Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 216. Sonnabend, den 4. November 1905 3t1 Das Duell. (Nachdruck verboten.) Roman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. ..Feste. Nikiphor, feste." erwiderte ihm mit vollen Akkorden der Chor, den Osadtschi mit seiner weichen, mächtigen Stimine zusammenhielt und gleichsam wärmte. Wetkin dirigierte mitten auf dem Tische stehend und über den Sängern die Hände haltend. Er machte bald fürchterliche, bald freundliche und ermunternde Blicke, zischte die an. die verkehrt sangen, und hielt die allzulaut Singenden durch ein kaum merkliches Zittern seiner ausgestreckten Hand zurück. „Stabskapitän Leschtschenko, Sie singen falsch! Ihnen steckt ein Reibeisen in der Kehle. Schweigen Sie!" schrie Osadtschi.„Meine Herren, schweigen Sie doch alle! Lärmen Sie nicht, wenn wir singen." „Als ein reicher Bauer einmal Eis aß..." sang Wetkin weiter. Der Tabaksqualm schnitt in die Augen. Das Wachs- tuch auf dem Tische war klebrig, und Romaschow fiel ein, daß er sich heute abend nicht die Hände gewaschen hatte. Er ging über den Hof in die sogenannten„Offiziersnummern"— dort stand_ stets ein Waschbecken. Es war eine öde, kalte, ein- fenstrige Kammer. An der Wand standen, durch einen kleinen Schrank, wie in einem Krankenhause, getrennt, zwei Betten. Die Wäsche in ihnen wurde nie gewechselt, wie auch der Fuß- boden im Zimmer niemals aufgewischt und der Raum selbst nie gelüftet wurde. Davon stand in den Zimmern stets ein muffiger, schmutziger Geruch von lange getragener Wäsche, sauerm Tabakqualm und Schmierstiefeln. Das Zimmer diente als zeitweilige Behausung für Offiziere, die aus entfernten Quartieren zum Regimentsstab kamen. Aber für gewöhnlich wurden hier an Gesellschaftsabenden mit Vorliebe betrunkene Offiziere, zwei, sogar drei in einem Bett, untergebracht. Des- wegen hatte der Raum die Bezeichnung„Totenkammer", „Leichenhaus" und„Morgue". In diesen Worten lag eine unbewußte, aber schreckliche Ironie, weil sich, seitdem das Regiment in dieser Stadt lag, in den Offiziersnummern gerade in diesen zwei Betten schon mehrere Offiziere und ein Bursche erschossen hatten. Als Romaschow in die Totenkammer trat, saßen am Kopfende der Betten neben dem Fenster zwei Menschen. Sie saßen ohne Licht in der Dunkelheit da, und nur an einem kaum hörbaren Geräusch bemerkte Romaschow ihre Gegen- wart und erkannte sie mit Mühe, als er sehr dicht herantrat und sich über sie beugte. Es warm Stabskapitän Klodt, ein Alkoholiker und Dieb, dem das Rottenkommando ge- uommen war, und Fähnrich Solotuchin, ein lang auf- geschossener, verlebter, schon kahlköpfiger Spieler, Radau- bruder, Zotmreißer und ebenfalls Trunkenbold, ein richtiger Typus der ewigm Fähnriche. Zwischen beidm auf dem Tisch fchimmerte trübe eine Viertelflasche Branntwein und stand ein fast leerer Teller mit einer Briihe und zwei volle Gläser. Spurm irgmdwelchcn Imbisses waren nicht zu sehen. Die Saufkumpane schwiegen, als versteckten sie sich vor dem eintretenden Kameraden, und als er sich über sie beugte, blickten sie in der Dunkelheit schlau lächelnd irgendwohin auf den Fuß- boden. „Mein Gott, was machen Sie hier?" fragte Romaschow erschreckt. „T— ssß.. erhob Solotuchin geheimnisvoll mit war- ncndem Ausdruck einm Finger.„Warten Sie. Nicht stören." „Ruhig!" sagte Klodt mit kurzem Flüstern. Plötzlich donnerte irgendwo in der Ferne ein Wagen. Jetzt erhoben beide schnell die Gläser, stießen an und tranken beide gleichzeitig aus. „Was ist das?" rief Romaschow unruhig. „Mein Freund," erwiderte Klodt mit vielsagendem Flüsterton:„Das ist unser erster Schluck. Beim Wagenrollen. — Fähnrich," wandte er sich an Solotuchin,„nun, worauf wollm wir jetzt trinken? Aufs Mondlicht?" „Leg schon los," erwiderte Solotuchin und blickte durch das Fenster auf die schmale Mondsichel, die niedrig und traurig über dem Horizont stand.„Wart. Da heult vielleicht ein Hund. Still." So flüsterten sie sich zueinander hinbeugend, im finsteren Wahnsinn und in der Albernheit ihres trunkenen Zustandes. Aus dem Speisezimmer aber drangen in diesem Augenblick gedämpfte, von den Wänden zurückgehaltene. und infolge- dessen harmonisch-traurige Klänge des Kirchenliedes, ähnlich einem fernen Grabgesang. Romaschow schlug die Hände zusammen und griff sich an den Kopf. „Meine Herren, um Gottes willen, hören Sie auf g,, das ist ja schrecklich," sagte er gequält. „Scher Dich zum Teufel!" brüllte plötzlich Solotuchin. „Nein, warte, Bruder! Wohin? Erst trink mal mit an- ständigen Leuten. Nein, Du überlistest uns nicht, Freund. Halten Sie ihn, Hauptmann, ich schließe die Tür zu." Beide sprangen vom Bett auf und machten sich mit wahnsinnigem, listigem Lachen daran, Romaschow zu fangen. llndOalles zusammen— dieses dunkle, stinkende Zimmer, dieses geheimnisvoll", phantastische Trinken mitten in der Nacht ohne Licht, diese beiden verrückten Menschen— alles flößte Romaschow plötzlich einen unerträglichen, wahnsinnigen Schrecken ein. Er stieß mit durchdringendem Schrei Solo- tuchin weit zur Seite und sprang, am ganzen Leibe zitternd, aus der Totenkammer. Sein Verstand sagte ihm. daß er nach Hause gehen müsse, aber infolge eines ihm unverständlichen, sonderbaren und so- gar unangenehmen inneren Reizes kehrte er ins Speisezimmer zurück. Hier lagen schon viele auf Stühlen und Fensterbänken im Halbschlaf. Es war unerträglich heiß, und trotz der ge- öffneten Fenster brannten Lampen und Lichter ohne zu flackern. Die todmüde Dienerschaft und die Soldatenaufwärter schliefen im Stehen und gähnten alle Augenblicke, ohne den Mund zu öffnen, durch die Nase. Aber die allgemeine schwere Sauferei hörte nicht auf. Wetkin stand schon wieder auf dem Tisch und sang in hohem, gefühlvollem Tenor: „Schnell ivie die Wellen Fließt unser Leben..." Im-Regiment waren viele Offiziere aus geistlichen Familien, und deswegen wurde selbst in Stunden der Trunkenheit gut gesungen. Die einfache, traurige, rührende Melodie adelte die gemeinen Worte. Und allen wurde plötzlich traurig und beklommen unter der niedrigen Decke, im muffigen Zimmer, in diesem engen, dumpfen und blinden Leben zumute. „Stirbst, wirst begraben, Wie du auch gelebt..." sang Wetkin ausdrucksvoll, und von den Klängen seiner eigenen hohen und gerührten Stimme und der Empfindung allgemeiner Harmonie des Chors— traten in seine guten, dummen Augen Tränen. Artschakowski begleitete ihn vor- sichtig. Um seine Stimme zum Vibrieren zu bringen, zupfte er sich mit zwei Fingern am Adamsapfel. Osadtschi intonierte mit dichten, schweren Klängen den Chor, und es schien, als wenn alle übrigen Stimmen wie in dunkeln Wellen in diesen tiefen Orgeltönen dahinflössen. Als das Lied zu Ende war, schwieg man einen Augen- blick. Bei allen stellte sich mitten im schweren Rausch ein Augenblick stillen Nachdenkens ein. Plötzlich begann Osadtschi mit tief auf den Tisch herabgesenkten Äugen halblaut: „Ihr Betrübten, die ihr, auf schmalem Wege gewandelt und das ganze Leben wie ein Joch auf euch genommen „Hört doch auf," meinte jemand verdießlich.„Was soll dieses ewige Totenmessesingen? Zum zehntenmal schon!" Aber die übrigen hatten den Totengesang schon auf- genommen, und jetzt klangen in dem besudelten, bespuckten,. rauchgefüllten Zimmer die reinen, hellen Klänge der Toten- messe des Johannes Damascenus, die von so heißem, innigem Weh, von so leidenschaftlichem Schmerz über das entflohene Leben durchdrungen sind: „Kommt zu mir, die ihr mir im Glauben gefolgt seid, ich will euch erquicken, ich will euch Ehren und himmlische Kronen bereiten.. Itnf) alsbald fiel Artschakowski, der den Gottesdienst so gut wie nur ein Mister kannte, mit dem Schlußruf ein: „Wir bitten alle von ganzem Herzen.. So wurde die ganze Totenmesse zelebriert. Als man aber zum letzten Aufruf kam, begann Osadtschi mit gesenktem Kopf, so daß der Hals anschwoll, mit sonderbaren, schreck- lichen, traurigen und bösen Augen mit tiefer, wie Saiten eines Kontrabasses tönender Stimme zu singen: „Stimm ihn auf in dein himmlisches, ewiges Reich, deinen entschlafenen Knecht Nikiphor..."— Osadtschi flocht plötzlich ein abscheuliches, zynisches, aus drei Silben be- stehendes Schimpfwort ein—„und gib ihm ewige Ruhe.. Romaschow sprang auf und schlug wahnsinnig aus Leibes- kräften mit der Faust auf den Tisch: „Ich dulde das nicht! Schweigt!" schrie er mit durch- dringender, gequälter Stimme.„Was ist hier zu lachen? Kapitän Osadtschi. Ihnen ist gar nicht lächerlich, sondern weh und schrecklich zumute! Das sehe ich! Ich weiß, was Sie im Innern fühlen!" Inmitten des allgemein Plötzlichen Schreckens ließ sich nur eine Stimme zweifelnd vernehmen: „Ist er betrunken?" Aber dann sprangen sofort alle Anwesenden unter dumpfem Toben und Stöhnen auf und ballten sich in"einen bunten, beweglichen, schreienden Haufen zusammen. Wetkin sprang vom Tische und stieß mit dem Kopf gegen die Hänge- lampe? diese schaukelte in weitem, gleichmäßigem Zickzack, und die Schatten der hin und her eilenden Menschen wuchsen bald riesenmäßig an und verschwanden dann am Fußboden, ver- wickelten sich ineinander und liefen an den weißen Wänden und der Zimmerdecke hin und her. Alles, was jetzt mit diesen losgelassenen, aufs höchste er- regten, trunkenen, unglücklichen Menschen geschah, trat schnell, lächerlich und unwiederbringlich ein. Es war, als wenn ein böser, unsinniger, dummer, grimmiger Dämon die Menschen in Besitz genommen hätte und sie zwänge, häßliche Worte zu reden und unsinnige, verrückte Taten zu begehen. In dem allgemeinen Wirrwarr erblickte Romaschow plötzlich ganz dicht neben sich ein Gesicht mit laut schreiendem, verzerrtem Munde, das er nicht gleich erkannte— so sehr war es entstellt und wutverzerrt. Es war Nikolajew, der ihm spuckend und nervös mit den linken Backenmuskeln unter dem Auge zuckend zuschrie: „Sie selbst beschimpfen das Regiment! Wagen Sie nicht, noch ein Wort zu sagen. Sie— und diese Nasanskis..." Jemand zog Romaschow vorsichtig zurück. Er wandte fich um und erkannte Wetkin, machte sich aber sogleich wieder los und vergaß ihn. Bleich von dem, was in diesem Augen- blick vor sich ging, sagte er leise und heiser mit qualvollem, wehem Lächeln: „Was soll hier Nasanski? Oder haben Sie vielleicht besondere Ursache, mit ihm unzufrieden zu sein?" „Ich gebe Ihnen eins in die Schnauze! Schuft! Lump!" schrie Nikolajew in hohem, brüllendem Tone.„Knecht!" Er fuchtelte Romaschow mit der Faust vor dem Gesicht herum und machte drohende Augen, schlug aber nicht zu. Romaschow verspürte in Brust und Leib eine schmerzliche, ohn- machtähnliche Erstarrung. Bis jetzt hatte er gar nicht bemerkt oder gleichsam vergessen, daß er die ganze Zeit über in der rechten Hand irgend einen Gegenstand hielt, und plötzlich klatschte er mit kurzem Ruck den Bierrest aus seinem Glase Nikolajew ins Gesicht. Im selben Augenblick hatte er eine dumpfe Schmerz» empfindung, und helle Blitze schössen aus seinem linken Auge. Mit langgedehntem, tierischem Geheul warf er sich auf Nikolajew, und beide schlugen, mit Händen und Füßen in- einander verwickelt, zu Boden, wälzten sich hin und her, warfen Stühle um und schluckten schmutzigen, stinkenden Staub. Sie rissen, zerrten, preßten ineinander und brüllten und keuchten dabei. Romaschow merkte, wie seine Finger plötzlich zufällig in Nikolajews Mund hinter die Backe gerieten und wie er sich bemühte, ihm diesen schlüpfrigen, ekelhaften heißen Mund aufzureißen... Und er fühlte schon keinen Schmerz mehr, als er bei diesem wahnsinnigen Kampf mit Kopf und Ellbogen auf dem Fußboden aufschlug. Er wußte nicht einmal, wie alles das endete, er fand sich plötzlich von Nikolajew losgerissen in einem Winkel stehend, in den man ihn gedrängt hatte. Wetkin gab ihm Wasser gu trinken, aber Romaschows Zähne klapperten krampfhaft am Rande des Glases, und er fürchtete, er könnte ein Stück Glas abbeißen. Seine Uniform war unter Ser Achsel unij auf dem Rücken zerrissen, und eine losgerissene Epaulette hing nur noch an einem Zwirnfaden. Stimme hatte Romaschow nicht mehr, und er schrie klanglos nur mit den Lippen: „Ich werd' ihn... werd's ihm schon zeigen!.., Ich fordere ihn!..." Der alte Lech, der bis dahin am Ende des Tisches süß geträumt hatte, jetzt aber ganz aufgewacht war, sagte nüchtern und ernst in ungeöhnlich strengem, befehlendem Tone: „Als Rangältester befehle ich Ihnen, meine Herren, so- fort nach Hause zu geben. Verstanden? Sofort. Morgen werde ich dem Regimentskommandeur von dem Vorgefallenen Meldung machen." Und alle gingen verwirrt und bedrückt auseinander und vermieden es, sich anzusehen. Jeder fürchtete, in den fremden Augen seinen eigenen Schrecken, sein Schuldbewußtsein und seine sklavische Angst wiederzufinden— den Schrecken und die Angst kleiner, schmutziger Tiere, deren dumpfe Vernunft plötzlich von hellem Menschenbewußtsein erhellt wird. Am hellen, kindlichreinen Himmel und in der beweglichen kühlen Luft dämmerte es. Die feuchten, von kaum ficht- barem Dunst eingehüllten Bäume erwachten schweigend aus ihrem dunkeln, rätselhaften nächtlichen Traum, und als Romaschow beim Nachhausegehen sie und den Himmel und das graue, taufeuchte Gras anblickte, da fühlte er sich jämmerlich klein, häßlich, mißgestaltet und diesem unschuldigen, im Halb- schlummer lächelnden reizenden Morgen unendlich entfremdet. 20. Am selben Tage— es war Mittwoch— erhielt Romaschow ein kurzes offizielles Schreiben: „Das Offiziersgericht des N.schen Infanterieregiments fordert Unterleutnant Romaschow auf, um sechs Uhr im Saale des Offizierskasinos zu erscheinen. Anzug wie ge- wöhnlich. Ter Gerichtsvorsitzeirde Oberstleutnant Migunow." Romaschow konnte sich eines unwillkürlichen traurigen Lächelns nicht erwehren. Dieser„Anzug wie gewöhnlich"— die Uniform mit Achselstücken und farbiger Schärpe— wurde nämlich imr bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten getragen: vor Gericht, bei öffentlichen Verweisen und bei allen unangenehmen Meldungen bei Vorgesetzten. Um sechs Uhr kam er ins Kasino und ließ durch die Ordannanz dem Gerichtsvorsitzendeu seine Anwesenheit melden. Man bat ihn zu warten. Er setzte sich im Eßzimmer ans offene Fenster, nahm eine Zeitung und begann, ohne die Worte zu versieben und ohne jedes Interesse, mechanisch die Buchstaben überfliegend, zu lesen. Drei Offiziere, die im Speisezimmer amvesend waren, begrüßten ihn kalt und sprachen halblaut miteinander, so daß er es nicht hören konnte. Nur Leutnant Michin drückte ihm lange und fest mit feuchten Augen die Hand, sagte aber nichts, errötete nur, zog schnell und ungeschickt den Mantel an und ging fort. lFortsetzung folgt.) Hndrcae Vöft/* Eines muß man als erstes zur Anerkennung des neuen Romans von Ludtvig Thoma sagen: Ter Andreas Böst ist eine lebendige Gestalt. Lebendig steht der Schullerbauer von Erlbach vor einem— gerade, aufrichtig und aufrecht, derb und herb, mit den Eigen- schafien seines Standes und Stammes ausgestattet, mit den individuellen Zügen eines Wesens versehen, die das Allgemeine zum Besonderen prägen, im Besonderen aber zugleich auch das All- gemeine, das Typische, verdeutlichen und unterstreichen und seinen Sinn bewerten— ja in Einzelnem sogar erfüllen. Klar, scharf, fest, rücksichtslos, hat der Dichter seinen Bauern angeschaut, so klar, daß es einem manchmal anteilslos, sezierend und zu deutlich be- obachtend vorkommt. Die Beobachtung scheint durch. Sie verliert sich und löst sich im Künstlerischen auf, wo es den Menschen, das Menschliche, gilt. Da wird alles packend, selbstverständlich, hin- reißend, eigenerlebt. Sic läßt fich erkennen, wo es das Spezielle und Spezifische gilt: den Bauern. Um im Bauern zum Bäuerischen zu gelangen, um— wahr zu sein. Denn man müßte, führte man Kluge wie Dumme damit nicht irre, den Naturalismus des Werkes betonen. Aber ein aufgelöster Naturalismus, der in sich keinen Selbstzweck mehr sieht, sondern nur ein Mittel— und der, als selbstverständliche Voraussetzung der Lebensansehung— nicht etwa der Lebensanschauung— die Dichtungsart charakterisiert, ohne sie beengen, ohne sie in sich ausschöpfen zu wollen. Man spürt nur eben, das Leben ist nicht aus einem allgemeinen, lyrischen Erfühlen dar- „Andreas Vöst", Ein Bauernroman. Von Ludwig Thoma. München. Albert Langen.— gestellt, sondern aus Beobachtung und Anschauung heraus, aus seiner gesehenen Wirklichkeit, aus seinem nüchternen Ansehen. Jede lyrische Wirkung bleibt aus, über die Pointierung bewahrt sich die Sachlichkeit die Herrschaft. Nur eines beflügelt: die Tendenz. Der Roman ist ein Tendenzroman. Die Objektivität der Darstellung ist die ständige Korrektur der Tendenz. Darin ist der Roman voll- kommen— vollkommen in der Gestalt des Andreas Vöst. Voll- kommen im Bauern, vollkommen im Allgemeinen, das sich mit dem Schillerschen Satze ausdrücken ließe, daß auch der Beste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Ich meine damit, daß das Tendenziöse hier in breitem Recht wirk- sam ist ohne Rücksicht darauf, wer die Träger der Gegensätze sind, was für Gegensätze es find, die sie tragen. Und schon spezieller wird der tendenziöse Sinn, wenn man— obgleich allgemeiner beinahe— ihn fassen wollte: die gerade überzeugte Auftichtigkeit muß vor der schleichenden unterwühlenden Gemeinheit und Unaufrichtigketi den kürzeren ziehen— und noch näher zum Besonderen kommen wir, wenn wir statt der Aufrichtigkeit den Bauern, statt der Ge- meinheit den Pfaffen setzen. Aus diesem Besonderen aber ins all- gemein Kulturelle fließt der Gedanke wieder ein, wenn wir ihn in dieser Gegenwart des bayerischen Dorflebens erfassen, in der dem Bauern das Erwachen kommt, daß er versteht wie ihn pfäffische Gewalt und heuchlerischer, jesuitischer Mißbrauch des Wortes und des Standesansehens in seiner traditionellen Unantastbarkeit an der Nase geführt, geknebelt, betrogen, unten gehalten haben. Wie«r ausgebeutet wurde und seine Arbeit in der gleichen Weise wie seine Beschränktheit dem guten Magen der Kirche zugute kamen. Wie er tyrannisiert wurde, ohne besten recht bewußt zu werden, wie er ent- rechtet wurde, ohne sich dessen versehen zu können. Und wie Staat und Kirche, wie Thron, Altar und Geldsack ihm das Recht so ver- klausulieren konnten, daß er, wie er die Schlingen entknoten möchte, sich nur tiefer verschlingt, so daß aus Recht Unrecht, aus Wahrheit Lüge, aus Offenheit Schuld und in der Verwickelung all dieser Ver- kehrungen und Verdrehungen, in die nicht nur die extremen Träger der Gegensätze, sondern Freunde und Feinde, die Parteigänger, die Ausnutzcr und Heuchler noch eingreifen, das Verhängnis wie Gift» kraut emporschießt. In der eigenen Familie schlägt es Wurzel— der feste, gehaltene, gepflegte Boden ist gelockert. Unglück kommt hinzu. Denn nach altem Bauernglauben, der eine alte Wahrheit ent- hält, kommt kein Unglück allein. Noch ist der Widerstand stark genug, noch hält die.Kraft des Alleinseinkönnens durch. Aber das Gift zehrt an dem festen Wesen, zehrt an seiner Sicherheit, an seiner Klarheit, an seinem energisch gehaltenen Gleichgang. Ver- bistenhcit, Mißtrauen beherrschen den Mann, der seine alte Be- herrschung zum eigenen Schaden in wiederholten Fällen verliert. Und schließlich kommt die Schuld. Das so berechtigte, einleuchtende Schuldigwerden— das Schuldigwerden, wie ihm nowendigcrweise jeder von uns verfallen wäre. Darineinsogroßes Mitfühlen, Mitleben, einso schmerzvolles Bedauern liegt. Darin die Taktikliegts— wennderDichier danach ist. Denn man muß wissen, die Tragik liegt in keiner Sache und in jeder— es kommt nur auf den Dichter an. Tragisch endet der Andreas Vöst. Das muß zum Lobe Thomas, noch gesagt tverden, ehe der Tadel, oder ehe die Einschränkung beginnen darf. Aber sie muß nun beginnen. Es wird gewiß Leute geben, die das Buch seiner Tendenz wegen ablehnen möchten. Einige, weil sie die Tendenz aus der Dichtung verbannt wissen wollen. Andere, denen diese Tendenz zuwider ist. Mit den einen wie mit den anderen ist nicht zu rechten. Man mag die Berechtigung der Tendenz in der Kunst anerkennen oder nicht, mag die gelittene lieben und loben oder von sich weisen und verachten, darauf kommt es nicht an. Die Dichtung selbst, die schöpferische Dichtungswirkung, die ist allein ausschlaggebend. die gleicht aus und hebt auf. Die zwingt. Man kann den Sinn eines Werkes ablehnen, seine Kraft bleibt. Und in seiner Kraft bleibt sein Wert, das muß ausgemacht sein. Ebenso wie dieses: das freiheitlichste, fortgeschrittenste, bestgemeinte Werk seinem Smne nach, kann künstlerisch ein Machwerk bleiben. Wie sehr es seinen Verfasser ehren mag— die Kunst gehts nichts an. Tarin also ist Thoma nicht zu verteidigen, weil er darin nicht anzugreifen ist. Darüber steht er in seinem Werke und sein Werk in ihm. Seine Angrifflichkeit liegt wo anders. Selbst in der abstrakten Hcrauslösung des Inhalts hält man sich an den Schuller- baucrn, an den Andreas Vöst. Sein Gegner, der Pfarrer Bau- stätter von Erlbach, so sehr er im Gedankcnfelde gewichtig vor uns dahinschreitet, im dichterischen Gesichtsfelde verschwindet er uns. Er ist nicht gestaltet. Er lebt uns nicht. Er ist nicht Gestalt ge- worden. Er ist uns der Pfaffe, der feiste vielleicht noch, aber er ist nicht der Baustätter. Er hat nicht individuelle Züge, individuelle Züge seiner selbst willen. Er ist ein Ekel und ein Lump, ein herrschsüchtiger Fälscher und ein hinterhältiger Jesuit— ja gewiß, er ist recht viel, aber er ist's nur als Mittel zum Vöst. Er ist dazu da, daß der Vöst an ihm herauswachse, daß der Vöst an chm zugrunde gehe. Er ist das Decrescendo, damit das Crescendo des Vöst, das sich zu einem wundervollen, von allen Setten aus auf- gebauten Fortissimo in d.r Totschlagszene steigert, damit es empor- schwellen kann. Das ist die Unvollkommcnheit des Romans, die der dichterische Wert wie die Tendenz in gleichem Maße zu tragen haben. Aber wie prächtig, es muß im aufrichtigsten und vollsten Sinne wiederholt werden, wie prächtig ist diese UnVollkommenheit durch die Vollkommenheit aufgehoben, di- dichterisch wie tendenziös der Bauer Vöst darstellt, der damit r'. einer der markantesten, eigenartigsten und sichersten Gestalte.! unserer Romandichtung geworden ist. als Mensch und als Bauer«ine fest- und breithingestelltq Schöpfung. Und dies etwa ist der Inhalt des Romans: In Erlbach will der Pfarrer zu seiner und Gottes größerer Ehre einen Turm an seine Kirche bauen. Der Schullerbcmer spricht gegen seinen Plan. und der Plan wird nicht ausgeführt. Der Pfarrer aber sucht seine Rache. Schikanen nach Schikanen, Beschimpfungen nach Beschimpf- ungen, Kränkungen und Beleidigungen, die seine christliche Liebe dem widerspenstigen Schäfchen seiner Herde zufügt. Des Vöst Jüngstgeborenes, vor der Taufe unter den Händen der Amme rasch verschieden, Muß an die Friedhofsmauer als Heidenkind beerdigt werden. Des Vöst Tochter wird vom Sohne des Hieraugl schwanger, und der würdige Pfarrherr verfehlt nicht, des Vöst Hausregiment in ein bezeichnendes Licht zu stellen. Des kirchentreuen Hieraugl's Lümplein rührt er nicht an. Und dem unehelichen Kinde der Bösttochter will er einen schimpflichen Namen anlaufen. Da zieht er den kürzeren. Aber den Vöst haben sie zum Bürgermeister ge- wählt. Er ist ein Repräsentant der Bauernbewegung. Bauern- bund und Ultramontanismus sind aneinandergeraten. Der Bürger- meiste? muß fallen. Es ist eine Machtfrage für den Pfarrer. (Es ist ja alles Machtftage für die Pfarrer.) Er tut Einspruch beim Bezirksamt. Er gibt dem Vöst einen falschen Leumund. Er fälscht eine hinterlassene Notiz seines Vorgängers. des guten Pfarrers Held, daß der Vöst seinen eigenen Vater miß- handelt habe. Seither blieb der Vöst gerade— das nagt an ihm. Er will um sein Recht kämpfen. Es ist zu sehr verschlungen, das gute deutsche Recht. Es ist in zu sicheren Händen, daß cs dem einfachen Bürger gegeben werden könnte. Am Vöst frißt cs, daß er zum schlechten Sohne gestempelt worden. Auf ewige Zeit, für 5tind und Kindeskinder— durch Eintrag ins Kirchenbuch. Schwarz auf Weiß. Sein Leben rinnt ihm fachte aus den Händen. Sein Leben, und was er besitzt und erworben, seine Arbeit und sein Glück. Da will's kommen wie eines herben Herbsttags Klarheit: die Schrift ist gefälscht. Wahrheit muß Klarheit werden, das Licht muß die� schwarze Schande besiegen. Aber Recht haben und Recht finden ist zweierlei. Beweisen I Wer glaubt dem Bauern, wenn der Gottesmann das Gegenteil sagtl Das würde ja an aller gcist- lichen und weltlichen Autorität rütteln. Und Vöst verwühlt sich in die aufgebürdete Schuld, in sein Alleinsein, in seine Macht- losigkeit. Da bringt der Ostersonntag die Entscheidung. Er ist ins Wirtshaus gegangen. Er hat scharf getrunken. Die Bäuerin ist in Angst um den Mann, der nicht einmal heimgekommen, vom „Geweihten" zu essen. Ter Sohn, der auf Urlaub heimgekommen, soll ihn holen. Da fällt das Wort, wie der Vater nicht gehen will und der Sohn Gewalt anzuwenden sucht:„Gel, Lumpl Geht's Dir oa net besser, wia Dein Vatal" Des Pfarrers Hintermann und Parteigänger, der Hieraugl, hat's gerufen. Und der Schüller hat ihn dafür totgeschlagen mit dem Bierkrug. Vor Gericht hat der Pfarrer den Leumund abzugeben. Er macht's gut. Gut, wie er alles gemacht hat in diesem Lügengewebe, darin er Meister ist. die Wahrheit so fein zu verdrehen, daß sie Unwahrheit wird. Und der Schuller, der ins Gewebe sieht, kann's nicht durchreißen. Jetzt gelänge es ihm nicht, wie es ihm auch früher nicht gelungen. Seine Bauernhände sind zu plump dazu.„Der ist schuld an allem", sagt er nur. Und Richter und Pfarrer— es ist eine alte Geschichte. Autorität muß Autorität bleiben. Der Schuller sitzt auf Jahre im Gefängnis— in Erlbach bauen sie einen neuen Turm. � Er ist ein Zeichen des Sieges, der Turm. Wie viele ragen im Land... Der Schullerbaucr sitzt auf wer Jahre.„Den hat er g'liefert, unser Herr Pfarrerl" sagt» der Haberlschneider.-- Wilhelm Holzamer. kleines Feuilleton. o. s. Die Straßensängerm Eilgönie Büffet. In dem reich, aber geschmacklos dekorierten Prunksaal des KiinstlerhauscS saß eine erwartungsvolle Menge; d. h. erwartungsvoll in dem einfachen, natürlichen Sinn sind diese Menschen nicht. Es gehört zu ihrem LebenSreglement, sich so eine plebejische Anwandlnng nicht merken zu lassen. Steif und hölzern sitzen sie auf ihren Stühlen, und die Damen bewegen ihre Lorgnons mit blessierter Affektiertheit hin und her und sehen mit frecher Aufdringlichkeit jedem ins Gesicht, wie Kriminalpolizisten. Wenn aber die steifleinene Dame vor mir, die auch ihre kontrollierende» Glasaugen überall hin wendet— ihre Robe ist tadellos und im Haarkamm stecken Brillanten und sie spricht mit ihrer beschnurrbarteten Oberlippe so spitz und süßlich, daß der eingefleischteste Aristokrat sich ihrer nicht zu schämen braucht— wenn sie wüßte, daß hinten ihre Taille erschreckend offen steht, sie würde sicher aus ihrer steifleinenen Rolle fallen und sich ganz gräßlich schämen. Dieses ist gewissermaßen der Typus unserer Kultur: vorne mit Brillanten besetzt und hinten steht die Taille offen. Dieses ist das feinste Publikum von Berlin. Berlin W. Die literarische und künstlerische Elite, umflossen von den Wogen des aller-allerneuesten Parfüms. Der Konferencier teilt mit, daß ein Freund von Madame Büffet den Abend mit einem Musikstück einleiten wird. Dieser Freund ist ein kleiner, schmächtiger Jüngling, mit Musikerhaar, kurzem, engen Gehrock, schielenden, tiefliegenden Augen und dem Mund eines Kindes, einer Puppe. Plötzlich entsteht Lärm. Da ist sie ja schon, Eugenis Büffet, die Straßensängerm von Paris, hinten erscheint sie, am Ends des Saales. Hinter ihr ein Begleiter. Sie tritt in ihrem Sirahen- kdstüm, einer einfachen, rosa Waschbluse auf, eine verschossene Pelerine um die Schulter geschlungen, trägt ihre Programme in der Hand, vorn hat sie stolz einige Medaillen von Wohltätigkeits- anstalten angeheftet und so geht sie iin Publikum umher und singt. Singt mit einer frischen, energischen Stimme, der man anmerkt, datz sie kräftig genug ist, im Hos. auf der Straße gehört zu werden. Dazwischen spricht sie, verkauft die Texte, die sie reißend los wird, steckt den Erlös in ihre Schürzentasche und trällert weiter. Gesten ergänzet» temperamentvoll den Ausdruck. Ihr Begleiter sekundiert ihr. Alles ist voller Leben mit einem mal. Sie reißt alle mit. Er hat, lvaS man eine Revolverschnauze nennt. Er reißt sie auf— alles mit Absicht, ans Freude am Volk— als wollte er das ganze Publikum verschlingen. Seine Nase hat die Form einer kurzen und dicken Gurke. Und listig blinken seine Aeuglein. So geht es ununterbrochen fort, und niemals kommt ein Äugenblick der Langenweile. Sie singt das Fischerlicd aus der Bretagne nnd eine Pariser Straßen- sängerserenade, sie singt das Lieblingslied der Arbeiterinnen im Quartier du Louvre. Dann trägt der Begleiter, Monsieur Defrance eine Satire ans Loubet in Spanien vor und parodiert den pathetischen Stil Viktor Hugos, indem er einer mit den Tiraden stecken bleibt, dann auf den Souffleur horcht uud schnell die Schluß- sätze, die er vergessen, hinterherwirft. Danach singt die Büffet literarische Lieder, das mit dem ernsten, einer wiederkehrenden Refrain„Travair(Arbeit I) und das eindringliche„La terre"(Die Erde), die alles hervorbringt und alles wieder aufnimmt. Den Schluß bildet, nachdem Mr. Defrance nach aufgegebenen Stichworten im- provisiert hat, das Duett eines sich zankenden Stratzensängerpaares, die inr Leierlastenton ihre Lieder singen, zwischendurch sich aber immer schimpfen und zanken. Was an der Büffet gefällt, das ist das Frische, Unaffektiertc ihres Wesens. Sie hat ein ganz simples Gesicht und trägt sich in Kleidung und Frisur ganz einfach. Nur wenn sie lächelt, bekommt sie ein besonderes Aussehen, ein naives, fröhliches Lächeln, das unwillkürlich für sie einnimmt. Ihr Vortrag ist ohne jede Gespreiztheit, einfach, aber voller Temperament. Sie bekonimt es fertig, selbst diefe steifen Gesichter des Publikums zu beleben. Die ausdruckslosen, verglasten Augen haben mit einem mal etwas Leben bekommen. Ueberall, wohin man blickt, lächelnde Gesichter. Und ebenso einfach wie der Beginn, ist das Ende. Madame Büffet nimmt den Rosenstrauß, den sie bekommen, in den Arm und verläßt mit dem Publikum zugleich den Saal.— hl. Merkwürdige Grabschriften. Die Sitte, den Verstorbenen einen Spruch auf den Grabstein zu setzen, ist uralt. Zu uns dringen noch jene süßen Lieder der griechischen Anthologie, die so wunder- voll über den Tod der jungen Frauen und der schönen Jünglinge klagen. Auch bei uns machte sich im Zeitalter der Empfindsamkeit die gefühlvolle Trauer in wehmütigen Versen kund, die man aus Höltys oder Gleims Liedern auf das Grab schreibt. Vorher hatte schon das Barock seine schwülstigen Grabgedichte auf die Trauer- steine geschrieben, von denen man in jeder Gedichtsammlung jener Zeit so viele beifammen findet. Früher setzte man wohl einen ein- fachen Bibelspruch oder ein kurzes Sprüchlein über Tugend und Verdienste der Entschlafenen hin; aber auch der derbe Humor und die naive Treuherzigkeit des Volksgemütes regte sich in vielen Grabschriften, wie wir sie auf alten Dorf- kirchhöfen noch finden können. Solch köstlicher Inschriften gibt es gar viele, Ivie z. B. jene, die sich Philipp Hainhoser auf dem Leip- ziger Kirchhof notierte:„Hier liegt begraben Hans Waitzenbroth.— Sei mir gnädig, o Herre Gott:— DaS ewige Leben wölet mir geben— Gleich wie ichs auch wollt geben dir,— Wann du werest HanS Waitzenbroth,— Uud ich unser lieber Herre Gott."— Oder jenes:„Hier liegt Haus Bodenstein im grünen Gras,— Der gern westfälischen Schinken aß,— Und trank gern guten Rheinischen Wein:— Gott ivoll seiner Seelen gnädig sein."— Wie sich so ein- fältig derber Sinn auf den Grabdenkmälern äußert, so waren sie auch vielfach der Platz, auf dem man noch zuletzt seine geistvollsten Einfälle verschwendete. Alle Epigrammatiker haben sich in witzigen Inschriften versucht, die bald satirisch, bald ironisch noch übers Grab hinaus der Menschen eitles Wesen verkünden. Besonders in Frankreich haben nicht wenige berühmte Leute sich selbst oder anderen solche Grabschriften gesetzt. So verfaßte Voltaire folgendes Epigramm für sein Grab: „Voltaire beendete sein Leben,— sein Leben ivar deS Neides wert; — ihm haben stets, in Lieb' ergeben,— Emiliens und CidevilleS Herz gehört." M. de Cideville war des großen Schriftstellers bester Freund und unter Emilie haben wir wohl Mme. du Chatelet zu verstehen. Eine bitterböse Grabschrist verfertigte Präsident du Lorens auf das Grab seiner Gattin:„Hier liegt mein Weib z ach wie so gut— das ihrem Leib und»reinem tut." Diderot hat ebenfo eine sehr»rokante Inschrift für das Grab des Grafen Caylus ver- fertigt. Caylus, der ein fanatischer Sammler von Altertümern war und in der Geschichte der Archäologie eine bedeutende Stellung cinniunut. war in seinen klassizistischen Kunst- anschauungcn der größte Antipode des genialen Kritikers. Als er daher starb und augeordnet hatte, daß sein Körper in einen alten porphyrenen Sarkophag beerdigt werde, schrieb Diderot folgendes Epigramm:„Hier liegt ein alter Antiquar i darum ist es nicht schade— daß man ihn hat nun einlogiert in eine alte Lade." Der Dichter Xavier de Maistre schrieb sich folgenden Grabspruch:„Hier unter diesem Stein liegt Xavier, des Staunen nie versiegt;— er fragte, woher der Wind denn weht— und warum der Regen nieder- geht." Melancholisch ist die Grabschrist, die sich der erste Gatte der Maintenon, Scarron. setzte, den sein verkrüppelter Körper sein Leben lang ans Krankenlager fesselte, und der doch so lusttge und komische Werke geschaffen hat:„Er spürte schwer des Lebens Rot,— Der jetzt hier seine Ruhe hält.— Tausendmal litt er schon den Tod,— bevor er schied aus dieser Welt.— Wanderer, sei leife, wandere sacht und wecke nicht den armen Mann,— Denn es ist ja die erste Nacht,— Die Scarron endlich schlafen kann."— t. Die magnetische Erforschung des Stillen OzcanS ist auf Ver- anlassung des Carnegie-Jnstituts in Washington in Angriff genom» men worden. Das Fehlen von erdmagnetischen Beobachtungen innerhalb dieses ungeheuren Teiles der Erdoberfläche wurde von der Wissenschaft schon längere Zeit als ein empfindlicher Mangel betrachtet, der selbstverständlich auch für die Praxis, nämlich für die Schiffahrt, erhebliche Folgen gehabt hat. Zum Zwecke der Expeditton, die zunächst de» nördlichen Teil des Stillen Ozeans bereisen sollte, wurde ein hölzernes Segelschiff von 600 Tonnen, die Brigg„Galilee" aus Sau Francisco, geschartert, umgebaut und bis zum August fertiggestellt. Zunächst lourden magnetische Beobachtungen an verschiedenen Stellen der Küste um die San Francisco-Bai unternommen, um die Brauchbarkeit des Fahrzeugs und die etwa notwendigen Vorsichtsmaßregeln für die Genauigkeit der Messungen festzustellen. Dann verließ das Schiff noch Anfang August San Francisco und traf am 12. August in San Diego ein. Auch diese kurze Kreuzfahrt diente noch hauptfächlich den Versuchen mit den verschiedenen Instrumenten und Methoden. Pro- fessor Bauer, der bedeutendste Erdmagnetiker der Vereinigten Sküaten, der darüber an die Wochenschrift„Science" be- richtet hat, leitete diese Probefahrt selbst. Am 1. September brach die„Galilee" nach den Hawai- und Midway-Jnseln auf und wird am I.Dezember in San Francisco zurückerwartet. Nach Kiefen beiden Reisen, die auch noch zur Probezeit gerechnet werden, wird das Schiff dann im nächsten Jahre frühzeittg zu einer längeren Kreuzfahrt in See stechen, die den ganzen Umfang des nördlichen Pazifischen Ozeans umfassen soll. Der Kapitän des Schiffes hat mit diesem früher einige Rekordfahrten gemacht und gilt als tteff- licher Kenner der betreffenden Meeresteile. Der wissenschaftliche Stab besteht aus vier geschulten magnetischen Beobachtern.— Humoristisches. — Zur Vereinsmeierei.„Was sind denn das für be- häbige Herren, die an dem langen Tisch sitzen?" „Das ist der V o r st a n d des Vereins für naturgemäße Lebens- weise." „Und der schmale, blasse Jüngling, der allein mitten im Saale sitzt?" „Das ist das Mitgliedl"— — Höchster Grad.„Ist das neue Stück sehr realistisch?" „O ja I Im dritten Akt stirbt der Held, und da werden sogar Todesanzeigen unter die Zuschauer verteilt I"— — Im Aerger.„Gestatten Sie. Herr Prinzipal, daß ich an meinem Hochzeitstage vom Dienste wegbleibe?" „Ja, müssen Sie denn überall dabei sein?"— („Fliegende Blätter"). Notizen. — Ein neues Stück von Hermann Sudermann,„DaS Blumenboot", Schauspiel in vier Akten und einem Zwischen- spiel, ist soeben im Verlage I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. erschienen,— — Das Metropol-Theater soll ausgezeichnete Geschäfte machen. Nach dem„Konfekt." verdient der Direktor 130(XX) bis UOOW M. jährlich.— —„Die Nazarener", eine dreiaktige Oper von Viktor H a n s m a n n, ist vom Braunschweiger Hofthcater erworben worden.— — Franz Stuck ist vom Direktor der Uffizien in Florenz aufgefordert worden, für die berühmte Sammlung von Künstler- bildnissen sein Porträt zu liefern.— — Herrn io nc von Preuschen geht nach Indien. Die „Schinken" im nächsten Jahre!— — Eine gesegnete Kreuzottergegend ist der Stolper Landkreis. In diesem Jahre wurden 1146 M. an Fanggeld für 4584 Kreuzottern gezahlt.— — Seit September 1902 hat die Biologische Anstalt auf Hclgo- land eine große Anzahl von Seefischen, vorwiegend von Plattfischen, mit Marken versehen und in der Nordsee und in der Oftsee ausgesetzt. Die Marken bestehen zum Teil aus Aluminiumringen, zum Teil aus Hartgummiknöpfcn. In Zukunft werden auch andere Fische, besonders Kabeljau, gezeichnet und aus- gesetzt werden. Als Prämien für einen wiedergefangenen gezeichneten Fisch werden zwei Mark bezahlt, falls der Fisch mit Angabe des Fangplatzes und Fangtages abgeliefert wird. Wird nur die Marke ohne den Fisch mit diesen Angaben abgeliefert, so wird eine Prämie von einer Mark bezahlt. Bei größeren, wertvolleren Fischen wird auch der Marktkreis vergütet.— Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber» Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LrCo., Berlin L1V.