, unbezwinglicher Leidenschaft aus: „Ach, mir ist so gut bei Dir, mein Geliebter!" Dann legte er ihre Hand in seine, berührte leise ihre zarten Finger und begann in schüchternem, unsicheren Tone: „Sag inir... ich bitte Dich. Du sagst ja selbst, daß Du ihn nicht liebst... Warum seid Ihr denn zusammen?" Aber sie richtete sich schnell vom Boden auf, setzte sich hin und fuhr hastig mit den Händen über die Stirn und die Wangen, wie aus einem Schlaf erwachend. „Es ist schon spät. Komm. Man sucht uns vielleicht schon," sagte sie in verändertem, ganz ruhigen Tone. Sie erhoben sich aus den? Grase und standen sich schweigend, jeder den Atem des> anderen hörend, sich dicht in die Augen blickend' und sie doch nicht sehend, einander gegenüber. „Leb wohl!" rief sie Plötzlich mit hellklingender Stimme. „Leb wohl, mein Glück, mein kurzes Glück!" Sie schlang Plötzlich die Hände um seineil Hals, preßte ihren heißen, feuchten Mund gegen seine Lippen und drängte sich mit zusammengepreßten Zähnen, stöhnend vor Leidenschaft, mit dein ganzen Körper, von den Füßen bis zur Brust gegen ihn. Romaschow hatte eine Empfindung, als wenn die schwarzen Eicheiistännne nach einer Seite entlvichen, die Erde aber nach der anderen, und als wenn die Zeit stehen blieb. Dann befreite sie sich gewaltsam aus seinen Händen iind' sagte fest: „Leb wohl. Genug. Jetzt wollen wir gehen." Romaschow fiel vor ihr ins Gras, umschlang ihre Füße uild begann ihre Knie mit langen festeu Küssen zu bedecken. „Sascha. Saschenka!" stammelte er unsinnig,„warum willst Du Dich mir nicht hingeben? Warum nicht? Sei mein!...." „Komm, koinnr," drängte sie ihn zur Eile.„So stehen Sie doch auf, Gcorgii Alexejitsch. Man überrascht uns hier. Kommen Sie." Sie gingen in der Richtung, aus der man Stimmen hörte. Romaschow knickten die Beine ein und zitterten, und iil den Schläfen hämmerte das Blut, er wankte beim Gehen. „Ich will keinen Betrug," sagte Schurotschka hastig und noch schwer atmend.„Nein, ich stehe über dem Betrug, aber ich will keine Feigheit: Im Betrug liegt stets Feigheit. Ich sage Dir die Wahrheit: Ich habe meinen Mann noch nie be- trogen und betrüge ihn auch so lange nicht, bis ich ihn aus bestimmten Gründen verlasse. Aber seine Schmeicheleien und Küsse sind für mich schrecklich, sie flößen mir Ekel ein. Höre, ich pabe erst jetzt— nein, schon früher, wenn ich an Dich und Deine Lippen dachte— ich habe erst jetzt verstanden, welch unendlicher Genuß, welch unendliche Seligkeit darin liegt, sich einem geliebteil Manne hinzugeben. Aber ich will keine Feig» heit, ich will kernen heimlichen Diebstahl. Und dann... Wart, beug Dich zu mir. Lieber, ich will es Dir ins Ohr sagen. es ist unanständig... dann— will ich kein Kind haben. Pfui, wie gemein: Em Oberleutnant, achtundvierzig Rubel Gage, sechs Kinder, Windeln. 2lrmut... O, wie schrecklich!" Romaschow sah sie verständnislos an. „Aber Sie habe» doch einen Mann... das ist doch UN« vcrmeidlich," sagte er unentschlossen. Schurotschka lachte laut auf. In diesem Lachen lag etwas instinktiv Unangenehmes, was Romaschow innerlich kalt an» wehte. „Romotschka... 2lch, ach, ach, wie sind Sie dumm!" rief sie mit der Romaschow bekannten dünnen Kinderstimme. „Verstehen Sie diese Dinge wirklich nicht? Nein, sagen Sie die Wahrheit— verstehen Sie das nicht?" Er zückte verwirrt die 2lchseln. Ihm war so ungemütlich wegen seiner Naivität zumute. „Entschuldigen Sie... aber ich muß sagen.-- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort..." „Nun, Gott behüte Sie; ist auch nicht nötig. Wie sind Sie rein, lieber Romotschka! Wenn Sie einmal erwachsen sind, Lenken Sie cm meine Worte: Was mit dem Mann niöglich ist, ist mit dem Geliebten nicht möglich. Ach, denken Sie aber nicht daran. Es ist häßlich— aber was soll man machen." Sie näherten sich schon dem Ort des Picknicks, hinter den Bäumen konnte man die Flamme des Scheiterhaufens sehen. Die krummen Stämme, die das Feuer verdeckten, erschienen wie aus schwarzem Metall gegossen, und an ihren Seiten schimmerte rotes, veränderliches Licht. „Nun, wenn ich mir aber Mühe gebe?" fragte Romaschow. „Wenn ich erreiche, was Dein Mann will, oder noch mehr? Was dann?" Sie preßte ihre Wange fest gegen seine Schulter und erwiderte schnell: „Dann— ja, ja, ja, ja." Sie traten schon auf den freien Platz. Der ganze Scheiterhaufen und die kleinen, schwarzen Gestalten um ihn wurden fichtbar. „Romotschka, jetzt das letzte," sagte Alexandra Petrowna hastig, aber mit Kummer und Unruhe in der Stimme.„Ich wollte Ihnen den Abend nicht verderben und habe nicht davon gesprochen. Hören Sie, Sie dürfen nicht mehr zu uns kommen." Er blieb niedergeschmettert, verwirrt stehen. „Warum denn? O, Sascha!..." „Kommen Sie, kommen Sie... Ich weiß nicht,, wer das tut, aber mein Mann wird mit anonymen Briefen bom- barbiert, er hat sie mir nicht gezeigt, sondern nur beiläufig davon gesprochen. Man schreibt ihm häßliche, gemeine Ge- schichten von mir und von Ihnen. Kurz, ich bitte Sie, kommen Sie nicht mehr." „Sascha!" stöhnte Romaschow flehend und streckte die Hände nach ihr aus. „Ach, mir tut das selbst weh, mein Lieber, mein Teurer, mein Zärtlicher! Aber es muß sein. Also hören Sie! Ich fürchte, er wird selbst mit Ihnen darüber sprechen. Ich flehe Sie an, bezwingen Sie sich, um Gottes willen. Leb wohl, meine Freude!" Bevor sie an den Scheiterhaufen kamen, trennten sie sich. Schurotschka ging geradeaus nach oben, Romaschow nach unten und machte einen Umweg am Bache entlang. Das Kartenspiel war noch nicht zu Ende, aber ihre Abwesenheit war bemerkt worden, wenigstens blickte Diez, als Romaschow an den Scheiter- Haufen trat, ihn so frech an und hustete so unnatürlich-aus- fällig, daß Romaschow am liebsten einen Feuerbrand genommen und auf ihn losgeschlagen hätte. Dann sah er, wie Nikolajew vom Spiel aufstand, Schu- rotschka beiseite führte und mit zornigen Gebärden und bösem Gesichtsausdruck lange mit ihr sprach. Sie richtete sich plötzlich auf und sagte ihm mit nicht wiederzugebendem, unzufriedenem und verächtlichem Ausdruck ein vaar Worte. Und dieser große, starke Mensch duckte sich plötzlich unterwürfig und ging wie ein gebändigtes, aber seine Bosheit verbergendes wildes Tier von ihr. Das Picknick war bald zu Ende. Die Nacht wurde kühl und vom Bache wehte es feucht herauf. Der Vorrat an Fröhlichkeit war längst erschöpft, und alle fuhren müde, un- zufrieden, ohne ihr Gähnen zu verbergen, nach Hause. Romaschow saß wieder mit dem Fräulein Michin in einem Wagen und schwieg den ganzen Weg über. In seiner Er- innerung standen die schwarzen, ruhigen Bäume, und der -dunkle Berg, und der blutrote Abendrotstreifen über seinem Gipfel, und die weiße Gestalt der Frau, die im dunkeln, wür- zigen Grase lag. Aber trotz seines- aufrichtigen, tiefen und heftigen Kummers dachte er von Zeit zu Zeit wieder mit Pathos über sich selbst: „Sein hübsches Gesicht war mit einer Kummerwolke über- zogen." 15. Am T. Mai zog das Regiment ins Feldlager, das sich jahraus, jahrein an derselben Stelle, zwei Werst von der Stadt, diesseits des Eisenbahndammes befand. Die jüngeren Offiziere mußten laut Befehl während der Lagerzeit bei ihren Rotten in Holzbaracken wohnen: Romaschow aber blieb im Stadt- quartier, weil die Offiziersbehausung der sechsten Rotte schrecklich baufällig war und einzustürzen drohte und es zur Wiederherstellung am nötigen Gelde fehlte. Er mußte den Tag über vier Wege extra machen: zum Morgendienst, dann zurück ins Kasino zum Mittagessen, dann wieder zum Nach- mittagsdienst und wieder zurück in die Stadt. Das machte Romaschow aufgeregt und müde. Im ersten halben Monat des Lagerlebens wurde er mager und blaß, und seine Augen fielen ein. Uebrigens war es für alle kein leichtes Leben, weder für die Offiziere noch für die Soldatein Man rüstete sich zur Maiparade und kannte kein Erbarmen noch Müdigkeit. Die Rottenkommandeure jagten ihre Rotten zwei bis drei Stunden über die Dienstzeit hinaus auf dem Platz umher. Während des Dienstes ertönten von allen Seiten aus Rotten und Zügen ununterbrochen schallende Ohrfeigein Oft beobachtete Ro- maschow von weitem, zweihundert Schritt entfernt, wie irgend ein ergrimmter Rottenkommandeur seine sämtlichen Soldaten der Reihe nach vom linken bis zum rechten Flügel schlug. Zuerst ein unhörbares Schwingen der Hand und— erst nach einer Sekunde— das trockene Knacken eines Schlages, und nochmals und nochmals und nochmals... Das verursachte ein schwer zu ertragendes, ekelerregendes Gefühl. Die Unter- offiziere schlugen ihre Untergebenen wegen geringfügiger Fehler bei der Instruktion, fiir Aus-dem-Tritt-kommen beim Marschieren— schlugen sie bisweilen bis aufs Blut, schlugen ihnen Zähne aus, schlugen sie an die Ohren, daß das Trommel- fell platzte, warfen sie durch Faustschläge zu Boden. Niemand kam der Gedanke, sich zu beschweren: es lastete wie ein allgemeines, ungeheueres, bösarüges Alpdrücken auf allen, eine Art schrecklicher Hypnose, die das ganze Regiment er- griffen. Zu allem kam noch die fürchterliche Hitze. Der Mai war in diesem Jahre ungewöhnlich heiß. Alle Nerven waren bis aufs äußerste angespannt. Im Offizierskasino kam es beim Mittags- und Abendessen immer häufiger zu dummen Streitigkeiten grundlosen Beleidigungen und Zänkereien. Die Soldaten kamen herunter und sahen wie Idioten aus. In den kurzen Erholungspausen ertönten aus den Zelten weder Späße noch Lachen. Aber man zwang sie dennoch, abends nach dem Appell lustig zu sein. Und die Leute versammelten sich in einem Haufen und brüllten mit gefühllosen Gesichtern gleichgültig: „Seht den russischen SoPaten— Kugeln, Bomben um und um Sind ihm gute Kameraden, Schert den Teufel sich darum!" Taim wurde auf der Harmonika zum Tanz gespielt, und der Feldwebel kommandierte: „Gregorasch, Skworzow, in den Kreis! Tanzt, ihr Schweinekerls!..." Sie tanzten, aber in diesem Tanz wie auch im Gesang lag etwas Hölzernes, Totes, von dem man weinen mußte. Nur in der fünften Rotte führte man ein leichtes, freies Leben. Tie Rotte ging zum Morgendienst eine Sttmde später als die übrigen und kam eine Stunde eher nach Hause. Die Leute sahen alle musterhaft proper, unternehmend aus und blickten jedem Vorgesetzten verständig und kühn in die Augen-; sogar die Uniform und Hemden saßen bei ihnen adretter und netter als bei den anderen Rotten. Ihr Kommandeur, Hauptmann Stelkowski, war ein sonderbarer Mensch: ein Junggeselle, ziemlich reich für das Regiment— er erhielt irgendwoher monatlich etwa zweihundert Rubel—, sehr unabhängig von Charakter, von trockenem, verschlossenem, wenig umgänglichem Wesen und außerdem ein Wüstling. Er lockte als Bedienung junge, oft noch nicht volljährige Mädchen aus einfachen Familien zu sich und schickte sie nach einem Monat mit einer Geldbelohnung, die er für reichlich hielt, nach Hause; und das ging jahraus, jahrein mit unheimlicher Regelmäßig- keit. In seiner Rotte wurde nicht geschlagen und nicht ge- schimpft, wenn es dort auch nicht besonders sanft herging; aber seine Abteilung stand in bezug auf Aussehen und Schlagfertigkeit keinem Garderegiment nach. Stelkowski be- saß in höchstem Maße beharrliche, kaltblütige und sichere Ausdauer und verstand diese Eigenschaft auf seine Unter- offiziere zu übertragen. Was man in anderen Rotten durch Schläge, Strafen, Geschimpfe und arges Schinden in einer Woche erreichte, brachte der ruhige Stelkowski in einem Tage zuwege. Dabei geizte er mit Worten und erhob selten die Stimme; wenn er aber sprach, waren die Soldaten wie ver- steinert. Die Kameraden verhielten sich übelwollend gegen ihn; die Soldaten aber liebten ihn aufrichtig: vielleicht der einzige Fall im ganzen russischen Heere. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck DcrBotcn.) j�aturwisöcnfcbaftUcbe Qcbcv Ficht. Von Dr. C. The sing. Wenn'man einem naiven Naturmenschen die Frage nach dem Unterschiede zwischen Tier und Pflanze vorlegt, so wird er einen verwundert ansehen, daß man nach etwas so selbstverständlichem Überhaupt fragen kann. Es rührt dieses daher, weil die Mehrzahl der Menschen überhaupt nur die höheren Tiere und Pflanzen kennt, und in der Tat sind ja die Unterscheidungsmerkmale zwischen einem Elefanten, einer Maus, einem Fisch, Schmetterling, Wurm auf der einen Seite und einem Kirschbaum, einer Blume, Gras, Farnkraut oder Moose andererseits so in die Augen springende, daß niemand einen Augenblick im Zweifel sein wird, ivelchem der beiden Natur- reiche die einen oder die anderen zugeteilt werden müssen. Wie ist es aber, wenn wir tiefer auf der Stufenleiter beider Reiche heruntersteigen zu einfacheren Formen? Ist da die Grenze mich»och so sicher? Betrachten wir z. B. einen Stock der Edelkoralle, mit seiner baumartigen Verästelung, mit seinen vielen Hunderten von einzelnen Bewohnern und gleichzeitigen Baumeistern, den Polypen, die lvie kleine, leuchtende Blüten aus seinen Zweigen hervorschauen. Oder sehen wir uns mal ein nahe verwandtes Lebewesen, eine Seerose an, eines jener herrlichen Geschöpfe, die in großen Scharen die Felsen des Meeresbodens wärmerer Gegenden wie mit einem farbenprächtigen Blumenteppich überziehen, und die stets einen Hauptreiz des Berliner Aquariums bilden I Da iviirde doch mancher, selbst trefflicher Beobachter schwanken, ob er ein Tier oder eine Pflanze vor sich hat. Ja selbst die Fachgelehrten rechneten bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts Korallen so gut wie Seerosen dem Pflanzenreiche zu. Als dann der französische Marinearzt P e y s o n n e l in einer eingehenden Untersuchung die tierische Natur dieser Lebewesen nachwies und seine Arbeit der Akademie der Wissenschaften zu Paris vorlegte, glaubte der damalige Präsident der Akademie, der berühmte Physiker R 6 a u m u r, den Namen des Entdeckers verschweigen zu müssen, um ihn nicht dem allgemeinen Gespött auszusetzen. Und doch sind die Polypen, wie wir jetzt wissen, ihrem ganzen inneren Bau nach unzweifehafte Tiere. Noch viel weniger würde man in den Schwämmen, deren ge- meinsten Vertreter, den Badeschwamm, ja jeder kennt, Tiere ver- muten. Unbeweglich sind sie aus dem Meeresboden festgewachsen und keine Bewegung läßt vermuten, daß Ivir überhaupt ein lebendes Geschöpf vor uns haben. Und in der Tat konnte erst genaue mikroskopische Untersuchung und die Entdeckung ihrer Entwickelungs- geschichte ihre tierische Natur erweisen. Die Jungen der Schwämme verlassen nämlich als kleine, mit feinen Haaren besetzte Larven den Körper ihrer Mutter und schlvimmen munter umher. Erst nach mehreren Tagen heftet sich die Larve auf einein Steine fest und wandelt sich zum Schwämme um., Wenn nian nach dem Gesagten zugeben muß, daß der bloße Augeitschein häufig nicht ausreichend ist, um Tiere und Pflanzen von einander zu unterscheiden, so wollen wir jetzt noch kurz die Merk- male prüfen, aus denen die Wissenschaft die Trennung der Lebewesen in die beiden Naturreiche gegründet hat. Als durchgreifendster und wichtigster Unterschied ist vor allem die verschiedene Art des Stoff- Wechsels zu nennen. Während die Tiere und natürlich auch der Mensch zu ihrer Ernährung auf bereits vorgebildete, organische Stoffe, also auf andere Lebewesen angewiesen sind, besitzen die Pflanzen die Fähigkeit, ihre Nahrung direkt aus der sie umgebenden Luft zu beziehen. Dank gewisser winziger, in ihren Körverzellen befindlicher Gebilde, des Blattgrüns, sind die Pflanzen nämlich befähigt, dirett die Kohlensäure der Luft aufzunehmen und sie unter der chemischen Einwirkung des Sonnenlichtes zu Kohlen- Hydraten(Stärke und anderen Rähntoffcnj und Sauerstoff umzuwandeln. Elftere dienen den Pflanzen teils sofort zur Ernährung, zum größten Teil werden sie jedoch als Reservestoffe in den Geweben, namentlich in den Wurzelknollen und Samen auf- gespeichert, während der Sauerstoff ausgeatmet wird. Die Tiere hingegen atmen Sauerstoff ein und scheiden Kohlensäure aus, so daß eine ewige Ergänzung, ein fortwährender Kreislauf der Stoffe zwischen den beiden Reichen stattfindet. So scheint es denn in der Tat, als hätte man in dem Bor- handensein oder Fehlen des Blattgrüns und der dadurch bedingten Verschiedenartigkeit der Ernährung ein entscheidendes Merkmal, zu welchem Reiche ein Organismus gestellt werden muß. Vor einer Reihe von Jahren entdeckten jedoch Forscher einen, in unseren heimischen Gräben und Tümpeln lebenden. Verwandten der Seerosen, den kleinen Süßwasserpolypen Elyftra. viridis. Daö zierliche Tierchen zeichnet sich vor allem durch eine schöne, grüne Färbung aus, die sich bei der Untersuchung als echtes Blartgriin erwies. Damit schien dieses sicherste Kennzeichen der Pflanzen ge- fallen zu sein, bis endlich festgestellt wurde, daß diese Blattgrün- körperchen gar nicht von der Hydra erzeugt werden, gar nicht ihrem Körper angehören, sondern kleine einzellige Pflanzen, sogenannte Algen sind, die von außen in die Körpcrwand des Tierchens eingedrungen, hier üppig wachsen und sich ver- mehren. Aber wenn das Blattgrün auch in diesem Falle seine Bedeutung als Unterscheidungsmerkmal behält, an einer anderen Stelle leider es gänzlich Schiffbruch. Es gibt nämlich eine große, artenreiche Klaffe im Pflanzenreiche, deren sämtlichen Angehörigen das Blatts grün vollständig fehlt, und die infolgedessen auch die Fähigkeit ihre Nahrung auS der Lust zu beziehen verloren haben, sich in der gleichen Weise wie die Tiere ernähren müssen, ich meine die Pilze. Eben- falls haben viele andere Schmarotzerpflanzen das Blattgriin ver- loren. Wir sehen also, daß dieses Unterscheidungsmerkmal wohl für viele Fälle genügt, aber durchaus nicht für alle. Seit Beginn der wissenschaftlichen Naturforschung wurde den Pflanzen nur die Fähigkeit der Ernährung und Fortpflanzung zu- geschrieben, während den Tieren außerdem noch Empfindung und Bewegung zukommen sollte. Nun haben wir aber bereits gesehen, daß zahlreiche niedere Tiere, Korallen und Seerosen, keine Orts- bewegung besitzen, ja die Schwämme weisen überhaupt keinerlei Bewegungscrscheinungcn auf und sind auch gegen alle nur möglichen Reize völlig unempfindlich. Ja. es gibt sogar recht hochstehende Tiere, z. B. einen Krebs, die sogenannte Entenmuschel, die ihre Ortsbewegung eingebüßt haben und auf Steinen oder Pflanzen- stengeln scstgewachsen sind. Den Namen„Entenmuschel" führt das Tier, weil die Mönche des Mittelalters behaupteten, daß aus ihm eine bestimmte Entenart entstünde, und da sie die Entenmuscheln für Pflanzen hielten, so meinten sie, auch die Enten wären eigentlich Pflanzen und niemand könnte etwas dagegen haben, wenn sie sie als Fastenspeise verzehrten. Doch kehren wir wieder zu nnserem Gegenstande zurück. Wir sahen also, daß es Tiere gibt, die keine Beweaungsschwingimgen zeigen, andererseits kennen wir Pflanzen, die aus gewiffe Reize hin lehr lebhafte Bewegungen auszuführen vermögen. Das beste Beispiel bilden die Mimosen. Die Blätter der Mimosen sind sehr ähnlich gebaut wie die unserer Akazien. Für gewöhnlich hält die Pflanze ihre Blätter in wagerechter Stellung und die einzelnen Blattfiedern gespreizt; sowie man jedoch den Stamm kräftig berührt oder auch mir leise ein Blatt anfaßt, senkt es sich sofort herunter und die ein- zelnen Fieder werden zusammengeklappt. Wenn aber auch die erwachsenen Pflanzen keine sichtbaren Bewegungen mehr auszuführen vermögen, so sind häufig wenigstens ihre Kennzellen lebhaft beweg- lich. So schwimm«, die Sporen vieler Algen tagelang im Wasser umher, ehe sie sich festsetzen und zu einer neuen Pflanze ausloachsen. Also auch dieses Merkmal muß als nicht ausnahmslos gültig fallen gelassen werden. Ebenfalls haben neuere Untersuchungen dargetan, daß die Behauptung nicht richtig ist, nur die Pflanzen hätten die Fähigkeit Zellulose-Holzfaserstoff zu bilden, einen Stoff, der ja in der Technik bei der Papierfabrikation und der Bereitung der Schießbaumwolle eine wichtige Rolle spielt. Wir wissen jetzt vielmehr, daß Zellulose sich nicht nur im Panzer mancher niederen Tiere findet, sondern daß sogar die Mantelhülle der Scescheidcn, der nächsten Verwandten der Wirbeltiere, aus reinen, Holzfaserstoff besteht. Vollständig unmöglich wird aber jede Trennungslinie, wenn wir noch tiefer in dein tierisch-pflanzlichen Systeme heruntersteigen bis in das Reich der einzelligen Lebeivesen. Hier wird es in der Mehr- zahl der Fälle zur reinen Willkür, ob man den einen Organismus den Tieren oder dem Pflanzenreiche zurechnen will. Tatsächlich werden auch wirklich viele dieser einfachsten Lebewesen in gleicher Weise in den zoologischen wie in den botanischen Lehrbüchern ab- gehandelt. Fassen wir jetzt kurz das Resultat des bisher Gesagten zu- sammen, so sehen wir, daß es eine natürliche Trennung der lebenden Natur in zwei gesonderte Reiche überhaupt nicht gibt. Und so sehr sich auch ein hochentwickeltes Tier von den höchsten Pflanzen unterscheidet, iir ihrer Entstehung, ihrer Wurzel hängen die beiden Reiche dennoch eng zusammen und gehen in einander über. Tiere wie Pflanzen sind nur zwei Aeste an dem einen einheitlichen Baume des Lebens. Und wenn man in der Wissenschaft trotzdem diese scharfe TrcnnungSlinie zieht, so sind cS nur Gründe der Zweck« Mäßigkeit zur besseren Arbeitsteilung, die dieses Vorgehen recht- fertigen.— kleines feuilleton. rv. Pöbel— Bafel. Ich habe das letztere Wort früher oft im „Vorwärts" geftinden. Wenn ich nicht irre, rührte eS von unserm alten Liebknecht her, der es in seinen Leitartikeln öfters im Sinne von Schund gebrauchte. Der Buchdrucker-Duden klammert hinter Bafel als Erklärung das Wort Ausschußware ein. Im Oberdeutschen kommen neben Bafel noch die Formen Bösel, Pofel, Pasel in dem angegebenen Sinne vor. Das ist aber keineswegs die Grund- bedeutnng, wie man aus der Wendung: ein Pofel Leute, Schafe ze. leicht ersehen kann. Hier bedeutet es vielmehr eine große Menge, buntes Gewimmel, aber das, wovon eine große Menge vorhanden ist, verliert leicht seinen Wert und der Schritt zur weglverfenden, verächtlichen Auffassung ist nicht mehr groß. Bafel ist also doch nicht gar dasselbe Wort wie Pöbel? Aber gewiß ist es das: beide Wörter stammen von dem provenzalischen pöble her, daS alt- französisch poblus lautete und auf das lateinische xopnlus zurückgeht. Die umgelautere Form Pöbel entspricht dem französischen pouplo. Die ursprüngliche Bedeutung war also Volk, Volksmenge, Einwohner« schaft, Leute im allgemeinen, sodann(oft mit einem Beiwort) daS gemeine, geringe Volk, die niederen Stände, endlich der große Haufen, das gewöhnliche rohe Volk, rohe Leute überbanvl in bezn aus Tat Wort oder Gesinnung. Ursprünglich hatte also daZ Wort gar nichts Wegwerfendes an sich, und ich hätte den sehen mögen, der vom xopulus Eomanus(römisches Volk) hätte verächtlich sprechen lvollen. Erst allmählich entwickelt sich der schlimme Sinn, wie er in dem heute gebrauchten Bafel und Pöbel vorliegt. Wer gehört denn nun eigentlich zum Pöbel, da man sogar von einem Pöbel im Zyliuderhute spricht V Nun alle die, die ohne Not oder Zwang nicht nur keine Rücksicht auf Menschen und Tiere nehmen, indem sie ihren Handlungen und Aensierungen keine Mäßigung auferlegen, sondern andere sogar durch ihre Roheiten geradezu belästigen. Wer z. B. nachts oder des Morgens in aller Frühe die Treppen hinnnterpoltert, so daß es sich anhört, als ob «in Gewicht von fünfzig Pfund heruntergekollert würde, wer in aller Frühe beim Aufstehen mit den Stühlen'umherschiebt oder Holz und Preßkohlen zu zerschlagen beginnt, anstalt das am Abend vorher zu besorgen, so daß die übrigen Bewohner erschreckt aus dein Schlafe fahren, wer bei offenem Fenster aufs Klavier paukt und seine tief- empfimdenen Lieder dabei iu die Nacht hinausbrüllt, oder auf die Lesscntlichkeit übergehend, wer ernstliche politische Versammlungen, wo einsichtige Leute unser Erdendakein durch ihre Erörterungen erträglich zu machen suchen, durch wüsten Lälm zu stören unter« nimmt, der gehört zum Pöbel, das ist— Bafel.— en. Die Verschleimung des MeereS. Das Sectvasser wird außerhalb der Häfen für rein gehalten, aber man müßte statt dessen den Begriff„reinlich" setzen, damit das Wort wahr würde. Ganz reines Wasser gibt es in der Natur überhaupt nicht, und das Meer- Wasser ist schon durch seinen starken Salzgehalt noch weiter davon entfernt, als selbst das trübe Süßwasser eines großen Flusses. Auch Batterien finden sich bekanntlich im Seewasier, vor allem aber noch außerordentlich viel mehr andere Lebewesen als in Seen oder gar im fließenden Wasser. Währeird wir größere Tierformen nicht eigentlich als einen Bestandteil des Wassers ansehen, so sind die unzähligen rnilroskopischen Lebewesen vom Wasser gar rncht zu trennen. Sie werden auch von der Naturforschung in einen großen Begriff des Plankton zusammengefaßt, obgleich die einzelnen Tier- chcn und Pflänzchcn, die dazu geljöreii, selbstverständlich jedes für sich untersucht und benannt worden sind. Zuweilen treten sie so zahl- reich auf, daß das Wasser von einer einzigen Form eine Trübung und eigentümlich« Färbung annimmt. So hat das Rote Meer seinen Namen von einer mikroskopischen Alge, und andere nicht minder kleine Gewächse vermögen dem Meer- oder Süßwasser eine Färbung in Gelbgrün oder Braun zu verleihen. Uebrigcns sind auch ivinzige Krebstiere dazu imstande. Am berühmtesten ist als derartiger Effekt das Mecr'.cuchten, das gleichfalls durch ungeheure Vermehrung gewisser winziger Tiere und Pflanzen hervorgerufen wird. Professor Cori spricht in der Wochenschrift„Umschau" i» dieser Hinsicht von einer Verschleimung des Meeres, die er im Adriatischen Meer, besonders am Golf von Trieft, im Hochsommer mehrfach bcob- achtet hat. Man sieht dann im klaren Seewasser mit bloßem Auge eigentümliche Schlcimmassen treiben, die aus Milliarden von Geißel- tierchcn aus der Klasse der Urtiere bestehen. Zuweilen kmrn man stundenlang mit einem schnellen Schiff fahren, ohne daß man aus den rerschleimten Gcivässern herauskommt. Oft geraten die schlcimihcn Wolken bei Nacht auch in ein prächtiges grünes Leuchten. Das wichtigste ist, daß die Verschleimung des Meeres hemmend auf den Fischfang wirkt; die Fischer nennen sie daher auch„Meer- krankhcit".•— Musik. Es ist nicht unzweckmäßig, mit neuen, unbekannten Komposi- tionen einmal gleich sturzweise hervorzubrechen. In dieser Weise kam vorgestern(Sonntag) ein„N o v i t ä t e n k o n z e r t" als Mittagsvorstcllung in Kellers Festsälen zustande. Veranstalter war der Tirigentenverband Berlins und Umgegend; Mitwirkende waren mehrere Gesangvereine aus dem Arbeiter- Sängerbund und einige Solokünstlcr. Wenn die in dieser Richtung arbeitenden Komponisten auf der Höhe modernen Könnens stechen wollen, so dürfte es dock» rätlich sein, eine eigenartigere Auswahl von Tepten zu treffen. Die komponierten Lieder waren als Dichtungen fast lauter letzte Aufgüsse auf ver- gangcne Romantik. Das mag wohl dazu beigetragen haben, daß die Kompositionen selber mehr nach älteren als nach neueren Weisen hnincigten. Es ist natürlich eine sehr gewagte Sache, unter dem annäbcrnden Dritzend von Komponisten, die hier zur Geltung kamen, eine Auslese nach dem Wert ihrer Leistungen zu mache». Es ist aber kaum weit gefehlt, wenn wir zwei Lieder von H. Schulten voran- stellen. Unter ihnen gefiel uns das Stück„Da zieht'S mich hin!" noch besser als der„Bundes-Festgesang". Ungefähr ebenso wertvoll, insbesondere durch etwas Stimmungsvolles, dürfte die von E. P a h l komvonierte„Waldeinsamkeit" sein,»ach einem an sich schon sehr shmvathischen Gedichte von H. Lcnthold. Manche andere Stücke zeichneten sich teils durch Schlichtheit aus, wie z. B,„Lenzeswonne" von E. S ch i e b o l d, teils durch eine interessante Gestaltung, wie z. B.„Frühlingsswrm" von Angerer u. dergl. m. Noch andere Lieder blieben in der bekannten Einförmigkeit der Liedertafel. Ab- gesehen von diesen Verschiedenbeiten möchten wir aber den meisten Komponisten dringend eine größere Sorgfalt in der Betonung des Textes raten, statt daß sie die Hauptakzente auf den Artikel, auf unter» geordnete Fürwörter, auf Vorwörter usw. legen; und der Vers„So viele Jahr« sind in Eintracht froh verflossen" bekommt seit Richard Wagner seine Zaesur nicht zwischen„sind" und„in", sondern zwischen „Jahre" und„sind". Unter den Solisten möchten wir kurz die Sopranistin Fräulein Margarethe Henning und den Violinisten Ludwig Wagner hervorheben. Dagegen schien uns die Auswahl der Solostücke für diese Stelle und Gelegenheit weniger günstig, aus qualitativen wie aus quantitativen Gründen. Das Konzert sollte um 12 Uhr beginnen und war um 3 Uhr zwanzig Minuten, nach dem letzten neuen Kompositionsstück, noch nicht zu Ende. Wir haben auf derartige Schwerfälligkeiten in ähnlichen Konzerten schon öfter hingewiesen und möchten abermals zu bedenken geben, daß eine künstlerische Veranstaltung, die wirklich eine solche und nicht bloß ein ehrenwertes Stück Vereinslebcn sein will, auch die entsprechende Unterscheidung von einem solchen braucht. Das alles hindert natürlich nicht, daß wir mit Vergnügen in die oft betonte und begründete Freude einstimmen, die schon über- Haupt die Pflege eines volkstümlichen Chorgesanges bereiten kann; nicht zuletzt wegen des Zuges von Wärme, der darin meistens zu spüren ist und tatsächlich auch diesem Konzerte nicht gefehlt hat.— sr. Kunst. «.8. D e u t s ch e P a st e l l a u s st e l I u n g im Künstler- Hause. Selten halten die Künstler die Grenze inne, die der Pastell- technik gezogen ist. Sie wollen damit malen wie mit Oelfarben, deren gewichtiges Material gestattet, die Wirklichkeit in all ihren Nuancen getreu wiederzugeben. Die Pastellmalerei ist aber immer eine Uebersetzung der Wirklichkeit. Der Maler benutzt das Papier als farbiges Nüttel mit, setzt hier einen Farbenfleck und da einen flüchtigen Strich hin und so gelingt es ihm, einen momentanen Reiz festzuhalten. Dieses Leichte, Schnelle verführt die Dilettanten, sich mit Borliebe dieser bequemen Technik zu bedienen, die so leicht nach etivas ansfieht, ohne viel Arbeit und Schwierigkeiten zu machen. Darum war die Pastellmalerei die typische Kunst der Rokokozeit, deren Flitterstaub sie gut wiederzugeben verstand. Alsman in Perücke und Reif- rock frisiert und gepudert herumlief, da konnte man diese Kunst ae- brauchen, die man allerdings graziöse und geschmackvoll handhabte. Heutzutage aber fehlt u»S eigentlich der Sinn für dieses Leichte, Hintändelnde und wir empfinden das Pastell leicht als süßlich. Manche Künstler lassen diesen flüchtigen Reiz der Technik ganz ver- gessen und malen große Bilder in schweren Farben in Pastell, wie Kayser-Eichberg mrd Mohrbutter, Arbeiten, in denen viel Ernst und Kraft steckt, die man aber lieber in Oel sehen würde. Die große italienische Landschaft des ersteren wirkt schwer im Ton und läßt gar nicht mehr an Pastell denken. Und Mohrbutter nimmt in seinem weiblichen Akt der Technik jede Feinheit, verleiht ihr eine Gründlichkeit und Festigkeit, die ihrem Wesen widerspricht. Andere Maler nehmen Wasserfarben zu Hülfe, um den Bildern eine schönere Tiefe und Flüssigkeit de? Eindrucks z» geben, sie»vollen der Wahrheit des Natureindrucks näher kommen. So macht es Dettmann auf einigen seiner Landschaftsbilder, die im Motiv einfach, in der Darstellmigsart jedoch kompliziert und oft sentimental sind. Die glühende Sonne über dem Ackerfelde Ivirkt unnatürlich. Ihre Strahlen sind allzu sehr abgezirkelt. Auch Hamachers Marinefsizzen wirken genau so wie seine Oelbilder, haben genau den gleichen, grünlichen Ton, der durch die Wasser- atmosphäre bedingt ist. Man wird keinen Unterschied im Eindruck haben, stellt man ein Oelbild von ihm neben ein Pastellbild, und doch sind diese Techniken so scharf von einander geschieden, Am besten können die Pastelle des toten Bruno P i a l h e i n sagen,>vie ein Pastell gemalt werden muß. Die Bilder befriedigen an sich nicht so erheblich, aber sie zeigen den Wert und die Grenzen der Technik in sachlicher Weise. Auf grauem Papier, dessen Ton immer mitspricht, ist mit schnellen Strichen leicht ein Frauenporträt hingeschrieben. Die Toilette wird skizzenhaft mitbenutzt und mit einigen Strichen umschrieben. Das Fleisch zeigt leise Tönung. Alles ist nur vorsichttg ausgedrückt und will nicht Wirklichkeit geben. nur Andeutung. Der Ausdruck ist lebhaft und man merkt, daß der Maler dem Modell gern ein ivenig schmeichelt und dahin strebt, mit ein paar Strichen schnell die Reize in das beste Licht zu setzen. Auch die jtzinderbilder von T h e d y(Weimar) sind in gleicher Weise treffsicher erfaßt und durchgeführt. Zarte Handhabung der Techink, hier uird da ein Farbflecken. auS die»« flüssigen Schrift ergibt sich leicht und locker ein frisches Kindergesicht. Der Eindruck ist nicht reichhaltig, fesselt nicht, aber er gefällt im Vorbeigehen, Unter den Landschaften findet man noch am ehesten beftiedigende Arbeiten. Das Skizzenhafte wird hier bewußt beibehalten. Rament- (ich Hertels Studien aus Italien, Florentiner Ansichten, deren graue Häuser, graue Berge so duftig wirken und ein so feines Zusannnenspiel von leichten Tönen ergeben, fallen auf. Brendel geht den Reizen alter Gärten und Parks nach und findet hier inanches brauchbare Motiv, eine schattige Allee, einen Ruheplatz, alles schnell und zart angedeutet. L a n g h a m in e r studiert Regen- stimmungen, es gelingt ihm, de» Dunst nach Regen, der alle Er- scheimingen verschleiert, wiederzugeben. Mit einem Großstadtbild interessiert Vetter, eine BeleuchlungSstndie, Licht, das sich im nassen Pflaster wiederspiegelt.— Berantwortl, Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer SrCo. Berlin