Zlnterhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 214. Donnerstag, den 2. November. IbOo (Nachdruck verboten.) 82] Das Duell Noman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. Mit solchen Gedanken schlenderte Romanschow jetzt häufig in den»varmen Nächten Ende Mai durch die Stadt. Ohne daß er es selbst bemerkte, wählte er immer ein und denselben Weg, vom Judenkirchhof zum Flußdamm und dann zur Eisenbahn. Bisweilen kam es vor, daß er ganz hingerissen von dieser für ihn neuen, leidenschaftlichen Geistesarbeit sich den durch- schrittenen Weg nicht merkte und plötzlich, wenn er dann, wie aus einem Traume zu sich kam, nahm er voll Erstaunen wahr, daß er sich am anderen Ende der Stadt befand. Und jede Nacht ging er an Schurotschkas Fenster vorüber, ging auf der anderen Straßenseite heimlich den Atem an- haltend mit klopfendem Herzen und einen: Gefühl, als wenn er ein heimliches, schändliches, diebisches Werk vollführte. Wenn in Nikolajews Gastzinuner die Lampe ausgelöscht wurde und die schwarzen Scheiben von: Mondlicht trübe glänzten, versteckte er sich am Zaun, preßte die Hände fest gegen die Brust und sagte in heiß flehendem Flüstertone: „Schlaf, meine Schöne, schlaf, meine Liebe: ich bin bei Dir, ich beschütze Dich!" In solchen Augenblicken fühlte er in seinen Augen Tränen, aber in sein Herz schlich sich neben der Zärtlichkeit, der Rührung und aufopfernden Ergebenheit blinde, tierische Eifer- sucht des reifen, brünstigen Mannes ein. Eines Tages war Nikolajew zum„Wiiit"spiel beim Re- gimentskommandeur eingeladen. Romaschow wußte das. Als er nachts auf der Straße ging, spürte er hinter einem Zaun aus einem Garten den würzigen, starken Tust von Narzissen. Er sprang tiber den Zaun und riß in der Dunkelheit, wobei er sich die Hände mit feuchter Erde beschmutzte, ein ganzes Bündel dieser weißen, zarten, feuchten Blumen aus dem Beet. Das Fenster zu Schurotschkas Schlafzimmer war geöffnet: es ging auf den Hof hinaus und war nicht beleuchtet. Mit kühner Verwegenheit, die er selbst nicht an sich erwartet hatte, schlüpfte Romaschow in die kreischende Pforte, trat an die Wand und warf die Blumen ins Fenster. Im Zimmer rührte sich nichts. Drei Minuten stand Romaschow da und wartete, und die Schläge seines Herzens erfiilltei: die ganze Straße. Dann trat er, sich krümmend, rot vor Scham, auf den Zehen- spitzen wieder auf die Straße. Am nächsten Tage erhielt er von Schurotschka einen kurzen, bösen Brief: „Wagen Sie das niemals wieder. Zärtlichkeiten ä la Romeo und Julia sind lächerlich, besonders wenn sie in einem kaiserlich russischen Infanterie- Regiment vor- kommen." Am Tage bemühte sich Romaschow, sie wenigstens von weitem auf der Straße zu sehen, aber das trat zufällig nicht ein. Oft, wenn er von weitem eine Dame sah, deren Gestalt, Gang und Hut an Schurotschka erinnerten, lief er mit krampf- Haft klopfendem Herzen, unterbrochenem Atem und mit dem Gefühl hinterher, daß seine Hände vor Erregung kalt und feucht wurden. Und jedesmal, wenn er seinen Irrtum be- merkte, empfand er im Innern Gram, Einsamkeit und eine gewisse tödliche Leere. 18. Ende Mai hängte sich in Hauptmann Osadtschis Rotte ein junger Soldat auf, und zwar, infolge einer sonderbaren Schicksalsfügung, geschah das am selben Tage, an dem im vorigen Jahre ein ähnlicher Fall in dieser Rotte vorgekommen war. Als man ihn obduzierte, lvar Romaschow gerade stell- vertretender Offizier vom Dienst und mußte daher bei der Obduktion zugegen sein. Der Soldat war noch nicht völlig seziert. Romaschow bemerkte, daß von seinem in Stücke zerschnittenen, geöffneten Körper der schwere Geruch frischen Fleisches, wie von einem Schlachttiere, ausging, das am Ein- gang von Fleischerbuden hängt. Er sah seine grau-blauen, verschleimten, glänzenden Eingeweide, sah den Inhalt seines Magens, sah sein grau-gelbes, vielfach gewundenes auf dem Tische von jedem Schritt zitterndes Gehirn wie Gelee, das aus der Form gestülpt ist. Alles das war neu, schrecklich und widerwärtig und verursachte ihm gleichzeitig eine ekelhafte Nichtachtung des Menschen. Bon Zeit zu Zeit kamen im Regiment Tage vor. an denen allgeineine chronische, unsinnige Saufgelage veranstaltet wurden. Vielleicht geschah das in den Augenblicken, wo die zufällig zusammengewürfelten, aber alle zur selben öden lln- tätigkeit und unsinnigen Grausamkeit verdammte:: Menschen Plötzlich einander in die Augen blickten und dort in: ver- wirrten und bedrückte,: Bewußtsein eine Art heimlichen Schreckens, Kummer und Wahnsinn bemerkten. Ilnd dann trat das ruhige, satte Leben, wie bei gefangenen Stieren, gleichsam Plötzlich über seine Ufer. So geschah es auch nach jenem Selbstmorde. Den Anfang machte Osadtschi. Zufällig kam eine Reihe von Festtagen liintereinander, und während dieser Tage spielte Osadtschi verzweifelt und trank übermäßig viel. Sonderbar: Der riesige Wille dieses großen, starken raubtierähnlichen Menschen riß das ganze Regiment wie in einem tollen Strudel hinter sich her in die Tiefe, und während der ganzen Dauer dieser wüsten, krankhaften Sauferei schmähte Osadtschi mit zynischen, garstigen, unanständigen und herausfordernden Worten, als suchte er einen Halt oder Widerspruch, eben den Selbstmörder. Es war sechs Uhr abends. Romaschow saß mit den Füßen ans den: Fensterbrett und Pfiff leise n Faustwalzer. Im Garten schrien Sperlinge und schwatzten Elstern. Der Abend war noch nicht angebrochen, aber zwischen-den Bäumen wallten schon leichte, nachdenkliche Schatten. Plötzlich sang am Hauseingang jemand laut und begeistert aber falsch: „Die Pferde rasen, Ketten klirren Die Rosse schäumen und schnauben laut..." Donnernd flogen beide Türen auf, und Wetkin stürzte ins Zimmer hinein. Kaum das Gleichgewicht bewahrend sang er weiter: „Herren und Damen blicken verzweifelt Den Davonjagenden nach." Er war betrunken, schwer benebelt, noch von: gestrigen Tage. Seine Augenlider waren infolge einer schlaflosen Nacht gerötet und fielen zu. Die Mütze saß im Nacken. Der noch nasse Schnurrbart erschien dunkel und hing in zwei starren Zapfen wie bei einen: Walroß berab. „R— romuald! Syrischer Einsiedler, laß Dich küssen!" heulte er durch das ganze Zimmer.„Was machst Du für ein saures Gesicht? Komm, Bruder. Da ist's lustig: Spielen, singen. Komm." Er küßte Romaschow fest und lange auf die Lippen und befeuchtete sein Gesicht mit seinem Schnurrbart. „Genug, genug. Pawel Pawlitsch," widersetzte sich Ro- maschow schwach,„was soll dieses kälbermäßige Entzücken?" „Freund, Deine Hand! Höhere Tochter. In Dir liebe ich meine früheren Leiden und entschwundene Jugend. Osadtschi hat sich eben ein Denkmal gesetzt, daß die Scheiben zitterten. Romaschowitsch, ich liebe Dich, Bruder! Laß Dich küssen, richtig russisch auf die Lippen!" Romaschow war das dicke Gesicht Wetkins mit verglasten Augen, der feinem Munde entströmende Geruch und die Be- rührung seiner feuchten Lippen und des Bgrtes widerwärtig. Aber er war in solchen Fällen stets wehrlos und„-Iächelte jetzt nur künstlich und matt. „Wart, weshalb bin ich zu Dir gekommen?..." schne Wetkin fchlucksend und schwankend.„Es war etwas wich- tiges, nun lveiß ich's. Freund, ich habe Bobetinski aus- gebeutelt. Verstehst Du— bis auf den Grund, bis auf die letzte Kopeke. Es kam so weit, daß er bat, unbar zu spielen. Na, ich sage ihm:„Nicht doch, Freundchen, warten Sie mal, wollen wir das nicht etwas sanfter machen?" Da setzt* er seinen Revolver. Hier ist der Revolver, sieh." Wetkin zog aus dem Beinkleid, wobei er die Tasche nach außen kehrte, einen kleinen, schönen Revolver in grauem, wildledernem Futteral.„System Merwin. Ich frage:„Was ist der wert? Fünfundzwanzig Rubel.— Zehn!— Fünfzehn." Der Teufel soll Dich holen! Er setzt einen Rubel auf Farbe. Batz. batz, batz, batz.— Beim fünften Abzug nahm ich serne Dame— wupp! Guten Morgen, Herr Fischer. Ihm blieb noch etwas übrig. Den Prächtigen Revolver und die Patronen war er los. Da hast Du ihn, Romaschowitsch. Zum Andenken und als Zeichen unserer zärtlichen Freundschaft schenke ich Dir den Revolver; denke stets daran, welch tapferer Offizier Wetkin ist. Ei, sind das Sachen!" „Was sott das, Pawel Pawlitsch, stecken Sie das Ding ein." „Was! glaubst Du, er schießt nicht? Damit kann man einen Elefanten töten. Wart, wir wollen gleich die Probe machen. Wo hält sich Dein Knecht auf? Ich gehe hin und bitte ihn um eine Scheibe. He, Knecht, Waffenträger!" Mit schwankenden Schritten trat er in den Flur hinaus, wo Hainän sich gewöhnlich aufhielt, lärmte dort einen Augen- blick limher und kehrte gleich darauf, die Viiste Puschkins unter den rechten Ellbogen geklemmt, zurück. „Genug, Pawel Pawlitsch, das geht nicht," hielt Roma- schow ihn schwach zurück. „Ach Unsinn! Irgend ein Zivilist. Wir setzen ihn— da auf den Schemel. Steh ruhig, Kanaille!" drohte Wetkin der Büste mit dem Finger.„Verstanden? Ich hau Dir eins runter." Er trat beiseite, lehnte sich neben Romaschow gegen das Fensterbrett und zog den Hahn auf. Aber dabei fächelte er so ungeschickt und mit so trunkenen Gebärden mit dem Revolver in der Luft herum, daß Romaschow erschreckt daS Gesicht verzog und in Erwartung eines unvermuteten Schusses beständig mit den Augen blinzelte. Die Entfernung war nicht größer als acht Schritte. Wetkin zielte lange und richtete die Mündung nach ver- schiedenen Seiten. Endlich schoß er, und an der Büste trat auf der Wange ein großes, unregelmäßiges, schwarzes Loch hervor. Romaschows Ohren klangen von dem Schuß. „Haste gesehen!" schrie Wetkin.„Nrin, da nimm ihn also zum Andenken und denk an meine Liebe. Jetzt zieh aber den Rock an und— hopp! ins Kasino zum höheren Ruhm der russischen Waffen." „Pawel Pawlitsch, wirklich, es lohnt sich nicht, wirklich, es ist überflüssig," bat Romaschow ihn kraftlos. Aber er konnte ihm keine Absage geben: er fand dazu weder bestimmte Worte noch einen festen Ton. Und indem er sich innerlich wegen seiner läppischen Willenlosigkeit schalt, zog er langsam hinter Wetkin her, der unsicher aber kühn längs den Gemüsebeeten an Gurken und Kohl vorbeischritt. * Es war ein zügelloser, lärmender, dunstiger, wirklich ein wahnsinniger Abend. Zuerst wurde im Kasino getrunken, dann fnhr man zum Bahnhof Glühwein trinken, dann kehrte man wieder ins Kasino zurück. Zuerst genierte sich Roma- schow, ärgerte sich über sich selbst wegen seiner Nachgiebigkeit und hatte die üble Empfindung ekelhaften Widerwillens, den jeder Nüchterne in Gesellschaft Betrunkener empfindet. Das Lachen erschien ihm unnatürlich, die Witze seicht, der Gesang falsch. Aber der heiße Rotwein, den er auf dem Bahnhof ge- trunken, stieg ihm plötzlich zu Kopf und erfüllte ihn mit lärmender, krampfhafter Lustigkeit. Vor seinen Augen hing ein grauer Vorhang aus Millionen zitternder Saudkörnchen, und die ganze Unigebung wurde plötzlich gemütlich, spaßig und ganz vernünftig. Stunden auf Stunden verrannen wie Sekunden, und nur daran, daß im Speisezimmer Licht an- gezündet wurde, erkannte Romaschow deutlich, daß viel Zeit verflossen war und die Nacht anbrach... „Meine Herren, wollen zu den Mädchen," schlug jemand vor.„Kommen Sie alle zur� Schleifersch." „Zur Schleifersch. zur Schleifersch, Hurra!" Alle rannten hin und her, lärmten mit den Stühlen und lachten. An diesem Abend ging alles wie von selbst. An der Kasino-Einfahrt hielten schon ein paar zweispännige Phaetons, aber niemand wußte, woher die kamen. In Ro- inaschow tauchte bisweilen ein schwarzer Abgrund von Be- wußtlosigkeit auf, die mit Augenblicken besonders hellen, scharfen Begriffsvermögens wechselte. Er sah sich plötzlich in dem Wagen nebeir Wetkin sitzen. Vorn auf dem Bock saß noch ein dritter, dessen Gesicht Romaschow aber in der Nacht durchaus nicht erkennen konnte, obwohl er sich mit dem Ober- körper kraftlos nach rechts und links hin und her schwankend zu ihm hinüberbeugte. Sein Gesicht schien dunkel und bald wie verschrumpelt, bald schief verzerrt und war dabei er- Ltaunlich bekannt. Romaschow lachte Plötzlich und hörte selbst, wie von der Seite, sein eigenes stumpfes, hölzernes Gelächter. mT« lügst, Äetkin, ich weiß, wohin wir fahren," sagte er mit trunkener Schlauheit.„Du führst mich zu Weibern, Freund. Das weiß ich wohl." Betäubend auf den Steinen rasselnd, überholte sie ein anderer Wagen. Im Laternenschein huschten unsinnig schnell ein paar braune, unregelmäßig galoppiereirde Pferde vor- über, ein Kutscher, der über dem Kopf wütend die Knute schwang, und vier Offiziere, die schreiend und pfeifend auf ihren Sitzen sich räkelten. Für eine Minute kehrte Romaschow das Bewußtsein mit ungewöhnlicher Klarheit und Deutlichkeit zurück. Ja, er fuhr jetzt an den Ort, wo ein paar Weiber jedem Beliebigen ihren Körper, ihre Liebkosung und das große Geheimnis ihrer Liebe Hingaben. Für Geld? Für einen Augenblick? Ach, war das nicht alles einerlei!„Weiber! Weiber!" schrie ungeduldig eine wilde und zugleich verführerische Stimme. Dazwischen tauchte, wie aus der Ferne, als kaum hörbare Stimme, der Gedanke an Schurotschka auf, aber in dieser Vermischung lag nichts Niedriges, Gemeines, sondern im Gegenteil etwas Tröstendes, Erregendes, das ihn angenehm und leise im Herzen kitzelte. Jetzt würde er sofort zu diesen unbekannten, noch nie gesehenen, sonderbaren, geheimnisvollen, fesselnden Wesen— zu Frauen kommen! Und seine geheimsteil Träume würden mit einem Male Wirklichkeit; er würde sie sehen, sie an der Hand fassen, ihr zärtliches Lachen und Singen hören. Und das würde ein unverständlicher, aber freudiger Trost in dem schrecklichen, leidenden Zustande sein, in dem er sich nach dem einen Weibe in der Welt, nach ihr, nach Schurotschka sehnte! In seinen Gedanken war keine bestimmte sinnlirfje Absicht. Es zog ihn, den das Weib verstoßen, mit elementarer Kraft in die Sphäre dieser unverhüllten, offenen, einfachen Liebe, wie es in kalter Nacht die müden, erfrorenen Zugvögel zum Leucht- turni hinzieht. Weiter war nichts dabei. Tie Pferde wandten sich nach rechts. Das Rollen der Räder und das Klirren der Metallringe hörte mit einem Male auf. Ter Wagen scknikelte weich und stark in Radspuren und Vertiefungen und fuhr einen steilen Berg hinab. Ro- maschow öffnete die Augen. Tief unten zu seinen Füßen wareil in weiter Ausdehnung kleine Lichter unordentlich ver- streut. Sie verschwanden bald hinter Bäumen und unsichtbaren Häusern, bald sprangen sie wieder hervor, und es schien, als wenn dort im Tale eine große aufgelöste Menge, eine phantastische Prozession mit Laternen in der Hand dahinzog. Einen Augenblick drang von irgendwoher ein warmer Wermut- duft herüber, ein großer dunkler Zweig rauschte über den Köpfen, und sofort wehte es kalt und feucht, wie aus einem alten Keller. „Wohin fahren wkr?" fragte Romaschow wieder. „In die Porstadt!" rief der vorn Sitzende, und Romaschow dachte erstaunt:„Ach ja. das ist ja der Leutnant Epifanow." „Wir fahren zur Schleifersch, waren Sie wirklich noch nicht dort?" „Scheren Sie sich zum Teufel!" schrie Romaschow. Aber Epifanow lachte und sagte: „Hören Sie, Jurij Alexejitsch, wollen wir einmal sagen, daß Sie zum erstenmal im Leben hinfahren? Ah? Nun, Liebling! Nun, mein Herz?!— Die lieben das. Was kostet Ihnen das Vergnügen?" (Fortsetzung folgt. 1 kleines fciulleton. fi,„Italienische" Blumen. Wenn die ersten Herbstfröste mit den Blumen, im Garten aufgeräumt haben, dann mühte eine all- zemeine Blumcnnot in der Markthalle und in den Blumenhand- ungen entstehen, wenn nicht der sonnige Süden Italiens und Frankreichs uns mit Blumen versorgte. Innerhalb zlvft Jahrzehnte hat sich dieser Blumenimport derart entwickelt, daß jetzt auch den ganzen Winter hindurch eine Blumcnfülle herrscht, wie sie sich kaum besser wünschen läßt. Eigentümlicherweise nennt man diese vom Mittelmeergestade stammenden Blumen für gewöhnlich„Italienische" Blumen, trotzdem aus Italien eine weit geringere Menge einge- ührt wird, als aus Südfrankrcich. Die Bezeichnung Riviera- ölumen wäre treffender. In Italien ist eS die Strecke von San Remo bis Bcntimiglia, und in Frankreich jene von Mentone bis Cannes, wo die Blumen in kleineren und größeren Gärten herangezogen werden. Die Blumen Ivachsen dort nicht etwa wild, wie vielfach geglaubt wird, sondern deren Anzucht bereitet nicht geringe Mühe und erfordert viel Arbeit; allerdings ist der Erfolg fast durchweg auch ein recht lohnender. Manchmal gibt es zwar Mißernten, doch zählen diese zu den Aus- nahmen. — 855 Die Mumcngärten lehnen sich terrassenförmig an das zum Meer herabsteigende Gebirge, die Seealpen, an. Zu ihrer Anlage mußten Felsen gesprengt, der Boden tief durchgearbeitet und mit guter Humuserde durchsetzt werden. Schmale Wege führen zu den Gärten, sie sind meist so steil, daß Dünger, Erde und Wasser hinaufge- tragen werden müssen. Die Anlage von Brunnen, Schöpfwerken und Leitungsgräben war erforderlich. Auch mancherlei Schutzvorrich- tungen mußten ausgeführt werden, und manche Blumensorten wer- den unter Glas gezogen. Ein gefürchtcter Feind der Blumenkulturen ist ein von Afrika herüberwehender Wind, der„Mistral"; er kommt in unregelmäßigen Zwischenräumen, ganz plötzlich, und führt trockene Wärme mit sich, die den Blumenkulturcn meist zum Wer- hängnis wird. Nach dem tagelang andauernden Winde pflegt bei großer Kälte starkes Regenwetter einzusetzen, was den Blumen ebenfalls nicht zusagt. Zu normalen Zeiten ist die Blumenernte eine reichliche. In der Hauptsache werden Rosen und Nelken angebaut. Die erste Ernte von diesen Blumen wird im Spätherbst an der italienischen Riviera gewonnen. Ist hier der erste Flor vorüber, dann setzt der Blumen- flor auf französischem Gebiete ein, und für die Folge lösen sich beide Länder in der Produktion größerer Mengen wechselweise ab. Außer Rosen und Nelken werden Margucritcn, Levkojen, Reseda, Mimosen, Ranunkeln u. a. m. herangezogen. Außer für Parfümfabrikation wird an der Riviera selbst nur ein ganz geringes Quantum der gezogenen Blumen verbraucht. Die große Masse geht ins Ausland, und zwar zur Hauptsache nach Deutschland. Der Export nach hier ist der bedeutendste, weil in Deutschland an und für sich ein großer Blumenkonsum herrscht und weil von hier aus nach Skandinavien und Rußland viele Blvmen weiter geführt werden. Die Bedeutung und das Anwachsen dieses Blumenexports ergibt sich aus folgenden Zahlen über die Einfuhr Von Blumen und Blättern nach Deutschland: aus Frankreich aus Italien 1885 80 600 Kilo 28 500 Kilo 1880 184 500„ 252 000„ 1885 268 400„ 765 800„ 1800 1113 000„ 1746 400„ Bei diesen Zahlen ist zu berücksichtigen, daß die Einfuhr aus E rankreich nur aus Blumen besteht, während aus Italien sehr viel lätter, namentlich' Lorbeerblätter noch Teutschland eingeführt wer- den. Seit die Statistik Blumen und Blätter gesondert aufführt, sieht das Bild folgendermaßen aus: Einfuhr von Blumen nach Deutschland: aus Frankreich aus Italien 1901 1 020 600 Kilo 226 000 Kilo 1902 1 330 000., 401 300 1803 1 448 200, 514 400„ 1904 1 757 300„ 552 200„ Die Blumen werden nur zum Teil von den Züchtern direkt versandt, das meiste wandert nach den Blumenmärkten. Drei Städte find es namentlich, deren, Blumenmärkte sich im Laufe der Zeit zu wahren Blumenbörsen herangebildet haben. Ospidaletti in Italien und Nizza und Cannes in Frankreich. Der Markt setzt in frühester Morgenstunde ein. Um 3 Uhr decken die Engrosexporteure ihre» Be- darf, die dann sofort mit der Sichtung, Verpackung und Expedition derBlumen beginnen. Später erscheinen Leuteam Markt, die am Ortedie Blumen zu allerlei Binderei verarbeiten und wieder verkaufen, und endlich stellt sich auch das Privatpublikum, namentlich Fremde, ein. Der Preis für die Blumen ist recht schwankend, da Angebot und Nachfrage stetig wechseln. Oft ist das Angebot so stark und die Nachfrage so gering, daß der Erlös kaum die Kosten des Schneidens und des Transportes zum Markt deckt, und dann steigt der Preis bestimmter Blumen wieder plötzlich zu fabelhafter Höhe. Die nach Deutschland reisenden Blumen gehen entweder direkt mit Eilzügen hierher und treffen in IV2 bis 2 Tagen hier ein oder sie reisen als einzelne Paketsendungen bis zu 2lh Tagen. Ein nicht geringer Teil wird jedoch über Paris geleitet, wo eine neue Sichtung und Verpackung des Materials erfolgt. Hierdurch werden die Blumen zwar etwas verteuert, aber sie langen auch in besserem Zustande bei uns an. Nicht selten leidet der Blumentransport sehr, namentlich wenn ein starker Witterungsumschlag plötzlich eintritt. Da kommen die Blumen entweder erfroren oder verfault an. Der Versand beginnt in der zweiten Hälfte des Oktober und dauert bis Anfang Mai.— Kulturgeschichtliches. gc. Der Staupenschlag! Ein Kulturbild aus der„guten, alten Zeit". Goldiger Sonnenschein liegt über der alten, freien Reichsstadt. Auf dein Marktplatz und in den benachbarten Gassen stehen Kopf an Kopf gedrängt die Menschen, während aus dem Erker der hochgicbeligen Patrizierhäuser stolze Kaufherren und schöne Frauen auf das bunte Treiben zu ihren Füßen herabschauen. Stundenlang haben die Bürger mit ihren Eheliebsten der Dinge, die. da kommen sollen, geharrt, immer mehr und mehr steigert sich die Aufregung, immer ungeduldiger werden die Zuschauer. Da, endlich, verkündet die Kirchturmuhr die achte Morgenstunde, und wie ein Blitz zuckt es durch die Menge, denn nun soll eine jener traurigen Exekutionen er- folgen, an denen die Strafrechtspflege der„guten, alten Zeit" so überaus reich ist. Der Lärm verstummt, eine unheimliche Stille tritt ein. Aus der Gerichtslanbe �es im gvilnschen Stil erbauten Rathauses schreiten sechs Personen. Voran geht geniesscuen Schrittes der Fronbote, ihm folgt, von zwei Henkersknechten geführt, der Delinquent, an dem die Strafe des Staupenschlages vollzogen werden soll, ein stattlicher, muskulöser Mann mit entblößtem Oberkörper; seine Hände sind auf dem Rück. zusammengebunden. In seinem energischen Gesicht spricht sich wilde» Trotz aus. Hinter ihm erblickt man den Scharfrichter, der in kurzen Zwischenräumen eine mit eisernen Zacken durchflochtene Rute auf den Rücken des armen Sünders niedersausen läßt. Kein Hieb geht vorbei, jeder Schlag gräbt sich tiefer in die Haut des Unglücklichen ein. Ist das Marterinstrument nicht mehr scharf genug oder zer- bricht es, so läßt sich der Henker von dem neben ihm gehenden Jungen ein frisches reichen und setzt dann mit diesem die Exekution fort. Kein Laut entringt sich den festgcschlosscnen Lippen dcS Gemarterten. der mit haßerfüllten Blicken die gaffende Menge mustert und nur hin und wieder zusammenzuckt. Langsam geht der Zug über den Marktplatz durch die Gassen bis ans Tor. Der erste Teil der Prozedur ist hiermit beendet, und was nun folgt, bereitet dem Gezüchtigten keine körperlichen Schmerzen, aber es beraubt ihn eines der höchsten Güter, die der Mensch sein eigen nennt. Nach kurzer Pause nähert sich der Gerichtsschreiber und entfaltet eine Pergament- rolle, aus der er das Urteil vorliest. Tief erschüttert hört der arme Sünder das Erkenntnis, das ihn aus der Stadt veriveist. Er ist einer Ohnmacht nahe und stützt jjsich schwerfällig auf die Schulter seiner Begleiter, bis der Nichter selbst herantritt und sein Schwert entblößend, dem Gefangenen bcsiehlt, die beiden Vorderfinger der rechten Hand auf die Waffe zu legen und die Urphede zu sprechen. Der Verurteilte weigert sich, die Urphede zu schwören. An seiner Stelle leistet der Scharfrichter nun dieselbe und stößt den Sünder über den Grenzstein in das benachbarte Gebiet und verkündet ihm daß er mit Abhauung der Vorderfingcr und abermaliger Landes- Verweisung bestraft wird, falls er in die Vaterstadt zurückkehren sollte.— Kunst. 0. s. Die schwedische Malerei zeichnet sich durch ein gewisses Maßhalten in der Ausnutzung moderner Malprobleme aus. Ihr Charakter ist immer, trotz dem Hinneigen zur reininalerischen Auf- fassung ein ausgeglichener. Sie übertreiben nicht, sie folgen nicht einseitig einem Cliquenprogramm. Alle Ausstellungen, in denen sis� vertreten sind, zeigen tiichtige, reife Künstler, die persönliche .Kunst Pflegen. ohne geschmacklos zu übertreiben. Auch Hammers höi, der augenblicklich bei Schulte ausstellt, zeigt diese gemäßigte, künstlerische Note. Aber man merkt seinen Bildern sofort an, daß ein energisches/ bewußtes Können dahinter steht. Sie sind nicht schnell heruntergemalt, darum fehlt ihnen der augenblickliche Reiz vielleicht, der mehr blendet als nachhält. Die lang andauernde Wirkung ist ihnen eigen, den die Werke der alten Meister haben, die ausgereist sind und erst nach und nach ihre Vorzüge enthüllen. Erst bei längerem Zusehen und Verweilen dringt man tiefer ein und entdeckt allerlei, wasjman zuerst noch nicht gesehen. So geht es auch bei Hammershöi. Man kann die Bilder lange betrachten, ivas man von vielen modernen Bildern nicht sagen kann. Die ausgestellten Bilder lassen sich in drei Gruppen teilen. Da sind Landschaften. Hier arbeitet der Künstler bewußt auf den großen Eindruck hin. Er wählt daher die Motive so einfach als möglich und meist so, daß große Gegensätze herauskommen. Die große fläche einer Wiese, darüber ein weiter Himmel. Diese, beibrn ontrasie sind mit ganzer Kraft einander gegenübergestellt, und volle Ruhe, die dadurch über dem Ganzen liegt, wirkt auf den Beschauer ein. Zuweilen führt noch eine simple Landstraße, zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, in die Ferne, so daß dadurch noch die Vor- stellung einer unendlichen Räumlichkeit sich steigert. Aber weiter ist nichts auf dem Bilde zu sehen, kein Mensch. Das schlichte einfache Grün der Rasenfläche, das sanfte Blauweiß und Gran des sich wölbenden Himmels stecken voller Feinheiten in den Tönen. Eine kühle, klare Lust liegt über der Landschaft. Dieses Maßvolle, dieses Zurückhalten tut dem Auge wohl. Danach wendet man sich den Porträts zu. Diese sind fest und sicher gearbeitet. Hammershöi stellt seine Menschen resolut hin. Er meißelt den Kopf energisch heraus. Auch hier bevorzugt er die breiten Gegensätze. Wie solch ein Gesicht breitflächig hingesetzt ist, das zeigt bewußte Kraft. Nichts Spielendes, Tändelndes liegt in seiner Art. Aber in allem bleibt der Künstler seinem Material tren. AuS dem Anzüge, dem Kleide holt er breite, farbige Wirkungen heraus. Nichts beschönigt er. Er schmeichelt nicht. Fein kontrastieren zu diesen Porträts die stimmungsvollen Interieurs, die an holländische Meister denken lassen. Durch mehrere! Räume sieht man hindurch, die Türen stehen offen und Soimculicht flirrt leise hinein, sucht seinen Weg bis zu den dämmernden Ecken. Mit sorgfältiger Gründlichkeit geht Hammershöi dem Funkeln solchen Strahles nach. Die weißen Türen erscheinen in sanftem Not von der Sonne beleuchtet. Die Stille eines Raumes kommt dadurch gut heraus. Es ist alleS in richtiger Nauniperspektive malerisch behandelt. so daß daS Innere einer Wohnung, ein lang sich hin- streckender Flur in vollkommener Ruhe die Abstufungen deS Lichts bis ins Dunkle zeigt. Einmal läßt sich der Maler daran genügen, nur einen einfallenden Sonnenstrahl zu malen, und eS flimmern darin tausend Stäubchen, wie man es in der Wirklichkeit oft be« obachten kann. Betrachtet man nun noch die ausgestellten Zeichnungen, so lernt man das eingehende Können des Zeichners bewundern. Hier be» merkt mait, wie groß und einfcich Hnmmershäi alles sieht. Seine kleinsten Blätter sind voller Größe. Meisterhaft modelliert er z. V. einen Männerkopf nur aus dem abwechselnden Spiel von Licht und Schatten, und die markigen Züge tauchen wie im Halbdunkel auf. Aber auch über feinere, subtilere Wirkung verfügt sein Stift, wie man ans Skizzen ersehen kann, bei denen jeder Strich notwendig ist und doch das Ganze leicht und wie zufällig erscheint, volles Leben festhaltend, der Natur gehorsam und aufmerkend folgend.— Physikalisches./ bt. Ein permanentes Gas. Jahrhunderte hindurch kannte man sogenannte pennanente, d. i. beständige Gase. Es waren diejenigen, die jedem Versuch, sie durch starkes Zusammendrücken in den flüssigen Zustand überzuführen, Widerstand leisteten. In erster Linie gehörten dazu die Bestandteile unserer Lust: Sauerstoff und S t i ck st o f f, dann vor allem noch das leichteste aller Gase, der W a s s e r st o f f. Im Jahre 1877 gelang es den französischeu Forschem Cailletet und Pictet, durch Hcrvorbringung großer Kälte den Sauerstoff und Stickstoff zu verflüssigen, seit Mitte der neunziger Jahre wird flüssige Luft sogar in großen Mengen dargestellt, und alle die neuen Gase, die um jene Zeit in der Luft noch entdeckt worden sind: Argon, Krypton, Xenon, Neon, sind ebenfalls mit Hülfe der großen Kälte, die man durch flüssige Lust — sie ist 194 Grad kalt— oder durch flüssigen Wasserstoff, der sogar 259 Grad kalt ist, nicht nur verflüssigt worden, sondern zum Teil selbst gefroren, so daß sie als feste Körper erschienen. Der Begriff permanentes Gas, so wurde allgemein angenommen, gehörte der Vergangenheit an, jedes Gas konnte bei Anwendung genügender Kälte flüssig werden. Aber dieser Schluß war vielleicht doch zu schnell, vielleicht gibt eS doch ein permanentes Gas. In den letzten zwei bis drei Jahren ist ein merkwürdiger Stoff viel genannt worden, das Helium. Dieses Gas erregt vor allem deshalb die ganz besondere Aufmerksamkeit aller Naturforscher, weil die E m a n a t i o n des strahlenden Radium sich ohne irgend- welche von außen kommenden Kräfte oder Stoffe in Helium ver- wandelt, hier also eine bisher für undenkbar gehaltene Umwand- lung eines Grundstoffes in einen anderen vor sich geht. Das Helium hat überhaupt eine merkwürdige Geschichte. Entdeckt wurde es im Jahre 1868, aber nicht auf unserer Erde, sondern als ein Bestandteil der heißen Gas- schichten, die den Sonnenball einhüllen. Dort muß es in ziemlich reichlicher Menge vorhatlden sein, während es auf der Erde gar nicht zu finden war. 1895 wurde jedoch von R a m s e h gezeigt, daß dieses Sonnengas— auch den Namen hat es von der Sonne, hclios, erhalten— auch auf der Erde in verschiedenen Mineralien enthalten ist. Bald wurde es auch in etwas größeren Mengen, allerdings nur wenige Kubikmeter, dargestellt, und 1898 glaubte Dewar, der das Helium stark zusammenpreßte und abkühlte, es in flüssigem Zustande gesehen zu haben. Es war, wie er später selbst erkannte, eine Täuschung, das Helium blieb bis zur höchsten erzeugten Kälte gasförmig. Jetzt sind von neuem Versuche zur Verflüssigung des Heliums unternommen worden, und zwar von O l s z e iv s k i in Krakau. Dieser um die Erzeugung tiefer Temperaturen sehr verdiente Forscher preßte das Gas bis auf einen Druck von 180 Atmosphären zusammen und kühlte es mittels fliissigen Wasserstoffs bis auf 259 Grad Kälte ab. Wenn dann das Gas plötzlich entspannt wird, in Druckgleichgewicht mit der Amiosphäre gesetzt wird, muß zufolge der Ausdehnung des Gases die Temperatur bis unter 271 Grad Kälte sinken. Trotzdem erhielt Olszewski keine Spur von Verflüssigung. Sollte das Helium zu seinen wunderbaren Eigenschaften auch die haben, ein permanentes Gas zu sein? Der absolute Nullpunkt der Temperatur, diejenige Temperatur, unterhalb deren es keine kältere mehr gibt, wird gewöhnlich zu 273 Grad Kälte angegeben. Nur noch 2 Grad ivar man von diesem Punkte entfernt, und Helium blieb gasförnsig. Würde es auch gasförmig bleiben, wenn es gelänge, noch weiter herunterzukommen, gar den absoluten Nullpunkt zu erreichen? Unsere gesamten An- schauungen von der Struktur der Körper, vom Wesen der Wärme hängen mit der Frage zusammen, ob ein beständig gasförmiger Körper denkbar ist. Es ist daher überaus wichtig, zu entscheiden, ob dies bei Helium zutrifft, ob wir hier in der Tat ein permanentes Gas vor uns haben.— Technisches. — G enauigkeit der Absteckungsarbeit beim Bau des S i m p l o n- T ri n n e l s. Die am 13. August d. I. statt- gehabten Kontrollmessungen im Tunnel haben ergeben, daß die Richtung des nördlichen Teiles von der des südlichen um 202 Milli- mcter abweicht. Die südliche Tunnelachse ist gegen Osten, die nörd- liche gegen Westen verschoben. In der Höhenlage besteht ein Unter- schied von 87 Millinieter zwischen Nord- und Südende. Die Ge- famtlänge des Tunnels, 19 755,52 Meter, ist um 790 Milli- meter größer als vorher berechnet. Die Fehler müssen an- gesichts der großen Schwierigkeiten bei den Verinessungen — eigenartige Luftspiegelungen und Nebelbildungcn im Tunnel erschwerten die Bisuren ganz erheblich— und angesichts der großen Längen, um die es sich handelt, als mäßig bezeichnet werden. Ein kleiner Fehler lag schon in der als Basis der ganzen Vermessung benutzten eidgenössischen Triangulation der Gegend um den Sinrplon: dazu kamen unvermeidliche Fehler bei den Messungen selbst infolge von Aenderungen der benutzten Meßlatten und Meßräder durch Temperatureinflüsse; schließlich wurden die schon ohnehin niemals ganz vermeidbaren Fehler bei Winkel- und Nivellementsablesungen durch die oben erwähnten Luftspiegelungen und Nebel noch ver- größert, und alle diese Fehler vergrößerten sich naturgemäß in stets wachsendem Mahe mit dem Fortschreilen der Arbeiten.— („Schweiz. Vauztg.") Humoristisches. — DerKIiigere gibt nach. Der alte Jochen sitzt behaglich anf seinem Ochsenkarren, die kurze Pfeife in dem zahnlosen Mund, und läßt sich in geniächlichem» Trott von seinem Ochien den schmalen Wiesenpfad entlang fahren. Plötzlich an einer Biegung des Weges steht Hochehrwürden dem friedlichen Gespann gegenüber und wartet darauf, daß der Karren ausbiegt. Aber auch der Ochse bleibt stehen und wartet seinerseits, daß der Pastor den Platz räumt. Ueber eine solche Respektlosigkeit des Ochsen empört, wendet Hochehrwürden sich an die bessere Einsicht des Bauern und ruft donnernd: „Jochen, geht der P a st o r dem Ochsen oder der Ochse dem P a st o r ans dem Weg?" Einen Augenblick kaut Jochen nachdenklich am Pfeifenstummel, spuckt dann in hohem Bogen aus und meint gelassen:„ D a t müßt Ihr untereinander ausniachen, da misch ich mich nit rinl"— — Die Kompagnons. A.:„Die vier Herren drüben am Tisch sind Brüder und Kompagnons." B.:„Und welches Geschäft haben sie denn?" A.:„Der eine ist Chauffeur, der zweite Arzt, der dritte Apo- theker und der vierte Sargfabrikant."— („Lustige Blätter".) Notizen. —„ W e i b e r g' s ch m a ck." In einem soeben in Wien erschienenen Künstlerkalender ist R o s e g g e r mit folgenden Zeilen vertreten: Weiberg'schmack. Js's Dirndl schön, Will's in Ersten und Lctztn hobn. Js's Dirndl jung. Will's an Kerl, an festn, hobn. Js's Dirndl brav, Will's in Bestn zan Liabstn hobn, Js's Dirndl schlecht. Will's in Liabstn zan Bestn hobn.— — Die„Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung", deren Zweck es ist,„hervorragenden Dickitcrn durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu setzen", hat im ersten Geschäftsjahr rund 17 006 M. zu Ausgaben verwendet, im zweiten 38 000 M.; für dieses Jahr beträgt die Summe mindestens 53 000 M.— —„Totentanz", Dichtung von Max Marold, Musik von Josef Reiter wird am Sonntag im Hoflheatcr zu Dessau zum erstenmal in Szene gehen.— — Bei den nächstjährigen Bah reuther Bühnen- Fe st- spielen wird Marie Wittich vom Dresdener Hostheater die Isolde singen.— — Dem Wiener Bildhauer Franz M e tz n e r ist ein M o z a r t- D e n k m a l für Prag übertragen worden.— — 120 Whistlersche Zeichnungen auf Stein wurden dem Britisch-Museum zum Geschenk gemacht.— — Die Lipper Heidesche Kostüm-Bibliothek ist im Kun st ge werbe- Muse um aufgestellt worden. Sie füllt in dem Neubau das ganze Erdgeschoß des Bibliothekflügels.— — Von der N o r d p o l e x p e d i t i o n AmundsenS, die am 13. Juni 1903 Norwegen mit der Absicht verließ, wenn möglich die Lage des magnetischen Nordpols festzustellen, ist über Kanada in Kristiania eine Nachricht eingetroffen. Sie besagt, daß die Expedition das erste Jahr gut verbracht und daß die Teilnehmer hoffen, im Herbst 1905 in San Franziska einzutreffen.— — Aus Emden wird der„Köln. Ztg." berichtet: Auf der hiesigen neuen Brikettfabrik des rheinisch-westfälischcn Kohlensyndikats wurde dieser Tage die größte Verladebrücke Deutsch- l a n d s zunächst probeweise in Betrieb genommen. Die Verlade- anlagen bestehen aus zwei Verladebrücken von 4000 Kilogramm Tragkraft, zwei Portalkränen von 7500 Kilogramm Tragkraft und einer Elektrohängebahn von 60 t Leistung in der Stunde. Die jetzt zunächst erprobte Brücke hat eine Kranfahrlänge von 156 Metern; ihr Gewicht beträgt etwa 350 000 Kilogramm und ihre Leistung 50 000 Kilogramm pro Stunde.— Perantwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin.— Druck u, Verlag: Vorwärts.Buchdruckerei u.Verlagsanjtalt Paul Singer LcCo., Berlin L1V.