Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 219. Donnerstage den 9. November. 1905 (Nachdruck verboten.) 371 Das Duell. Roman von 21. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von 2l d o l f Heß. -„Reden Sie, reden Sie weiter," bat Romaschow flehend. „Ja, es kommt eine Zeit, sie steht schon vor der Tür, die Zeit der großen Enttäuschungen und der schrecklichen Um- Wertung aller Werte. Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen ein- mal gesagt, daß von Ewigkeit her ein unerbittlicher und er- barmungsloser Genius der Menschheit existiert; seine Gesetze sind genau und unweigerlich. Und je weiser die Menschheit wird, um so weiter imd tiefer dringt sie in dieselben ein. Und so bin ich also überzeugt, daß nach jenen unabänderlichen Ge- setzen alles in der Welt früher oder später ins Gleichgewicht kommt. Hat eine Sklaverei lange gedauert, so wird ihre Be- seitigung stets schrecklich ausfallen. Je fürchterlicher eine Gewalt war, um so blutiger wird das Gericht über sie. Und ich bin tief im Innern fest überzeugt, daß eine Zeit anbrechen wird, wo man uns Patente Schönlinge, uns unwiderstehliche Frauenjäger, uns prächtige Elegants, wo man uns Stabs- und Oberoffiziere in Gassen,.in dunklen Korridoren, in Ab- orten ohrfeigen wird, wo die Frauen sich unserer schämen wer- den und unsere ergebenen Soldaten endlich aufhören werden, uns zu gehorchen. Und das wird nicht deswegen geschehen, weil wir Leute, die der Möglichkeit beraubt waren, sich zu ver- teidigen, bis aufs Blut geschlagen haben; und auch nicht des- wegen, weil wir zur Ehre der Uniform straflos Frauen be- leidigt haben, und auch nicht deswegen, weil wir in der Trunken- heit in Kneipen jeden uns in die Quere kommenden Zivilisten in Gruß und Muß geschlagen haben, und auch nicht, weil wir in allen Ländern und auf allen Schlachtfeldern die russischen Waffen mit Schmach bedeckt, unsere Soldaten uns aber mit Bajonetten aus dem Mais herausgejagt haben,— natürlich kommt alles das auch mit in Frage, aber wir haben eine schrecklichere und jetzt schon nicht mehr gut zu machende Schuld auf uns geladen. Das ist, daß wir blind und taub gegen alles sind. Schon längst ist weit von unseren jetzigen stinkenden Lagern ein reiches, neues, lichtes Leben angebrochen. Neue. kühne, stolze Männer sind auf den Plan getreten, feurige, freie Gedanken lodern in den Köpfen. Wie im letzten?lkt eines Dramas stürzen alte Türme und unterirdische Gänge zu- sammen und hinter ihnen sieht man schon blendendes Licht. Wir aber blinzeln, aufgebläht wie Truthähne, nur mit den Augen und plappern anmaßend:„Was? wo? stillgeschwiegen! Aufruhr. Ich lasse feuern!" und diese truthahnmäßige Ver- achwng der Freiheit des menschlichen Geistes wird uns in alle Ewigkeit nicht verziehen." Der Kahn fuhr in eine tiefe, lauschige Wasserlichtung. Ringsum umgab sie wie mit einer runden, grünen Wand hohes, unbewegliches Schilfrohr. Der Kahn war wie ab- geschnitten, wie verdeckt vor der übrigen Welt. Ueber ihm flatterten schreiende Möwen, bisweilen so nahe, daß sie Romaschow fast mit den Flügeln berührten und er infolge ihres schnellen Fluges einen Luftschauer an sich verspürte. Es mußten hier im Rohrdickicht irgendwo ihre Nester sein. Nasanski legte sich im Hinterteil des.Kahnes nieder und blickte lange auf den Himmel, wo unbewegliche, goldene Wolken sich schon rosig färbten. Romaschow sagte schüchtern:„Sind Sie nicht müde? Sprechen Sie weiter." lind Nasanski setzte seine Gedanken gleichsam laut fort und sprach: „Ja, es kommt eine neue, wunderbare, herrliche� Zeit. Ich habe viel draußen gelebt, habe viel gelesen, viel erfahren und gesehen. Bis jetzt haben alte Dohlen und Krähen uns stets eingetrichtert:„Liebe Deinen Nächsten wie Dich� selbst und wisse, daß Sanftmut, Gehorsam und Llngst die Haupt- zierden des Menschen sind." Doch das habe ich niemals ver- standen. Wer zeigt mir denn, was ich mit diesen— �„Nächsten", mit Sklaven, Hottentotten, Pestkranken und Idioten zu tun habe? O, von allen Legenden hasse ich am meisten— von ganzem Herzen, mit aller mir innewohnenden Fähigkeit— die Legende von Julian, dem?llmosengeber. Ein Aussätziger spricht:„Ich zittere, leg Dich zu mir ins Bett; mir ist kalt, leg Dich auf mich und wärme mich mit Deinem Körper. Ich friere, nähere Deine Lippen meinem stinkenden Munde und hauche mir Deinen 2ltein ein." O, wie ich das hasse! Ich hasse die Aussätzigen und liebe diese„Nächsten" nicht. O, ich kenne diesen Hühnertraum von einem Weltgeist, von einer heiligen Pflicht. 2lber selbst wenn ich mit dem Verstände daran glauben würde, ich würde nichts im Herzen fühlen. Folgen Sie mir, Romaschow?" Romaschow blickte Nasanski mit schamhafter Dankbarkeit an. „Ich verstehe Sie vollständig." sagte er,„wenn ich nicht mehr bin, geht auch die ganze Welt zugrunde. Das sagen Sie doch?" „Eben das. Und nun sage ich, die Liebe zur Menschheit ist im Menschenherzen ausgebrannt und verraucht. An ihre Stelle tritt ein neuer, göttlicher Glaube, der unsterblich bis ans Weltende währen wird. Das ist die Liebe zu sich, zu seinem schönen Körper, zu seinem allmächtigeil Verstände, zum unendlichen Reichtum seiner Gefühle. Nein, überlegen Sie, überlegen Sie, Romaschow: wer ist Ihnen teuerer und näher als Sie sich selbst?— Niemand. Sie sind der Herr der Welt, ihr Stolz und ihre Zierde. Sie sind der Gott alles Lebendigen. Sllles, was Sie sehen, hören, fühlen, gehört nur Ihnen. Tun Sie, was Sie wollen, nehmen Sie alles, was Ihnen gefällt. Fürchten Sie niemand in der ganzen Welt, weil niemand über Ihnen ist und niemand Ihnen gleicht. Es kommt eine Zeit, wo der große Glaube an sein Ich wie Feuerzungen des heiligen Geistes die Häupter aller segnet, dann wird es keine Sklaven noch Herren, weder Krüppel noch Mitleid, noch Laster, noch Bosheit, noch Neid mehr geben. Dann werden die Menschen Götter. Und bedenken Sie, wie werde ich dann wagen, einen Menschen, in dem ich meines- gleichen, in dem ich einen lichten Gott erblicke, zu kränken, zu schlagen, zu betrügen? Dann wird das Leben schön. 2luf der ganzen Erde erheben sich leichte, lichte Gebäude; nichts Niedriges, Gemeines beleidi'gt ihren Blick, das Leben wird zu einer süßen Mühe, freien Wisienschaft, göttlichen Musik, zu einem heiteren, leichten, ewigen Feiertag. Die aus dunkelen Jrrgängen selbstherrlichen Besitzes befreite Liebe wird zur lichten Weltreligion und bildet nicht mehr eine geheime, schimpfliche, sündhafte Vereinigung im dunkelen Winkel, kein scheues Sichumsehen voll Abscheu. Und unsere Körper selbst werden strahlend, stark und schön in hellen, prächtigen Ge- wändern. Ebenso wie ich an den 2lbendhimmel über mir glaube," rief Nasanski und erhob feierlich die Hände,„ebenso fest glaube ich an dieses kommende gottähnliche Leben!" Nasanski schwieg. Angenscheinlich hatte ihn die un- gewöhnliche nervöse Aufregung ermüdet. Nach einigen Mi- nuten fuhr er träge mit sinkender Stimme fort: „2llso so ist es, mein werter Georgii 2llexejitsch. An uns vorüber fließt das ungeheuere, vielgestaltige, brausende Leben, vor uns werden göttliche, feurige Gedanken geboren und alte vergoldete Götzenbilder gestürzt. Wir aber stehen in unserem Lager, stemmen die Fäuste in die Seite und brüllen: „Ach, Ihr Idioten! Zivilisten! Hauen muß man Euch!" Und das verzeiht das Leben uns niemals.." Er stand auf, krümmte sich unter seinem Mantel und sagte müde: „Ist kalt... gehen wir nach Hause...'h Romaschow ruderte aus dem Schilf heraus. Die Sonne ging hinter den fernen Stadtdächern zur Rüste, und diese hoben sich schwarz und deutlich in dem roten Dämmerschein ab. Mit hellen Flecken spiegelten sich und spielten Lichter in den Fensterscheiben. Das Wasser war auf der Seite des Sonnenunterganges rosig, glatt und heiter. Hinter dem Kahn aber verdichtete es sich schon, wurde bläulich und kräuselte sich. Romaschow legte am Ufer an und half Nasanski aus dem Kahn. Es dämmerte schon, als sie bei Nasanskis Woh- nung ankamen. Romaschow legte den Kameraden ins Bett und deckte ihn selbst mit der Bettdecke und dem Mantel zu. Nasanski zitterte so heftig, daß seine Zähne klapperten. Er krümmte sich, vergrub den Kopf in Kissen und sagte mit kläglicher, hülfloser Kinderstimme: „O, wie fürchte ich mein Zimmer... welche Träume, welch schreckliche Träume!" „Wollen Sie, daß ich bei Jhnm übernachte?" schlug Romaschow ihm vor. „Nein, nein, das ist nicht nötig. Lassen Sie mir, bitte, Brom bringen... und... etwas Wodka. Ich habe kein Geld..." Romaschow blieb bis elf Uhr bei ihm sitzen. Allmählich hörte Nasauski auf zu zittern. Er öffnete plötzlich die großen, glänzenden, fieberhaften Augen und sagte entschlossen und kurz: »Jetzt gehen Sie. Leben Sie wohl." „Leben Sie wohl," wiederholte Romaschow traurig. Er wollte sagen:„Leben Sie wohl, Lehrer," aber er schämte sich der Phrase und fügte nur mit gezwungenem Scherz hinzu: „Warum— leben Sie wohl? Warum nicht, auf glücke liches Wiedersehen?" Nasauski. schlug unerwartet ein durchdringendes, un- sinniges Lachen auf. „Warum nicht auf glückliches Verrecken?!" schrie er mit wilder wahnsinniger Stimme. Und Romaschow fühlte Schrecken in zitternden Wellen seinen Körper durchlaufen. 22. Als Romaschow sich seinem Hause näherte, sah er mit Erstaunen, daß in seinem kleinen Kamnierfenster durch die dunkele Finsternis der Sommernacht kaum merklich Licht schimrnerte.„Was heißt das," dachte er voll Unruhe und beschleunigte unwillkürlich seine Schritte.„Vielleicht sind meine Sekundanten mit den Duellbedinguugen zurückgekehrt?" Im Flur stieß er mit Hainäu zusammen, bemerkte ihn aber nicht, erschrak, fuhr zusanunen und rief böse: „Zum Teufel, bist Du das, Hainän? Wer ist da?" Trotz der Dunkelheit fühlte er, wie Hainün seiner Ge° wohnheit nach auf einem Fleck tanzte. „Da ist Dir ein Fräulein gekommen. Sitzt drinnen." Romaschow öffnete die Tür. In der Lampe war schon alles Petroleum ausgebrannt, und jetzt war sie knisternd, mit dunstigem Aufflackern dicht vor dem Erlöschen. Auf dem Bette saß unbeweglich eine weibliche Gestalt, die sich von dem schweren, zitternden Halbdunkel Undeutlich abhob. „Schurotschkal" sagte Romaschow scbwer atmend und trat aus irgendwelchem Grunde auf den Zehenspitzen vorsichtig ans Bett.„Schurotschka, sind Sie das?" „Still, setzen Sie sich," erwiderte sie mit schnellem Gc- flüster.„Löschen Sie die Lampe aus." Er blies von oben in den Zylinder. Das furchtsame, blaue Fämmchen starb, und mit einemmal wurde es duukel und still im Zimmer, und alsbald tickte auf dem Tische ein bis dahin nicht bemerkter Wecker hastig und laut. Romasckow setzte sich krumm und ohne sie anzublicken neben Alexandra Petrowna. Ein sonderbares Gefühl von Furcht. Erregung und einer Art Erstarrung hatte sich seiner bemächtigt und hinderte ihn mn Sprechen. „Wer ist hier nebenan hinter der Wand?" fragte Schu- rotschka.„Kann uns dort jemand hören?" „Nein, da ist ein leeres Zimmer... alte Möbel... der Hanswirt— ist Tischler. Wir können laut sprechen." Aber trotzdem unterhielten die beiden sich weiter im Flüsterton."Und in diesen leisen, abgerissenen Worten in- mitten der schweren, dichten Finsternis lag etwas Furchtsames, Befangenes und heimlich Verstohlenes. Sie saßen da und berührten sich-fast. Romaschow summte das Blut mit dumpfen Stößen in den Ohren. „Warum, warmn haben Sie das getan?" sagte sie Plötz- lich leise, aber leidenschaftlich vorwurfsvoll. Sie legte ihm ihre Hand aufs Knie. Romaschow fühlte durch die Kleidung- ihre lebendige, erregende Wärme, holte tief Atem und schloß die Augen. Und davon wurde es nicht dunkeler, sondern es traten rätselhafte schwarze, von blauem Licht umflossene Ovale, die märchenhaften Seen glichen, vor seine Augen. _„Wissen Sie noch, ich habe Sie gebeten, sich vor ihm zu mäßigen. Nein, nein, ich tadele Sie nicht. Sie haben nicht vorsätzlich Streit gesucht— das weiß ich. Aber konnten Sie wirklich nicht in dem Augenblick, als das wilde Tier in Ihnen erwachte, wenn auch nur eine Minute an mich denken und sich bezwingen? Sie haben mich niemals geliebt!" (Schluß folgt.) (Rachdruck verboten.) Panama. Panama, das ist der Panamakanal! Was auch die Wclt von jener Landenge hören mag, immer wird es in Verbindung mit dem Kanal oder vielmehr mit dem Kanalprojekt gebracht. Es sind jetzt 25 Jahre her, daß dies Projekt in einer bestimmten Form borliegt. Freilich, ein Jubiläum hat man nicht gefeiert, um die alten Gespenster nicht heraufzubeschwören, die durch den großen Panamakrach im Jahre 1888 nicht nur Frankreich erschreckten. Und dock? war der Jubel groß im Jahre 1880, als Ferdinand von Lesseps, der berühmte Erbauer des Suezkanals, von seiner Reise nach Panama zurückkehrte und der aufhorchenden Welt den günstigen Bericht erstattete, daß ein Niveaukanal für 843 Millionen Franken gebaut werden könnte. Das war eine Täuschung, aber die Welt will ja bekanntlich betrogen sein, und eine große Aktiengesellschaft machte sich daran, das Geschäft zu besorgen. Es sind in den verflossenen 25 Jahren praktisch keine sonder» lichcn Fortschritte mit dem Kanalban gcriracht worden. Als. die Panamagesellschaft 1881 mit den Arbeiten begann, da galt die Vollendung des Kanals nur als eine Frage.kurzer Zeit, gerade so wie heute. Ob man besser einen Niveau- oder einen Schleusenkanal bauen solle, darüber stritt man sich damals heftig, und auch heute ist die Frage nicht ganz erledigt. Vor 25 Jahren tauchte mit dem Panamakanalprojekt zugleich ein anderes, der Bau des Nicaragua- kanals. aus Es aar auch im Jahre 1880, als die erste muerikanische Gesellschafr zu diesem Zweck gegründet wurde. Noch oft wurde der Plan erwogen, und bis in die neueste Zell haben die Amerikaner noch geschwankt, ob sie den: Panama- oder dem Nicaraguakanal den Vorzug geben sollten. So unsicher aber das Unternehmen vor 25 Jahren dastand, ge- leitet von einer profitlüsternen Privatgesellschaft, so darf man heute doch mit Zuversicht auf die Ausführung des langgehegten Planes rechnen, denn die muerikanische Nation hat die Garantie dafür über- nommen und ist mit Energie ans Werk gegangen. Panama, das ist der Panamakanal und ivird es noch lange bleiben. Man sieht nur das Panama der Zukunft, seine glänzende Vergangenheit hat mau längst vergessen. Es kann viel Interessantes aus der Vergangenheit erzählen. Dort stand die erste Stadt der Europäer auf dem amerikanischen Festlande, das alte Panama, welches sechs englische Meilen von dem neuen entfernt angelegt war. Das alte. Z5l0 gegründet, entwickelte sich zu einer reichen und be- deutenden Stadr und leinte die Aufmerksamkeit der beutegierigen Flibnsticr ans sich, denen es im Jahre 1070 zum Opfer fiel. Die Flibustier Iva reu eine mächtige Seeräubergesellschaft, die im 17. und 18. Jahrhundert so recht nach dem Herzen aller Aben- tencrlnstigen die kühnsten Streiche ausführte und es besonders auf die Spanier abgesehen hatte. Tic Flibustier waren international zusammengesetzt. Briten, Holländer, Skandinavier und Franzosen bildeten die Mehrheit. Von England und Frankreich bcgünitigt, gingen sie mit großer Verwegenheit gegen die Spanier vor, griffen sogar Städte und Ansiedelungen an und machten gern Jagd auf die spanischen Schiffe, locjche mit Schätzen beladen von Ainerika nacb der Heimat segelten. Die Anführer der Flibustier mußten natürlich Kerle sein, die Eisen fressen konnten. Unter ihnen ragt der Eng- ländcr Henrh Morgan hervor als eine wahre Jdealgestalt für Lieb- Haber von recht wilden Seeräubergeschichten. Dieser Morgan hatte beschlosten, Panama zu erobern, eine Stadt mit etwa 20 000 Ein- wohnern, darunter 0000 Soldaten. Die Schätze der reichen Stadt übten auf die Seeräuber einen nnwiderstehlichen Reiz ans, und Morgan zog gegen Panama mit 2000 seiner Gesellen im Sommer des Jahres 1070. Die spanischen Forts wurden umgangen, die Flibustier bahnten sia> unter den größten Schwierigreiten einen Weg durch den Urwald, und nach einem Marsch von zwei Wochen standen sie vor Panama. Tie Spanier waren schlecht vorbereitet. Angst und Verw'rcung herrschten in der Stadt trotz der dreifach überlegenen Mlitärinacht. Am wenigsten Vertrauen auf irgend welche Hülfe gegen die gefürcksteten Flibustier hatten die Dränner der Kirche. Der Erzbischof von Panama hatte, sobald ihm die Absicht der Flibustier klar lourde, ein Schift gemietet und mit den Schätzen der Kirche be- laden lasten, noch che der Feind vor der Stadt erschien. Als die Seeräuber zum allgemeinen Angriff übergingen und die Stadt er- stürmten, machte sich der Erzbischof auf und davon und entkam auch glücklich. Henry Mvrgan versuchte, das Schiff, welches mit Reich- tümcrn im Werte von zehn Millionen Mark entschlüpfte, abzufangen, aber es gelang ihm nicht. Grauenhaft hausten die Sieger in der Stadt. Gierig wurde jedes Haus nach Schätzen durchsucht, und nicht selten wurden die Bewohner gemartert, bis sie angaben, wo ihre Reichtümer versteckt waren. Mord, Plünderung und Brmid herrschten, bis Panama vollständig zerstört war. Manchem reichen Spanier gelang es, sich mit seinem Eigentum auf eine der kleinen Inseln in der Bai zu flüchten, aber auch diese Verstecke wurden durch- sucht und die Flüchtliiige zunickgeholt. Bei der Verteilung der Beute entbrannte ein heftiger Streit unter den Räubern, Morgan hielt es für geraten, mit seinem Admiralsschiff und dem Hauptteil der Beute abzusegeln. Die Bemannung bestand nur aus Engländern, war ihrem Führer treu ergeben und mit der Bussicht auf größere Anteile an der Beute sehr zufrieden. Es gelang Morgan, aus dem Bereich seiner eigenen Flotte zu kommen, und er segelte direkt nach England. Von da an gab er seine Secränberlaufbahn auf und trat später in die Dienste der cnglischcn Regierung gegen die Seeräuber. Das alte Panama wurde von seinen Bewohnern, die nach der Zerstörung nur noch eine große Brandstätte vor sich sahen, vollständig verlassen und sechs englische Meilen entfernt, in mehr gesicherter Lage, ein neues Panama erbaut, aber es gewann den alten Glanz und Reichtum nicht wieder. Seit dem Jahre 1803 ist Panama die erste Stadt der Republik gleichen Namens durch das Kanalprojekt geworden. Onkel Sam arrangierte die Sache, als Kolumbien sich herausnehmen wollte, wegen des Kanals SckKoierigkeiten zu machen. Als Verbindungspunkt für den Verkehr über die Landenge hat Panama seine besondere Wichtigkeit gewonnen, seit 1856, dem Jahre des ersten Eisenbahnverkehrs zwischen Panania und Colon. Di« Bahn muß für die 76 Kilometer lange Strecke den Kanal ersetzen, um von Panama am Pacific Ozean Passagiere und Fracht nach Colon am Atlantic Ozean zu befördern. Daß vor mehr als 156 Jahren nicht weit von jener Stelle, wo der Panamakanalbau der modernen Jngenieurkunst die größten Auf- gaben stellt, eine Wasierstraße vorhanden gewesen und benutzt worden ist, wird mancher vielleicht nicht glauben wollen. Freilich die großen Handelsschiffe unserer Zeit hätten diesen Kanal, der im Jahre 1745 gebaut wurde, nicht beinchen können. Es waren mir kleine Handelskähne, die beladen mit Kakao von der Küste des einen Weltmeeres nach der Küste des anderen fuhren. Für die Indianer mit ihren Canoes war der Kanal eine wichtig« Fahrstraße, um leicht und schnell zu den Handelsplätzen zu gelangen, wo ihre Ware begehrt wurde. Diesen Vorteil hatten sie einem spanischen Mönch zu verdanken, unter dessen Leitung zwei Flüsse, der Atrato und der San Juan in Kolumbien, durch einen Kanal von nur fünf englischen Meilen Länge verbunden wurden. � In der Provinz Choco von Kolumbien lebte der Mönch als Missionar in dem Jndianerdorf Novita. Dort fließt der Atrato, ein kleines Flüßchen, genährt und erhalten durch die Regenfälle. Er fließt nach Norden und schwillt später zu einem mächtigen, schiff- baren Strom an. der sich in den Atlantic Ozean ergießt. Aus dem- selben Ouellengebiet fließt ein anderer Strom, der San Juan, süd- lich und mündet in den Pacific Ozean. Ter Mönch erkannte die günstige Lage. Durch eine Verbindung dieser beiden Flüsse mußten sich die beiden Weltmeere verbinden lassen. Der Mönch fand die beste Gelegenheit dazu entlang einer Schlucht, De la Raspadura genannt, wo emc Durchstcchuug des Erdreichs, fünf englische Meilen lang, diesem Zweck genügte. Die Indianer gingen ans Werk, und der Plan gelang, wenn auch der Kanal nicht immer schiffbar war, sondern nur nach starken Regenfällen. ?lls die spanische Regierung davon hörte, ließ sie den Kanal schließen, anstatt ihn auszubauen � es wurde sogar bei strenger Strafe verboten, ihn wieder zu eröffnen. In einem Buche über das spanische Amerika, das 1818 in London erschien, erzählt der Ver- fasser, ein Hauptmann Bonnpcastlc vom englischen Jngcnieurkorps, von dem Raspadurakanal und erklärt die Gründe, die wahrschein- lichcrweisc Spanien veranlaßt haben, den Kanal zu schließen und die Lage desselben als ein Geheimnis zu behandeln. Die Provinz Choco war- sehr reich an Gold und man fürchtete fremde'Vndring- linge. Es gab keine Verkehrswege, das ganze Land war ein großer Wald und man wollte es der Kultur nicht erschließen, damit nicht Unberufene kommen und sich Schätze holen konnten. In einem Buch, gedruckt 1826 in New Bork, wird die Geschichte des Naspadurakanals erzählt. Das Buch trägt den Titel:„A View of Soulh America and Mexico" und als Verfasser ist genannt: .Ein Bürger der Vereinigten Staaten". Dieser bezeichnet als seinen Gewährsmann einen New gorker Bürger, der zwölf Jahre in Kolumbien gelebt hatte und die Route vom Atlantic- nach dem Pacific-Ozcan genau kannte. Mit Zeichnungen, die er darüber auf- genommen, wandte sich der New Dorkcr im Jahre 1821 an den Kon- greß von Kolumbien, bat um die Erlaubnis, den Raspadurakanal auf eigene Kosten wiederherstellen zu dürfen und wünschte dafür das Privilegium des Nutzungsrechtes auf hundert Jahre. Der Kongreß war schon bereit, das Gesuch zu bewilligen, als Bolivar, der berühmt« Befreier Südamerikas von der spanischen Herrschaft, dagegen Protest erhob. Bolivar fürchtete, daß die Spanier durch den Kanal Vorteile gewinnen könnten. Der Antragsteller wurde gebeten, sein Gesuch später wieder einzureichen und seine Forderung auf ein Privilegium zu ermäßigen. Zu gleicher Zeit hatte sich in New Jork eine Gesellschaft von Kaufleuten organisiert, um das Kanalprojekt aufzunehmen. Sach- verständige wurden nach Choco gesandt und berichteten in sehr günstiger Weise über die Möglichkeit der Anlage eines Kanals. Trotzdem wurde nichts aus dem Unternehmen, und der Raspadura- kanal geriet in Vergessenheit. Das Vorhandensein dieses Kanals war auch Alexander von Humboldt, dem berühmten deutschen Gelehrten und Naturforscher,. wohlbekannt. Humboldt bereiste von 1796— 1804 Südamerika, Mexiko und Kuba und erwähnt in einer Abhandlung über das Königreich Neu-Spanien den Kanal. Er sagt, daß seit dem Jahre 1788, unbekannt in Europa, ein Kanal in der kleinen Schlucht De la Raspadura den Quito, einen Nebenfluß des Atrato, mit dem lSin Juan verbinde, und dadurch für die Indianer mit ihren Booten voll Kakao eine Wasserstraße von einem Ozean nach dem anderen hergestellt sei. Humboldt fertigte von dem Kanalgcbict sogar eine genaue Karte an. Ter Raspadurakanal war der bescheidene Vorläufer des grcßen Panamakanals, der in zehn Jahren fertiggestellt sein soll.— _ Arthur iöaar, Kleines feuilleton. de. Loyal— fair. Bitte, die Pantinen auszuziehen, werter Parteigenosse, oder, wenn Sie keine anhaben, legen Sie Ihren Arbeitskittel ab, denn wir wollen unter die feinen, gebildeten Leute gehen, wir wollen uns den Fürsten Bülow in angemessener Ent- fernung ansehen und hören, was er sagt. Denn Sie können nicht nur feinen Schliff von ihm lernen, sondern bei einiger Aufmerksam» keit auch Ihre mangelhafte Bildung bei ihm erweitern. Hören Sie! Er ist gerade mit der höchst unangenehmen französisch-englischen Angelegenheit beschäftigt und macht bei Er- örterung des marokkanischen Besuches die Bemerkung, daß in diesem oder jenem Punkte nicht au der Loyalität ssprich: Loajalität) der deutschen Regierung zu zweifeln gewesen sei. Was wir von dieser Aeußcrung zu halten haben, wird sich zeigen, wenn wir erst genau wissen, was loyal heißt, abgesehen davon, daß wir besser tun, wenn wir einem Diplomaten überhaupt nichts glauben, weder wenn er von der eigenen, noch wenn er von einer fremden Regierung im lobenden oder tadelnden Sinne spricht. Also die deutsche Regierung soll loyal ssprich: loajall gewesen sein. Ihre Mutter hat sicherlich Ihnen gegenüber nie ein so merk- würdiges fremdländisches Wort gebraucht, die mcinige auch nicht. Es dürfte kaum in einem deutschen Wörlerbuche zu finden sein, und wir müssen schon ein französisches daraufhin absuchen. Hier finden wir, daß es in der Rechissprache gesetzlich und außerdem noch bieder und ehrlich bedeute, und das ist richtig, nur wollen wir die Reihe der Bedeutungen noch etwas erweitern und etwas genauer sein. Zu Grunde liegt dem Worte das lateinische letalis, das zum Haupt- ivort lex, französisch loi gehörige Eigenschaftswort, daö nach manchen Wandlungen, z. B. leial. loial, die Form loyal angenommen hat. Seine Bedeutung ist:„genau dem Gesetze entsprechend", und dann weiter im Verlaufe des mittelalterlichen Feudalwesens nimmt es die Bedeutung:„genau den Abniachungen entsprechend" an. Hieraus ergibt sich der Sinn:„aufrichtig, lauter, von lauterer Gesinnung, von reinen Absichten geleitet," von selbst. Wenn Sie nun wissen, daß die Welt nur von dem Haschen nach Vorteilen gelenkt wird, wird es Ihnen nicht schwer werden, darüber zu lächeln, wenn Fürst Bülow von den lauteren und reinen Ab- sichten irgend einer Regierung spricht. Verlassen wir jetzt die dünne und reine Luft der hohen Staats- beamten und begeben wir uns in eine etwas gewöhnlichere, aber doch noch staubfreie Schicht, und hören, was der Leutnant Schneidig dem Korpsstudenten Durchzieher antwortet, als dieser ihn nach seiner Meinung über das Betragen des Assessors Wortklauber fragt:„Ich finde eS durchaus nicht fair-(sprich: fär) von ihm," erwidert er. ES ist jetzt das neueste auf dem Gebiet der Sprachbereicherung: kair ist englisch und bedeutet: schön, hübsch. Man sieht, daß beide Wörter entbehrlich sind, denn wir haben dafür viel schönere und verständlichere.— k. Das Tal der Rosen m Bulgarien. In dem Tale der Tundza, zwischen dem Balkan und der Sredna Gora, gegen Kazanlik, Maglish und Hainkoj, erstrecken sich kilometcrlang Felder, die nur dem Anbau der Rosen gewidmet sind. Auf dieses„Tal der Rosen" ist der Bulgare nicht wenig stolz. In Persien, bei Jspahan, wird zwar auch die Rosenkultur im großen betrieben, aber für Europa hat Bulgarien das Monopol, und die Versuche, Rosen in derselben Art in anderen Gegenden anzubauen, haben meistens wenig Erfolg gehabt. Das fruchtbare Land, so schildert ein Mitarbeiter der Mawre" dieses reizvolle Stück Erde, hat eine sehr günstige Lage auf der Südseite der langen Ostwcstkette deS Balkans. Hier wechseln die Rosenfclder mit Weinbergen, Mais- und Tabakpflanzungen ab. Die Rosenölfabrikation wird in Bulgarien schon 180 Jahre be« trieben. Angebaut werden die rote' Rose(Rosa darnascaena) und die weiße Rose(Rosa alba). Wenn man das Land im Herbst besucht, bietet es allerdings nicht gerade einen sehr malerischen Anblick. Die Nosenstöcke sind wie die Weinstöcke abgesteckt, und die Zwischenräume zwischen zwei Stöcken werden mit der Pflugschar bearbeitet. Der Anblick dieser mageren hohen Sträucher, die nur wenige Blätter haben, hat durchaus nichts Verführerisches. Aber im Frühjahr ändert sich das Bild. Dann erscheint das ganze Land als ein großes Beet mit roten und lveißen Blüten, die einen betäubenden Duft ausströmen. In dieser Jahreszeit kann man, wie zur Zeit der römischen Cäsaren in den zahlreichen bulgarischen Badeorten ein „Noscnbad" nehmen. In das heiße Wasser des Badebassins werden 10 Kilogramm Rosen geworfen, deren Blätter sich im Wasser ver- teilen und sich dann in Guirlanden sammeln._ In der Zeit vom 15. März bis zum 15. Juni muß die Ernte stattfinden. Sollen die Blumen all ihren Dust bewahren, so muß man genau den Augen- blick der Reife wählen. Deshalb werden die Rosen mit Vorliebe vor Sonnenaufgang geschnitten oder doch in den ersten Morgen» stunden, ehe die Hitze des Tages zu groß ist. Die Arbeit wird von Frauen und jungen Mädchen ausgeführt. Sind die Rosen gepflückt, so loerden sie in sehr einfachen Apparaten destilliert. Jeder Besitzer von Roseirstöcken hat seinen Brennkolben und destilliert seine Blüten selbst und zwar geschieht das zweimal, lvobei zuerst das Roscnwasser und dann das Rosenöl gewonnen wird.... Die mit Nosenstöcke» bepflanzte Anbaufläche ist von 4844 Hektaren im Jahre 1896 auf 0966 im Jahre 1903 gestiegen. Ein Hektar Rosenstöcke kostet durch- schnittlich 1666 bis 2666 M. In einem guten Jahre kann er 3666 Kilogramm Rosen tragen und da wenigstens so viele Blüten nötig sind, um 1 Kilogramm Rosenöl zu geben, beträgt die Ernte eines Hektars in einem Jahre etwa 1 5tilogramm Rosenöl. Ein Kilogramm Rosenöl hat bei der Ausfuhr einen Wert von 646—866 M., so dag nach Abzug der Unkosten für den Bauer noch immer ein groger Nutzen bleibt. Die Ausfuhr aus Bulgarien betrug 1898: 3436, 1899: 3391, 1966: 5346 Kilogramm, von denen im letzten Jahre Frankreich am meisten eingeführt hat, nämlich 1543 Kilo-- gramm: dann kommen England mit 1574 Kilogramm, die Türkei mit 886 Kilogramm, die Vereinigten Staaten mit 849 Kilogramm, Deutschlaud mit 568 Kilogramm zc. In Frankreich wird das Rosenöl hauptsächlich in Graste gebraucht, um die verschiedenen Parfüms in ihrem Werte zu heben und zu fixieren. Man hat daher in Graste auch Nosenstöcke anzupflanzen begonnen, auch in Deutschland hat man seit zwanzig Jahren bei Leipzig und Magdeburg Anbauversnche ge» macht und lehr seines Rosenöl gewonnen: ebenso wird im Kaukasus mid in Brust'a die Rosenzucht begünstigt. Durch diese Anbauversuche ist wissenschaftlich festgestellt, daß die verschiedenen Roscnarteu durch- aus keinen ähnlichen Duft haben; die Rosa Ripartii riecht nach Maiglöckchen, die Rosa Canina nach Reseda, die Rosa lutea hat sogar den unangenehmen Geruch von Wanzen. Natürlich gibt eS auch verschiedene Arten Rosenöl, aber von gutem Rosenöl genügt eine unbedeutende Kleinigkeit, um zu parfiimieren; ein kleines gut ver- korktes Fläschchen mit Rosenöl durchduftet das ganze Zimmer, in dem es aufbewahrt wird. Selbstverständlich ist nicht alles, was unter dem Namen Rosenöl in den Handel kommt, wirklich durch die Destillation von Rosen gewonnen, besonders Geraniumöl und Rosen- Holzöl wird zur Fälschung gebraucht, weshalb auch in Bulgarien die Einsuhr dieser zur Fälschung dienenden Oele, die besonders aus der Türkei kommen, verboten ist.— — Projektierte Unternehmungen in Mesopotamien. Die Haupt- Leftrebuitgeu der europäischen Völker fiir die asiatischen Länder der alten zugrunde gegangenen orientalischeit Kultur waren auf die Einführung der Etsenbahn gerichtet. Nachdem deren Bau nunmehr sicher gestellt ist, wird den anderen Kultiirausgaben, die in den letzten Jahren vor den das ganze Interesse in Anspruch nehmenden Eisen- loahnnniernehmungen etwas in den Hintergrund getreten waren, eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt. Zunächst bleibt in Meso- potamien die große und bei weitem wichtigste Aufgabe der Bewässerung des vom Euphrat und Tigris eingeschlossenen Landes, und es ist für die Beurteilung orientalischer Verhältnisse interessant, daß in einem von dem englischen Wasserbau- ingenicur Sir William Willcox jetzt energisch betriebeneu Plaue die allen Bewässerungskanäle aus der Abbassidenzeit als Stützpunkte für die Anlag« des Kanalnetzes vorgesehen sind. Vom technischen Standpunkte aus sollen dem Plane keine wesentlichen Hindernisse entgegenstehen, obwohl das Bett des Euphrat um fünf Meter höher als das des Tigris liegt. Bei der Anlage handelt es. sich Haupt- sächlich darum, den schon vor Eintritt des Sommers außerordentlich wasserarmen Euphrat an dem Ueberfluß des durch die starken Wasserzufuhren aus dem schneeigen Hochlande gespeisten Tigris teilnehmen zu lassen, um die Ländereieu aus beiden Seiten des Euphrat ausreichend bewässern zu können. Der Plan hat das eine Bedenken, daß der Tigris in den Sommermonaten, in denen sein Wasserstand auch beträchtlich abnimmt, durch die be- obsichtigte Wasserentziehung z« seicht werden könnte, so daß der Dampferverkehr auf ihm während dieser Zeit eingestellt werden müßte. Ein zweiter viel besprochener Plan betrifft die Anlage einer Fahrstraße von Bagdad nach Damaskus, die für den Handelsverkehr zwischen Mesopotamien und Shrien von der größten Bedeutung sein würde. Gegenwärtig ist auf diesem Wege nur ein Verkehr mit Reit- und Saumtieren möglich, und man rechnet als durchschnittliche Reise- dauer drei Wochen für die 866 Kilometer lange Strecke. Auf dem projektierten Wege würde die Eilpost siinf Tage gebrauchen.— („Prometheus".) t. Das Gehör der Eisenbahnbeamtcn. Ein finnischer Arzt, Dr. Zilliacus, hat gründliche Untersuchungen über da? Gehör von Eisendahnbeamten in seinem Vaterlande angestellt und dje Er- gebnisse der finnischen Aerztegesellschast übermittelt. Die Arbeit ist umso wichtiger, als sie auch auf die Frage eingeht, inwieweit ein mangelhaftes Gehör bei den Lokomotivführern und Heizern ernste Gefahren nicht nur für die Bahnbeamtcn, sondern auch für das reisende Publikum zur Folge haben könnte. Auf normale Sehkraft und Farben- blindheit werden die Angestellten der Eisenbahnen Überall untersucht, dagegen hat man die Prüfung ihres Gehörs für weniger wesentlich gehalten. Namentlich ist übersehen worden, daß das Gehör mit der Länge der Dienstzeit und überhaupt mit dem Alter häufig abnimmt. Der Verdacht, daß die Berufstätigkeit der Eisenbahnbeamten eine nachteilige Wirkung auf die Hörkraft ausübe, ist nach den Forschungen von Dr. Zilliacus allerdings unzutreffend. Es blieb nun die noch wichtigere Frage zu untersuchen, ob das Vorkommen von Schwer- Hörigkeit in gewöhnlichem Verhältnis innerhalb des Berufs der Eisenbahnbeamten erhebliche Gefahren in sich schließt. Dr. Zilliacus ist auf Grund sorgfältiger Erhebungen zu dem Schluß gekommen, daß dies nicht der Fall ist. Er bezeichnet den Besitz eines normalen Gehörs für die Bedienung der Lokomotive als nicht notwendig. Allerdings kommt es vor, daß eine Ver- ständigung durch hörbare Signale zwischen den Beamten auf den Bahnsteigen oder auf der Strecke und den Leuten auf der Loko- motive gegeben wird. Die EntWickelung hat aber von selbst die Richtung genommen, solche Schallsignale mehr und mehr durch ficht- bare Zeichen zu ersetzen. So hat man auf den deutschen Eisen- bahnen während der letzten Jahre das Abläuten der Züge und die Signale mit der Schrillpfeife fast ganz aufgegeben, oder man unter- stützt sie wenigstens durch gleichzeitige Zeichen mit Arm und Hand. Es liegt also heute kaum noch ein Grund vor, einen Eisenbahn- beamten zu entlassen, weil er mit zunehmendem Alter oder durch andere Ursachen etwas schwerhörig geworden ist.— Archäologisches. — Der„Voss. Ztg." wird geschrieben: Das Brittsche Museum in London hat vor kurzem einen eigentümlichen Zuwachs erhalten, eine Sammlung von ägyptischen M u mi en e ti k e tts. Wie noch heute bei den Chinesen(und Japanern) es üblich ist, die Bestattung im heimischen Grund und Boden, also in China oder beziehungs- weise Japan als das allein Wünschenswerte anzusehen, weshalb von Amerika die dort gestorbenen Chinesen in mumienhaften Zustande nach China übergeführt werden, so scheinen auch die alten Aegypter ein Uebersühren der Mumien in ihr Vaterland für durchaus nötig angesehen zu haben. Es wurden deshalb jährlich viele tausend Muunen auf dem Wasserwege zum Begräbnis in die entlegendsten Orte versendet; an jeder war ein Etikett befestigt, aus Holz gefertigt, auf dem der Name des Toten, der seiner Eltern und häufig der Name des Ortes, von dem aus die Mumie abgesandt war, und dem Bestiinmungsort an- gegeben waren, ganz so' wie heute das Gepäck der Reisenden durch an- gehängte Zettel bezeichnet wird. Die erwähnten Angaben sind regelmäßig in zwei Sprachen gehalten, in Griechisch und demottschem Aegyptisch, ein Umstand, der für die Aussprache des Aegyptischen in römischer Zeit(die Zettel gehören ausnahmslos der römischen Zeit an) von nicht geringem Nutzen ist. Auch erkennt man zu gleicher Zeit aus der Gleichberechtigung der griechischen mit der ägyptischen Sprache, wie sehr damals das ägyptische Element mit dem Griechischen durchsetzt war. Die srllhesten unter diesen Etiketts stammen aus der Zeit des Kaisers Trojan, einige lassen auch erkennen, daß die Mumien von Christen herstanunen.— Hninoristisches. — Schwer geladen. Nachtwächter:„Aber Herr Staatsanwalt, was machen Sie denn da?" Staatsanwalt:„Ich— hup— halte schon seit einer Viertel st unde erfolglose Haussuchung abl"— — Scherzfrage. Was ist der Unterschied zwischen einem Matrosen, einem Gymnasinm, einer Fabrik und 26 Pfennig? Antwort: Der Matrose hat einen Primen, das Gymnasium hat zwei Primen, die Fabrik hat Trei-briemen und fiir 26 Pfennig kriegt man vier Primen.—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Von der Verfasserin der„Briefe, die ihn nicht erreichten", ist im Verlag Gebr. Paetel, Berlin, rinter dem Titel„Der Tag Anderer" ein neues Buch erschienen. Fünfzehn Auf- lagen wurden auf die Vorausbestellungen hin gedruckt.— — Maxim Gor Ii hat infolge der Amnestie wieder das Wohnrecht in Petersburg erhalten. Nach der„B. Z. am Mittag" wird er hier vom 1. Januar ab eine große politische Zeitung demo- kratischer Richtung herausgeben.— — Ein pensionierter Lehrer im Herzogtum Altenburg hat herausgebracht, daß die Bibel 3 366 486 Buchstaben enthält. Wie gut hat der Mann zu seinem früheren Amt gepaßt!— — William S ch i r m e r s Schauspiel„Die Agrarier" hatte bei der Uraufführung im Nesidenz-Theater zu Hannover Erfolg.— — Die Herblaysche Operette„Musette" geht im Zentral-Theater am Sonnabend zum erstenmal in Szene.— —„Auferstehung", eine nach Tolstojs Dichtung von A I f a n o komponierte Oper, wird in nächster Zeit im Teatro lirico in Mailand zum erstenmal aufgeführt.— — Kreisblattpoesie. In der am Sonnabend erschienenen Nummer des„Zauch-Belziger Kreisblattes" findet sich folgende schöne Stelle:„Mit der Abhaltung des Viehmarktes am I.November hiersclbst nahmen wir Abschied von der Hoffnung, noch schöne herbst- liche Tage zu erleben, Tage, die, wenn auch sonnig und klar, von den milderen Wehen der Luft jedoch nicht mehr erfüllt sind. Trotz- dem haben wir jetzt schöne Tage usw. Mögen sie anhusten. So steigt denn unsere Hoffnung gleich den Schwcineprcisen, die an dem eben erwähnten Markte auch wieder gestiegen waren und für Ferkel über 36 M. bettugen."— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Verlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsaustalt Paul Singer LcCo., Berlin SW.