Nnterhaltmlgsblatt des Horwärts Nr. 215. Freitage den 3. Novemberv 1903 (Nachdruck verboten.) 831 Das DuclU Noman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzüng von Adolf Heß. Nomaschows Bewußtsein verschwand wieder in dichter, un- durchdringlicher Finsternis. Mit einem Male, gleichsam ohne irgendwelche llnterbrechung sah er sich in einem großen Saal mit Parkettfußboden und Rohrstühlen an allen Wänden, lieber der Eingangstiir und über drei anderen Türen, die in dunkle Kammern führten, hingen lange KÄttunportieren, rot mit gelbeit Buketts. Ebensolche Vorhänge blähten sich und flatterten über den Fenstern, die offen standen und auf den finsteren Hof hmausgingen. An den Wänden brannten Lampen. Es war hell, qualmig und roch scharf nach jüdischer Küche, bis- weilen aber drang zum Fenster der frische Duft feuchten Grüns, weißer, blühender Akazien lind Frühlingsluft herein. Es waren ungefähr zehn Offiziere zugegen. Jeder von ihnen schien gleichzeitig zu singen, zu schreien und zu lachen. Nomaschow schlenderte selig und naiv lachend von einem zum andere», als wenn er sie zum ersten Male voll Erstaunen und Vergnügen erkennte: Bck-Agamalow, Lbow, Wetkin, Epifanow, Artschakowski, Olisar und die anderen. Da war auch Stabs- Hauptmann Leschtschenko: er saß mit seiner stets ergebenen und traurigen Miene am Fenster. Auf dem Tisch standen Plätzlich wieder wie von selbst— wie ja alles an diesem Abend geschah— einige Flaschen Bier und Kirschbranntlvein. Ro- maschow trank mit jemand, stieß an, tauschte Küsse mit ihm und fühlte, daß seine Hände und Lippen klebrig und süß wurden. Es waren fünf oder sechs Frauenzimmer da. Eins von ihnen, dem Aussehen nach ein Mädchen von vierzehn Jahren, war als Page gekleidet und trug rosa Trikot an den Beinen: sie saß auf Vek-Agamalows Schoß und spielte mit seinen Epaulettsschnüren. Eine andere, starke Blondine irnt rot- seidener Bluse und dunklem Kleiderrock, mit einem großen, hübschen, gepuderten Gesicht und runden schwarzen Augen- brauen trat zu Romaschow. „Männchen, was sind Sie langweilig? Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer." sagte sie leise. Sie setzte sich seitwärts ungezwungen auf den Tisch und kreuzte die Beine. Nomaschow sah, wie ihr runder, mächtiger Schenkel sich unter dem Kleide deutlich abzeichnete. Seine Hände zitterten und ihm wlirde kalt im Munde. Er fragte schüchtern: „Wie heißen Sie?" „Ich? Malwine." Sie wandte sich gleichgültig vom Offizier ab und schlenkerte mit den Beinen.„Schenken Sie mir ein paar Zigaretten." ES erschiene!, plötzlich zwei jüdische Musikanten, einer mit einer Geige, der andere mit einem Tamburin, llnter lang- weiligen, falschen Polkaklängen, die von dumpfen, zitternden Schlägen begleitet wurden, begannen Olisar und Artscha- kowski einen Cancan zu tanzen. Sie tanzten einer vor �dein anderen bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuß, streckten die Hände aus, schnalzten mit den Fingern, sprangen zurück, bogen die gekrüminten Knie gerade, hakten die Daumen unter die Achseln und schlenkerten init rohen, unanständigen Gebärden die Hüften hin und her, wobei sie den Oberkörper bald vor, bald rückwärts beugten. Plötzlich sprang Bek- Agamalow vom«stuhl und schrie in scharfen, gleichsam ver- zückten Tönen: „Zum Teufel mit den Spatzen! Sofort raus! Fitt!" In der Tür standen zwei Zivilisten: Alle Offiziere im Regiment kannten sie, da sie abends iin Kasino verkehrten— einer war ein Rentbeamter, der andere der Bruder des Ge- richtsaufsehers, ein kleiner Gutsbesitzer. Beide durchaus an- ständige junge Leute. Im Gesicht des Beamten erschien ein schwaches, krampfhaftes Lächeln, und er sagte in unter- würfigem Ton, aber bemüht, ungezwungen zu erscheinen: „Gestatten die Herren, daß wir ihre Gesellschaft teilen. Sie kennen mich, meine Herren... Ich bin Tubezki... Wir stören Sie nicht, meine Herren." „Zwar nicht allein, aber nicht gemein," sagte der Bruder des Gcrichtsaufschcrs und lachte gezwungen. „R— raus!" schrie Bek-Agamalow.„Marsch!" „Meine Herren, schmeißen Sie die Spatzen heraus!" lachte Artschakowski. Es erhob sich wüster Lärm. Im Zimmer ballte sich alles zu einem Knäuel zusainmen, kreischte, lachte, trampelte. Die Flammen der Lampen zuckten in die Höhe und qualmten. Kühle Nachtluft strömte zum Fenster hinein und fuhr zitternd über die Gesichter. Die Zivilisten, die schon draußen waren,. schrien in ohnmächtigem, wütendem Schreck jämmerlich laut und weinerlich: „Das lassen wir Ihnen nicht so hingehen! Wir beschweren uns beim Regimentskommandeur. Ich schreibe an den Gou- verncur. Sie Leibwächter!" „U— Iii— lu— Iii— l«! Packt sie!" heulte Wetkin in dünnem Falsett und lehnte sich dabei zum Fenster hinaus. Romaschow kani es vor, als wenn alle Ereignisse heute ununterbrochen und zusanunenhanglos aufeinander folgten, wie wenn ein buntes Band mit mißgestalteten, abgeschinackten, bunten Bildern sich laut schreiend vor ihm abwickelte. Wieder winselte eintönig die Geige, und brummte und zitterte daS Tamburin. Ohne Uniform tanzte jemand nur im weißen Hemde mitten im Zimmer den russischen Nationaltanz init fortwährendem Niederhocken, fiel dabei stets auf den Rücken und stützte sich mit der Hand auf den Fußboden. Ein schmäch- tiges, hübsches Frauenzimmer— Romaschow hatte sie früher nicht bemerkt— mit aufgelöstem schwarzen Haar und vor- stehendem Schliisselbciu am offenen Halse schlang ihre bloßen Arme um den Hals des traurigen Leschtschenko, bemühte sich, die Musik und den Lärm zu übertönen und sang winselnd, dicht vor seinem Ohr: „Bist du erst mal schwindsuchtskrank Wirst du blaß wie diese Wand— Kommt der Doktor angerannt.. Bobetinski goß über eine Scheidewand hinweg in eins der dunklen abgetrennten Zimmer Bier aus seinem Glase und von dort ertönte eine dumpfe, unzufriedene, verschlafene, knurrige Stimme: „Aber meine Herren... lassen Sie das doch. Wer ist da? Was für eine Schweinerei." „Hören Sie, sind Sie schon lange hier?" fragte Roma- schow das Frauenzimmer in roter Bluse und legte heimlich. gleichsam unmerklich seine flache Hand auf ihr festes, warmes Bein. Sie erwiderte etwas, ivas er nicht verstand. Seine Auf- merksamkeit nahm eine wüste Szene in Anspruch. Fähnrich Lbow jagte im Zimmer hinter einem Musikanten her und schlug ihn aus Leibeskräften mit dem Tamburin auf den Kopf. Der Jude schrie schnell und unverständlich, blickte erschreckt zurück, fuhr aus einer Ecke in die andere und zog die langen Rockschöße an sich. Alles lachte. Artschakowski fiel vor Lachen auf den Fußboden und wälzte sich mit Tränen in den Augen hin und her. Danit ertönte das durchdringende Geheul des anderen Musikanten. Jemand hatte ihm seine Geige aus der Hand gerissen und schlug sie niit aller Kraft auf den Boden. Die Decke ging mit singendem 5i'rachen. das mit dem ver- zweifelten Geschrei des Juden sonderbar verschmolz, in Trümmer. Dann kamen für Romaschow einige Minuten dunkler Vergessenheit. Und. plötzlich sah er wieder, wie in einein heißen Traum, daß alle im Zimmer mit einem Male schrien, hin und her liefen und init den Händen winkten. Um Bek-Agamalow drängten sie sich dicht zusammen, wichen dann aber sofort zurück mid liefen im ganzen Zimmer umher. „Alle fort! Ich will niemand sehen!" schrie Bek-Aga» malow rasend. Er knirschte mit den Zähnen, schüttelte die Fäuste und.stampfte mit den Füßen auf. Sein Gesicht ivar karmoisinrot, auf der Stirn schwollen wie eip paar Schnüre zwei zur Nase hcrablaufende Adern: sein Kopf war drohend tief gesenkt und in den vorstehenden Augen glänzte deutlich sichtbar das Weiße. Er schien die menschliche Sprache verloren zu haben und brüllte wie ein rasendes Tier mit schrecklich vibrierender Stimme: „A— a— a— a!" Plötzlich bückte er sich schnell und unerwartet links über und riß den Säbel aus der Scheide. Der ratschte und blitzte mit scharfem Pfeifen über seinem Kopf. Und mit einem Male PIZrzlett alle, die im Zinrmer waren, zu den Fenstern und Türm. Die Weiber kreischten hysterisch. Die Männer stießen sich gegenseitig zurück. Romaschow zog man geschwind zur Tür, und jemand, der an ihm vorbeidrängte, berührte ihn an der Backe schmerzlich bis aufs Blut mit dem Ende der Achselklappe oder einem Knopfe. Und sofort begannen auf dem Hofe sich gegenseitig übertönende, heftig erregte Stimmen zu schreien. Romaschow blieb allein in der Tür stehen. Sein Herz schlug schnell und krampfhaft, aber gleichzeitig mit dm: Schrecken empfand er ein angenehmes, ungestümes und freudiges Gefühl. „Ich hau Euch nieder!" schrie Bek-Agamalow mit den Zähnen knirschend. Ter Anblick allgemeiner Furcht machte ihn vollends trunken. Er spaltete mit rasender Kraft durch einige Hiebe den Tisch, stürzte sich dann wütend auf den Spiegel, dessen Splitter in einem blihendm Regenbogen nach allen Seiten spritzten. Vom nächsten Tisch schlug er mit einem Hieb alle darauf stehenden Flaschen und Gläser herunter. Aber Plötzlich ertönte ein durchdringender, unnatürlich ge- meiner Schrei: „Du Narr! Du Lümmel!" Da schrie eben das Frauenzimmer mit aufgelöstem Haar und bloßen Armen, die kürzlich Leschtschenko umarmt hatte. Romaschow hatte sie vorher nicht gesehen. Sie stand in einer Nische hinter dem Ofen, hatte die Fäuste auf die Hüften ge- stemmt und schrie ganz vornüber gebeugt ununterbrochen im Tone eines rasenden Marktweibes: Narr! Lümmel! Freckier Kerl! Vor Dir hat niemand Angst! Du Narr, Narr, Narr!..." Bek-Agamalow runzelte die Brauen und ließ wie ver- wirrt den Säbel sinken. Romaschow sah, daß sein Gesicht allmählich blaß wurde, und in seinen Augen ein unheilvoller Glanz aufleuchtete. Gleichzeitig beugte er die Knie tief und tiefer, krümmte sich zusammen und zog den Hals ein, wie ein wildes Tier, das sich zum Springen anschickt. „Schweig still!" warf er schrill hin, als wenn er aus- spuckte. „Du Narr! Lümmel! Armenier! Ich schweig' nicht. Tu Narr!" rief das Weib bei jedenr Schrei am ganzen Körper zitternd. Romaschow wußte, daß er selbst in diesem Augenblick blaß wurde. In seinem Kopf empfand er das bekannte Gefühl vollständiger Gleichgültigkeit, Leere und Oede. Eine sonderbare Wallung von Schrecken und Fröhlichkeit schnellte plötzlich sein Inneres wie feuchten Schaum in die Höhe. Er sah, daß Bek-Aganialow, ohne die Augen von dem Frauen- zimmer abzuwenden, langsam den Säbel über den Kopf er- hob. Und plötzlich fuhr ein Flammenstrom unsinnigen Ent- zückcns, Schreckens, körperlicher Kälte, lachender Kühnheit auf Romaschow nieder. Im Vorwärtsslürzen konnte er noch hören, wie Bek-Agamalow wütend zischte: „Du willst nicht schweigen? Ich sage Dir zum letzten..." Romaschow packte nut einer Kraft, die er selbst nicht an sich erwartet, Bek-Againalow fest an der Handwurzel. Einige Minuten blickten beide Offiziere sich unverwandt, ohne zu blinzeln, in fünf oder seckis Zoll Entfernung in die Augen. Roniaschow hörte den schnellen, wie bei einem Pferde schnau- benden Atem Bek-Agamalows, sah das schreckliche Weiß und die glänzenden Augäpfel und die weißen, knirschendem zit- ternden Kinnladen. Aber er fühlte schon, daß das Feuer des Wahnsinns in dem erschöpften Gesicht mit jedem Augen- blick mehr und mehr erlosch. Und es war ihm ein schwer zu ertragendes, und dabei unausspreclstich freudiges Gefühl, so zwischen Leben und Tod dazustehen und schon zu wissen, daß er als Sieger aus diesem Spiel hervorgehen würde. Alle, die dieser Szene von außen zusahen, mußten ihre ge- fährliche Bedeutung anerkannt haben. Draußen vor den Fenstern wurde es still—- so still, daß in einer Entfernung von wenigen Schritten in der Dunkelheit plötzlich eine Nachtigall einen lauten Triller unbekümmert he rausschmetterte. „Laß das!" preßte Bek-Agamalow heiser heraus. „Bek, Tu schlägst kein Frauenzimmer." sagte Romaschow ruhig.„Bek, es wird Dir Dein ganzes Lebenlang leid tun, Dir schlägst sie nicht." Tie letzten Wahnsinnsfunken erloschen in Bek-Agamalows Augen. Romaschow blinzelte mit den Augen und seufzte tief, wie nach einer Ohnmacht. Sein Herz schlug schnell und in Absätzen, wie in heftigem Schreck, sein Kopf aber wurde wieder warm und schwer. »Laß das," schrie Bek-Agamalow noch einmal voll Haß und riß die Hand los. Jetzt fühlte Romaschow, daß er nicht mehr die Kraft hatte, ihm Widerstand zu leisten, aber er fürchtete ihn schon nicht mehr und sagte mitleidig und freundlich, indem er ganz leise die Schulter des Kameraden berührte: „Verzeihen Sie mir... aber Sie werden es mir später selbst Tank wissen." Bek-Agamalow schob scharf und geräuschvoll den Säbel iir die Scheide. „Gut! Zum Teufel!" schrie er böse, aber schon etwas gezwungen und verwirrt.„Wir werden noch miteinander ab- rechneu. Sie haben kein Recht dazu!.. Alle, die der Szene von draußen zugesehen hatten, be- griffen, daß das Schrecklichste vorüber war. Mit übermäßig lautem, krampfhaftem Gelächter wälzte sich die Schar in die Tür. Jetzt begannen alle vertraulich, freundlich und un- gezwungen Bek-Agamalow zu beruhigen und auf ihn einzu- reden. Aber sein Feuer war schon erloschen, er war schwach geworden und sein düsteres Gesicht zeigte einen matten Aus- druck des Ekels. Jetzt kam die Schleifersch, eine dicke Dame mit fettem Busen und grausamem Ausdruck in den von dunkeln Säckchen umgebenen Augen ohne Lider angelaufen. Sie stürzte bald auf den einen, bald auf den andern Offizier los, zupfte ihn am Aermel oder an einem Knopf und schrie weinerlich: „Aber meine Herren, wer wird mir das alles bezahlen: den Spiegel, den Tisch, das Getränk und die Mädchen." Und wieder blieb ein unbekannter Gast zurück, um mit ihr abzurechnen. Die anderen Offiziere gingen im Haufen fort. Reine, zarte Mainachtluft drang feucht und angenehm in Romaschows Brust und erfüllte seinen ganzen Körper mil frischem, fröhlichem Zittern. Es schien chm, daß die Spuren der heutigen Trunkenheit sofort mit einem Male in seinem Innern weggewischt würden, wie mit einem feuchten Schwamm. Bek-Agamalow trat zu ihm und ergriff seine Hand. „Romaschow, setzen Sie sich zu mir," schlug er vor. „Wollen Sie?" Und als beide nebeneinander saßen und Romaschow nach rechts hinübergebeugt sah, wie die Pferde in unregelmäßigem Galopp, die breiten Hintern hin und her werfend, den Wagen den Berg hinanführten, suchte Bek-Agamalow tastend seine Hand und drückte sie lange fest und schmerzhaft. Weiter wurde zwischen ihnen kein Wort gewechselt. 19. Aber die Erregung, die soeben alle durchlebt hatten. zeigte sich in der allgemeinen, nervösen, krampfhaften Aus- gelassenheit. Auf dem Wege zum Kasino machten die Offiziere allerhand Genieinheiten. Sie hielten einen vorübergehenden Juden an, riefen ihn zu sich heran, rissen ihm seine Mütze ab, ließen den Kutscher weiterfahren und warfen dann die Mütze irgendwo hinter einem Zaun in einen Baum. Olisar schlug während der Fahrt auf dem Trittbrett stehend sein Wasser auf das Pflaster ab und suchte Passanten, die gewohn- heitsinäßig mitten auf der Straße gingen, zu beschmutzen. Bobetinski prügelte den Kutscher. Tie übrigen sangen und schrien laut. Nur Bek-Agamalow, der neben Romaschow saß, schwieg den ganzen Weg über und schnarchte bösartig und krampfhast. Das Kasino war trotz der späten Stunde gedrängt voll von Offizieren. Im Spielzimmer, ini Eßzimmer, im Büfett- und im Billardzimmer drängten sich von Wein, Tabak und Hazardspiel berauschte Offiziere in offenen Uniformen mit unbeweglichen, glasigen Augen und trägen Bewegungen. Als Romaschow einige neu angekommene Offiziere begrüßte, bemerkte er plötzlich zu seinen: Erstaunen unter ihnen Nikolajew. Er saß neben Osadtschi und war betrunken und rot, hielt sich aber. Als Romaschow um den Tisch herumging und sich ihm näherte, blickte Nikolajew ihn flüchtig an und wandte sich sofort ab, um ihm nicht die Hand zu reichen, und sprach mit künstlichem, lebhaftem Interesse mit seinem Nachbar. „Wetkin, kommen Sie singen!" schrie Osadtschi über den Kopf des Kameraden hinweg. „Sim— gen— wir— ein— Lied," sang Wetkin in der Melodie einer kirchlichen Liturgie. „Singen wir ein Lied, singen wir ein Lied," fielen die übrigen laut ein. „Bei dem Popen hinterm Gitter rauften sich drei eHe Ritter," leierte Wetkin schnell die kirchliche Melodie herunter. „Pope, KÄster war'n dabei, mit dem Schreiber waren's drei. Feste, Nikiphor, feste." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Obrylantbemum. Unter den �lumenpflanzen, die in moderner Zeit in unserem Haus- und Zimmergarten- nicht bloh siegreichen Einzug gehalten, sondern sich auch zu behaupten verstanden, steht unstreitig das Chrysanthemum obenan. Zwar gab es schon vor zehn Jahren Gartenbauschriftsteller, welche dem Chrysanthemum als Modcblume ein schnelles Ende voraussagten, weil.die Pflanze ohne Blüten mit ihrem steifen Wuchs und charakterlosen Gemüselaub geradezu unschön" aussehe, aber der Pflanzenliebhaber hat sich von solchen Unkenrufen nicht schrecken lassen, und mit einer solchen Schncllig- teit vollzog sich der Vorgang der Verallgemeinerung, daß loir die Pflanze heute nicht bloß in den Gärten der kleinsten Städte und Dörfer Mittel- und Nordeuropas, sondern selbst in der Mitte Ruh- lands vorfinden. Die Hauptursache dieser Beliebtheit ist nicht weit zu suchen. Wir dürfen nur die chrysanthcmumreichcn Gärtche» der Laubcnkolonistcn Berlins passieren, um dieses Geheimnis zu er- gründen. Viel oder wenig Platz, blauer oder wolfcnbehangener Himmel, Regen und Frost scheinen diese Pflanze gleichgültig zu lassen. Wemr die anderen' Pflanzen Laub und Blüten eingebüßt haben, dann entfaltet das Chrysanthemum seine Hunderte von Blüten, reich an Farbentönen und elegaitt in der Form. Das wilde Chrysanthemum der ostasiatischen Flora war nur ein unscheinbares Pflänzchen mit einer kamillenartigen Blume, als es die chinesischen Pflanzcnzüchter vor zirka 2S00 Jahren den Kultur- pflanzen einverleibten und ihre erstaunliche Ausdauer und Fertigkeit an seiner Entivickelung zu betätigen begannen. In der Tal müssen wir heute noch nach China, speziell aber nach Japan gehen, wenn wir die Fähigkeit der Pflanzenzüchtcr, aus einem gewöhnlichen Un- kraut durch viele Mühe eine herrliche Blütenpflanze zur Entfaltung zu bringen, begreifen lernen wollen. Hier, in Japan, ist das Chrysanthemum zur Nationalblume eines ganzen- Volkes geworden, das mit ihr seine Feste feiert, und der europäische Chrysanthemum- züchter kreuzt das Meer, um aus dem Farben- und Formenreichtum der japanischen Chrysanthemumschätze seine eigenen Kulturen zu verbessern. Trotzdem die� ersten Chrysanthcmumpflanzcn schon im Jahre 179« in den königlichen botanischen Gärten zu Kew bei London aus dem Osten Asiens eingeführt worden waren, vergingen Jahr- zehnte, bis in England die Pflanzenlicbhaber die vielseitige Ent- wickelungsfähigkcit der Pflanze erkannten. Die ersten Anhänger der Chrysanthemumkultur fanden sich in Frankreich, das viele Jahre lang sich im kleinen mit der Anzucht ungefüllter Chrysanthemum- blumen beschäftigte. Aus Frankreich bezogen denn auch die eng- lischen Liebhaber anfänglich alle daselbst gezüchteten Sorten. Zu dieser Zeit war im allgemeinen das Gartenchrysanthemum noch der einstmalig eingeführten Stammform ähnlich, es war ein einfacher Körbchenblütlcr geblieben. Die ans dem Osten Asiens eintreffenden Nachrichten aber, sowie auch eigene Erfahrungen lehrten plötzlich die Entwickelungsfähigkeit der Blumenform. Man erkannte, daß sich kaum ein anderer Körbchenblütler so zur Erzeugung gefüllter Blumen eigne, wie das Chrysanthemum. Diese Füllung bestand darin, daß sich die kleinen, bis dahin der Aufgabe der Fortpflanzung dienenden Mittelblüten auf die Größe der Randblüten vergrößerten, welch letztere bisher die Anlockung der die Befruchtung vermittelnden Kerbtiere besorgt hatten. Bei dieser Umwandlung nahmen die Mittelblüten entweder die Zungcnform an, wie bei dem älteren Ctirz-gantbemum inckicum, oder aber sie behielten die Röhrenform bei, wie bei dem später so beliebten Clio-zantliernum japonicum. Im gewöhnlichen Leben einer Blütenpflanze freilich ist die Füllung der Blumenkrone ein Luxus, den sie sich nur dort erlaubt, wo ein Uebermaß von Staubblättern vcrhandcn ist, uttd durch die Um- Wandlung einer größeren Zahl in Kroncnblätter die Möglichkeit der Befruchtung und damit die Zweckmäßigkeit der Blüte nicht be- einträchtigt lvird. Wird jedoch durch künstliche Zuchtwahl die Zahl der Kroncnblätter auf Kosten der Staubblätter vermehrt, d. h. die natürliche EntWickelung von Staubgefäßen gewaltsam unterdrückt, dann entsteht wohl eine neue Blumenform, eben die gefüllte Blüte, aber sie ist meistens unfruchtbar und kann die natürliche Ausgabe der Fortpflanzung nicht mehr erfüllen. Diese Zweckwidrigkeit der gefüllten Blüte aber war für die Pflanzenzüchtcr kein Grund, sich nicht mit ihrer Anzucht zu beschäftigen. Im Gegenteil, gerade die systematische Ausbildung dieses Naturgcgensatzes wurde von nun an ihr Ziel, und es dauerte nicht lange, bis die Blumenfüllung des Chrysanthemums einen Formenreichtum schuf, den man vorher der ochscnaugengroßen', ungefüllten Chrysanthemumblüte niemals zu- getraut hatte. ES bedurfte nur dieser Erkenntnis, um die Pflanze aus dem Winkel im Garten, wo sie in halber Vergessenheit bisher gestanden hatte, hervorzuziehen und sie jenen Blütenpflanzen einzuverleiben, mit deren rationeller Kultur sich Spezialisten beschäftigen. Vor- nehmlich waren es englische Blumengärtner, die vor nunmehr zirka 25 Jahren die Kultur des Chrysanthemums in die Hand nahmen. Mit dem ersten Erscheinen gefüllter Chrysanthemulnblumen auf dem Londoner Blumenmarkt war das Schicksal der Neucrrmg cnt» schieden. Das gefüllte Chrysanthemum hatte den ersten Schritt auf jenem Triumphzuge getan, auf dem es schließlich die Gärten des gesamten Westen-s und Nordens Europas sich erobern sollte. DaS augenblickliche Charakteristikum der Chrysantemumwelt aber ist die schier unersättliche Gier nach neuen Sorten. Die Preise, welche Liebhaber Willens sind, für neue Sorten zu zahlen, sind geradezu erstaunlich. Dabei macht es durchaus nichts aus, ob die Blume sich durch edle Form und herrliche Farbe von anderen vor- teilhaft unterscheidet, oder aber ob sie alle Grundsätze des Schön- heitsgcfühls geradezu auf den Kopf stellt. Sie ist neu, eine Novität, und das ist alles, was zahlreiche Chrysantemumliebhabec nur von ihren Pflanzen beanspruchen. Eine Folge der Schnelligkeit, mit welcher die Moden in der Chrysantemumwelt wechseln, ist, daß ge- wisse Sorten den einen Tag ein für das Portemonnaie des Durch» schniittsmenschen unerschwinglicher Luxus sind, während wenige Monate später Pflanzen mit fußballgroßen Blüten für wenige Mark zu haben sind. In dieser Beziehung haben die meisten der söge- nannten Liehabcr-ChrysantemumS beinahe alle dieselbe Geschichte. Für die ersten Exemplare von Monsieur Summers, Rider Haggard, Hairy Wonder, usw. wurden erstaunliche Summen be- zahlt, heute finden wir sie in jedem Pflanzenkatalog der Züchter mit ein paar Groschen verzeichnet. Das krasseste Beispiel gibt jedenfalls Madame Carnot. Diese größte aller weißen Chrysanthe- mumblumen, welche bis 12 Zoll im Durchmesser hat und sich neben „Littlc Bob", der kleinsten gezüchteten Chrysanthemumblume wie Goliath neben David ausnimmt, brachte bei ihrem ersten Erscheinen die Chrysanthemumliebhaber aller Länder in die größte Aufregung. Ihr Stern erbleichte jedoch an dem Tage, an welchem einer der bedeutendsten englischen Züchter die Tatjache bekannt machte, daß es ihm gelungen sei, aus der Madame Carnot eine Abart zu züchten. Das Größenverhältnis beider Blüten Ivar wohl dasselbe» auch hätten vielleicht manche der reinweißcn Carnot den Vorzug gegeben, jedoch die Abart zeigte eine kanariengelbe Farbe, sie war eine Neuheit und damit war das Schicksal der Madame Carnot auf dem Chrysanthemummarkt entschieden. Während die Neu- heit mit Liebhaberpreisen bezahlt wurde, noch 199« erzielten Pflanzen von ihr 21 Mark das Stück, sank der Preis der Mutterpflanze auf 50 Pf. herab. Gegenwärtig gibt es kaum einen einzigen Fachmann, der die genaue Zahl der kultivierten Sorten anzugeben vermöchte. Schon vor acht Jahren zählte ein Spezialist in Lewisham bei London mehr denn 1000 Varietäten in seinem Kataloge auf, die namens- echt von ihm zu haben waren. Aber mag die Zahl der Chry- santhcmumvarietäten gegenwärtig auch schier unendlich erscheinen, das blaue Chrysanthemum, dieses herrliche Wunder der japanischen Zucht, ist noch heute nur im ausschließlichen Besitze des Mikados. Trotzdem englische Züchter speziell zu dem Zwecke nach Japan segelten, seiner habhaft zu werden, kamen sie doch alle unverrichtetcr Sache wieder zurück und dies blaue Chrysanthemum, welches japanische Dichter mit überschwänglichcn Worten preisen, japanische Gärtner aber am Hofe des Mikado mit wahren Ärgusaugen bewachen, wird wohl noch für lange Zeit nur ein Traumbild der europäischen und amerikanischen Chrysanthemumliebhaber bleiben. Chrysanthemuinausftcllungen, in denen nur Chrysanthemum» pflanzen und-Blumen zur Schau gelangen, sind in einzelnen Län- dern, wie z. B. Frankreich und England, zur Modesache geworden. In England haben sie einen Umfang angenommen, der sie alljährlich zu einer hortikulturellen Sehenswürdigkeit ersten Ranges macht. Hier wird auch das Schicksal neuer Sorten bestimmt und ihr Markt- wert festgesetzt. Das Bestreben, sogenannte Preis-Chrysanthemnms zu züchten, hat dabei solch eigentümliche Kniffe znr Entwickclung gebracht, daß wir nicht unihin können, einige hier zu erwähnen. Um das Preis-Chrysanthemum in den Augen der Preisrichter als absolut fehlerlos und musterhaft erschenien zu lassen, unter. werfen es die Aussteller in der Regel einem Praparationsprozeß, wodurch es meistens ein weit anderes Aussehen erhält, als seine nicht präparierten Brüder und Schwestern Die abgeschnittene Preisblume wird zunächst in einen für diesen Zweck eigens vcr- fertigten Halter gesteckt, um ihr festen Halt zu geben. Mit einer Pinzette werden darauf alle überflüssigen oder schlecht geformten Blütenblätter unauffällig entfernt. Mit einer Art Brennschcre wird hierauf jedes Blütenblatt, das eine solche Behandlung erheisch� gekräuselt und in eine Lage gebracht, daß es den Gesamtcindruck harmonisch abschließt. Riescnblumen, deren einzelne Blumen. blätter in unpräpariertem Zustand das Bestreben zeigen, durch das Gewicht ihrer eigenen Schwere umzufallen, werden nicht selten „gummiert", d. h. mit einem kleinen Kamelhaarpinsel wird ein ganz kleiner Tropfen eines eigens für diesen Zweck hergestellten Gummis an die Basis jedes einzelnen Blütenblattes gestrichen der Gummi wird hart und verleiht dem also behandelten Blutenblatte einen gewissen Halt. Das Gummieren erfordert jedoch große Fertig keit und kann nur von Sachkennern so ausgeführt werden, daß der kleine Schwindel dem Auge der Preisrichter verbor�n bleibt.- A. G. Graut. Kleines femlleton, — Im Schlosse von Peterhof. Der„Franks. Ztg." wird ge- schrieben: Merkwürdig ist die Zeit, welche Rußland heute durchlebt, merkwürdig auch der Ort, von Ivelchem a is der erste Lichtstrahl der Freiheit in die chaotische Finsternis des großen Reiches fälltl Von der Terrasse des großen Peterhofer Scl)lojses genießt man einen schönen Blick auf die umliegende Landsctsast. Fern im Osten glitzert die goldene Kuppel der Jsaakskathedraie und uach Westen zu erblickt man den Mastenwald der Seefeste Kronstadt. Auch dem geistigen Auge bietet das Agglomerat von Schlössern, Lusthäusern, Pavillons rind Fontänen reiche Nahrung. Ihre Geschichte ist aufs engste mit derjenigen der Familie Holstein-Gottorp-Romanow verknüpft. Hier ergötzte sich Peter der Große nach vollbrachter Arbeit. Hier feierte er seine Trinkgelage. Noch heute kann man im Archive des Schlosses ein merkwürdiges Dokument sehen. Es ist die von Peter I. eigen- händig unterschriebene Hausordnung des Peterhofer Palastes. Darin werden die Gäste unter anderem gebeten, sich ihrer Stiefel zu entledigen, bevor sie zu Bette gehen. Hier wurden ungeheure Summen für die Prachtbauten und Gartenaulagen von Peters Nachfolgern vertan, hier wurden rauschende Feste gefeiert, hier wurden aber auch Todesurteile unterzeichnet und Staatsstreiche zur Ausführung gebracht. Ten 9. Juli 1792 konnte man eine Anzahl prächtiger Hofkarossen am Peterhofer Schlosse vorfahren sehen. Es war Peter III., der mit seinem Gefolge aus Oranicnbaum kam, um hier seinen Namenstag zu feiern. Eine Ueberraschung harrte seiner. Das Schloß tvar leer und verlassen. „Wo ist meine Gemahlin, die Kaiserin Katharina?'' „Sie ist fort!" „Wohin?" Keiner wußte darauf eine Antwort zu geben. Denn un- vermutet, unvorbereitet war sie beim ersten Morgengrauen! nach Petersburg geeilt. Ein junger jÄardc-Offizier, Alexis Orlow, der einige Tag« später ihren Gemahl aus dem Wege schaffen sollte, habe sie abgeholt. Die Stunde des Staatsstreiches tvar gekommen.„Ein Haufen von Oligarchcn," sagt Herzen,„Fremde, Panduren, Gunst- lingc führten nächtlichcrtvcile eine Unbekannte, die fast noch ein Kind und dazu noch eine Deutsche war, in die Hauptstadt und er- hoben sie auf den Thron, vergötterten sie und verteilten in ihrem Namen Stockschläge an diejenigen, welche sich zu widersetzen wagten." Was aber tat Peker III? Er zauderte. Zuerst beschließt er, in Petcrhof zu bleiben und einen Federkrieg mit seiner Gemahlin zu führen«. Manifeste und Edikte werden aufgesetzt. Dann will er fiel, in Peterhof verschanzen und seine Holsteinische Garde soll ihn beschützen. Zuletzt folgt er dem Rate Münnichs und schifft sich nach dem nahen Kronstadt ein. Man langt um 1 Uhr nachts am Ziele an. „Wer da?" ruft die Schildwache. „Ter Kaiserl" „Es gibt keinen Kaiser mehr. Macht, daß Ihr tvciter kommt!" Der Kaiser tvar zu spät gekommen, weil er gezaudert hatte. Tags darauf war er ein Staatsgefangener. Man brachte ihn nach Kopscha,„einem sehr abgelegenen, aber sehr angenehmen Ort", wie sich Liatharine II. ausdrückt/ Und das tvar sein Ende.— — Ausdrücke des Seewesens. In der„Saarbrücker Ztg." be- faßt sich die„Äprachcnccke" des Allg. Deutschen Sprachvereins mit einigen Ausdrücken des Seewesens. Es heißt da: Ein bei uns oft gebrauchtes Fremdivort für Seewesen ist Marin e. Dies stammt vom lateinischen mare— Meer oder genauer genommen von dem daraus gebildeten Eigcnschaftsworte marinus her. Flotte, das scheinbar so deutsche, jetzt jedenfalls ganz deutsch empfundene Wort kommt aus dem lateinischen fiotta, das auf das mittellateinische flovitare— hin- und hcrschwimmcn zurückgeht. Für Flotte wurde im 19. und 17. Jahrhundert meist das spanische Wort armada gebraucht, während die einheimische Bezeichnung Schiffszeug lautete. Auch das Geschwader ist italienischen Ursprungs; es ist aus squadra entstanden, das wieder mit lateinisch quattuor— vier zusammenhängt. Ein Geschwader müßte also eigentlich stets ans vier Schiffen bestehen. Den Titel A d m i r a l verdanken wir durch Vcr- Mittelung der Franzosen und Spanier den Arabern. Diese nannten den Befehlshaber des Meeres amirj— Cmit)-al-ma oder amkr-al- balir, woraus die Spanier unter Verkcnnung der Bedeutung deS al, «das den zweiten Fall bezeichnet, alinirajo de la mar und die Franzosen zuerst admiral, dann amiral machten. Das Wort Kapitän beruht auf lateinisch eaput � Haupt, woraus sich im Mittel- lateinischen capitanjosus entwickelt. Früher sagte man statt Kapitän vielfach Schiffshauptmann; bei Philipp von Zescn(17. Jahrhundert) findet sich dafür Seehauptmann, da? dann auch von Lohen- stein gebraucht wurde. Schiff ist ein allen germanischen Sprachen gemeinsames Wort, das als esquik ins Französische eingedrungen ist, von wo es seltsamerweise durck, die daraus gebildeten Wörter: equiper ausrüsten, bemannen und equipaZe: Bemannung, Gepäck, Kutsche usw. in den Fremdausdrücken eguipseren und Equipage ins Deutsche zurückgewandert ist. Eine sehr große Menge von Bezeichnungen im Seewesen hat ausländisches, besonders englisches Gegräge. Allein- die Mehrzahl dieser Wörter ist in Wirk- lichkeit Niederdeutsch oder Holländisch. Freilich sind viele von ihnen erst durch englischen Einfluß wieder bei uns zu neuem Leben er- wacht. So z. B. das niederdeutsche Jacht s— rasches Schiff). Aus fremden Sprachen stammen von den Namen der Schiffsarten wohl nur Korvette, Fregatte, Brigg, Pinaß sowie Barke und Barkaß, die sämtlich romanischen Ursprungs sind. Brigg tvird als Verkürzung von Brigantine— Schiff aus dem Hafenort Brigantium, jetzt Betanzos in Spanien angesehen.— Technisches. (Nachdruck verboten.) — Der höch sie Betonschorn st ein in der Welt be- findet sich zu Tocoma, Wash., und ist gerade fertig geworden. Er mißt von der Basis des Fundaments bis zur Spitze 94 Meter! die Baukosten betrugen 112 000 M. Der Schornstein wurde errichtet, um die giftigen Dämpfe von den Hütteuwerken zu Tacoma fort- zuführen. 1225 Tonnen Zement brauchte man zu seinem Bau; überdies noch 47 250 Kilogramm T-Eisen, 705 Kubikyards Sand.(1 Dard— 0,9144 Meter). Mit seinen nahezu 100 Metern Höhe, die durch kein Riistteil gestützt sind, und seiner Verhältnis- mäßig kleinen Basis bietet der Schornstein einen überraschenden Anblick. Das Betonfundament mißt 11 Meter im Quadrat und hat 1,80 Meter Dicke. Für deu eigentlichen Schornstein stellte man die Mischung aus einem Teile Zement und drei Teilen Sand her. Der Schornstein besteht aus zwei Teilen. Vom Fundament bis zu einer Höhe von 27,5 Meter hat er zwei ineinander gebaute, ge- trennte Mäntel, während das übrige Stück seiner Höhe nur mit einfachem Mantel konstruiert ist. -Der Zweck des doppelten Mantels ist der, den Bau bor Rissen und Sprüngen zu bewahren. Ivelche die bedeutenden Temperatur- unterschiede verursachen könnten. Der innere Mantel, welchen eine Luftschicht von flins Zoll von dem äußeren trennt, soll diesen vorder direkten Einwirkung der starken Hitze an der Schornsteinbasis schützen, während der äußere wiederum von dem inneren die kalte Luft abhalten soll, die ihn durch zu schnelle Abkühlung zum Reißen bringen könnte. Der Außenmantel hält auch den starken Wirkungen des Wind- drucks stand. Auch einem Tornado vermag der Schornstein zu wider- stehen. Für die Luftzirkulation zwischen den beiden Mänteln sorgen kleine Oeffnungen am Grunde. Der ganze Schornstein wurde in Teilen von je drei Fuß Hohe errichtet. Von dem unteren, doppelten Schornsteiuteil wurden täglich ein Meter, von dem oberen, einfachen zwei Meter täglich vollendet. Man lvandte Dnrchschnittformen an und führte den ganzen Bau von der Innenseite her aus, Ivo man zugleich mit dem Schornstein ein Gerüst hochführte. Alle Materialien wurden mittels eines Seiles hockigezogen, das an der Trommel der den Betonmischer treibenden Maschine befestigt war. Der innere Durchmesser des Schornsteins ist 5,50 Meter, der äußere 0,40 Meter. Vom Fundament bis zum Scheitelpunkt ist der Schornstein mittels D-Eisen nach Weberschem System verstärkt.— E. C. Notizen. — Von dem„Tagebuch einer Verlorenen" ist so- eben das 5 0. Tausend ausgegeben worden.— — B e r n a r d Shaws neues Schauspiel„Cäsar und Kleopatra" geht Mitte November im Neuen Theater zum erstenmal in Szene.— Desselben Autors Schauspiel„Frau Warrens Gewerbe" hat man dieser Tage am G a r r i ck- Theater zu New Uork aufgeführt. Daraufhin wurde der Direktor des Theater? verhaftet, das Theater geschlossen. In dem Stück steht der Mädchenhandel zur Diskussion.— — Erfolg hatten: Ernst Hardt's Schauspiel„Kampf ums Rosenrot" am Stadtlhcater zu Bremen,„Heidegut", Drama von Hermann Kurz, im Böndy-Theater zu Bafel.— — Im Opernhaus wird der„ T a n n h ä u s e r" neu ein- studiert. Emmy Destim singt die Venus, Geraldine Farrar die Elisabeth.— — Johann S e b a st i a n Bachs Geburtshaus in Eise- nach, das von der„Neuen Bach-Gesellschafl" in diesem Jahre für 20 000 M. angekauft wurde, soll bereits vom nächsten Jahre an in ein Vach- M u s e u ni umgewandelt werden.— — Selbstentzündung von Pfählen beim E i n- r a in m e n. Ein merkwürdiger Fall von Selbstentzündung ereignete sich, wie die„Tech. Rundsch." berichtet, beim Bau der Mauern des neuen Kais in Rotterdam. Man hatte dortselbst in letzterer Zeit Morrisonrammen zur Verwendung gebracht, welche durch 180 bis 200 Fallblockschläge pro Minute einen stetigen Eintrieb des Pfahles bewirken. Die Gründungsweise ist derart, daß die- Pfähle durch den Schwimmsand hindurch bis in den festen Grund getrieben werden müssen. Da zeigte cS sich dann, daß einzelne Pfähle, die zurück- gezogen werden mußten, infolge der enormen Reibung an der Spitze ganz verkohlt und heiß waren und, sobald sie an die Luft kamen, zu brennen begannen. Auch eiserne Schuhe konnten die Selbst- entzündung nicht verhindern, die beim Verbleiben in der Erde aller- dings keinen Schaden stiften dürfte, da die Verkohlung nur ober- flächlich bleiben kann und die Wärme in der feuchten Umgebung sehr schnell abgeleitet tvird.— Peranttvortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VcrlagsanstallPaul Singer LcCo., Berlin L1V.