Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 211. Sonnabend, den 23 Oktober. 1905 Das Duell. (Nachdruck verboten.) Roman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. 16. Aus dem Lager führte in die Stadt nur ein Weg über die Eisenbahn, die an dieser Stelle einen tiefen, steilen Einschnitt machte. Romaschow lief auf einem schmalen, festgetretenen, fast senkrechten Pfade schnell bergab und stieg die andere Böschung mühsam bergan. Schon auf der Mitte des Aufstiegs bemerkte er, daß oben jemand in Litewka und in um� geworfenem Mantel stand. Er blieb einige Sekunden stehen, machte die Augen klein und erkannte Nikolajew. „Jetzt kommt das Unangenehmste!" dachte Romaschow. Sein Herz krampfte sich in unruhiger Vorahnung zusammen. Aber er stieg dennoch weiter aufwärts. Die Offiziere hatten sich etwa fünf Tage nicht gesehen, aber jetzt begrüßten sie sich aus irgend einem Grunde bei der Begegnung nicht, und Romaschow fand darin nierkwürdiger- weise nichts Ungewöhnliches— als wenn es an diesem schweren, sonderbaren Tage gar nicht anders sein könnte. Nicht einer von ihnen legte die Hand an die Mütze. „Ich habe Sie absichtlich hier erwartet. Iuris Alexejitsch," sagte Nikolajew und blickte irgend wohin in die Ferne nach dem Lager über Romaschows Schulter hinweg. „Stehe zu Diensten, Wladimir Jefimitsch," erwiderte Romaschow mit künstlicher Ungezwungenheit, aber zitternder Stimme. Er bückte sich nieder, riß einen vorjährigen, trockenen, braunen Grashalm ab und begann zerstreut darauf herumzukauen. Gleichzeitig sah er deutlich, wie sich in den Knöpfen an Nikolajcws Mantel seine eigene Gestalt mit schmalem kleinen Kopf und winzig dünnen, aber au den Hüften unförmlich angeschwollenen Beinen spiegelte. „Ich halte Sie nicht auf. ich habe nur zwei Worte mit Ihnen zu reden," sagte Nikolajew. Er brachte diese Worte besonders weich, mit der krampfhaften Höflichkeit eines zornigen, erbosten Mannes heraus, der fest entschlossen ist, an sich zu halten. Da aber die Unterredung, bei der man sich nicht ansah, mit jeder Sekunde ungemütlicher wurde, schlug Romaschow fragend vor: „Also wollen wir gehen?" Der gewundene, von Fußgängern festgetretene Weg durchschnitt ein großes Runkelrübenfeld. In der Ferne waren die weißen Häuser und niedrigen Ziegeldächer der Stadt ficht- bar. Die Offiziere gingen nebeneinander, machten sich gegen- seitig Platz und traten auf das fleischige, dichte, unter den Füßen knirschende Griin. Eine Zeitlang schwiegen beide. Endlich begann Nikolajew, tief und laut Atem holend, mit sichtlicher Anstrengung: „Ich muß vor allemi die Frage an Sie richten: Verhalten Sie sich mit der schuldigen Ehrerbietung gegen meine Frau ... gegen Alexandra Petrowna?" „Ich verstehe nicht, Wladimir Jefimitsch," erwiderte Romaschow.„Ich muß Sie meinerseits fragen..." „Endschuldigen Sie!" geriet Nikolajew plötzlich in Hitze. „Wir wollen der Reihe nach fragen, erst ich, dann Sie. Sonst kommen wir nicht zum Ziel. Lassen Sic uns offen und ehrlich miteinander reden. Antworten Sie mir vor allem: Interessiert Sie auch nur ein wenig, was über sie gesprochen und geklatscht wird? Nun kurz... zum Teufel!... Ihr guter Ruf? Nein, nein, warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht... Sie werden doch hoffentlich nicht leugnen, daß Sie von ihr und von mir nur Gutes gesehm haben und daß Sie in unserem Hause wie ein Nahestehender, fast wie ein Verwandter auf- genommen worden sind." Romaschow trat m den lockeren Boden, stolperte un- geschickt und antwortete verschämt: „Glauben Sie mir. ich werde Ihnen und Alexandra Petrowna stets dankbar sein..." „Ach nein, darum handelt es sich nicht, ganz und gar nicht. Ich will nicht Ihre Dankbarkeit," wurde Nikolajew böse.„Ich will nur sagen, daß sich an meine Frau schmutzige, verlogene Klatschereien herangewagt haben, die.«. nun, ich tvill sagen, in die.. Nikolajew atmete schnell und wischte sich das Gesicht mit einem Tuch ab.:,Nun kurz, hierin sind auch Sie verwickelt. Wir beide— ich und sie— erhalten fast täglich gemeine, niederträchtige: anonyme Briefe. Ich werde sie Ihnen nicht zeigen... mir ist das ekelhaft. Und in diesen Briefen steht..." Nikolajew stockte eine Sekunde.„Nun, zum Teufel, da steht drin, daß Sie— Alexandra Petrownas Liebhaber seien, und daß... o, diese Gemeinheit!... nun, und so weiter... daß Sie täglich geheime Rendezvous haben, und daß das ganze Regiment davon weiß. Gemeinheit!" Er knirschte wütend mit den Zähnen und spuckte aus. „Ich weiß, wer das geschrieben hat," sagte Romaschow leise und wandte sich zur Seite. „Sie wissen es?" Nikolajew blieb stehen und faßte Romaschow grob am Arm. Offenbar hatte der plötzliche Zornesarisbruch mit einem Male spine künstliche Selbstbeherrschung vernichtet. Seine stiermäßigcn Augen wurden größer, daS Gesicht füllte sich mit Blut, in den zitternden Mundwinkeln erschien schaumiger Speichel. Weit vornüber- gebeugt und sein Gesicht an das Gesicht Romaschows heran- bringend, schrie er wütend: „Das heißt, Sie wagen zu schweigen, wo Sie es wissen! Jl�dieser Lage ist es die verdammte Pflicht eines jeden nur haMvegs anständigen Menschen, dem Pack das Maul zu stopfen. Hören Sie!... Sie Armee-Doil Juan! Wenn Sie ein Ebrenmann sind lind nicht irgend ein..." Romaschow blickte bleich und haßerfüllt in Nikolajews Augen. Seine Arme und Beine wurden plötzlich schwer, der Kopf wurde leicht uild gleichsam leer; das Herz aber fiel irgendwo in die Tiefe, schlug dort niit ungeheueren, schreck- lfchen Stößen und erschütterte den ganzen Körper. „Ich bitte Sie, mich nicht so anzuschreien." brachte Roma- schow dumpf und langgedehnt heraus.„Sprechen Sie Höf- licher, ich erlaube Ihnen nicht, so zu schreien." „Ich schreie durchaus nicht." erwiderte Nikolajew, noch immer grob, aber den Ton dämpfend.„Ich suche Sie nur zu überzeugen, obwohl ich ein Recht habe, zu fordern. Unsere frühereil Beziehungen geben mir dieses Recht. Wenn Sie den Namen Alexandra Petrownas nur ganz wenig schätzen und für rein lind fleckenlos halten, so sind Sie verpflichtet, diesem Gc- schwätz ein Ende zu machen." „Gut, ich tue alles, was ich kann," erwiderte Romaschow trocken. Er wandte sich um und ging weiter mitten auf dem Pfade. Nikolajew holte ihn sofort ein. „Und dann... Nur werden Sie, bitte, nicht zornig.. begann Nikolajew weich, mit einem Anflug von Verwirrung. „Wir haben nun einmal zu reden begonnen, da führen wir besser alles zu Ende... nicht wahr?" „So?" meinte Romaschow.halb fragend. „Sie selbst Habel, gesehen, mit welcher Sympathie wir, das heißt ich und Alexandra Petrowna, Ihnen entgegen- gekonimen sind, und wenn ich jetzt genötigt bin... Ach, Sie wissen ja selbst, daß in diesem schändlichen Ort nichts schreck- licher ist als Klatschereien!" „Gut," antwortete Romaschow traurig.„Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen. Sie wollten mich doch darum bitten, nicht wabr? Nun gut, übrigens habe ich schon beschlossen, meine Besuche einzustellen, vor einigen Tagen war ich im ganzen fünf Minuten bei Ihnen, um Alexandra Petrowna Bücher zurückzubringen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, das war das letzte Mal." „Ja... also.. sagte Nikolajew unbestimmt und schwieg verwirrt. Die Offiziere traten in diesem Augenblick von dein Fuß- Wege auf die Chaussee. Bis zur Stadt waren noch dreihundert Schritte, und da man weiter nichts zu reden hatte, gingen beide schweigend und ohne sich anzusehen, nebeneinauder her. Keiner konnte sich entschließe.,, Heyen zu bleiben oder sich um- zuwenden. Die Situation wurde mit jeder Minute ver- logener und gespannter. Endlich kam ihilen bei deil ersten Häusern der Stadt ein Wagen cntgegeil. Nikolajew rief ihn an. „Ja... also. meinte er wieder ungeschickt und Sandte sich zu Romajchow.«Also auf Wiedersehen, Jurij Alexejitsch." Die beiden gaben sich nicht die Hand, sondern berührten die Mützen. Als aber Nomaschow den sich entfernenden, im Staube weißen, festen Nacken Nikolajews sah, fühlte er sich plötzlich so von der ganzen Welt verlassen und so einsam, als wenn aus seinem Leben das Allerwichtigste, Allergrößte herausgenommen wäre. Er ging langsam nach Hause. Hainän trat ihm iin Hofe entgegen, schon von weitem vergniigt und lustig grinsend. Er nahm dem Leutnant den Mantel ab und lachte die ganze Zeit vor Vergnügen und tanzte die ganze Zeit auf ein und demselben Fleck. „Hast nicht gegessen?" fragte er mit teilnehmender Ver- traulichkeit.„Bist wohl hungrig? Ich laufe gleich ins Kasino, bring' Dir zu essen." „Scher' Dich zum Teufel!" heulte Romaschow ihn an. «S— ja, der Gedanke an sie vermehrte den Ekel nur. Weshalb wollte ihn keiner haben? Weshalb liebte ihn keiner? Weshalb war er der Feind aller und alle die Feinde von ihm? Weil er ein feiger, häßlicher, genreiner Mensch war. der mchts hatte, was ihn den anderen wert machen konnte. Nichts? Sein Blick flog zu den Bänden der großen Dichter hinüber. Ja, wohl hatte er sich gefüllt mit dem Edelsten, was Menschengeist erdacht und gestaltet hatte, aber er hatte diesen edlen Inhalt in ein schmutziges, vergiftetes und gemeines Gefäß geschüttet, so daß auch er unrein geworden mar. Ta ging Heinrich Hecker hin und kaufte sich einen Revolver. Er kanfie den feinsten und elegantesten, den er fand. Cr malte sich aus, wie man ihn finden würde. Er hielt sich selbst in Gedanken aus dem Geiste seiner Feinde heraus, die ihn zu spät erkennen Würden, die Grabred«. Im Gewände des Selbstmitleids, der pathetischen Regung schlich sich die Eitelkeit leise Wieder«in. Nachdem er sich umgezogen, schrieb er einen Brief, in dein er mit- teilte, daß er sich am See erschießen würde, siegelte ihn und legte ihn auf den Tisch. Dann ging er, un'd nun war er hier. Tief und tiefer sank die Sonne. Ueberm Schilfe tanzten die Mücken, die Frösche begannen zu quarren. Die Welt War schön, aber er mutzte scheiden. Er spannte den Hahn. Noch immer wies die Mündung des Laufes auf den See hinaus, der jetzt in rotem Golde ging. Ein leichter Druck— alles war aus. Fast mechanisch zog der Hülfslehrer den Finger an. Sein Herz schlug, sein Ateni setzte aus— ein kurzer Schrei. Donnernd rollte der Schuß über den See. Von allen Seiten wurlde der mächtige schall zurückgeworfen, daß er hier und dort wie ratlos und nach einem Ausweg grollte. Ein scharfer Pulver- gcruch— aufgeschreckte Krähen, die schon zur Nachtruhe auf- gebäumt hatten und nun krächzend über die Wipfel davonstrichen — dann die doppelt unheimliche, durch keine Regung unter- brochen« Stille. Heinrich Hecker saß unweit des Ufers im Grase und lächelte blöde, in furchtbarer Angst. Er hielt den Revolver noch krampf- hast in der Hand. Er hatte einen bitteren Geschmack in? Munde und ein Kratzen im Halse. Er horchte, als werf« sich noch immer Her donnernde Schall an sein Ohr. Und cr wußte, seit er den Schuß gehört, daß er viel zu feige war um die Waffe gegen sich zu kehren. Daß der ganze Revolver« kauf und alles, was ihm folgte, nur wieder eine Komödie gewesen die er sich selber vorgespielt hatte, um aus der Selbstverachtung wieder herauszukommen. Aber auch aus dieser bitteren Erkenntnis saugte er süße: daß er Mut genug hatte, sie sich einzugestehen. Die Stille schien noch zu wachsen. Sie fiel ihm plötzlich auf. Er sah sich scheu um. Die Taucher auf dem See waren ver. schwanden. Nichts Lebendes War zu sehen oder zu hören. Da über- lief ihn eine unruhige Angst. Er steckte den Revolver ein und ging langsam, dann immer schneller und schneller davon. Zuletzt lief er fast. Ja, ja, er war gemein! Aber dein Direktor und den Schülern hatte er es doch gründlich gegeben I Wenn er jetzt aus dem Schul- dienst auch herausmußte 1 Eigentlich war es überhaupt nur eine Beschäftigung für mäßige Köpfe, dieses Weisheitseinbläuen I Und er hatte ja noch sein Vermögen... Er mäßigte den Schritt. Vor ihm lag die Stadt. Doch er boA von der großen Straße ab med schlich über die Wiesen an den Gärten entlang. Es brauchte ihn niemand zu sehen. Einmal faßte er auch in die Tasche. Seine Finger berührten das lühlc Metall der Waffe. Da murmelte:r etlvas, während ein halb überlegener, halb höhnisch-verächtlicher Zug über sein Gesicht glitt... einen Namen: „Xerxesl"— kleines Feuilleton. or. Bei uns in Mcseritz. Vorstehabt hatie sie es schon eine ganze Weile, an die Ausführung aber nie gedarbt, nun sollte es also dennoch Wahrheit werden: Tante Klothilde wollte kommen; so auf der Durchreise, für einen Tag. Frau Lotte nahm die Nachricht mtt sehr gemischten Gefühlen auf, die beiden Töchter jubelten. „Nein, Mama, das wird reizend," sagte Hedi,„man hört mal wieder was von alten Bekannten, und wir können uns doch auch sehen lassen. Tante Klothilde wird ja staunen, und die in Meseritz werden auch Augen machen, wenn sie hören, wie weit wir es in den fünf Jahren in Berlin gebracht haben." „Ja, scbon darum freue ich mich, daß sie kommt," stimmte Trude der Schwester bei.„Ms wir nach Papas Tode so arm und elend aus Meseritz weggingen, hätte doch auch memand gedacht, daß es uns hier noch mal so gut geben würde." »Na, wir haben ja auch fleißig genug gearbeitet." „Ja, das habt Ihr!" faate Frau Lotte stolz und nickte den Töchtern zu. „Aber Du auch, Mutterchen." Und lachend fielen sie der Mutter um den Hals.„Also laß nur Tante Klothilde kommen. Morgen früh holen wir sie von der Bahn..." Eine sehr große stattliche Dame in eleganter aber etlvas alt- modischer Tracht. Das Kapotthütchen mit den lila Stiefmütterchen und den breiten Bindebändcrn paßte zu dem strengen Gesicht, den glattgescheitelten Haaren und dem mausgrauen Regenmantel mit der langen Pelerine. Man sank sich zunächst sehr gerührt in die Arme. „Daß ich Euch alle noch mal wiedersehe," schluchzte Tante Klothilde, während sie den Bahnhofsperron hinunterschritten. Nein, daß ich Euch alle noch mal wiedersehe! Und es geht Euch wirklich gut? Ihr steht wieder so da, wie zu Vaters Zeiten in Meseritz?" „Noch viel besser. Tantchen," lachte Frau Lotte.„Wir haben eine sehr gemütliche Wohnung im allerbesten Viertel—, wir haben unser brillantes Einkommen, na, mit einem Wort, es geht famos. Und jetzt fahren wir nach Haus." Sie winkte eine Droscbke heran. „Nein, dieses Berlin!" sagte Tante Klothilde, während sie durch die Straßen rollten.„Dieses Leben, da traut man sich ja gar nicht rein. Sind das hier die Linden?" „Nein, Tante, das ist die Bülowstraße, nach den Linden kommen wir jetzt gar nicht hin." „Na, ich denke, Ihr lvohnt im allerbesten Viertel?" „Wohnen wir auch, Tcmtchen," lachte Hebt.„Potsdamerstraße, denk' mal!" „Ist die so dicht bei den Linden?" „Ru nee, da fehlt noch'nc ganze Ecke." „Dann ist es doch auch kein gutes Viertel!" Tante Klothilde zog die Mundwinkel verächtlich herab.„Das gute Viertel ist immer in der Hauptstraße und nahe bei. Bei uns in Meseritz wohnt man nur im guten Viertel, wenn man etwas auf sich hält. Ich b«- greise nicht, daß Ihr nicht Unter den Linden wobnt." „Nu, Tantchen, wer soll denn das bezahlen?" Die beiden jungen Mädchen lachten hell auf.„Wir müssen doch'ne billige Wohnung haben. Tie Potsdamerstraße ist auch'nc ganz feine Straße," fügte Trude ironisch hinzu. Da wären wir übrigens." Tante Klothilde betraäuete das Haus durch ihr StieUorgnon: „Nun, es sieht ja ganz anständig aus, und so viel Blumen habt Ihr auf dem Balkon." „Das ist nicht unser Balkon, Tantchen.. „Was, Ihr wohnt nicht mal eine Treppe?" „Nein, Tantchen, srgar viere und auch nicht hier vorn, sondern nach deni Garten." „Hinten heraus?" Tante Klothilde sperrte den Mund ctwaS ans, was ihr ein ungemein geistreiches Ar.ssehen gar. xcrau Loire ließ ihr zum Nachdenken indessen nicht viel Zeit. Sie stieg einfach voran, Tante Klothilde keuchte hinterdrein, ganz erschöpft sank sie oben in eine Sophaecke. „Ja, Tantchen, das Treppensteigen ist nicht schön, aber man gewöhnt sich d'ran," tröstete Hcdi. Allein Tante Klothilde fuhr empört auf:„Das Treppensteigen! Denkt Ihr, ich stöhne über das Steigen? Aber daß Ihr so ordinär wohnen könnt, das versteh' ich nicht. Nach hinten heraus und noch vier Treppen? Bei uns in Meseritz dürfte das nicht sein. Gott, Kinder, Ihr braucht mir doch nichts vorzumachen— sie begann zu schlucbzcn—, wenn es Euch Ivirklich noch so schlecht geht,— will ich's ja gern den Verwandten sagen. Sie legen entschieden alle zusammen und geben Euch im Monat fünf Mark zu, damit Ihr wohnen könnt, wie es sich für Euch paßt." „Das ist sehr liebenswürdig von Dir, Tante," Frau Lottes Stimme zitterte ein bißchen und ihre Stirnc zog sich kraus,„wir müssen für diese Hülfe aber danken, wir haben, was wir brauchen, allein, und sogar reichlich. Wir geben für diese Wohnung nämlich siebcnhundcrtfiinfzig Mark im Jahr." „Aber Lotte, das ist ja unerhört!" Tante Klothilde sperrte wieder den Mund auf.„Lotte, wie kann man denn so vergeuden! Sicbenhundcrtfünfzig Mark, da lebt man bei uns in Meseritz ein halbes Jahr von. Du scheinst Dir ja merkwürdige Anschauungen angewöhnt zu haben." „Das bringt Berlin so mit sich. Tantchen. Willst Du Dich denn aber nickt mal umschauen, wir haben drei große Zimmer für das Geld und sehen über lauter Gärten." Trude versuchte abzulenken, aber Tante Klothilde war vor- läufig noch nicht für anderes zu haben.„Sicbenhundcrtfünfzig Mark! Ja, wovon bezahlt Ihr denn das aber?" „Nun, wir verdienen ja sehr schön. Hedi hat eine feine Stellung bei einem Rechtsanwalt im Bureau, ich mache feine Kunst- ftickcrcicn und habe fast nur Privatkundschaft und..." „Du nähst für fremde Leute?!" Tante Klothilde war wieder sprachlos. „Erlaub' mal, Mama hat ein Atelier für künstlerische Hand- arbeiten," sagte Trude gereizt.„Das kann nicht jeder." „Das ist sogar ein hochfeiner Erwerb, wenn den nur mancher hätte," fiel Hedi empört ein. Frau Lotte gab ihnen einen Wink, zu schweigen. Tante Klothilde schüttelte den Kopf:„Sie näht für fremde Leute! Gott, ist das schrecklich, ist das schrecklich! Das würde bei uns in Meseritz keine Dame tun, die was auf sich hält. Und Hedi ist bei einem Rechtsanwalt? Da kommt sie ja aber immerzu mit Männern zusammen?" „Ich komme mit noch viel mehr» Männern zusammen, Tante," fiel Trude ein. „Ich bin Sekretärin in'ner Redaktion, da kommen fast nur Herren hin." „Und das leidest Du, Lotte?" Tante Klothilde reckte sich in die Höhe.„Solche Stellungen läßt Du Deine Töchter nehmen? Solche unanständigen Stellungen? Das ist ja empörend! Wenn das mein Bruder erlebt hätte." Sie preßte das Taschentuch an die Augen. „Papa wär' sehr froh, daß wir Geld verdienen." Trudes Augen funkelten. „Bei uns in Meseritz sähe Euch kein Mensch an," schluchzte Tante Klothilde.„Bei uns in Meseritz verachtet man Mädchen, die so ungeniert mit Männern verkehren. Gott, wie seid Ihr geworden in Berlin!" „Ja, sich' mal, das bringt eben das Leben so mit sich!" Frau Lotte lächelte mokant. „Das ist ja aber ein empörendes Leben!" Tante Klothilde wurde kirschrot im Gesicht.„Und solch ein Leben führt Ihr hier? Das würde bei uns in Meseritz kein Mensch tun. Gott, wenn ich das den Verwandten erzähle..." „Na, hör' mal, ich meine, Du kannst nur erzählen, daß Du unS bei fleißiger Arbeit und in den besten Verhältnissen gefunden hast." Jetzt wurde auch Frau Lotte böse. Aber Tante Klothilde seufzte und sah gen Himmel.„Beste Verhältnisse? Das nennt sie beste Verhältnisse! Wohnt in einer entlegenen Gegend, hinten heraus, vier Treppen, näht für fremde Leute und läßt die Mädchen mit fremden Männern arbeiten! Euch würde man bei unS in Meseritz ganz einfach die— Verkommenen uenncn."— es. Tanz und Wort gehören zusammen. Das gesprochene, mehr noch da? gesungene Wort schlägt einen Rhythmus an. zu dem die Glieder sich taklmäßig bewegen. Die primitive Tanzkunst der Gilden Völker war so geartet. An diesen Ursprung knüpft die moderne Tanzkunst wieder an. Der ganze Körper kommt zu seinem Recht, zur Minvirkung. Aus dem sonst üblichen Gehüpfe wird ein Schreiten und schöne Linien und Formen treten an Stelle verzerrter Gesten. Man denkt an dergleickeu. wenn man den Titel der im Lustspiel- haus am Donnerstagnachniittag stattgefundcncn Veranstaltung „Tanz und Wort" liest. Aber die Erwartung erfüllte sich nickt. Die Künste werden hier nur äußerlich zusammen gebracht. Zwei Damen, Irma Goeringer und Irene Sonden halten sich zu- sammengetan. die eine rezitierte, die andere tanzte. Gedichte und Skizzen ivecki'elten mit Tanzimprovisationcn. Die Tanzkunst der Duncan lehnt sich an den griechischen Schritt- reigen an, der in den gymnastischen Ucbungen der griechischen Jünglinge und Mädchen seine Ausbildung fand. Proben dieses Reigentanzes sehen wir auf griechischen Vasen. Es ist die edle. p l o st i s ch e Form, die dabei zum Ausdruck kommt, die Freude der Antike an der körperlichen Ersckeinung fand hier ihr Genüge. Die Scklastänzerin Mndeleine ging innerlicher vor. Ihr Tanz war nicht Anlehnung an griechische Vorbilder— die Duncan bekam da- durch schon etwas LehrbaftcS, ProfesioraleS in ihren Tanz hinein—, sondern eine durch den Rhythmus der Musik angeregte, unmittelbare Darstellung und Uebertragung deS Gefühls. Dieses inehr Unmittel- bare zeigte sich eben darin, daß daS Gesicht, das Mienenspiel auf- fällig mit hineingezogen wurde, waS die Duncan gerade vermied. Wenn auch der Titel Schlaftänzerin nach Reklame schmeckte, so zeigte sich doch in der Art der Darstellung des innerlichen Erlebens der Musik eine äußerst nervöse, fast krank- Haft sensible Empfindsamkeit, ein Reagieren auf feinste Gehörreize, wie cS in dieser Art selten vorkommt. Die Mimik ergänzt so den Tanz. Fräulein Irene Sauden zeigte weiter nichts, als daß diese Anregungen, namentlich der Duncan, Schule machen. Man merkt, daß sich bald stereotype Bewegungen ausbilden werden, wie es beim Tanz in der alten Form der Fall war. Die Gesten haben etwas Schematisches, Monotones, unmerzu kebrt dieses Hüpfen und Springen, dieses Bücken und Knieen wieder. Auch der Gesichts- ansdruck ist stereoty, ein erstauntes Blicken, ein Lauschen, ein Lächeln. Allerdings liegt es ja in der Tanzkunst— ihre Entstehung rechtfertigt es— begründet, daß das Persönliche eigentlich sich nicht so vordrängt. Der Tanz, der den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht, führt notgedrungen zu einer typischen Darstellung, die die scharfen Persönlichkeitsnnterschiede unterdrückt undausgleicht. Dannmuß aber das Ganze die Prägung reifer Gestaltungskraft erhalten und nicht den Stempel gelehriger Nachahmung allzu deutlich an der Stirn trage». Und wozu die Musik eines Chopin und Schubert zu solchem Be- ginnen bemühen? Sie ist nicht dafür geschaffen, sie erfährt eine Vcr- ballhornung dadurch, sie wird gemißbraucht. Was in diesen Tönen lebt, kommt voll in ihnen selbst zum Ausdruck, und eS bedarf keiner Tänzerin, um sie zu interpretieren, der es auch um deswillen nicht glücken wird, da ihr das feinere Verständnis der Musik abgehen ivird. Es klingt zwar sehr hübsch und einfach, wenn es heißt:„Frl. Irene Sanden wird durch ihre Tanzphantasien den Stimmung?- gehalt musikalischer Schöpfungen im Tanze ausdrücken". Tat- sächlich aber liegt darin eine ungeheure Anmaßung und, ivcnn man die Tat nachher sieht, eine maßlose Uebertreibung. Spielt itun noch der ninsikalische Begleiter so icklccht, wie es hier der Fall war, so muß man gegen das Malträtieren musikalischer Schöpfungen zum Zwecke sensationeller Ausbeutung energischen Ein- sprucb erheben. tehlte der Tänzerin jede besondere Eigenart, so läßt sich von ichtungen Irma GoeringerS tvenigstens sagen, daß sie ehrlich empfunden sind. Es läuft manches Triviale, manches Sentimentale mit unter. Dafür erfreut in anderen Stellen eine ge- wisse Intimität der Beobachtung, eine Freude an stillen Feinheiten, und im ganzen merkt man hinter den Sachen eine vielleicht ein wenig schwächliche aber eigene Anschauung, eine nachgebende Weich- heit weiblichen Empfindens, die sympathisch berührt. Mehr kann man allerdings nicht sagen.— Humoristisches. — Nene Bezeichnung. Gast:„Bringen Sie mir eine Tasse Fleischbrühe— aber«licht etwa wieder Monokel- B o u i l l o n I" Kellner:„WaS meinen der Herr damit?" Gast:„Nun solche, auf der««ur ein Auge schwimmt!" — BoShaft.„Du, Karl, nachdem«vir uns neulich in strömendem Regen getrennt, bracht' ich meiner hübschen Nach- barin noch ein Ständchen!" „Nun ja... wenn man einmal naß ist I"— — Ausweg.„Da begegnet mir seit einiger Zeit öfter ein Herr; der grüßt inich immer sehr höflich, spricht auch manchmal mit mir, und«ch weiß seinen Namen nick«— das ist mir so peinlich!" ..Nenueil S' ihn halt einfach„Herr Meyer"— und wenn S' a' bisserl a' Glück hab'n, dann st i m m t'S auch!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Hermann H e i j e r in a n S neues Schauspiel„Ghetto" geht im K l e i n e n T h e a t e r am V. November zun« ersteirinol in Szene.— — G o r k i s neues Drama„S o n n e n k i n d e r" hatte bei der Uraufführung in Petersburg nur einen mäßigen Erfolg.— —„M»fette", Operette von Herblay, ist die nächste Novität des Zentral-Theaters.— — Rudolph Lothar'? Freimaurer-Drama„Die Rosen- teinpler" ist bei der Uraufführung un Wiener Deutschen Volkstheater durchgefallen.— — U c b er einen großen Sprottenfang berichtet da? „Memclcr Dampfboot": Durch die in letzter Zeit anbaltend geiveseire stünnische WiUening haben sich Sprotten, Breitlinge, Bratlinge, auch Brißlinge gcnanirt, in großen Zügen an unserer Küste ein- gefunden. So«vurdcn z. B. von Mcllneraggcr Fischen««nit einem einzigen Strandgaruzuge sechs Bootsladungen ä 100—120 Scheffel gefangen.— Verant'•ortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: VorlvärlS Buchdruckerei u.Verlagsa»staltPaulSiligcr L:Co..BcrlinLW.