NnterhaltungsblaSt des vorwärts Nr. 209. Donnerstag, den 26� Oktober. 1905 lNachdeucl Devbuteii.) 271 Das Duell Noman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. In Osadtschis Rotte!var durch lange, hartnäckige Mühe beim Marschieren ein besonderer, übermäßig langsamer und fester Schritt herausgearbeitet worden, bei dem die Soldaten die Füße sehr hoch aufhoben und kräftig auf den Boden schlugen: das machte großen Lärm, sah sehr forsch aus und bildete den Gegenstand des Neides sämtlicher übrigen Rotten- kommandeure. Aber kaum hatte die erste Rotte fünfzehn Schritte gemacht, als ein ungeduldiger Ruf des Korpskommandeurs ertönte: „Was ist denn das? Lassen Sie Halt machein Halt! Rottenkommandeur, bitte, zu mir. Was führen Sie denn da auf? Ist das ein Leichenzug? Oder Fackelzug? Blei- soldaten? Marschieren in drei Tempos? Herr Hauptmann, wir leben jetzt nicht zur Zeit Nikolais, wo man fünfundzwanzig Jahre diente. Wie viel überflüssige Zeit haben Sie auf dieses Corps de bullet verwandt! Wie viel kostbare Zeit!" Osadtschi stand vor ihm, groß, unbeweglich, finster, mit bloßem gesenkten Säbel. Der General schwieg einen Augen- blick und fuhr dann ruhiger, mit traurigem und spöttischem Ausdruck fort: „Wollen Sie denn den Leuten die ganze Freude am Marschieren verderben? Ach, ihr Sonntagskrieger! Fragt man Sie aber... Da, hier, bitte, wie heißt der Bursche?" Der General deutete auf den zweiten Soldaten vom rechten Flügel. „Jnatius Michailow, Erzellenz," erwiderte Osadtschi in gleichgültigem, hölzernem Soldatenbaß. „Gut. Aber was wissen Sie von ihm? Ist er ledig? Verheiratet? Hat er Kinder? Vielleicht hat er in seinem Torfe irgend einen Kummer? Eine Not? Ein besonderes Anliegen? Was?" „Kann ich nicht wissen. Euer Exzellenz. Hundert Menschen. Schwer zu behalten." „Schwer zu behalten!" wiederholte der General be- kümmert.„Ach, Leute, Leute! Es heißt in der Schrift: „Tötet den Geist nicht", aber was macht Ihr? Deckt doch dieses selbe heilige, graue„Tierchen", wenn es zum Kampfe kommt. Euch mit seiner Brust, trägt Euch auf seinen Schultern aus der Schlacht, bedeckt Euch bei der Kälte mit seinem durchlöcherten Mantel! Ihr aber sagt:„Kann ich nicht wissen"!" Und in augenblicklicher Erregung, nervös und ohne Grund am Zügel zerrend, rief der General über Osadtschis Kopf hinweg dein Regimentskommandeur zu: „Oberst, lassen Sie die Rotte abtreten. Ich will sie nicht sehen. Weg, weg, fort! Hanswurste! Marionetten! Dick- köpfe!" Damit begann der Neinfall des Regiments. Die Er- müdung und Furcht der Soldaten, die unsinnige Grausamkeit der Unteroffiziere, das herzlose, routinierte und fahrlässige Verhalten der Offiziere im Dienst— alles das kam klar und schimpflich bei der Besichtigung zum Vorschein. In der zweiten Rotte kannten die Soldaten das„Vaterunser" nicht; in der dritten wurden selbst die Offiziere konfus, als die Glieder aufgelöst wurden; in der vierten passierte einem Sol- baten bei den Gewehrgriffen ein Malheur. Die Hauptsache aber war, daß ikicht eine Rotte einen Begriff von der Abwehr unerwarteter Kavallerieattackcn hatte, obwohl man sich darauf vorbereitet hatte und ihre Bedeutung kannte. Diese Manöver waren vom.Korpskommandeur selbst erfunden und in die Praxis eingeführt, beruhten auf schnellen Neuformierungen und erforderten jedesmal von den Vorgesetzten Geistesgegen- wart, schnellen Ueberblick und bedeutende eigene Initiative. Hierbei fielen der Reihe nach alle Rotten außer der fünften ab. Wenn der General eine Rotte besichtigt hatte, ließ er alle Offiziere und Unteroffiziere aus der Front treten und fragte die Mannschaft, ob sie mit allem zufrieden wäre, ob sie alles gehörig erhielte, ob keine Klagen und Beschwerden vorzu- bringen wären? Aber die Soldaten schrien alle zugleich:„Zu Befehl, sind mit allem zufrieden." Als die erste Rotte gefragt wurde, hörte Romaschow, wie hinter ihm ein Feldwebel dieser Rotte, Nynda, in zischendem und drohendem Tone sagte: „Soll mir einer von Euch sich beschweren! Dann werds ich es ihm schon zeigen!" Um so prächtiger schnitt dafür die fünfte Rotte ab. Die stattlichen, frischen Leute erledigten die Rottenübung in so leichtem, sicherem und munterem Schritt, mit solcher Geschick» lichkeit und Verve, daß es schien, als sei die Besichtigung für sie nicht eine schreckliche Prüfung, sondern ein lustiger, gar nicht schmieriger Zeitvertreib. Der General machte noch ein finsteres Gesicht, warf ihnen aber schon ein:«Gut, Leute!" hin. und das war das erstemal während der ganzen Be- sichtigung! Durch seine Abwehr von Kavallerieattacken eroberte Siel- kowski endgültig den Korpskommandeur. Der General selbst markierte durch schnelle, Plötzliche Kommandos den Feind: „Kavallerie rechts, achthundert Schritte Distanz!" und Stel- kowski ließ, ohne eine Sekunde zu verlieren, sofort seine Rotte Präzis und ruhig Halt niachen, ließ gegen den markierten Feind, der in Karriere heransprengte, in Zügen einschwenken, kommandierte:„Zum Chargieren halt!— erster Zug auf die Knie, zweiter im Stand"— bestimmte das Ziel, ließ zwei oder drei Salven abgeben und stellte die frühere Formation wieder her!— „Ausgezeichnet, Leute! Danke, Kerls!" lobte der General. Nachdem die Rotte wieder mit in Linie ausgestellt war, zögerte der General, sie zu entlassen. Er ritt langsam die Reihen eiülang, blickte forschend mit besonderem Interesse den Soldaten inS Gesicht, und ein feines, zufriedenes Lächeln leuchtete durch den Kneifer in seinen großen Augen unter schweren, gesenkten Lidern. Plötzlich hielt er das Pferd au und wandte sich zu seinem Stabschef um. „Nein, sehen Sie, Oberst, was die Kerls für Gesichter haben! Sie füttern sie Wohl mit Pasteten, Hauptmann. Hör' Du, Dickschnute"— deutete er mit einer Kinnbewegung auf einen Soldaten— heißt Du Kowal?" „Zu Befehl, Exzellenz, Michailo Boriitschuk!" rief der Soldat fröhlich, mit zufriedenem.Kinderlächeln. „Nu, sieh' einer an, und ich dachte Kowal. Da habe ich mich also geirrt," scherzte der General.„Nichts zu wollen. Hat nicht geschnappt..." schloß er mit einem lustigen, zynischen Scherz. Das Gesicht des Soldaten zerfloß in einem dummen und fröhlichen Lächeln. „Zu Befehl, nein, Exzellenz!" schrie er noch lauter.„In unserem Dorfe lebte ein Schmied. Das war Kowal." „Na, siehst Du Wohl," nickte der General freundlich. Er war stolz auf seine Soldatenkenntnis.„Na, Hauptmann, ist das ein guter Soldat?" „Sehr guter. Meine Leute sind alle gut," erwiderte Stelkoivski in seinem gewöhnlichen, sicheren Tone. Die Brauen des Generals zitterten böse, aber seine Lippen lächelten, und dadurch wurde sein hübsches Gesicht gut und greisenhaft freundlich. „Nun, das scheint Ihnen wohl so, Hauptmann... Haben Sie Strafen?" „Nicht eine, Exzellenz. Vier Jahre lang nicht eine." Ter General beugte sich schwer im Sattel nieder und streckte Stelkowski seine dicke Hand in offenem Weißen Hand- schuh hin. „Ich danke Ihnen herzlich, mein Lieber," sagte er mit zitternder-Stimme, und in seinen Augen glänzten plötzlich Tränen. Er liebte es bisweilen, wie manch anderer wunder» licher General, zu weinen.„Ich dank» Ihnen. Sie haben einen alten Mann getröstet. Danke, brave Kerls!" rief er der Rotte energisch zu. Dank dem guten Eindruck, den Stelkowski hinterließ, lief die Besichtigung der sechsten Rotte verhältnismäßig gut ab. Der General lobte nicht, aber schalt auch nicht. Aber auch die sechste Rotte blamierte sich, als die Soldaten nach der in Holzrahmen eingenähten Strohpuppe stachen. „Nicht doch, nicht so, nicht so, nicht so," rief der Korps- kommandeur und rückte im Sattel hin und her.„Ganz anders! Freund, hör' mich an. Stich beim Herzen, gerade in die Mitte, Bajonett bis an die Parierstange. Stich nur — 8: ordentlich zu! Schiebst kein Brot in den Ofen, sondern stichst einen Feind nieder.. SDte übrigen Rotten fielen eine nach der anderen herein. Der Korpskommandeur hörte sogar auf. sich zu erregen, rnachte seine charakteristischen saftigen Bemerkungen und saß schwer- gend, krumm, mit gelangweiltem Gesichtsausdruck auf seinem Pferde. Die fünfzehnte und sechzehnte Rotte besichtigte er gar nicht mehr, sondern sagte nur widerwillig, niatt mit der Hand abwehrend: „Ach, diese... Embryos." Blieb noch der Parademarsch übrig. Das ganze Regiment wurde in Tiefkolonne zusammengezogen. Wieder sprangen die Points vor, stellten sich am rechten Flügel auf und gaben die Marschrichtung an. Es war unerträglich heiß. Me Leute wurden schlapp vor Hitze, von den schweren Ausdünstungen der eigenen auf einem kleinen Raum zusammengedrängten Körper, vom Gestank der Stiefel, schlechten Tabaks, schmutziger Menschenhaut und im Magen verdauten Schwarzbrotes. Aber vor dem Parademarsch wurden alle munter, die Offiziere baten fast die Soldaten:„Kerls, reißt Euch mal ordentlich zusammen, daß wir beim Parademarsch gut ab- schneiden. Legt uns nicht herein." Und in dem Verkehr der Vorgesetzten mit den Untergebenen kam jetzt etwas Ein- schmeichelndes. Unsicheres und Schuldbewußtes zum Vorschein. Es war, als wenn der Zorn einer so unerreichbar hohen Person wie des Korpskommandanten plötzlich Offiziere wie Soldaten mit einer schweren Last bedrückte, ihre Persönlichkeit aufhob und gleich machte und alle gleichmäßig erschreckte und verwirrte und vernichtete. „Regiment, stillgestanden... Spielleute vor!" drang das Kommando Schulgowitsch' von weitem herüber. Und sämtliche anderthalbtausend Menschen rührten sich eine Sekunde mit dumpfem, hassigem Geflüster, verstummten plötzlich und nahmen unmittelbar Grundstellung ein. Schulgowitsch war nicht zu sehen. Wieder rollte seine Ssimme laut schallend und überfließend dahin: „Regiment, das Gewehr über!..." Die vier Bataillonskpnimandeure wandten sich auf ihren Pferden ihren Abteilungen zu und kommandierten nach ver- schiedenen Richsimgen: „Bataillon, das Ge— wehr!..." und sogen sich mit Blicken in den. Regimentskommandeur ein. In weiter Ferne vor dem Regiment blitzte ein Säbel in der Luft und senkte sich. Das war das Signal für das Regi- mentskommando, und die vier Bataillonskommandenre schrien auf einmal: „... über!" Das Regiment warf mit dumpfem Dröhnen ungleich- mäßig die Gewehre hoch. Irgendwo klirrten Bajonette. Dann kommandierte Schulgowitsch, die Worte übermäßig in die Länge ziehend, feierlich, strenge, freundlich und laut mit der ganzen Kraft seiner ungeheueren Lungen: „Pa— ra— de— marsch!..." Jetzt sangen schon alle sechzehn Rottenkommandeure durch- einander mit verschiedenen Stimmen: „Parademarsch!" llnd irgendwo in der Queue der Kolonne rief ein zurück- gebliebener Rottenkommandeur hinter den anderen in schlich- ternem Tone, beim Sprechen sich verschluckend und das Kom- mando nicht zu Ende rufend: „Pa— ra— de—..." und schnappte plötzlich ab. „In Halb— rotten!" ertönte Schulgowitsch' Stimme. „In Halbrotten!" wiederholten die Hauptleute sofort. „Zweiundzwanzig Schritte Abstand!" strömte Schulgowitsch über. „Zweiundzwanzig Schritte Abstand!" „Au— gen re— echts!" '„Augen rechts!" wiederholte ein vielstimmiges, buntes Echo. Schulgowitsch wartete zwei, drei Sekunden und warf kurz hin: „Erste Halbrotte— vorwärts!" Durch die dichten Reihen dumpf hinschallend und sich auf dem Boden entlang wälzend, ertönten vorn die siefen Kom- Wandos Osadtschis. „E— errste Halbrotte. Augen rechts. Vorwärts... Marsch!" Vorn dröhnten auf einmal die Regimentstrommeln. Man konnte hinten sehen, wie von dem geneigten Bajonettwalde sich eine lange, regelmäßige Linie löste und gleichmäßig in der Lust schaukelte. — „Zweite Halbrotie, frei weg!" horte Romaschow die hohe Frauenstimme Artschakowskis. Und eine zweite Bajonettreihe schaukelte dahin. Der Trommelklang wurde dumpfer und leiser, als wenn er sich unter dein Boden versteckt hätte, und plötzlich flog, den Troinmclklang zertretend und niederdrückend, eine lustige. strahlende Orchestermelodie himmelan. Die Regimentsmusik beschleunigte das Tempo, und das ganze Regiment lebte mit einem Male auf und richtete sich gerade. Die Köpfe wurden höher gehoben, die Gestalten reckten sich aus, die kleinen, müden Gesichter wurden hell. (Fortsetzung folgt.) I�onet. Die Entwickelungsgeschichte der Malerei, wie der Kunst über- Haupt, zeigt eine Aufeinanderfolge von Perioden, deren eine immer die andere ablöst. Immer bildet sich in einer Generasion, in einem Jahrhundert eine Manier, eine Technik aus. die den nachfolgenden zum Schema, zur Schablone erstarrt. Und dann kommen die Neuerer, die Anstürmer und entthronen das allein'eliginachende Dogma. Die Gegenwart schilt diese Kühnen und Selbständigen ehrfurchtslose Egoisten und erst die kommende Generation ehrt in ihnen vielleicht den Fortschritt und erkennt sie als eine Notwendigkeit der Emwickelung. Denn diese bedarf solcher rücksichtslos-sachlichen Revisoren, uni nicht zu erstarren. Ein solcher Revisor der Malerei ist Monet, der große französische Maler. Er zertrümmerte die erstarrte Schablone, er sühne einen Krieg mit den, Schema, das auf der Maler- geueration lastete. Nicht mit Worten, nicht mit Ausstellung eines Programms, sondern mit Taten. Diese Taten sind seine Werke, seine Bilder, die als bleibende Denkmäler der malerischen Ent- Wickelung unserer Zeit in der Kunstgeschichte sich erhalten werden. Was Reinbrandt für seine Zeit bedeutete, das ist Monet für unsere Gegenwart. Nur mit dem Unterschied: Rembrandt sah das Weben der Lust, jene feinen Nuancen des Jueinander-übergehenS der Töne im Jnnenraum, das goldige Flimmern der Luft in geschlosienen Stuben, das stellte er dar. Monet tritt hinaus in die freie, große, Natur und sieht da draußen mit scharfem Auge jene leisen llnter- schiede in der Erscheinung des Licht und der Farben, jenes Auf- und Abfluten der Töne in einem Reichtum, in einer Mannigfaltigkeit, wie es bis dahin unerhört war. Alle anderen Bilder von Malern der Gegenwart sehen dagegen tot. kalt und leer aus. Woher konlint dies nun? Wie ist es möglich, daß solche Unter- schiede des Sehens platzgreifen, daß schließlich der, der ohne Rücksicht die Dinge darstellt, wie er sie sieht— eine Forderung, die in der Malerei selbstverständlich sein sollte— als kühner Neuerer erscheint, gegen den sich die gewappneten Scharen der Gegner wehren? Das kommt daher, weil man sich daran gewöhnt halte, nicht zu malen, ivas man sah— so daß jedes Bild eine Schöpfung für sich ge- worden wäre—, sondern man malte so, wie man wußte, daß das betreffende Objekt aussah. Das heißt, der Eindruck prosizierte sich nicht unmittelbar auf die Leinwand, sondern er ging durch den Verstand hindurch: hier erfuhr er eine korrigierte Umbildung und schließlich war alles unmittelbare Leben aus ,hm entwichen. Zum Beispiel sieht das Auge ein Straßenbild bei trüber, dunstig- grauer Beleuchtung als ein sanft in«inander ver- Ichwimmcndes Ganzes. Die Häuser verlieren ihre scharfen Konturen, im Dunst gehen Himmel und Straße in einander über und die Menschen erscheinen als flüchtig sich bewegende Striche und Punkte. Der Maler, dessen Auge degeneriert ist, der sich nicht aus sein Sehen verläßt, sondern seinen Verstand zu Rate zieht, sagt sich: Da sind Häuser, Straßen und Menschen. Häuser sind feste, gegen die Luft abgegrenzte Massen, eS sind regelmäßig gezeichnete Fenster darin, die Menschen haben einen Körper, der besteht aus Beinen, Oberkörper, Kopf, Armen. All das weiß ich, folglich muß ich das alles malen. Damit aber stürzt er alles um. was ihn, als Maler Berechtigung geben könnte. Er sieht nicht, sondern er dentt. Und er ist malerisch damit unwahr. Er versündigt sich gegen die Gesetze, denen das Auge unterliegt. Er negiert die Perspektive, die alle Dinge in ihrem Verhältnis zu einander abstuft. Darum ist nicht gesagt, daß der Impressionist nun unter allen Umständen undeutlich, ver- schwömmen malen muß. Ein Bild, das ganz scharf in den Konturen gemalt ist, kann dennoch malerisch vollwersig sein, sofern es nur diese Berhältniffe in sich richtig abgestuft enthält, und das Licht als ausgleichenden, einenden Faktor enthält, wie wir das bei vielen guten Bildern der Vergangenheit sehen, die in klaren Tönen gemalt sind. Monet hatte dieses gesunde Auge, und er hatte den Mut, was er sah, zu malen. Er zog nicht seinen Verstand zu Rate. Sein Auge war fo fein, daß er nicht bloß die Farben, sondern auch das Licht sah. Dadurch, daß Monet in seinen Bildern etwas ganz Persönliches, Ureigenes gab. leistete er der Allgemeinheit, in diesem Falle der EntWickelung der Kunst, Dienste. Das Persönliche und das All- gemeine verbindet sich in ihm zu einer selbstverständlichen Harmome, daß jeder, der vorurteilslos der Geschichte der Kunst gegenübersteht, empfindet, daß er es hier mit einer historischen Erscheinung zu tun hat. Er gehört nicht zu denen, die die bisherige Emwickelung als Malcrial benutzen, mit dem sie geschickt, virtuos lvirischaften, die blenden wollen. Wie etwa ein Lenbach blenden will. Sondern er ist eigentlich ganz primitiv und einfach, er kehrt zu den Uranfängen zurück, und nur die Verbildung unserer Kultur, die die unselbstän- digen, unwahren Nachbeter und Nachtreter züchtet, verhilft ihm zu dem Ruhme einer ganz autzerordentlichen Erscheinung in der Ge- schichte der Malerei. Darum ist Monet nichr wie Lenbach ein Ende einer EntWickelung oder etwa einer Zeitepisode, sondern ein Anfang. Seine Kraft hat für den, der sehen gelernt hat oder es zu lernen gewillt ist, etwas unendlich Erfrischendes, Natürliches, Selbst- verständliches. Die Ausstellung bei C a s s i r e r bringt etwa vierzig Bilder deS französischen Malers. Werke au? allen Perioden, von 1869 bis 1899. Innerhalb dieser 30 Jahre lassen sich deutlich einzelne Perioden erkennen, in denen der Maler seine Technik wechselt, er- neut zugreist, die Welt mit neuen Augen ansieht. Er probiert immer wieder, verfeinert die Mittel. Drei Tendenzen machen sich in der Malart Monets bemerkbar. Monet malt einmal so. das; alle Dinge leicht im Licht zu flimmern scheinen; mit reizvollstem Leben erfüllt und umkleidet er die Er- scheinungen. Nichts Einzelnes wagt sich zu sehr hervor» und be- tont sich, alles ist wohl abgewogen, eines begrenzt das andere. Die Farben haben eine beinahe lyrische Zartheit und Weichheit. So malte Monet in seiner Jugend, 1372— 75 sind die Fahre, die diese Werke zeigen. Und immer wieder taucht in späteren Periöden die Erinnerung an diese seine ureigenste Anlage auf, so z. B. Anfang der achtziger Jahre, und immer wieder begegnen wir späteren Werken, die diesen Stempel der Jugend tragen. Ja, noch 1899 nimmt Monet noch einen Anlauf, diese Tendenz bewußt auszubauen, und wir sehen Werke von flimmernder Pracht, wie die„Kathedrale von Ronen", deren Architektur aufgelöst ist in ein märchenhaftes Spiel von Lust, Licht und Farben. Tie zlveite Art zu malen zeigt das Streben nach einer vollen Pracht der Farben. Das einzelne wagt sich mehr in den Vorder- grund, die ausgesprochenen Farben herrschen vor, während früher alles unentschieden ivar, in zarten Nebcrgängen sich verband. Jetzt steht alles kräftig beieinander. Eine volle Wärme zeichnet die Farben auö. Diese Note, schon 1877 angeschlagen, kommt in der späteren Folgezeit, speziell noch 1835 charakteristisch zum Ausdruck, und diese Malweisc beherrscht das Feld. Die„Seine in Argenteuil" von 1877 zeigt diese volle Wärme im Ton. Vorne dunkelgrüne Büsche mit satten, dunkelroten Blumen, die grünen Ufer dehnen sich leuchtend unter dem lvarn, gelben Himmel. Und nur, hinten am Horizont, verschwimmt im duftigen Gelb das Gelände. Aus der späteren Zeit ist hierfür besonders das„Tulpcnfeld"(1886) mit dem vollen Akkord der Farben in den erblühten Beeten, während die Bäume im Hintergrund leicht und wie schattenhaft wirken, und die„Klippe in Dievpe"(1386) charakteristisch, auf der der Ausschnitt der Meeresfläche, die hinter der Klippe erscheint, räumlich so tief wirkt. Auf anderen Bildern, speziell von 1874, sehen wir eine breitere Malerei. Der Eindruck ist ins Flächeuhafte übertragen. Statt der einzelnen Tupfen sehen wir breite, kühle Farben, und der Eindruck ist malerisch gemähigt, zugleich aber vertieft..Hierfür ist be- sonders die„Marine" zu erwähnen, auf gelbem Sand ein braunes Segelboot, das sich von grünlichem Wasser flüssig abhebt. Auch das eigenartige Bild„Eisenbahn in der Normandie" gehört hierher. Bon braunen Hügeln beben sich in undeutlichen, grauen Silhouetten Fabriken ab, deren Rauch sich mit der grauen Luft vermischt. Vorne fährt eiir Zug vorbei, und die weihen Dampfwolken ziehen über das ganze Bild uu.d bilden eigentlich den Mittelpunkt, hinter dem alles übrige zurücktritt. Diese Tendenzen verwischen sich und gehen ineinander über. Und während die eine zurücktritt, drängt die andere sich wieder mehr vor. Wie z. B. ein ganz frühes Bild von 1869,„Das blaue HauS", schon die breite, kühle Malerei, die so saftig und reif wirkt, ankündigt, die erst eigentlich nach 1874 Platz greift. Wie z. B. auch die leichte. flimmernde Art der Jugendzeit späterhin immer wieder durchbricht und wie eine Erinnerung das ganze Leben durchzieht. Gerade das ist interessant,.dieser Wechsel und dabei dies Gleichbleiben. Monet lernt zu und bleibt, der er war. Seine EntWickelung geht ruhig und organisch vor sich, nicht svrungbaft und nervös, und im Gegensatz zu der sensiblen Art seiner Empsindung ist die innere Rübe dieser EntWickelung doppelt bewundernswert. Und wenn wir diese iui ganzen übersehen, so erscheint uns das leise Hin und Her, das Probieren. Nachgeben und Festibleiben als! ein besonderer Reiz dieses Künstlers, dessen technische Durchbildung sich unter seinen arbeitenden Händen immer mehr bereichert, dem scder Tag neu ist, da er ihm neue Erfahrungen bietet. Darum wirken Monets Bilder so jugendlich, so festlich, so unberührt und neu. Man merkt den Geist, aus dem heraus sie geschaffen, den Geist der Juaend und Freud«. Und nichts von Schema, nichts von Schablone ist in den Bildern, nichts von Erstarrung.— Ernst Schur. Kleines feullleton» — Der Rattenfänger von Ham— bürg. Der Leser muh hierbei nicht an eine alte Hamburgische Sage denken, die ich etwa auS- gegraben hätte, darf sich unter dem Hamburgischen Rattenfänger auch keine Person, überhaupt kein Lebewesen— eS gibt ja auch vier- beinige Rattenfänger— vorstellen. Nein, der Rattenfänger der alten gewaltigen Elbhafenstadt ist etwas ganz Neues, Hochmodernes und auch kein Wesen von Fleisch und Blut, fondern ein Sckiff. Seine Aufgabe besteht darin, sich an andere, von Uebersee angekommene Schiffe heranzumachen und in ihren Leib desinfizierende Gase einznblasen, wenn der Verdacht auf ihnen lastet, irgendwelche gefährlichen Krank- heitSkeime zu beherbergen. Der Rattenfänger(so der offizielle Name), der soeben vom Stapel gelaufen ist, stellt also ein Desinsekttonsfahrzem; dar. und zwar ein solches neuen Systems, das in dem weiter hamburgischen Hafen eine bedeutsame Rolle zu spielen berufen sei» wird. Um sich seine Bestimmung klar zu machen, erwäge man, dah es gegenüber seuchenverdächtigen Schiffe» bisher notwendiz gewesen ist, die auf diesen bei der Ladung beschästigten Arbeiter und die Schiffsmannschaften mitsamt ihren Habseligkeiten erst auf langwierige Weise nach der Desinfektionsanstalt an Land zu bringen, Ivo dann die Ausräucherung vor sich ging. Das fällt in Zukunft weg: der Rattenfänger legt sich einfach längsseits des seuchenverdächtigen Schiffes, nimmt dessen Leute an Bord und behandelt sie in den vorn eingebauten Desinfektions- räumen. Gleichzeitig werden Schläuche in das Innere des ver- dächtigen Schiffes geleitet, durch die Kohlenoxydgas einströmt: de» sichere Tod allen Seucheiikeimen und Lebewesen, besonders den gefährlichen, die mitunter als Pcstbazillenträger in den ttesen Schiffs- räumen Hausen— daher wohl der Name Rattenfänger, richtiger eigentlich Rattentöter. Das Fahrzeug hat schöne Deckaufbantcn mit Ober- und Seitenlicht, an Bord die nötigen GaSerzengungsapparate, Pumpen, Absaiigevorrichtungen, Baderäume, ein Laboratorium usw. Mit seiner Länge von über 35 Meter, seinem Schornstein und Mast sieht er wie ein richtiger Dampfer aus; eS ist aber, wie gesagt, lediglich eine schwimmende Desinfektionsanstalt, die sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen kann, sondern an ihr Ziel geschleppt wird.— (»Köln. Ztg.") t. Musikalischer Wettbewerb im Altertum. Die Musik spielte bei den alten Griechen eine grohe Rolle, obgleich sie wohl der Teil der kunstreichen Betätigung des llassischen Volkes gewesen ist, dem wir heute am wenigsten Geschmack abzugewinnen vermögen, so weit uns Reste davon überliefert sind. Daß die Griechen sie trotzdem hoch- schätzten, dafür liegen viele Beweise schon in den ältesten Dichtungen vor. Auch musikalische Wettbewerbe wurden von ihnen bereits ver- anstaltet, scheinbar aber nicht Sängerkriege, sondern Wcttkämpfe von Jnstrumentalisten. Mit Bezug darauf veröffentlicht die französische Zeitschrift„Menestrel"(Minstrel) eine Mitteilung über eine be- deutsame Inschrift, die in den Ruinen von Erythraea auf der Insel Euböo in guter Erhaltung aufgefunden worden ist. Diese ehrwürdige Urkunde gibt Aufschluß über die Art, wie ein musikalischer Wettbewerb im alten Griechenland vor sich gegangen ist. Die Stadt Erythraea beschloß, ein neues Fest für die Artemis einzuführen, die Artemisien. Zu Ehren der Gottheil wurde ein großer Festzug und«in feierliches Opfer veranstaltet. Als Einleitung zu de» Zeremonien sollte ein Weitbewerb von Musikern stattfinden. Bei dieser Gelegenheit wurden den Siegern selbstverständlich auch Preise ausgeteilt. Ein Kytha- rode- oder Zitherspieler erhielt als ersten Preis 299 Drackvnen oder etwa 119 Mark. Der zweite Preisträger empfing 159, der dritte 199 Drachmen. Der beste Flötenspieler wurde nur mit 59 Drachmen ausgezeichnet, der zweite mit 39, der dritte mit 29� Alle Teilnehmer an den Wettspielen erhielten jedoch aus dem Stadtsäckel eine Entschädigimg von einer Dracfime. Die Verpflegung muß damals noch sehr billig gewesen sein, denn die Drachme war zur Zeit des Perifles nicht viel mehr wert als 55 Pfennig nach unserem Gelde.— Medizinisches. ie. Das musikalische Herz. Auch das gesunde Herz führt, wie jeder weih, ein geräuschvolles Dasein. Der Arzt kann mit dem Höhrrohr seine Tätigkeit verfolgen, und bei starker Er- rcgung wird das Schlage» des Herzens nicht nur für seinen Be- sitzer, sondern auch wohl für einen anderen Nahestehenden hörbar. ohne daß dieser das Ohr auf oie Oberfläche des Körpers zu legen braucht. Das„musikalische Herz" ist aber noch etwas Besonderes und zum Glück nicht Häufiges, weil auf die Dauer sein Eigentümer kein« Freude daran haben kann. Einen einzigartigen Fall von musikalischem Herzen beschreibt Dr. Patton im Journal der Ameri- kanischen Medizinischen Vereinigung. Der damit behaftet gewesene Mann hatte von dieser Eigentümlichkeit seines Organismus die letzten 15 Jahre vor seinem Tode eigentlich gelebt, indem er sich einer großen Zahl von Aerzten und Studenten zur Untersuchung vor» stellte. Er war nach seinen eigenen Aussagen ein geborener Russe, später nach Sibirien verschickt ivorden. dann von dort entfloben und nach Amerika eingewandert. Gleich nach seiner Ankunft in New Dorl erkrankte er an Rheumatisntus und wurde in das Pellevnc-Sosvita� gebrockt Hier entdeckte man das eigenftimlichc Geräusch, das später von so vielen Aerzten studiert worden ist; vermutlich ist es auch damals erst entstanden. Der Patient selbst behauptet«, daß sein Herz durch einen Degenstoß verwundet worden wäre. In der Tat fand sich an� der Brust eine Narbe, die aber ganz oberflächlich zu seil, schien und somit wohl kaum etwas mit den: Zustand des Herzens zu tun hatte. Die Untersuchung zeigte, daß das Herz stark erweitert war. Die eingehende Beschreibimg des Befundes geht nur de» Fackunann an. Das merkwürdigst« daran war die Feststellung, daß das Geräusch beim Zusammenziehen des Herzens besonders stark war und den Charakter eines bestimmten musikalischen Tones besaß,.vie Höh? des Tones lvechseltc. Zuweilen war er hoch und scharf, dann wieder tiefer und mehr sonor. Auch die Länge des Geräusches war be- trächtlichen Schwankungen unterworfen. Sehr stark toaren diese Tone nicht. Zuweilen konnten sie gehört werden, wenn das Ohr in die Nähe des Brustkorbes gebracht wurde, ohne die Haut zu be- rühren. Zu anderen Zeiten mutzte nian das Ohr schon dicht anlegen, um sie zu vernehmen. Eigentliche Beschwerden waren für den Patienten mit dieser sonderbaren Eigenschaft seines Herzens nicht verbunden, wenn er nicht gerade eine erhebliche Körperanstrengung auf sich genommen hatte. Datz diese Herzgeräusche Anzeichn einer Erkrankung des Organs Ivaren, daran zweifelten die Aerzte von vornherein nicht. Im übrigen veränderte sich der Zustand des Mannes nicht bis zum vorigen Winter. Im Februar kam er zu Dr. Patton, klagte über Krankheit und sagte aus, datz seit kurzer Zeit das musikalische Geräusch seiner Herztätigkeit Verschtvunden wäre. Ter letztere Umstand regte ihn besonders auf, und er war ganz niedergeschlagen, als der Arzt ihm sagte, datz das Geräusch vermutlich nicht wiederkehren würde. Im übrigen litt er an einer Luftröhrenentzündung. die nochmals tvesentlich gebessert wurde, doch kehrte er bald wieder in ärztliche Behandlung zurück und starb Ende Mai. Selbstverständlich wurde sein Herz zum Gegenstand einer besonderen Prüfung gemacht. Es fanden sich doppelte Per- letzungen an den Klappenöffnungen und an der Mündung der Aorta. Die hauptsächliche Veranlassung über die Entstehung des musikalischen Tones mutzte wohl in einer starken Anspannung der Sehnenfäden während der Zusammenziehung des Herzens gesucht werden, zumal sie eine merkliche Verdickung zeigten. Die Er- klärung des Vorganges ist auch dann noch nicht leicht. Man hat den Ursprung eines Geräusches im Blutstrom so verstehen wollen, datz � entiveoer beim Eintritt des Blutes von einem engen in einen er- �weiterten Teil eines Blutgefätzes Erzittcnmqen verurstucht werden, oder datz sich im weitesten Teil eine? BlntgefäheS gewisse Wirbel bilden. Als Erzitterungen des Blutstroms kann man die musi- falischen Herzgeräusch« jedenfalls nicht erklären, und daher mutz die Mitwirkung jener starkgcspannten Sehncnfäden zur Deutung heran- gezogen werden.— Physikalisches. — Einwirkung dunklerStrahlen auf Diamanten. William Crookes hat die Wirkungen des Radiums auf Diamanten untersucht und über die erhaltenen sehr merkwürdigen Ergebnissesich kürzlich in einen Vortrage vor der British Association in Kimbcrley ausgesprochen. Zunächst funkelt der Diamant unter dem Einflutz des Radiums so stark, datz eine Schicht von Diamantenpulver einen fast ebenso guten„Schirm" darstellt wie das übliche Schwefelzink, Bei Berührung mit Bromradium erhielten vorher farblos gewesene Diamanten eine schöne blaue Farbe, wodurch ihr Wert wesentlich erhöht wurde. Die erzielte Wirkung ist nicht vorübergehend und wird auch nicht durch lang fortgesetzte Erhitzung in einer Mischung von starker Salpetersäure und chlorsaurem Kalium, einem der stärksten Oxydationsmittel, zerstört. Der Diamant darf sogar bis zur Rotglühhitze erhitzt werden, ohne datz die durch Radium hervor- gebrachte Färbung sich ändert. Diamanten, welche länger als zwölf Monate in Bromradium begraben gewesen waren, hatten außer ihrer blauen Farbe auch starke radioaktive Eigenschaften. Da die Radioaktivität ebenso wie die Färbung der kräftigsten Behandlung widerstehen, ist Crookes zu der Ueberzeugung gekommen, datz diese bei beiden Eigenschaften mit Veränderungen zusammenhängen, welche nicht an der Ober- fläche des Steines, sondern an tiefer liegenden Stellen stattgefunden haben, Man erhitze einen solchen Diamanten, den man zuvor durch Umhüllen in Bromradinm blau nnd radioaktiv gemacht hatte, in einem dunklen Zimmer. Der Anblick Ivar ein sehr schöner. Gerade bevor das Rotglüben sichtbar wurde, breitete sich ein schivacheS Phosphoreszieren über den Stein aus; nach der Abkühlung Ivar Farbe und Radioaktivität, wie erwähnt, ganz imvcräiidert. Wenn ein Diamant durch strahlende Materie sKathodenstrahken) vom negativen Pol einer Geitzlersche» Röhre aus bestrahlt wird, so geht eine neue Veränderung mit ihm vor. Er phosphoresziert nicht nur, sondern wird braun und mit der Zeit sogar schwarz. Jedoch beschränkt sich dieses Schwarzwerdeii nur auf die Oberfläche, eS bildet sich hier eine Graphitschicht. Verschiedene Formen von Graphit zeigen nun verschiedene Grade des Widerstandes gegenüber chemischen Ein- Wirkungen. Einige dieser Graphitformen werden durch den Einfluß starker Salpetersäure aufgelöst, während andere längere oder kürzere Zeit der stark oxydierenden Wirkung einer Mischung von konzentrierter Salpetersäure und chlorsaurem Kalium Ividerstanden. Mmsjou stellte durch längere und eingehendere experimentelle Ver- suche fest, daß der Widerstand gegen die letztgenanute Einwirkung der Temperatur, bei der der Graphit gebildet wurde, proportional ist. Nacv Ansicht MoissanS kann daraufhin mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, datz die durch Bestrahlung entstandene Graphitschicht bei einer Temperatur gebildet sein kann, die ctlvas niedriger ist als 3000 Grad CelsiuS, und jener vermutet, datz diese auf der Oberfläche de» Diamanten gebildete Graphitschicht danach etwa zur Temperatur des elektrischen Lichtbogens erhoben worden ist, während das unveränderte Innere selbst verhältnismätzig kühl blieb. Diese Annahme stützt sich auf die Tatsache, datz sogar die Oberflächenschicht eines sehr stark leitenden Stoffes wie Silber zur Rotglühhitze durch Kathodenbestrahlnng erhoben werden kann, während das Innere des Metalls nur wann wird.— („Techn. Rundsch.") Humoristisches. — Ein guter Mensch.„Sie effen und trinken aber gut, Herr Huber I" „Aber erlauben Sie mir— ich mutz mich doch meiner Familie erhalten I"— — Ausrede,„Als ich den Dackel von Ihnen kaufte, sagten Sie, der tue keinem Menschen was zuleide. Gleich am nächsten Morgen hat mir der Köter die neue Hose z e r- rissen!" .Nu, is die Hose ä Mensch?!"—] — Summarisch. Hausknecht(eines Dorfwirtshauses, das zugleich Benzinstation ist):.Der Autler da draußen wünscht für sich und sein Schnanferl'was zu kaufen."— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Im südaustralischen Parlament hat, wie die„Köln. Ztg." berichtet, jüngst der Abgeordnete Lukas die Aufmerksamkeit der Unterrichtsverwaltung auf den äußerst dürftigen Schul- besuch der Kinder europäischer Abkunft in Australien gelenkt. Mit dem gesetzlich festgelegten.Schulzwang" hat es dort eine eigene BewandniS: von 3l3 Schultagen im Jahre braucht das Kind nur an 140 Tagen zu erscheinen, dann gilt sein Schulbesuch als.regelmäßig"; die übrigen 173 Tage ist es be- rechtigt, zu bummeln. ES kommt häufig vor, datz Kinder auf der Straße oder auch oft genug vor dem Richter auf die Frage, warum sie nicht in der Schule seien, zur Antwort geben:„Wir haben unsere Zeit bereits abgesessen!" Als„ziemlich regelmätzig" gilt der Besuch der Schule an 70 Tagen im Jahre. Der Abgeordnete Lukas wies nach, datz von 72000 schulpflichtigen Kindern nur 42 000 überhaupt die Schule besuchen! 19 000 bleiben ganz weg und 11000 find gar nicht eingetragen. Die Zahl der Analphabeten nimmt dauernd zu, statt ab. Am geringsten ist ihr Prozentsatz bei den Kindern deutscher Abkunft, am größten bei den Jrländern.— — Das Friedrich-Wilhelm st ädtis che Theater (Schiller-Theater 17.) wird, da die Schiller-Theater-Attien- gesellschaft von ihrem Optionsrecht keinen Gebrauch macht, nach zwei Jahren weiter verpachtet iverden.— — Strindbergs Künstlerkomödie„Kameraden" hatte bei der Uraufführung im Lustspiel-Theater in Wien starken Erfolg. — Die Volksschauspiel-Gesellschaft Woedikon- Zürich, die zwei Sommer lang Arnold Otts Drama „Karl der Kühne und die Eidgenossen" aufführte, schlietzt ihre Rechnung mir einem Defizit von 23 000 Fr. ab. Sie hatte ein eigenes Schauspielhaus hergestellt, das jedoch nur bei einigen Aufführungen ausverkauft war.— o. Das Honorar einer amerikanischen Sängerin. Miß Lilian Blanvclt, eine der bekanntesten Sängerinnen der Ver- einigten Staaten, hat soebeir einen Vertrag unterzeichnet, der ihr eine wöchentliche Gage von 8000 M. und zwar für 42 Wochen im Jahre sichert. Da der Vertrag auf sechs Jahre läuft, wird die Sängerin nach Ablauf dieser Zeit 2 016 000 M. verdient haben,— — Die Vulkane der Hawaii-Jnseln. Der„Franks. Ztg." Ivird geschrieben: Die Vulkane der Insel Hawaii machen in letzter Zeit wieder viel von sich reden. Gewaltige Ausbrüche haben stattgefunden, glücklicherweise in menschenarmer Gegend, so datz sie keinen größeren Schaden angerichtet haben. Die eigenartigsten Feuer- berge der Erde sind die Vulkane der Hawaii-Jnseln. der Manna- Soa und Kilauea. Aus 4000 Meter tiefem Meere erheben sie sich noch etwa ebenso hoch über den Meeresspiegel als flache Kegel, die fast nur aus libcrcmandergefloffenen Lavaströmen bestehen. Wir Europäer sind gewohnt, datz eine Eruption unserer Vulkane(Vesuv, Aetna nsw.) mit gewaltigem Aschenauswurf einsetzt, daß eine stürmische explosive Tätigkeit dem ganzen Vorgang sein Gepräge leiht. Nichts davon finden wir auf den Hawaii- Inseln, ruhia und ohne bemerkbare Aeutzerungen der vulkanischen Kräfte deZ Erdinnern fließen ungeheuere glutflüsstge Massen aus den Kratern, breiten sich sehr schnell aus und erstarren ebenso ruhig, sobald der Nachflntz au? dein Vulkanschlote aufgehört hat. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt in dein fast gänz- lichen Fehlen von Dampfblasen in der Lava der Hawaii-Vnlkane, die deutlich erkennen läßt, datz nicht uiitcrirdiiche GaSansammlungen das Ausfließen der Lava bewirken. Denn die mächtigen Aschen- massen, die der Vesuv und der Aetna vor jedem Ausbruch in die Luft schleudern, sind nicht? als fein zerstäubte Lavafetzen, die von der Gewalt der im Erdiiinern angesammelten Gase explosivartig ausgeworfen iverden. Die Lavaströme, die der Mailna-«oa und der Kilauea entsenden, haben aber eine viel bedeutendere Aus- dehnling, als die unserer europäischen Vulkane i über 70 Km. Länge und 6—7 Km. Breite besaß ein solcher des erstgenannten VulkaneS, dazu etwa 20 Meter Dicke, die sich lokal bis auf 80 Meter steigerte, sodatz bei welligem Untergrunde Wohl der Eindruck einer„fließenden Bergkette" entstehen kann, den der Korrespondent der„Samoa Times" erhältcu hat.— Vcrautwortl. Redakteur: Pank Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: BorwartS Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo.. Berlin