Nnlerhaltungsblatl des Worwärls Nr. 212. Dienstag, den 31. Oktober. 1905 301 Das DuclU (Nachdruck verboten.) Nomon von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Romaschow streifte an diesem Abend lange in der Stadt umher und hielt sich stets im Schatten; er wußte fast nicht, in welcher Straße er sich befand. Einmal blieb er vor Nikolajews Hause stehen, das im Mondlicht hell und kalt glänzte und dessen grünes Dach einen sonderbaren metallischen Schein zurückwarf. Die Straße war tödlich still, menschenleer und schien ihm ganz unbekannt. Die geraden, deutlichen Haus- und Zaunschatten teilten den Fahrweg scharf in zwei Hälften '— eine Hälfte war ganz schwarz, auf der anderen glänzten trübe die glatten runden Pflastersteine. Hinter dichten, dunklen roten Vorhängen brannte als großer warmer Fleck die Lampe.—„Liebe, fühlst Du wirklich nicht, wie mir traurig ist, wie ich leide, wie ich Dich liebe!" flüsterte Romaschow, machte ein weinerliches Gesicht und preßte beide Hände fest gegen die Brust. Es kam ihm plötzlich in den Kopf, Schurotschka zu zwingen, daß sie ihn in der Entfernung, durch die Zimmer- wände hindurch, hörte und verstände. Er preßte also die Fäuste so stark zusammen, daß er unter den Nägeln Schmerz empfand, schloß krampfhaft die Kinnladen aufeinander und begann mit einer Empfindung, als wenn kalte Ameisen über seinen Körper liefen, mit krampfhafte» Willensanstrengung zu sprechen: ..Sieh' durchs Fenster... tritt zum Vorhang... steh' vom Sofa auf und tritt zum Vorhang. Sieh' hinaus, sieh' hinaus, sieh' hinaus, hörst Du, ich befehle Dir, Du sollst sofort zum Fenster gehen!" Die Vorhänge blieben unbeweglich.„Du hörst mich nicht," flüsterte Romaschow mit bitterem Vorwurf.„Du sitzt jetzt neben ihm, neben der Lampe, rechts, gleichgültig, hübsch. Ach Gott, mein Gott, wie bin ich unglücklich!" Er seufzte und ging müden Ganges mit tief gesenktem Kopfe weiter. Er ging auch an Nasanskis Wohnung vorbei, ober da war es dunkel. Romaschow bemerkte allerdings, daß etwas Weißes in dem nicht erleuchteten Zimmer am Fenster vorüber- huschte, aber es war ihm unheimlich zumute und er konnte sich Nicht entschließen, Nasanski zu rufen. Einige Tage später erinnerte Romaschow sich wie an ein fernes, vergangenes Traumgesicht an diesen phantastischen, fast somnambulen Spaziergang. Er hätte selbst nicht sagen können, wie es kam, daß er sich plötzlich beim Judenkirchhof befand. Dieser lag am Rande der Stadt und strebte, von einer niedrigen weißen Mauer umgeben, still und geheimnis- voll bergan. Aus dem hellen, schlafenden Grase erhoben sich traurig die einförmigen, kalten Grabsteine und warfen gleich- mäßige, dünne Schatten. Auf dem Kirchhof aber herrschte die lautlose, streng-feierliche Stille der Einsamkeit. Dann sah er sich am anderen Ende der Stadt. Vielleicht war das wirklich ein Traum? Er stand mitten auf dem langen, ebenen, glänzenden Damm, der breit den Bug durch- schnitt. Das Wasser schaukelte sich träge und lief unter seinen Füßen, plätscherte melodisch gegen das Ufer, und der Mond spiegelte sich auf seiner schwankenden Oberfläche als eine zitternde Säule. Und es schien, als wenn Millionen silberner Fische im Wasser plätscherten und in einem schmalen Streifen zum fernen, dunklen, schweigsamen, öden Ufer schwammen. Weiter fiel Romaschow ein, daß ihn überall auf den Straßen und vor der Stadt der süße, zart anheimelnde Duft blühender weißer Akazien verfolgte. Sonderbare Gedanken kamen ihm in dieser Nacht in den Kopf— vereinzelte bald traurige, bald schmerzliche, bald un- bedeutende, kindlich-lächerliche Gedanken. Am häufigsten war ihm aber— wie einem unerfahrenen Spieler, der an einem Abend sein ganzes Vermögen verloren hat und sich plötzlich mit verführerischer Deutlichkeit ausmalt, daß überhaupt nichts Unangenehmes passiert sei— zumute, daß der hübsche Unter- leutnant Romaschow beim Parademarsch ausgezeichnet vor dem General vorbeidefiliert und allgemeines Lob geerntct hätte, und daß er jetzt mit den Kameraden im hellen Eßzimmer de3 Offizierskasino säße, lachte und Rotwein tränke. Aber jedes- mal wurden diese Gedanken von Erinnerungen an Fedo- rowskis Geschimpf, an die wütenden Bemerkungen des Rotten- kommandeurs, an das Gespräch mit Nikolajew unterbrochen, und Romaschow fühlte sich wieder unbeschreiblich beschimpft und unglücklich. Ein geheimer innerer Instinkt trieb ihn an die Stelle, wo er sich heute von Nikolajew getrennt hatte. Romaschow dachte in diesem Augenblick an Selbstmord, aber dachte ohne Entschlossenheit, ohne Furcht, mit einem heimlich-angenehm- selbstsüchtigen Gefühl daran. Seine gewöhnliche unruhige Phantasie tat ihm alle Schrecken dieses Gedankens auf und verschönte und schmückte ihn gleichzeitig mit hellen Bildern. „Da stürzt Hainün aus Romaschows Zimmer, sein Gesicht ist schreckentstellt, blaß, zitternd läuft er ins Osfiziersspeise- zimmer, das voller Menschen ist. Bei seinem Erscheinen er- heben sich alle unwillkürlich vom Platze.„Herr Oberst... der Unterleutnant... hat sich erschossen!.. bringt Hainän mühsam heraus. Allgemeine Bestürzung. Die Ge- sichter werden blaß. In den Augen spiegelt sich Schrecken. „Wer hat sich erschossen? Welcher Unterleutnant?"—„Herrgott, das ist ja Romaschows Bursche," erkennt jemand Haindn. «Das ist sein Tscheremisse." Alle laufen zur Wohnung, einige ohne Mütze. Romaschow liegt auf dem Bett. Auf dem Fuß- boden eine Blutlache und in ihr ein Smith u. Wisson- Revolver, Dienstmodell. Durch die Offiziersmenge, die das kleine Zimmer füllt, bahnt sich der Regimentsarzt Snoiko mühsam einen Weg.„In die Schläfe!" sagt er leise unter allgemeinem Schweigen.„Alles zu Ende." Jemand meint halblaut:„Meine Herren, nehmen Sie doch die Mützen ab." Viele bekreuzigen sich. Wetkin findet auf dem Tisch einen in fester Schrift mit Bleistift geschriebenen Brief und liest ihn vor.„Ich verzeihe allen, ich sterbe freiwillig, das Leben ist so schwer und traurig! Machen Sie meiner Mutter vor- sichtig Mitteilung von meinem Tode. Georgii Romaschow." Alle blickten sich um, und jeder liest in den Augen des anderen den unruhigen, unausgesprochenen Gedanken:„Wir sind es, die ihn getötet haben!" „Unter einer Decke von Goldbrokat schwankt gleichmäßig, von acht Kameraden getragen, der Sarg dahin. Alle Offi- ziere folgen. Hinter ihnen die sechste Rotte. Hauptmann Sliwa macht ein finsteres Gesicht. Der gute Wetkin ist ganz rot vom Weinen, aber jetzt auf der Straße bezwingt er sich. Lbow, der liebe, gute Junge, weint laut, ohne es zu verbergen lind ohne sich seines Kummers zu schämen. Tieftraurig schallen die Klänge eines Trauermarsches durch die Friihlings- tust. Da sind auch alle Regimentsdamen und Schurotschka. „Ich habe ihn geküßt!" denkt sie voll Verzweiflung.„Ich habe ihn geliebt! Ich hätte ihn zurückhalten, ihn retten können!"—„Zu spät," denkt als Antwort mit einem bitteren Lächeln Romaschow. „Die Offiziere unterhalten sich leise auf dem Wege zum Grabe.„Ach, wie tut uns der arme Teufel leid! Was war das für ein prächtiger Kamerad, was für ein schöner, begabter Offizier!... Ja... wir haben ihn nicht verstanden!". Lauter weint der Begräbnismarsch. Es ist der Beethovensche Trauermarsch.„Auf den Tod eines Helden". Romaschow aber liegt unbeweglich, kalt, mit ewigem Lächeln auf den Lippen im Grabe. Auf seiner Brust ruht ein bescheidenes Veilchensträußchen— niemand weiß, wessen Hand diese Blumen dort hingelegt hat. Er hat allen verziehen: Schurotschka und Sliwa, Fedorowski und dem Korpskommandeur. Sie sollen nicht um ihn weinen. Er war zu rein und schön für dieses Leben! Dort wird ihm besser sein!"-- Tränen traten ihm in die Augen, aber Romaschow wischte sie nicht ab. Es war so tröstlich, sich selbst beweint und un- gereckst gekränkt vorzustellen. Er ging jetzt an dem Runkelrllbcnfelde entlang. Die niedrigen, dicken Blätter schimmerten als weiße und schwarze Flecke durcheinander unter seinen Füßen. Die Weite des mondbeleuchteten Feldes erdrückte Romaschow gleichsam. Der Leutnant stellte sich auf einen kleinen Erdhügel und blieb auf dem Eisenbahneinschnitt stehen. Diese Seite lag ganz in schwarzem Schatten; auf vre — 84ö— andere aber fiel Helles Licht, und es schien, als wenn man jeden Grashalm auf ihr sehen könnte. Der Einschnitt sie! nach unten wie ein dunkler Abgrund; auf seinem Grunde leuchteten schwach die blankgeriebenen Schienen. Weit hinter dem Einschnitt schimmerten auf dem Felde in regelmäßigen Reihen spitz zulaufende Zelte. Etwas unterhalb der Höhe des Einschnitts lief parallel der Bahn ein schmaler Absatz. Romaschow stieg zu ihm hin unter und setzte sich ins Gras. Infolge des Hungers und der Müdigkeit verspürte er ein Gefühl von Uebelkeit außer heftigem Zittern und Schwäche in den Füßen. Das weite öde Feld dort hinten, der halb im Schatten, halb im Licht liegende Einschnitt, die trübe, durchsichsige Luft, das tau benetzte Gras— alles lag in heimlicher, wachsamer Sülle, von der es dumpf in den Ohren sauste. Nur bisweilen Pfiffen rangierende Lokomotiven auf der Station, und in der Stille dieser sonderbaren Nacht bekam das kurze Pfeifen einen leben digen, unruhigen und drohenden Ausdruck. Romaschow legte sich auf den Rücken. Weiße, leichte Wolken standen unbeweglich am Himmel und über ihnen glitt der runde Mond dahin. Oben war es leer, weit und kalt und es schien, als wenn der ganze Raum von der Erde bis zum Himmel mit ewigem Schrecken und ewigem Gram erfüllt wäre. „Da ist Gott!" dachte Romaschow und begann plötzlich mit einem naiven Gefühlsausbruch von Kummer, Kränkung und Mitleid mit sich selbst erregt und bitter zu flüstern: „Gott! Warum hast Du Dich von mir gewandt? Ich bin klein und schwach, ich bin ein Sandkörnchen, was habe ich Dir Schlimmes getan? Gott! Du kennst ja alles, Du bist gut. Du siehst alles— warum bist Du ungerecht gegen mich, Gott?" Aber ihm wurde schrecklich zumute, und er flüsterte schnell und eifrig: „Nein, nein, Guter, Lieber, verzeih mir, verzeih mir! Ich will nicht mehr..." Und er fügte mit schüchterner, jeden Zorn entwaffnender Ergebenheit hinzu:„Mach mit mir, was Du willst. Ich ordne mich mit Dankbarkeit allem unter." So sprach er und gleichzeiüg rührte sich in den tiefsten Tiefen seiner Seele der unschuldig-lisüge Gedanke, daß seine geduldige Ergebenheit den allmächtigen Gott rühren und be- sänftigen würde, und dann würde sich plötzlich ein Wunder begeben, so daß alle schweren und unangenehmen Ereignisse des heutigen Tages sich nur als ein böser Traum erweisen würden. „Was machst Du hier?" rief eine Lokomotive böse und geschwind. Eine andere aber antwortete in niedrigem Tone langgedehnt und drohend: „Ich— tverd'— Dich!" Diesseits des Einschnittes auf der Höhe des beleuchteten Abhanges rauschte etwas und huschte dahin. Romaschow er hob den Kopf ein wenig, um besser zu sehen. Etwas Graues, Unförmliches, wenig Menschenähnliches süeg im wunderlich trüben Mondlicht, kaum vom Grase sich abhebend, von oben nach unten. Nur an der Bewegung des Schattens und dem leichten Geräusch rollenden Sandes konnte man die Gestalt bemerken und verfolgen. Jetzt überschritt sie die Schienen.„Scheint ein Soldat Zu sein," blitzte Romaschow eine unruhige Vermutung durch den Kopf.„Jedenfalls ist es ein Mensch, aber so sonderbar kann nur ein Mondsüchtiger oder Betrunkener gehen. Wer mag das sein?" Der graue Mensch überschritt die Schienen und trat in den Schatten. Jetzt war ganz deutlich zu sehen, daß es ein Soldat war. Er stieg langsam und schwerfällig bergan und verschwand eine Zeitlang aus Nomaschows Gesichtskreis. Nach zwei, drei Minuten aber begann sich von unten lang- sam ein runder, geschorener Kopf ohne Mütze nach oben zu bewegen. Das trübe Mondlicht fiel gerade auf das Gesicht dieses Menschen, und Romaschow erkannte den linken Flügelsoldaten seiner Halbrotte�— Chlebnikow. Er ging mit bloßem Kopf, hielt die Mütze in der Hand und blickte unverwandt und leb- los vor sich hin. Es schien, als bewege er sich unter dem Einfluß einer fremden, inneren, geheimnisvollen Macht. Er «ing so nahe am Offizier vorbei, daß er ihn fast mit dem Mantelrande berührte, in seinen Augäpfeln spiegelte sich in hellen, scharfen Punkten das Mondlicht. „Chlebnikow! Bist Du das?" rief Romaschow ihn an. „Ach!" rief der Soldat und blieb plötzlich, am ganzen Leibe vor Schreck zitternd, auf dem Fleck stehen. Romaschow erhob sich schnell. Er sah vor sich ein totes, gequältes Gesicht mit zerschlagenen, geschwollenen, blutigen Lippen und blauen, geschwollenen Augen. Im unsicheren Mondlicht bekamen die Spuren der Schläge ein bösartiges, ungeheuerliches Aussehen. Und während Romaschow Chleb- nikow ansah, dachte er:„Dieser selbe Mensch hat heute mit mir dem ganzen Regiment den Mißerfolg verursacht. Wir sind beide gleich unglücklich." „Wohin willst Du? Was ist mit Dir?" fragte Romaschow! freundlich und legte, selbst nicht wissend warum, dem Soldaten beide Hände auf die Schultern. Chlebnikow sah ihn mit einem fassungslosen, verstörten Blick an, wandte sich aber sofort um, seine Lippen schmatzten, öffneten sich langsam und ein kurzer, unsinniger, schriller Ton drang daraus hervor. Eine Empfindung dumpfer Erregung, ähnlich derjenigen, die einer Ohnmacht vorhergeht und widerlichem Kitzeln gleicht, verursachte Romaschow in Brust und Leib ziehende Schmerzen. „Haben sie Dich geschlagen? Ja? Nun, sag doch. JaT Setz Dich her, setz Dich zu mir." Er zog Chlebnikow am Aermel nieder. Der Soldat fiel wie eine Gliederpuppe mit einer Art plumper Leichügkeit gehorsam ins feuchte Gras neben dem Leutnant nieder. „Wohin gehst Du?" fragte Romaschow. Chlebnikow schwieg und saß ungeschickt mit unnatürlich ausgestreckten Beinen da. Romaschow sah, wie sein Kopf all- mählich in kaum merklichen Stößen auf die Brust herunter- sank. Wieder hörte der Leutnant einen kurzen, schrillen Ton, und in seinem Herzen rührte sich heißes Mitleid. „Wolltest Du weglaufen? Setz doch die Mütze auf. Hör, Chlebnikow, ich bin jetzt nicht Dein Vorgesetzter, ich bin selbst — ein unglücklicher, einsamer, niedergedrückter Mensch. Ist Dir schwer? weh? Sprich offen mit mir. Vielleicht wolltest Du Dich umbringen?" fragte Romaschow in unzusammen- hängendem Geflüster. (Fortsetzung folgt.) kleines feiuUeton. C2. Ein Gewinn. Das alte, faltige Pcrgamentgesicht Binseners beugte sich seit zwanzig Jahren über das Pult. Dasselbe Pult. Denn Binscner gehörte zu jenen, die der- wachsen mit ihrem Platz, auf dem sie einmal stehen. Die strebende Beweglichkeit fehlte. Jüngere, aktive Kräfte als er, von denen einzelne als Volontäre die ersten Begriffe der Versicherungswissenschaft aus seiner Hand, aus seinem Hirn bezogen hatten, waren aufwärts gerückt in der Rangleiter. Jetzt stand mancher als„Vorgesetzter" über ihm, der vergessen hatte, wo er die Fibel seines Berufs gelernt. Binsener schickte sich drein; er räsonnierte nicht. Oder doch nur daheim, im stillen Kämmerlein, wo niemand ihn hörte. Das geschah immer dann, wenn die da oben ihn wieder einmal so recht deutlich ihre Geringschätzung hatten fühlen lassen. Dieses erhabene mitleidige Lächeln mit dem man einem ausgedienten Gaul das Futter hinschüttetl O, er wußte es wohl: wenn sie ihn einmal los werden konnten— auf gute Art—, sie würden nicht zögern. Aber gegen seine Arbeit war nichts zu sagen. Die blieb sich gleich heute wie vor zwanzig Jahren. Eher merkte er jetzt noch sorg- fältigcr auf, um sitzen zu bleiben im alten Sattel. Warum sie ihn nicht mochten? Er hätte es nicht sagen können. Vielleicht nur deshalb, weil er keine„Figur" machte. Weil er ein einfaches altes Möbel war und keine Stehkragen trug. Weil seine Hose glänzte, sein Rock dünn und abgeschabt war, und weil ein Schlips unterm Umlegekragen einer längst vergessenen Mode angehörte. Vielleicht auch, weil seine Gutmütigkeit alles ertrug, wenn auch nicht verzieh, und außerstande war, dem rücksichtslosen Angreifer mit gleicher Waffe zu dienen. Kurz: Binsencr aehörte u den Stillen, den in sich Zurückgezogenen, die überall den Ambos ilden, auf dem die Lärmer zu ihrem Vergnügen herumhämmern. Zu ihrem Vergnügen I Binsener war das„Karnickel" des ganzen Bureaus. An ihm wetzte sich der dürftige, schnoddrige Witz des Achtzehnjährigen wie der beißende Hohn des Vierzigers, der ür sein schmackloses Frühstück Rache an einem Unschuldigen nahm. Sie alle waren so unendlich erhaben über jenes„vertrocknete Ge- wächs" dort am PultI Sie alle blühten in so herrlicher Schönheit und Mannhaftigkeit auf aus ihren Bügelfalten, daß es ihnen ganz natürlich schien: Binscner, der Graukopf, dem das Arbeiten unter der Gasflamme eine kreisrunde Tonsur auf dem Schäoel aus- gebrannt, sei zu ihrem Amüsement da. Gegen alles das hatte sich Binsener Wohl im Anfange zu wehren versucht; er war heftig geworden. Aber als er bemerkte, wie dadurch das Vergüngcn der anderen noch erhöht wurde, wie das Halloh, der Lärm, sich zu tierischem Gebrüll verstärkte, da beschloß er, zu schweigen und mit stiller Verachtung die Gedanken- losen als Luft zu betrachten. Binscner wurde stumm. Aber er beschloß gleichzeitig, sich aus Kcfent umrträgli'chcn, unwürdigen Zustand zu retten. Er sann Nächte lang. Mit einem Wechsel der Stellung durfte er nicht rechnen. Erstens wars nicht leicht für ihn, wo anders unterzu- kommen, und am Ende war die Unvernunft ein sehr verbreitetes Uebel, das ihn überall Plagen konnte. Unabhängig mutzte er werden I Wie? Das war die Frage, die ihm wochenlang das Hirn zer- quälte. Die abenteuerlichsten Pläne heckte er aus bei Nacht: im Tageslicht besehen, zerflossen sie wie Nebelgebilde, die man nicht greisen kann. Wie er auch grübelte: er fand nichts. Und so klammerte sich seine Hoffnung an den Zufall. Er kaufte sich ein Lotterielos. Dann war doch die Möglichkeit bei ihm, eme vage Hoffnung. Und von Stund' an satz sie hart- näckig neben ihm am Pult und flüsterte, wenn's gar zu' arg wurde: Wartet nur, bis der Hauptgewinn kommt l Dann— I Er kam nicht. Jahre gingen drüber hin. Lange Jahre Der Spieler verlor und gewann— Kleinigkeiten. Meist verlor er. Die Tonsur auf dem Schädel zog immer grötzere Kreise; die Falten in der Pergamenthaut des Gesichts gruben sich tiefer und tiefer— Binsener hoffte. Da, eines Morgens, als er bei seinem Frühstück am Pult die Zeitung aufschlug und die Gewinnliste prüfte, entfuhr ihm ein heller Schrei, ein so freudiger, unwillkürlicher Schrei, dcttz das ganze Personal an sein Pult stürzte. Binsener zeigte mit zitterndem, hin. und hergleitendem Finger auf die Liste und stammelte:„Gewonnen! Gewonnen!" Zwanzig Frager stürmten auf ihn ein. Man wollte die Nummer wissen, die Höhe des Gewinns. Aber sie hörten mf: „Viel! Viel!" Andächtig� interessiert starrten alle auf das Blatt. Doch einen schnoddrigen Witz fand— merkwürdigerweise— niemand mehr Das„Karnickel" war schon tot. Mausetot mit einem Schlag. Der alte, ehrwürdige, reiche Kollege Binsener satz bort am Pult. Satz schweigend wie vorher. Nur mit helleren Augen, mit ge- strafster Gestalt. Der grotze, schwarzbärtige Bureauvorstchcr knickte förmlich zu- sammen:„Meine Gratulation, lieber Herr Binsener! Meine auf- richtige, herzliche Gratulation! Weitz Gott, wenn ich's einem Menschen gönne, sind Sie's. Sie verdienen es!" Eine Träne blinkte in seinem Auge. Binsencr lächelte. Nicht boshaft. Nicht höhnisch. Das konnte er nicht. Nur ganz fein spielte es um die dünnen Lippen. Aber die angebotene Hand sah er nicht. Er sah all die Hände nicht, die sich ihm entgegenstreckten; blickte auf das Papier, auf sein altes Pult und tauchte immer wieder die Feder ein, ohne es zu wissen. Und lächelte dabei. Bis im Hin- und Hergeschwätze die Worte fielen:_____ zum Besten geben... paar Pullen Wein..." Er hörte es nur wie aus der Ferne; aber das lärmende, jauchzende Echo schreckte ihn hoch. Merkwürdig, wie er gewachsen war in der letzten Stunde! Und zum ersten Mal wohl im Leben fiel ihm zu rechter Zeit das rechte Wort ein:„Meine Herren. Ich wasche keine Mäuler mit Wein, die mich beschinipft haben. Nehmen Sie Seife." Schweigen. Verlegener Abmarsch auf die Plätze. Dunkles Gegrolle.— Inzwischen hatte der Burcauvorsteher die Mär von einer halben Million— auf's Geradewohl— in's engere Direktions- zimmcr getragen. Zwei ehemalige Volontäre kamen im Sturmschritt herein. Sie redeten viel zu dem Gewinner. Gratulation. Alte Erinnerungen. Dankbarkeit. Niemals die Zeit der Lehre vergessen, nie! Alte Freundschaft bei einer guten Flasche gelegentlich aufwärmen. Und so weiter. Binsener sah ihre Hände nicht. Als Letzter kam der Direktor. Langsam, gemessen, vornehm. Er ergriff einfach beide Hände des Gewinners:„Mein lieber Herr Binsenerl Heute ist ein wahrhaft glücklicher Tag für Sie! Wie die Zufälle doch mitunter spielen! Hören Sie: ich bin gerade im Begriff, Ihnen einen vorteilhaften Antrag zu machen,— ich gebe gerade meiner Entrüstung, meinem Erstaunen darüber Aus- Zruck, datz man einen so alten, verdienten Beamten seit Jahren ruf so unverantwortliche Weise vernachlässigt,— ich will Ihnen einen Sitz als meine rechte Hand im Direktionsbureau anbieten, — da kommt mir die Kunde von diesem verfluchten Gewinn— entschuldigen Sie. Hoffentlich haben Sie nicht die Absicht, uns zu verlassen—" Binsener ward's schwarz vor den Augen. Gewastsam brach seine Rührung hervor:„Nein, Herr Direktor, ich bleibe. Niemand soll mich undankbar schelten." „Bravo! Sie sind ein Charakter, Herr Binsen, r.— Meine Herren!" Der Direktor wandte sich an's Personal:„Ich hoffe, datz gewisse Dinge sich nicht wiederholen. Wer sich noch einen ein- sigen leisen Ucbergriff gegen diesen alten, ehrwürdigen Herrn er- laubt, der ist hier gewesen. Im übrigen ist Herr Binsencr, den ich Ihnen allen als leuchtendes Muster der Pflichttreue zur Nach- eiferung empfehle, von heute an Ihr Vorgesetzter. Was ich zu beachten bitte! Adieu!" Einige schlichen herbei und baten um Verzeihung: die grötztcn Lärmer. Binsener stand auf der Höhe seines Triumphes Fast wäre er wieder hinab- und in sich zusammengesunken. Als er in der Mittagspause seinen Kollekteur besuchte, stellt? es sich heraus, datz der Gewinn in der Zeitung um zwei Nullest zu hoch angegeben war. Er überwand die Enttäuschung, bezwang sich und schwieg. Und weil es glücklicherweise genug war, um dem DirektoL so viel zu borgen, wie er brauchte, blieb's auch bei der Be» förderung.— — Zur Erklärung des Namens Zwinglis, des schweizerische» Reformators, gibt im letzten Heft der vom Züricher Zwingli-Verei» herausgegebenen Zeitschrift„Zwingliana" Pfarrer Bruzpacher einen beachtenswerten Deutungsversuch. Dieser Name wurde bisher teils von dem Zeitwort zwingen, oder der Zwinge(Ring), teils auch von dem mundartlichen Zwingli(hochdeutsch Zwillinge) abgeleitet. Beide Erklärungen haben zwar Verteidiger gefunden und können sich sogar beide auf die Autorität Zwinglis selbst stützen, der seinen Namen sowohl im Sinne der ersten Auffassung mit Cogentius als der zweiten mit ZGeminius übersetzte, führen aber, insbesondere der zweite, zu sprachlichen und sachlichen Schwierigkeitens Der Deutnngsversuch Bruzpachers knüpft nun an eine interessante topo- graphische Beobachtung aus der Nähe von Zwinglis Geburtsort Wildhaus an. Tort gibt es auf dem Passe, der über die Krayalp und Teselalp nach Wildhaus führt, eine kleine Stelle, die nach ur- kundlichem Zeugnis früher„das Zwingli" hietz.„Zwing", in seiner älteren Form Auing, bezeichnete früher einerseits einen Ge- richtskreis(daher die Rechtsformel„in Zwing und Bann"), anderer- seits einen eingehegten, abgesonderten und abgeschlossenen Guts, oder Alphof. Nun ist bekannt, datz die Bildung der Famalien- namen wie im ganzen übrigen deutschen Sprachgebiet so auch in der Schweiz häufig in der Weise erfolgte, datz der Wohnort einer Familie auch ohne die Beifügung eines„in" oder„von" auf diese selbst übertragen wurde, so z. B. bei den schweizerischen Namen Gmuer, Moos, Mösli, Egg u. a. m. Bruzpacher hält es daher durchaus für möglich, datz auch der Name Zwingli oder Twingli— „Twingli" ist die Form des Namens noch in dem Briefwechsel des Glarners Konrad Luchsinger mit dem Reformator— von dem Gute oder Hofe, der„das Zwingli" hietz, auf einen der Vorfahren des Reformators übertragen wurde. Uebrigens führt noch heute ein Hof bei Hemmental im Kanton' Schaffhausen den Namen„Im Zwingli". Trifft diese Namensdeutung zu. so wäre Zwingli aU Familiennamen ziemlich genau das Gegenstück des verbreiteten französischen Namens Duclos, der ursprünglich gleichfalls den Be-- sitzer oder Bewohner eines elos, d. h. eines abgeschlossenen Gutsoder Meierhoses, gleich schweizerisch Zwing, bezeichnete.— (»Köln. Ztg.") ie. Bäume als Seuchenschutz. Früher, als man noch nichts von Bakterien und ähnlichen mikroskopischen Krankhcitskeimen wutzte, glaubte man an gewisse Miasmen, unheilvolle Dünste, die im Boden entstehen und die Menschen mit Krankheiten anstecken. Es ist merkwürdig, wie schwer trotz des Fortschrittes der Wissenschaft die alten Vorstellungen auszurotten sind. Allerdings finden diese immer wieder Nahrung durch die Tatsache, datz manche ansteckende Krankheiten in sumpfigeu Gegenden, wo derartige Dünste für Auge, Nase und Gefühl besonders merklich toerden, ungewöhnlich gefährlich auftreten. Tatsächlich hat dort auch erst die neueste Zeit diesen Zusammenhang aufgeklärt durch die Feststellung, datz In- selten, deren Fortpflanzung an stehendes Wasser gebunden ist, namentlich also die Stechmücken, den Krankheitskeim auf den Menschen übertragen. Mit dem Glauben an die Miasmen eng ver- Kunden waren die Vorurteile, die darauf ausgingen, die krankheits- schwangere Atmosphäre durch natürliche Mittel der Luftverbesscrung zu reinigen. Insbesondere lvar die Ansicht weit verbreitet, datz gewisse Bäume die Kraft haben, die Miäsmen eines Sumpfes un- schädlich zu machen. Noch jetzt trifft man zuiveilen auf Veröffent- lichungen, in denen zur Verbesserung des Gesundheitszustandes» namentlich in Gebieten, wo die Malaria herrscht, die Anpflanzung solcher Bäume an der Stratzen und in öffentlichen Parks dringend empfohlen wird. Zu diesen Bäumen gehört der australische Gummi- bäum oder Eucalyptus, der einen balsamischen Geruch aussendet» der nicht nur im allgemeinen gesund sein, sondern vorzugsweise dem Boden die Malarialuft nehmen soll. � So unwissenschaftlich diese Vorstellung erscheint, so halten es selbst Fachleute der Medizin nicht für rwivahrscheurlich, datz zwischen dem Wachstum des Eucalyptus und dem Vcrschoutbleiben gewisser Gegenden von der Malaria ein Zusammenhang bestehen könne. Es ist nur fraglich» ob der gerühmte balsamische Duft der Bäume cttvas damit zu tun hat. Von Wichtigkeit ist jedenfalls der Umstand, das; die Eucalhpten durch die eigentümliche Anordnung ihres Laubes weniger Schatten geben als andere Bämne. Dadurch vermögen die Sonnenftrahteu nicht nur ihre bakterienfcindliche Kraft besser zu bewähren, sondern auch den Boden wirksamer auszutrocknen und die längere Ansammlung von Pfützen oder sogar grotzer Sümpfe zu verhindern. Ob daneben der Geruch der Encalypten den Mücken l-eso-nders unangenehm ist und diese Träger der Malaria fern- halten, ist noch genauer zu untersuchen. Die Sache erscheint immerhin wichtig genug, datz sie die Amerikaner vcranlatzt, sick- ernstlich mit der Frage der Anpflanzung von Encalypten lär. s des Panamakanals zu beschäftigen. Als die grötzte Schwierigkeit bei der AuSsiihrnng dieses ungeheueren Unternehmens, das die Welt nun schon so lange, beschäftigt, haben sich nicht technische Sinder- nisse erwiesen, sondern das häufige, im höchsten Grade gefährlich» öuftrcten von Epidemien, namentlich von Malaria imv Gelbem ieber. Diese Mächte haben sogar dazu geführt, daß auch die mcrikaner jetzt für einige Zeit die Arbeiten haben einstellen müssen, um erst noch Ivirksamere Mittel zum Schutz der Arbeiter «gen die Seuchen zu suchen und anzuwenden. Das Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung verspricht sich von der Anpflanzung der Eucalypten längs der Route des Panamakanals »sicht gerade die völlige Ausrottung der Malaria, meint aber doch. daß der Versuch gemacht Iverden müsse, auch diese Bäume als eine »» glicherweise wirksame Hülfe gegen die Verseuchung des Gebiets heranzuziehen. In jedem Fall Iverde ein Wald von Eucalypten toeit gesunder sein, als die tropische Vegetation, wie sie die Natur «hne Eingriff des Menschen hervorbringe.— Theater. Kleines Theater. Das vierte G ebot. Volksstückinvier Akten von Anzengruber. Das Kleine Theater, das in seinem neuen Mitgliede Willy Thaller einen anerkannt hervorragenden Anzengruberspieler besitzt, brachte eine Darstellung des„Vierten Ge- bols", die auch, abgeiehen von der Bravourleistung dieses einen Künstlers als Ganzes sich sehen lassen durfte. Das Drama mit dem WeihnachtSspicle„Heimgefunden", daS einzige, in dem der große Bauerndichtcr Milieu und Leute seiner Wiener Vater- stadt entnimmt, steht an Schärfe und Anschaulichkeit der Charakteristik den besten seiner ländlichen Stücke voll- ständig ebenbürtig zur Seite. So schlagend hat er die Typen in der verlotterten Wiener Kleinbnrgcrfamilie getroffen, daß dieser Name etwas lvie eine Gruppenbezeichnung geworden ist. §reilich bleibt die Art der Szenensührung und des dramatischen ufbaues hier wie durchgehends in seinen Werken weit, sehr weit hinter der glänzenden originellen Kiinstlerschaft, die sich in dem Vermögen der Individualisierung ausspricht, zurück. Anzengruber übernimmt da vielfach ganz unbedenklich die Theatermittel, die Gewaltsamkeit und Willkür von dem alten Volksstück: er näht Lappen in ein kostbar feines Gewand und scheint den Unterschied gar nicht herau» zu merken. Aber vielleicht war es gut so, vielleicht war dieser Mangel an Formgefühl und Selbstkritik, bei allen Ge- brechen, die er mit sich führte, dennoch eine glückliche Mitgift des Llnzengruberschen Geistes. Hätte er in dieser Hinsicht schärfer oeschen, penibler gefühlt, so war es bei der Eigenart seines Talentes, bei den Schranken, die in dieser Eigenart begründet waren, sehr möglich, daß eine erhöhte Einficht, statt seinem Schaffen größere Vollkommenheit zu verleihen, vielmehr negativ seine Produktivität in ihrer freien Entfaltung gehemmt haben würde. In dem Streben, etwas durchweg und gleichmäßig Geschlossenes zu er- zeugen, wäre eS vielleicht dazu gekommen, daß er, Entwurf um Entwurf an diesem Maßstab meffend und verwertend überhaupt nichts gegeben hätte, daß diese ganze bunte Anzengrubersche Mcnschcnwelt, Weil sie im Rahmen lückenlos gefügter Bühnenhandlungen keinen Platz fand, am Ende ungestaltet geblieben wäre. So mag es eine Schutzvorrichtung seiner Natur gewesen sein, daß er im Fluß '»es Produzierens die äußeren mit unterlaufenden Unebenheiten nicht ols solche empfand und, ungestört durch sie. den Faden sorglos weiter- spann. Der Kern, den er bietet, entschädigt reichlich für die Riffe in der Schale. Das erste der sieben Bühnenbilder, in dem das Primitive der dramatischen Technik am offenkundigsten hervortritt, ging in der Ausführung eindruckslos vorüber. Auch ließ das Spiel hier viel zu wünschen übrig. Herr L i ch o hatte den Hausbesitzer Hutterer zu einseitig auf den tyrannischen Poltron hin akzentuiert. Der Einschuß jovialer Wiener Windigkeit, die der Figur nicht fehlen darf, kam nicht zur Geltung. Doch gleich mit dem nächsten Aufzug in der Wohnung der Schalanters setzte die Stimmung ein. Wunderbar frappierend gab T h a l l e r den alten Drechsler- meistcr, den Trunkenbold, mit der kraftlosen Haltung, den Mckenden und zitternden Bewegungen, der rostig heiseren Stimme. Echt waren auch die anderen. Hedwig von L o r s e als die schwammige blonde kupplerische Mutter, M a r i e t t a O l l y in der Figur der leichtsinnigen Tochter, vor allem Rudolf K I e i n- R o h d e n, der Dar- steller des Martin, deö verwahrlosten Burschen, den der Jähzopn zum Mörder macht. In der großen GcfängniSszene bciin Abschied von der treuen Großmutter— Agnes Werner fand in dieser Rolle manchen warmen, zum Herzen dringenden Ton— gipfelte die Leistung. Auch sein Gegenstück, der reiche Stolzenthalcr, erhielt durch Julius Brandt eine lebendig wirkende Verkörperung.— dt. Residenz-Theater. Der Prinzgemahl. Lustspiel in drei Akten von Leon Xanrof und Jules Chance l.— Der »cne Pariser Schwank de? Residenz-Theaters spielt diesmal zur Ab- wkchselnng statt in Paris in einem imaginären Königreich Corconien, das gewohnte Chambre- Separee ist durch das Stcrbezimmer des Gründers der corconischen Dynastie, welches der Tante der regierenden Königin als Stätte ihrer galanten Abenteuer dient, die gepfefferte Ziveidcutigkeit der Boulevardgespräche durch die nicht minder un- genierten Anspielmigen gekrönter Häupter und ihres Hofstaates ersetzt. Weiter hat es keinen Ziveck. Nicht zu einer beziehungsreich witzigen aktuellen Satirc des Gottesgnadenwms— in dem Fall tvürde freilich ja die zuverlässige deutsche Zensur das Stück verboten haben — nur zu einem neuen Arrangement der hundert Mal gehörten Schlüpfrigkeiten gibt das phantastische Kostüm den Vorwand. Trotz- dem oder deshalb schien sich das Publikum höchlich zu amüsieren. Der Exkönig von Jngra, ein Pumpgenie und Schürzenjäger voin Schlag des seligen Milan von Serbien präsentiert der schönen Königin den gut gewachsenen Sohn als Kandidaten für den ebenso bequemen als lukrativen Posten eines Prinzgemahls Sonja und Kyrill gefallen einander, der Antrag wird akzeptiert, und der Alte läßt sich nun, hoffnungsvoll vertrauend, der wichsigsten Persönlichkeit, dem Herrn Finanzminister vorstellen. Indes die noch so fleißige Ausübung der ehelichen Pflichten— mit Behagen wird dies Thema ausgemalt— genügt dem Ehrgeize des Jünglings nicht. Er möchte selbst ein bißchen mitregieren, und als die Königm sich seine Eiimnschung in die polittschen Geschäfte verbittet, als ihn obendrein die Minister durch Aufhängen eines StammbaumbildeS an seine einzige Schuldigkeit, für das Zustandekommen eines Thronerben zu sorgen, mahnen, da inszeniert er einen Boykott. Den Knall» effekt bildet die von der Königin befohlene Vorführung des wider- spenstigen, in seinem Schlafzimmer verbarrikadierten Gatten durch eine militärische Eskorte. Daneben hat die liederliche Tante Zenofa, die einen jungen, in ehrfürchtiger Loyalität ersterbenden Leutnant vergeblich klar zu machen sucht, daß sie feurigere als bloße Unter- tanengefühle von ihm erwarte, für weitere Pikanterien zu sorgen. Ani Schluß kehtt der entflohene Prinzgemahl, um eine offizielle Scheidung durchzusetzen, zurück. Die Königin räumt ihin reuig Herrschermacht an ihrer Seite ein und flüstert ihm, als auch dies noch nicht durchschlägt, ein freudiges Geheimnis zu. Die Tante aber, die in ihrer Schätzung junger Leute durch die Erfahrung mit dem Leutuant irre geworden, tritt mit dem unternehmungslustigen Exkönig, zum viertenmal, in den Stand der heiligen Ehe. Das oft recht schleppende Tempo des Schwankes wurde stellen- weise durch ein recht munteres Spiel belebt. Wo die magere Rolle der buinmelnden Exmajestät nur irgend eine Handhabe der Komik bot, da nutzte Alexanders trockener Humor sie ttefflich aus. Helene Brahms verstand es, die Dreistigkeiten der königlichen Tante mit einen, sehr drolligen Applomb der Selbstverständlichkeit herauszuschleudern.— � Humoristisches. — Neues von Serenissimus. Beim Besuch einer In- strumentenfabrik wurde Durchlaucht auch ein Orchestrion vorgeführt. „Aeh, wirklich hübsch, lieber Kindermann, wirNich hübsch. Möchte gerne— äh— Anerkennung aussprechen. Sagen Sie doch — äh— lieber Kindennann,— äh— Kerls sollen— äh— mal rauskommen l"— — Wahres Geschichtchen. Ein kleines Mädchen erzählt ihren Schulfreundinnen, daß sie zu Weihnachten einen kleinen Bruder bckominen würde. Als sie geftagt wird, woher sie das so genau wisse, gibt sie zur Antwort:„Voriges Jahr hat meine Mama immer auf dem Sofa gelegen, und da ist ein kleines Schwesterchen an- gekommen. Dies Jahr liegt mein Papa immer auf dem Sofa, und da bekomme ich dann ein Brüderchen."— — Ein schwäbisches Sprichwort. Meine Mutter trifft eines TagcS die Bäuerin, die ihr in meiner Kindheit die Milch lieferte. Auf die Frage nach meinem Ergehen erzählt ihr meine Mutter, ich sei verheiratet, da und da, mit dem und dem. Darauf die Frau:„Ja isch's an gueter Mä?" „Ja ein sehr braver Mann." „Hat er an ebbes?" „Ja, sie ist in recht guten Verhältniffen." „So! Ja's Glück ischt a Dackel ond suecht SeineSgleiche I l" („Jugend".) Notizen. — Hartlebens Villa Halkyone zu Salä am Gardasee ist in eine Fremdenpension umgewandelt worden.— — Bei einer Versteigerung in Wien wurde ein vorzügliches Exemplar der ersten Ausgabe von Ciceros„Okkioia et Paradoxa", 1465 von Schöffer und Fust in Mainz auf Pergament gedruckt, für 37 250 Mark zugeschlagen.— —„O t r u n und Jlsebill", ein neues Drama von Otto E r n st, erlebt im Januar im Thalia-Theater zu Ham- bürg die Uraufführung.— — Die nächste Premiere des Deutschen Theaters ist Shakespeares„Kaufmann von Venedig". Agnes Sorma spielt die Porcia, Rudolf Schildkraut den Shylock.— —„Der Stolz der Stadt", eine dreiaktige Komödie von Gustav Wied, hatte bei der Uraufführung im Ho'ftheater zu Stuttgart Erfolg.— — In Wien(Bezirk Döbling) wurde am Sonntag ein Denk- mal Theodor Körners enthüllt.— — Das„Delphische Orakel". Der„Tägl. Rundsch." wird erzählt: Beim Konfirmaudenuntcrrickit in einer kleinen Stadt Kurlands, an dem auch einige der deutschen Sprache nicht völlig mächtige Jünglinge litauischer Nasion teilnahmen, fragt der Geist- liche einen Konfirmanden, ob er wisie, was das Delphische Orakel gewesen sei. Es erfolgt die Antwort:„Delphisches Orakel war, wenn man nahm halte Pastorin, setzt ihr auf Schemel und räuchert ihr aus."— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer L-Co., Berlin LlV.